Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 1. Sonnabend den 1 Januar. 1910 (Nachdrua verbsten.l 1Z Im I>kamen des Gefctzcs. Von Hans Hyan. 1. Frau Hellwig, die wieder an ihrem Rheumatismus litt, hatte wenig geschlafen. Wie der Regulator sechs schlug, wollten ihr die Augen nochmal ein bißchen zufallen, aber nun ging's nicht mehr, sie mußte doch alle wecken!.... Der Mann neben ihr atmete mit einem Röcheln. Und ob- wohl es dunkel in der Stube war, sah sie ihn deutlich vor sich mit seinem breiten Gesicht, das der dichte, braune Bart um- rahmte, und der großen Glatze... auch die wässrigen Augen, aber das kam vom Trinken... Er war nie be» trunken, wahrscheinlich weil er so stark war, daß ihn seine Muskeln selbst dann noch aufrecht hielten... Aber ihr war er widerlich, wenn er so roch... und ihn lieb gehabt, was man so richtig lieb haben nennt, nein, das hatte sie Wohl früher auch nicht. Sie war ein lustiges, sehr hübsches Mäd- chen gewesen und, wie sie vierundzwanzig Jähre alt war, kam Anton Hellwig, der damals schon dieselbe Meistcrstelle hatte wie heute... Und da heirateten sie sich,'nen Mann muß man doch haben!... Der großen, blonden Frau, die still auf ihrem Bett lag und in der Dunkelheit das weiche, blonde Schläfenhaar durch ihre mageren Finger gleiten ließ, kamen plötzlich die Tage ihrer Jugend alle wieder: Die Wege zum Geschäft hin und zurück, wo man gar nicht soviel Herren abweisen konnte, wie einen ansprechen und begleiten wollten! Und auch die Arbeit selber, wenn's auch manchmal scharf genug herging und sie einen Sommer sogar nach Belzig gemußt hatte, in die Lungenheilstätte, wo der eine Arzt so lieb gewesen war zu ihr wie ein Bruder... Ach, das fiel ihr jetzt plötzlich alles wieder ein!... Und dann— er!... Frau Martha ward rot, sie fühlte das Blut in ihren Wangen und ein sehn- süchtiger Seufzer, der dieser vor zwanzig Jahren begrabenen Liebe galt, schwellte den welken Busen... er, der so lieb war, der der erste gewesen war, bei ihr... und um den ihr jetziger Mann so schrecklich eifersüchtig gewesen war... Was er immer für ein feines Parfüm getragen hatte, noch jetzt meinte sie. den Duft zu sich herüberwehen zu fühlen... Und wie er küssen konnte!... Kling!.. Die Uhr schlug halb sieben Um halb acht mußte Hellwig in der Fabrik sein. „Du, Mann!...'s is Zeit!... komm. Du mußt raus!..." Er knurrte böse. Sie wiederholte.„Du mußt raus!" Schließlich brummte er:„Na ja, ich weiß ja schon?... laß doch..." Sie war inzwischen draußen und hatte die Lampe an- gesteckt. In dem mittelgroßen Raum standen noch zwei Betten, rechts an der Wand eins, hinter dem grünen Schirm, darin schlief Ella, die Siebzehnjährige, die ins Geschäft ging. Und dann bei der Tür eine eiserne Bettstelle, wo der jüngste, Fritz, und Mascha, eine kleine zehnjährige Böbmin, drin lagen. Fribchen war fünf Jahre alt, ein blasser Spätling, der ewig Nasenbluten hatte und die ganze Familie tyrannisierte. Und die Mascha, die eigentlich Maruschka hieß, war eines schönen Tages aus Böhmen gekommen, als eine mit Hellwig cnt- fernt verwandte Waise. Aber wie die Mutter jetzt in die Küche ging, mußte sie vor allen Dingen ihren ältesten Solm Georg wecken, der in einer Knopffabrik arbeitete und dessen Arbeitsstelle so weit entfernt war, daß er früher fortmußte als der Vater, ob- wohl seine Arbeitszeit eine halbe Stunde später anfing. Die Frau zog dem jungen Mann zuerst die Decke über den nackten Körper, es genierte sie, daß er da so unvcrhüllt lag... und er mußte doch auch frieren in der kalten Küchel Und dann ging sie daran, ihn zu wecken, was immer ein Stück Arbeit war. „Jeorrich!... Jeorch!" ..... Ja... ja.." lallte er schlaftrunken, und dabei glitt ein flachen über sein Gesicht, das die Frau, sie wußte nicht warum, erschrecken ließ. Dann schlief er fest weiter. Frau Martha rüttelte ihn an der Schulter. „Jh. Du Aas!" sagte er im Schlaf, wieder mit dem lachenden Gesichtsausdruck und machte sich frei. Und dann sagte er etwas, was der Frau die Rite der Scham in die Wangen trieb. Er träumte cffenbar von seinem Mädel l Jetzt wurde die Mutter wütend und schimpfte laut. „Mach', daß Du raus kommst. Du großer Lümmel! jedesmal muß man'ne Stunde wecken!... Du!... schämen sollste Dich, daß Du fortwährend an sowas denkst!." Der Vater, der inzwischen auch herausgekommen war, fragte, noch ganz verschlafen und sicheilich nicht in der besten Laune: „Wat is denn los?... was?..." Nun mochte es die Frau doch nicht sagen. „Er tut immer so, als wenn er nischt hcert.. „Jeorch!" Der Alte schrie. „Na, was denn?" Der junge Mann saß mit einem Male vollständig wach im Bette auf. „Raus sollste!" „So wie icke?" „Na frage doch nich so dämlich l" ,%d frage, wie ick will!..." „So!... Na, denn werk Dir ma zeijeii, wie sich'n Sohn zu sein' Vata'n zu bcdragen hat!.. „Na, zeige doch mal!" Der junge Mensch blieb ganz kühl. Und der Vater ging schimpfend und wetternd wieder ins Schlafzimmer hinein. Der Kampf zwischen ihnen beiden war längst ausgekämpft. Und der Vater hatte ihn verloren, als Georg eines schönen Morgens die Rechte, die ihn schlagen wollte, packte und init überlegener Kraft festhielt. Drin in der Stube plätscherte es. Ella war aufge- standen und wusch sich hinter ihrem Schirm. Dann kam sie in die Küche, halb angezogen, in Rock und Taille und sagte zu ihrem Bruder, der noch im Hemde herumging und sich eben am Ausguß waschen wollte. „Altes Schwein, Du!... kannst Dir doch wenigstens 'ne Hose anzieh'n!" Er drehte den Wasserlcitungshahn auf und wusch pustend Gesicht und Hände, dann trocknete er sich an dem nicht eben sauberen Küchenhandtuch ab und zog sich, ohne im geringsten auf Mutter und Schwester Rücksicht zu nehmen, auf dem Vettrand sitzend, die Hosen a». Frau Martha stand am Herde und kochte Kaffee. Ella war am Fenster damit beschäftigt, ihre Stiefel mit Creme einzureiben. Sie machte das so geschickt, daß die kleinen, weißen Finger keinen Fleck bekamen, wie sie denn auch den Stiefel von ihrem seidenen Unterrock vorsichtig ent- fernt hielt. „Mechte bloß wissen," meinte Georg laut gähnend,„wo Du alle die feinen Sachen herkriegst, Ella?... Ick kann ma' keene seidenen Untahoosen koofen un soviel, wie Du, soviel vadien' ick doch ooch!... Un die Stiebeln, die De da hast, die kosten doch ooch ihre finfunzwanzig Märkcr, un det Korsett..." „Kummer' Dich doch um Deine Sachen!" sagte Ella, bei deren tveißer Haut man das Erröten bis in den ent- bläßten Hals hinein sehen konnte,„Du schenkst mir doch nischt!" „Nee, ich nich!" meinte t�eorg mit Betonung. Da kam Frau Martha ihrer Tochter zu Hilfe. „Wir Frauen rauchen eben nich... un trinken nich..« Daher kommt das, daß wa immer Jeld haben un uns was anschaffen könn'..." Der Sohn lachte nur kurz auf. Wie er nach der Stube hinging, hielt er seinen sehr großen, breitschultrigen Körper ziemlich nachlässig. Plötzlich drehte er um. ging zu dem Mädchen, das jetzt die zierlichen Cbevrcauxstiefcl mit einem Wollcnlappen blank rieb, heran und sagte: „Hübsch biste ja, dis muß da der Neid lassen! Aber da sollste da doch lieba'n orn'tlichen Arbeeta nehm, wie son faulen Jungen, der da erst um Deine Jungfernschaft be- driegt. und nachher läßt er Dir sitzen!..." Er kam nicht weiter, das schöne Mädchen hatte die Stiefel hingeworfen und sprang, die Fäuste boxend, gegen ihn an. ..Du?... Du?... halt Deinen frechen Mund, Du— infamer Bengell.. Ihr kleiner roter Mund sprudelte die Worte nur so hervor.„Du b'st'n Strolch, vastehste!... Mit Dir, mit Dir mutz man sich ja schämen, über die Stratze zu gehn!.. Georg grinste. „Na, eben!... Tu jehst lieba mit Dein' Juden!.. /* «Das is nich wahr!" weinte sie fast,«ich habe gar keinen!..." „Doch, ich Hab' Da ja jesehn mit'nN «Nee.... is nich wahr!" „Jerade!... ick wollte sojar rankommen an Dir..." Der Vater kam aus der Stube, er hatte den kleinen Fritz, seinen Liebling, am dein Arm. «Wat habt'a denn schon Wieda?... was?" (Fortsetzung folgt.) (NaSdn-ck ecrtiotty,) Das vie? beinige Gefcbcnk. Von Otto E r n st. Sie besitzt bereits einen ganzen Tierpark, unsere Jüngste, Tiere von Holz, Stein, Leder Papiermache und Metall, kurz, von allem möglichen Material und in jeder erdenllicyen Herstellungs- art; endlich aber läßt sich der Drang nach dem Lebendigen nicht mehr zurückhalten, und zur nächsten Weihnacht will fie einen wirklichen Hund haben. Roswitha, welch ein Begehren I Ich habe die Hunde gern, soweit fie vier Beine haben, und soweit sie vier Beine haben, scheinen sie diese Zuneigung auch zu erwidern; diese Tiere haben wie die kleinen Kinder einen Instinkt für das Wohlwollen— aber einen Hund als Hausgenossen— I Mein Weib und ich erheben die ernstlichsten Sauberkeits- und Ge- sundheitsbcdenken. Wir erschöpfen unsere Phantasie in der Ausmalung kolossaler Unannehmlichkeiten und Gefahren, die ein Hund mit sich bringen kann; Roswitha sieht auch alles ein, wie es sich für ein pietätvolles Kind geziemt, und wenn wir sie dann fragen, was sie sich also statt eines Hundes wünsche, dann sagt sie:„'n Hund." Wir versuchen es anders herum: wir breiten vor ihrer Phan- tasie die wunderbarsten Tinge aus: Ganze Puvpenhäuscr mit Wasserleitung und Zentralheizung, prachtvolle Parks mit Spring- brunnnen und lustwandelnden Paaren, die man aus einer einzigen Schachtel hervorzaubern kann, vollständige Eisenbahnen mit sämt« lichen modernen Verkehrserschwerungen, kurz: alles, was ein kindlich Herz erfreuen kann, und anig und folgsam erklärt Ros- witha denn auch endlich: Ja, das alles möchte sie gern haben, und außerdem natürlich einen Hund. Er ist da. Der Hundeseelenverkäufer hat den Judaslohn ein- gesteckt und ist gegangen. Es ist ein Dackel; er steht da und sieht sich ratlos im Kreise um wie ein Untersekundaner in der ersten Tanzstunde. Roswitha ist nicht zugegen. Wir lassen sie unter irgendeinem gleichgültigen Borwande rufen. Sie kommt, und nun ereignet sich ein Wunder. Das Tier springt mit einem jauch- zcnden Bellaut an ihr hinauf und will ihr das Gesicht belecken. Roswitha ist hochbeglückt und fragt:„Wo kommt der her? Wem gehört der?" „Der gehört Dir." Das weitere ist nicht zu beschreiben. Es gibt eine Freude, bei der dem Zuschauer die Tränen ins Auge treten. Menschen- freude ist so ergreifend wie Menschenleid. « Es ist kein Zweifel mehr, Roswitha und Manne find durch Schicksalsschluß von Ewigkeit her für einander prädestiniert. Er spielt auch gern mit den anderen Kindern; er z-ichnel mich aus, indem er, wenn er unter meinem Schreibtisch liegt und schläft, sich mit schmeichelhafter Vertraulichkeit auf meine Füße bettet. deren animalische Wärme ihm sehr brauchbar scheint; er schäöt meine Frau noch höher; denn sie, nur sie. reicht ihm regelmäßig das Futter, und wenn er seine Säbüssel leer geleckt hat—„nicht jedes Mädchen hält so rein"— so schenkt sie ihm einen prachtvollen Knochen; wenn die lieblichen Düfte der Küche in ihren Kleidern hängen, so folgt er ihr, wohin sie will, und auch sonst gehorcht er ihr nicht Zelten(für einen Dackel«ine enorme Leistung)— und doch: wenn diese Frau zum Schein die Hand gegen Roswitha erhebt, als wolle sie sie schlagen, so blafft er sie wütend an und schnappt nach ihrer Handl Ter edle Grundsah:„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe." gilt bei den Hunden nicht. Ich möchte wissen, wer auf die törichte Idee gekommen ist, das Wort„Hund" als Schimpfwort zu gebrauchen. Ich will es gewiß nicht wieder tun. «.« Sobald das Dienstmädchen am Morgen seine Kammer geöffnet hat, rast er— zeigt mir einen Menschen, der mit so krummen Beinen so rasend laufen kann!—, rast er die Treppe zu Ros-, withens Schlafzimmer hinauf. Ich weiß nicht, wie ich dies Rennen bezeichnen soll— etwa wie wir ein Zündholz anreißen: rrtl—, ist er oben und winselt vor ihrer Tür. Wenn ihm das Mädchen die Tür geöffnet hat, läuft«r an Roswithens Bett und schaut hinein, und wenn sie schläft, legt er sich still auf den Bettvorleger nieder und wartet. So wie sie erwacht und sich leise regt, springt er an ihrem Bett empor, reißt den Mund auf bis an die Ohren und lacht. Bei der Toilette und beim Frühstück weicht er nicht von ihrer Seite, und wenn sie zur Schule fährt, begleitet er fie zum Bahnhof. Wenn er die Mittel hätte, würde er ihr jeden Morgen ein Veilchen- bukett in den Wagen reichen. Anfangs wollte er mitfahre,., aber bald hat er eingesehen, daß das nicht möglich ist, und hat resigniert. So ein Dackel kann resignieren wie ein Philosoph. Rur daß er dem Zuge wehmütig nachschaut, bis er den Bahnhof verlassen hat. Roswitha winkt mit dem Taschentuch und will bemerkt haben, daß er mit den Ohrlappen zurückwinkt. Dann steht er noch einen Augenblick versunken da, das Haupt auf die Seite geneigt und mit einem Blick— einem Blick!—, ich muß immer an den Prim- geiger einer Zigeunerkapelle denken, der mit geneigtem Ohr die schwcrmütig-schmelzenden Töne seiner Geige einsaugt. Dann tappt er heimwärts. Das Leben hat vorläufig keinen Sinn und Zweck mehr als den, verschlafen zu werden. Zu jeder ihm paffenden Zeit kratzt er an meine Tür, ob ich dichte oder nicht, und ich oder jemand anders macht ihm auf: denn ich habe die Weisung gegeben: „Dieser Ritter wird künftig ungemeldet vorgelassen." Er geht geradeswcgs unter meinen Schreibtisch, legt sich mit melancholischer Unverschämtheit guer über meine Beine und schläft. Schläft und schnarcht wie ein aktiver Kammerpräsident. Stunde auf Stunde. Wenn er gar zu heftig zu meinen Versen schnarcht, versetz ich ihm aus verletzter Autoreneitelkeit einen Stoß und rufe:„Männe? Mäßige Dich!" Dann hört das Schnarchen für eine Minute auf, um dann mit neuer Kraft zu beginnen. Wer so schlafen könnte! Wer die Zeit dazu hätte! Die Türklingel. mag läuten und die HauStür mag gehen, so oft fie will— er schläft und schnarcht. Verrückt, so etwas„ein Hundeleben" zu. nennen! Aber Männe könnte wie der Mann des Seidl-Löweschen Liedes singen: Ich trage, wo ich gehe. Stets eine Uhr bei mir— Gegen zwei Uhr wird sein Schlaf unruhig. Von Zeit zu Zei. zucken seine Ohren— es wetterleuchtet in seinen Zügen, wie ein ordentlicher Romanschreiber sagen würde— plötzlich hebt er den Kopf, rast— rrtl— nach der Tür, kratzt und winselt:„auf- machen, aufmachen!"— rrtl an die nächste, ebenfalls geschlossene Tür und heult:„aufmachen, schneller, schneller!"— rrtl an die Haustür und bellt:„diese ekelhaften Türen!" sagst wie ein ab- geschossener Dackel durch den Garten und in die Arme seiner ver- götterten Herrin! Er hat sie gehört, gespürt, geahnt, mit zweitem Gefickt gesehen, bevor wir nur das geringste börten. Wie sie sich begrüßen, wie sie miteinander durch den Garten tollen— ja, das ist Liebe! Er lacht Tränen vor Wonne, und sein Schwanz, das Perpendikel seines Herzens, macht zehn Schwingungen in der Sekunde. Wenn fie ihre Schularbeiten macht, wenn sie mit ihren Puppen spielt— er liegt selig blinzelnd zu ihren Füßen. Wehe, wenn ei» anderer das Zimmer betritt!„Wer wagt es, in den Dunstkreis meiner Herrin zu treten!" fährt er grollend auf und beruhigt sich nur langsam, wenn eS ein Mitglied oder ein Freund des Hauses ist. Er erlaubt uns, mit Roswithen familiär zu verkehren, läßt aber durchblicken, daß ihm diese Vertraulichkeiten im Grunde seines Herzens nicht gerade angenehm find. Einmal aber kam fie nicht nach Hause, weil fie gleich von der Schule zu ihrer Freundin auf Logierbesuch gegangen war. Um zwei Uhr lief er an die Haustür, horchte und witterte und dachte:„Nanu?!" Er setzte sich nieder und wartete bis drei, bis vier, bis fünf. Er aß nicht, kauerte sich zusammen und verfiel in einen unruhigen Halbschlummer. Er fuhr empor, sobald er draußen etwas hörte— und sank traurig wieder in sich zu- sammen. Um sieben Uhr saß er noch auf dem Vorplatze, und das Antlitz noch, das bleiche nach dem Fenster sah. Dann begriff er: sie kommt nicht, und suchte, ohne gegessen zu haben, mehr kriechend als gehend, sein Lager auf. In der Nacht begann er zu heulen, daß wir erwachten und nicht wieder einschlafen konnten. Ich stieg im tiefsten Neglige die Treppen hinunter und machte ihm beruhigende Borstellungen, schüttelte ihm sein Lager zurecht und lud ihn ein. wieder Platz zu nehmen und wohl zu ruhen. Nach solchen Exkursionen empfindet man die Bettwärme besonders wohltuend. Ich hatte kaum drei Minuten gelegen, als Männe wieder zu heulen begann wie ein besserer Schloßhund. Diesmal entfuhr ich schneller dem Bett, eilte die Treppe hinunter und wurde in meinen Worten sehr un- angenehm, in meiner Stimme äußerst drohend. Ich sah nach dem Futter- und dem Wassernapf— es war alles in Ordnung, stellte ihm das Ultimatum: jetzt Ruhe oder Prügel! und flüchtete klappernd wieder in mein Bett. „Na. jetzt scheint er fich ja—* „Zu beruhigen," wollte meine Frau sagen, kam aber nicht dazu, weil der Herr Tackel wieder das Wort genommen hatte. „Vielleicht will er hinaus." meinte meine Frau. Ich zog mich also an, ging hinunter, schloß die beiden Haustüren auf und sagte:„Hinaus!" Rrrrt! war er draußen. Ich schloß wieder zu. ging nach oben, entkleidete mich und schlüpfte tief aufatmend und zufrieden ins Bett. Da heulte und bellte er draußen, und schlimmer als zuvor. „Jetzt weckt er auch die Nachbarn auf." sagte meine Frau. Ich zog mich abermals an, diesmal aber lag in der Art, wie ich die Hosen heraufzog, entschlossener Ingrimm. Ich nahm einen gehörigen Stock zur Hand, ging hinunter, schloß wieder zweimal auf, rief den Hund mit wohlwollend gefärbter Stimme ins Haus — rrt, lag er wieder in seinem Korb— und schloß wie ein be- dächtiger Henkersknecht wieder zu. Dann ging ich zu dem Hunde und hob den Stock— aber das Tier sah mich mit einem Paar Augen an— nie Hab' ich in menschlichen Augen eine so er- greifende Traurigkeit und Angst gesehen. Aus der Tiefe seines dunkleren Daseins herauf fürchtet sich ein Tier vielleicht noch mehr. als ein Mensch sich fürchten kann. Ich warf den Stock hin, redete dem Tiere wieder begütigend zu und ging wieder nack oben. Wir mußten uns schließlich entschließen, auch trotz des Hundegeheuls einzuschlafen, und wenn man muß und will, kann man auch daS. Als Roswitha nächsten Tages heimkehrte, ließ Manne eine Art Bellheulen hören, das man nicht näher bezeichnen kann; es schien ein wirres Produkt von Bellen, Jauchzen, Heulen, Schluchzen und Hurrarufen, und in seiner Begeisterung rannte er so heftig gegen sie an, daß sie sich wider Willen„bums" auf den Rasen setzte. Diese Gelegenheit benutzte Männe wider alles Verbot, ihr immer abwechselnd Hals und Gesicht zu belecken. Sein Schwanz machte diesmal fünfzehn Schwingungen in der Sekunde. (Schluß folgt.) I�aturwlfTeiifchaftUche Qebcrficbt. (W erden erworbene Eigenschaften vererbt?) Es gibt in der Biologie kaum eine andere Frage, über die die Ansichten der Fachleute so sehr auseinandergehen, als über die Frage der Vererbung oder NichtVererbung erworbener Eigenschaften. Der gewichtigste Gegner dieser Lehre ist August Wcismann. Sein Widerstand entspringt vor allen Dingen theoretischen Er- wägungcn. Nach einer vom ihm bereits vor langen Jahren auf- gestellten Hypothese sind alle erblichen Eigenschaften an bestimmte Anlageteilchen gebunden, die in den Kernschleifen der Eier und Samenfäden niedergelegt sind. Im Verlaufe der EntWickelung wird dwse Erbmasse bei der Teilung der befruchteten Eizelle allmählich aufgeteilt, so daß jede Zellart des Körpers zuletzt nur noch die ihr entsprechenden erblichen Anlagen enthält, d. h. die Nervenzellen besitzen schließlich nur noch Nervenzellenanlagen, die Muskelzellen nur mehr Muskelzellenanlagcn usf. Nur ein kleiner Teil der ge- samten Erbinasse wird auf besonderen Keimbahnen unverändert von Generation zu Generation übertragen, so daß auch bei dem neu entstehenden Tiere die Geschlechtszellen mit sämtlichen erblichen Eigenschaften ausgerüstet find, wie die seiner Eltern. Man kann fich diesen Gedankengang vielleicht dadurch am besten veranschau- lichcn, daß man sich jedes Lebewesen aus zwei unabhängigen Teilen bestehend denkt, dem eigentlichen Körper und den in ihm ihr eigenes Leben führenden Geschlechtszellen. Wäre diese Sachlage richtig, dann könnten natürlich nur Veränderungen, die die Keimzellen betreffen, bei den fich entwickelnden Nachkommen zur Ausgestaltung gelangen, während all« Abänderungen, die fich lediglich auf die Körperzcllen beschränken, mit dem Tode des betreffenden Jndivi- duums zu Grunde gehen würden. Oder diese neu erworbenen Eigenschaften könnten auf die Jungen des betreffenden Tieres wenigstens nur dann übertragen werden, wenn es möglich wäre, daß der Körper auf die Keimzellen einen der Abänderung ent- sprechenden Einfluß auszuüben vermöchte. llm die Unmöglichkeit der Vererbung erworbener Eigenschaften zu erweisen, hat man Mäusen während zahlreicher Generationen immer die Schwänze abgeschnitten. Trotzdem gelangen die Nachkommen dieser schwanzlosen Tiere stets mit vollkommen ausgebildeten Schwänzen zur Welt; das sollte dann ein Beweis gegen die Vererbung erworbener Eigenschaften fein. Ein naiverer Versuch läßt fich eigentlich kaum vorstellen; nimmt doch wohl niemand an, in der Natur ginge der Verlust eines Organs in so grober Weise vonstatten! Txltz äußerlich« Verletzungen der Eltern nicht aus die Kinder übertragen werden, war auch ohne einen solchen Versuch vor. vornherein anzunehmen. Außerdem kennt man ja in dieser Hinsicht«in weit großartigeres Experiment. Wird nicht bereits seit Jahrtausenden bei den Juden die Beschneidung der Knaben ausgeführt? Dennoch ist nichts davon bekannt, daß infolgedessen die Vorhaut der Rückbildung verfallen wäre oder auck nur zur Verkümmerung hinneigte. Wenn wir diese Frage entscheiden wollen, müssen wir schon mit feineren Methode« ar- beiten. Das klastische Beispiel für die Vererbung erworbener Eigen- schaften bilden die so außerordentlich wichtigen Versuche über Kälteabänderungen bei Schmetterlingen. Setzt man nämlich die Puppen des gemeinen deutschen Bären(Arctica caja) während ihrer Entwickelung zeitweise einer Kältccinwirkung von etwa— 8 Grad aus, so sind die ausschlüpfenden Schmetter- linge erheblich dunkler gefärbt als ihre unter normalen Bedingungen aufgewachsenen Artgenossen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Abänderung eine direkte Folge der Abkühlung des Puppen- ftadiums ist. Wird nun von diesen Kältetieren ein besonders stark abgeändertes Männchen mit einem ebenfalls dunkel verfärbten Weibchen gepaart und die Nachlommenschast bei gewöhnlicher Zimmertemperatur aufgezogen, so zeigt es sich, daß auch von den jungen Schmetterlingen wenigstens einige Exemplare eine Abände- rung der Farbe ganz im Sinne ihrer Eltern zur Schau tragen. Hier ist also in der Tat der klare Beweis erbracht, daß durch ver- änderte Lebensbedingungen Veränderungen an den Tieren ent- stehen können, die erblich befestigt sind und sich auf die Nachkommen übertragen lassen. Weismann wendet dagegen freilich ein, daß man deshalb nicht von einer„Vererbung erworbener Eigenschaften" sprechen dürfe, weil durch die Kälte zugleich mit den Körperzellen auch die Keimzellen eine entsprechende Veränderung erfahren haben könnten. Doch es lassen fich auch noch andere Beispiele anführen, bei denen dieser Einwand versagt. In neuerer Zeit ist der mexikanische Süßwaffermolch A x o l o t l ein so beliebtes Aquarientier geworden, daß ich wohl annehmen darf, daß eS ziemlich bekannt ist. Nicht so bekannt ist es jedoch, daß das Axolotl nur eine Larve ist, daß es unter günstigen Verhältnissen bisweilen das Wasser verlätzt, seine Kiemen verliert und zu einem Landtier, dem Ambchstoma, wird. Das ist nicht so merkwürdig, wie es zuerst erscheinen mag. Auch unser heimischer Feuersalamander(Lalamanckra atra maculosa) verdringt ja seine Jugend als kiementragende Larve im Wasser und verläßt es erst beim Heranwachsen, lleberraschend ist es nur. daß die Axolotl als Larven bereits Geschlechtsreife erlangen und Junge erzeugen können und in der Regel ihr ganzes Leben im Larvenstadium verbringen. Wie nun Fräulein v. Chauvin zu zeigen vermochte, besitzen die von der Landform erzeugten Jungen eine viel stärkere Neigung, das Waffer zu verlassen, als die von den Larven geborenen. Ja, die Amblystomajungcn verwandeln fich selbst dann noch zu der Landform, wenn man sie unter Be- dingungen hält, unter denen bei einem von Axolotln erzeugten Tiere die Umwandlung unter keiner Bedingung erfolgt wäre. Die so viel schärfer hervortretende Neigung zum Landleben mit allen feinen Folgen, wie Verlust der Kiemen und Uebergang zur Lungenalmung, ist offenbar auch eine erworbene und auf die Nach- kommen vererbte Eigenschaft. Weismann sucht diesen Beweis aller- dings dadurch zu entkräften, daß er behauptet, die Umwandlung zur Landsorm wäre keine„neu" erworbene Eigenschaft, sondern eine Rückkehr