Nnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 248. Mittwoch ven 22. Dezember. 1909 MaibdruS DerSsMs.) i7] X�obclvolk. Eine Dorfgeschichte von Paul I l g. Von einem Vorsprung des Hügels sah der Jüngling zurück, zuerst auf die niedrigen Tagelöhnerhütten im Tobel. wo auch seine Wiege stand, dann auf die herrschaftlichen Sommersitze zu beiden Seiten und zuletzt, langsam vor- rückend, über die Dächer des bäurischen Oberdorfs hinweg und hinaus auf die Landspitze, wo neben den zusammen- hängenden, spitzgiebeligen Fischerhäuschen das breite An- Wesen des Ratsherrn Stadler prangte. Heinrich ballte un- willkürlich die Faust und verzog den Mund zu einem frechen Lachen:„Ihr da unten! Herren und Knechte! Und alles zusammen ist nicht größer als ein Schneckenhaus, ein Brum- mein und Tuscheln für einfältige Ohren! Aber mir soll die ganze Welt noch singen und klingen!" So kam er wieder munter an die Arbeitsstätte. Er be- merkte nicht einmal, daß da und dort, wo er grüßend an den Mannen vorüberging, spöttische Blicke an ihm hängen blieben. Dagegen sah er seinen Gespanen nur ungern inmitten einer Gruppe stehen lind Kraftstücke vorführen. „Meinst Du?" sagte Jörg zu einem anderen und spuckte in die Hände. Dann packte er einen dicken Stamm, schwang ihn mit einem Ruck auf die Achsel und tvarf ihn dann wieder zu Boden.„Probier's, Du Fötzel! Dem. der mir's-nach- macht, zahl' ich einen Doppelliter!" Der andere konnte ihn kaum von der Stelle bewegen und mußte ein böses Gelächter über sich ergehen lasien. Bon allen war nur der schwarzarmige, sehnige Schinied, der sich die Leistung zutraute, und auch dem gelang sie bloß zur Hälfte. Erst als niemand mehr daran dachte, machte sich der junge Stadler, den das prächtige Wintervergnügen auch hinaufgelockt hatte, heimlich ans Werk. Er war ungefähr von gleicher Größe und Statur wie Jörg, vermutlich ein scharfer Paukbruder, der seine Muskelkraft nicht rosten lassen mochte. Wirklich, wenn auch erst nach etlichen Anläufen, ge- lang es ihm. den schweren Brocken hinaufzubringen, was um so mehr Beifall erweckte, als es nicht einer erwartet hatte. „Zahl aus, Hugentobler! Wer prahlt, bezahlt!" rief der Schreiner Frick schadenfroh. „Tha— auf die Art. mit Ach und Krach ist's keine Kunst!" tvarf der Gefoppte mit Verachtung hin und suchte in der Runde, bis er ein gut um die Hälfte schwereres Probe- stück gefunden hatte. Dieses Herrensöhnchcn war ihm ohnehin ein Dorn im Auge. „Gilt die Weit— auf entweder— oder— um einen halben Napoleon?" fragte er den Studenten, der ein weißes Wams, weiße Nebelkappe und Reitstiefel trug. „Mach keine Dummheiten! Das will mir an Dir nicht gefallen!" warnte Heinrich, schon wieder bereuend, daß er nicht lieber bei der Marei geblieben war. „Es gilt!" sagte der Herausgeforderte kurz. Er stand da wie einer, der Graftchaften zu verschenken hat. breitbeinig, die Hände hinten eingestemmt. Jörg wurde sichtlich blaß, als er, die Schultern werfend. zuerst einmal die genaue Mitte des mächtigen Klotzes maß. Dann gab es einen harten Ruck, daß all seine Gelenke knackten, der Stamm fuhr zwar in die Höhe, aber der Athlet verlor das Gleichgewicht und ließ ihn, kaum die Achseln berührend. hintenüber fallen. Der starke Bursch zitterte am ganzen Leib wie ein halbtot gehetztes Roß. sein Gesicht war ohne ein Tröpfchen Blut, schrecklich anzusehen, und alle mochten darauf warten, ihn im nächsten Augenblick von einem Knacks oder Blutsturz wanken zu sehen. Er holte jedoch langsam wieder Atem, dabei überlegend, ob die Wette für ihn gewonnen oder verspielt war. Der Student bekam fast alle Stimmen. In- dessen machte dieser dem Streit ein vorläufiges Ende, indem er großartig seine Börse zog und dem anderen ein Goldstück zuwarf. Es fiel vor Jörgs Füße platt auf den festgetretenen Schnee. „Laß es liegen— zum Teufel!" knirschte Heinrich empört, als dieser in seiner Geldgier richtig eine Bewegung machte, es aufzuheben. Zu spät empfand Jörg die ihm damit zu- gedachte Beleidigung. Es galt darum nicht mehr für voll, wie er schließlich kehrt machte und trotzig sein Handwerks- zeug ergriff. Stadler junior hingegen hatte genau auf Heinrich Anderegg acht gegeben und ging jetzt händelsuchend auf diesen zu. „Was haben denn Sie sich in diese Sache zu mischen, wenn ich fragen darf!" sagte er schroff— der aufgelegte akademische Raufbold. Man sah wohl, daß ihn keinerlei Antwort von einer Gewalttat abhalten konnte. Auch Heinrich merkte, wohin der Feind wollte. Er trat deshalb einen Schritt zurück, um seine Abneigung gegen Tat- lichkeiten offen darzutun und fragte nur ganz sachlich zurück: „Würden denn Sie im umgekehrten Fall das Geld aufge- hoben haben?" „Ich denke: nein! Aber nun sagen Sie— was kümmert Sie denn das? Das möchte ich wissen!" Da konnte sich auch Heinrich nicht mehr bezwingen, ob- wohl er das Nächstfolgende voraussah. „Somit find Sie ein frecher Protz— schamlos bis dort hinaus!" schrie er dem anderen zu und streckte zugleich ab» wehrend die Hände vor, immer noch in der Hoffnung auf eine rettende Dazwischenkunft. Worauf wartete Jörg? die Angst vor einem Schlag ins Gesicht, dessen er nicht fähig war, machte Heinrich im Nu zum erbärmlichsten Feigling.„Jörg!" wollte er rufen. Aber die Ohrfeige traf ihn noch zuvor, worauf er mehr vor Schmach und Verzweiflung als wegen dem er- haltenen Schlag über einen Stamm auf den Rücken fiel. Etliche brutale Gesellen lachten laut dazu, als gönnten sie dem Federfuchser von Herzen die Bescherung. Rachsüchtig, am Boden liegend, sah er nun dem Unver- meidlichen zu, das selbst die Stimme eines Gottes aus den Wolken nicht mehr hätte aufhalten können. Er sah wie Jörg die schnell gebildete Kette der Abwehr gleich einem Faden zerriß und den jungen Stadler, der mit einem drohenden: „Nimm Dich in acht, Kerl!" stehen blieb, förmlich in Grund und Boden rannte. Was weiter geschah, konnte Heinrich nicht verfolgen, weil nun sogleich alle drauf zustürzten, zu einem wirren Knäuel geballt. Aber kaum er selbst wieder auf den Beinen stand, da knallte ein Schuß. Die Männer fuhren aus, einander, der Student, mit der Waffe in der Hand, aus Mund und Nase blutend, sprang auf den Jörg— bei Gott! blieb hingestreckt liegen. „Es hat mich— der Galgensiech l" stöhnte er nur mehr schwach und fiel darauf gleich in Ohnmacht. Keiner vergriff sich an dem schnöden Schützen, der doch den Streit frech be- schworen hatte. Keiner ließ auch nur ein leises Wort des Tadels fallen. Elende, feige Knechte und Duckmäuser um standen sie den überzwerchen Herrcnsohn, der sich mit Schnee Gesicht und Hände wusch, und sagten sich schlau:„Was geht es mich an? Ich will mir da keine Suppe einbrocken!" Ein geborener Schubiak und Speichellecker zeigte sogar unver- froren auf Heinrich Andcregg:„Der ist an allem schuld! Hütt' er sein Maul gehalten!" Der Beschuldigte hörte es nicht mehr. Nach einem ein- zigen Blick auf die todankündenden Züge seines treuen Rächers lief er, was der Boden gab, dem Tale zu. Die anderen machten Jörgs Schlitten zum Transport zurecht. Aber wirklichen Gewinn zog nur einer aus diesem Handel, und das war der versoffene Schreiner Frick, der einen guten Moment erpaßte und das vergessene Zehnfrankenstück schnell in einem Stiefclschaft verschwinden ließ. » Mit der Kantonsrätin ging es zu Ende. Die zunehmende Herzschwäche hatte noch die Wasiersucht im Gefolge, und in den letzten Märztagen erklärte der Arzt, daß der Tod nicht mehr aufzuhalten sei. Die Kranke fühlte es selbst am besten, denn das Atemholen wurde ihr von Tag zu Tag schwerer. Die Erstickungsanfälle wiederholten sich rasch, und endlich wünschte sie nichts sehnlicher herbei als ihr letztes Stündlcin. Am Morgen des Tages, der die Erlösung brachte, hatte sie Sohn und Tochter noch einmal allein an ihr Bett gc- rufen. Eine Menge teurer, köstlicher Erinnerungen aus deren Kindheit bestürmte die scheidende Seele. Wahrlich, sie brauchte ihren Lebtag nicht zu bereuen, hatte sogar ein red- lich Teil zum Wohlstand des Hauses beigetragen, und war dazu nicht geplagt von jenen bitteren Sterbensgedanken, die ein ungerechter Wandel ein Ende zeitigen muß. Die Ereig- nissc des ihrigen lagen unverstellt da. wenn auch nicht so ganz ohne die Beschönigung der Selbstgerechtigkeit, in welche glückgesegnete Menschen so gern verfallen. Von schweren Kämpfen war sie bis zu Begiim ihrer Krankheit immerdar verschont geblieben. Das Glück hatte sie in mancherlei Ge- stalten: der Zufriedenheit, des Behagens und Gedeihens, fast auf Schritt und Tritt begleitet, und von all den Nagetterchen des Herzens, als da sind: Armut, Schuld, Neid, Haß, Eifer- sucht, hatte ihr schließlich nur die letztere über Gebühr Schmerzen verursacht. Ihr Gefährte war nämlich trotz seiner sünfundfünfzig Jahre, weim er wollte, noch ein rüstiger Hoch- zciter, der auch unter den Jüngsten noch wählen konnte. Und dieser Gedanke freilich hatte scharfe doppelte Schneide. Er zeigte einmal ihre Entbehrlichkeit hienieden, ließ sie sogar fürchten, dem Manne schon lang zur Last zu fallen, und drückte sie nieder mit der Vorstellung einer jungen hübschen Nach- solgerin, welche allmählich„die Spur von ihren Erdentagen" auslöschen werde. Gleichwohl fand sie nicht den Mut, dem Gatten ein Gelübde abzunehmen, keine ziveite Heirat zu schließen. Auch sann und sann sie vergeblich darüber nach, wie sie sich anders die Alleinherrschaft hätte sichern sollen. Die tiefinncre Verkettung fehlte— ihre Seelen waren zu lange wunschlos nebeneinander hergegangen, versunken ini Einerlei eines unbestrittenen Wohlergebens. So mußte sich die Aermste in der Sorge um ein liebreiches Angedenken zuletzt ganz an die Kinder halten. tgortsetzung folgt.) Die ewigen Arbeiter. Eine soziale Wanderung von Kurt Eis» er. II. Die Schleif- und Polierwerke, die das halb veredelte Spiegel- glas zur Fertigstellung nach Fürth liefern, sind überall in der Ober- Pfalz verstreut; sie folgen den Flutzläufen, deren Wasser ihnen die mechanische Lkraft giht. Ich sah die entlegensten dieser Werke. Bei einer Wanderung im Murrntal schon nahe der böhmischen Grenze. Diese Hütten des Murrntalö gelten als die verhältniSmätzig erträglichsten in diesem Gebier und ich besuchte sie an einem heileren wannen Herbsttags, nicht im Winter. Ivo sie verschneit liegen. Ich besuchte sie am Tage und nicht in der Nacht. Und ich sah sie endlich gerade an dem Tage, da vierwvchentliche unfreiwillige Ferien zu Ende gegangen waren und der Betrieb wieder aufgenommen wurde; da herrschte noch etwas wie Feiertagsstimmniig. wie Ausgcruhtheit und Behaglichkeit. Die Hetzjagd war noch im Gange. Wenn trotz dieser günstigsten Umstände sich die Verhältnisse mehr wie Aus- geburten eines toll gewordenen Menschenqnälers, wie kapitalistische grausame Fieberträume, denn wie Wirklichkeit darstellte, so mag man einen Begriff davon erhalten, welche Eindrücke ein Wanderer mit sich nehmen würde, der in einer eisigen Winlernacht die schlimmsten dieser Arbeitsstätten besuchen würde. Ueber Schwandorf— Bodenwöhr zweigt das Bähnchen von der Hauptlinie ab, das nach Ncunburg vorn, Wald führt. ES ist ein lustiges altes Städtchen, dessen helle Häuser bcrgwärtS zum Schloß und zum Dom klettern. In seinen Hauptstraßen scheinen nur Gast- Häuser zugelassen zu sein, ehemalige Klöster und Schlösser sind da zu Bierbrauereien umgewandelt, die das billigste Bier der Erde hervorbringen; denn in der Oberpfalz kostet das Liter nur 20 Pf. In einer kleinen Wanderung erreicht man von hier den Wald,»och eine anmutige Ortschaft tind dann geht es hinauf in die unendliche Einsamkeit deS ernsten Tales. Bald springt am Bach die erste An- siedelung schroff und plump empor. Trotz ihres Alters haben sich diese ungefügeit Gebäude nicht in diese Wald- einsamkcit hineingewvhnt, Sie sind fremd geblieben in der Natur, in ihrer nackten geschäftlichen Oede. Sie sollen Gewinn abwerfen, Produktionskosten' sparen, nicht Menschen freundliche Hausung ge- währen. Um die langgestreckte Scheune, die das Werk birgt, ein paar armselige Hütten, in denen die Menschen wohnen. Diese Hütten sind der Stolz der Murrntalwerkc, denn anderswo haben die Arbeiter überhaupt keine Wohnung, sondern sie hausen unter dem Dach der Hütte oder in der Werkstatt selbst. Alles ist schmutzig, verfallen, wie unfertig. Und die Oede der Ansiedelung wird noch gesteigert durch die Blutsarbe, die Häuser. Bodengegenstäiide und vor allem die Menschen beschmutzt. Alles ist von diesem abscheulichen Rot befleckt, das die Leute dort Potlic nennen: ES ist das Polierrot am tiefsten in seinen religiösen Anschauungen offenbart. Ein historischer Vorgang, das Auftreten des seltsamen Propheten Erik Janffon in Dalekarlien und die Auswanderung einer ganzen Schar von Bauern nach Palästina, gaben den Ausgangspunkt. Die Dichterin führt uns mitten hinein in die enge düstere, leiden- schaftliche, wilde und ekstatisch erregte Welt der Bauern, indem sie die Geschichte eines Geschlechts, der Jngmarsöhne, darstellt. AuS tiefer Not und felsenfestem Glauben erwächst diesen Menschen notwendig daS lockende Verheißungswort: Jerusalem. Wie sich nun aus diesem einen Teil die ganze Bewegung entfaltet, wie sich; die Schwärmerei zu immer wilderer Ekstase entwickelt und endlich zur Lawine anwächst, das wird in dem ersten Band von Jerusalem geschildert. Vor dem Scherblick der Erweckten verschwindet die ärmliche Heimat, und die Weite der ganzen Welt tut sich vor ihnen auf, die unendliche lockende Ferne des Meeres, die Pforte des heiligen Zion; mit dem Auszug nach Jerusalem schließt der erste Teil in einem ergreifenden Finale ab. Die dichterische Schönheit dieses Werkes ist von einer einfachen Klarheit, von einer überzeugenden Kraft, die jedes Uebermaß deS Gefühls und der Worte vermeidet. Die beiden Tonarten, über die Selma Lagerlöf als Meisterin gebietet, der unrubig schwere an- deutende Balladenton nnd die einfach kindliche Märchenbunthcit, haben ihre Wirkung miteinander vereinigt, um einen ganz neuen Stil hervorzubringen. Schon im zweiten Teil von Jerusalem, der ins heilige Land führt und das Schicksal der dalekarlienschen Bauern in dem fremdartigen Milieu des Morgenlandes darstellt, versagt bisweilen die Kraft und eine verschwimmende Weichheit tritt an die Stelle der großen Konturen. Das biblische Pathos und die energische Wuchr historischer Schilderungen, wie sie der Stoff erfordert, fehlen der Erzählerin. Ihre Visionen werden zu rührenden Volksmärchen, ihre Legenden zu herzlichen Kinder- geschichtcn, deren Poesie in kleinen innigen Zügen, nicht in der Herausarbeitung des Grundgedankens liegt. Selma Lagerlöf ist am großartigsten da, wo sie auf dem Boden ihrer Heimat steht, und auch wenn sie sich in die Lüfte erhebt und auf den Flügeln ihrer Phantasie in die Weite zieht, doch mit ihrer schwedischen Erde in Berührung bleibt. Deshalb gehören ihre„Christuslcgenden", so fein sie auch Sagen und Erzählungen von Jesus, wie sie die apo- kryphen Evangelien überliefern, in einer persönlichen Form uns nahe zu bringen weiß, doch i icht zu ihren besten Schöpfungen. Wohl aber find viele ihrer Geschichten des höchsten Lobes würdig, in denen die grausige Stimme der altnordischen Sage ertönt oder die weiche Melodie einer lieblichen Idylle einen alltäglichen Vorgang umspielt. Wie ursprünglich groß die Phantasie dieser Frau ist, wie sie sich hineinvcrscnken kann in die Mord- und Blutstimmung der Vor- zeit, das zeigt z. B. ihre Erzählung„Herrn Arnes Schatz", in der der schrille Ton des Mordmessers, das zur Untat gewetzt wird, beständig leitmotivisch anklingt und das Verbrechen allmählich in gräßlicher Deutlichkeit vor unS aufwächst. Und daneben denke man an das herrliche Kinderbuch, das in den letzten Jahren ge- schaffen, an die„wunderbare Reise des kleinen Nils H o l g e r s s o n". der mit den Wildgänsen auszieht auf merkwürdige Abenteuer, an diese schönste Dichtung, die wohl ein moderner Poet der Jugend geschenkt hat und in der man die Kindlichkeit Andersens mit einer klugen Weltweisheit vereint findet. Es scheint, als ob in der Seele Selma Lagerlöfs mannig- fache Wesen ihrer vaterländischen Vergangenheit lebendig ge- worden sind, etwas vom Skalden und etwas vom Wikinger; die männlichsten Elemente leben in ihr, aber im Grunde ist es doch die Güte und Herzensstärke der Frau, die ihrem Dichten die charakteristischste Note gibt. Dr. P. L. Kleines f euilleton» (Geographisches. ShackletonS Reisebericht. Der abenteuerliche, un- teheuerliche Reiscroman hat seit den ältesten Zeiten stets sein dank- ares Publikum gefunden. Die Menschheit ist ja, bis auf ver- schwindende Ausnahmen, durch die Arbeit stets an die Scholle ge- fesselt, und mir die Phantasie kann, dem Wandertriebe folgend, in die Ferne schweifen. So reist sie denn über die Ozeane zum Magnet- berg, entdeckt seltsame Geschöpfe, schwimmende Eilande, unterirdische Schlösser, kämpft mit Riesen und läßt sich voni Bogel Phönix zum Kaiser von Hinterchiua tragen. Aber schließlich erschöpft sich der fabulierende Reiz. Die Erde wird bekannter, schon ist sie nicht mehr unendlich, nach allen Richtungen wird die begrenzte Kugel bereist > und kein Vogel Phönix findet sich, wohl aber in allerhand Variationen und anderer Gestaltung derselbe Daseinskampf wie da» heim. Da wirst man die Märchenbücher, die Cooper, Marryat, Jules Verne und Karl May mißvergnügt zur Seite und schreit nach der Wahrheit. Wir sind jetzt wissenschaftlich geworden und exakt und lasten uns nichts mehr vormachen. Wenn das Tagebuch des , Reil enden nicht von drei Eskimos mrd einen, Neger telegraphisch auf- seine Richtigkeit beschworen wird, so glauben wir ihm eben nicht. Stimmt aber die Geschichte, so mag er weitererzählen von den Gefahren der Eiswüsle, von Gletscherspalten, erfrorenen Zehen usw. usw. Täuschen wir uns darüber nicht: Der zwei- oder mehrbändige Bericht des heutigen Forschungsreisenden, wie er(meist bei Brockhans) mit einer Fülle von Bildchen herauskommt, ist nichts als der abenteuerliche, ungeheuerliche Reiseroman früherer Perioden in moderner Gestalt. Wenn er einige Prozent populärer Wissen- schaftliwteit voraus bat, so ist er dafür literarisch um hundert und mehr Prozent schlechter. Die Nachfrage nach authentischer Gefahr- schilderung ist einnial da, und ihr folgt unweigerlich daS emfprecbende Angebot. Deshalb tadle ich weder den Verleger, der das hauptsächliche Geschäft macht, noch den Autor, der von vornherein mil diesem Ge- winn oder Ersatz seiner Reisespesen rechnet, noch endlich den Ueberietzer, der häufig um einen Pappenstiel das ganze mit der Uhr in der Hand runlerschmieren muß und nicht Zeit behält, wenigstens die gröbsten Sprachsehler zu korrigieren. Für alle diese Beteiligten ist das ganze nur ein ökonomisches Ereignis, eine Konjunktur. Der hohe Preis dieser Bücder beweist neben ihrem Inhalt ohne weiteres, daß die behäbige und oberflächlich gebildete Bourgeoisie das Gros der Käufer stellt. Für den Arbeiter genügt die Charakterisierung dieser ganzen Gruppe von Werken zu der Einsicht, daß er derartige Leftüre, um die eigene Anschauung zu gewinnen, nur au§ Bibliotheken zu entleihen. aber nicht selber anschaffen wird, am allerwenigsten auf die allent- halben grassierenden Abzahlungsraten hin. Machen wir nun eine Probe aufS Exempel. Es erschien ShackletonS Werk„21 Meilen vom Südpol"(Berlin bei Wilh. Süsierott, 2 Bde.). ShackletonS Reiseroute ist an dieser Stelle schon genügend dargestellt worden. Er war natürlich nicht allein unterwegs, sondern von einem Stabe der verschiedensten Fachleute begleitet. Indessen gebührt ihm. als dem Spiritus rector, der mebrste Ruhm an der Sache. Aus den beiden Bänden der deutschen Aus- gäbe. die Hals über Kovf iür den Weihnachtstisch fertiggestellt wurden, hat man das Wissenschaftliche ganz fortgelasten; es folgt in einem dritten Band noch, der freilich viel weniger gekaust und so gut wie gar nicht gelesen werden wird. Dabei wird auch dieser dritte Band immer noch quasi populär sein. Denn das wirkliche. das heißt fackimäßige wisienschaftliche Fazit läßt sich nicht so ans dem Handgelenk schütteln, bedarf oft jahrelanger Verarbeitung und wird schließlich in einer Form veröffentlicht, die für kein Publikum verdaulich ist. ShackletonS und seiner Genossen Mühsal war be» greiflich groß; und da die wisienschastlichen Konstalierungen, die an den Polen unserer warten, gegenüber anderen vorhandenen Auf- gaben verhältnismäßig unbedeutend sind, so darf man wohl an- nehnien, daß die Teilnehmer außer vom Ehrgeiz, auch noch von andere» Momenten getrieben wurden, Leben und Gesundheit bei dem Unternehmen zu riskieren. Es ist wohl in der Haupt- fache jener eigentümliche Reiz, unbekannten Gefahren zu trotzen. der zu elemciirarer Mächtigkelt anschwellen kann und der in der Menschheitsgeschichte schon die größten Umwälzungen �herbeigeführt hat. Was den weißen Fleck auf der Landkarte anbetrifft, dies irr- lichternde Nichts, daS jetzt eine Anzahl von Geographen fasziniert, so wiffen wir also nun mit ziemlicher Bestimmtheit, daß die Gegend deS Südpols(im Gegensatz zum Nordpol) von Land, und zwar von einen, kominentaleu Hochvlateau eingenommen wird. Die gesamte Landmaste der südlichen Erdhälfte beträgt also ein wenig mehr, als früher angenommen wurde. Gegenüber da» Waffer derselben Erdhälfte ist sie aber immer noch außerordentlich in der Minderheit. Man muß einen Globus betrachten, um da? recht zu erkennen, weil alle planen Karten die gewölbte Erdoberfläche nur in stärkster Verzerrung wiedergeben können. Die Verteilung von Land und Wasser zwischen nördlicher und südlicher Halbkugel ist ko überraschend verschieden, daß man meinen sollte, dies Verhältnis müsse daS Gleichgewicht der Erde beeinträchtigen. Doch denke man sich alle? Ozcanwasicr fortgenommen; die dann sichtbaren Gruben de: Ozeane find im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt deS festen Erd- körperS nicht der Rede wert. Shacklcton stieg einen Gletscher hinaus zum Hochplateau und pflanzte, als er nicht mehr weller tonnte, das Banner von Großbritannien in der Eisfläche auf. So fern von der Heimat mag solche symbolische Handlung gewiß rührsame Gefühle erwecken; auf den Leser wirkt eine derartige„Besitzergreifung" aber nicht erhebender, als die Ent- hüllung irgend. einer Puppe aus der Siegesallee. Streichen wir nun aus dem Werk die Sensation, daß die Teilnehmer eben„dort" waren, so bleibt herzlich wenig und wir sind schon auf das Niveau der„höheren Jugend" angelangt mit umständlichen Schilderungen, wie man gegessen, getrunken, geschlafen und wieder gegessen hat, was die Pinguine zum Grammophon sagten und die Seehunde zum initgefübrlen Automobil usw. Die pholographischen Ausnahmen sind so, wie sie in Anbetracht der Umstände eben nickt bester sein können und die Uebersetzmig wäre lesbar, wenn's das Original schon ge- wesen wäre und die deutsche Sprache überhaupt nicht so schrecklich schwer sein würde.___ Alfred Kind. Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckaei u.Vcrl«g«an>raU Paul Singec s-Co.. Berlin LAl.