Hlnierhaltungsblatt des vorwärts Nr. 246. Sonnabend den 18. Dezember. 1909 (Nachdrua Derlioltj.) 15] Uobewolk. Eine Dorfgeschichte von Paul K l g. Der heurige Haldensteiner Holzschlag lag wieder einmal zu höchst im Segesjerwald, was für die Schlittler immer ein besonderes Fest war, weil diese Tatfahrt am meisten Geschick erforderte. Es gab da Gesälle und Kehren, die für den Unbeherzten geradezu hals- und beindrecherisch aus- sahen und nicht wenige, hie der leidigen Sitte und schneidig- Zeit wegen mitmachten, hatten beim Ausstieg ihre stillen Kümmernisse, was die heile Rückkehr anbetraf. War die Weinernte im bäuerlichen Kalendarium der höchste Festtag des Wohlstandes, so galten andererseits die sogenannten GemeiudeholKtage als Tununelfeld der Kraft und Verwegenheit. Und hiermit hatte es folgende Be- wandtnis. Haldcnstein gehörte infolge des cnisgcdehnten kom- inunalen Grundeigentums zu den reichsten Gemeinden des Landes, und einem guten alten Brau gemäß gelangte immer nur ein Teil des abzusorstenden Holzes zur Ver- steigerung, während ein anderer gleichmäßig unter die ver- heirateten Bürger verteilt wurde. Bei Wintersanbruch zeichnete der Bannwart jedem Anwärter seinen Hieb aus und um Neujahr herum, bei günstigen Schneeverhältnissen, zog dann männiglich mit Axt, Säge und Schlitten hinauf. Da hatte auch Jörg Hugentobler seine großen Tage. Und heuer bekommen diese noch eine besondere Weihe durch Heinrichs Gegenwart. An dem verabrahxten Morgen klopfte er schon an dessen Kammertür, noch eh es recht hell war. Heinrich fuhr aus kurzem, bärnmerhaftem Schlummer auf, und die Erinnerung an den Zusanmienstoß an der Wolfs- Halde fiel über ihn her wie ein wildes Tier. Nach Mttternacht heimgekommen, müdgelaufen, peil- gefroren, war er schließlich wider Willen eingeschlafen. „Es wär denn bald Zeit,— heißt es, wenn Schneid am Mann istl" hörte er Jörgs Stimme.„Bleibt's dabei?" Trotz seinem Elend, der inneren und äußeren Zerschlagenheit, hatte Heinrich noch eine lebhafte Ahnung von der Freude, die er dem anderen einzig durch sein Dabeisein machen konnte. Nun standen ja die Dinge so, daß es nicht mehr darauf ankam, wann er das Haus und den Ort verließ. „Ja, ich komme— einander nach!" sagte er und dachte so für sich:„Damit ich daheim wenigstens eine Seele habe, die zuweilen freundlich an mich denken mag!" In Pausen, während denen er mit einem Strumpf oder Schuh in der Hand ratlos an die Wand starrte, zog er seinen kurzen Lodenanzug a» und Gainaschen über die Schuhe, denn Kanonenstiefel hatte und brauchte er keine. Marei, die— nur durch eine dünne Bretterwand von ihm getrennt— jedes Geräusch hören konnte, stand auch erst jetzt auf. Bon diesem Tage an gedachte sie dauernd da- heim zu bleiben. In der verflossenen Nacht hatte sie Heinrich zuerst auS Angst vor einem„dummen Streich" auf Schritt und Tritt begleitet, bis er wütend über sie herfiel und dann schnell- füßig die Flucht ergriff. Zu Hause harrte sie jedoch von Stunde zu Stunde ruhiger auf seine Wiederkehr. Je mehr sich das tolle Mädck>en in des Geliebten Zustand verfenkre, um so fester wurde ihre Zuversicht. Mit ihrem Gewaltstrcich konnte sie zufrieden sein, hatte sie den Abtrünnigen zurück- erobert, wie sehr er sich auch zuvörderst dagegen sträuben mochte. Wahrlich, sie kannte ihn besser als die andere, das wohlgeborene Fräulein! Und Elsbeth Stadler war dazu noch viel zu hochmütig, ihm auch nur den kleinen Finger jemals wieder zu reichen, während die Verschmähte sich ihm nur noch inniger als zuvor verbunden fühlte. Auch wußte sie ganz genau: Heinrich Andercgg bedurfte ihrer Liebe jetzt ebensosehr, als des täglichen Brotes. verlassen und ver- kauft, wie er plötzlich war, fand er niemals die Kraft, sein Bündel fiir Zeit und Ewigkeit zu schnüren, wieder in die ungastliche Welt hinauszupilgern. Er vermochte nicht mehr ohn» eine Seele zu sein, die ihn fächelte mit Zärtlichkeiten, die er anfeuern konnte mit seinem Ehrgeiz, um sich selbst am Widerschein der eigenen Glut zu erquicken. Wie oft hatte er, gleichsam im Nachhall der in ihren Armen genossenen Seligkeit, vertraulich zu plaudern, zu prahlen begonnen von künstigen Taten, die alle Welt in Erstaunen setzen würdenl In solchen Momenten durfte sie ungestraft auch für sich ein Plätzchen an der Sonne seiner Gunst beanspruchen: es wurde ihr immer großartig verheißen, und sie glaubte ihm gern, obwohl das nur phantastische, kindliche Spiele schienen. Aber von nun an mußte Ernst daraus werden. Sie mochte nicht in Armut und Schande zurückbleiben, wenn es mit ihm wirklich aufwärts ging. Darum galt es, hinfürder mit mehr Klugheit zu schalten über die Mittel, die ihr geblieben waren, ihn weiter zu fesseln. Noch hatte er nicht erfaßt. was unter ihrer Brust für ihn erblühte! Vorerst sah er da- hinter nur ein Schreckgespenst: die lästige Frucht der freien Liebe! Doch Geduld! sie wollte ihm bald Herz und Äugen öffnen für die anziehende Seite der Erscheinung. O, sie war mächtig genug, ihm ein Rätsel aufzugeben, daran er nicht müde wurde zu denken, bis sie ihn: selbst die glückliche Lösung zu Gemüt führen konnte. Als Heinrich um Mitternacht behutsam die Stiege er» klomm, rührte Marei darum kein Glied und schlief sogar, nachdem er selbst bei Ach und Weh unter die Decke gekrochen, mit einem halb vergessenen Versgebet lächelnd ein. Und jetzt vollends kam es ihr vor, als seien die schönsten Weih» nachten ihres Lebens im Anzug. Schnell schlüpfte sie in daS rote Katttinhauskleid mit Tüllspitzen, das sie erst kürzlich noch von ihm zum Geschenk erhalten hatte und eilte, ihm zuvorkommend, hinunter in die Küche, wo sie mit ihrer kiuirrigen Mutter eine kurze, aber wirksame Unterredung pflog. Tie Folge davon war, daß Heinrich bei seinem Ein» tritt in die Stube nur freundliche Gesichter traf und den .Frühstückstisch über die Maßen trefflich bestellt fand. Der Nibbel— ein Maisgericht, ähnlich der Polenta— dampfte in der Schüssel und erfüllte das ganze Zimmer mit einem würzigen Geruch. Auch der Kaffee hatte noch schnell eine Gehaltszulage bekommen. Daneben winkten, als besondere Gruppe, lieblich durchzogene Scheiben Schweinespeck, Weizen- und Roggenbrot, zwei Flaschen Saft und eine kleinere mit Kirschbranntwein,— die Wegzehrung für die beiden Holz- Hauer. Marei kam erst, als die anderen schon beim Schmause waren, aus Mntters Kammer hervor, wo sie sich in Eile, ober dennoch hübsch frisiert hatte. Sie trug ihr Kind auf dem Arm, das sie mit Eiapopeia zum Lachen und Sttappeln brachte. Heinrich ließ den Kopf sinken. Er hatte sie längst unter» Wegs nach Treustadt vermutet. Sie tat übrigens nicht der» gleichen, als sei auch nur ein Wöltlcin zwischen ihn und sie getreten.— Und gestern abend lag sie da wie eine, die nur noch aufsteht, um geradeswegs ins Wasser zu springen! Glaubte sie etwa, daß ihr verfluchter Streich ihn nun für immer wehrlos in ihre Hände gab? Noch einmal überlief ihn der funkelnde Haß.: eS föblte wenig, so wäre er wieder auf und davon geschossen. Marei, die, während sie dem Kinde die Milch einflößte, trotz dum Halbdunkel schielend jede Miene und Bewegung wahrnahm, zitterte auf ihrem Stuhl. Sie hielt vor Bangen die Flasche so hoch, daß die kleine plötzlich keine Luft mehr bekam und alles prustend wieder auswarf. „Gib her, Tolpatsch, der Du bistl" schalt die Base, der verwirrten Tochter so Kind wie Flasche unwirsch ent- reißend.„Du bringst es sonst noch um vor lauter Kopf» losigkeit!" Marei ließ es achtlos geschehen. Sie war Heinrich» Blick begegnet, der sie mit allen Schmähungen treffen, be- sudeln sollte, aber sie hatte ihn so liebreich und flehentlich ausgehalten, daß er den seinen errötend senken mußte. Da Jörg gerade aufstand, ging sie wortlos daran, den Proviant in den Korb zu packen. „Daß Du Dich nur um Gottes willen nicht üborninimst, Hein, und meinst, Du niüssest es dem Großen«i allem gleichtun I" sagte die Base besorgt. „Wenigstens leg die Ketten unter— wenn Du wiede» so übertrieben. ausladen willst!" setzte der Vetter Hinz». Jörgs rotbäckiges Antlitz strahlte vor Vergnügen. „Wenn ihn das Schlottern ankommt, ohne meinet» weilen!" meinte er drollig und steckte die kurze Teckelpfeife in Brand. „Mit Dir nicht!" erklärte hingegen der Begleiter und das war keine geringe Auszeichnung. „Aber Gnad Gott Dir, Waghals, wenn er nicht mit heiler Haut wiederkommt!" kam die Base noch unter die Haustür nachgelaufen. Item, sie habe keine ruhige Stunde bis dahin, denn gestern sei unversehens Heinrichs Bild von der Wand gefallen und heute nacht sogar die Uhr stehen ge- blieben. Bei solchen Zeichen hätte ihre selige Mutter keinen ins Holz ziehen lassen. Allein sie wurde nur ausgelacht. Jörg holte den breitkufigcn Holzschlitten hervor, prüfte seine Festigkeit, warf den Zugriemen über die Achsel und faßte das Vehikel an den geschwungenen Hörnern. Heinrich legte die Axt zünftig auf die Schulter und so zogen sie gleich Landsknechten in die rauhe Waldschlacht. tFonsetzung folgt.) (Nachdruck dcrEalfn.) Oer'Cerner. Von Hans H y a n. Die blasse Lenc, ein großes Mädchen, fast mager, aber mit Vellen, spitzen Brüsten, die sie ganz sezcssionistisch trug, ging ihren gewohnten Weg um die Elsasser-, Borsig-, Ticck- und Chaussee- straße herum. Es regnete ein wenig, und Lene, die sowieso ein bißchen erkältet war, überlegte ernstlich, ob sie's nicht für heute aufgeben sollte.... So dicht vorm Ersten ging das Geschäft immer schlecht, bloß gerade zum Ersten brauchte man doch Micts- geld.... Lene hatte ihre eigene Wohnung, sie ivar sparsam, iind sie hätte sich lieber den kleinen Finger abgebissen, als daß sie nach der Kaffe gegangen wäre und etwas von ihrem kleinen Kapital abgehoben hätte.... Es war schon genug, daß das Kind soviel kostete, jeden Monat dreißig Mar! Pflegcgcld. Und dabe, wußte sie nicht einmal, von wem?... Zum Lachen!... Aber süß ivars doch!... Jetzt, wenn sie hinkam zu der Pflegemutter, dann fetzte sich der Kleine schon auf in seinem Bettchen und lachte und machte das Mündchen auf und wollte was erzählen.... Sic hätte rhn ja so gern selber gehabt, aber wer sollte ihn da warten, wenn sie weg war, den kleinen Joachim?... So hatte sie ihn »ämlich nach einem blonden Leutnant genannt, der in der frag- lichen Zeit mehrfach bei ihr gewesen war.... Und ihr heißer Wunsch war. ihr Kind möge so wie dieser Ill'bcnSwürdige Mensch werden.... Ja, wenn sie den hätte behalten können!... 31 andern, einen von der Sorte, wie die übrigen Mädchen sie hatten, den wollte sie nicht, da konnte sie ihr Geld ja ebenso gut in die Spree schmeißen!... „Ra, is nischt los heute, IvaS?" Lene schrak zusammen. Eine Bekannte war's, die schwarze Ella, die denselben Strich hatte; die kehrte jetzt um und ging, der ..Sitte" wegen, in vorsichtigem Abstand hinter der Blonden her; so plauderte sie. ..Det rS heite wieder mal sone rechte Fchlsarbe," meinte die schwarze Ella,„aba det weeß ick schon imma. wenn mir jleich friehmorjcns die Reese juckt, denn jibbts eene Pleite nach de andre!... Schste dadrieben den Ollen, den mit de Brille, der hat mir vorhin anjequasselt, ob ick»ich mii'n int Rcstorang jehn wollte.... lln dabei meent er'n Aschinger, son Nulpe I... Wat soll ick'n da..." Passanten drängten sich zlvischcn die beiden Mädchen, dadurch gerieten sie auseinander. Lene sah sich noch um, aber Ella mußte auf die andere Straßenseite abgebogen oder mit einem Manne umgekehrt sein. Sic selbst durchmaß mit ihren schlanken Beinen den gewohnten Weg mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes. Sie wußte gar nicht mehr, daß sie da lang ging. Nur ivcnn sie müde wurde, fielen ihr die Hauseingärige, die Inschriften an den Häufern und Läden auf. die ihr dann plötzlich fremd und über- flüssig vorkamen. Sonst war ihr der Umgang gleichgültig wie ihr Lebe».... Bei dein Uhrmacher an der Ecke sah sie, es war eben acht. Oa wollte sie wenigstens einen Augenblick rausgehen und'ne Stulle essen. Aber sie zögerte immer noch, wie sie in die Tieck- straße. in der sie wohnte, einbog. Oben bei ihr war's auch so öde, bloß Fips war oben, ihr Tcrrier.... Der war ihr vor zwei Jahren zugelaufen, auch an solchem trüben, regnerischen Abend.... Ein ganz kleines Hündchen ivar es damals»och. Und sie wollte ihn auch erst gar nicht haben, er kostete doch.,. Aber schließlich, wie sie ihn all ihren Bekannten anbot, wie keiner ihn haben wollte, da brachte sie'S doch nicht über ihr Herz, ihn wieder rauszujagen..., Und später, als er dann sehr schön wurde und sich als ein ganz echter vlac and ten-Terrter entpuppte, da hätte sie ihn oft verkaufen können. Aber Lene dachie nicht daran, ihr FipS wa» das einzige Geschöpf, das sie lieb hatte und ihr treu war....- Sie ging über den unheimlichen Hof der Mietskaserne. Hier hätte auch wohl'ne Laterne angesteckt werden können! Aber natürlich, die armen Leute, die müssen mit allem zufrieden sein! Und besonders siel Menn jic{ich muckte, dann flog sie einfach raus! Ihr Geld nahmen sie ja, aber verdienen sollte sie'S wo anders!... Schon war sie auf der von einer offenen, kleinen Gasslamme schlecht erleuchteten Treppe, da siel ihr plötzlich ein, sie hatte ja keine Butter mehr. Und fak, fak, ging« wieder runter. Wie sie eben in den Buttcrladcn rein wollte, sprach sie einer an. Gewohnheitsmäßig und doch stets mit derselben Schärfe überflog ihr Blick den Mann.... Ein behender, nicht sehr großer Mensch. der sicherlich Kräfte hatte. Er trug Stulpenstiefel, in die er die Hosen hineingesteckt hatte, eine dunkle Joppe und eine Filzmütze, mit an den Seiten aufgeklappten Krempen, wie die Landleute sie tragen. Trotzdem sprach er berlinisch, und Lene sah im Schein der Laterne, daß die Augen einen scharfen, blitzenden Ausdruck hatten. Ob er sie begleiten dürfte? Sic sagte nicht gleich ja oder nein. Vielleicht war ihrer Natur das Mißtrauen überhaupt eigen, vielleicht hatten es auch die in der Großüadt immer wiederkehrenden Verbrechen geschärft, welche auch die gleichgültigen Naturen ausrütteln. Sie fragte den Mann aus. Und er gab über sein„Woher" und„Wohin" mit einer Freund- lichkeit Auskunft, die sie beruhigte. Aber er drängte hinaufzu- kommen.... Warum er's denn so eilig hätte? Sie wollte erst noch Butter holen, zum Abendbrot. Und sie ging in den Laden. an dessen Schwelle er sie vorhin angesprochen hatte. Drin mußt: sie ein bißchen warten, es waren viele Kunden abzufertigen, jetzt um die Abendzeit. Und da fielen ihre Blicke unwillkürlich auf die Schaufensterscheibe, hinter der sie sein Gesicht sah. Tic elehnschen Flammen machten es so deutlich wie am hellen Tage: Das Gesicht war gelb, mit braunen Sommersprossen übersät, der Bart ging um Wange und Kinn spitz zu und war fuchsigbraun, seine scharfen Augen aber, deren Weiß blutige Flecken zeigte, glitten wie rast- lose Tierchen in dem hellerlcuchtcten Laden umher und blieben bald an der Verkäuferin, bald an Lene selber hängen.... Wie aber jetzt auch die dralle Buttermamscll dorthin sah, war der spitz- bärtige Kopf plötzlich von der Schaufensterscheibe verschwunden.... Als Lene mit ihrer Butter herauskam, stand der Mann recht» von der Tür vor einem anderen Laden. „Du machst doch so lange," sagte er. Sic lachte und meinte: „Du kannst woll nich warten?" Dann gingen sie hinüber nach ihrem Hause. Auf dem dunklen Hof wollte er den Arm um Lenes Taille legen, sie entwand sich und lachte wieder. „Wie kann man bloß so verliebt sein!... Warte doch!.., wir sind ja gleich oben!..." Er kniff sie in den Arm, daß sie leise schrie. «Tu bist so'n reizender Pussell... Ich war jleich janz wech, wie ich Dir jcschen habe!." Das schmeichelte ihr doch. Und daß er ihr statt der rohen Bemerkungen, die sie oft hören mutzte, LiebcS sagte, das machte ihr seine wenig sympathische Erscheinung angenehmer. Wie er dann oben ihre kleine Wohnung lobte, auf deren Nettigkeit und Ordnung sie stolz war, da hatte er sie vollständig überwunden.... Sic aß. Er habe keinen Hunger, meinte er. Aber er saß neben ihr auf dem Sofa, bließ ihr inS Ohr, küßte sie auf den Hals, der aus dem schnell übergeworfenen Morgenrock zart hervor- trat, und flüsterte allerhand in sie hinein, das sie zum Lachen brachte. Jetzt lauschte er. „Was murkst denn da so?... Hast Du etwa'n Köter?" Sie war der Ansicht, er frage nach einem Hunde. Und wußte auch wohl, daß der Tcrrier, der unterm Bett lag und dazu erzogen war, sich in Gegenwart von Besuchern ganz still zu verhalten, wahr- scheinlich im Schlaf gestöhnt hatte. Aber sie verheimlichte das Tier stets: manchen war die Gegenwart des HnndeS unangenehm, und andere machten Bemerkungen darüber, die Lene kränkten. „Ich habe nichts gehört," sagte sie mit der ruhigen Lüge, zu der dieses Gewerbe mit Sicherheit jede Frau erzieht. „Na, ich meine'n Kerl!... Ob De etwa'n Luden hier hasi?" Sein Gesicht war bei dieser Frage voll bösen Argwohns. Sic lachte laut auf.... Ne, mit so was, da gäbe sie sick» erst gar nicht ab!... Sie könnte ihr Geld besser gebrauchen? Und später, wenn sie mal alt wäre, hätte jic wenigstens'n paar Kröten!... „Jewißl" sagte er,„'n Sparkassenbuch iS'n Sparkassenbuch!... Bloß so wenig Zinsen bringt's da!... Haste den» schon viel drauf?" Nun ließ sie sich verleiten, zu prahlen, und verdoppelte noch die Summe, die sie in der Tat gespart hatte. Sie sah nicht das habgierige Auffunkeln in seinen wie mit Blut betupften Augen. Eben wollte sie aufstehen und das Geschirr zusammenstellen» da legte er den Arm um ihren Nacken und sagte: „Rasch'n Kuß!" Sie bog sich halb widerwillig hintenüber, da— ein Ruck! ihr- ganzer Körper warf sich empor und ihre Hände griffen nach seiner Faust, die ihre Kehle gepacki hielt und mit einer fürchterlichen Kraft zusammendrückte. Er hatte sie aufs Sofa lang hingeworfen und war über sie, sie mit der Rechten erdrosselnd, während seine Linke ihre nach seinem Kopf hiukrallenden Nagel abwehrte. „Hülfe!" gurgelte sie,„Hülfehl..." Und aus einmal— der Verbrecher sah das in seiner Er-- rcgung nicht— kam eö wie ein schwarzer Ball unter dem Bett Izervorgeschsssenk DaS Kar der Terrier, der mit einem einzigen Sprung auf dem Sofa war und dem Mörder ins Gesicht fuhr. Er biß nicht, dieser kleine, treue Kerl hing sich mit seinen dolchspitzen Zähnen in das bärtige Gesicht des Meuchlers, der vor Schmerz laut aufbrülltc und die Kehle seines röchelnden Opfers loslassen mußte, um den wütenden Hund fortzureißen. Aber kaum bekam Lene Luft, so stieß sie so gellende Schreie aus und wehrte sich so verzweifelt, daß der Kerl, der genug zu tun hatte, den Tcrrier von sich abzuwehren, sie lassen mußte. Während er sich, immer wieder von dem Terrier angegriffen und mit den Füßen nach dein Hunde tretend, zurückzog, drohte er. die Faust schüttelnd, dem Mädchen: ..Warte nur, Dul... Dir krieg' ick doch noch!" Die Tür ließ er hinter sich offen. Und Fips bellte ihn noch auf der Treppe nach. Lene saß auf dem Sofa, sie weinte. Weniger aus Schmerz oder Angst; was ihr so fürchterlich schien, das war ihr selbst nicht einmal ganz klar....„Immer beschimpfen se ein' und spucken ein' an," schluchzte sie,„un wenn mal einer kommt, der anständig is, denn is es'n Mörder!..." Dann sah sie den Hund, der wieder hereinkam. In einem wilden Zärtlichkeitsausbruch nahm sie den Terrier an ihre Brust und küßte ihn unter Kosewortcn und strömenden Tränen.... Memoiren einer Sozialiftin.*) Frau Lily Braun erzahlt in diesem interessanten Buche bon ihren KindheitS- und Jngcnderinnerungen, den Etappen, in denen sich ihre LoSlösung aus der Denkweise ibreS milirärisch- feudalen Milieus— der Vater war ein hoher preußischer Offizier-— und endlich, unter schroffem Bruch mit der Familie, ihr Nebergang zum Sozialismus vollzog. Bei aller Fülle der Erlebnisse und Eindrücke, der geiellichaftlichen und Herzens- beziehnnzen, der Landschaften und Siädtebilder, die sick hier vor dem Leser aufrollen, gibt die Darstellung jener allmählichen, durch Pausen und Rückschläge vielfach unterbrochenen Emwickelnug dem ganzen doch ein einigendes Band, eine über das nur biographische Interesse hinaufreichende Bedeutsamkeit der Perspekliven. Charakteristisch, ein symptomatisches Vorzeichen des späteren StrebenS nach Eigenariigkeit und Selbständigkeit ist bei dem»indc der frühe Hang, sich abseits von den anderen im geheimen eine eigene kleine Phantasiewelt auszubauen. Sie verschlingt an Büchern, was ihr irgend in die Hände fällt, und zimmert sich in einer verborgenen Ecke ihres StübchcnS einen Tempel zurecht, dessen Allerbeiligstes eine vom Kamin den Eltern wegstibitzle. von ihr als Bildnis des germanischen LichtgotteS Baldur verehrte Apollostatiielte bildet. Der Unterricht durch einen verständigen Hauslehrer weckt rasch das kritische Bedürfnis, die Zweifel deS Verstandes. So vorbereitet wird die Konfirmarionszeit für sie. wie für so viele nach innen gekehrte, schon vom Emst persönlichen Ver- antworlnngskcitSgcfühl berührte Kinderberzen, zu einer Zeit qnab- vollster seelischer Zerrissenheit. Der Pastor, bei dem sie den Unter- richt erhalten soll, leitet seine Seeliorge dmnit ei», daß er die Ellern von einem schrecklichen ihm zugetragenen Gedankenfrcvel des TöchtcrchenS in Kenntnis setzt. Sie habe im Gespräch mit einem Schüler erklärt, der Opfertod Christi erscheine ihr nicht anbetungs- würdig, da doch jeder gute Mensch freudig zu sterben bereit sein würde, Iveim er wüßte, daß er damit die Menschheit erlösen könne. Unzählige andere wären aus weit gcrnigeren Ursachen in den Tod gegangen.— Seiner Einladung, die Kon- firmanden möchten mit allem, was sie bedrücti, zu ihm kommen, leistet sie vertrauend Folge, und beichtet in wagen Andeutungen von Träumen und Vorstellungen, die sie als Schuld empfindet, doch vergebens abzuwehren sticht. Seine Antwort ist eine Verweisung auf den christlichen Glauben, und dann, nach- dem er durch ein Examen herausgebracht, sie lese Goethe, eine Anzeige bei den Eltern, die das„Rettungswer!" durch die Ver- schließung des Bücherschrankes unterstützen sollen. Ihre Versuche, sich durch eifrige Versenkung in die Bibel zum Glauben zu überreden, scheitern. Sellehs, des engliswen Atheisten.Königin Mab" begeistert sie. und eS reift der Entscbluß, um keinen Preis von dein, was sie für wahr hält, ab- zniveichen. Lieber von Haus entfliehen als unter dem Zwang einer sinn- losen Sitte ein Bekenntnis, gegen das Gefühl und Verstand rebellieren. beschwören. In einem Schreibe» an den Pfarrer formuliert sie Weic» und Gründe ihrer Ungläubigkeil.um zu guter Letzt— wie solwe Konflikte für gewöhnlich ausgehen— sich doch zu unterwerfen..Einem auf- gezogenen Uhrwerk gleich sagte ich, ohne zu stocke», in der erirche die drei Artikel auf. Und währenddem fühlte ich die vielen hundert Augen auf mich gerichtet— gespannt, höhnend, triumphierend. Danach war eS einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er hob die Sliinmc bedeniuugSvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein— sage«ein, klang eS in mir. Angstvoll hilfesuchend sah ich um mich: Auf das •) Memoiren einer S o z i a l i st i n, Lehrjahre: Roman bon Lily Brau». sVcrlag von Albert Langen in München. 657 Seiten.) gütige verzeihende Lächelt, meines Vaters fiel mein Blick, auf den lene liebevollen Blick meiner Mutter.—„Bekennst Tu Dich von ganzem Herzen zu unserem allerhetligsten Glauben, so antworte: Ja."— Ja, klang eS laut und rauh durch die Kirche: War das wirklich meine Stimme gewesen? Mechanisch kniete ich nieder wie die anderen. Ob wohl die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpssinnig, und enoas wie Neugierde nach dem Spruch, den mir der Pfarrer geben würde, regte sich in mir.„Darum freuet Euch nicht, daß Euch die Geister untenan stud, sondern daß Eure Namen geschrieben sind im Himmel." Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name und im Himmel geschrieben II Hatte ich nicht eben vor GolteS Altar einen Meineid geleistet!" Der> cbweren Seelenkrise am Ausgange des KindcsalterS folgenJahre eines zernreuten, nack außen glaiuvollen. innerlich unbefriedigenden GenußlebenS. Die GesellslbaftSkreise. in denen eS sicki abspielt: oft- elbiicbeS Junkertum, süddeutsche Pmrizierfamilien, westfälischer Adel im alten Münster find anschaulich skizziert, lleberall verwöhnt und umschmeichelt und voll Begier, im Wettkampfe der Eitelkeiten Triumphe zu feiern, empfindet sie den feindlichen Gegensatz zum Geiste dieser Welt doch immer wieder als Warnung und Mahnung. Der bourgeoise Wohltäligkeitssport. in den sie eine Augeburger Verwandte einführt, gibt ihr eine erste Vorstellung davon, was Armut heißt, und weckt ein unverdorben elementares Gefühl empörter Auf- lehnung. Wie war eS möglich, solches Unrecht geduldig zu ertragen? In eleganter Karosse, an ven Scharen müder Arbeiter vorbeifahrend, kann sie nicht begreifen, wie diese Menschen gleichgültig, manche gar mit einer Miene der Bewundernng auf sie und ihresgleichen blicken. Mußte die Armen nicht Wut packen, daß sie den nächsten Stein aufnahmen und ihn den reichen Faulenzern ins Gesicht schleuderten?! Wie falsch und hohl nahm sich an Tatsachen gemessen das ewige Predigen von Demut und Gehorsam aus? Sei du, wag es, du selbst zu sein— das klang ihr, unauslöschlichen Eindruck hinterlassend, aus den ersten Worten, die sie von Rietz-che las. entgegen. Aber niemand war da. die rings sich türmenden Rätsel zu lösen, der unklar wogenden Enwfindung Halt und Ziel zu verleiben, und so rollte daS Leben, die Empfindung der Leere immer schmerzhafter gestaltend, in den gewohnten Bahnen weiter. Matt und müde, denkt sie bereits daran, um in der Sorge für ein Kind ibrer Existenz einen Gehalt zu gewinnen, die Gelegenheit einer „Vernunfiheirat" zu ergreifen. Indessen bei de»: großen ivest- sälischen Bergarbeilerstreik im Jahre 1889, den» sie aus nächster Nähe zuichmit— die Schilderung gibt manche zeitpsychologisch sehr inier- essante Details— treibt es der Gegensatz der Ansichten noch recht- zeitig zu einer scharfen Auseinandersetzung mit dem preußisch konservativen Freier. Dann siedelt die Familie nach Berlin über. Der Vater bat in- zwischen, bei Majestät wegen einer Manöveraffärc in Ungnade gefallen, den blauen Brief erhallen. Nim sind endlich Vorbedingungen gcichaffen, unter denen die zurückgedrängte, in der Enge der Verhältnisse verkümmernden Kraft, von neuem Hoffnungsbauch ge- ichwellt, die Dämme bricht, den Weg zur Freiheit findet. ES ist die Zeit unmittelbar nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes, voll frischer Bewegtheit auf politischem wie elhisth-religiösem und literarisch- künstler'.schem Gebiete. In dem jung aufftrebcnden Naturalismus regt sich kritisch revolutionärer, allen Amoritäten feindlicher Geist. Egidy, der ehemalige Husarenoberst — in de» Grundzügen seiner edlen weltfremd vertrauensseligen Bcriönlichkeit hier sehr markant beleuchtet wirbt Anhänger für sein dogmenfreies. einiges Cbristenlmn. Georg von Gizyrfh, ein aus der Abstraktheit utilitaristischer Moraltheoricn zn sozialistischer Ueberzeuzung fortgeschrittener, ehrlich idealistischer Universitärs- Professor arbeitet in der Hoffnung, ein Element auch de- politisch sozialen Fortschrittes zu schaffe», an der Gründung der„Gesellschasten für ethische Kultur". Mit allen tritt sie in Berührung. Aber entscheidend für ihre Entlv'ckelnng wird nur Gizycky, der gebrechliche, an den Rollstuhl gcresieite, in ihrem Elternhanse als doppelt Abtrünniger, als Atheist und Umstürzler gehaßte Mann. Da- strahlende Auge in dem blassen Antlitz, die Vereinigung lindlicher Milde und überlegen ruhiger Klarheit der Gedanken zieht sie unwiderstehlich an. Ein fördernder JseenauSlansch macht sie bald zu nah Vertrauten.„Lassen Sie mich— bittet er— Ihnen meine guten Freunde die Bücher, aus denen ich selbst gelernt, vorstellen. Sie werden rasch nachholen, tvaS Ihnen an philosophischen Kenntnissen fehlt— und dann— dann ivcrden Sie tun, Iva- mir versagt ist: Unsere Ideen nitler die Massen tragen.— Werde ich e- können dürfen?! Meine Eltern sind schon jetzt... Er unterbrach mich. Em harter Zug grub sich in seine Mundwinkel. Wer den Pflug anfaßt und sieher zurück, der ist unserer Sache nicht ivert.— So lehren Sie mich Ihre Sache kennen; ich glaube freilich schon von vornherein, daß c- auch die meine sein tvird.— Sie sollen nichts glaube», wenn Sie zn glauben noch gar kein Recht haben. Da- ist die Lehre der ueucn Tugend, der intellekluellen Redlichkeit. Rehmen Sie die Bücher, lesen Sie sie in aller Ruhe und dann sageil Sie mir was Sie darüber und über meinen Vorschlag denken." Die Geschichte dieser Kameradschaft ist wohl da? eigenartigste Kapitel des Ganzen. Ein Glanz von hochgemutem ZuknnstS- glauben und freier Eeistigkeit, an die hellen Farben von TscherniskewSkyS sozialistischen Roman„WaS tun" gemahnend, liegt darüber ausgebreitet. Freudig fühlt sie, wie ihr Blick. ton ihm geleitet, zn immer tvestertn Horizonten vordringt. Ein gefährlich sr Anfall, der Vorbate eines frühen EndeZ, rnft sie von einer Reise an sein Krankenlager. Ans dem Äennchlisin unlöslich seelinden Bervundenieins erwächst der Wunsch, dein biirderllch- schwesterlichen VeruSllnis. um es.zegen die rarigeietzien Angriffe der Eltern wie gegen häniiicde Väkciltelungen zu wahren, den affizlellen Stempel einer Ehe auizuariickcn. Der alte Müirtsr rast übet eine solche Schande, doch der feite Wille dett Tochter siegt. Wie in einem„Tal de« Friedens" alurel sie in dem neuen Leben auf, frei von der Angst, dem Streit, dem unterdrütkreii Zmn, der sie daheim umgab. Die diidmnigäjiilf ihrer Ardeu nehmen inehr und mehr von der sozialistischen Gedankeiiwell in sich aus. In diesem Sinne sucht sie im Verein mrd in der„Zeitichrisr der Gesellschaft sür ethi>Äc Knltnr" wie gelegeinlich auch in der noch völlig unentwickellen bürgeilicheu Fraueubewegung zu wirken, muff sich aber von der Auesichrslongkeil iolcher Heniühlingen bald überzeugen. Um so intensiver wird das Interesse, das sie den Knud- gebungeu der groffen proletarisch sozialistischen Bewegung ent- gegcnl, ringt. Mit dem Ausblick hierauf schliefft der die„Lehrjahre" behaudeinde biographische Roma» einstio ilen ab. Die Darstellung, die helle Schlaglichier auf einzelne Persönlichkeiten, ans mannigfache Kreise der Geiellichafl und allgeniemc Strömungen der Aeil wikfl. stleffi in cbenmäffig bewegter, durchsianig klarer Sprache, die dem Leier wohltut, fort. Ein zweiter Band— der Titel„ M e mo i re n einer Sozialistin" deutet auf kein Erscheinen hin— würde vom Leben inmitten der Partei, von der Arbeit im Dienste sozta- listischet Propaganda zu erzählen haben. Conrad Schmidt. Die in der DUuplalzett. Wilhelm Bölsche schildert in dem kürzlich erschienenen Kosmosbändchen„Der Mensch der V ox zeit I" die verschiedenen aufsehenevregenden Funde, die besonders in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts genracht wurden, nach -ihrer-Bedeutung. War das Erstaunen der gebildeten Welt schon groß über die künstlerische Betätigung des Diluvialmenschen, wie sie sich in einfarbigen Zeichnungen und Schnitzereien in Mammut- Elfenbein mrd Rcnntrergeweihknocl>en offenbarte, so begegnete die erste Kunde von der Anwendung einer Maltechnik im Ansang nur unglätchsgem Kvpfschütteln. Bölsche erzählt hierüber: „Schon im Fahre lWl) behauptete jemaitd,-er habe in Nordspanien eine Höhle entdeckt, die an Wand und Decke von Prä- historischen Händen mit den prachtvollsten Tierbildern in Farben bemalt sei. Das ging selbst den Kühnsten der Kühnen über die Hutschnur, und der Mann, ein Genosse Don Quichottes, Marcellino de Santuola, wurde gründlich ausgelacht. A l t a m i r a hieff die Märchenhöhle. Die Tierbilder führten in höchst charalteristt- scher, technisch wohlgelungener Darstellung cm der Decke ein ge- häuftes Gedränge von Wildstieren, Wildpfcrden,.Wildschweinen, Hirschen und Steinböcken vor, zum Teil in den Umrissen ein- gehauen und in Schwarz, Rot und Braun sauber ausgemalt. Daff ein moderner Fälscher(eS muffte schon ein besserer Tisrwialer gewesen sein) sich gerade daraus verlegt haben sollte, einen solchen Höhlenplafond niit allem Raffinement auszumalen, um ein paar Spezialforscher hinters Licht zu führen, war eigentlich auch em wenig Zumutung. Die Tiere waren solche, die m spärdiluviäle Staffage durchaus pafften. Aber was zu bunt lvar, war zu bunt. hier im eigentlichsten Sinne. Nird doch haben sich die Zweifler auch in diesem Fall all- mählich, aber gründlich Bekehren müssen. Ganz langsam sickerte in den nächsten zwanzig Jahren die «ine oder andere Post von solchen ausgemalten Höhlen doch wieder durch. Ein Lehrer hatte in Südfrankreich eingeritzte Mammut- bildet auf einer Höblenwand entdeckt, fand aber auch zunächst natürlich keinen Glauben. Dann zeigten sich in der Grotte La Mouthe in der klassischen Dordogne, also dem diluviale:: Pompeji selbst, Wandbilder, die Mammut, Wildpferd, Renntier, alsv geradezu die diluvialen Hauptvertreter, erkenne:: lieffen. Eine Höhle der Girorche lag bis zum Rand voll Schutt, und erst als man den mühsam entfernt hatte, erschienen, sechzehn Meter vom Eingang entfernt, Mammute und Pferde in Gelb und Rot mff der Wand. Diluviale Tierrestc und Werkzeug? lagen gle:chzeit:g in der Höhle gehäuft. Die Entscheidung gab aber doch erst 1901 die wissenschaftliche Ersthlieffung der seither weitberühmten beiden Höhlen von C o m b a r c l I e.s und von Fr> n t- d e- G a u m e, beide in kleine:: Seitentälern des immer wieder in seinen Eni- hüllungen und Schätzen einzigartigen VezeretalS gelegen. Nachdem angesehene deutsche Fachleute die Angaben der französi- scheu Forscher gerade an diesen glänzendsten und bcweiseirdstci: Stellen selbst iwazzepnift und rückhaltlos anerkannt hatten, mar das Eis wieder einmal gebrochen. Auch dieses letzte und höchste Wunder diluvialer Kunst stimmte. Seither siird noch über c:n Dutzend solcher„Bilderhöhlen" in Südfranircich und Spanien enthüllt worden. Daff Leute, die so zierlich schnitzten mrd Bilder auf kleinstem Raum in schwierigstes Material ritzten, in Winter- stunden der absoluten Muffe auch ihre Höhlenwand oder Höhlen- decke zu den Launen ibrer Kunst herangezogen haben sollen, kann cm sich ja wieder gar nicksts so sehr Besonderes haben. Eine flach? Lampe aus rotem Sandstein, in der man noch die Wirkung des Berantw. Redakteur: Richard North, Berlin.— Druck u. Verlag: verbrannten Tierfett- bemerkt, gefunden in einer der Bilder» höhlen neben Feuersteinklingen und angebrannten Renntier» inochsn, scheint uns noch ei:« gute Illustration dazu zu geben. ES liegt kein direkter Grund vor, diese Lampe als prähistorisch anzuzweifeln, obwohl ihre napsartige steinerne Mulde seltsam aus einem anderen Grunde anmutet: in einer Welt nämlich noch ohne Kenntnis von Töpferei; so nahe scheint man das künstliche Geiäff also schon vor Augen gehabt zu haben im buchstäblich hellsten Lichtkreis— und doch hat nmn die andere Technik noch nicht gesehen! Daff die Leute Farbstoffe zur.Hand hatten, haben wir auck schon bemerkt. Was am meisten also eigentlich packt. ist wieder die Kombination: daff die gezeichneten Tierbilder nun eben auch gefärbr wurden— und dann die Gröffe, ein gewisser neuer Prunk, ein Grandioses des ganzen Stils. Von magischen Beschwörungsbildern ist hier gelviff keine Rede mehr: man steht ganz ersichtlich vor reiner Kunstsreude. Was mutz das aber schon für ein reiches Phantasielebsn gewesen sein, das beim unsreten Lichtschein in solchem tiefen, engen Höhlenschacht das ganze Leben und Treiben der Jagd da drauffen noch einmal erstehen lieff, nicht bloff als Traum, sondern umgesetzt in künstlerische Bilder, die nach so viel Zeit noch in ganzer Frische heute vor uns stehen. während all das, was einst diese Jügeraugen als„wirklich" ge- sehen hatte::, selber verschollen und versunken ist, wie ein wilder Traum!... Die ganze Pracht der diluvialen Malere: zeigt die Höhl» von Font-de-Gaume. Der Bau dieses Schachtes istz verwickelter. Eine breitere Lorhalle macht noch am ehesten den Eindruck eines Anlaufs zu einer richtigen Stalaktitengroite mit Tropfsteinsäulea. Daun geht's durch eine Art engster Fclspsorte aber erst ins Aller» beiligste, auch hier wieder einen ziemlich engen, doch etwas höheren Keller gang, lind da drinnen ist nun diesmal regelrecht gemalt worden. Mcrngansckwarz mrd Ockererde sind wie in Altamira d:e chemische Voraussetzung, sie ergeben in Mischungen alle Töne von»tot über braun zu tiefschwarz. Die Umrisse der groffen Tier- körper sind auch-hier vielfach eingeritzt und schwarz durchzogen, die Innenfläche aber äst dann lwch naturgemaff ausgemalt, vor allem in Braun und Rot. Wir'kennen ja solches Rotbraun aus den sibirischen Funden direkt als Maimnutsarbe, kennen es auch von unseren lebenden Przewalski-Wildpferden, unseren asiatischen Wildeseln und unseren wenigen noch ausdauernden europäischen Wisentstieren. Und da ist es diesmal vor allem eben der Wisent selbst, der so dominiert. 49 solcher braunwolligen Wildochsen zieren die Wände dieses Tartarus. Das gewöhnlichste Jagdwild muff diese heute im Osten unseres Erdteils, in Litauen und im Kaukasus, schwach noch vegetierende prachtvolle Hochwildsorm damals in Südfrankreich gelvesen sein. Nur zwei Blammuibikde, finden sich diesmal, spärlich auch Pferde. Dagegen entzückt noch eine Gruppe von zwei weidenden Renntieren, skizzenhaft im er- lvähnten Sinne auch sie, aber mit einem Schwung der charakte- ristischen Andeutungslinien, der gar nicht zu überbieten ist. Ueber- wältigcnd deutlich empfindet:non, wie der Kunststil, der etwa in dem kleinen eingeritzten Reimtier des Kefflerlochs minutiös in den Emzelheiteu arbeitet, hier umgekehrt ein durck)auS monumentaler, auf die Freskowirkung hin ist. Aus dem Zurücktreten von Mammut und Pferd gegenüber dem Wisent hat man schlieffen wollen, daff die Malereien dieser zweiten Höhle einem etwas anderen Naturmilieu entnommen sein dürften als die von Cmnbarelles, eventuell einern etwas späteren innerhalb der diluvialen Schluffgrenze, wo die Mammut» fauna sich schon mehr durch eine Tierwelt zu ersetzen begann. wie sie noch lange nach dem Diluvium dann die typische für Europa geblieben ist. Jedenfalls haben uns diese Mammut- und Wisentnmler der Vozäretalgegend noch eines dazu aus ihrem eigenen Leben verewigt. Mitten zwischen den Jagdtiercn tauchen nämlich auf einmal hier unverkennbare Bikder von Zelten auf. Richtige Lederzelte sehen wir da, mit einer Stützftange in der Mitte und einem halbovalen Ausschnitt als Eingang. Der Maler» der hier im engen Höhlenschacht von den lustigen Fagdstunden des Sommers-phantasierte, gedachte auch der Behausungen, die zu solcher Zeit fern von dem Winter- und Stammquartier, der Höhle, in einfachster Technik aus Stangen und Fellen hergestellt wurden. Wir aber lernen damit immerhin noch etwas Be- deutendes hinzu: daff das künstliche Haus schon erfunden war, das gelegentlich die Naturhöhle bereits ersetzen durfte. In keinem zweiten Zuge scheint so sehr die Idee einer nahenden neuen Kulturepoche heraufzudämmern, die nicht mehr in dem Worte„Höhlenmensch" erschöpft war. WcBei es allerdings auf der andere:: Seite durchaus naheliegend bleibt, daff gerade dieser Zeltbau selber damals auci> schon eine recht alte Aushilfe war, wo die Natur überhaupt keine Höhlen bot. Der endgültige Ueber- gang von: flüchtigen Zeltbau streifender Jägerstämnw zum festen Hausbau und zun: Dorf ist-gewiff an sich noch«in ganz gewaltiger Umschwung gewesen, und wir haben kernen Anhalt, däff er in der Diluvialzeit schon irgendwo vollzogen worden sei; aber die Voraus- setzungen haben auch hier iwie in jenen: Fall vm: Lamperischaie und Töpferei) sicherlich viele Jahrtausende laug gleichsam bereit. gelegen, gleichsam ünvöllzogen sich in der Schwebe gehalten; der Vollzug erschien statin später ebendeswegen nicht wie ein Ruck. sondern wie etwas ganz SelSswerstärchlichcs." Im nächsten Fahre wird ein werteres Bändchen aus Bölsche» Feder folgen, das den Menschen der Pfahlbauzeit behandelt. jorw«rr»Bmv»ruckere: u.Lerwgtansmlk Paul Singer ivCo..Berlin SW.