Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 244. Donnerstag oen 16 Dezember. 1909 (TtaOdrua verbot»») t31 �obewolk. Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. „Wir können ja zusammen hinaufgehenl" meinte er gut- willig, wodurch die schwebende Frage der Berechtigung ohne Hinterhalt zu ihren Gunsten entschieden war. Marei atmete erleichtert auf, stellte sich vor den kleinen Spiegel und nahm nun auch den Hut ab. „Nein Du, das Heimlichtun hat jetzt keinen Zweck mehrl" machte sie verächtlich.„Und damit Du's weiht: Es ist denn etwas unterwegs. Du wirst schon verstehen, wasl" „Wieso?" fragte er, vollkommen vor den Kopf geschlagen, gefangen, zu Boden geschmissen, mit auf dem Rücken gebun- denen Händen. Er rührte sich nicht vom Fleck, während sich das Mädchen sich mit einen:„Ach, mein Gott!" längelang aufs Kanapee warf U»d die Arme unter den Kopf legte. Hein- rich erinnerte sich sogleich jener nächtlichen Izcne, an die aus dem Halbdunkel schimmernden, sinnverwirrenden Blößen, die ihn unwiderstehlich in ihren Bannkreis gezogen hatten. Es widerstrebte ihm hingegen, sie nun als Verführerin hinzu- stellen, die listig ihr Netz von weiblichen Reizen nach ihm aus- warf. Er wußte gar gut, wieviel damals in ihm selbst dazu trieb, den Gott im Tier zu suchen, Tore zu sprengen, die ihm allzulange verschlossen blieben. Noch weniger war er im- stände, zu leugnen, daß er ihrer Willfährigkeit eine große Befreiung dankte. Ja, einzig ihrer scheinbar unbekümmerten Hingabe entstammte der frisch-fröhliche, aulgeklärte Geist, der ihn seither fast immer beseelte und mit der Heiterkeit eines Kinderauges ins Leben blicken ließ. Ach, wie ging es sich so leicht und frei, seitdem die Schauer des Unbewußten, die schmerzliche Spannung aus seinen Gliedern gewichen! Wie sanft nun des roten Büchleins Lauf in den Adern, wie ruhig des Mühlrads Schwung, wie liederreich das kundige Herz! Warum war ihm nicht vergönnt, schuldlos aus diesen Wallungen hervorzugehen? Hatte er recht gehört? Was warf ihm da die zähe Gesellin seiner Nächte vor die Füße? Heinrich legte seinen Filz auf den Tisch neben die schmie- rige, stinkende Lampe und starrte darauf hin, wie wenn der an allem schuld wäre. „Das wird doch etwa nicht sein! Du sagtest ja selbst, ich brauchte"— versuchte er den Fluch abzuwenden. Wogegen Marei sofort aufsprang und ihm dicht unter die Augen trat, seine beiden Schultern packte. Zwei Reihen spitzer weißer Zähne knirschten, blitzten ihn an. Sie war fast um den Kopf kleiner als er. noch immer so katzenhaft wild, unweiblich in der Statur, daß ihm die Vorstellung ihrer Mutterschaft einfach unmöglich war, denn er wähnte, damit müsse eine Art Leidens- miene und schwerlastende Müdigkeit verbunden sein. „O Du einfältiger Tropf! Meinst wohl gar, es komme mir besonders zu paß? Wenn ich's hätte verhüten können, so— Mir scheint, ich bin jetzt um kein Haar besser dran als vorm Jahr eher wüster!" „Nieder mit Dir!" drang es auf ihn ein: cr merkte kaum, daß er sich an den Tisch setzte. Marei ließ wieder ab von ihm. Das Kanapee krachte von ihrem Fall. Aber der Jüng- ling fühlte noch die Stelle, wo ihre Klauen sich zusammen- gekrampft hatten. Ihr durchdringendes Parfüm flunkerte noch eine Weile vor seiner Nase. Da fiel ihm ein, wenn jetzt Und gleichsam angezogen von seinem Gedanken, kam die Base gerade herein. Sie nahm jedoch nur eine Edleife gewachstes Stickgarn vom Ncbentisch und surrte wieder davon. Diesmal schmetterte auch schon die Türe. Oho! das brachte Heinrich einigermaßen zur Besinnung. „Wenn es denn so ist, wie Du sagst— und allem Anschein nach wissen sogar die Alten schon Bescheid—, so wirst Du Dir vielleicht auch darüber— ich meine: wie denkst Du Dir— was erwartest Du eigentlich von mir?" begann er in Pausen, mehrmals Atem holend, zu sprechen, bestimmt nach einer Hin- ficht, ergeben nach der anderen, ohne Ausflucht und Auf- lchnung. Mit diesen Worten hatte er bereits unwillkürlich die Grenzen gezogen, innerhalb derer die �-«be geordnet werden mußte. f Marei fühlte das,— wie iveit, weit cr ihr schon entronnen sei, und ihre einzige Antwort war darum ein bitteres, glück- verlorenes Weinen. Es war eine Liebe, die sich lange selbst genarrt und verkrochen hatte und die nun plötzlich um Er- barmen schrie! Und nicht minder schnell begriff Heinrich, daß ihi, Schmerz keineswegs der neuen Schande, sondern nur diesem unver- hofften Ende vom Liede galt. So konnte nur eine wahrhaft liebende Seele weinen,— so traurig, hilflos und verzagt. Er hatte gesalzene Vorwürfe, Drohungen, Zornausbrüche er« wartet! Und jetzt dieser Jammer... Im ersten Moment zog es ihn mächtig zu ihr hin. er setzte sich auf den zerlumpten Sofarand und suchte sie mit allerlei bedeutungslosen Verheißungen zu beschwichtigen. Aber auch diese zarte Regung mußte er gleich wieder bereuen. Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an seinen Hals:„Verstoß mich nicht! Vcr— stoß mich nicht!" Alle mit ihr verlebten Freuden zu einem Hausen ge- schichtet, konnten doch nicht das Maß des Elends erreichen. „Du schreckliches Ding!" mußte er denken.„Bleibe, was Du bist! Dein Herz wollt' ich nicht wecken! Zeig mir die Klanen, Haß, Nackte— laß Dein Tiegcrblnt schäumen vor Wut, stich mit der Nadel nach mir. schrei es in allen Gassen aus-- vielleicht zwingst Du mich wieder zu Dir— vielleicht sink ich vor Dir in die Knie, als vor einem rätselhaften, rasenden Halbtier— aber verschone mich mit Deinem aschgrauen Liebesweh— es bringt mich zur Verzweiflung!" Er gab cS plötzlich auf, ihre nasse Wange zu streicheln, sondern griff nach ihrem Handgelenk, das cr mit aller Kraft preßte, um sie durch einen körperlichen Schmerz zur Vernunst zu bringen. „Ich kann Dir nicht helfen! Unvere Geschichte ist aus, aus, aus!" knirschte er halb toll und lief davon, hinaus ins Freie, ohne Hut, im Ueberrock, dessen er sich gleich entledigte, um ihn im Holzverschlag zu verstecken. Aber da stieß er auf Jörg, der bei seinem Erscheinen irgendeinen Gegenstand schnell in die Ecke warf, dann in ein verkniffenes Lachen ausbrach und dann das Bündel wieder hervorholte. i,SalutiI" sagte er und hob im Schein der Laterne einen toten Fuchs in die Höhe. Das Fell war zur Hälfte schon ab- gezogen, das blutige Fleisch zu sehen.„Zwölf Fränklein der Pelz und den Spaß obendrein!" „Du bist ein unverbesserlicher Schelm!" gab Heinrich ge- zwungen mitlachend zurück, den schnurrigen Haarschwanz flüchtig streifend. Dann nahm er eilig den Davoscr Schlitten zur Hand.„Wenn Du hinauf gehst, nimm auch den Ueber- zieher mit." Der auf seine verteufelten Schliche stolze, lustig tobakende Wilddieb wollte ihn aufhalten. „Machst Du morgen auch einmal mit beim Holzhauen?" „Aber Heinrich war schon draußen. „Versteht sich, ja!" Schlitten, die Wolfshaldc hinuntersausen! Das war jetzt der wahre Jakob! Jetzt, nachdem cr den Stab über seine jüngste Vergangenheit mannhaft gebrochen hatte. Die stramme Kälte lxchagte ihm sehr, sie vermehrte die Wollust des Siegers. der zum erstenmal über das zage, empfindsame Herz triumphierte. „Sei gefühllos! Ein leichtbewcgtcs Herz Ist ein elend Gut Auf der wankenden Erde!" rief er sich zu und ließ sich den Luftzug wacker in die Ohren vfeifen, den prickelnden Schnee durch die Hosenstöße wehen! Die Augen liefen ihm über, die Lunge schwoll und schwoll, ihm war, als griffe eine Hand von Eis in seine Brust! Von halb neun an setzte er sich unten— dreißig Schritte hinter den Häusern— auf den Schlitten und gab auf Elsbeths Kommen acht. Dabei suchte er sich vorzustellen, wie morgen der Abschied aus Vetter Bastians Haus am besten vonstatten geben könnte.„Sic mögen sich hüten, mir mit sauren Mienen und Lamentationen zu kommen! Ich habe mit der ganzen Sippschaft nichts mehr zu schaffen. Ja, wenn ich wie der Wolf in die SchafSherde eingefallen wäre!" Mußte er denn durchaus noch einmal ein Heulen und Zähncklappcrn über sich ergchen lassen? Dummes Zeug,— viel Geschrei und wenig Wolle? Nein, das Vernünftigste schien ihm zu sein, wenn er morgen in aller Frühe das Haus verließ und gleich nach Treustadt luhr. Von dort wollte er einen Boten schicken, de'' seine Sachen holte und einen Brief übergab mit geziemender Begründung des heimlichen Ab- gangs,— ohne sich darin das geringste zu vergeben. Was er tun konnte und mußte, um vor sich selbst zu bestehen, wollte er sich nicht mit Hebeln und Schrauben abzwingen lasten. Keine Dokumente— nichts von geschriebenen Pflichten.„Wer einer jugendlichen Tor-'.eit dieser Art seine bessere Zukunft opferte, müßte ja mit Ruten gestrichen werden I" sagte er laut vor sich hin und machte somit einen festen Strich unter diese Rechnung, die seines Erachtens jeder rechtdenkende Mensch billigen mußte. „Bist Du'sr hörte er plötzlich Elsbeths Stimme aus einiger Entlernung. Er hatte das Umschauboltcn doch wieder vergessen und schoß nun nicht übel in die Höhe. „Ich muß auf der Stelle wieder zurück. Es ist jetzt so- wieso nicht ratsam"— schickte sie der Begrüßung noch vor- aus. Sie hatte eine weißwollene Jacke an, ein gleiches Tuch um Hals und Kopf gebunden, die Füße steckten in warmen Ueberschuhen und sahen unförmig aus. lijoaieyung folgt.) Im Gebiete des großen Geyßr.� Das Gebiet, auf dem die heißen Quellen sprudeln, liegt am Abhänge des kahlen Laugafjail, der in nordwestlicher Rich- tung unseren Gesichtskreis begrenzt; das eigentliche Ouellengebiet ist kaum Sl1<1 Meter lang und noch nicht 30» Meter breit; auf dieser verhältnismäßig kleinen Fläche kochen,- brodeln, zischen gurgeln, springen wohl an lllt) große und kleine Quellen. Vielleicht sind es noch mehr; ich habe den wiederbolten Versuch, fie zu zählen, aufgegeben, weil ich in dem zerklüfteten Gebiete jedesmal einige übersehen hatte. Das ist sehr leicht möglich, denn einige„Quellen" sind so winzig, als hätte jemand mit dem Spazierstocke ein Loch in den Boden gestoßen. Trotzdem wandelte mich ein etwas unHeim- lickes Gefühl an, als ich zum erstenmal über diesen durchlöcherten Boden ging; es ist, als kauerten in den Löchern und Spalten der Erde bösartige Tiere, die den Eindringling mit Zischen und Fauchen begrüßen. Allmählich gewöhnt man sich daran und findet es sehr verständig, daß die Mägde das heiße Wasser der Quellen in die Küche tragen und den Kaffee damit kochen. Tie größte und berühmteste von all diesen Quellen ist der „große Gepsir". Seine nächste Umgebung bildet ein flacher kegelförmiger Wall aus Kieselsinter, das sind die kieselhaltigen Ab- lagerungen aus dem ständig abfließenden Wasser der Quelle; in- mitten dieses Sintcrkegels liegt das runde trichterförmige Becken, das einen Durchmesser von schätzungsweise 15 Meter hat und all- mählich abfällt zu der Röhre, aus der ununterbrochen das heiße Wasser hervorbricht. Den Durchmesser der Röhre schätze ich auf etwa LjH bis 3 Meter. Das ganze Becken ist bis an den Rand mit wunderbar klarem Wasser gefüllt, das an der Oberfläche eine Temperatur von 80— 90 Grad Celsius bat; in der Tiefe ist es aber beträchtlich heißer: Man hat in 32 Meter Tiefe eine Temperatur von 120 Grad gemessen. Für gewöhnlich sieht der Geysir ziemlich harmlos aus: die Oberfläche wird durch das hervorbrechende Wasser nur leicht bewegt; auch die Dampfbildung ist nickt besonders stark. Das alles ändert sich aber gewaltig bei einem Ausbruch. Welche Kräfte im Innern der Erde wirksam sind,»m in kürzeren oder längeren Zwilchenräumen das Wasser dieser Spring- quellen s Geysir— der Hervorbrechende) emporzuschleudern, da- rüber sind die Untersuchungen bis heute noch nickt beendet. Die Erklärung, die den meisten Beifall findet, rührt von dem deutschen Physiker Bunsen her. Nach der Annahme diese? Gelehrten ist das aus bedeutender Tiefe heraufsteigende Wasser weit über den Siede- Punkt erhitzt; es kann aber trotzdem nicht zum Sieden kommen, weil der auf ihm lastende Druck zu groß ist. Das erhitzte Wasser dringt nun in die oberen Wassersckichten ein. die von dem um- liegenden Gestein abgekühlt sind. Durch die Vermischung des er- hitzten und abgekühlten Wassers entsteht in einer gewissen Tiefe *) Gerade noch rechtzeitig zu Weihnachten hat die Buchhandlung Vorwärts ein schmuckes Buch berouSgebracht:„Eine Reise nach Island und den Westmänncrinseln". Von E. Sonne mann sJürgen Brand). Der Beriasser bietet darin in Form schlichter, unmittelbar nach den Eindrücken aufgezeichneter Tagebuchblälter und Reiiedriefe die Schilderung einer kleinen Island- reise. Eine Fülle von Reproduktionen nach seinen eigenen Auf- nahmen beleben die Darstellung. Die Ausstattung ist in jeder Weise vorbildlich; besonders gelungen ist das Vorsatzpapier mit dem isländischen Falten. sPreis des gebundenen Bandes 2.50 M.j. Der hier wiedergegebene Abschnitt mag für das Buch selber sprechen. eine Wasserschicht mit Siedetemperatur, und weit hier der Druck von oben nicht zu stark ist, kommt fie wirklich zum Sieden und schleudert hierbei das über ihr stehende Wasser in die Luft. Da» durch vermindert sich auch der Druck auf die tiekeren Schichten, die sich jetzt m Dampf verwandeln. Das emporgeschleuderte Wasser stürzt zum Teil in die Röhre zurück, und weil es mittletweils stark abgekühlt ist, verdichtet es die Dämpfe wieder zu Wasser, so daß erst eine Zeit verstreichen mutz, bevor die Damvfbildung von neuem beginnen kann. Aus diesem Umstände erklärt es sich, dast die Gehsirs nicht ununterbrochen springen. Die Zeiträume zwischen den Ausbrüchen sind natürlich bei den verschiedenen Quellen auch verschieden. Bei dem großen Gevssr war es früher so, daß er alle 24— 30 Stunden eine 3 Meter dicke Wassersäule etwa 40 Meter in die Höbe schleuderte. Vorläufig liegt der alte Herr aber noch vollkommen friedlich da, und vereinzelt höre ich schon Stimmen aus der wartenden Gesellschaft, die das langweilig finden. Das ist nun nicht anders: Große Herren lassen auf sich warten, und wir können noch von großem Glück sagen, wenn er uns überhaupt den Gefallen tut und ausbricht. Wenn er nicht gereizt wird, vergehen oft 5 und mehr Wocken, ehe er sich darauf besinnt, daß er eigentlich für seinen Rubm etwas tun muß. Aber sie haben ihm ja 80 Pfund Seife geopfert, und da ist es möglich, daß er sich herbeiläßt und— speit uns an. Südlich vom großen Gehsir liegt die wunderschöne aber un- heimliche Quelle B l e s l; sie hat ein Doppelbecken, das gebildet wird durch eine schmale Sinterbrücke, die man als„Wesse" sBlesi)! bezeichnet. Tie Temperatur beträgt etwa 90 Grad Celsius. Durch das klare, blangrün erscheinende Wasser blickt man hindurch in eine grau-'nvoll finstere Tiefe. Jetzt ist der Spiegel durch da? emvorqnellende Wasser nur leicht gekräuselt, und gewaltsame AuS» brücke bat diese Quelle seit langer Zeit gar nickt mebr; einst war das anders. Vor dem großen Erdbeben im Jahre 1789 schleuderte sie ibr Wasser in Zwischenräumen über 10 Meter hoch. Die meisten Quellen liegen am südlichen Ende des Gebietes; hier muß man sich vorsehen, wohin man tritt; der ganze Erdboden scheint unterminiert zu sein. Tie bekanntesten unter dieser großen Zabl von Quellen, von denen viele einen besonderen Namen traaen, sind der„S t r o k k u r" sButterfaß) und der„k l e i n e G e y s i r"; er bat in seinem flacken Sinterkeael überhaupt kein Kraterbecken, sondern nur zwei ziemlich enge Röbren. die in geringer Tiefe zu- saiumenfübren. Trotzdem ist er weit temperamentvoller als sein großer Bruder und„buttert" ununterbrochen und wütend vrauf los. — 8 Uhr abends. Eben schreit jemand: Der Gehsir! Der Gehsir I Ich renne hin wie einer, dem das Unheil auf den Fersen sitzt, in den Händen die schußbereite Kamera.— Viel Geschrei und wenig Wolle. Zwar grollte es unter der Erde, und das Wasser im Becken wallte ein wenig über den Rand; aber das war alles. Nun werde auch ich allmählich aufgeregt. Der Ausbruch wird mit Sicherheit erwartet. Aber wann? Das gibt allem Anscheine nach wieder eine reckt angenehme Nackt. — 101h Uhr abends. Der Gehsir verharrt noch immer in hart- näckiger Ruhe. Die Isländer meinen, das kann bis morgen früh dauern. Gut. dann gehen wir zu Bett. Onkel Fritz und Herr Krieger sind sehr damit einverstanden. Ich frage Konrad, wo er zu schlafen gedenkt. Im Heu. Auch gut. Es wird also jemand bestellt, der Wache hält und sofort Alarm schlägt, wenn der unter- irdische Donner ertönt. Das Schlimmste ist, daß das Gehöft des braven Jon Sigurdsson. in dessen Badstofa wir schlafen sollen. wohl 10 Minuten entfernt liegt. Werden wir da den Alarm hören? Ick blicke noch einmal besorgt nach dem Geysirbecken; es liegt so rnbig da wie ein Mensch mit gutem Gewissen. Also gehen wir zur Ruhe. Zwar ist eS nock taghell und im Osten glänzt klar und kalt? das weiße Haupt der Hella herüber; aber wir müssen unbedingt schlafen, denn morgen gcdtS nack dem Gullfoß.— — Um halb ei» Ubr in der Nackt werde ich plötzlich heftig ge- rüttelt. Konrad steht an meinem Bett, und ich höre, noch halb im Schlafe, seine hastigen Worte: der Gehsir hat einen Ausbruch ge- habt! Man erwartet noch einen zweiten I Kinder, wie diese Bot- schaft auf mich wirkte I Also verschlafen das große Ereignis, das lch vielleicht im Leben nickt wieder beobachten werde! Elend ver- schlafen I Bei diesem Gedanken war ich aber schon mit einem Bein außer dem Bette. Es gibt noch eine Hoffnung! Man erwartet einen zweiten Ausbruch I Also hin.— Als ich am Geysir anlangte, war alles Lebendige auf den Beinen und in begreiflicher Aufregung. 35 Minuten nach Mitter- nackt war die Katastrophe eingetreten. Nach dreimaligem unter- irdi'chcn Tonner war 7 Minuten lang ein starker Ausbruch er» fo'gt; über die Höhe der Wassersäule konnte ick nichts Sicheres er- fahren; einige schätzten 10, andere 15 Meter. Betrübt ging ich zum Gehsirbecken: es war leer; aus der Tiefe der Röhre stieg wenig Dampf herauf. Immerhin war auch das ein Anblick, der wenig Besuchern zuteil wird. Ruhig bin ich dann im Kraterbecken herum- spaziert und habe die Kieselablagerungen auf seinem Grunde be- iracktet. Als ick mich plötzlich umsah, war ick allein; die übrigen Gäste waren wieder' zur Ruhe gegangen. Nun wurde die Nacht erst sckön. Fernher erglänzte nock immer die Hella, und während ick zwischen den Quellen umberwandelte. wurde mir die starre und schweigende Größe der Umgebung lebendig, und aus dem Dunkel der Vergangenheit stiegen die Schatten der alten Isländer herauf, die einst mit zähem Trotz gegen die finsteren Gewalten ihrer Heimat gekämpft hatten. Ob der Fenerberg, der dort itn Osten so ftumm und kalt herüberschaut, noch einmal seinen Schlund öffnen wird und Tod und Verderben bringen über friedliche Menschen?— Da sehe ich plötzlich durch den leichten Nebel der Nacht eine Gestalt auf mich zukommen: Konrad. Er brachte mir den Schlaf- sack. Selbst in der Nacht ist er besorgt um uns. Ich bin also auf sein Drängen in den Schlafsack gekrochen und habe, kaum 20 Meter vom Geysir entfernt, zu schlafen versucht, hoffend, daß bei einem zweiten Ausbruch das Getöse mich wecken würde. — So mag ich wohl zwei Stunden gelegen haben; da spürte ich, wie meine linke Seite durch den kühlen Nachtwind eisig kalt wurde, und da war es mit dem Schlafen aus. Ich sammelte also meinen Schlafsack und meine erstarrten Glieder zusammen und ging an den Rand des Beckens; es war kaum zur Hälfte voll und bevor es nicht ganz gefüllt war, würde kein neuer Ausbruch er- folgen. Das muhte mindestens noch fünf Stunden dauern. Da ver- lohnte es sich doch, das verlassene Bett wieder aufzusuchen. Ich ging also heim. Als ich an dem Gasthaus vorüber kam. sah ich an seiner dem Winde abgewandten Seite eine menschliche Gestalt liegen. Ich trat hinzu. Da lag, den Sattel unter dem Kopfe, nur mit dem Oelzeug zugedeckt, unser lieber Konrad und schlief. Mir hatte er den Schlafsack gebracht, weil es„in der Nackt kalt würde". Der gute Fungel Ich habe ihm den dicken Schlafsack übergedeckt und bin meines Weges gegangen. — 21. Juli. Es regnet. Die deutsche Reisegesellschaft nimmt Abschied. Die ganze Karawane ist im Oelzeug und man unter- scheidet nur mit einiger Mühe Mann und Weib. Wir find jetzt außer zwei Engländerinnen die einzigen Fremden am Gevfir. — Heute Morgen habe ich mit einer Ladung Nasenstücke den kleinen Geysir zu in Ausbruch gekrackt; er sprang etwa% Stunde lang 2 Meter hoch.. Ein anwesender Isländer spendierte dem Strokkur einige Pfund Seife; nach 20 Minuten ertolgte ein sehr schöner Ausbruch, bei dem die ein wenig schräge Wastersäule etwa 4— 5 Meter hoch sprang. — Beim Frühstück wird uns das Fremdenbuch vorgelegt; ich finde darin die folgende Aufzeichnung:„Am 2l. Juli 1008. morgens 12" früh, sprang der große Geysir nach 3maliger Meldung mit Donnergetöfe 7 Minuten lang, nackidem er nachmittags (2V. Juli) 5 Uhr mit 80 Pfund Seife gefüttert worden war vom Touristenklub„Norden" Hamburg."— (Zlachlnuck verboten.) Die Größe der Regentropfen und ftegelkörner. Unsere Beobachtungen über die Größe der Regentropfen sind sehr oberflächlich. Wir sprechen wohl von ganz feinem Regen und von großen Tropfen, aber das ist auch alles. Wie groß die Tropfen eigentlich sind, wiffen wir meistens nicht. Wollen wir diese Frage beantworten, so müssen wir uns ein wenig damit beschäftigen, wie Regen überhaupt zustande kommt. Das Entstehen jeder Art von Niederschlag ist an Wolkenbildung gebunden. Wolken entstehen vornehmlich beim Emporsteigen von Luft. Wo die Lust in die Höhe treibt, kommt sie gewöhnlich in kältere Regionen, kühlt sich also ab und muß unter Umständen einen Teil ihres Wasserdampfes abgeben. Es ist nämlich eine bekannte physikalische Tatsache, daß wärmere Luft mehr Wasser in Dampfform enthalten kann als kalte. Für jede bestimmte Temperatur existiert ein Höchstwert an Wasserdampf. Kühlt sich also Luft unter diese Temperatur ab, so kann sie den Wasserdampf nicht mehr halten und gibt ihn in Form von Tröpfchen ab, bis sich ein Zustand eingestellt hat. der der Temperatur entspricht. An der Windseite von Gebirgen pflegt die Luft an den GebirgSmassiven emporgetrieben zu werden, kühlt sich also ab und gibt ihren überschüssigen Wasscrdampf ab.>�S regnet dort viel. Aus der anderen Seite des 0!ebirgeS hingegen sinkt die Luft wieder herab, erwärmt sich also und wird noch trockener, weil sie einen großen Teil ihres Wassergehaltes auf der Windjeite als Regen abgegeben hat.— Ein anderes Beispiel für die häufige Regenbildung kann man an Küsten beobachten. Wenn im Sommer die Sonne das Land erwärmt, so ist dieses gewöhnlich wärmer als die See. weil die Sonnenwärme nickt tief in den Boden «indringt, sondern sich nur den oberflächlichsten Erdschichten mit- teilt und von diesen an die überlagernde Luft abgegeben wird. Die See dagegen gcht die eingestrahlte Sonnenwärme auch den tieferen Wasserschichten weiter, erwärmt sie also selbst mehr, gibt aber der überlagernden Luft nicht soviel Wärme zurück wie der fest« Boden. Strömt also Luft vom Lande nach der See zu(Land- wind), so gibt sie über der See ihre Wärme ab, steigt und ver- liert Wasser in Form von Regen. Im Winter dagegen pflegt die Lust über See wärmer zu sein, weil das Wasser vom Sommer her durck und durch erwärmt ist, der feste Boden aber nur das bißchen Sonnenwärme erhält, das im Winter zustrahlt— unter sonst gleichen Umständen nicht mehr als auf See. Seewind bringt also im Winter gewöhnlich Regen. Emporsteigend« Luft ist also oft gezwungen, einen Teil ihrer Feuchtigkeit abzugeben. Um die stets vorhandenen kleinen Staub- par Welchen, die immer eine elektrische Ladung besitzen, bilden sich kleine Tröpfchen, die durch die Feuchtigkeitsabgabe anwachsen und sich vergrößern, auck mit anderen kleinen Tröpfchen zusammen» wachsen, dadurch fallen und während des Fallens weiter mit anderen Tröpfchen zusammenfließen. Die erste Vereinigung der feinsten Tröpfchen ist nicht leickt zu erklären. An ihren Ober» flächen haftet nämlich die umgebende Lustschicht sehr fest. Sollen zwei solcher Tröpfchen zusammenfließen, so muß eine Kraft sie vereinigen, die die trennende Luftschicht entfernt. Der bekannte Physiker Lenard nimmt an, daß die Anziehung zwischen elektrisch geladenen und unelektrischen Regentröpfchen ihre Vereinigung zu- stände bringt. Während des Fallens reibt sich das Wasser des Tropfens an der umgebenden Luft und gerät in wirbelnde Bewegung. Die dabei entstehende Formänderung beobachtete Lenard gelegentlich eines starken nächtlichen Regens. Er beleuchtete die fallenden Tropfen durch elektrische Funken und beobachtete ihr Bild auf einem matten weißen Sckirm. Wegen der Plötzlichkeit des durch solchen Funken entstehenden Lichtbl-tzes scheinen die fallenden Tropfen stillzustehen: sie werden ja nur einen Augenblick beleuchtet, und nur in diesem Augenblicke sieht man sie und behält die Form des Aussehens in der Erinnerung. Die Tropfen haben eine flache Gestalt mit einer Zuspitzung nach unten. Die größeren Tropfen fallen schneller als die kleineren, weil die größere Masse weniger Widerstand an der umgebenden Lust findet als bei einem kleinen Tropfen, der ja der Luft eine ver» hältniSmäßig größere Oberfläche zum Angriffe bietet. Werden die Tropfen zu groß, so zerspringen sie beim Fallen, und zwar zumeist in sieben oder neun kleinere Tröpfchen. Ueber eine gewisse Größe hinaus können Tropfen überhaupt nickt mehr bestehen, weil die Luftreibung sie zerreist. Das zeigt schon an. daß zwischen der Geschwindigkeit des Fallens und der Tropfengröße Beziehungen bestehen. Um diese zu ermitteln, bediente sich Lenard einles Ventilators, mit dem er bei bestimmter Umdrehungszahl ganz bestimmte Luftgesckwindigkeiten erzeugen konnte. Er stellte sich einen nach oben gerichteten Luststrom her und ließ in diesen Tropfen bestimmter Größe fallen. Er richtete es durch die Regelung der Lustgeschwindigkeit dann so ein, daß die Tropfen sich gerade schwebend erhielten. Das besagt aber nichts anderes, als daß gerade diese Geschwindigkeit des aufsteigenden Luftstromes genügte, um die Beschleunigung durch die Schwere und die Luftwiderstände aufzubeben. Lenard maß nun die Tropfendurchmesser bei den verschiedenen Luftgesckwindigkeiten und fand folgendes Ergebnis: Erreicht die Geschwindigkeit des aufsteigenden Luftstromes 8 Meter, dann sind die Tropfen an der Grenze ihrer Größe an- gelangt. Die größten Tropfen, die man dieser Luftgeschwindigkeit beobacktet hat, halten 5 Millimeter im Durchmesser. Sie sind aber stets nur von ganz kurzem Bestände, zcrspritzcn zumeist wenige Sekunden nach ihrem Ernstehe i. Nur solche Tropfen können als Regen zur Erde fallen, die groß genug sind, um die Ge- sckwindigkeit des aussteigenden Luftstromes zu überwinden, die also rascher fallen als dieser. Jeder Geschwindigkeit der auf- steigenden Lust entspricht eine Trovfengröße, die nickt unt'erschritten werden darf, weil sonst die Tropfen nicht zur Erde können, weil es sonst gewissermaßen aus mechanischen Gründen nicht regnen kann. Zur bequemen Untersuchung der Tropfcngröße bediente sich Lenard einer sehr einfachen Methode. Er fing die Regentropfen mit Löschpapier auf. Je nach der Stärke des Niederschlages setzte er das Löschpapier nur verschieden kurze Zeit dem Regen aus, damit die Tropfcnbilder sich nicht überdeckten. Das durch die Tropfen benetzte Papier bestäubte er sofort mit Eosin, einem sckän intensiv roten Farbstoff, so daß auf diese Weise die Tropfenbilder ihrem ganzen Umfange nach sichtbar wurden und blieben und man sie nachher bequem und in aller Ruhe ausmessen und zählen konnte. Die kleinsten auf diese Weise noch sichtbar zu machenden Tropfen Ivaren allerdings nur Vz Millimeter groß, kleinere saugte daS Löschpapier auf, ohne eine Spur davon zu hinterlassen. Es ergab sich übrigens, daß die Tropfengrößc von ¥2 Millimeter bei allen unter- suchten Regenfällen sehr zahlreich und fast immer auftrat, so daß bei allen diesen Regenfällcn die aufsteigende Luft eine geringere Geschwindigkeit gehabt haben muß als 3 Meter in der Sekunde. Tropfen von Wi Millimeter Durchmesser wurden überhaupt nicht mehr beobachtet, so daß aufsteigende Lustströme mit S Meter Geschwindigkeit bei keinem Regenfall festgestellt werden konnten. Wenn man trotzdem mitunter größere Tropfen sieht oder zu sehen vermeint, so täuscht man sich oder die Tropfen bestehen nur wenig« Äugenblicke, um sofort wieder zu zerspringen. Die Grenze der Lustgeschwindigkeit, bei der überhaupt noch Regen fallen kann, ist wie gesagt 8 Meter für den auffteigenden Luftstrom. Die Tropfen müßten zur Ueberwindung dieser Strömung über blii Millimeter im Durchmesser groß werden, und in dieser Größe können sie sich überhaupt nicht mehr halten.— Die hier mitgeteilten Feststellungen gelten allerdings nur in der Nähe des Erdbodens. Beobachtungen von Defant, die nach ähnlicher Methode vor» genommen wurden, erwiesen, daß bei allen Regenfällen' gerade solche Tropfen besonders häufig waren, deren Gewicht in den ein» fachen Verhältnissen 1:2:4:8 stand. Das ist ein Hinweis darauf, daß vor allen Dingen gleich große Tropfen während des Fallen? sich vereinigen. Daß Tropfen von ungleichen Gcwichtszahlen (z. B. von 1 und 2 oder 1 und 4) sich vereinigen, kommt sehr selten vor. Gegen unser« Feststellungen über die Tropfengröste bei Regen- fällen scheint aber die Erfahrung bei Hagclfällen zu sprechen. denn die Hagelkörner sind selten bloß IV2 Millimeter groß, meist sind sie viel größer, und solche von 1 Zentimeter Durchmesser hat sicher schon jeder bcobachlct. Ävcr cS kommen auch noch sehr viel größere vor. und es wird berichtet, daß schon hühnereigroße Körner gefallen sind� DaS mag stimmen, denn der Verfasser hat in Berlin schon solche von Taubcneigröße gesehen. Wie stimmt das mit der geringen Größe der Regentropfen übercin? Zuerst ist daran zu erinnern, daß in größeren Höhen größere Tropfen möglich sind. Sodann erklärt sich das aber auch aus der andersartigen Bildung der Hagelkörner. Erzeugt ein kräftig auf- steigender Luftstrom Wolken in so großer Höhe, daß dort eine Temperatur von unter 0 Grad herrscht, so bleiben die feinen Nebel(wasser)tröpfchcn mitunter flüssig, obwohl sie selbst kälter sind als 0 Grad. Man nennt diesen Vorgang in der Physik Unter- kältung und kann ihn auch durch den Versuck nachmachen. Man kann in einer Schale Wasser unter 0 Grad abkühlen, ohne daß eS gefriert. Sowie man aber einen kleinen Körvcr in diese unter- kühlte Masse wirft, gefriert sie plötzlich ganz vollständig. Schweben nun solche unterkühlten Wasscrtröpfen in der Höhe und fallen auö noch größeren Höhen feine erstarrte Tröpfchen als Eisnädelchen in diese schwebenden Tropfenmassen, so erstarren diese mitsamt den Eisnädelchen sofort und bilden unregelmäßig geformte Körn- chen. die nun ihrerseits wieder in darunter liegende unterkältetc Tropfen fallen, die sich angliedern und so das Korn vergrößern. Die festen Hagelkörner fallen sehr schnell und können selbst einen sehr kräftigen aufsteigenden Luftstrom überwinden. Zudem zer- stäuben sie durch die Luftreibung nickt, weil sie ja sest sind, und können sich beim Auftreffe» auf nock flüssige Wasscrtröpfchen immer mehr vergrößern. Wenn die llmständc günstig sind, können die Graupelkörncr also zu recht beträchtlichen Größen zusammen- wachsen. Nicht selten schmilzt der Hagel während des FallenS. Denn das plötzliche Erstarren der untcrkälteten Wassertropfen erhöht den Druck und die Temperatur, weil plötzlich sogenannte latente Wärme frei wird. Die Graupeln werden also wieder erwärmt und halten sich manchmal nur gerade noch fest. Kommen sie nun während des FallenS in wärmere Luftschickten, so werden sie namentlich dicht am Erdboden oft gänzlich geschmolzen und kommen hier als sogenannter Platzregen mit gcoßen Tropfen an. Auf diese' Weise kommen die großen Tropfen zustande, die man manchmal sieht. Würden die Hagelkörner nur zehn Meter höher geschmolzen sein, so würden diese Tropfen schon zerstoben auf der Erde ankommen. Daß diese Erklärung, die von Bezold stammt, ricktig ist, dafür gibt auch der Umstand einen Anhalt, daß Platzregen vielfach itfit Hagcl- schlag enden. Anfänglich reichte dabei die Wärme der Luft hin, »in den Hagel zu schmelzen, nachher aber werden die Luft/iiichten selbst so weit abgekühlt, daß sie die Eisgraupeln ungehindert passieren lassen. F. L i n k e. « Kleines feuilleton. Die Ardeiterbuchfiihnnig. Nur die wenigsten Arbeiter haben nach ihrer Schulentlassung Gelegenheit, sich in schriftlichen Arbeiten zu üben. Die unnatürliche Trennung von geistiger und körperlicher Tätigkeit und die lange Arbeitszeit sorgen dafür, daß der Arbeiter das wenige an Schrecken und Rechnen, was er in der Volksschule gelernt hat, nur allzubald vergißt. Dabcr ist e? auch erklärlich, daß die Schreibarbeit von vielen Arbeitern als etwas sehr Lästiges empfunden wird. Sckon einen einfachen Brief zu schreiben kostet viel Ucberwindung, und an eine geordnete Buchführung wird nur in den wenigsten Arbeiier-HauS- Haltungen gedacht. Ilnd doch ist es von großer Wichtigkeit, daß jeder Arbeiter über seine Einnahmen nnd Ausgabe» genau Buch führt, nicht allein wegen des wertvollen statistischen Materials, womit der Sozialpolitiker bereichert werden kann, sondern auch im direkten Interesse des Arbeiters sz. B. bei einer Sleuereinschätzung oder Unfallrente). Viele meinen zwar, daß sie durch die Bnchfiihrung nicht reicher würden. DaS mag wohl stimmen. Allerdings reizt eine geregelte Buchführung zur Sparsamkeit, aber die meisten Arbeiter sind eben nickt in der Lage. Ersparnisse zu niacken. Es ist ja eine feststebende Tatsache, daß ein großer Teil des deutschen Volkes an ständiger Unterernährung leidet. Wenn also von dem Einkommen deö Arbeiters nicht einmal die nackten LebenSbedürsnisie zu bestreiten sind nnd an Ausgaben für höhere Kultnrziveckc über- Haupt nicht gedacht werden kann, dann wirkt die Spartheorie, wie sie von liberalen Philistern gepredigt wird, nur als Hohn. Eine genaue Buchführnng kann aber dennoch dem Arbeiter großen Nutzen bringen, indem sie ihn anregt, die einzelnen Aus« gaben miteinander zu vergleichen,»nzmcckmäßige oder weniger notwendige Ausgaben zu vermeiden und dafür notwendige Nusgabeposten zu verstärken, indem sie ihm zeigt, wo er am besten und billigsten einkauft, kurz, ihn lehrt, sein Einkommen so rationell wie möglich zu verwerten. Um nur ein kleines Beispiel anzuführen: Die Ausgaben für Alkohol spielen gerade bei unauf« geklärten Arbeitern noch eine große Rolle; eine geringe Einschränkung von b oder 10 Pf. pro Woche würde genügen, um an Stelle der Berantw. Redakteur: Richard Barth» Berlin.— Druck u. Verlag: bürgerlichen Klatschpresse da? Arbeiterblatt zu abonnieren und damit nicht nur der eigenen Aufklärung, sondern der gesaniten Arbeiiersache zu nützen. Die Buchführung deS Arbeiters kann sich in der Regel auf Ein- nahinen und Ausgaben beschränken. Am praktischsten dürste es sein. zunächst jeden Tag alle Einnahmen und Ausgaben der Reihe nach aufzuführen. Unbedingt notwendig ist dabei, den Kassenbestaick jeden Tag festzustellen, um die Richtigkeit der Buchführnng nach- prüfen zu kvnnnen. Nachstehend ein Beispiel: Dezbr. Einnahme Ausgabe Kasse Bei Verheirateten ist es vielfach üblich, daß der Mann seiner Frau wöchentlich ein bestimmtes Wirtschaftsgeld gibt, womit sie die Ausgaben für den HauSöalt bestreitet. Da ist es angebracht, daß beide getrennt Buch führen. Am Schluß jeder Woche oder jede« Monats werden dann die einzelnen Ausgabeposten auö den täglichen Anfzeichnuiigen ausgezogen und zusammengezählt, so daß man eine klare Uebersicht gewinnt, wie viel man in jeder Woche oder in jedem Monat für die einzelnen Zwecke ausgegeben Hai: t. Miete. Heizung, BeEuchlnng............. 2. Kleidung, Wäsche................. 3. Beköstigung................... 4. Bier, Tabak................... 5. Porto, Fahrgeld.................. 6. Zeilnngen. Biich-r................. 7. Partei-, Verbands-, Bereinsbeitrag. Versicherung...... 8. Vergnügungen, Theater, Konzert nsw........... 9. Diverse Ausgaben*................ Die Praxis wird ergeben, ob eS vorteilhaft ist, noch mehr Positionen aufzustellen oder einzelne Positionen zu trennen, wie z. B. bei„Beköstigung" die einzelnen Ausgaben für Brot, Fleisch, Gemiike, Obst, Kaffee. Tee usw. gesondert auszuführen. Wie schon erwähnt, gibt der Vergleich der einzelnen Posten untereinander wie der Ausgaben von Woche zu Woche manchen Fingerzeig, wie die Ausgaben möglichst zweckmäßig einzuteilen find. Am Jahresschluß braucht man dann nur die Schlußzahlen der einzelnen Woche» oder Monate zusammenzuzählen, um einen klaren lleberblick über seine sämtlichen Einnahmen und Ausgaben zu haben. Völkerkunde. Die Geschwister der Lalla R 0 0 kh. Vor etwas mehr als 30 Jahren starb Lalla Rookh, die letzte Tasmanierin. Mit ihr verschwand ein Volk von der Erdoberfläche, das bei der europäischen Wissenschast ivegcn seiner überaus einfachen Sitten nnd Gebräuche nnd ganz besonders auch wegen ihres altmodischen Körperbaues, wenn man so sagen darf, den Rnf de« merkwürdigsten Stammes der Erde genoß. Es ist darum eine Entdeckung von hervorragender Bedeutung, daß wenigstens noch eine große Zahl von Schädeln alier TaSmauier vorhanden ist. Diese Entdeckung»st nicht etwa auf der großen australischen Insel selbst, sondern in Museen gemacht worden, Ivo sich ja im Laufe der Zeiten manche? aiizu- häufen pflegt, dessen Wert in Vergessenheit geraten ist und erst ge- legentlich wieder zutage gefördert wird. Solche EntdeckungSressen in Museen zu machen ist daher vielleicht auch sonst eine ganz nütz- lichc Ausgabe. Für die TaSmanicr hat sich Sir William Turner dieser Mühe unterzogen nnd nickt weniger als 79 Schädel des aus- gestorbenen Volkes zusammengebracht, die jetzt als eine stattliche und einzigartige Sammlung im Kollegium der Chirurgen in London auf- gestellt worden find. Es ist dadurch eine neue und bisher nock nicht gegeben gewesene Gelegenheit dargeboten, die auffallende AehnUrtikcit der Schadclbildung der erst vor so kurzer Zeit ausgestorbenen TaSmauier mit den Menschen, die zur Steinzeit Europa be- wohnten, zu«nlersuchen. Die Vertreter der Böllerkunde werden sie außerordentlich hoch einschätzen, daß sie durch das Studium der Urraffen von Australien für das Verständnis der ältesten Bewohner Europas viel gewinnen können. In allerletzter Zeit ist es dann sogar noch geiimgen. 42 weitere Tasmanicrichädel auszubringen, so' daß noch eingehende Forschungen mit vielleicht wichtigen Ergeb- nissen zu erwarten stehen. Vorwärl« Buchdruckere» u.Vert»g»a»juitlPaut«l»gec älEo..Bertmt>At.