Nntethaltungsblatt des Vorwärts Nr. 247. Dienstag den 21. Dezember. 1909 (NachdruS berl'-tes.) 16] €obelvolh. Eine Dorfgeschichte von Paul Flg. Marei ging noch nicht gleich ins Haus, sah bielmehr dem ungleichen Paare eine gute Weile nach, bis der. den es allein anging, sich wie unter einem fremden Zwang noch einmal umdrehte, worauf sie ohne Wink und Ruf Zufrieden eintrat. Die zwei hatten eine Stunde wacker zu steigen und kamen fast als die ersten auf den Platz. Nur einige wenige. über die große Lichtung gleichsam verteilte Tannenriesen ragten noch trotzbictend himmelan. Die Brüder rings lagen Zerstückt, geschunden und gespalten am Boden und hauchten langsam ihre aromatische Seele aus. Heinrich hielt in der ersten Zeit tüchtig stand! es tat ihm wohl, zu fühlen, wie die in seinen Gliedern schlummernden Kräfte zu immer regerem Leben erwachten. Er hatte sie schon gar lange nicht mehr erprobt, seine Zeit von jeher lieber über Büchern als auf Turnplätzen vertan, was ihm jetzt gewissermaßen als Sünde gegen den Erdgeist vorkam. War's nicht auch eine Lust, die Axt zu schwingen, den Keil mit jedem wohlgezielten Schlag tiefer in den Block zu treiben, bis der zuguterletzt mit Spliß und Karch auseinanderbarst l Nur wenn er um die Wette «nit Jörg die großzackige Blattsäge führte, kam es zu schmäh- lickien Niederlagen: er mutzte oft halb ohnmächtig kapitulieren, indes der Partner sich den Anschein gab. als dünke ihn die Müh kaum der Rede wert. Hei, wie schmeckte dann jeder Bissen, jeder Trunk, selbst der Branntwein, den Heinrich sonst nicht ertrug, däuchte ihm heute ein Labsall Gegen Mittag stand die erste Ladung, fast ein Klafter stark, bereit. Auf den obeAten Scheitern lag eine dichte Reisigschicht.„Damtt Dn weich fällst, wenn der Schlitten wirft!" sagte Jörg, der Schalksnarr. Doch hätte der andere den Platz nun lieber nicht eingenommen, denn als er sich zu der Höllenfahrt Mut machen wollte, tvar der ohnehin geringe Vorrat von dieser Eigenschaft zufällig gerade aufgebraucht. Schließlich lag er oben ausgestreckt wie linterm Kallbeil: ein mattes Lächeln, ein zweideutiges:„Warum nicht garl" war seine Antwort auf die Frage, ob ihn am Ende schon die Angst am Bändel babe. Auf der glatten Bahn angekommen, warf Jörg die Leine ab, packte die Hörner und brachte den Schlitten mlt drei Sätzen in Schwung, wonach er, einen Futz vor den anderen setzend, sich der mächtig stoßenden Last erprobsam cntgegenstemmte. Fast lautlos sauste die tolle Fuhre dahin und nur. wenn eine Rinne kam, machte der Schlitten mit- samt dem Lenker einen lustigen Hopser, der hingegen dem Passagier jedesmal ein umsturzbanges„Hoppla" entlockte. Noch schlimmer war's mit den Kurven, wenn sich Jörg Plötz- lich mit aller Wucht auf eine Seite warf»ich die Fuhre scharf herumriß, so daß der unfreiwillige Bauchtänzer beinah ins Rollen geriet und die Beine in der Luft krampfhaft als Höhensteuer gebrauchte. Mit heiler Haut, nassen Backen und steifen Gliedern unten angekoinmcn, hatte er noch die Keckheit, zu behaupten:„Das war beim Eid die grotzartigste Schlittenpartie meines Lebens!" Nach dem Abladen traten sie. um notdürftig aufzutauen, einen Moment in die Stube. Marei war gerade dabei, den Ehristbaum zu schmücken. Da fiel Heinrich wie zum Hohn die goldene Brosche ein, die er seit einigen Tagen für Els- beth in der Kommode verwahrte. Und alsbald hatte wieder ein Teufel über ihn Gewalt mitsamt den Tücken von Haß und Reu, die er sich droben im Walde solange mit Axt und Säge vom Leib zu halten vermochte! Die stärkeren Gefühle des Eroberers, der Ueberwindung aller Hindernisse cnt- kehrten der Standhaftigkcit in dieser gehetzten, brünstigen Seele, die so oft schon lahm und wund von ihren Höhen- flügen zurückkehrte. Auch jetzt hatte er nur noch ein Be- dürfnis: sich, wie's gerade kam, einzuspinnen in jegliches Behagen seines Alltags, seiner nächsten Umgebung. So war Heinrich Andercgg. Leicht begeistert, schnell verzagt—, ein Held im Morgenrot, ein Bettler oder Brigant im Abendgrauen. „Da fällt mir ein— wegen heut abend— ich muß ja noch nach Trenstadt!" sagte er zu Jörg, als dieser schon die Tür ausmachte. Marei horchte auf und wußte gleich, woran jener dachte. „Gelt, Du hast schon die Hosen voll!" machte der Große halb höhnisch, halb enttäuscht. „Ein paar Sachen»inter den Baum habe ich holen wollen! Eigentlich weiß ich ja selber nicht, was!" erwiderte Heinrich mit durchscheinender Absicht. Da nahm sich Marei ein Herz und erbot sich frei, wenn es sein könnte, auf der Stelle für ihn hineinzufahren. „So komm denn bald nach!" sagte Jörg im Abgehen.' Die zwei allein in der Stube Zurückgebliebenen kämpften jedes einen harten Kampf. Sie erkannte den guten Augen- blick. Der dort zaudernd am Ofen stand und sich den Rücken rieb, war ihr schon wieder mit Haut und Haar verfallen! Recht ein Kind des Augenblicks, ganz den natürlichen Trieben preisgegeben—, so mutzte er sein und bleiben, wenn sie mit ihm ans Ziel gelangen sollte. Laugsam stand sie aus, seines Bescheides gewärtig. In der Tat fühlte der junge Mann, daß er ihrer sanft harrenden Bereitschaft nicht einen Tag lang widerstehen konnte. Sie zog ihn an wie die Schlange den Frosch. Und mit der stolzen Braut war auch das Ideal der Enthaltsam- keit von ihm gewichen: es hatte die Regenbogenfarben ver- loren und galt ihm nur noch als lächerlicher Popanz. Wozu gut? „Wie kommt's denn überhaupt, daß Du da bist und nicht im Geschäft!" herrschte er sie, ihre Frage nicht be- achtend, in anmatzlichem Tone an und stellte sich, wie wenn er ihr gleich zu Leibe gehen wollte. Für Marei war das jedoch ein Rausch des Entzückens ohnegleichen, der jede noch so stürmische Liebkosung übertraf. Sie hielt sich mit einer Hand am Tisch und gab sich ihrerseits wie ein schuldbewußtes Kind, das eine harte Strafe gewärtigt. «Es ist, weil ich von jetzt an daheim bleiben möchte. Ich last' mir Nachstickware schicken. Dabei kann ich noch mehr verdienen als im Geschäft!" begann sie stockend, furcht- sam zu sprechen, indes sie mit dem Zeigefinger allerlei sinn- lose Figuren beschrieb. Dann geschah ein jäher Ucbergang. „Weißt Du, was Dir eigentlich gehörte?" Er trat dicht an sie heran und packte sie genau so, wie sie's gestern abend an der gleichen Stelle mit ihm geniacht hatte. Dagegen sank sie demütig nieder, umfaßte seine Knie und preßte stöhnend eine Schläfe dagegen:„Schlag mich—, soviel Du willst. Aber vergib mir, Heinrich. Ach, vergib mir!" Es war kein Körnchen Wahrheit mehr in beider Tun. Ihre Sinne strebten sich unaufhaltsam zu. die zwei Wochen der Trennung hatten nichts lveniger als Abkühlung erzeugt. Nur unter schmerzlichstem Verzicht gelang es ihm, den Schein des ZornS, der Antipathie noch eine Weile zu wahren, bis sie genugsam gejammert und gebettelt hatte. O wenn er gewußt hätte, wie leicht sie sein Spiel durchschaute! Aber stören mochte sie es dennoch nicht. Es war weit bester für sie, tvenn er nicht zn sehr vor ihr erröten mußte! Darum ließ sie schnell wieder von ihm ab. Nur keine plumpen Eselsbrücken! Von nun an— soviel wußte Marei— brauchte sie nicht mehr in ihrer Kammer zu frieren. Und die Zeit einer ehrbaren Gemeinschaft konnte jetzt auch nicht mehr ferne sein. Nach langem, gestaltnngsreichem Schweigen legte Heinrich den Konimodenschlüsfel auf den Tisch. „Meinetwegen— wenn Du also gehen willst— nimm vierzig oder fünfzig' Frank mit. Du wirst ja wissen, was Vater und Mutter am besten brauchen können. Für Jörg ist schon gesorgt und-- für Dich auch!" sagte er znletzt und floh darauf mehr vor sich selbst als vor ihr, die sich im siebenten Himniel wähnte und ihm nur allzugern an den Hals geflogen wäre!— Es wird wohl so das Los aller bedrängten Jugend sein. die nicht weiß, wo sie sich anders betten kann, ihr Götter l warf er unterwegs auch die letzten Zweifel zum Tempel hin- aus. Am Ende— was half's, die Begierden unterdrücken? Sie konnten sich rächen, die Lebenssäfte vergiften und die Willenskrast im selben Maß verwirren, hintanhalteu, als Ausschweifungen sie zerstörten! Lieber blindlings hindurch, als seufzend vorüber. Einer hatte es offen ausgesprochen: «Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren, Was nicht genügte, liest ich fahren, Was mir entwischte, liest ich ziehn«»* lFortsetzung folgt.) Die ewigen Hrbeiter* Eine soziale Wanderung von Kurt Eisner. I. Die Tragödie der großen Masse, der namenlos Vorübergehen- den, Vorübergewehten, lebt und vollendet sich in der toten Ware, die allen Glanz dieses Daseins ermöglicht. Die blutige Runen- schrist der Waren entziffern, heißt die Bedingungen unseres gesell- schaftlichen Daseins erkennen. Geronnene Tränen, geschliffene Seufzer, verwebte Lungen, zerhämmertes Hirn, das sind die ge- sellschaftlichen Urelemente, die sich unsichtbar mit den natürlichen Stoffen und der kunstfertigen menschlichen Weisheit verbinden. Und je Heller die Ware schimmert, desto dunkler ist die Höhle, in der sie geboren ward. Gäbe es ein Gesetz, das den Käufer ver- pflichtet, jeder Ware einen Ursprungszettel beizugeben, in der die soziale Zeugungsgcschichte des Gegenstandes wahrheitsgetreu ver- zeichnet ist, die verhärtete Menschheit würde diese Urkunde nicht er- tragen. Der grausamste Spiegel aber menschlicher Not, die zur Ware wird, ist der Spiegel. Wenn er sich selbst bespiegeln könnte, wenn er wiedergäbe, nicht was vor ihm steht und das Echo seiner Eitel- keit zu hören begehrt, sondern wenn in ihm das Bild, die Bilder seiner Entstehung sichtbar würden, das hellste Kristallglas würde in grauenhaften Blutflecken erblinden. Eine Leidcnsstation des Spiegels hat vor Jahren Bruno Schönlank der entletzten Ocffent- lichkcit geschildert: die menschcnfressenden Quecksilberbeleg-Anstal- ten in Fürth. Aber das ist nur eine Station. Von Anbeginn bis zu Ende, von der Herstellung des ersten Rohprodukts bis zur letzten Veredelung wandert der Spiegel in wirren Kreuz- und Querzügen von Not zu Not. Alle Sinnlosigkeit und alle Qual der kapitalistischen Verfassung häufen sich in diesem schimmernden GlaS, das dann den Selbstgenuß der Schönheit zeugt. Von Feuer zum Wasser und vom Waffer zum Feuer wandert das Produkt, und indem in ihm die Spuren der Unzulänglichkeit des Stoffes bis zum letzten Rest getilgt werden, schleppt es rastlos häufend mit sich die Male gemarterten und zerbrochenen Menschentums. In der Obcrpfalz am bayerischen Wald, fernab von den grohen Heerstraßen, beginnt das Leben des Spiegels. In der Höllenglut der Glashütten opfern Menschen ihre Lungen, um das rohe Spiegelglas zu blasen. Zwar lieft man wohl im Konversations- lexikon, daß die schon 1688 erfundene Glasgiesterei das Blasen der Spiegelscheiben vollständig verdrängt habe, aber die Lungen von Menschen sind immer noch die billigsten Maschinen und so wird in der Oberpfalz das Spiegelglas eben immer noch geblasen. Die glühende Masse, die der Glasmacher durch die Pfeife hin- und herschwingend mit dem Munde aufbläst, wiegt bis zu 80 Psund und die Fertigkeit, die er anwenden muß, um den Hals der Riesenflasche abzusprengen, die so entstehende Röhre zu spalten und sie dann in Flammen flach zu walzen, ist für den Zuschauer unfaßbar. Dan» wandert das rohe Glas in die Schleif- und Policranstalten, die die Flusttäler des bayerischen Waldes be- siedeln. Das Elendskind des rauhen Waldes kommt dann in die rauchige Stickluft von Fürth. Auch hier wandert das Glas noch durch manche Hände, bis die Veredelung vollendet ist. Unablässig rinnt das Wasser über die Hände des Arbeiters, der in den Polier- und Facetticranstalten die Kanten anschleift, die Hände schwellen auf wie Leichenhände, aber der Arbeiter achtet des nicht; mit ge- spanntem Körper und starrem Blick, unermüdlich zwingt er dem spröden Glas die Facetten ab. Drüben, ein paar Straßen weiter, hat wieder daS Feuer die Herrschaft, hier erhält der Spiegel seine Seele, den Metallbelag. Seit Schönlanks Schrift sind die Fa- briken, die Quecksilber benutzen, bis auf zwei ausgestorben. Das Gewissen hat sich seitdem beruhigt. Aber eS ist trotzdem kaum viel besser geworden, denn nun müssen Arbeiterinnen in lähmender dumpfer Hitze, in Sommer und Winter überwärmten Räumen. die Luft voll ätzender Dämpfe, 12 Stunden lang die Silberlösung auf das Glas bringen. Kein Luftzug ist zulässig, denn er würde schwarze Flecken in den Ganz wehen. Mädchen von 16 Jahren verlieren in dieser Temperatur von 85 Grad und mehr schnell ihre Jugend, und Greisinnen mit 66 Jahren, den verrunzelten Körper notdürftig bekleidet, mühen sich gleichmütig, stumpf und längst hoffnungslos geworden über derselben Arbeit, in der sich schon ihr Tod spiegelt. Ich war in einer der bcsteingerichteten dieser Fürther Spicgelanstalten; die kurze Zeit meines Aufent- Haltes genügte, um mich für ein paar Tage meiner Stimm- mittel zu berauben... Nun aber folgt auch die Tragödie, das freche Sarirspiel. In der Veredelung des Glases gehen all die fleißigen Arbeiter zugrunde. Wenn aber der Spiegel fertig ist, wenn gar nichts mehr an ihm gearbeitet wird, dann veredeln sich plötzlich die Menschen, die mit ihm zu tun haben. Der Spiegel, der mit dem Hunger genährt wurde, solange an ihm gearbeitet wurde« beginnt auf einmal Gold zu hecken, nachdem die Arbeit abgeschlossen ist. Die Menschen werden Millionäre, Kommerzienräte, geheime Kommerzicnräte, sogar Wohltäter der Menschheit, stiften patrio- tische Denkmäler und fühlen sich als Herren der Welt. In der Tat: der Spiegel ist die Ansammlung aller denkbaren kapitalistischen Monstrositäten. Die längsten Arbeitszeiten kuppeln sich mit den niedrigsten Löhnen. Der Raubbau der Akkordarbeit wuchert auf allen Leidensstationen seiner Herstellung. Die Ar- beitsteilung, die den Menschen zur Maschine macht, ist bis in die feinsten Verästelungen durchgeführt. Ein vielfaches, kompli« ziertes tückisches Zwischenmeistersystem, das einzelne Leute be- reichert, drückt schwer auf die Löhne der Arbeit. Die Arbeit selbst wird hin und her geworfen zwischen toller Ueberarbeit und un- freiwilligem Feiern: wenn die Bäche zu viel oder zu wenig Wasser haben oder wenn auf dem Markt Krise herrscht. Auf dem ganzen Wege wird nirgends unter gesunden, nicht einmal unter erträg- lichcn Verhältnissen gearbeitet. Uebergroße Hitze wechselt mit verheerender Kälte und Nässe. Beizender Staub, quälende Dämpfe. verfaulte Luft verbreiten Krankheiten. Nirgends Schutz gegen ge- fährliche Unfälle. Schon die früheste Jugend wird in diesem Mal- ström verwüstender Arbeit hineingerisscn, die Frauen werden noch schlimmer und schneller zerstört als die Männer und selbst die ver- botenc Kinderarbeit blüht insgeheim und unausrottbar noch fort. Der aber, der endlich diese ungeheure Ernte des Todes in Geld ummünzt, leistet nicht einmal die organisatorische Arbeit des Unternehmertums. Es ist der Exporteur, der Händler, der die Saat mäht. Er leistet nicht nur gar nichts zur Herstellung des Produkt?, er ist sogar befreit von aller kapitalistischen Veram- w.ortung und jedem finanziellen Risiko. Diese Unternchmerintellt- genz besteht darin, daß sie ohne jede eigene Leistung den höchsten Ge- winn erzielt. Während die Arbeiter durch eine feindselige gemeinsame Haftpflicht aneinandergekettet sind, während sie— und zum Teil auch die kleinen Zwischcnmeister oder Zwischenfabrikanten— die ganze Verantwortung auch für die möglichst große Produktivität der Arbeit aus sich nehmen, während einer den anderen in seiner Arbeit kontrolliert, weil nicht nur mißratene Ware von dem Ar- beiter ersetzt werden muß, sondern weil auch jede Pfuscherei eines Gliedes in der Kette alle in der Teilarbeit folgende Glieder in ihrer Leistungs- und Verdienstfühigkeit vermindert— bedarf der Kaufmann, der am Schluß erntet, was die anderen gesät haben. nur eines Hauptbuches und eines Geldschranks. Gerade in diesem System, wo nicht der Arbeiter und auch nicht der Fabrikant, son- dern der Exporteur der Ausbeuter ist, entblößt sich sinnfällig und unentschuldbar der Aberwitz einer Gesellschaftsordnung, in der zu- gründe geht, wer die Güter der Gesellschaft mit seinem ganzen Leben verantwortet, wo gebietet und emporsteigt, wer verant- wortungSlos nur die Arbeit der anderen rafft. Von einer Station nun des Spiegelmartyriums möchte ich einiges erzählen, von Zuständen, wie man sie in Deutschland nicht für möglich halten sollte, und die radikal zu ändern eine unauf- schicbbare Aufgabe der Gesetzgebung ist. Ich will von den„ewigen Arbeitern" in den Schleif- und Polierwerken des bayerischen Waldes reden, den„ewigen Arbeitern", wie sie sprichwörtlich ge- nannt werden, weil sie in Wahrheit niemals zur Ruhe kommen. solange sie arbeitsfähig sind, das heißt zumeist: bis sie das Grab umsängt._ JMciic GrzablungsUtcratur. Bruno Wille: D i e Abendburg.(Eugen DiedenchS Verlag, Jena.) Chronika eine-Z Goldsuchers in zwölf Abenteuern nennt sich dieser Roman, der zum Jubiläum des„Universums" vom Verlag Philipp Rcclam mit dem stattlichen Preis von 30 000 M. gekrönt wurde. Preisgekrönte Dramen und Romane haben uns icho» oft eine rechte Ernüchterung bereitet. Hier darf man sich aber einmal aus ganzem Herzen freuen, denn ein deutsches Buch im allerbesten Sinne führt den Leser wieder einmal in das roman- tische Land, darinnen die geheimnisvollen Märchen, die bunien Rätsel blühen. Wer am Acußeren klebt, wird den Roinan unter die historischen reihen, denn die Ereignisse des dreißigjährigen Kriegs umweben die Begebenheiten, der Untergang der Watlensteiner. Magdeburgs Zerstörung gibt den dunklen Hintergrund zur frei erfundenen Fabel. Doch es ist keine mühsam zitierte Hiftoria. Bruno Wille zeigte in keinen früheren Bücher» Vorliebe fürs Didaktische und Lust zu spintisieren. Nun hat er die Lust zu fabulieren gefunden und sich zu künstlerischer Gestaltung frei gemacht. Von der Magie deS Goldes handeln die Kapitel, die im alten, glücklich beherrschten Chronilstil seltsam lebendige Geschehnisse berichte». MartinuS Tilesius erzählt seine Geschichte, wie er ausging, um den Goldschatz zu heben, der in der Abendbnrg verborgen liegen soll. Die Abendburg ist ein Gebilde von steinernem Geröll, Sonntagskinder sehen in ihm die Märchenburg mit glänzenden Lichiern und goldenen Sälen, umspielt vom Sagenzauber deS sch lesischen Riesen» gebirges. Tilefins gewinnt den Schatz, allein wie er das Gold in Glück umsetzen will, wird ihm die Ohnmacht des gleißenden Hortes offenbar. Den Menschen seiner Heimat möchte er Erlösung bringen, doch Enttäuschungen nur muß er erleben. Das Gold ver- mag kein Wunder zu vollbringen, daß den Leidenden, Glücks- sehnsüchtigen der wahre Frieden werde. Da wenden sich deS Schatz- gräbers Sinne nach innen, wir blicken in die Geistestiefen einer Kämpferseele. Aus dem Goldsucher wird ein Gottsucher. Die Schillerschs Votivlafel könnte über den Wirren von Silesius' ringender Seele stehen:«Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die Du mir nennst.— Und warum keine?— Aus Relimon." Auch der alte Kirchenglaube ruft da» Wunder der Erlösung nicht herbei. So kristallisiert sich Willes Kunst zu einer heiligen Mystik. AuS tiefen Brunnen der beseelten Natur rauscht dem Irrenden da? Läuterungslied. die neue Religion herauf. Tilcsius' wildes Verlanges wird gebändigt, sein ungestümes Herz still und resigniert. Und mit der reifenden Ab- geklärtheit zieht Ruhe in seine Seele. Willes Wendburg ist keines der heute üblichen Entwickelungsbücher. ES ist ein Weihnachtsbuch, ein echtes Feiertagsuch. das hmaussührt über blühende Wege deutschen Waldes und Gebirge», über bunte Abenteuer, Märchen- Poesie und throsophischen Zeichen in die blauen Fernen, vor deren Leuchten der Alltag versinkt. Wilhelm Walkoth: Der neue Heiland; Moderner Roman. sSue- Verlag. Jugenheim a. d. Bergstraste.) Walloth. der einst mit Conrad. Blelbireu, Conradi». a. an der Spitze der realistischen Revoluttonäre aus den 80er Jahren focht, ist heute ziemlich vergessen. Aus dem Oppositionsmann und Teudenzler von damals ist inzwischen ein Ideologe geworden. Aber ein müder, skeptischer Ideologe ohne die Kraft des Glaubens an seine eigenen Ideen, Reflektionen, Kulturresorinen. Tin resignierter und kalt- blütiger Beleuchter des Sinnlichen und Uebcrsinnlichen. ein seelisch Ausgebrannter, der aus der Gegenwart, die ihm verrückt und lächer- lich erscheint, sich mit den letzte» Fasern seiner Empfindung in die rekonstruierte Welt antiker Daseinsfreude, Schönheit und genug- kräftiger Primitivität versenkt. Als ein zwieipälliger Zeilfremdling und Einsamer steht Walloth auch in seinem religioien Jdeenroman: Der neue Heiland vor uns. Der Münchener Student Karl Jörn wird durch eine Familienkatastrophe sozial entwurzelt. Der Entgleiste taucht aus den Tiefen des großstädtischen Sumpfes als ein neuer Gott- tucher und Seklengriinder auf. ES ist interessant, gerade nach Willes Buch mit ähnlicher Grundidee, hier den Unterschied der Persönlichkeit beider Dichter Seite um Seite spuren zu können. Bei Wille die starke Güte, die gefestigte Lebensliebe, die ruhige Klarheit, bei Walloth die Zerrissenheit, der taumelnde Pessimismus, die zerfressende Bitterkeit. Mit Hilfe einer Jugendgeliebien. die inzwischen zur Kommerzienrätin avanciert ist und zwischen idealer Hingabe an den neuen Heiland mit schönem ChristuSbart und materiellen Genüssen bei dem fetten eheberrlichen Propen hin und her schwankt, gründet der exaltierte Bohcmien eine Sekte nach dem Muster der Reuen Gemeinschaft am Schlachtensee unseligen Angedenkens. Der Aus- gang dieser Utopie auf der Basis einer freien Vernunft- und Rainr- religio» ist derselbe: Triumph des Unzulänglichen. Karl Jörn ver- fällt zuletzt au» medizinischen Gründen— er hat nie ein Weib berührt— in religiösen Wahnsinn und kreuzigt sich selbst im Park der Jugendfreundin. Allerhand krause Episoden machen das Buch nicht erquicklicher, das auch im sprachlichen Stil wenig gezüchtet ist. « Kurt Martens: Drei Novellen von Adeliger Luft. sEgon Fleische! u. Co., Berlin.) Von dieser Novellen- sammlung wurden dreißig Exemplare auf Büttenpapier gedruckt und vom Verfasser gezeichnet. Diese schöne Aesthetensitte gehört auch mit zur„adeligen Lust\ Sicher ist, daß. wer auf geschöpftem Papier drucken läßt, noch lange kein Schöpfer von Meisterwerken ist. So kann ich auch Kurt Marien», wenngleich er sich den Erlesenheitsstempel aufzudrücken bemüht, nickt zu den Erlesenen zählen. ES wäre immerhin etwas, wenn er zu den Gelesenen gehört. Doch sein Kreis wird stets ein beschränkter bleiben. ES ist nicht jedermanns Sache, immer in der Welt der Killtnr- süchtigen zu leben. Die Kultursucht, so wie sie sich in den„heraus- gefeinelren" Aesthctenbüchcrn bläht, ist schließlich ebenso eine Krank- heil wie jede andere. Martens Büchern fehlt das absolute Gewicht, sie haben nur Spezialistcnwert. Er ist löblicherweise kein Tendenz- schreier, aber in ängstlicher Vermeidung aller Plebezisnien wird er affektiert. Möchte gern bin zu der Kulturschwelgerei eine» Huys- mans, müht sich krampfhaft um den vornehmen Stil eines Thomas Mann und wirkt doch in seiner auffälligen Be- tonung von Ausdrücken aus der Sphäre der sogenannten Aristokratie, im Kreisen um Sondergenüsie, im stilisierten Gehaben mit„adeligen Lüsten" etwas als Literaturparvenü. Dieses immer fühlbare Parvenütum störte mir auch den Genuß an den ganz nett erfundenen Novellen, die der Phantasie des Autors ein hübsches Zeugnis ausstellen. Die erste Geschichte von einem Cagliostro de» Lebens und der Laster hat etwas an Boccaccio abgefärbt, über die letztere von einer„höheren" Freudcnipenderin wehr ein Geruch Schwabingcrtum(man muß die Geschichte dieser Münchener Spezies erst noch schreiben), zur mittleren Erzählung aber vom Raffincineilt ebenso genußgierigcr ivie genußverdrosjener adeliger Tagediebe kommt noch ein gut Teil Ungesundheit. Die Liga der literarischen Feinschmecker, oft genug darf man sie mit Snobs übersetzen, wird freilich eine ganze Liste der Vorzüge heraus- finden, die Martens Buch zieren. • Emil Rasmnssen: Der kalte Eros. Noman ans der romischen Campagna.(Verlag von Axel Juncker, Stuttgart.) Ein ivildes buntschillerndes Buch, das der leidenschaftliche Däne seinem fizilionischen Roman Mafia folgen läßt. Römische Landschaft, Stimmungen voll brennender Farbenpracht, ein klargezeichnetes Kulrurbild des degenerierten römischen Hochadels, da» sozial-ökono- mische Problem der Entwässerung und Bebauung der Malaria-durch- seuckten pontinischcn Sumpf-Campagna, reizvolle Fevnsichten in die klassische Vergangenheit des sagenbevölkerten Landstriches des VolSker- gebirgeö und des alten Ostium. vor allem aoer die Liebe, die Liebe als zartes Mysterium und als Mystifikation, als brutal lasciver Geschlechtsakt in raffinierten Variationen: das find die Themen, die hier der Dichter in einer kultivierten, an d'Ammnzio und Jensen gebildeten, mit Schönheit und realistischer Kraft ge- schwängerten Sprache durckeinanderflicht. Die Seele der wahren Campagna, ihre Geschichte und ihre geologische Eni- Wickelung unter der faulen Latisund'enwirischaft römischer Magnaten wird aufgedeckt, ohne Kulissen und Mal-rstaffage wird das Hunde- daiein der ausgebeuteten Eampagnahi a geschildert. Der nationale Schimpf, daß Rom immer noch innn..cn einer lebensgefährlichen, fiebererfüllten Steppe liegt, tritt in seiner ganzen Bedeutung zutage. Wie eine Sumpfblumc erwächst auf diesem Miasmenboden das raffinierte kranke Liebesleben eines römischen Wollüstlings und Dekadenten, des Fürsten Manlio, der mit seiner hektischen Brunst zwei blonde Nordlandskinder zerstört. Ein Kapitel von besonders intimen Reiz ist die Abhandlung des erfahrenen Frauenarztes Dr. Hawi» über den kalten, den ungesunden, den kranken Eros, über die Kunst des großen Verführers, die aus Marmorstaiuen entzündete Weiber macht. Ein Buch reich an seelischen Tiesbohrmigen, aber auch an Ekel über Menichliches-Allzumeuschliches. « Carlot Gottfried Reuling: Ouellen i m S a n d e. Verlag von Egon Fleische! u. Co.. Berlin. Unter dem gesuchten Titel verbirgt sich eine simple Eheirrungsgeschichle. die den bekannten Verfasser de» Schauspiels: Der Mann im Schatten al» Unter- haltnngsfchriftsteller von mittleren Qualitäten erkennen läßt. Zwei unglückliche Ehen versuchte Renling psychologisch aufzuklären und das notwendige Scheitern der Glückshoffnung aus ErziehuugS- und Tentpcramenlsursachen zur erklären. Der lebfrische, gesunde Guts- befitzer Jochen ist an die kalte Luise gespannt, die aus kleinbürger- sicher Erziehung prüde wird und dein Manne die Liebe versagt, da sie nicht mcbr Mutter werden kann. Legitime Ketten ver- binden den feig-brutalen Egoisten und Bücherwurm Dr. Böhm mit der warmherzigen Ilse. Die Herzenskonflikte schlagen überquer an». Ueder die Herzenskonflikle aber siegt das Pflichtbewußtsein. Die beiden finnlichen Temperamente, der Gutsbesitzer und Frau Ilse bleiben am Ende jeder im falsch zusammengekoppelten Joch. Rahmen teils Berlin, teils Spree- wald. Die Grogstadt ist konventionell geiehen, mit den Augen des Jägers und Waldläufers die Landschaft. Im Nebenamt erscheint ein RcgierungSrar, der uns als Sprachrohr einer sozialen Schicht, näm- sich der korrekten Lebewelt, interessiert. Scheidung und Sozial- demokral ist ihm identisch. Der Bourgeois sauklioniert die legale Ebeprostitution. ReulingS Stoff balanciert auf der Oberfläche, die Lebcnslüge wird im Konveriationstolr beplaudert, doch vermeidet eS glücklich die Langeweile, und das ist auch etwas. Hermann Bahr: Drut.(Verlag von S. Fischer, Berlin.) Bahr scheint seine höhere Mission, die er beim Erscheinen der Rahl verkündete, in diesem interessanten Plauderroman ganz vergessen zu habe». Er versprach einen Romanzyklus von„gesteigerten Mcnichheitstypen" und nun bringt er uns einen zum Amüsierbuch ausgewachsenen GcricktSfall. Man erinnert sich des tragischen Schicksals eines österreichischen Bezirkshnuplmaniis, dem die Ehe mit einer bigamistischen Abenteuerin den Untergang brachte. Dieses lramige Beispiel einer bornierten Klassemnoral verarbeitet der Autor, den das Sensationelle immer am meisten anzog, zu einer mit aller Pikanterie und sprudelndem Leben ausgestatteten Liebeö- geschickte und einem theaterwürdigen Ende der schönen Verführerin einerseits und zu einer politischen Satire anderseits. Das heißt, aus dieser Verquickung soll daS„Typische" herausspringen, so etwas wie eine Verkörperung von Philistergcist und ServiltSmus in österreichischen Landen. Und Bahrs Verleger nennt das Wandelpanorama von burcaukrotiichen Hampelmännern, demagogische» Hetzern, geschäftigen Kleingehtrnen und devoten Liebedienern den„ersten großen politischen Roman, der in Oesterreich geichrieben loorden ist". Nun. wer Bahrs Art kennt, lveiß, daß für die großen Züge eines politischen Romans sein Effektstil zu kurzatmig, sein Ernst zu leicht imd seine Ironie zu billig ist. Er kann un kleinen faszinieren, hat den Reiz de» Moments und versteht e». die Dinge mit beweglicher Grazie zu begeistreichelir. Nehmen wir daher den Roman für daS, was er ist: Für eine flott- geschriebene ZeitvcrtreibS-Lektüre, in der ein fenilletonistischer Geist mit Eleganz, welligem Witz»nd Kurzweil ein bisset sentimental, ein biflel genial und ein biffel banal plauscht, aber die ideale Pose mit Kunst zu wahren versteht. Karl Eugen Schmidt: Künstler und Knoten. Verlag von Max Lande. Berlin. Der Pari'-r Feuilletonist ist unter die Dichter gegangen und erzählt uns eine Geschichte, wie man ein berühmter(Raler wird. Oder sage ich lieber, er ist unter die Moralisten gegangen? Es würde beides stimmen. Denn in seiner Enthüllung eiiieS streberhaften Subjektes mit etwas Talent und viel Kriecherei bis auf die Nackiheit des brutalsten IudustricritterhimS fleißt der Aulor die plastische Kraft eines Gestaltenden und ein ästhetisches Fonngefühl, auf der anderen Seite aber»vird sein Roman geradezu zur sittlichen Tat. Die Kunstzustände in Paris—...r in Paris?— mit ihrer Sippenmirtichaft. Marktschreierei, dem blauen Dunst der zu Grösten binaufreklamten Borgianaiuren. ihren, unlauteren Agevtenwcsen und dein ganzen plumpen oder raffinierten PublikumS- belrng gleichen einem Augiasstall. Der Reiniger wäre wirklich an der Zeit. Eugen Schmidt hat nun alle die faulen Dinge im Staate Malerei(man darf dein Fachmann sicherlich glauben) zusammen- getragen und sie in der Geschichte seines Karrierejägers ins Licht der Oeffentlichkeit gerückt. Dieser Eharakrcrlump in Folio, der sich Vom kleinen Atelierlicht zum beruh, nlen Tagesgestirn mit fürstlichen Einkünften hinaufivedclnde Maler Paul Seger wird zum Repräsentanren einer ganzen Klosse von Menschen. Der Eüenbogenmentchen, die, «venn'ö der Borteil will, sich auch in Srtuveitwcdler und Katzenbuckler verwandeln und deren Strebertum alle jesuttischen Hilfsmittel zur Vorspiegelung echter Künstlerschast und zum Aufstieg in die Gc- sellschaft skrupellos zur Hand hat. Der traurige Held ist ein Blender, ein Empor„sinker".„In der Malerei gibt eS Künstler und Knoten und damit sind wir fertig" hat Moritz von Schwind gesagt. Dem Knoten Paul Seger sind nun zum schärferen Kontrast auch eine Reihe anständiger Künstler gegenübergestellt, deren wohlgeratenster Thp der Bildhauer Kneler ist. Und dieser Rechtschaffene vollstreckt für seine ganze Gemeinde der Ehrlichen zuletzt am Glücks- ritter Seger die Lynchjustiz: er gibt ihm eine schallende, vom Herzen kommende Ohrfeige. Leider wird durch solche befreiende Tat in der Wirklichkeit nicht viel geändert. Die Wellvcrbefferung in Roman- form hat noch uicht viel llebel abgeschafft. Darum hat man den Wunsch, wenn man mit dem ethisch ergrimmten Autor durch seine anregend und lebendig geschriebene Geschichte gegangen ist, sich an der feinen Art der Beobachtung und Beranichaulichung gefreut bat, dast von, psychologischen Teil seines NdsichlenbucheS der soziale Teil >:och einmal in der sachlichen Form objektiven Materials zu den Alten gegeben werden möge. I. V. Kleines fcuilleton. Pariser Hungcrtage. In der Pariser„Revue" schildert Franz Schloesser an der Hand eines von einem Gastbauskoch geführten Tagebeftes die Hungersnot während der Belagerung im Winter 1870/71 mid die verzweifelten Bemühungen der französischen Koch- kunst, sie zu mildern. Gleich in den ersten Tagen der Belagerung stiegen die Lebensmittelpreise zu einer Höhe, die Agrarierherzen mit Wonne erfüllen würde. Brot wurde immer seltener und war schliest- lich überhaupt kaum zu haben. Ein halbe? Laib Schweizerkäse, den ein Unbekanitlcr einmal um 11 llhr nachts unter seinem Mantel verborgen, wurde von dem erwähnten Koch um 32 Fr. gekauft. Dieser niachte in der ersten Periode der Belagerung auch einen glücklichen SpeknlationSkauf. Er erwarb 2S00 Eier zur Konservierung. Zwei Monate später verkaufte sie das Restaurant zu 1,50 Fr. daS Stück. Ein Einkaufstarif nennt folgende Preise: Ein Huh» 20 Fr., ein Kauin-vell 20 Fr., ein Truthahn 00 Fr., eine GanS 45 Fr., ein Blumenkohl S Fr, Grünkohl 4 Fr., »veiter ein Hund 2 Fr. da? Pfund, eine abgezogene Katze 5 Fr.. eine Ratte 1 Fr., eine grotze K a n a l r a t t e 1,50 Fr. Denn auch diese ungewöhnlichen Speisen zierten jetzt die GaithauSlarte. Im Anfang hatte sie wohl die Schainhastigkeit der Mennkarten- redakteure als„Wildpret" vorgestellt; mit der Zeit aber machte die bellende Wirklichkeit des Hungers dabei sromme Lügen überflüssig. Bunte Töne verliehen dem Menu der vornehmen Restaurants die exotischen, aus den beiden zoologischen Gärten geholten Gerichte. DaS besonders geschätzte Känguruh, von dem das Pfund 12 Fr. kostete, der Bär— der aus dem Jardin des PlanteS wurde am 27. Dezember um 200 Fr. verkauft—. der Elefant usw. Das; die reichen Leute trotzdem nicht Hunger litten, ist selbst- verständlich. Für sie bedeutete die Belagerung für die Er- »tährung nur einen Aufputz der Tafel»nt etwas vizarrcu Speisen. Besondere Entbehrungskraft erforderte der patriotische Widerstand von den mit Glückglltern Gesegnete» nicht. Wenn sich aber schon das mittlere Bürgertum mit derartigen und manchmal recht ver- dächtigen Speisen begnügen mußte, war die Hungersnot des Klein- bürgertumö und des Proletariats, dessen»läunliche Angehörigen dazu den erschöpfenden Dienst in der Nationalgarde mitzumachen hatten, entsetzlich. Milch war nur für Besitzeude crscbwiiiglich. 1 Frank kostete der halbe Liter, die Butter aber 25 Frank daS Pfund, sie war aber obendrein so selten, daß die Händler immer nur einen ganz kleinen Happen auf einer Drehscheibe inS AuSlagefenster stellte» und schon damit riesige Ansammlungen von bewundernden und notgedrungen verzichtenden Zuschauern hervorriefen. Und dennolv gab eS in dieier Zeit Leute m Paris, die sich gar nicbrS, auch nicht den gewohnten RindSbralen abgehen ließen. Am 18. Januar, zehn Tage vor dem Waffen- stillstand, trägt unser Koch in sein Buch ein:„Wir haben Horn- Vieh in einem Kloster cntdccktl Die Oberin verkaufte unS einen Ochsen von Extraqualität. Die Rippen hauen fünf Zeuti- metec Speck I" Daß die Kircbe nicht nur einen guten Magen, Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: sondern auch emen guten Gaumen hat, ist bekannt. Die Erfahrung des Koch? aber zeigk, daß die frommen 5klosterfrauen. ungerührt von der bittersten Rot Hunderltausender, sich daS Unglück der Nation durch>ingestörte leibliche Gcnüffe erträglich zu machen ver« standen haben. Geographisches. Die alte Lan d ver bi n d ung zwischen Europa und Amerika. Die Vorstellung, daß Europa und Nordamerika früher durch eine breite Landbrücke miteinander verbunden gewesen seien, mag für Leute, die sich nie mit den Ergebnissen geologischer Forschungen beschäftigt haben, etwas sehr Wunderbares an sich tragen. Eigentlich muß aber im Gegenteil gesagt werden, daß eS viel wunderbarer wäre, wenn diese beiden Erdteile stets bonein- ander getrennt gewesen wären. Obgleich nach den neuen Forschun- gen anzunehmen ist, daß die Lage der Weltmeere wenigstens in den späteren Epochen der Erdgeschichte ungefähr die gleichen Gebiete innegehalten hat, so sind noch große Schwanrungen mit der Meeres- bedcckung vor sich gegangen, und eS gibt vielleicht keinen einzigen Teil der ganzen Erdoberfläche, der niemals wenigstens von einem seichteren Meer bedeckt gewesen wäre. Eine Landverbindung-zwiscken Europa und Amerika hat im Lauf der Jahrmillioncn, die das Alter unserer Erde zälflt, sicher mehr als einmal bestanden. Dr. Scharff hat vor der Frischen Akademie die Beweisgründe zusammen- getragen,, die für das jüngste Vorhandensein einer solchen Land- Verbindung zwischen den beiden Kontinenten sprechen. Diese Gründe können ans zwei völlig verschiedenen wissenschaftlichen Betrachtun- gen hergeleitet werden; einmal von der Untersuchung des Meeres- bodens und zweitens von dem Studium der Tiere und Pflanzen in den Ländern, die bei einer solchen Verbindung zunächst in Frage kommen. Alle Tatsachen, die man zu diesem Zweck sammeln kann, führen zu der Annahme, daß vor der großen Eiszeit ein Land vor- Händen war, das eine Verbindung zwischen Schottland, den Färbern und Island einerseits, mit Grönlanv und Labrador andererseits berstellte. Darauf verweist uicht nur die Gestaltung des Meeres- bodcnS, sondern auch die Acbnlichkeit der Fauna und Flora dieser Gebiete, die durch eine an sich nicht unmögliche Wanderung der Qibcwesen über den Ozean hinweg kaum hinreichend erklärt werden kann. Meteorologisches. Glatteis, Reif und Rauhfrost. Der Tau ist eine ganz allgemein bekannte Erscheinung. Er bildet sich besonders des Morgens, wenn sich die Erdoberfläche wegen ihrer nächtlichen Wärmeausstrahlung abgekühlt hat, so daß die aus dem feuchten warmen Erdreich aufsteigenden wässerigen Ausdünstungen des Bodens sich nicht mehr in Dampfform erhalten können und sich an Steinen, Pflanzen und dergleichen in Form von kleinen Wasser- tröpfchen niederschlagen. Ist dabei die Temperatur der Luft unter den Eispunkt gesunken, so beobachten wir keinen Tau. sondern einen weißen Beschlag, den wir Reif heißen. Tau und Reif bilden sich besonders gern und reichlich an Pflanzen, weil diese viel Wasser ausdünsten. Eine Wiese verdunstet einen um das Mehrfache größeren Betrag an Wasser als eine gleich große Wasserfläche. Das kommt daher, weil die Hälmchen, Stengel und Blätter der Pflanzen eine viel größere Oberfläche bieten als die glatte Wasseroberfläche eines Sees. Im allgemeinen ist das Wetter für die Tau- und Reifbildung günstig, das die nächtliche Wärmeausstrahlung des Bodens und damit seine Abkühlung erleichtert, so daß diese Er- scheinungen namentlich bei klarem Wetter eintreten. Eine ganz andere Entstehungsweise dagegen hat das Glatt- eis. Es tritt gewöhnlich bei einem Wittcrungsumfchlage auf, in- dem wärmere, feuchte, gesättigte oder übersättigte Luft über kälteren Erdboden gelangt. Dann schlägt sich ein Teil des WasserdampscS am kälteren Boden nieder und gefriert daran zu Eis, wenn vir Bodcntempcratur unter 0 Grad liegt. Namentlich beim Vorhanden- sein von Nebel kann, wenn heftiger Wind weht, sogenannter Rauh- reif oder Rauhfrost eintreten. Er bildet sich nur, wenn die Temperatur des Erdboden? und der darauf befindlichen Gegen- stände unter den Eispunkt gesunken ist. Dabei kann auch die Lufttemperatur unter Null sein. Die Ncbeltröpfchen halten sich dann in der Luft im übcrkaltewn Zustande noch flüssig, erstarren al�r sofort zu Eis. wenn sie mit einem festen Gegenstande in Be- rührung kommen. Besonder? charakteristisch ist der Rauhfrost beim Anwachsen an Baumstämme oder Telegraphenstangen. Er setzt sich wie Eiszapfen daran fest, die aber nicht hängen, sondern wagcrecht stehen. Da der Wind immer neue Flüssigkeitströpfchen hinzubringt, wachsen diese Rauhreifzapfen dem Winde entgegen. Der bekannte Berliner Meteorologe Professor Aßmann hat auf dem Brocken deS öfteren diese Raubrcifbildung beobachtet. Er fand, daß die Nebel- tröpfchen bis zu 13 Grad Kälte sich überkälteten. In einem Falle wuchs der Rauhreifcmhang innerhalb 24 Stunden zu über'A Meter Länge an. und einige Telegrapbenstangen waren bis zu 2,9 Meter Durchmesser von einer Rauhreifkruste bedeckt. An einem Tele- grapbendrahte wurden auf 1 Meter Länge 12 Kilogramm Eis be- obachtet, das aus Rauhreif stammte. In von Rauhreif oft heim- gesuchten Gegenden muß man daher frei ausgespannte Telegraphen» drähte vermeiden und Kabel in den Erdboden verlegen. vorwäril Buchlruckern u.«ert«g»anitalt Paul Smger �to.. Berlin läM.