Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 243. Mittwoch den Z5 Dezember� 1909 12� X�obclvolk» lNachtruck C.rtatt».) Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. Da fühlte der draußen, daß ihn die Kraft verließ, sich länger schwindelfrei aus dein nebelfeuchten Baum zu halten. Mehr fallend als gleitend kam er zu Boden, zog die Ztiefel aus, suchte ettvas und schlich dann unhörbar die Treppe hin- auf. Vor der Stubentür horchte er noch eine Weile, und da hörte er seine Frau sagen:„Ich Hab' an Dir den Stallgeruch so gern!" Als er aber jählings unter der Schwelle stand, fuhr das Paar huschl auseinander, das Weib fiel mit einem inarkerschütternder Schrei:„Barmherziger Gott!" in die Knie, und eh' der andere das hindern konnte, hatte ihr Mann schon„für alles Künftige" Rache genommen. Sein Messer drang ihr bis ans Heft in die Brust.— So ungefäbr hatte es Jakob Wettstein seinen Richtern gebeichtet. Die übereilte Tat bereute er nicht. Auf alle Vorhaltungen, daß er in blinder Wut gehandelt, eine Schuldlose getroffen habe, schüttelte er stetK' besser wissend, das Haupt:„Es wäre doch einmal„so weit" aekommen, das kann ich beschwören." Sein Argwohn aber stammte von der Stunde her, da sein Weib sich ihm unter religiösem Vorwand zu versagen anfing. Weiter konnte er nichts gegen sie vorbringen. Weil schließlich das Opfer doch noch das Leben behielt, kam er mit der gelinden Strafe von fünf Jahren Gefängnis davon. Unterweilcn ver- lor er jedoch Frau und Kind zugleich, indem sich diese von ihm scheiden ließ und mit den Kindern nach Amerika auswanderte, wohin ihr der anhängliche Bruder folgte. Für den gefangenen armen Teufel lagen einige tausend Franken bei der Vormund- schaft bereit.— Und das war denn auch alles, was von seinem einstigen Glück und Wohlstand übrig blieb. Mit diesem Geld kaufte er sich ungeachtet aller wohlmeinenden Ratschläge, den Orr zu verlassen, jene Hütte im Ried, die einstmals als Herr- schaftliches Badhaus gedient hatte, taglöhncrte einige Zeit wider Willen von Haus zu Haus und kam in den Augen der Leute jedes Jahr mehr auf den Hund, bis er schließlich sein Leben nur nodj von Almosen zu fristen vermochte.— Heinrich Anderegg war zrvar in seiner Erzählung getreu von diesem Schicksal ausgegangen, aber sein Held hatte des- tvegcn doch ganz andere Züge als jene, welche die Halden- steiner an ihrem verkommenen Mitbürger zu sehen pflegten. Nicht ein Zerbrochener, in Schwachsinn gefallener Wicht war sein„Philosoph", sondern im Gegenteil ein starker Selbst- überwinder, der die zerstörenden Leidenschaften seiner Brust langsam erstickte, zur trostreichen Mutter Natur seine Zuflucht nahm und die Menschen floh, um sich selbst zu finden. In Kirchen und Betstuben setzte er nie einen Fuß niehr. Seine Liebe jedoch, ohne welche nun einmal eine gute Seele nicht fortkommen kann, schenkte er den Kindern im Dorf. Den Mädchen flocht er hübsche kleine Stroh- oder Weidenkörbchen, den Buben verfertigte er Scksteudern und Angelgerät, unter- wies sie im Fischfang und iiberließ ihnen sogar seine eigene Beute. Sie durften ihn necken, mit Schneeballen werfen— er lächelte dazu, und nur, wo etwa ein paar allzu dreiste Bursche seine Langmut erschöpften, erhob er warnend den Ringer oder lief, so schnell er konnte, seiner Hiitte zu. Nie führte er einen Streich gegen seine Bedränger. Und deshalb wurde er von zweifelhaften Menschenkennern als ein voll- endeter Narr angesehen, während er in Wahrheit ein Held der Güte und Entsagung war— kurz, der rechte Philosoph, im Geist hoch über all denen wandelnd, die ihn verlachten,— hoch über ihrem Bienenfleiß und all ihren sonstigen Begierden. Diese innere Kraft verließ ihn erst, als er, seiner herrlichen Freiheit durch behördlichen Spruch beraubt, ins Armcnl>aus geschafft wurde. Da hatte sein Leben plötzlich jeden Sinn ver- loren— er mochte es nicht mehr weiter tragen. Bei seinem Tode war wohl kaum ein Auge naß geworden, aber jetzt, unter des Dichters Wünschelrute, flössen die Tränen der Haldensteiner, als fei jeglichem Herzen ein Vater oder Großvater gestorben. Wo Heinrich Anderegg sich in diesen Tagen zeigte, traf er stumme oder lebendige Ehrfurcht an: den Frauen insbefondere erschien er weise wie Solomon, und manche Hand sehnte sich, die seinige zu drücken. An einem Abend vor dem Feste, als er nach viertägiger Pause wieder in den Steinbock kam, trat ihm der Posthalter mit berechneter Feierlichkeit entgegen und sagte laut:„sllle Achtung, da haben Sie ein gutes Werk getan. Es gibt nur eine Stimmet" $tt ähnlicher Weise, doch mit meh?- Zurückhaltung, begrüßten ihn der Doktor und der Notar. N �r der 5iantonsrat vermied es andauernd. Wort und Blick auf ihn zu richten. Was Hein« rich jedoch weit mehr beunruhigte, war die Gegenwart des jungen Herrn Stadler, der sich kalt und steif gegen ihn ver« beugte. Heinrich hatte gehofft, ihn während der Ferien'zum Freund zu gewinnen. Doch die ersten mit ihm gewechselten Reden überzeugten ihn schon, daß weit mehr Aussicht für ein gegenteiliges Verhältnis bestand. Was war da vorgefallen? Eine geschlagene Stunde wartete er vergeblich aus Elsbeths Erscheinen. Da konnte er die Ungewißheit nicht länger ertragen, ging hinaus und suchte in dem verabredeten Versteck nach einem schriftlichen Zeichen. Wirklich fand er eine Nachricht des Inhalts:„Um neun an der Wolfshalde." Sonach begab er sich zuversichtlich nach Haus. Heinrich hatte sich noch nicht entschließen können, seinen Leuten von der bevorstehenden Uebersiedclung nach Trcustadt zu sprechen. Aber noch in dieser Stunde wollte er's tun. Trotzdem Marei zweifellos ihren Eltern von jener fatalen Be- gegnung am Bahnhof erzählt hatte, konnte er in deren Ver- halten zu ihm keine Veränderung r'ahrnehmen. Nur sie selbst ließ sich seither zu Hause nicht mehr blicken. Das tat ihm nur insofern leid, als er im Grunde gern jenes„vernünftige Wort" mit ihr gesprochen hätte, womit sich junge Männer in ähnlicher Lage meistens aus der Schlinge zu ziehen suchen. Er war denn doch nicht leichtsinnig genug, um diesen stummen Abbruch der Beziehungen als end fiiltig hir zunehmen. Das Schlafen hatte er beinah verlernt, die Arbeit stockte. Etliche Male war er schon drauf und dran, das Mädchen in der Stadt aufzusuchen, denn schreiben durfte er ihr nicht, weil der Brief zu leicht ein Verräter werden konnte. Dann hatte er sogar daran gedacht, mit der Base zu sprechen. Dieser war die Liebschaft in ihrem Hause nicht verborgen geblieben, denn Marei hatte sich— einmal eins mi ihm— bald keinen Zwang mehr angetan, so sehr er sie bat, das Verhältnis geheim zu halten. Es kam vor, daß sie ihn vor den Augen der Eltern umhalste, küßte, auf seine Knie hopste und ihm Siißigkciten in den Mund steckte. Die ersten Male wehrte er sich schroff dagegen, aus Scham vor den Alten, die jedoch zu seiner Ver- wunderung gute Miene zu diesem Spiele machten, vor allen Dingen nie ein ernstes oder spaßsiies Wort darüber verloren. So ließ er's schließlich gehen, wie das Mädchen wollte. Er war nämlich viel zu harmlos, um ihre List zu durchschauen. Erst nach dem Bruch fing er an. sich Gedanken darüber zu machen, welche Absichten Marei mit ihm gehegt haben mochte. Ucbcrspannte Hoffnungen hatte sie nie verlauten lassen, sogar durchaus vermieden, ihn an irgendeine noch so geringe Pflicht und Folge zu mahnen oder Zukimstspläne mit ihm aus- zudecken. Darum war ihm letzten Endes der Umgang mit ihr nur als ein fröhliches Zwischenspiel erschienen, das eben gerade so lange dauern durfte, als es beiden gefiel. Aber� tiefer in feinem Innern wirkte gegen alle Bedenken und Gewisiensnöte das einschläfernde Gift der Erkenntnis:„Sie ist zu mir ge- kommen, ich konnte nichts mehr an ihr verderben!" War es nun wirklich zu Ende? Er hätte viel, o viel darum gegeben und noch mehr verheißen! Mara wußte ja nun, wohinaus er wollte. Was konnte sie gegen ihn im Schilde führen? Zwar— ihre Eitelkeit war mächtiger als die Ver- nunft, und im gleichen Maße unterlag vielleicht die Scham ihren Rachegelüsten. Vielleicht hatte sie schon—? Doch nein, sie mußte sich sagen, daß dabei nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren war. Gewiß hatte ihr die Mutter, die für Hein- rich ehrgeizig schien, in diesem Sinne zugesprochen. Nun sollte vielleicht erst einmal Gras über die leidige Geschichte wachsen? Es gab wirklich keinen anderen Ausweg, als klipp und klar mit der Base zu reden. Ohne weiteren Verzug. Aber kaum zu.Hause angekomme., mußte er wieder einmal erfahren, daß seine guten Vorsätze unter feindlichem Stern erwachten. Marei saß am Tisch, noch mit Hut und Jacke an- getan. Die Base ging eben wortlos mit verweinter, störrischer Miene an ihm vorbei in den Saal. Und das war entschieden von übelster Vorbedeutung. »Du bist Sa?" sagte er, an Ser Tür stehen bleibend. Es Lberlief ihn plötzlich ein kalter Schauder, obwohl sie ihn noch gar nicht angesehen hotte. Sogar ihr Gesicht blieb ihm der- borgen unter dem großen Hut mit unech�n Straußenfedern. „O ja. denn ich muß mit Dir reden!" erwiderte fie, zog risch, rasch beide Handschuhe aus und sah ihm. noch bleicher. als sie sonst war, furchtlos ins Gesicht. Gegen diesen lieber- fall war er nicht gewaffnet. Zwar wollte ihn bedünken, daß, wenn er jetzt den Spieß umdrehte, ihre tragische Miene mit einem kalten Hohnlachen zerrisse und frech auftrumpfte:»Ich dächte, wir zwei wären fertig miteinander!" so hätte er das Mädchen mit einem Schlag für seine Absichten fügsam ge» macht. Doch diese kühle Ueberlegnng geschah in einer Höhe der Menschenverachtung, zu der sich die empfindsame, mit- leidige Seele nicht aufraffen konnte. sFortsetzung folgt.) (SiadAnnf verboten.) Das QXundcr der elfter. tSSloh.) Jhm aber geschah-s am heiligen Ostertage, daß Meister Facquet Coquedcmille, ein angesehener Bürger der Stadt, durch den Spalt eines Fensterladens aus seinem Hause schaute und auf der hügeligen Straße das Gewimmel der Pilger erblickt«. Sie zogen herm, zufrieden ob des erlangten Ablasses, und bei ihrem Anblick wuchs seine Verehrung für die schwarze Muttergottes be- träckstlrch. Denn er war der Meinung, daß eine so viel besucbte Dame sehr mächtig sein müßte. Er war alt und setzte seine Hoff- nung nur noch auf Gott. Dach er zweifelte an seinen, ewigen Heil. maßen er sich entsann. Witwen und Waisen erbarmungslos beraubt e haben. Desgleichen hatte er Florent Guilkaume kürzlich um ne Schreibstube„Zur Jungfrau" gebracht. Er lieh Geld zu ben Zinsen auf sichere Pfänder aus. Daraus darf man zwar nicht schließen, daß er ein Wucherer war. denn er war Christ und die Juden allein trieben Wucher, und— wenn man will— auch die Lombarden und die von Eahors. Jacguet Coquedouille hielt es ganz anders als die Juden. Er sagte nicht, wie Jakob, Ephraim und Manaffe:„Ich leihe Dir Geld", sondern:„Ich tue Geld in Deinen Handel." Das war etwas ganz anderes Denn Wucher und Geldverleihen um Zinsen verbot die Kirche; der Handel aber war erlaubt und verstattet. Und dennoch emp'and Jacqnet Coqne- doiiille Reue bei dem Gedanken, eine große Zahl von THristen in Elend und Verzweiflung gestürzt zu haben. Er dachte an die gött- liche Gerechtigkeit, die über seinem Haupte schwebte, und an diesem heiligen Ostertage kam er auf den Einfall, ssch für das jüngste Gericht die Huld unserer lieben Frau zu sichern. Er meinte, sie würde vor dem Richterstuhr ihres göttlichen Sohnes seine Für- sprecherin sein, sofern er ihr die Gericktskosten bezahlte. So trat «r denn an die große Truhe, darin sein Gold beschlossen war, und öffnete fie. Sie war voll von Engeltalern. Florinen, Sterlings. Rodeln, Goldkronen. Sakve- und Sonnentalern, sowie allen christ- lichen und sarazenischen Münzen. Seufzend nahm er zwölf güldene Groschen heraus und legte fie auf den Tisch, der mit Wogen, Feilen, Scheren. Goldwagen und Kontobüchern bedeckt war. schloß die Truhe dreimal zu, zählte feine Goldheller zweimal, blickte fie lange ver- liebt an und richtete so liebliche, freundliche, artige, ehrerbietige, anmutige und höfische Worte an sie. daß es mehr himmlischer Musik denn menschlicher Sprache glich. „Oh, ihr Lamm lein!" seufzte der gute Alte.„oh. meine lieben Lamm lein l LH, meine schönen, kostbaren, goldenen, dichtfließigen Schäkel" llnd einnahm die Münzen zwischen die Finger, so ehrfurebts- Voll, als wäre es der Leib unseres Herrn, legte fie auf die Wage und vergavisserte sich, daß fie vollwichtig waren, oder doch ungefähr. obwohl die Juden und die Lombarden, durch deren Hand fie ge- gangen waren, fie schon ein wenig beschnitten hatten. Danach sprach er noch sanfter zu ihnen denn zuvor: Oh. meine artigen Schafe, meine artigen Lämmerl Ich will «uch scheren. ES wird euch nicht wehe tnnl" Und seine große Schere ergreifend, beschnitt er die Goldstücke hier und da. denn er war eS gewohnt, jede Münze, die er aus der ßanb_ geben mußte, zu beschneiden. Und er sammelte den Abfall sorgfältig in einer Mulde, die schon von kleinen Koldspänen halb. voll war. Er hatte den Vorsatz, der heiligen Jungfrau volle zwölf Goldscbafe zu schenken. Doch er glaubte fich nicbt berechtigt, anders als nach dem Brauche zu handeln. Dies geschehen, suchte er in dem Pfänderschranke eine kleine blaue, mit Silber bestickte Börse. die ihm eine arme Wittib in ihrer Betrübnis gelassen hatte. Er wußte, daß Blau und Weiß die Karben der Jungfrau find. An diesem und dem folgenden Tage tat er weiter nickts. Doch in der Rächt vom Montag auf Dienstag bekam er Krämpfe und träumte, daß die Teufel ihn an den Füßen zerrten. Diesen Traum hielt er für eine Warnung des Herrn und der beiligen Fungfra». bedachte ihn den ganzen Tag über in seine? Wohnung und ging dann am Abend hin. um der schöne» schwarzen Muttergottes sei» Opfer darzubringen. Am selbigen Tage, als eS Rächt warb, gedachte Florent Guillaume betrübten Sinnes, sein lustiges Lager zu besteigen. Er hatte den ganzen Tag wider Willen gefastet, vermeinend, daß ein guter Christ in der glorreichen Lsterwoche nicht fasten solle. Bevor er in seinem Glockenstuhle zur Ruhe ging, betete er inbrünstig zur schönen Muttergottes von Puy. Sie stand noch inmitten der Kirche an der nämlichen Stelle, wo fie sich am Karsteitag der Anbetung der Frommen dargeboten hatte. Sie war klein und schwarz und trug einen Mantel, der von Gold. Juwelen und Perlen glänzte. Auf ihrem Schöße hielt fie das Jesuskind, schwarz wie sie, das aus einem Spall ihres Mantels hervorsah. Das war das wunderbare Gnadenbild., das der heilige Ludwig vom ägyptischen Sudan als Geschenk erhalten und eigenhändig in die Kirche von Auis getragen hatte. Die Pilger waren fort, die Kirche düster und leer. Tie letzten Opstrspenden lagen zu Füßen der scbönen schwarzen Muttergottetz auf einem von Kerzen beleuchteten Tische. Man erblickte ein Haupt, Herzen, Hände. Füße und Brüste aus Silber, ein goldenes Schiff- lein. Eier. Brot. Käse von Aurillac, und in einer Mulde, die voller Groschen, Heller und Pfennige war. eine klein« blau«, mit Silber bestickte Börse. An diesem Tische saß in einem großen Stuhle der Priester, der die Spenden bewachte, und schlief. Florent Guillaume kniete vor dem Heiligenbild nieder und sprach inbrünstig dieses stumme Gebet: „Heilige Jungfrau, so wahr der Prophet Elias Dich vor Deiner Empfängnis mit den Augen des Geistes erblickte und mit eigener Hand Deine heilige Gestall. vor der ich hier kniee. in Zedernholz nachbildete: so wahr später König Ptolomäus, der von den Wunderr» erfuhr, die dieses Bild wirkte, es den jüdischen Priestern wegnahm. nach Aegypten entführte und es. mit Juwelen bedeckt, im Tempel der Götzenbilder ausstellte; so wahr Rebukadnezar, der Besieger Aegyptens, es gleichermaßen fortnahm und in seinen Scbatz bringen ließ, allwo es die Sarazenen fanden, als sie Babel eroberten; ja wahr der Sudan es in seinem Herzen über alles liebte und es wenigstens einmal am Tage anbetete; so wahr besagter Sudan eS unserm heiligen König Ludwig nie geschenkt hätte, wenn nickt sein Weib, eine Sarazenin, dock voller Bewunderung für Ritterlichkeit und Heldentum, ihn bewogen hätte, es dem besten Ritter und Heiden der Christenheit zu geben; kurz, so wahr dieses Bild, wie ich fest glaube, wundertätig ist. so laß es ein Wunder tun. heilige Jungfrau, für den armen Schreiber, der so manches Mal Deinen Ruhm und Preis auf das Pergament der Meßbücher schrieb. Er heiligte seine fündigen Hände, indem er mit schöner Schrift, in großen roten Anfangsbuchstaben die fü«fzel>n Freuden unserer lieben Frau in der Volkssprache wohkgereimt abschrieb, zum Trost der Detrübten. Das ist ein girteS Werk. Scbaue auf ihn herab, heilige Jungfrau, und siehe seine Sünden nicht an. Gib ihm zu essen. TaS wird für mich sehr ersprießlich sein und für Dich sehr ehrenvoll, denn dieses Wunder wird jede«, der die Well kennt, nicht gering erscheinen. Du empfingst heute zur Spende Gold, Eier. Käse und eine kleine blaue, mit Silber gestickte Börse. Ich neide Dir. heilige Jungfrau, keine der Gaben, die Du empfingst. Tu hast fie verdient und mehr als das. Ich bitte Dich nickt, mir wiederzugeben» was mir ein Dieb, namens Jacguet Coguedouille raubte, welcher einer der angeseehnsten Bürger unserer Stadt Pul» ist. Rein, alles worum ich Dich bitte, ist, mich nicht Hungers sterben zu lassen. Und so Du mir diese Huld erweisest, will ich eine ausführliche und schöne Geschichte Deines heiligen Bildes, vor dem ich kniee. verfassen." Also betete Florent Guillaume. Dem leisen Hauch« seines Ge- betes antwortete nichts als die tiefen, friedlichen Atemzüge des schlafenden Wächters. Der arme Schreiber erhob fich, ging lautlos durch das Schiff, denn er war so leicht geworden, daß man ihn nicht mehr hörte, und erklomm nüchternen Magens die Treppe, die so diele Stufen hatte, als es Tage im Fahr gibt. Derweil war Frau Jsabeau unter dem Gitter des Kreuzganges hindurch in ihre Kirche geschlüpft. Die Pilger hatten fie daraus vertrieben. Denn fie liebte Frieden und Eiuicnnkeit. Sie kam vor- sichtig näher, langsam einen Fuß vor den andern fetzend, blieb stehen, reckte den Hals aus warf mißtrauische Blicke nach rechts und l'nks; dann hupfte fie tapfer, mit dem Schwanz wackelnd, auf die schwarze Dame zu. blieb eine Weile unbeweglich fitzen, beob- achtete den schlafenden Wächter, blickte und lauschte mit scharfem Auge und Ohr in das stille Dunkel und schwang fich dann mit kräftigem Flügelschlag auf den Qpfertisch. Florent Guillaume hatte fich im Elockenstuhle zur Ruhe gelegt. Es war kalt droben. Ter Wind pfiff durch die Schalldämpfer mit Flöten- und Orgelklang, der die Eulen und Katzen erfreute. Doch das war nicht die einzige Unbill dieses Obdaches. Seit dem Erb» beben von 1427, das die ganze Kirche erschüttert hatte, fiel der Glockenturm Stein für Stein ab und drohte bei einem Sturu» völlig einzustürzen. Die heilige Jungfrau hatte dieses Unheil zu- gelassen wegen der Sünden des Vo'keS. Trotzdem schlief Florent Guillaume ein. Und das ist«in Zeichen seines reinen HerzeuS. Was er träumte, weiß man nicht mehr, ausgenommen, daß es ihn in seinem Schlafe bedünkte, als ob eine sehr schöne Dame ihn auf den Mund küßte. Doch als seine Lippen diesen Kuß erwidern wollten, schluckte er zwei bis drei Kellerasseln, die auf seinem Ge» sicht herumkrochen und seinem schlummernden Geiste diese Täuschung bereitet hatten. Darob erwachte er. hörte ein Flügel» rauschen zu seinen Häupten und glaubte, es sei ein Teufel, was zu fl!«u5en ja nahe lag, matzen die Tenfek die Menschen in großen Scharen zu plagen pflegten, insonderheit des Nachts. Doch in diesem Äugenblick drang der Mond durch die Wolken; er erkannte Frau Isabeau und sah, daß sie in das Mauerloch, das ihr zur Borrats- kammer diente, eine blaue, mit Silber bestickte Börse stopfte. Er störte sie nicht; doch als sie ihren Schlupfwinkel verlassen hatte» kletterte er auf einen Balken, nahm die Börse, öffnete sie und ge- wahrte, daß sie zwölf güldene Groschen enthielt. Diese tat er in seinen Gürtel und sagte der schönen schwarzen Dame von Puy Tank, denn als Schreiber war er bewandert in der heiligen Schrift, und es war ihm bewuht. daß der Herr seinen Propheten Elias durch einen Raben gespeist hatte, woraus er entnahm, daß die Mutter Gottes ihrem Schreiber Florent Guillanme durch eine Elster zwölf Groschen gesandt hatte. Am folgenden Tage aßen Florent und Margarete eine Schüsse! Kaidaunen, wonach sie seit Jahren sehr gelüstete. Hier endet das Wunder der Elster. Möge dem, er es erzählt hat, ein sanftes und friedliches Leben beschieden sein, wie er eS wünscht, und denen, die es lesen, möge alles Gute geschehen. KunftUteratur. Wilhelm Busch. Bon Hermann, Wolf und Otto N ö l d e k e.(Verlag von Lothar Joachim in München.)— Wilhelm Busch ist nie ei» Jinairzgenie gewesen. Seine Verleger erwarben durch ihn Millionen, während er selbst, auch als er schon welt- berühmt geworden'war. sich mit einem mäßigen Wohlstand be- gnügte. Seine glücklichen Erben, die Gebrüder Röldeke, find dem Onkel Wilhelm hierin nicht ähnlich. Sie kennen den Marktwert des künstlerischen Nachlasses sehr genau und suchen aus jedem bekritzelten Papierstückchen Geld zu machen. Kein Mensch wird ihnen das verargen; es ist das gute Recht der biederen Landgeist- lichen, in den Geschäften gerissener zu sein als der berühmte Erb- ohm, der statt der drei Millionen, auf die man ihn taxierte, nur lumpige 300 Mille hinterlassen hat. Wilhelm Busch liebte es nicht, daß Klatsch und Tratsch über sein persönliches Leben und Treiben an die Oeffentlichkeit gebracht wurde. Er hauste fern von der großen Welt in ländlicher Stille als beschaulicher Einsiedler, wies alle Besuche sogenannte� Verehrer prinzipiell zurück und konnte sehr unangenehm werden, wenn er merkte, daß man ihn inter- viewen oder sonst irgendwie ausspionieren wollte. Die Gebrüder Nöldeke huldigen auch in dieser Hinficht einer ungleich moderneren und praktischeren Lebensanschaunng. Sie machen aus ihren Herzen keine Mördergruben und plaudern wortreich und ausführ- lich alles aus, was sie aus einem jahrzehntelangen persönlichen Verkehr mit dem Onkel zu berichten wissen. Auch dies wird ihnen an und für sich niemand übel nehmen; die Kenntnis von intimen Zügen aus dem Leben eines großen Künstlers kann zum tieferen Verständnis seines Wesens und Schaffens erheblich beitragen und nur bornierte Spießer klagen in solchen Fällen über Taktlosigkeit und Indiskretion. Freilich pflegt nicht alles interessant und wichtig zu sein, was sich von der alltäglichen Lebensführung eines Künst- Urs erzählen läßt, und es gehört immerhin ein wenig Geschmack und Verständnis dazu, um aus der Fülle des Materials das für die Publikation Geeignete herauszufinden. Die Herren Mldeke haben diese Eigenschaften in ihrer Busch-Biographie leider nicht immer bewiesen. Was sie vom Lebensgang ihres Onkels erzählen. war fast durchweg schon bekannt, und die Intimitäten, die sie aus- kramen, können mit wenigen Ausnahmen nur die Neugier eineS minderwertigen PhilisterpublikumS befriedigen. Bon Mitteilungen, die über daS innere Leben des Menschen und Künstlers Auffchluß geben könnten, findet sich in dem umfangreichen Werk kaum eine Spur. Es scheint vielmehr, daß die Individualität Wilhelm Büschs den guten Neffen selber ein Buch mit sieben Siegeln gc- Wesen und geblieben ist. Oder sollte Busch durch den jahrelangen täglichen Berkehr mit dörflichen Kirchenlichtern wirklich der ver- simpclte Trottelgreis geworden sein, als der er nach den Dar- stellnngen namentlich des Herrn Hermann Nöldeke(Welt- und Lebensanschaunng S. U1— 160) uns erscheint? In peinlichem Kontrast zu der geistigen Dürftigkeit des Buches steht der selbst- bewußte Ton. in den, die Herren ihr gleichgültiges persönliches Urteil über einzelne Werke Büschs zum besten geben, sowie die Gehäsfigkett, mtt der sie unbequeme Krittler anrempeln, die an dem Arrangement ihrer Buschausstellungen einiges auszusetzen gehabt haben. Das weitaus Wertvollste an dem Buch find, ab- gesehe» von den zahireichen, zum Teil sehr interessanten und durchweg vorzüglich reproduzierten Zeichnungen und Studien, die Auszüge aus Briefen von Wilhelm Busch und die„Spricker", eine Anzahl von geistreichen und formvollendeten Aphorismen in Bers und Prosa.(Der Preis des Leinwandbandes ist 10 M.) • Geschichte der Kunst in Großbritannien und Irland von Sir Walter Armstrong.(Verlag von Julius Hofsinann in Stuttgart.)— Dieses Buch ist gleichzeitig in fünf Sprachen erschienen. Es bildet den Anfang einer Reihe von kurz- gefaßten Darstellungen der Kunstgeschichte einzelner Länder und Epcxhcu, zu deren Herausgabe sich eine Anzahl der bedeutendsten Kunstgelehrten der zivilisierten Welt znsammengetan hat. In den nächsten Bänden sollen behandelt werden: die deutsche, flämische, sranzösische, holländische, itallenische, spanische, portugiesische, efr manische, griechische, byzantinische, nordamerikanische, ägyptische, chinesische, lapanische und indische Kunst. Die Bücher sind in erster Linie gedacht als Kunstführer ans Reisen durch die betreffende» Sünder. Dementsprechend haben sie den llmfang und das be- qneme Format der bekannten Bädeker-Bände. Auch die sehr zahl»' reichen Illustrationen(das vorliegende Buch enthält 600 Ab- bildungen und 4 Farbentafelu) sollen vor allem den Bedürfuisser» der Reisenden dienen, indem sie die Erinnerung an die Originale wachrufen. Für andere Zwecke find sie loege» ihres allzu kleinen Formats kaum geeignet. Diese Geschichte der englischen Kunst gibt in ihren textlichen Ausführungen aber erheblich mehr als die flüchttg orientterende Uebersicht, die dem normalen Touristen za genügen pflegt. Sie ist eine wertvolle Studie von selbständiger wissenschaftlicher Bedeutung. Der Verfasser Walter Armstrang, der sich als Leiter der National-Galerie von Irland und als knnst- historischer Schriftsteller einen Ranren gemacht hat. schildert in kn ipper, aber seh: lebendiger Sprache den Entmickelungsgaug d« englischen Kunst von den ältesten primitiven- Jetten käs auf die Gegenwart. Ein nicht zn unterschätzender Vorzug seines Buche» besteht darin, daß er neben der Architektur, der Plastik und der Malerei auch das Kunstgewerbe in ausführlicher Darstellung als gleichberechtigten Faktor berücksichtigt. Das ist namentlich für uns Teulsche von Wert, da bekanntlich unsere modernen Bestrebung«» auf kunstgewerblichem Gebiet von den Leistungen der Engländer stark und mannigfalttg beeinflußt sind. Ein sehr sorgfältig ausgearbeitetes Namenverzeichnis erleichtert die Benutzung des Buches als Nachschlagewerk.(Der Preis des solide gebundenen Bandes beträgt& M.) Geschichte der Malerei von Richard Muther. (Kanrad Grethleins Verlag in Leipzig.) Als vor anderthalb Jahr- zehnten MutherS epochemachende„Geschichte der Malerei im 13. Jahrhundert" erschien, stand die moderne Kunst noch mitten im Streite und ihre kritischen Wortführer begrüßten das Werk des jungen Münchener Privatdozenten als werttolles Kampfmittel gegen die Vertreter der alten Richtung. Muther wurde von den einen verhimmelt, von den anderen verlästert, aber von keiner Seite gerecht gewürdigt. Die Gegenpartei klammerte sich an seine Gewohnheit, die benutzten Quellen nicht immer genau anzugeben. und warf ihm geistigen Diebstahl vor. Seine Anhänger ließen sich durch die frohe Kampfstimmung, den hinreißenden Schwung und die Eleganz der Mutherfchcn Schreibweise bestechen und übersahen die mancherlei schweren und verhängnisvollen Mängel seiner Methode. Heute, wo die moderne Kunst den Sieg auf der ganzen Linie errungen hat. wo das Ziel erreicht ist. um das damals noch heiß gekämpft wurde, heute sehen wir das, was Muther geleistet und was er verfehlt hat. mit ruhigeren und klarer abwägenden Blicken an. Sein neues großes Werk. daS jetzt, ein halbes Jahr nach seinem Tode erschienen ist, zeigt uns deutlich alle Vorzüge und Mängel der Methode und Darstellungsweise des ebenso geist- reichen und temperamentvollen wie einseitigen Mannes. In großen Zügen, in einer Art Freskostil schildert eS den Entwicke- lnngsgang der Malerei vom Mittelalter bis auf die Neuzeit. Muther charakterisiert lebendig, klar und leicht verständlich die einzelnen Epochen und zeigt, wie ein Kunststil aus dem anderen sich entwickelt, die Herrschaft des einen die des anderen verdrängt hat. Aber er verzichtet fast gänzlich darauf, die tieferen, kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Ursachen der Stilwandlungen darzu- legen. Phrasen wie„Geist des Zeitalter" und„Zivilisattons- atmosphäre der Epoche' müssen ihm über Schwierigkeiten hinweg- helfen, die nur durch die Anwendung der materialistischen Forschungsmethode zu lösen sind. Aber auch den rein künstlerischen Problemen wird Muther keineswegs vollkommen gerecht. Der behandelte Stoff, der Inhalt der Kunstwerke, gilt ihm noch immer fiir wichtiger als die Form. Die Analyse der formaler» Knnst- elemente hält er zwar für eine„lehrreiche Sache", die aber doch ,.zu steril ist, um das Lcbensblut für eine Wissenschaft abzugeben". Ganz naiv sagt er:„Ich danke für den Sekt, der mich nur zu Bettachtungen über seine Herstellungsart anregt. Und ich verzichte auch gern auf jeglichen Kunstgenuß, wenn er nichts anderes sein soll Äs ein Nachdenken über konvergierende und divergierende Linien." Das heißt auf Deutsch: Ich begnüge mich, um die Dinge herumzureden, anstatt auf den Kern der Erscheinungen einzu- gehen; ich will kein Mann der Wissenschast, sondern nur ein unterhaltender Plauderer sein. Daß Muther das letztere ist, wird ihm keiner bestreiten können. Sein Buch ist interessant und an- regend von der ersten bis zur letzten Seite, aber den Anforde- rungen, die man an eine moderne Kunstgeschichte stellen muß, genügt es nur sehr unvollkommen. Wer eine geistreiche, amüsante, über die Künstler und ihre Werke stofflich orientierende Ein- führnng in die Geschichte der Malerei sucht, nehme das Buch zur Hand; er wird manches Lehrreiche darin finden und an der Lektüre vielen Genuß haben. W»r aber in der Kunst nur die letzten Ausstrahlungen elementa wirkender wirtschaftlicher Fak- toren sieht und über diese ttefstei» inneren Zusammenhänge auf- geklärt zu werden wünscht, dem kann Muthers Werk keine Be- friedigung gewähren.— Der Preis der schön ausgestatteten und reich illustrierten drei Bände beträgt 36 M. Ein kurzer und nur bis zum Ende des 18. Jahrhunderts reichender Auszug aus dem Werke ist übrigens schon vor zehn Jahren in der Sammlung Göschen erschienen. Er itmfofjt fünf kleine Bände(Nr. 10?— Iii), von denen jeder 80 Pf. kostet. � Geschichte der Slunst. In dreitausend Tafeln mit begleitendem Text. Herausgegeben von Ludwig I u st i.(Verlag von Fischer u. Franke in Berlin.)— Von diesem im größten Maßstab angelegten Lieferungswerke sind bis jetzt drei Hefte erschienen, die die italienischen Maler Giotto. Masaeeion und Botticelli behandeln und zu dem vom Herausgeber Iusti verfaßten Bande»Die italienische Malerei des 15. Jahr- Hunderts" gehören. Das ganze Werk wird 14 Bände(a 12 Liefe- ■ningen) umfassen, von denen 3 der Baukunst, 4 der Plastik und 1 der Malerei gehören sollen. Jede Lieferung(Subskriptionspreis 1 Mk.. Einzelpreis 1,20 Mk.) bringt 16 Bildtafeln in Großquart- format und 12 Seiten Text. Tie Bilder sind die Hauptsache, der Text beschränkt sich auf kurze allgemeine Einleitungen und ein- gehendere Erklärungen der einzelnen reproduzierten Kunstwerke. Der Wert der Publikation besteht vor allem in der Vortrefflichkeit des Bildermaterials, daneben aber auch in den knappen, lehrreichen und leichtfaßlichen Erläuterungen Justis. Der Leser wird nicht nur zum Verständnis der betreffenden altitalienischen Gemälde, sondern überhaupt zum richtigen methodischen Betrachten von Werken der Malerei angeleitet. Er lernt die wichtigsten ästhetischen und künstlerisck-technischen Grundbegriffe und Grundsätze an den erläuterten Beispielen sozusagen praktisch kenneu und gewinnt all- mählich die Fähigkeit, sich über seine Eindrücke sowie über die Mittel durch die die Künstler und Kunstwerke auf ihn wirken, klare Rechenschaft zu geben. Die äußere und innere Anlage des Werkes ist vortrefflich; ein Urteil im einzelnen wird man sich allerdings erst bilden können, wenn ein umfangreicheres Material vorliegt. «- Albrech tDürcr. SeinLebenundeine Auswahl seiner Werke. Von Dr. Friedrich Nüchtcr.(Verlag von Fr. SeyboldS Buchhandlung in Ansbach.)— Das im Auftrag der Nürnberger Lehrervereinigung für Kunsterziehung und mit Unterstützung der Stadt Nürnberg herausgegebenen Hefte enthält eine schlichte und anschauliche Darstellung vom Lebens- und Eni- wickelungsgange Dürers, eine Auswahl von 51 Werken(Meister- stichen, Tafelbildern, Porträts, Zeichnungen usw.) in tadelloser Reproduktion und vortreffliche Anleitungen zum Betrachten dieser Werke. Der Verfasser hat mit gediegener Sachkenntnis und feinstem Taktgefühl all das ausgewählt/ was vom Schaffen des großen Künstlers für uns heute noch lebendig ist. Es stellt Dürer als den Bahnbrecher einer neuen Kunstauffassung dar, die in mancher Richtung bis in unsere Gegenwart hinein fortwirkt. Das in jeder Hinsicht glänzend ausgestattete, 10 Bogen im Format 27: 37(4 Zentimeter umfassende Heft ist für den staunenswert geringen Preis von 1,50 M. zu haben.' Es kann namentlich auch als Geschenk für idie reifere Jugend warm empfohlen werden. John S ch i k o w s k i. 1>seue Gedanken Leo JV» ZoHtois. Zusammengestellt und übersetzt von Adolf Heß. In unserer Zeit de? Weltverkehrs ausschließlicheLiebc zum eigenen Volk und Bereitschaft zum Her- fallen über andere, oder kriegerischen Schutz gegen fremde Angriffe zu predigen, ist fast dasselbe, wie wenn man Dorf- bewohnern empfiehlt, nur ibr Dorf zu lieben, in jedem Dorf Truppen zu sammeln und Festungen zu bauen. Bloße Vater- landsliebe, die die Bewohner eines Landes früher vereinte, be- deutet in unserer Zeit, wo die Menschen durch Verkehrsmittel, Sandel, Industrie, Kunst, Wissenschaft und besonders durch daS sittliche Bewußtsein vereint sind, keine Vereinigung mehr, sondern Trennung. Familiensinn und Vaterlandsliebe hält man oft für Tugenden. Darin liegt eine große Gefahr. Natürlich bedeuten sie nichts Schlimme?— das weiß jeder von selbst. Sie bedeuten aber nur solange nichts Schlimmes, bis man aus Anhänglichkeit an die Familie oder aus Vaterlandsliebe anderen Böses zufügt. Sobald man aber aus Liebe zu den Angehörigen andere schädigt, wie z. B. Leute tun, die andere ausplündern, damit es ihrer eigenen Familie gut geht, oder mit fremden Völkern Krieg führen und aus Vaterlandsliebe Menschen töten, ist das keine Tugend mehr, sondern ein großes Laster. » Wahre Weisheit lehrt, daß die Grundlage der Ge- danken und Empfindungen eines Weisen und Seiligen in allen be- scheidenen Menschen ein und dieselbe ist und daß die Eigenschaften des Weisen und Heiligen sich mit denen decken, die der gewöhnliche Mensch bei den alltäglichen Dingen anwendet. Weise und Heilige, die Lehrer der Menschheit zeigen nur be- sonders deutlich, was allen Menschen gemeinsam ist. Das Licht, oas von ihnen ausgeht, ist nichts anderes als eine Offenbarung der Macht, die allen Menschen innewohnt. «- Es gibt mir einen Reichtum, der nicht abnimmt: soviel man mich davon ausgibt, um so mehr wird eS. Das ist ver Reichtum der Weisheit. Diesen Reichtum muß man durch Gedankenarbeit erwerben. • Wie abscheulich muß eine Weltordnung sein, bei der die Reichen, die von der Arbeit der Armen leben, wohnen, sich nähren und kleiden, glauben können, sie seien— Wohltäter der A r m e n I « Die Hilfe, die die Reichen offen den Armen erweisen, ist im besten Falle Sache der Höflichkeit, aber nicht ein Zeichen der Barmherzigkeit. Jemand fragt uns. wie et da und dahin ge» langt. Aus Höflichkeit bleibt man stehen und sagt es ihm. Ein anderer bittet um 5 Kopeken, 5 oder 10 Rubel. Hat man dä? Geld übrig, so muß man es ihm geben; das ist ebenfalls Sache der Höflichkeit, hat aber mit Barmherzigkeit nichts zu tun. » Warum sind das Eh r i sie n tu in und alle Religionen so verdorben, warum ist die Sittlichkeit so gesunken? Ein Grund: Der Glaube an die wohltätigen Folgen einer auf Gewalt ge, gründeten Staatsverfassung. In der Jugend glaubt man, die Bestimmung der Menschheik sei b e st ä n d i g e Vervollkommnung, und es sei möglich und sogar leicht, alle Menschen zu bessern und alle Laster und alles Unglück zu beseitigen. Diese Traume sind nicht lächerlich, sondern im Gegenteil liegt in ihnen weit mehr Wahrheit als in den Urteilen alter Leute, die ihr ganzes Leben nicht so verbracht haben» wie es sich gehört, und nun anderen raten, nichts zu wünschen und zu hoffen, sondern wie Tiere zu leben. Der Fehler in den Träumen der Jugend ist nur der, daß die jungen Leute die Vervollkommnung der eigenen Person auf andere übertragen. kleines feuilleton. Ein Jabr von dreizehn Monaten. Auf dem panamerikanischen wissenschaftlichen Kongreß, der vor kurzem in Santiago de Chile zusammentrat, brachte der Delegierte Perus, Herr Hesse, eine kühne 5lalenderreform in Vorschlag: er möchte den alten Gregorianischen Kalender, der sich längst überlebt hat, abschaffen, um ihn durck einen weniger willkürlichen und den Mondphasen besser angepaßten Kalender zu ersetzen.„Nach diesem Projekt," so schreibt die„American Review of Reviews",„würde das Jahr dreizehn Monate von je vier Wochen haben, und diese Monate würden genau dem Mondmonat entsprechen. Verschwinden würde also die ganz unerklärliche Anomalie, die zur Folge hat, daß nicht alle Monate eine gleiche Anzahl von Tagen haben; außerdem würde zwischen dem Tage der Woche und dem Datum, das dieser Tag im Monat führen würde, immer die richtige Beziehung be- stehen: der Montag z. B. würde immer der 1., der 8., der 15. oder der 22. des Monats sein usw. Kurz, man würde, wenn man ein bestimmtes Datum zu ermitteln hätte, auf der Stelle wissen, um welchen Tag der Woche es sich handelt." Der Erfinder des neuen Kalenders bat dem neuen Monat, den er einführen möchte, auch schon einen Namen gegeben: er nennt ihn Trezember. In dem jetzt geltenden Kalender sind die Namen der Monate teils will« kürlich, teils geradezu unvernünftig ersonnen. Der Monat November z. B. ist nicht der nennte, sondern der elfte Mvnat de? Jabres, und der Monat Dezember ist nicht der zehnte, sondern der zwölfte. Die Reform, die der peruanische Astronom vor« schlägt, sucht bezüglich des neuen Monats diese Anomalie zu ver« meiden, denn der Name Trezember würde genau dem dreizehnten Rang entsprechen, den der neue Monat im Jahre einnebmen soll. 13 Monate von je 28 Tagen ergeben zusammen 364 Tage. Es würde also noch ein Tag übrig bleiben, und Herr Hesse möchte diesen Tag, der nicht datiert werden soll, zu einem Weltfeiertag machen; in einem Schaltjahre müßte es statt eines zwei Welt- seiertage geben. Der neue Kalender wäre eine Huldigung und eine Verbeugung vor der Allmacht des Mondes. Die Entdeckungen der Wissenschaft lassen die große Rolle, die dieses Gestirn im Leben der Erve spielt, immer schärfer hervortreten. Trotzdem dürfte die vorgeschlagene Kalenderreform noch recht lange auf sich warten lassen. Die durch den Gregorianischen Kalender sanktionierten Neuerungen stützten sicb auf die Autorität der Wissenschaft, und die Astronomen des päpstlichen HofeS hatten die von dem Julianischen jtalender begangenen Irrtümer mit mathematischer Genauigkeit richtiggestellt, und trotzdem weigern sich Rußland und alle Völker Osteuropas, die yach griechisch-orthovoxem Ritus selig werden, seit mehr als drei Jahrhunderten beharrlich, eine Kalenderrcform durchzuführen. Mau darf also annebmen, daß eine vollständige Umwälzung aller Gewohnheiten der zivilisierten Völker noch weit größeren Schwierigkeiten begegnen würde, zumal da es sich um einen neuen Mondkalender handeln würde, dessen wissensckxiftliche Daseinsberechtigung durchaus nicht exakt und lückenlos bewiesen werden könnte. Vercmtw. Redatteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwarrs Buchdruckerei u.Verlagsaustal: Paul Singer Silto.,Berlin8Vt,