Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 253. Mittwoch, den 29 Dezember.!.9()9 (NachdruS perSote*.) 21] �obelvolh. Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. Das war nun geschehen. Das schon sehr weit gediehene Paar bewohnte die drei Vorderräume des oberen Stocks: eine hübsche Stube, die gemeinsame Kammer und ein„Studier- zimmer". wo Heinrich, dem Kinderlärm entrückt, ungestört arbeiten konnte. In drei Tagen schon sollte die Hochzeit still, nur nach ge- setzlichem Brauch begangen werden. Es war ja auch wirklich mehr als hohe Zeit. Mareis Niederkunft konnte schon in wenigen Wochen eintreten. Heinrich sah eben dem aufziehenden Naturereignis zu. Er spürte Lust, sein in der Hitze ohnehin nicht ergiebiges Studium zu beschließen, den Rest des Tages mit der Angel- rute zuzubringen. Am Wasser verlebte er jetzt seine schönsten Stunden. Ob er dann fischte oder nur faul am Rande lag— gleichviel, es war ihm unaussprechlich wohl dabei, so, als dürfe er sich endlich einmal von Grund auf ausruhen von den Schrecknissen und Demütigungen der letzten Monde, von den verzwickten, unsicheren, bettelarmen Jugendläuften. Glückte ' ihm gar ein guter Fang, so freute er sich darüber wie ein Kind, das zum erstenmal einen Fisch an der Angel zappeln sieht, und wenn er mit der Beute nach Hause kam, war er noch stolz auf sein einfältiges Tagewerk. Marci hütete sich wohl, ihn Aerger und Kummer über die mit solchen Flausen vertrödelte Zeit merken zu lassen. Sie ahnte, daß sein menschenscheues Faulenzertum die eigentliche Quelle der Ein- tracht war, die seit Wochen zwischen ihnen herrschte. Und deshalb wies sie ihm selbst den Weg ins Schlaraffenland. „Du siehst mir zu elend aus. Schätzt Du brauchst jetzt viel, viel Ruh' und Erholung. Tummle Dich, wie Dir's ge- fällt. Was willst Du Dir Sorgen machen? Haben wir hier nicht alles Nötige? Erst wenn Dich einmal so recht die Lust ankommt, darfst Du mir wieder schreiben. Dann wird's auch mehr einbringen?" pflegte sie ihm zuzureden, wenn er in irgend ein gefährliches Brüten geriet. Sie hatte kaum bemerkt, wohin jetzt seine Blicke zielten, als sie ihn schon darauf ansprach:„Du, mir scheint, es ist heut gutes Fischwetter. Versuch's doch! Ich Hütt' auch gern wieder so ein paar fette Kretzer in der P saunet" Er hatte auf ihren Zuspruch gewartet, tat nun aber den- noch, wie wenn es ihn Ueberwindung koste, weil er zuweilen vor ihrer hausmütterlichen Regsamkeit erröten mußte. „Eigentlich— ich weiß nicht— ich bin da grad so schön im Zug"— „Ach bitte, tu mir doch den Gefallen! Du weißt ja. wie gern ich Fische esse, und wie gesund sie jetzt für mich sind!" Somit stand er befriedigt auf und suchte sein Zeug hervor. Eine Weile vergnügte er sich noch damit, die Hühner zu necken, indem er die Angel mit einem Klümpchen Brot versah, sie nach ihnen auswarf und schnell zuriickzoppte, wenn eins danach pickte. Die Kinder kreischten dazu und klatschten in die Hände. „Soll ich Dir den Wettermantel und den alten Schlapp- Hut herunterholen?" Sie fragte, trotzdem sie wußte, daß er ihr diesen Gang gern ersparte. Statt einer Antwort sprang Heinrich mit einem Satz an ihr vorbei und kam im Nu wieder angezogen zurück. „Aber erst mußt Du Dich noch einmal zu mir setzen, gelt! Nur ein paar Minuten!" bat sie dann im Schmeichelton mit ihren Furcht, Liebe, Bewunderung spendenden, ausdrucks- vollen Nachtaugen. Sie rückte an die Wand; er ließ sich gut- mlltig neben ihr nieder, wie es nun schon lang seine Art war: mit einem gewissen melancholischen Schickdichdrein, als trage er recht schwer an ihrer Demut und Anhänglichkeit. „In drei Tagen"— Marei legte einen Arm um seinen Hals und beugte sich vor, ihm zwei echte Glückstränen zu weisen. „Heißt das— wenn nichts dazwischen kommt!" meinte er lbeklommen, schier zerknirscht. Er dachte jetzt immer so:„Hütt' ich's nur erst hinter mir!" Seit dem Aufgebot war es ihm, als sei er der Hanswurst in allen Stuben. Auf hundert Schritte wich er jedem Menschen aus. Von seinen Bekannte» hatte er seit Monaten keinen mehr gesehen. Die zum Angel» geeigneten Stellen im Ried konnte er auf Schleichwegen er- reichen, im Wald war er vor peinlichen Begegnungen erst recht sicher, und zu Haus traf er höchstens einmal den Post- boten oder eine alte Klatschbase der Nachbarschaft an. Diese Weltflucht geschah jedoch nicht aus Menschenhaß und Ver- achtung, sondern meist im Gefühl der eigenen Erbärmlichkeit, die sich umsonst hinter christlichen Motiven zu verbergen strebte. Im Grunde mußte er sich doch sagen, er habe zu früh die Waffen gestreckt. Das gemeine Behagen, zu dem ihm die Nächsten verhalfen, konnte er nicht zu einem Naturevange- lium erheben, obgleich er in solchen Schwärmereien Rettung suchte. Auch die Umgebung kam ihm darin entgegen. Seine Launen wurden mit größter Willfährigkeit wie die eines Kranken ertragen, die kleinen Alltagswünsche las man ihm von den Augen ab: er brauchte sich kaum zu rühren, weil alle Hände ihm dienen wollten. „Meinst Du etwa wegen der Geburt?" fragte Marei leise zurück.„Ach, da sei Du nur ganz ruhig. Vor drei, vier Wochen wird wohl nichts geschehen. Aber kannst Du Dir denn gar nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin, daß unser Kind jetzt doch noch einen ehrlichen Namen bekommt? Der Vater hat es anfangs nicht glauben wollen. Der hat in diesen Tagen— sagt die Mutter— schon manchmal verstohlen geplärrt vor Freud'. Siehst Du, uns alle hast Du wieder froh gemacht, Hein! Ich kann Dir nicht sagen, wie! Und, nicht wahr. Du bereust es nicht? Oder?" Er hatte mit seinen Gedanken wieder einmal die bevorstehenden Ereignisse überflügelt. Vor- ahnend erblickte er jetzt das schadenfrohe, feiste Gesicht des Vorstehers und Standesbeamten in dem Moment, wo er als Bräutigam mit der hochschwangeren Braut am Arm zur Trauung erschien. In seinem ganzen Leben, so reich an Er- niedrigungen, fand Heinrich keine, die solche Pein und Scham erweckte als dieser Gang, zu dem sich sonst nur die glücklichsten Menschen rüsten. Gab es davor wirklich keine Rettung mehr? Mußte er am hellichten Tage von Marei und den vcrpflich- teten Trauzeugen gleich einem Opfertier durchs Dorf geführt werden, sich spießen lassen von höhnischen Blicken, lächelnden Mienen? „Ueber was denkst Du nach? Du sagst jc kein Wort? Ist Dir etwas nicht recht?" forschte sie weiter, und in der Angst klammerte sie sich noch mehr an ihn fest, so daß er sich nur mit roher Gewalt hätte freimachen können. Ungehindert zog sie seinen Kopf an ihre heftig pochende Brust und lehnte sich rück- lings an die Mauer. So saßen sie in stummer, schmerzlicher Umarmung, Marei, gewürgt von der alten Furcht vor einer Sinnesänderung, die sie ins graueste Elend zurückwarf, Heinrich, gewartet von Zweifeln der Pflicht und Schuld, die seine Regungen der Scham und Freiheitsliebe nicht auf- kommen ließen. Inzwischen hatten die hängenden Wolken den ganzen Himmel bedeckt, die Landschaft lag verdunkelt da, Windschauer rührten die Blätter, die Blitze blendeten, und des Donners Gewalt erschütterte bereits alle bangen Gehirne. Aus dem Saal kam Jörgs Frau gelaufen, die Kinder unter Dach zu schaffen. Auch die Hühner schlüpften gemach in den Stall. obwohl noch kein Tropfen gefallen war. Marei beruhigte sich zuerst. Aber sie harrte noch still, bis er von selbst aus seiner Apathie erwachte. Dann beschrieb sie mit der Linken einen Halbkreis, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Wir haben es doch so gemütlich da oben, findest Du nicht auch? Unser Haus ist das schönste im Tobel, keins hat so eine schöne Aussicht. Und drinnen ist es jetzt doch auch nett und sauber. Können wir nicht zufrieden und glücklich sein?" Das Bild der aufgeregten Natur erfüllte auch ihn aufs neue mit der Gewißheit einer warmen Zuflucht und Häuslich- keit. Gerührt stützte er die Gesellin beim Aufstehen und ließ es sich nicht nehmen, ihr den Halfen Stickware zu tragen. In ihrem Gang war nichts von der wiegenden Schlaffheit naher Mutterschaft, sie schien sich noch so leicht und frei wie je zu be- wegen. Sogar die steile, dunkle Stiege erklomm sie ohne Seufzen, und nur ein blasses Lächeln verriet, als sie oben stand, die gehabte große Anstrengung. „Immer noch bin ich versucht, dahinein zu gehenl" sagte sie schwach, auf ihre vormalige Zimmertür deutend. Heinrich sah jedoch, daß sie wankte, und sprang schnell, Schlimmes fürchtend, hinzu. An seine Schulter gelehnt, mit einem der- neinenden, schalkischen Augenwinken, trat sie in ihre neue Stube. „So leg' Dich jetzt hin! Heute rührst Du mir keinen Faden mehr an, verstanden!" gebot er rechtschaffen besorgt und geleitete sie weiter bis zum Bett, darauf sich ihre Miidig- keit endlich mit einem ungehcuchelteu Stöhnen Luft machte. Er selbst befreite sie von dem lästigen Zwang der Kleider. „Keine Angst! Es hat sich bloß geregt!" vertraute sie ihni selig an, und da er hierzu ein ziemlich dummes Gesicht machte, sprach sie noch ein gar ergreifendes, rätselhaftes Wort:„Du kannst jetzt sein kleines, liebes Herzchen hören, wenn Du willst. Hier— wo meine Hand ist!" worauf er bebend, neugierig fein Ohr an ihren heißen, schwellenden Leib drückte und in Wahrheit ein leises, feines Pochen vernahm. O Himmel, was war denn das! Innig, selbstvergessen ver- senkte er sich in dieses Mysterium der Liebe, ja, vor lauter Andacht und Zuneigung küßte er die Stelle, die ihm das Ge- hcimnis eines neuen Lebens verraten hatte. Dies war und blieb der höchste Triumph ihres Herzens. Die Ahnung, er werde noch einmal reuig vor ihrer Mütterlichkeit knien, hatte sie nicht betrogen. „Ich will ja zufrieden sein, wenn nur alles gut abläuft!" sagte er dann völlig versöhnt, eingedenk aller guten Wand- lungen, deren sie mächtig war. Was bedeuteten denn seine Nöte im Vergleich zu denen, die ihr bevorstanden? Und über- dies— strengte sie nicht stündlich jeden Nerv zu seinem Wohle an, als existierten für sie keine Freuden mehr, die nicht den Ursprung in seiner Seele hatten? Konnte sich seine Eitelkeit nicht genug tun an ihrer einfältigen Demut und anbetenden Hingabe? Es war nicht wohl möglich, daß eine wissende, vollverstehende Liebe, eine solche, die vor allem dem Künstler galt, tiefer furchte als die des armen, verschmähten — nun aber dankbarlich treuen Mädchens. Was hatte er noch zu befürchten, wenn erst einmal die wohltätige Zeit Schleier des Vergessens sinken ließ auf Schmach und Schande, die sich ihre Seelen selbst antun mußten? lFortsetzung folgt.) Zionismus. Ein Teil deS heutigen Judentums ist von heftigen inneren Kämpfen erfüllt. Dem Äutzenstehenden am intcressontesten ist der Kamps um den sogenannten Zionismus. Er wird ausgefochten zwischen den Zionisten, die uns gleich beschäftigen werden, und den Neformjuden, die in der allmählichen Assimilation(An- Passung) und Nationalisierung der einzelnen jüdischen Staats- bestandteile in Europa ihr Ideal sehen. Dieses aufklärerisch gestimmte Reformjudentum ist ein Erzeugnis der großen ansklärerischen Bewegung des 18. Jahrhunderts, die in Moses Mendelssohn, dem Frennde LefsingS, ihr geistiges Haupt hatte. Zu diese» Reformjuden gehört auch eine Anzahl von intelligenten Köpfen, die in der.Vater« landSlosigkeit", dem Kosmopolitismus, den die andern beklagen, eben den Vorzug oder, tvie sie es nennen, die historische.Mission' des Judenvolkes erblicken. Der Zionismus ist eine völlig inuerjüdische Bewegung. Auch der Kampf gegen ihn wird lediglich von Juden geführt. So kommt es, daß wir Nichtjuden entweder gar nichts oder nur ein paar vage Allgemeinheiten über ihn wissen. Der Zionismus ist nicht eine religiöse, sondern eine national- politische Bewegung. Wir müssen ihn schon als ein Glied der politischen Geschichte deS neunzehnten Jahrhunderts aufzufassen suchen. Und da gehört er zweifellos unter die nationalistischen Ideologien, die in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts alle Böller ergriffen haben. Auch der Antisemitismus ist nur in diesem Zusammen- hange zu verstehen. Die Antisemiten sind bekanntlich die tur- bulentesten Vertreter deS nationalistischen Gedankens. Ebenso stellen sich die Zionisten, die eigentlich erst in» Kampfe und in der Abwehr gegen den Antisemitismus das geworden find. was sie heute darstellen, für eine» vorurteilslosen Blick als die geistigen Brüder der Nationalitätsfanatiker des 19. Jahrhunderts dar. Sie haben zwar in mannigfacher Weise versucht, dieses ihr kratz nationalistisches Ideal wirtschaftlich zu begründen und moralisch zu seiern. Sie haben dabei viel Opfermut und nicht wenig Scharfsinn bewiesen. Aber daS ändert an der Tatsache nichts, datz ihre Politik auf einer Ideologie und zwar, was die Hauptsache ist, auf einer teils im Sterben begriffenen, teils schon iiberwtnidcnen Ideologie beruht. Was will der Zionismus? Er will die Juden aus den einzelnen Staaten auswandern und insgesamt in einen, anderen Lande, womöglich Palästina, sich ansiedel» lassen. Sehen wir zu, was er sich darunter vorstellt. Denn so sehr wir immer daS nationalistische Element di-ser ganzen Bewegung verurteilen mögen so überspannt und misinnig, wie das populäre Urteil glaubt, ist, dieser Auswanderrtitgsplan selbst für die nüchternste Beurteilung denn doch nicht gemeint. Was Hugenotten und Quäker geleistet haben, könnte ja immerhin jetzt auch nicht unmöglich sein.... Der politische Zionismus, wie er heutzutage uns entgegentritt, hat vereinzelte Vorläufer schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts gehabt. Eiu deutscher Jude, der aber seinen Namen nicht zu nennen wagte, schlug schon Mitte der vierziger Jahre die Erwerbung und Vesiedelung Palästinas vor. Mehr als sein Buch beachtet wurde „Rom und Jerusalem" von RoieS Hetz, der ja auch in den An- sängen des deutschen Sozialismus eine Rolle gespielt hat. Aber auch sein Buch war zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Noch herrschte in den Köpfen auch der Juden der Gleichberechtigungs- Liberalismus, den schon Jahrzehntetang vorher sowohl Karl Marx wie Bismarck— jeder von einem ander» Standpunkt— kritisiert hatten. Erst als der Nationalitätstaumel alle bürgerlichen Schichten ergriff, als er im Antisemitismus seine giftigste Frucht zeitigte, erst da konnte ein nationalistischer Ausruf an die Juden des Erfolges sicher sein. Dieser Zeitpunkt war in den achtziger Jahren gegeben. Da- mals begannen unter dem Einfluß des russischen Juden Dr. Pinker auch in Deutschland weitere Kreise mit solchen Gedanken wie Auswanderung und Gründung eines Natioualreiches zu spielen. Als nun gar ein so höchst begabter Schriftsteller wie Dr. Theodor Herzl seine Feder und sein Organisationstalent diesen Bestrebungen lieh, da war die Bewegung zum Bewutztsein gebracht und wuchs von nun an in wirklich imponierenden» Matze. Schon hier mutz bemerkt werden, datz der Zionismus nicht in erster Lirne eine Bewegung der jüdischen Intellektuellen ist. Dazu »nag er nach dem Erwachen des jüdischen Proletariats einmal abflauen. Für heute ist er noch durchgehends eine Bewegung des wirklichen jüdischen Volkes. Es ist hier auf einen viel ver- breiteten Irrtum gerade der Westeuropäer aufmerksain zu machen. Die Judenfrage ist für manchen immer eine Frage der jüdischen Bankiers, Makler. Preffeleute und so fort. Die Judenfrage, wie der Zionismus sie fatzt, sieht anders aus. Es sind keine härteren Worte über die jüdischen Millionäre geschrieben worden als von dem jetzigen Führer der Zionisten, Max R o r d a u:„Es gibt ein Judentum. Es gibt aber auch einen Auswurf des Judentums. Auch dieser Aus« »vurf ist jüdisch. Das ist unser Schmerz, wir können es indes nicht ändern." Das Geldjudemum ist nicht zionistisch. Der Zionismus stört— wie Nordau sagt— seine Kreise. Das Judentum, das dem Zionismus am Herzen liegt, ist die grotze Masse der armen Juden. Die Bankiers werden den Pflug nicht an- fassen, daö wisien die Zionisten wohl. Sie hoffen auf die Tausende, die im Elend fitzen,— und von denen der Westeuropäer kaum eine Ahnung hat. Ueber die Juden Rußlands ist in den letzten Jahren genug be- könnt geworden. Ein Land wie Galizien hat nach den Angaben des ersten zionistischen Kongresses 7 72 999 Juden. Davon sind 70Proz. buch- stäblich Bettler und Berufsanne, die Almosen verlangen. Für die Menge und die Verhältnisse der Juden in Westösterreich gibt der ebenfalls auf dem genannte» Kongreß erstattete Bericht eines Dr. Mintz an, datz von 400 000 Juden allein in Wien 25 000 wohnen. Von diesen 25 000 städtischen Juden werden 15 000 wegen Armut überhaupt nicht zur KultuS-sKirchen-jSteuer herangezogen. Von den übrigen 10 000 Besteuerten find 90 Prozent zu dein niedrigsten Stellersatz veranlagt. Für diese Mafien sucht die zionistische Bewegung einen neuen Platz auf der Erde. Die Zionisten traten Ende August 1897 zum ersten Male in Basel zusammen. Es waren 204 gewählte Vertreter anwesend. Wieviel die Menge betrug, die hinter ihnen stand, ist nicht zu sage»,. Im Dezember 1901, als der Kongreß zum fünften Male zusamnientrat, wurde die Zahl der wirklichen Wähler auf 180 000 angegeben. Der Jahresbeitrag/. Schekel"(lutherischer Uebersetzung nach Stiel) genannt, betrug 1 M. Es gab eine einzige deutsche zionisttsche Wochenschrift„Die Welt". Zwei � wirtschaftliche Unternehmungen wurden damals in Angriff ge- »ommen: die Gründung einer„Jüdischen Kolonialbank", deren Aktienkapital zioei Millionen Pfund beträgt, und die Schaffung eines„Nationalfonds" in der Höhe von 200 000 Pfund Sterling. Wenn die hier in Aussicht genommenen Summen vollständig betsammen sind, gedenkt die Leitung des Bunde« dem Landerwerb näher zu trete». Schon heute arbeitet indefien die jüdische Kolonialbank in Palästina zugunsten jüdischer Unter- uehmungeii und bewegt sich als ein kräftiger Gärungserreger im dortigen Wirtschaftsleben. Unabhängig von» offiziellen Zionismus haben auf eigene Faust vor bald dreißig Jahren einige hundert Zionisten in Palästina Kolonien zu gründen versucht. Sie gingen ohne Vorbereitung, zum Teil ohne Mittel, ohne alle Fachbildung und ohne bestimmten Plan daran. Ihr Unternehmen ist gescheitert. Nicht, wie immer wieder von den Zionisten betont wird, weil das Land ihnen keine Rahrungs- quellen bot, sondern weil sie ohne hinreichende Hilfsmittel, zum großen Teil mit dem Gelde eines später wankelmütig ge- ivordenen Wohltäters wirtschafteten. Der offizielle ZionisnmS hat diese Kolonisten von seinen Rockschötzei» geschüttelt. Nüchtern be» trachtet hat er damit wohl getan. Wie überhaupt das nachdrückliche Betonen des wirtschaftlichen Gesichtspunktes bei den heuttgen Führern der Bewegung kein ungünsttges Zeichen ist. Die Ansiedelung der Jude»» in Palästma wäre ein politisches Problem, ja ein politisches Problem nicht nur der Türkei. Bon Anfang an haben die Iionisten fick, bemüht, mit der Diplomatie der europäischen Länder Fühlung zu bekommen. Mit welchem Erfolge, ist leicht zu erraten. Wenn mau Zionisten fragt, wie fie sich die politischen Verhältnisse dcS wieder jüdisch gewordenen Palästina konkret vorstellen, so antworten sie folgendermaßen: Die Türkei hat ein wirtschaftliches Interesse an unserem Unternehmen. Augenblick- liw wird Palästina bewohnt von 600 000 Einwohnern, von denen 450 000 bettelarme Beduinen find. Der Zionismus hofft, dem Lande nach und nach ein paar Millionen Juden zuzuführen, die dort.einen blühenden Acker-, Wein- und Garten- bau, Groß- und Kleinindustrien mit entsprechendem Transit- Handel schaffen sollen". Die Zionisten find auch bereit (falls die Türkei es vorzieht, die kündigen Abgaben und Steuern sofort zu kapitalisieren), eine dcmentsprechende Summe sofort zu himerlegen. Das ist plaufibel. Und auch das augenblickliche Ein- wandernngsverbot für Juden wird kein Hindernis sein, denn das hat anrirussisch-diplomalische Gründe und bezieht sich in Wirklichkeit nur auf ruisische Juden, deren Behandlung in der Türkei das Zaren- reich fortwährend zum Anlaß diplomatischer Umtriebe nimmt. Die Zionisten rechnen also mit einer türkischen Ober- Hoheit— aber die Großn, ächte sollen die jüdische Selbst- Verwaltung garantieren. Denn der Zionismus meint, auch die Großmächte hätten ein Jnterefie an dem Gelingen seines Planes. Rußland z. B. mtt seinen 6 Millionen anner Juden, die in einige Gouvernements eingepfercht, sich trotz namenlosen Elends in erstaun- licher. ja unheimlicher Weise vermehren, muß immer(nach Meinung der Zionisten) ungeheuer froh sein, wenn es diese tägliche Quelle der Unruhe los wird. Dafür verlangt der Zionismus dann Garantie der jüdischen Selbstverwaltung. Für Oesterreich gilt dasselbe. In Deutschland, England und den Vereinigten Staaten liegen die Dinge anders. Aber hier hofft der Zionismus, daß „ein persönliches Jnterefie der entscheidenden Persönlichkeilen an einem Gedanken, den fie als schön und edel erkennen" das mangelnde wirtschaftliche Jnterefie ersetzt. Alles dies sind zionistische Hoffnungen. Tatsächlich hat noch keine Großmacht einen Finger gerührt..Die Regierungen"— sagte Max Nordau in seiner Haager Konferenzrede 1007—.um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programms ist. haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lafien. Um die Wahrheit zu sagen: fie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert." Und ganz richtig erklärt er dieses Phänomen damit, daß Regierungen „sich vor allem mit konkreten materiellen Jnterefien zu beschäftigen haben, nicht mit rein theoretischen Getstesspielen." Der Zionismus fei eben bisher noch keine öffentliche Macht. Wenn er es erst werde, dann usw. usw. Danach scheint es also mit dem wirtschaftlichen Jnterefie, das ein Staat wie Rußland an der Abwanderung der Juden haben soll, doch nicht weit her zu sein? In der Tat. Wer die Dinge ein wenig unziouistischer, d. h. nüchterner sieht, weiß, daß das rechtlose jüdische Proletariat dem russischen Industriellen ein ganz besonders beliebtes Objett der Ausbeutung ist und daß ebenso die„jüdischen Unruhen" der Regierung gar nicht so un- angenehm, sondern im Gegenteil ebenso beliebte Mittel find, die Empörung des Volkes von den herrschenden Schichten auf Unschuldige abzulenken. Wenn wir die„Zionistischen Schriften� Max N o r d a u S(Leipzig-Köln, Jüdischer Verlag) durchblättern, fällt uns auf. daß hier mit keinem Wort der Zukunft des organisierten jüdischen Proletariats gedacht wird. Nordau schildert oft in beweg- lichcn Worten das Elend der jüdischen Mafien in Osteuropa. Er weiß nicht, daß er das Elend aller Mafien daselbst schildert. Die wirtschaftliche Not der großen Majorität der Juden ist die Not des gesamten Proletariats. Und er forsche doch nach, was der intelligente Teil dieses jüdischen Proletariats als zur Hebung seiner Lage notwendig erkannt. Nicht den Zionismus, sondern die wirtschaftliche Organi- safion. Ihr Judentum haben die Tausende von jüdisch Organisierten nicht aufgegeben. Wozu auch? Aber fie haben eine Methode der Selbsthilfe gewählt, die von Millionen ihrer christlichen und un- christlichen Klafiengcnofien erprobt, die weder von einer National- dank in London noch von dem Wohlwollen des Zaren, deS Sultans und anderer Persönlichkeiten abhängt, die ein Jnterefie haben.an dem, was schön und edel ist". Wenn wirklich, wie die Zionisten stolz sagen, ihre Bewegung nicht eine der Intellektuellen, sondern des Volke? ist, dann ist doch die wirtschaftliche Entwickeluug deS jüdischen Proletariats ein Hauptproblem für sie. Von diesem Problem haben wir bei Nordau nichts geftlnden.„Der Zionismus wird mit der Sicher- heit und Kraft eines mechanisch wirkenden Natur- gesetzeS eine Gruppierung der Juden in Klassen herbeiführen."(!) Mit diesem Satze fange etwas an. wer will und kann. Anstatt nach der heutigen wirtschaftlichen Struktur der großen Mafie der Juden zu fragen, nach ihrer politischen Betätigung und der wahrscheinlichen Entwicklung dieses ihrer wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, läßt sich Nordau in einem Vortrage über die Stellung des Sozialis, nus zum Zionismus aus. Selbstverständlich stimmt die Ethik des Sozialismus mit dem schönen Grundgedanken der Zionisten übercin. Aber der Sozialismus ist bleibt nun einmal in erster Linie eine Methode der soztalen Forschung in sozialer Bc- wegung und des sozialen Kampfes. Als solche hat Max Nordau ihn aber nicht im geringsten begriffen. Also würde sich der Zionismus schließlich doch als eine Be- wegung der jüdischen Intellektuellen herausstellen? Mit dieser Erkenn tnis wäre sein Schicksal besiegelt. Wir persönlich glauben dies. Aber wir könnten uns auch täuschen— dann nämlich, wenn auch nach erfolgter wirtschaftlicher und politischer Emanzipieruug der großen Masse der Juden der sogenannte Rasse- gegensatz fühlbar stark bliebe. Wir halten dies für unwahrscheinlich — auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Stellung der Juden in England. Aber beweisen kann das niemand. Sicher ist nur. daß in zweihundert Jahren die Auswanderung erheblich leichter vor sich gehen würde als heute. Sicher aber auch, daß dann, wenn die BleriotS und Zeppeline um den Oelberg klappern, die national- religiöse Romantik erheblich abgekühlt sein wird, die jetzt noch den Kern der zionistischen Bewegung bildet. CRaSdniik vcrlolen.! Bei den Lofotenfifcbem. Von Bernhard Mann. Ter Tourist, der im Hochsommer zur Zeit der lichten Nächte die Küste des nördlichen Norwegens besucht, um das magische Land der Mitternachtssonne zu bewundern, vermag sich kaum eine Vor- stellung von dem düsteren Bilde zu machen, das dieser fast immer in Nacht gehüllte Küstenstrich darbietet, wenn die winterlichen Stürme toben und haushohe Wogen Insel und Schären mit weißem Gischt umspielen. Nur wenige Reisende haben eine Ahnung von dem großen Söbauspiel, das sich dort oben zur Zeit der großen Fischzüge entwickelt. Der Dorschfang bei den Lofoten bildet den Haupterwcrbszweig des nördlichen Norwegers. Der Fang findet in den ersten vier Monaten des Jahres statt. In einem guten Jahre werden etwa 30 Millionen Fische zu einem Werte von 12— 15 Millionen Mark gefangen. Hierzu versammeln sich alljährlich etwa 50 000 Mann auf den Lofoten. Von diesen hat nur ein verschwindender Teil einen festen Wohnsitz auf den Inseln. Die meisten wohnen an der weitgestreckten Küste zwischen Drontheim und Tromsö, von wo aus sie nur in den. genannten Monaten nach den Inseln hinausziehen. Das ganze Jahr hindurch dreht sich alles Sinnen und Trachten des Fischers um die Lofotenfahrt. Wegen Weihnachten sind alle Gedanken und Hände in den Fischerhütten mit der Ausrüstung zur Reise beschäftigt. In der letzten Woche vor dem Feste ist an ein Zubettegehen nicht zu denken. Man nickt nur hin und wieder auf einer Bank oder einer anderen improvisierten Unterlage ein. So- bald das Weihnachtsfest vorbei ist, muß alles zur Abreise klar sein. An dem ersten guten Tage sagt man oem Strande Lebewohl. Di« Frauen kehren in ihre ärmliche Häuslichkeit zurück, wo jetzt jeder männliche Schutz fehlt, und wo die monatelange Angst um die Davonziehenden ertragen werden muß, während die kleinen Fahr» zeuge oft einem Schicksal entgegengehen, das die bangen Ahnungen der Taheimbleibenden in Erfüllung bringt. Allmählich versammeln sich bei den Lofoten etwa 10 000 Fischer- boote, sogenannte Lofotensegler. Jedes Fahrzeug hat eine Besatzung von gewöhnlich fünf Mann und außerdem einen Bootsjungen, der zum ersten Male die Reise mitmacht. Wie es auch auf den Schissen oft geschieht, werden mit dem Neuling allerlei Scherze getrieben. Mau bindet ihm die unglaublichsten Sachen auf. ersinnt immer wieder neue Märchen von Gespenstern und Seeungeheuern, und läßt ihn vor einzelnen, besonders unheimlich wirkenden Klippen die Mütze ziehen oder mit dem Riemen Honncur machen. Die Reise nach den Lofoten dauert Tage und Wochen, je nach Wind und Wetter und dem Abstände von dem Heimatsort. Me Lofotenfahrer müssen schließlich den gefürchteten Vestfjord passieren, diesen Meeresteil, der die etwa 30 Meilen lange Lofotenkctte vom Fest» lande trennt. Etwa 6 bis 12 Meilen haben die Fischer über den Fjord, je nach der Lage ihrer Vär(Lager). Dieser Lager gibt eS eine ganze Reihe. Die wichtigsten sind: Svolvär, Spraaven, Kabel» vaag(Kabelbucht), Storvaagen, Henningsvär. Stamsund, Balstad. Die Inseln sind durchschnittlich steile zerrissene Felsen, gewöhn- lich mit hohen, gezackten Bergspitzen hinter Schären und Klippen, die das Meer ständig umtobt. Die einzelnen Lager gehören einem oder mehreren Handelsleuten, die dort ihr Geschäft und festes Grundstück haben, wo sie Sommer und Winter leben. Diese Leute haben für die Fischer in den geschützten Tälern zwischen den Felsen dutzendweise kleine Hütten erbaut. Die einzelne Hütte bietet ge- wöhnlich Platz für zwei Bootsbesatzungen, zehn bis zwölf Mann. Großen Komfort weisen sie nicht auf. Taraus macht sich der Fischer auch nicküs. Die Hauptsache für ihn ist, daß sich der Dorsch in großen Mengen zeigt. Dock begleiten wir einmal eins der Fischerboote auf seiner gefahrvollen Fahrt von seinem Heimatsort auf dem Festlande. Schon vor Tagesgrauen ist alles klar gemacht. Bei hellem Tage sind wir glücklich aus dem gefahrvollen Bereiche der Festland- schären heraus. So weit das Auge reicht, erblicken wir im Osten wie im Westen eine Menge Segler. Alle streben sie den steilen Bergen der Lofoten zu, die sich erst ganz klein und unklar aus dem Meere abzeichnen, aber immer größer werden und bestimmtere Formen annehmen. Die Arbeit beginnt. Denn je höher die Lofotenwand wächst, desto höher wachsen auch die Wogen, die uns entgegenarbeiten. Es geht bergauf, talab, immer tiefer und tiefer. Unser Steuermann kennt aber diese Wogen, wie sie dastehen, schwer und ernst. Und er sieht die Sturzwellen sich schon in weitem Lbfkand formen. Jetzt heiszt cS segeln, segeln, segeln, wenn sie auch! jp Lee und Luvart überspülen. Da ertönt ein Laut, wie ein Klatsch, und weigschäumend spritzt' Z>aS Wasser mit gewaltiger Kraft, alles unter sich bedeckend, über Zzas Boot dahin. AuZ dem«chaum aber schießt das Fahrzeug schnell hervor und hebt sich auf die nächste Woge, während die Mannschaft sich bis zum Aeußersten anstrengt, es wieder leer zu schöpfen. Endlich sind die Schären dort draußen erreicht, und das Boot steuert der Bucht zu, an der seine Mannschaft seit Jahrzehnten ihre in der engen Bergkluft auf Pfeilern errichtete Wohnstätte hat. Sobald der Anker Grund faßt, holt der Steuermann die Reiseflasche aus der Kiste. Er begrüßt die Besatzung auf den Lofotcn lund läßt den Branntwein die Runde machen. Jeder nimmt einen tüchtigen Schluck auf guten Fang. Dann geht man von Bord und sucht daS Landquartier auf. Wir folgen den Fischern und werfen einen flüchtigen Blick auf die Einrichtung der Wohnstätte, die sie mit der Besatzung eines zweiten Bootes aus ihrem HeimatSort teilen. Das gewöhnliche Mobiliar besteht für jede der beiden Mannschaften nur aus einer hölzernen Bank, einer Schlafpritsche mit Platz für sechs Mann— drei und drei liegen mit den Füßen gegeneinander— und einem Tisch, der über dem Fußende der Lagerstätte angebracht ist. Wegen dieses Tischarrangements bringen die Leute fast die ganze Zeit ihres Aufenthaltes im Innern ini Bette zu. Selbst ihre Mahlzeiten nehmen sie im Bette ei». Unsere Fischer begeben sich frühzeitig zur Ruhe, denn sie müssen früh wieder auf den Beinen sein. Der alte Steuermann rüttelt die anderen rechtzeitig aus dem Schlaf. Dann zieht man sich schnell an, während der Kaffee auf dem Herde kocht. Das Waschen lohnt nicht der Mühe. Diese Arbeit wird im Laufe des Tages von der See besorgt. In aller Eile gießt man den schwarzen Kaffee hinunter und verzehrt dazu seinen Roggen- zwieback. Einen zweiten steckt man in die Tasche, und dann geht es in die Boote. Im Hafen ist es bereits lebendig geworden. Man rasselt mit den Ketten, klappert mit den Riemen, schlägt mit Bootshaken nach rechts oder links in das dichte Gedränge von Booten. Jeder will als der erste hinaus. Das geht aber nicht so ohne weiteres; dafür sorgen die Polizeiboote, die am Eingang Wache halten, denn die Flagge ist noch nicht gehißt. Der Ordnung wegen ist es nämlich morgens nicht gestattet, vor einem bestimmten Glockenschlage hin- auszurudern. Das Signal, das meldet, daß die Ausfahrt frei ist, lvird von einem hohen Punkte durch eine Flagge gegeben. Endlich geht diese in die Höhe. Jetzt heißt es, so schnell wie möglich die Fanggeräte zu erreichen. Denn da diese sehr oft durcheinander gc- raten, ist der zuerst Ankommende stets im Vorteil. Mit Anspannung aller Kräfte muß oft meilenweit gerudert werden. Draußen auf den Fischbänken entwickelt sich ein buntes, reges Leben, manchmal bei ruhigem, klarem Himmel, oft aber auch bei Sturm und Un- Wetter. Je nach ihren Fangwerkzeugen: Schnur, Garn oder Leine, bclvegcn sich große und kleine Fahrzeuge bunt durcheinander. Die Szenen, deren Augenzeuge man hier draußen zwischen den vielen Hunderten von Fischern sein kann, sind nicht immer friedlichster Art. Die Geräte verwickeln sich oft derartig ineinander, daß man sie, um sie auseinander zu bekommen, zerreißen oder zer- schneiden muß. Jeder will sein Eigentum möglichst schonen. Dies kann aber oft nur auf Kosten des Nachbarn geschehen. So muß es der eine oft mit ansehen, daß seine Leine oder Garn mit Inhalt in einem anderen Boote verschwindet, und wird das Fangzeug später ausgeliefert, dann werden die Fische abgestritten. Daraus entstehen dann oft heftige Reibereien. An einem günstigen Tage kann die Flotte, die am frühen Morgen das Lager verließ, schon am Abend mit Fischen voll be- laden wieder den sicheren Hafen erreichen. Tann herrscht in den langen Bootsreihen Frohsinn und Zufriedenheit. Die schweiß- gebadeten, von Seewasser triefenden Männer sitzen dann in freudiger Stimmung und verzehren mit größtem Appetit ihren ein- fachen, unbclegtcn Roggenzwieback, während ihre muntere, lebhafte Unterhaltung sich um die Lieben daheim dreht. Leider kommen aber oft Stunden der Enttäuschung und Verluste. Es ist am frühen Morgen beim ersten Tagesgrauen. Das Wetter siebt drohend aus. Oben auf dem hochgelegenen AuSguck steht eine Schar Fischer, die ihre Blicke prüfend über den Himmel gleiten lassen. Es ist zweifellos, daß es heute noch Sturm gibt. Indessen sind von einigen anderen Stationen schon Boote unter- Wegs, und wer nicht Gefahr laufen will, seine Geräte zu verlieren, muß folgen. Deshalb geht man hinaus. Draußen findet man auch richtig die Netze— aber in fürchterlichem Wirrwarr, bunt durch- einander getrieben. Das Aufziehen beginnt, aber die See geht hoch, der Sturm wütet, die Last der eingezogenen Leinen wird größer und der Knäuel immer bunter. Plötzlich erheben sich oben auf den Höhen gewaltige Schneewirbel, und kurz darauf rast ein orkanartiger Sturm über das Meer. Jetzt heißt es, sich in aller Eile von seinem Geräte trennen. Die nächsten Minuten bringen einen Verlust von vielen Tausenden. Man hat aber keine Zeit zum Klagen. Zuerst heißt es, daS Leben zu retten. Schon bricht der Abend an. Eine dicke Schneemasse legt sich über das Meer. Man kann keine Bootslänge vor sich sehen. Es gibt ein Segeln auf Leben und Tod, eine Fahrt, deren Berantlv. Redakteur: Richrrb Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: ! grauenvollen Schrecken niemand ahnt, der sie nicht durchgemacht hat. ! Außer den Kommandorufen des Steuermanns, außer den Hilfe- rufen von einem airgesegelten, sinkenden oder gekenterten Boote bört man nur das heulende, fürchterliche Toben des Sturmes. Die Zeit der wilden Unwetter ist da, dieser bösen Geister, die hinter den nackten Klippen lauern. Und während das undurchdringliche Dunkel die Schreckensszenen des Meeres einhüllt, wird mancher ehrliche, brave Fischer fern von den Seinen die Beute der ent- fesselten Elemente._ Kleines feuületon. Anthropologisches. Wimpern und Augenbrauen. Die Bildung von Augenbrauen stellt, wie Friedenthal in seinem großen Werke über das Dauerhaarkleid des Menschen ausführt, eine ganz besondere menschliche Art der Behaarung dar. die wir in gleicher Weise bei keiner anderen Säugetierart ausgebildet finden.„Die langen sichelförmig gebogenen Wimpern, die fast haarlos scheinenden Augenlider teilt da? Menschenalige mit dem Auge der anthropoiden Affen, aber durch die 5ko>,trastwirlung dunkler Augenbrauenhaare gegen die an- stoßenden nackierscheinenden Hautpartien wird bei helläugigen Menschen sowohl die Haararmut der wollhaartra�enden Haut wie die Weite der knöchernen Augenhöhle und damit zwei Sonder- bildungeu des Menschen in das rechte Licht gerückt. Wenn der physiologisch noch allzu wenig untersuchte Ausdruck des Menschenantlitzes in nicht geringem Grade vom Augenausdruck beherrscht wird, so haben die Bildung der Augenbrauen, ihre Richtung, Stärke und Farbe keinen geringen Einfluß auf die Art des Eindrucks, den wir bei der Betrachtung des Menschen erleiden. Wie hoch dieser Einfluß früher bewertet wurde, zeigt die in Italien im Mittelalter verbreitete Sitte, die Augenbrauenhaare auszureißen und durch künstlich gemalte Bögen oberhalb der natürlichen zu ersetzen. Durch diese Mode sollte die den Menschen, vor allem die Frauen aus- zeichnende Weite der Augenhöhlen künstlich verstärkt zur Wirkung gelangen. In anderen Fällen wurde durch Entfernung aller Augen- brauenhaare die Haararmut des Menschen in übertriebener Weise zur Darstellung gebracht. In Japan waren ganz ähnliche Sitten in früherer Zeit verbreitet. Ansreißen der Wimpern, Augenbrauen und aller Dauerhaare im Gesicht wurde bei verschiedenen Natur- Völkern geübt." Die Augenbrauen pflegen zurzeit der Geschlechtsreife beim männ- lichen Geschlecht die vollkommenste Ausbildung zu erreichen. Sie haben dann den vollkommenen Kinderhaarcharakter, den sie bei den Frauen— selbst bei den haarreichen Rassen— meist auch während des ganzen Lebens beibehalten. Auch beim Manne bleibt der Kinder- Haarcharakter der Augeiibrauen im wesentlichen lange erhalten. Bei den haarreichen Nassen pflegen im 31. Lebensjahre bei einzelnen Männern die Augenbrauenhaare zuerst vereinzelt; später allgemein unter Aufgabe ihrer charakteristischen Sichelgestalt zu wachsen und sich in lange und starke borstenähiiliche Fäden umzuwandeln, welche schließlich von einem starken Barthaar nicht mehr zu unter- scheiden sind.„Bei manchen Menschen wachsen schon zur Zeit der Pubertät einzelne Augenbrauenhaare zu Terminalhaar aus, weit häufiger beini männlichen als beim weiblichen Geschlecht. Der Volksniund bezeichnet diese Terminalhaare als„wilde Haare", und man betrachtet sie als Schönheitsfehler. Das frühzeitige Auf- treten solcher Haare pflegt der Vorbote der Ausbildung starker Aligenbrauenbärte zu sein, welche ihrem Träger tatsächlich ein „wildes" Aussehen verleihen und ihn bei geringer Augenhöhlenweite des Schmuckes des freiblickenden MenschenaugeS berauben". Manche Menschen besitzen über den Augen eine zusammen- hängende Haarleiste, die man gewöhnlich zusammengewachsene Augenbrauen zu nennen pflegt. In solchen Fällen sind die langen Wollhärchcn der Ueberaugenreihe durch Dauerhaar in der ganzen Ausdehnung ersetzt, während die mit der Spitze nach unten weisenden Nasenhaare, die mit den Ueberaugenhaaren ein Kreuz bilden, im Wollhaarstadium verbleiben. Sonst pflegen diese Nasenhaare normaler Weise auszufallen. „So einleuchtend die Sichelgestalt de? Wimperhaares seiner Schutzfunktion für das Auge angepaßt erscheint, so wenig offen- kundig erscheint die Zweckmäßigkeit der gleichen Wuchsform bei den Augenbraucnhaaren. Im allgemeinen ist bei den Haaren die Wuchsform die gleiche. Bei beiden finden wir kantigen Ouer- schnitt, eine Zuschärfung im Längsbilde von der Mitte nach beiden Enden, die Krümmung und den helleren WurzelhalS, dazu an- nähernd gleiche Größe. Die Größe der Augenbrauen und Wimper- haare übertrifft die der Wollhärchen außerordentlich, überschreitet aber nur in seltenen Fällen 1 bis 2 Zentimeter in der Länge und -/% Millimeter in der größten Dicke. Die mittlere Zahl der Augen- brauenhaare des Menschen kann auf etwa 600, die der Wimpcrhaare auf 420 geschätzt werden. DaS Gesamtgewicht der beiden Haararten kann zu 9/10 Gramm angenommen werden. Die Lebensdauer der Wimperhaare»ud der Augenbrauenhaare soll beim Kulturmenschen nach Messungen 112 Tage betragen. Immerhin haben wir wegen der gleichmäßigeren Jnnchaltung der Länge Grund zu vermuten. daß ihre Lebensdauer eine viel gleichmäßigere sein wird alS die der Kinderhaare der Kopfhaut, deffen veränderlichere Länge auch eine veränderlichere Wachstnmszeit erfordert."_ Vorwärts Bucdsruckere» u.ValagsanjtaU Paul(siugcc scEo.. Berlin äW.