Nnterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 232. Dienstag den 28 Dezember. 1909 lNachdruiI dcrvott«.) 20] �obelvolk. Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. Von seinen ungetrübten, denkfähigen Stunden, deren freilich von Tag zu Tag weniger wurden, begriff sie rein gar nichts. Er hätte ihrethalben getrost ein simpler Schreiber oder Ladendiener sein können, wie angeblich sein Vorgänger einer war. Die anfangs mit ihr angestellten Bildungsversuche mußte Heinrich bald wieder fallen lassen. Zwar hörte Marei ihn gern Geschichten lesen, und da sie seine gute Absicht merkte, gab sie sich sogar redliche Miihe, stets aufmerksam zu er- scheinen, allein es blieb wenig in ihr zurück, kein noch so er- lesenes Samenkorn gedieh in dieser begehrlichen, lüsternen Halbtierseele. Was konnte sie einmal ihren Kleinen geben und erzählen? Nicht mehr, als was sie selbst von ihrer Mutter empfangen— und das war neben der Rute einzig der gröblich nüchterne Leitfaden:„Sei fleißig und sparsam, stiehl nicht, duck Dich vor großen Herren und gedenke, daß Armut eine Schande istl" Darum machte Heinrich, wenn ihm die gemeinsame Zu- kunft einfiel, allemal nach innen und außen die Augen zu. Es war schon viel, wenn er einmal noch zur Einsicht kam, daß ihm selber einst eine schönere vorgeschwebt hatte— so groß waren seine Verluste in diesem entnervenden Spiel der Sinne, darin Marei sich ihm zu allem noch in jedem Augenblick über- legen fühlte. Nie verstummten ihre Reize, nie. ließ sie den Gesellen in Wunschlosigkeit sinken, und obgleich er, bald ent- kräftet, sich selbst kaum mehr ähnlich war, mußte er doch immerfort an ihr hangen und bei ihr sein. Mit der Zeit erreichte die schlaue Beherrscherin der Instinkte so ziemlich alles, was sie wollte. Sogar die Wiege mit der kleinen Berta stand nun oben in der Kammer, und Heinrich selbst trug das Kind nicht selten liebkosend in seinen Armen. Aber gerade an jenem Frühlingsmorgen, als Elsbeths Mutter begraben wurde, kam es in dem ohnehin verrufenen Tobelhaus zu einem Tumult, der bald im ganzen Dorf be- kannt wurde. Heinrich war am Vorabend plötzlich in eine katzenjämmcrliche Stimmung geraten, in der es ihn gelüstete, sich einmal an Marei sowohl als an der Base sattsam zu rächen für alle Demütigungen, die sie ihm bereitet hatten. Wie sie schon im Bett waren, sagte er zu Marei:„Morgen früh machst Du mir dann ein weißes Hemd und den schwarzen Anzug zurecht. Ich muß mit der Leich." Einen größeren Schrecken— das wußte Heinrich genau — konnte er ihr nicht einjagen. Sie richtete sich denn auch sogleich energisch auf. „Du bist nicht recht bei Trost! Schämst Du Dich nicht? Und warum solltest Du denn„müssen"?" „Das gcht Dich nichts an!" erwiderte er höhnisch, ihr den Rücken kehrend. »„So? Selb' war mir denn späßlich! Ich will doch sehn"— meinte sie schnell beraten und legte sich desgleichen aufs Ohr. In der Früh stand sie, wie gewohnt, zuerst auf. Und während Heinrich noch schlief, nahm sie sein schwarzes Gewand und verbarg es im Schrank der Mutter, der sie natürlich von seiner Absicht erzähkte. Dann machte sie guten Kaffee und brachte ihn hinauf, wo sie von Heinrich, der noch unter der Decke lag, gleich mit der Frage nach seinen Sachen empfangen wurde. Sie versuchte zuerst, ihn mit Güte umzustimmen. Es könne ihm doch gar nicht ernst damit sein! So eine Schande werde er ihr und den Ihrigen nicht antun wollen. Ob er denn vergessen habe, von wem er damals geohrfeigt worden— wie Jörg ums Leben gekommen sei? Die Halden- steiner würden sich ja vor Verwunderung die Augen aus den Löchern drehen, wenn er bei diesem Leichgang erschiene. Und überdies solle er doch lieber einmal mit etwas anderem ernst machen, wobei der schwarze Rock auch mit besserem Anstand zu tragen wäre! Heinrich sagte gar nichts, so viel sie noch vorbrachte, fondern stand auf, wusch sich und zog ein weißes Hemd an. Als er jedoch den Anzug suchte, war der nirgends zu finden. Marei nahm das schlafende Kind aus der Wiege, das sofort zu schreien anfing, und ging damit halb bang, vielmehr in einer perversen Spannung und Foltersucht hin und her, den Blick unentwegt fest auf Heinrich gerichtet. Endlich be- griff er ihre kühne Taktik. Ohne erst, wie oder wo, zu er- künden, befahl er ihr, die Kleider schleunig wieder herbeizu- schaffen. „Nein, Heinrich— um keinen Preis! Denn ich leid's einmal nicht, daß Du uns solche Schande machst. Wir haben es nicht um Dich verdient!" jammerte sie und setzte sich, weil ihre Knie zitterten und nachgaben. Heinrich stand immer noch im Hemde da. Auch ihm zitterten alle Glieder, aber vor Wut und nicht vor Furcht. Noch einmal wiederholte er sein Verlangen, und als sie wiederum ihre freche Weigerung hören ließ, schloß er die Tür zu und zog den Schlüssel ab. Marei dachte jedoch nicht entfernt daran, vor ihm zu fliehen: das Kind krampfhaft festhaltend, bat sie, während ihr schon der Schweiß auf die Stirne trat:„Gelt, um Himmels willen, das tust Du nicht. Dazu bist Du nicht fähig, Du wirst Dich an Deiner schwangeren Frau nicht vergreifen, Heinrich." Er sah mit seinen cinge- fallenen Wangen, den umduukelten Augenhöhleu, dem ver- zerrten Mund einem gefährlichen Tollhäusler gleich. Zuerst, entstand ein Kampf um das zappelnde, quäkende Kind, das er ihr schließlich entriß und in die Wiege bugsierte, während Marei, die noch im Unterrock war, sich, im voraus weinend, schmcrzergeben aufs Bett warf. „Willst Du nun gutwillig gehn!" fragte er sodann heiser, sich selbst entfremdet, wutschäumend und ergriff sein Bambus- rohr. Aber sie schüttelte nur den Kopf, biß verzweifelt ins Kissen, der Schläge gewärtig, die nun sogleich hageldicht fielen, so daß die Gezüchtigte vor Schmerz gegen ihren Willen aus Leibeskräften um Hilfe rief. Der Vetter Bastian kam an die Tür, klopfte und drohte, die Base lief ins Freie und schrie da Mord und Totschlag aus. Aber der Rasende schlug drauf los, bis er keine Kraft mehr hatte. Danach trank er in einem wahren Rausch befriedigter Rache seinen Kaffee, ohne sich mehr als mit einem gemeinen Grinsen um das Geschrei drinnen und draußen zu kümmern. Erst am späten Nachmittag ließ er die wiederum sieg- reiche Marei zum Kochen hinuntergehen. Er selbst setzte vor Scham und Schande drei volle Tage keinen Fuß über die Schwelle des Hauses. Dagegen hörte er wohl den Dreiklang der Glocken, unter dem die Kantonsrätin zu Grabe getragen wurde. Er versuchte sogar, sich vorzustellen, wie Elsbeth dem Zug der Frauen auch im Leid als höchste Zierde voranschritt, das Antlitz verborgen hinter dem dichten, langen Schleier, die schöne Gestalt ganz von einer milden Trauer umflossen. Dann mochte Heinrich Anderegg sich nicht mehr länger ver- hehlen, daß er das verächtlichste und elendeste Geschöpf war, soweit er Menschen kannte. Nur konnte er trotz allem Sinnen nicht begreifen, warum das alles gerade so und nicht anders kommen mußte. � Träg, mit bleieiner Schwere rollte ein Gewitter von Osten her. Treustadts Dächer und Türme waren schon dick und grau belagert, zahme Blitze zischelten, schlängelten hin und her am Horizont, und der Donner glich dem Knurren eines schlafenden Hundes. Halb lag der See schon verfinstert da mit jenen feinen Kräuseln, die an weiße Lämmerwölklein des Himmels gemahnen: die andere Hälfte schillerte noch im fahlen Glanz der Nachmittagssonne. Marei saß draußen auf der Steintreppe und zog von einem vor ihr liegenden Haufen Rohware scharf äugend einen Abschnitt nach dem andern übers Knie. Wo dann ein Blättchen, ein Hohlsaum fehlte, da flog ihre Rechte mit Nadel und farbigem Zwirn emsig hin und wieder.'Trotz ihres be- schwerlichen Zustandes hielt sie sich vom Morgen früh bis in die Nacht dazu, und ihre Geschicklichkeit war so groß, daß sie ihre halbe leicht für eine ganze Stunde berechnen durfte. Diesen Fleiß hatte sie vom Vater geerbt: er brachte ihr einen Taglohn, um den sie jeder Handlanger beneiden konnte. Von Zeit zu Zeit warf sie einen spähenden Blick hinab auf den schattigen Rain, der das Haus vom Tobelweg trennte. Da lag ihr Heinrich in Hemdsärmeln bäuchlings im Grase und las mit aufgestützten Ellbogen. Im Gärtchen spielten Jörgs Kinder, deren eines schon grosj genug war, das kleine Bert- chen zu hüten. Auch diese behielt Marei im Auge; sie durften sich kaum rühren. Bei jedem Schrei wurde ihnen gleich mit der Rute gedroht, von der die böse Tante Marei Nvat mehr Gebrauch machte als die leibhaftige Mutter. Diese sah, wenn sie nicht Botendienste tat, zumeist bei den Schwiegereltern im Saal und hatte überhaupt nichts mehr zu sagen. Seit das Aufgebot von Heinrichs Trauung mit Marei erfolgt, an den amtlichen Stellen angeschlagen, sogar von der Kanzel herab verkündigt war, hatte die glückselige Braut unumschränkte Gewalt im elterlichen Hause. Jörgs bedauernswerte Witwe muhte wohl oder weh die beiden Vorderzimmer verlassen. Diese wurden mit einem beträchtlichen Geldaufwand tapeziert und mit feinen, hellgebeizten Nuhbaummöbeln eingerichtet. Heinrich konnte freilich nicht erfahren, woher das Geld eigentlich stammte. Die Base hatte ihm nur eines Tages kurz- weg kundgetan, daß ihre Marei nicht mit leeren Händen Hoch- zeit mache; ihre Aussteuer bestehe in dreitausend wohl- gezählten, baren Franken, wovon die Hälfte zur Herstellung einer gemütlichen Wohnung dienen möge. lFortsehung folgt.) Die religiösen Vorstellungen äer Japaner. In einem Zeiträume von wenigen Dezennien hat sich das asiatische patriarchalisch-feudalistische Japan in einen modernen konstitutionellen Staat verwandelt, der in politischer Hinsicht den meisten europäischen Kulturstaaten nicht in vielem nachsteht. Während die europäischen Staaten Jahrhunderte bedurften, um vom„Mittelalter" zur„Neuzeit" zu gelangen, um die Macht der Feudalen durch den Absolutismus zu schwächen und dann durch Erweiterung alter Volksvertretungsinstitutionen und Einführung neuer die Macht der absolutistischen Bureaukratie zu lindern, hat Japan, wie einer der besten Kenner dieses Landes bemerkt,„beide Perioden auf einmal durchgelaufen"—„die Konzentrierung der Staatsgewalt in den Händen der Regierung und die Einführung gewählter Vertretungen in Gemeinde, Bezirk und schließlich im Staate".*) Schon die Schnelligkeit der Umwandlung beweist, daß die Wirt- schaftlichen und politischen Vorbedingungen zum Ucbergang eben zu einer modernen Staatsordnung schon längst vorhanden waren, daß dieselben Faktoren, die die Macht der Feudalen untergraben hatten, auch die EntWickelung des Absolutismus unmöglich machten. Frei- lich wurde der Prozeß beschleunigt durch die geographische Lage Japans, durch den Drang aller zivilisierten Völker(Europas und Nordamerikas) nach dem„fernen Osten" und das Vordringen Ruß- lands in Ostasien. � Allein diese„äußere Gefahr" hätte nur zum Niedergang Japans führen können, wären nicht die inneren Vor- bedingungen zur Umwandlung der Staatsordnung vorhanden ge- Wesen. Dank der inneren, namentlich wirtschaftlichen Reife des Landes hat sich die Umwandlung ohne große innere Erschütterungen vollzogen. Abgeschafft wurde nur alle?, was in direktem— wirtschaftlichem oder politischem— Widerspruch zur neuen Ordnung stand. Alles, was von Kultur, Brauch, Sitte und Tradition ihr nicht widersprach, blieb bestehen. So kam es auch, daß das modern- konstitutionelle Japan eine Religion behalten hat, die man nur noch bei Naturvölkern oder auch spurcnhaft in der älteren Ge- schichte der zivilisierten Völker finden kann. l. Die Grundlage aller religiösen Vorstellungen der Japaner bildet der Shintoismus(sprich: Sintoismus)— die Ehrung der Verstorbenen. Also eine Art Seele nkultu s.**) Der Seelen- kultus gehört überhaupt zu den ursprünglichsten religiösen Systemen, dem vielleicht nur die Verehrung der Naturkräfte voran- gegangen ist. Uebrigcns ist es nicht ausgeschlossen, daß der Seelen- kultus auf einer und derselben Kulturstufe entstanden ist mit der Verehrung der Naturkräfte. Bei den meisten Völkern, die ein ent- Wickeltes System der Verehrung der Naturkräfte besitzen, findet man auch Anfänge des Seelcnkultus. Bei manchen existieren beide Systeme parallel und unabhängig voneinander. Im Shintoismus finden wir auch Spuren der Verehrung der Naturkräfte. Allein diese erscheint nicht als selbständige Auffassung, sondern als ein dem Seelenkultus untergeordnetes Element der religiösen An- schauung. Dieselben Kriegsführer, Helden und Fürsten, denen be- sondere Tapferkeit, Weisheit oder besondere Verdienste um das ganze Volk zugeschrieben werden, erscheinen auch als Götter der Naturkräfte, der Nahrung, der Berge, Flüsse usw. Die Ehrung der Seelen dieser verstorbenen Menschen stellt zugleich den *) Karl Rathgen, Die Japaner und ihr Wirtschaftsleben. **) Die Darstellung des Shintoismus entnehme ich hauptsäch- lich den sehr interessanten, jüngst veröffentlichten Mitteilunger des russischen Reisenden Azbelew. Kultus der Naturkräfle dar. So ist T e n st o- K a d a i j u tt ein Held, ein tapferer Kriegsführcr und zugleich der Gott der Sonne; I i m m u— der erste Kaiser und zugleich die Gottheit der Frucht- barkeit usw. In der japanischen Mythologie gibt es eigentlich keine Götter, sondern nur G e i st e r. Da sich aber die Seelen aller verstorbenen Menschen in Geister verwandeln, so zeichnen sich die von der ganzen Nation verehrten nur durch die Größe ihrer Taten oder Eigenschaften, nur durch die besondere Bedeutung für die ganze Nation oder besonders Verdienste aus. Die übrigen Verstorbenen sind auch Geister und müssen als solche verehrt werden, aber nur im engeren Kreise der Verwandtschaft oder Lebensphäre, der sie angehörten. Der erste Mythenzyklus ist augenscheinlich entstanden zu einer Zeit, da die Japaner noch ein kleines Völkchen bildeten, das in gleichen territorialen und sonstigen Verhältnissen lebte, zu einer Zeit, da es noch keine sozialen Unterschiede gab.*) Deshalb werden auch diese Geister von den Japanern aller Landesteile und aller Stände noch heutzutage verehrt. Sie sind der Ausdruck der nationalen Einheit. Die erste Geistergruppe ist der Sage nach göttlicher M-i stammung. Derselben Sage nach ist aber auch das ganze japanische Volk göttlicher Abstammung, verwandelt sich die Seele jedes Ja- paners nach dem Tode in einen Geist. Deshalb werden auch die nationalen Geister nicht als etwas Uebermenschliches, nicht als höhere Wesen verehrt, sondern nur als Seelen verstorbener Stammesgenossen, die bei Lebzeiten besonders berühmt waren. Mit der Ausbildung der abgeschlossenen Familie entsteht für jede einzelne Familie ein neuer Kultus: Ehrung der Seelen der gestorbenen Familienmitglieder. Nicht der Ahnen- oder der Eltern- kultus, sondern der Kultus aller verstorbenen Familienmitglieder — Eltern, Geschwister und Kinder. Daraus kann man schließen, daß der Familienkultus entstanden war, als die Familie bereits eine abgeschlossene Einheit darstellte, aber noch nicht den aus- gesprochenen patriarchalischen Charakter angenommen hatte. In der patriarchalischen Familie haben die lebenden Eltern, be- sonders der Vater eine unbeschränkte Macht über die Kinder, auch eine große moralische Autorität. Bei den meisten Völkern hat dies auch zur besonderen Ehrung der Eltern nach deren Tode geführt— zum A h n e n'k u l t u s. Bei den Japanern dagegen sind alle ver- storbenen Familienmitglieder gleich, müssen alle im gleichen Maße auch verehrt werden. Oester werden zwar die zuleht Gestorbenen bevorzugt. Aber nicht, weil sie eine höhere Art Geister sind, son- dern nur, weil sie die Lebenden und deren Verhältnisse und Be- dürfnisse besser kennen. Die nationalen und Familiengeister beherrschen das nationale und Privatleben. Dies sind die Urformen des Shintoismus, die Formen, die nur in der Periode des engen Zusammenlebens der Japaner auf einem kleineren Territorium entstehen konnten. Bald aber mußte sich die Bevölkerung in die verschiedenen Teile der zu- erst besetzten Insel und dann auf die benachbarten Inseln zer» streuen. Der nationale Zusammenhang kam ins Stocken. Jede Insel, jede Provinz einer und derselben Insel, durch das Meer oder durch hohe Berge oder durch Flüsse von den anderen getrennt. führte ein selbständiges Leben. Das fast tropische Klima und die wunderbare Fruchtbarkeit einiger Gegenden ermöglichten die Ab- sondcrheit der Teile. Die schlechten Verkehrsbedingungen machten für Jahrhunderte die EntWickelung de» Handels und der Industrie unmöglich., Während dieser langen Periode der Absonderhcit der Pro- vinzcn entstanden neue Kultusobjekte— territoriale Geister; die soziale Zergliederung brachte die Verehrung ständischer Geister, Ehrung der Seelen der verstorbenen Be- rufsgenossen. Allein diese neuen Kultusobjekte spielten keine große Rolle. Im Vordergrunde blieb der Familienkultus. Mit dem Wiedererwachen des nationalen Lebens kam auch der nationale Kultus auf die frühere Höhe. Der territoriale Kultus verschwand fast vollständig, vom ständischen oder BerufskultuS er- warb nur der Kultus der verstorbenen Krieger großes Ansehen. II. Die Grundsätze des Shintoismus sind folgende: I. Die Seele des Verstorbenen lebt fort als Geist. Sie hält sich auf im Grabe des Verstorbenen oder in seiner früheren Wohnung(es gibt also kein Jenseits). 2. Die Seele jedes Verstorbenen besitzt über- natürliche Kräfte, im übrigen aber behält sie alle Eigenschaften, durch die sich der Verstorbene im Leben auszeichnete. 3. Die Wohl- fahrt der Seele hängt vom Grade der Ehrung ab, die ihr die Lebendigen erweisen und umgekehrt: der Wohlstand der Lebendigen hängt von der Teilnahme der Verstorbenen an ihrem Schicksale ab. Der Wohlstand der Lebendigen hängt also in letzter Linie von der Ehrung ab. die sie den Verstorbenen erweisen. Diesem uralten Grundsätze des Shintoismus blieben die Japaner im Laufe ihrer ganzen Geschichte treu. Auf diesem Grundsatze beruht die ganze Moral der Japaner. Jede Familie, jeder Stand oder jede soziale Gruppe und endlich das Volk als solches— jedes bildet ein ab- geschlossenes Ganzes, deren Mitglieder durch gegenseitige Bürgschaft gemeinsame Verantwortung tragen. Verletzung der Familienmoral *) Ob der Shintoismus in seinen urältesten Formen auf den Inseln entstanden ist oder die Japaner ihn vom Festlande mit, gebracht haben, konnte bis jetzt nicht festgestellt werden. oder Familieniraditionen durch ein Familienmitglied gilt als Ver- letzung der Ehre der verstorbenen Familienmitglieder und bringt der ganzen Familie Unheil; Verletzung der ständischen Moral bringt dem ganzen Stande Unheil. Verletzung der nationalen Ehr- begriffe dem ganzen Volke. Daher die Ueberwachung jedes einzel- nen durch die Familie, den Stand und den Staat, und umgekehrt die Ueberwachung der Verwaltungsorgane durch die ganze Bevölke- rung. Eben diese uralte Anschauung hat es zum Teil erleichtert, die neuen Zustände ohne große innere Erschütterungen einzuführen. Die verfassungsmäßige Staatsordnung ist durch die wirtschaftliche EntWickelung ins Leben gerufen worden, aber so leicht konnte sie doch nur eingeführt werden, weil sie keine Verletzung der nationalen Geister darstellt: eine Volksvertretung entspricht im Gegenteil den ältesten Traditionen des Volkes und kann als besondere Ehrung der ältesten nationalen Geister betrachtet werden. Wie schon oben bemerkt, haben die Japaner manches fremden Religionen entnommen. Ein Teil der Bevölkerung hat sich sogar zu fremden Religionen bekehrt, namentlich zum B u d d h i s- m u s. Aber der Seelenkultus blieb dabei aufrechterhalten, Kon- Zessionen wurden von beiden Seiten gemacht. Der Buddhismus erkannte die japanischen nationalen Geister als Verkörperung des Buddha, das Fortleben der Seelen in der japanischen Auffassung als einen Teil der buddhistischen Lehre von der Seelenwanderung an. Die Japaner, die sich zum Buddhismus bekehrt haben, haben die philosophische Begründung der ganzen Lehre, insbesondere der Seelenwanderung übernommen. Sie besuchen buddhistische Tempel und Kirchen, zu Hause aber besitzt jede buddhistisch-japanische Familie neben den Abbildungen von von verschiedenen Verkörpe- rungen Buddhas auch große Papierrollen, auf denen die Namen der verstorbenen Ahnen aufgeschrieben sind, und kleine Täfelchen, von denen jedes den Namen eines jüngst verstorbenen Familienangehörigen trägt. Diese Papierrollen und Täselchen werden viel öfter als die Buddhaabbildungen geehrt. Seinen Erfolg in Japan hat der Buddhismus seiner An- Passungsfähigkeit zu verdanken.") Keine großen Erfolge hat da- gegen das Christentum in Japan zu verzeichnen, trotzdem eS dort seit Mitte des 16. Jahrhunderts eifrig durch Missionare ver- breitet wird. Es wäre auch nicht leicht, das Christentum, das„die Toten den Toten zu überlassen" empfiehlt, in Zusammenhang mit der shintoistischen Verehrung der Toten zu bringen. Es existieren allerdings kleine römisch-katholische und griechisch-katholische japa- nische Gemeinden(letztere sind von russischen Misstonaren gegründet), aber auch diese sind in der letzten Zeit bestrebt, sich von den entsprechenden europaischen Kirchen loszureißen und dey Seelenkultus auch im Christentum einzuführen. Wie berichtet wird, soll der von der römischen wie griechischen Kirche gepflegte Heiligenkultus als Vermittclungsband zwischen Christentum und Shintoismus dienen. III. Der Seelenkultus spielt auch heute noch eine große Rolle selbst In den europäisch gebildeten Kreisen der japanischen Gesellschaft. „Kein junger Student, der nach Europa zu seiner Fortbildung geht, kein Soldat oder Offizier, der sich für einen Feldzug vorbereitet, kein Beamter, der nach dem Auslande eine Dienstreise machen muß, kein Kaufmann, der im Begriff ist, eine weitere geschäftliche Reise zu unternehmen— keiner wird es unterlassen, vor der Ab- reise den Friedhof seiner Familie zu besuchen, um von den ge- storbenen Verwandten Abschied zu nehmen und ihren Segen zu erbitten"— berichtet ein Beobachter des modernen japanischen Lebens. Derselbe Gewährsmann(M. Azbelcw, Im Lande der Sieger) teilt folgende, einem japanischen Schriftsteller entnommene Erzählung aus der Zeit des japanisch-chinejischen Krieges mit. Nach der siegreichen Beendigung des Krieges erbat sich eine zur Rückkehr nach Japan bestimmte Abteilung die Erlaubnis, von den gefallenen Kameraden Abschied zu nehmen. Alle verabschiedeten sich von den Toten in den wärmsten Ausdrücken. Besonders lenkte ein junger Soldat die Aufmerksamkeit auf sich durch eine von Tränen mehr- mals unterbrochene Rede:„Mein Freund, Kuto! Ich kehre in die Heimat zurück. Schulter an Schulter unter Regen und Wind, unter einem Hagel von Kugeln haben wir beide gekämpft. Du bist gefallen, ich lebe.... Ich habe das Gefühl, als ob ich Dir gegenüber eine Schuld begehe.... Mir tut es so leid, mir tut es so weh, Dich hier zurücklassen zu müssen. Jedoch sei nicht bc- sorgt: diese Halbinsel gehört jetzt uns. Hörst Du mich?... Du bleibst in keinem fremden Lande. Ich muß fort.... Lebe wohl!" Auch nach dem rusfisch-japanischen Kriege hat der Admiral Togo eine feierliche Rede an die gefallenen Mitkämpfer gehalten, in der er ihnen für ihre Tapferkeit und Pflichttreue dankte.„Ihre Tapferkeit, ihre Vaterlandsliebe," führte er zum Schluß aus,„wird immer in unserer Flotte fortleben, wird immer Begeisterung in der Verteidigung des kaiserlichen Landes hervorrufen. Ich habe die heutige Feier veranstaltet, um Eure Seelen zu ehren. Denn sie find aller höchsten Ehrungen würdig. Indem ich mich von Euch ver- abschiede, bitte ich Euch, unsere Geschenke wohlwollend in Enipfang zu nehmen. Verbleibet in Frieden und Ruhe." Die Seelen werden auch heutzutage nicht nur verehrt, sondern auch beschenkt. E. L. *) Heute gibt es in Japan an 86666 buddhistische Kirchen und sonstige Kultstellen; die Zahl der shintoistischen ist ungefähr 260 666. .(Nachdruck ver»ot«t.Z Die Kinematographie des dn sichtbaren. Eon Fred Hood. Der Kinemaiograph wird im allgemeinen nur als ein Mittel zur Volksbelustigung betrachtet, wenn auch einige Freunde dieser Technik zugeben, daß er ebensogut auch der Volksbelehrung zu dienen vermag. Aber den wenigsten dürfte es bekannt sein, daß auch die Wissenschaft im engeren Sinne, also die Gelehrtenwelt, den Kinematographen heute bereits trefflich zu nutzen weiß. Es ist selbstverständlich, daß es für die Naturwissenschaft und Völkerkunde einen wesentlichen Fortschritt bedeutet, Menschen und Tiere lebend im Bilde vorführen zu können, so daß man seins Studien am lebenden Bilde machen kann. Allerdings kann das Bild nicht vollständig das Original ersetzen, aber es bietet andere» seits doch wieder die Möglichkeit einer genaueren Beobachtung; der auf den Film gebannte fliegende Vogel kann nicht entfliegen und sich dem Beobachter entziehen, wie die Vögel in der Natur. Aber die Kinematographie hat in dieser Hinsicht auch etwas völlig Neues geschaffen— die Vorführung der kleinsten Lebewesen, die sonst nur mit dem Mikroskop wahrgenommen werden können. Diese neue eigenartige Technik befindet sich allerdins noch in den Anfangsstadien; aber was heute noch lediglich ein Schauspiel für einen engen Kreis von Gelehrten ist, wird bald dem großen Publikum zugänglich gemacht werden. Wie ich einer Abhandlung von R. Villers in„La Nature" entnehme, haben wir ganz treff- liche Resultate den Forschungen eines französischen Gelehrten Dr. Comandon zu verdanken, der sich seit einem Jahre mit Unter- stützung der Firma Pathe Fröres beharrlich mit dieser Aufgabe beschäftigte. Dr. Comandon studierte gewisse Blutparasiten, und zwav unter Benutzung des Mikroskops. Um die Bedeutung der kine- matographischen Vorführung von Parasiten zu begreifen, müssen wir uns die Mängel der mikroskopischen Forschung»ergegen- wärtigen. Beim gewöhnlichen Mikroskop wird das auf die Objektiv- platte des Apparates ruhende Präparat von unten her belichtet. Die Lichtstrahlen dringen in der Richtung der Achse beä Mikroskops in das Auge, so daß das vergrößerte Objekt sich schwarz von leuchtendem Grunde abhebt. Sehr häufig aber sind die unendlich kleinen Wesen des Präparates lichtdurchlässig, so daß der Beobachter sich besonderer Vorkehrungen bedienen muß, um sie überhaupt sichtbar zu machen. Er muß die Mikroben durch ein Gift töten, dann die Präparate färben, so daß schließlich die mikroskopische Vergrößerung nur noch gefärbte Kadaver zeigt. In den letzten Jahren sind aber Mikroskope konstruiert worden, die die Beobachtungen der kleinsten Lebewesen ohne weitere Hilfs- mittel gestatten, also nicht die Tötung und Färbung erforderlich machen. Wie mir Professor Dr. E. Raehlmann in Weimar, der ausgezeichnete Kenner dieses Gebietes, mitteilt, ist das von Dr. Comandon benutzte Hyper-Mikroskop im Prinzip identisch mit dem von Zsigmondy im Jahre 1662 erfundenen und von Zeiß in Jena konstruierten Ultra-Mikroskop. Beim Ultra-Mikroskop wird das Präparat durch ein senkrecht zur Achse des Apparates auffallendes Strahlenbündel getroffen, so daß in die Röhre des Mikroskops kein direkter Lichtstrahl dringt. Die auf diese Weise beleuchteten kleinsten Lebewesen geben aber infolge der Licht- brechung sehr intensiv leuchtende Strahlen von sich, wodurch sie in allen Teilen und in allen ihren Bewegungen deutlich sichtbar werden. Dr. Comandon kam nun auf die Idee, das Leben der Blut- Parasiten mit Hilfe des Kinematographen darzustellen; denn auch die vollkommenste Beschreibung und die besten mikroskopischen Zeichenapparate, die zum direkten Nachzeichnen der im Mikroskop gesehenen Bilder dienen, vermögen uns doch keine klare Anschauung von dem Wesen der Parasiten zu geben, während eine kinematographische Vorführung die Natur in der Tat zn ersetzen vermag. Dr. Comandon beschritt jedoch nicht als erster diesen Weg; die Anregung erhielt er von Viktor Henri, der vor kurzem damit begann, den Kinematographen zum Studium der brownianischen oder pedetischen Bewegung zu benutzen. Dr. Comandon führte Herrn Villers, dessen Abhandlung ich ve» schiedene Einzelheiten verdanke, unter anderem einen Film vor, der den Schwanz eines Kaulquappenembrhos zeigte. Man sah inmitten einer Menge von Zellen einen Blutkanal, in welchem längliche Blutkörperchen zirkulierten, die den von einem Strom abgeschliffenen Kieseln nicht unähnlich waren. Zur Gewinnung dieses Bildes war das gewöhnliche Mikroskop benutzt worden. Im Ultra-Mikroskop gesehenes Vogelblut wicS gleichfalls längliche Blutkörperchen auf, die ziemlich unbeweglich in einer mit kleinen weißen Punkten besäten Flüssigkeit standen. Diese Pünktchen sind HämokonieN und zeigen ganz einfach nur, daß das Tier kurz vorher ölige Fette zu sich genommen hatte. Die Fette erzeugen nämlich in den Eingeweiden milchige Tropfen, die die Eingeweidemembranen durchdringen und in das Blut ein« treten, wo man sie noch drei bis vier Stt...den noch der Vwr dauung findet. Nach den friedlichen Bildern entrollen sich wahre Kampf« szenen. Wir sehen einen Tropfen Hühnerblut von einem Tier. tHü init einem Bazillus(spii-ociiaete �silinsrum) infiziert ist. Dieser Bazillus dczimirt die Hühner gewisser südamerikanischer Wezirke. Wir sehen ivieder rote Blutkörperchen, aber in der sie «umgebenden Flüssigkeil schieben lange spiralförmige Fäden mit oalartigen Bewegungen vorwärts und rückwärts, und zwar mit verblüffender Geschwindigkeit. Manchmal sieht man zwei, auch «drei Spirochäten aneinanderhängen und eine längere Spirale Hilden. Plötzlich dringt einer der Parasiten in das Innere eines roten Blutkörperchens ein. Der Bazillus bleibt darin gefangen »md dreht sich verzweifelt um sich selbst, indem er vergeblich einen llilusweg sucht, ändere geraten gleichfalls in die Schlinge, aus der sie sich aber wieder freimachen können. Ein anderer Film zeigt den Blutstropfen einer Maus, die ijnit einem Trhpanosom infiziert worden war. Der Film ist nach Droben gefertigt, die an sechs aufeinanderfolgenden Tagen dem Versuchsobjekt entnommen waren. Es handelt sich um eine Krankheit, die sich schnell entwickelt und stets mit dem Tode endigt. Die Trypanosome, die sich im Blute der Maus mit enormer Ge- jschwindigkeit vermehren, sind sonderbare Wesen. Sie sind von jfo äusterst geringer Ausdehnung, daß man auf den Millimeter LllOOO bis lOOOOO Stück bringen kann— bei Vorführung des Films sehen sie aber auf dem Projektionsschirme wie Geschöpfe von mehreren Zentimetern Länge aus. Sie bewegen sich ähnlich wie Raupen und stürzen sich äußerst schnell auf die roten Blut- lörperchcn, die wie elastische Gummibälle infolge des Stoßes �eingedrückt werden, aber dann ihre natürliche Kugelform wieder annehmen. Das sind nur einige Beispiele aus dem reichen, von Dr. tlomandon bereits gewonnenen Material. Es genügt, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr der Kinematograph «geeignet iit, die Wissenschaft zu popularisieren und große Kreise für ein Gebiet zu interessieren, das sonst ausschließlich Domäne eines engen Gelehrtenkreises ist. Aber den bedeutendsten Vorteil erringt der Forscher selbst; der Beobachter braucht nicht mehr wie bisher gleichzeitig das Präparat zu betrachten, dasselbe zu zentrieren, dabei möglichst genau zu zeichnen und die Be- obachtungcn zu notieren; er kann jetzt mit Muße, ol|ie Ablenkung von fcj,ncr eigentlichen Aufgabe, die Vorgänge beobachten und wird deshalb vieles bemerken, was ihm bisher entgangen ist. Sehr interessant ist es nun aber auch, wie das durch das Mikroskop vergrößerte Bild auf den Film gebracht wird. Eine elektritische Bogenlampe von 30 Ampere wift mittels einer mit Blende versehenen Linse einen starken Lichtstrahl entweder auf idaS Präparat oder auf einen Spiegel, der ihn senkrecht zur Achse des Apparates zurückwirft, je nachdem man mit einem gewöhn- Jüchen Mikroskop oder mit einem llltra-Mikroskop arbeitet. Dieses wird horizontal aufgestellt und wirft ein vergrößertes Wirklich- Jfcitsbiid des Präparates auf den Film, der sich in üblicher Weise zur Ausnahme der aahlrcichcn Momentbilder im kinemato- graphischen Apparat abrollt. Nun bietet aber die durch das Etrahlcnbündel erzeugte enorme Hitze ganz besondere Schwierig- tkciten; sobald die Mikroben auch nur einige Augenblicke der Hitze ausgesetzt werden, sterben sie ab. Man schuf nun Abhilfe durch >eine Vorrichtung, die sich im gleichen Takt mit dem Kinemato- graphen bewegt, und bewirkt, daß die Mikroben nur eine zwei- «unddreißigstcl Sekunde der Hitze des Strahles ausgesetzt bleiben, worauf eine gleich lange Unterbrechung der Exposition eintritt. DaS würde aber unter Umständen noch nicht genügen, um die Hitze des Strahles ausreichend zu mildern. Er tvird deshalb, ibevor er das Präparat trifft, durch ein Reservoir mit kaltem Wasser geleitet, das einen Teil der strahlenden Wärme absorbiert. Nun müssen wir uns vergegenwärtigen, daß das Mikroskop bereits das Bild in ganz enormer Weise vergrößert und daß -dann durch die Projektion des auf diese Weise aufgenommenen Wildeö eine weitere bedeutende Vergrößerung erzielt wird. Auf diese Weise kann man natürlich nur ganz winzige Objekte, die für das unbewaffnete Auge kaum noch sichtbar sind, kinemato- graphisch vorführen, und es ist deshalb ganz zutreffend, hier von «einer Kinematographie des Unsichtbaren zu sprechen. Ein Floh «st für unseren Begriff ein sehr kleines Wesen; wollte man diesen aber einer ebenso bedeutenden Vergrößerung unterwerfen, wie die erwähnten Blutparasiten— die Linear-Vergrößerung beträgt «10 000— so würde der Floh so hoch wie ein sechsstöckiges Haus erscheinen. Das Beispiel mag zeigen, in welcher Klarheit und Deutlichkeit die kleinsten Geschöpfe auf diese Weise dem Zuschauer- SreiS vorgeführt werden können, und wie tief uns die Vereinigung von Mikroskop und Kinematograph in die geheime Werkstatt der Natur blicken läßt. kleines Feuilleton. Literarisches. »Goethe. Der Mann und dos Werk." Von Eduard Engel.(Concordia, Deutsche Vcrlagsanstalt, Berlin 1S10.) Vor drei Jahren habe ich an dieser Stelle desselben Verfassers„Geschichte der deutschen Literatur" in einzelnen Partien als oberflächliche, un- zureichende Schreiberei abgelehnt, und zwar deshalb, weil Engel entweder namhafte Schriftsteller, die ihm nicht genehm sein mochten. töerant«. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: gar nicht behandelt, oder über sie ein verdammendes Urteil fällte, ohne mehr als die Titel ihrer Schriften gelesen zu haben— sonstiger zahlreicher Irrtümer und Mängel nicht zu gedenken. Da? bürgerliche DurchschnittSlesepubliknm hat dieser Engelschen Literatur« geschichtsklitterung, wenn man den Auflagezifferu glauben darf. einen ungewöhnlichen buchhändlerischen Erfolg bereitet. Es kam ja auch,' was die Darstellung der klassischen Periode, zumal Goethes anlangt, vollkommen auf seine Rechnung. Denn gerade in dieser Materie dokumentierte der Verfasser eine nicht landläufige Beschlagenheit. Um seinen„Goethe" mag ihm seine Literatur- geschichte verziehen sein. Das ist ein gewichtiges Buch, eine dauer- gültige Leistung. Wäre Engels Darstellung eine bloße Ver- himmelung, so würde es sich nicht verlohnen, darüber ein Wort zu verlieren. Ich bekenne frei: ich ging mit Mißtrauen an die Lektüre. Aber der Verfasser hat mir eine frohe Enttäuschung bereitet. Nur eine jahrzchnte lange intensive Beschäftigung konnte dies Werk zu- stände bringen. Es unterscheidet sich von allen anderen Büchern, die über Goethe handeln um Turmes Höhe; eS erschöpft den Gegenstand nach allen Richmngen wie keins zuvor. Es ist eine völlige Umwertung deS Dichters und Mannes. Sie ward erreicht durch— Goethe selb st. Engel ergeht sich nicht über ihn nach dem Schema der„Wissenschaft". Ihn selbst läßt er reden, ihn selbst läßt er allen Dunst und alle Legenden, die die„Forschung" um ihn, sein Licht verdunkelnd, seine Schatten beschönigend, gebreitet hielt, zerstören. Diese Methode, so „unwissenschaftlich", so„unliterarisch" sie dem Verfasser von den Kathedcrgclehrten angerechnet werden wird— sie ist doch höchst selbst- verständlich. Aber dä-Z Zeitalter, in dem Goethe geboren ward, lebte, wirkte und schaffte? Nun, Eduard Engel hat nicht den leisesten Versuch gemacht, dessen trockenen, unzulänglichen Historiker" zu spielen. Welche Verständigung I Welche ungeheuerliche Verblendung l werden wobl die von der Gelehrtenzunft ausrufen. Erst kommt doch eine mit vagen Hypothesen, Anmerkungen, verklausulierten Trug- schlüsscn überreich gespickte und von soundsoviel Vorgängern oftmals wicdergekäule Darstellung der zeitlichen Historie. Dann setzt man den Autor hinein, um nun urgründlich zu erweisen, daß er ja so, wie wir ihn kennen,„ivcrden mußte". Nicht so Engel. Er sagte sich: Goethe i st die Verkörperzmg seiner Epoche; er geht durch sie hindurch. und sie wächst a» ihm und mit ihm. Beide lernen wir aneinander am besten kennen. Und so stellte Engel den Kolossalmenschen- und Schöpfergeist mitten in die Dinge hinein, um ihn von sich und allen Welterschcinungcn das, was wahr und mächtig, oder irrig und nichtig gewesen ist, direkt bezeugen zu lassen. Erst jetzt erlangen wir den notwendigen Abstand für die richrige Abschätzung von Goethes alles überragender Höhe, die uns dennoch so erreichbar nahe dünkt. Daß dies so ist, verdankt der Leser dem Verfasser. Nun ist der Weg zu Goethe frei von allein Unkraut und Gestrüpp philologischer Tüftelei. Engel hat sich nicht gescheut, uns auch nur eine Falte seines Wesens und Charakters zu verheimlichen. Am ehesten wird das klar auS dem Verhältnis Goethes zu verschiedenen Frauen, an denen sei» Herz Schiffbruch gelitten hat. Bekanntlich gibt es noch immer Leute, die emsig bemüht sind, die Beziehungen Goethes zu Friederike Brian, der PfarrerStochtcr von Sesenhcim. als harmlos hinzustellen. Engel verweist diese angebliche Unschuldigkeit ins Reich der Fabel. Besonders wohlluend berührt die Ehrenrettung von Goethe? tapferer Frau Christiane; lvährend andererseits Charlotte v. Stein, überraschend zwar, doch überzeugend in ihrer wahren Natur gezeigt tvird. Wie alle Seiten in Goethes Menschen- und Dichtcrlebcn außer der fortlaufenden Darstellung seines äußeren Erdenganges behandelt werden, so erfahren auch Goethes dichterische Hauptwerke eine auf reichstes Urkundenmatcrial gestützte, stark von der bisherigen Ueberlieferung abweichende Be- urtcilung. Hier offenbart sich die Berdienstlichkeit Engels im schönsten Lichte. Endlich— so dürfen wir jetzt sagen— haben wir Goethe, wie er wirklich war. E. K. Medizinisches. Die Heimat der Syphilis. Daß Amerika und speziell Südamerika die Heimat dieser mörderischen Krankheit ist und daß sie wahrscheinlich aus Peru von den Spaniern in Europa eingeschleppt wurde, hat schon Iwan Bloch in seiner Geschichte der Syphilis an der Hand eines reichen Lilernturmaterials mit vielem Scharfsinn festgestellt. Den schlüssigen Beweis dafür erbracht zu haben, ist nach„Petermanns Geographischen Mitteilungen" das Ver- dienst eines jungen Mediziners an der Universität Lima, I. Tello. Diesem gelang es. in den Jahren 1907—1903 aus altindianischen Grabstätten, die zum größten Teil aus der vorkoluinbischcu Zeit, teilweise sogar aus der Zeit stammten, als die Jnkas noch nicht über Peru herrschten, eine Sammlung von über 15 000 Schädeln zusammenzubringen. Unter diesen waren ctiva tausend, die deutliche Anzeichen einer Deformation aufwiesen, ivie sie nach Ansicht dortiger Fachleute als Folgeerscheinung von Syphilis aufzutreten pflegt. Damit wäre nun auch ausgezeichnet in Einklang zu bringen das Fehlen oder die Verstümmelung von Nase und Oberlippe, wie es häufig bei altperuanischcn Tonfiguren beobachtet worden ist. Offen- bar litten die so dargestellten Personen an Syphilis, während bisher die Gelehrten der Meinung waren, man habe es hierbei mit den Porträts von in dieser Art durch Verstümmelung bestraften Perbrechern zu tun.____ Borwarr« Buchdruckerei u.Vcrt«g»anjral! Paul Suigce LrEo.. Berlind-�.