Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 4. Donnerstag, den 6 Januar. 1910 (Ka®6tiiH verbot«!.) 4] Im JSamen des Gcfetzcs. Von Hans Hyan. Adalbert nahm den schwarzumrandeten Kneifer ab, putzte mit der Serviette die Gläser und sagte, unwillkürlich den Ton des Jnquirenten annehmend, der keinerlei Einwände gelten läßt: „Jeder Mensch ist durch seinen Beruf und durch die gesellschaftliche Sphäre, in der er lebt, an gewisse Ansichten und Rücksichten gebunden, für die er ja die Grenzen enger oder weiter stecken kann; seine.. ..... seine Tischdame darf er aber auf keinen Fall ver- nachlässigen!" fiel ihm Nim ins Wort, entfesselte dadurch neue Heiterkeit und hatte sehr geschickt einem Disput die Spitze abgebrochen, der unangenehm hätte werden können. Der Student nahm sein Glas, trank der Goldblonden zu— das Gold war in der Tat Talmi— und sah dann zu seiner Nachbarin, die einen verweisenden Blick ihres Ge- liebten aufgefangen hatte und nun noch einsilbiger wurde. „Ist es Ihnen unangenehm, was ich zu Adalbert gesagt habe?" fragte der Student. Ella schüttelte den Kopf, sie hatte zum ersten Male gegen ihren Liebsten ein ganz feindliches Gefühl. Wie eine Ge- fangene kam sie sich vor. Und war's doch nicht. Konnte doch jede Minute gehen. Das sagte sie sich auch, sowie, daß er sich immer gentlemanlike gegen sie benommen hätte. Doch das half ihr nichts, sie fühlte die Kluft und die Feindschaft, die zwischen Armut und Reichtum besteht, selbst wenn beide körperlich miteinander verbunden sind. Und so schmeckte ihr selbst die Fürst Pückler-Bombc nicht. Boll heimlicher Reue fühlte sie, daß heute vor allen Tagen ihr Platz an Mutters Seite gewesen wäre. Und sie wäre jetzt gern gegangen, wenn nicht die Scheu sie gehindert hätte, Adalbert möchte das als Angst vor ihm auffassen. Nach dem Essen kamen noch ein paar Herren und daß der eine eine stadtbekannte Courtisane, die allerdings auch eine exzentrische Schönheit war, mitbrachte, wurde ihm keines- Wegs verdacht. Früher hatte Ella den wilden Jubel, die tolle Laune, in der selbst der gewagteste Scherz passierte, ohne Bedenken mitgemacht. Heute kam es ihr vor, als sei alles das von den Herren absichtlich auf die äußerste Spitze getrieben, um die Mädchen zu entwürdigen und zu kränken. Aber auch diese Damen waren ihr nie so zügellos, so gemein erschienen wie heute: jede der schlüpfrigen Pointen, in denen sich besonders ein Rechtsanwalt, namens Zander, hervortat, wurde mit hellem Gelächter aufgenommen und durch Blicke und Be- wegnngen kommentiert. „Dr. Martin Zander" hatte er sich Ella vorgestellt. Und Kurt Solfershausen erzählte ihr voller Ironie seine Lebens- geschickte: „Zanders Eltern waren kleine Leute, die in der Provinz irgendwo eine Pfandleihe besessen und damit Geld gemacht hatten. Jetzt lebten sie in Berlin als Rentiers und machten ein großes Haus. Der Sohn, ein feiner Kopf und guter Rechner, verdiente mit seiner Anwaltspraxis viel Geld— auf welche Weise?— das ist'ne andere Frage!" schloß Kurt von Solfershausen,„und sehen Sie, Fräulein Ella, er läßt kein Auge von Ihnen!... Sie brauchten bloß zuzu- greifen!" Die Blonde schüttelte den Kopf. ..... Sein größter Schmerz ist die Visage!" ruddelte Kurt weiter,„veliuguevte vato", würde Lombroso sagen — was meinen Sie, was der Mann geben würde, wenn er wie Gottlieb Müller oder wie August Schulze aussehen könnte!" Ella mußte lachen, und da sie hinübersah zu dem Rechts- anwalt, begegneten ihr seine Augen in unverhohlener Be- wunderung. Dann wurde Solfershausen, der nett Klavier spielte, aufgefordert, ein bißchen Musik zu machen. Und Ella ging mit ihm in das Nebenzimmer. Ihr war der Lärm der Tafel und das schmetternde Lachen der dicken Nini sehr zuwider. Adalbert von Eckboom, der überhaupt ein starker Trinker war, hatte seiner Vorliebe heute bis an die Grenzen des Möglichen nachgegeben. Sein Gesicht war sehr rot, und die Augen hatten einen trüben Glanz bekommen. Der Rechtsanwalt Zander, der sich auf den Stuhl neben ihn gesetzt hatte, meinte lächelnd: „Herr von Solfershausen und Ihre kleine Freundin kennen sich schon sehr lange, Herr Baron?" „Ja, wieso?..." von Eckboom begriff erst gar nicht. „Na, die beiden sind doch unzertrennlich heute Abend!" „So... ja... das heißt... na, wir woll'n mal gleich sehen!" Und mit starker Stimme, unbekümmert um den Ein» druck, den das auf die übrigen machen mußte, rief er ins Nebenzimmer hinein: „Ella! Komm' mal sofort'raus!" Das Mädchen erschien, rot vor Aerger über diese Takt- losigkeit. Alles sah nun auf sie hin, wie sie in der Tür stand, alle lachten und lächelten, und jeder, sie aber am meisten, empfand, daß ihr Liebster sie im eifersüchtigen Verdacht so laut gerufen hatte. Sie hätte nichts Schlimmeres tun können als jetzt sagen: „Ich habe Herrn von Solfershausen bloß die Noten umgewendet!" Nun wieherten die meist schon ar.gekneipten Herren, die Damen wollten sich für Ella einlegen und verschlimmerten dadurch nur die Situation. Indem brach das Klavierspiel im Nebenraum ab. Kurt erschien, sich die schwarzen Locken aus der Stirn streichend, neben Ella. „Was ist denn?" fragte er harmlos. Da sah er Ella ihr Taschentuch hervorholen. „Ouält doch das arme Kind nicht!" Mit stieren Augen beugte sich der Hausherr, der Kurts weitläufiger Vetter war. vor und sagte wieder in einer un- angenehm lauten Tonart: „Du scheinst Dich ja sehr für das„arme Kind" zu inter- essieren!... Ich muß gestehen, daß ich dies Interesse etwas voreilig finde!... Es sei denn, daß meine bisherige Freundin sich schon in anderer Weise entschieden hätte!.. Kurt von Solfershausen blickte den Vetter ruhig an. „Du scheinst Streit mit mir suchen zu wollen, Adalbert ... aber in Deinem jetzigen Zustande, da bcdaur' ich!... Wenn Du mir in dieser Hinsicht was Ernstliches zu sagen hast, so schlage ich vor, wir wollen das auf morgen verschieben!" „Wo Du dann wieder nicht zu Hause bist!" Kurts Züge bekamen einen gespannten Ausdruck, er fragte: „Wieder?... Habe ich mich schon jemals einer der» artigen Ehrenpflicht absichtlich entzogen?... willst Du das damit sagen, Adalbert, ja?" Herr von Eckboom zuckte impertinent die Achseln und schob den schwarzrandigcn Kneifer auf seiner dicken Nase zurecht. Aber ehe er noch antwortete, rief Ella schluchzend dazwischen: „Nein, ich gehe jetzt weg!... Das will ich nicht, daß Ihr Euch noch meinetwegen schlagen sollt!... und das is auch nich hübsch von Dir. Albert, daß Du sowas von mir denkst!..." Jetzt standen alle auf. die Mädchen drängten sich herzu und Martin Zander, der Urheber des ganzen Skandals, ver» suchte nun mit seiner glatten Zunge den Zwist beizulegen. Das gelang ihm auch halbwegs: die beiden Vettern reichten sich, ihre innere Gegnerschaft wohl fühlend, kalt die Hände. Und ehe sich noch Kurt an Ella wenden konnte, die er um Entschuldigung bitten wollte für die ihr ja allerdings ganz unabsichtlich bereiteten Unannehmlichkeiten, war Herr Dr. Zander schon an das Mädchen herangetreten und hatte mit einer höflichen Verbeugung gesagt: .„Wenn Sie gestatten, gnädiges Fräulein, fahr' ich Sie mit meinem Automobil nach Harfe!" Die Blonde, noch aufgeregt und nur von dem emen Wunsche beseelt, hier fort und so schnell als wöglich nach .Hause zu kommen, gab ihre Einwilligung. Freilich, wie sie da unten in das elegante CoupSauto stieg, da dachte sie mit einem peinlichen Bedauern daran, daß x:-M W• S ihr Kurts Begleitung viel erwünschter gewesen wäre... Auch jeden anderen hätte sie lieber an ihrer Seite gehabt als diesen Rechtsanwalt, dessen Person allerlei unbestimmte Bc- sorgnisse in ihr wachriefen. Aber Zander erlaubte sich nicht das geringste. Er war im Gegenteil von einer so liebenswürdigen Höflichkeit, datz Ella, deren Selbstgefühl heute abend eine starke Erschütterung erlitten hatte, ihn schließlich recht nett fand. „Ich habe das längst bedauert, mein liebes Kindl" sagte Zander mit einem warmen Ton in seiner durch den Beruf in jedem Affekt geübten Stimme. „Die Rolle, die Sie in diesem Kreise spielen, ist Ihrer unwürdig... ich kann es gut verstehen, daß Sie aus Ihrer ermüdenden und einförmigen Tätigkeit heraus sich nach ein bißchen Zerstreuung sehnen... aber man bezeigt Ihnen hier nicht die nötige Achtung!... Ein Mädchen Ihres Schlages mit Personen wie diese Nini oder Lina zusammen- bringen, das— verzeihen Sie mir meine Offenheit, aber das verrät einen derartigen Mangel an Takt, daß man es diesen jungen Männern eigentlich gar nicht zutrauen sollte! Es sind doch alles Herren aus der Aristokratie und aus der besten Gesellschaft!..." „Ja," sagte Ella, die über dieses Thema so manches von ihrem älteren Bruder gehört, wenngleich sie dessen Theorien blsher stets als unwahr zurückgewiesen hatte. „Ich bin ja auch keine große Dame!... �u den anderen. mit denen sie gesellschaftlich Verkehren oder die sie am Ende heiraten wollen, da betragen sie sich nicht so!... aber wir!... wir armen Mädels!... solange wir gefallen. ist's gut! Nachher kriegen wir unseren Tritt! Und wenn dann eine mal laut wird un läßt's sich nich bieten, dann wird se angezeigt wegen Bedrohung oder Erpressung... das hat erst neulich noch in de Zeitung gestanden!.. (Fortsetzung folgt.) abt, mit den anderen zu gehen. ES ist für ihn ja eine ganz ungewöhn- liche Freude," sagte Anna-Marie. „Ja." sagte Mette und legte die Hände auf den hervorstehenden Nnterleib,„sie haben eS gut in unseren Tagen, die Dienstboten. Als wir jung waren, war es anders. Nun gilt ja beinahe einerlei Recht, gleichgültig, ob es fich um Bauernkinder oder um Häusler- rangen handelt. Und wenn»nan die Sache genau überlegt, müßte im Grunde doch ein bißchen Unterschied zwischen den fremden und den eigenen sein. Das kommt mir wemgstenS so vor.— Na, hier hast Du also Dein Vesperbrot," sagte fie mit rasckem Ueber- gang.„Wenn Du nicht gerade jeden Krumen ausfressen solltest. nimmst Du den Rest ja wohl mit zurück. Mach nun mit dem Vieh fort und betrag Dich anständig. Damit kommt man am weitesten." Jens nah,,, das Butterbrot und trieb die Kälber an. Anna-Marie folgte still hinterher. Wie sie aus dem Haustor heraus waren, schlug sie die gestreifte Schürze zurück und fuhr mit der Hand in ihre Rocktasche. „Stafen gab Dir verniutlich nichts für die Tour?" fragte sie und begann ein Stück ZeitungSpapier auSeinanderzuwickeln. „N— ein." „Ich dachte es mir. Hier ist ein ÜS-Pfennigstück, daS unser Vater mir für Dich mitgab. Cr ist im Torfmoor: Du kommst ja daran vorbei. Du solltest ihm aus dem Zug zunicken, läßt er sagen. DaS würde ihn freuen.— Und gib ja auf daö Geldstück acht, mein Kind, unsereins hat ja nicht viel davon. Und zeig mir auch, daß Du Dein Zeug zu schonen verstehst. Und dann leb wohl, mein kleiner Jens. Und laß Dir alles gut gelingen." JenS zog mit seiner Kälberschar weiter. Der Morgenhimniel war wie ein Tronin so blau. Tauben- scharen flogen von den brachliegenden Aeckern Hein, wärt« und ließen ihre weißei, Schwingen in der Lust glänzen. Die Kälber hinter- ließen lange dunkle Spuren im Tau. Die Hofbesitzer begannen bereits ihre Kinder nach der Station zu fahren. Die morgenfrischen Pferdegespanne jagten einander nach. bis die Wagen eine lange ununterbrochene Kette bildeten. Die frisch lackierten Wagenledcr glänzten: die kleinen Hofbcsitzertöchter in weißen Kleidern mit bunten Bändern am Hut saßen in den Wagen- stuhlen tind tuschelten neugierig wie junge Entlein, die eben aus der Schale herausgekrochen sind. Hinter ihnen standen die Dienstjungen. die sich an der Rückenlehne des Wagens festhielten und wild herum- schlingerten, wenn einmal daS Rad des WagenS plötzlich in eine tiefe Räderspur hinabrutschte. Eins der Gespanne hatte eine Klarinette im Wagen. Der rot- haarige Spielmann blies schrille Töne niit geblähten Backen in den tauigen Morgen hinein.— Als diese Wagen an den Kälbern vorbei- schlingerten, wachten die trägen Tiere plötzlich auf und taten einen Sprung zur Seite. JenS erhielt einen Stoß, daß ihm die Schuhe um die Ohren knallten. Ein paar von den kleinen Mädchen im Wagen beugten sich über den Sitz hinaus, wiesen mit dein Finger aus ihn und ließen ein Helles trillerndes Lachen erklingen. Ein Dienstjimge, der hinten die Balance zu halten versuchte, sühlte sich oben auf und rief:„Du kommst bestimmt zu spät." Jens hatte eben daran die ganze Zeit gedacht. ES war auch unerhört, wie diese Kälber sich im Schneckenschritt vorwärtsbewegten. Sie waren ja kaum vom Fleck zu schleppen. Jens ergriff nun die Peitsche und ließ sie ein paar mal auf die knochigen Rücken der buntscheckigen Tiere fallen. Damit aber war der Frieden unrettbar zerstört. DaS Leittier blieb steif und bockig wie ein Pfahl stehen. JenS ging nach vorn, legte den Strick über die Schulter und zog mit aller Macht. Der Hals des Kalbes schien sich um das doppelte zu verlängern, die Augen schloffen sich in einer Art von religiöser Selbstpeinigung, ein langer regenbogenfarbiger Speichelstreifen hing aus den Mundwinkeln herab, aber nur in einer Art von starrem Parademarsch bewegte eS sich vorwärts, mit steifen Knien und auseinandergespreizten Hufen. Der Schweiß hagelte JenS von der Stirn. Nun war der letzte Wagen hinter dem Stationöhügel verschwunden. DaS mußte ja sein endgültigcr Ruin werden l Erhitzt und abgerackert drehte er sich mit erhobener Peitsche »NN. Die Kälber aber, die alle nnteinander ein böse? Gewisien hatten, stürzten sich nun wie auf gemeinsame Verabredung in den Graben und zerrten an den Verbindungsstricken, dah eins mitten entzwei barst. Zwei Kälber sprengten von der Herde fort und begruben sich unter höhnischem Gebrüll im Haferfeld deS Nachbarn. JenS heulte laut vor Verzweiflung und Zorn. Ein wütendes Weib in knielangem bunten Unterrock kam schinipkend und gestikulierend aus einer Hostür in der Nähe und ließ eine sündige Saat von Flüchen und Verwünschungen auf die breiten Becker niederregnen. „Der Satan soll Dir in den Hais fahren, Du Mistjunge, kannst Du Dein Viehzeug nicht festhalten 1" Der Schall dieser Worte wurde von den Hauswänden zurück- geworfen. JenS stürzte bleich vor Schrecken hinter den Kälbern her, wobei er seine nackten Füße vor den scharfen Feuersteinen des Ackers in acht nehmen mußte. Die nasien Haferähren schlugen ihren Tau mit einem Schlage durch seine Hosen hindurch. Nur die Ohren der Kälber waren über den Haferspitzen sichtbar. Mit ihren langen be° gehrlichen Zungen streiften sie die Körner von den Halmen.— Das Frauenzimmer kläffte zum Gotterbarmen weiter. JenS Augen standen ihm vor Hilflosigkeit aus dem Kops heraus. Da iah er plötzlich Fischer TomaS auf dem Weg vorübergehen. Tomas warf sofort die Angel weg und watete in den Hafer hinein. Mit vereinten Anstrengungen kriegten sie schließlich die Kälber am Maul zu packen. Tomas verließ seinen kleinen Freund nicht, bevor die ganz« Schar in Ordnung zusammengebracht war. „Gott steh mir bei, wie die loslegte," sagte Toinas und nickte in die Richtung, wo die kurzröckige Megäre nun wieder auf ihren Hof zurückstampfte. „Das war wahrhastig die Frau Witwe. Bei der möchte ich auch nicht meinen Morgenkuß holen." Nach einer Weile fügte er hinzu: „Na, Siafen konnte Dich auch heute nicht frei lassen. Nein. das ging natürlich nicht an. Ich möchte übrigens glauben, daß Du noch zur rechten Zeit kommst, wenn Du Dich beeilst." Tomas setzte init der wippenden Angelrute seine Wanderung nach der Au hin fort. Etwa 20 Ellen von Jen? hielt er plötzlich inne. Ja, das war die Flöte der Lokomotive. Das mußte die Ankunft sein. „Mein kleiner JenS, ich glaube. Du mußt laufen, waS das Zeug halten Willi— Ist es nun nicht eine Sünde, ein Kind zu spät kommen zu lassen, das nur einmal im Jahr eine kleine Freude bat." munnelte er vor sich hin und ging kopfschüttelnd weiter.— Und Jens rannte mit der ganzen Spannkrast d«S Knaben. Im Anfang war eS ihm, als könne er jeden Hügel in zwei bis drei Sprüngen nehmen. Später wurden die Füße schlapper. Dann und wann schnitt ihm ein Feuerstein in die Zehe. Aber das ließ ihn nur stärker laufen, um die Schmerzen zu vergessen. Nun hatte er den breiten StationShiigel erreicht. Er lief, daß die Nase fast den Erdboden berührte. Hier, wo die Aussicht gesperrt war, gab die Angst ihm Flügel. „Ich komme nicht mit, ich komme nicht mit," flüsterte er unhör- bar bei jedem Sprung. Der grüne Wald, der mitten im Wasier der Bucht lag, die stöh- lichcn Kameraden, Spiel, Tanz, Musik, der dampfende Kaffee, das würzige Weißbrot— alles, alles schien ihm mit dem Rauch der Lokomotive zu verschwinden. Halb wirr vor Atemnot erreichte er die Höhe des Hügels. Man sah keinen Zug. Und eS war so unheimlich tot da unten. „Ich komme nicht mit, ich komme nicht mit," fuhr eS ihm beständig durch den Kopf. Noch war eine Möglichkeit, daß der Zug hinter dem roten Stationsgebäude verborgen stand. „Ja, verflixt, kam da nicht der Rauch über das Dach hinauf?" JenS lief, als brenne ihm das Feuer unter den Sohlen, während die lose hängenden Schuhe immer hinter seinem Kopf zu- sammenknallten. Nun bog der Weg nach rechts und er sah, daß der hoffnungs- volle Rauch von einem Nachbarhaus stammte. „Ich komme nicht mit, ich komme nicht mit", stöhnte er weinend. während er mit einem roten Nebel vor den Augen auf den Perron einbog. Wie war eS hier so leer I Die Hühner gingen friedlich zwischen den blanken Schienen; der Ledcrklöppel der StationSglocke schwang in der Morgenbrise sanft und weich hin und her. Jens Augen erweiterten sich zu unnatürlicher Größe, während er die leeren Schienen entlang sah und den Blick immer höher und höher zu dem hoffnungslosen Horizont erhob. Der Stationsvorsteher, ein magerer Mann mit barschem Ge- ficht, war aus den Perron hinausgekommen: „Hättest Du mu in den Wald wollen?" „Ja", sagte JenS und schluchzte, als sehe er erst jetzt seine Ent- täuschung in ihrem vollen Umfange. Wer mit dem Zuge will, muß rechtzeitig kommen, sagte der Borsteher, als verlese er einen Satz aus dem Reglement. „Ich mußte erst die Kälber hinaus bringen", schluchzte JenS. „Bist Du eS. der bei Stafen auf dem Ailhof dient?" Jens bejahte es. „Auf den inständigen Wunsch deS Lehrers Petersens habe ich den Zug fünf Ministen über die gewöhnliche Zeit halten lasten, man hatte Dich wobl unterwegs gesehen. Als Du aber auch dann nicht gekommen warst..." Nun war auch die Frau der Vorstehers hinzugekommen: „Mein Gott, ist er zu spät gekommen!" Sie sah in sein der- weinles Geficht herab. „Komm zu mir herein! Du sollst eine Tasse Kaffee trinken!" Die nette Frau bot ihm auch Kuwen. Jens saß aus der äußersten Ecke des feinen SofaS und wagte vor Geniertheit kaum aufzusehen, während er unter kleinen Schlucklauten seinen Kaffee schlürste. Einen Augenblick später schloß sich die Tür der frimdlichen Frau hinter Juns nackten Fersen. Alas am k)alleyscken Kometen zu leben fein wird. Während früher die Erscheinung eines Kometen als eine Zuchtrute Gottes angesehen und als der Vorbote eines großen Weltunglücks gefürchtet wurde, hat sich heute bei allen Menschen. die eine wahre Ehrfurcht vor Naturereignissen besitzen, und nicht vom Aberglauben angekränkelt sind, eine Sehnsucht nach dem lang- entbehrten Anblick eines großen Haarsterncs eingestellt. Leben heute doch nur noch wenig-, die eine deutliche Erinnerung an eine oder mehrere der letzten großartigen Himmelserscheinunaen dieser Art haben. Die Hoffnungen aller Naturfreunde richten sich nun auf den Halleyschen Kometen, der bald seine größte Sonnen- nähe erreichen' und dann möglicherweise sich zu einem prächtigen Schauspiel entwickeln wird. Sichere Versprechungen lasten sich daraufhin freilich noch nicht machen. Wenn man die letzten Be- richte der Astronomen über ihre Beobachtungen am Halleyschen Kometen liest, so geht daraus allerdings hervor, daß wenigstens im Monat Dezember das Gestirn immer nur noch mit Verhältnis- mäßig starken Fernrohren erreichbar war. So schreibt der fran- zösischc Astronom DeslandreS an die Pariser Akademie der Wissen- schafte», daß er mit dem großen Spiegelteleskop der Sternwarte in Meudon bei Paris, das einen Spiegel von einem Meter Durch- mcsser besitzt, bei einer Expositionszeit von b Minuten ein scharfes Bild von dem Hauptteil des Kometen erhalten hat. Eine andere Aufnahme des ganzen Kometen zeigte diesen als eine neblige Masse, die in der zur Sonne entgegengesetzten Richtung verlängert erschien. Außerdem wurden auch zwei Aufnahmen des Kometen- spektrums gewonnen. Besonders wichtig, auch im Hinblick auf die zukünftige Entwickelung des Gestirns, ist die Bekundung, daß Schwankungen seiner Helligkeit beobachtet worden sind. Die Him- melsforscher werden nun im Lauf der nächsten Wochen und Mo- nate jedenfalls alles daransetzen, um den Halletischen Kometen so gründlich wie möglich zu studieren, so daß sein diesmaliges Er- scheinen für die Wissenschaft einen erheblichen Erfolg verspricht, auch wenn die übrige MTnschheit in ihren Hoffnungen wieder gc- täuscht werden sollte. Die Astronomische und Astrophysikalische Gesellschaft in Amerika hat durch ihren besonderen Ausschuß für Kometenforschung eine Abhandlung ausarbeiten lassen, die nun- mehr an sämtlichen Sternwarten der Erde als Rundschreiben ver- breitet worden ist und eingehende Angaben darüber enthält, was an dem Kometen beobachtet werden sollte. Der Inhalt der Schrift ist auch für die Liebhaber und Verehrer der Himmels- künde, die an ihrer Förderung nicht selbst tätig sind, von großem Interesse, weil er einen trefflichen Einblick in den heutigen Stand und in die wahrscheinliche Zukunft der Kometenforschung gibt. Auch erhält man dadurch besser als bisher eine Belehrung über die Erwartungen, die sich an den Kometen knüpfen lassen. Selbst- verständlich wird an erster Stelle eine genaue Verfolgung des Kometen in der ganzen Zeit seiner Sichtbarkeit gefordert. Man könnte meinen, daß die Bahn des Kometen am Himmelszelt längst genügend berechnet sein müßte, so daß darauf keine besondere Aufmerksamkeit mehr verwandt zu werden brauchte. Es sind aber— und darauf beruht ja gerade alle Erwartung— große Störungen der Bahn möglich, wenn nicht wahrscheinlich. Am t. Mai wird der Komet dem Planeten Venus, am 13. Mai der Erde nahe kommen, und die Anziehung dtefer Himmelskörper kann nicht ohne Einfluß auf den Kometen bleiben. Daraus kann sich die für die Himmelsforschung besonders wertvolle Gelegen- heit ergeben, die Masse des Kometen zu berechnen. Auherdcn» aber wird die große Annäherung des Gestirns an die Erde eine ungewöhnliche Gunst für das Studium der physikalischen Be- schaffenheit des Kometen gewähren, und zu diesem Zweck wird ein möglichst ausgiebiger„photographischcr Feldzug" für die ganze Dauer der Sichtbarkeit des Kometen empfohlen, die sich auch nach Tunlichkeit über die ganze Erde erstrecken muß. Infolgedessen hat die amerikanische Nationalakademie der Wissenschaften eine besondere Expedition nach den Hawaiinseln ausgerüstet, um den Kometen dort während der Zeit seiner größten Helligkeit, die leider für daö Auge durch die Nähe der Sonne überstrahlt wird, photographieren zu lassen. Der Hauptzweck aller Beobachtungen ist die Feststellung der Veränderungen, einmal in dem Schweif des Kometen mit besonderem Bezug auf die von ihm ausstrahlenden Massen und zweitens in dem Kopf und Kern de> Kometen. Eine der grötzten Schwierigkeiten beim Photo- graphieren eines Kometen von durchschnittlicher Helligkeit ist die Nähe seiner Stellung am Horizont, wo sein Licht mit einer Däm- merungsbelcuchtung zu kämpfen hat. Dadurch wird die pk�oto- graphische Platte als Ganzes gewöhnlich so stark verschleiert, datz das Bild des Kometen nicht recht herauskommt. Somit ist die größte Sorgsamkeit auf eine günstige Abmessung der Aufnahme- zeit zu richten. Allgemein gültige Regeln kann auch der große Sachkenner Professor Barnard in jener Schrift dafür nicht geben, sondern der einzelne Beobachter mutz nach dem Zustand des Him- mels, der Stellung des Kometen, der Güte seines Fernrohrs und seiner photographischen Platten selbst ein Urteil zu gewinnen suchen. Es hat sich herausgestellt, daß die Platten am besten auf eine bestimmte Art zu diesem Zweck präpariert werden, und ebenso sind bei ihrer EntWickelung gewisse Besonderheiten zu beachten. Wenn der Komet eine genügend große Helligkeit erreicht hat, wird die Benutzung eines Fernrohrs gar nicht mehr nötig sein, und dann können auch die Liebhaber der Astronomie, soweit sie mit der photographischen Technik vertraut sind und über einen ge- eigneten Apparat verfügen, wertvolle Beihilfe leisten. Ganz sicher ist der Erfolg leider auch in diesem Punkt noch nicht, weil nach den früheren Erfahrungen die Kometen verschieden gut Photo- graphierbar sind. Das hängt von ihrer Zusammensetzung ab, die eben durch das Spektrum enthüllt wird, und dies ist für den Halleyschen Kometen noch nicht genügend bekannt. Die Aufnahme spektroskopischer Photographien ist natürlick weit schwieriger und erfordert besondere Instrumente, die gewöhnlich nur dem Fach- mann zur Verfügung stehen, desgleichen Beobachtungen der Licht- stärke und der Lichtbeschaffenheit lPolarisationi. In dieser Hinsicht werden die einzelnen Teile des Kometen im besonderen studiert werden müssen. Der wichtigste Punkt ist die sorgfältige Prüfung des Kometcnkopfes, und für diese Arbeit haben die Astronomen die erste Hälfte des Mai vorzugsweise in Aussicht genommen, weil dann Veränderungen dieses Hauptteils des Kometen durch den Einfluß von Venus und Erde zu erwarten stehen. Der von ängstlichen Leuten gefürchtetc Durchgang der Erde durch den Schweif des Kometen wird am oder um den 13. Mai möglicher- weise erfolgen. Sollte dies geschehen, so würde sich ein Stern- schnuppenschauer in die Atmosphäre hinein ergießen und uns ein herrliches Schauspiel bereiten. Dann ist es jedem freigestellt, sich nicht nur dem Genutz dieses Naturereignisses zu ergeben, sondern auch der Wissenschaft durch möglichst sorgfältige Beobachtung der Sternschnuppen, ihrer Häufigkeit, Größe, Flugbahn usw. einen Dienst zu leisten. Tie magnetischen Warten werden zu ermitteln haben, ob bei dieser Gelegenheit Störungen im elektrischen Zu- stand der Erdatmosphäre eintreten. Die Entfernung des Kometen- kernes von der Erde kann durch die Photographie festgestellt wer- den, wenn sie an mehreren Plätzen der Erdoberfläche gleichzeitig ausgeübt wird. Hoffentlich wird das Wetter um die Mitte des Monats Mai recht günstig ausfallen, weil eine Periode trüber Witterung sicher für die Himmelskunde, vielleicht aber auch für die ganze Menschheit einen Verlust bedeuten würde. Kleines femUeton. Literarisches. Reue Kalender. Seil einigen Jahren ist es Brauch ge- worden, verstorbene deutsche Dichter durch besondere Kalender zu ehren, um ihr Andenken fortgesetzt in weitere Kreise zu tragen. DaS geschieht in verschiedener Weis-. Zu Auszügen aus idren Dichtungen, Proiaschriften, Briefen und Gesprächen treten allerdand neue Mit- teilungen auS ihrem Leben und Schassen, ja es werden sämtliche Persönlichkeiten, mit denen sis jemals in Berührung oder in freund« fchaftlichen Beziehungen gestanden, geschildert und schließlich wird auch den Vorbildern, die zu dichterischen Gestalten Modell gesessen haben konnten, nachgeforscht usw. Zu dem allem kommt ein rcgel- rechter Jahreskalender mit Eintragungen wichtiger Lebensdaten des Dichters, kommen Porträts und andere Illustrationen. Man wird ja immer die Forderung erheben müssen, daß jedem Dichter, er mag zu den Lebenden oder Toten gehören, am besten und zweck- mäßigsten gedient sei, wenn das Publikum auf seine Werke selbst verwiesen wird; denn sie allein sind das Wichtige und Wirksame Immerhin ist ein gewisser Nutzen solcher Kalender nicht zu verkennen. Bielleicht wird mancher erst durch sie zum Dichter selbst hingeführt. Und so mögen sie denn gelten. Die volkstümlichste Signawr von allen trägt— das soll nicht verschwiegen werden— der von Karl Theodor G a e d e r tz herausgegebene Reurer-Kalender.(Preis l M.i Diesen Beweis erbringt auch wieder der neue sviertej Jahrgang. Abermals hat der Herausgeber eine Fülle großenteils unbekannten Materials herbeigeschafft. Da werden Fritz Reuters enge Beziehungen zu Hamburg und Bremen nebst verschiedenen Freunde» in längeren Artikeln geschildert. Ferner wird ein Sirauß von Jugendgedichten gewunden, auch eine Humoreske und ein nachgelassenes Lustspiel- Fragment:„Der Teufel un braunen Frack" mitgeteilt. Und über das alle? sorgen Silhouetten, Porträts— auch solche von Reuter selbst— und OertllÄkeilSabbildungcn für Knrzwei!.__ Verantw. Redakteur: Rtchard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Der im gleichen Verlag(Theodor Weicker, Leipzig) von Otto Julius B i e r b a u m und Karl Schüddekopf zuin fünften Male herausgebrachte Goethe-Kalender(Preis 1,8l) M.) auf das laufende Jabr ist vorwiegend auf l i t e r a r- ä st h e t i s ch e Tendenzen gestellt. Die menschliche und künstlerische Persönlichkeit Goethes wird in den Vordergrund gerückt. Dabei wird aber ein bißchen einseitig verfahren. Es suchen die beiden Redakteure jeden Vorstoß nach Goethes Weltanschauung in philosophischer und religiöser, namentlich politischer und sozialer Hinsicht zu vermeiden. Diesmal glaubten sie etwas Besonderes getan zu haben, indem sie mebr als die Hälfle deS Kalenders mit„Urteilen unserer Zeitgenossen über Goethe" vollstopften. ES mag sich ja ganz Hübich anhören, was dieier oder jener über sein mehr oder minder verlrames Verhältnis zu Goethe zu sagen weiß. Ob damit aber der Kultur sonderlich gedient wird, mag billig be- zweifelt werden. Eine Anzahl von Schattenbildern aus der Ayrerichen Silhouettensammlung nebst Ansichten aus Goethes Hause vervollständigen den Inhalt. Ebenso kurios als bemerkenswert ist dann noch die Studie Bierbaums über„Liliencron und Goethe". Als britler im Bunde erscheint zum ersten Male auch ein Heine-Kalender(bei Curt Wigand, Berlin-Leipzig. Preis 1 M.). Eugen Korn zeichnet als Herausgeber. Auch bei dieser Auf» machung walten ästhetische Absichten vor; dennoch macht sich eine frischere Gegenwarlslendenz, die auch dem Revolutionär Heine, obzwar vorerst noch reckt zaghaft, gerecht zu werden sucht, in er» fteulicher Weise bemerkbar. Es dürfte sich sehr empfehlen, diesen Teil der künftigen Jahreskalender nach jener Richtung auszubauen, damit das— wie der Herausgeber ganz treffend bemerkt— von Haß und Gunst der Parteien verwirrte Bild Heines auch wirklich i» reiner Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit offenbar werden kann. Ganz andere Zwecke verfolgt„Kürschners Jahrbuch" (Berlin-Leipzig, Hermann Hillger. Preis 1 M.) Es ist ein guter Bekannter ichon seit 1ö Jahren und will sein: ein„Welt- und Zeit- iviegel, gcogropbisch-staiistisches Handbuch und Verkehrslexikon". Schon diese umschreibende Bezeichnung läßt die Fülle des hier ver» arbeiteten Stoffes ahnen. Das Kürichneriche Jahrbuch ist— wenn auch in der Haupsache auf bürgerliche Anschauungen und Interessen basiert— tatsächlich der verläßlichste, darum unentbehrlich gewordene Ratgeber in vielen Wissensgebieten. Das erstaunlich reichhaltige Buch kostet bei einem Umfang von 856 Druckspalten oder 423 Seiten nur eine Mark. Trotzdem ist's kein Ungetüm, sondern es ver» einigt Handlichkeit mit klarem Druck auf gutem Papier und eine vorzügliche Anordnung des riesigen Stoffes. Es sei daher wärmstenS empfohlen. Was der vom Dürerbund(bei Georg D. W. Calwey, München) herausgegebene Kalender:„Gesundbrunnen" bezwecken will, sagt der Titel. Natürlich ist auch er mehr für dos Bürgertum als sür die Arbeiterschaft berechnet, und eS wird da manches in Kauf zu nehmen sein, was über die proletarischen Existenzmöglichkeiten hin» ausichießt. Dessenungeachtet sind der Anregungen für die Annehm» lickkeit des täglichen Lebens so viel, daß man immer treulich und verständig beraten ist, so oft man den„Gesundbrunnen" zur Hand nimmt. Erziehung und Unterricht. Vom kindlichen F o rm ensinn. Man gebe einem 4jährigen Kinde eine Schiefertafel und fünf bunte Steincken und fordere das Kind auf, die Tafel damit zu schmücken. Wie erstaunt man, wenn das Kind sogleich den ersten Stein in die Mitte und die anderen Steine in die vier Ecken der Tafel legt und dann freudestrahlend ausruft: „Sieh mal, da habe ich einen Stern gemacht". Diese Freude an der gleichmäßigen Form zeigt sich schon sehr früh beim Kinde und man hat wiederholt beobachtet, daß ungleichmäßige Figuren, wie hier etwa das Fehlen des Slemchens in einer Ecke, Unlustgefühle hervorrufen, die da? Kind veranlassen, die be- treffende Figur zu verändern oder zu �zerstören. Dieser Sinn für schöne Formen muß auch erzogen werden. Es wäre aber gänzlich verfehlt, wenn man nun anfangen wollte, das Kind systematisch zum Figurenlegen zu veranlassen. Das Schöne soll vor allem Freude erzeugen und das wird es schwerlich, wenn man Schönheitsübungen in ein System bringt. DaS einzige, was der Erzieher zur guten Weiterentwickelung hier tun kann, ist, dem Kinde geelgnctes Material in die Hand zu geben, damit es jederzeit, wenn Lust dazu vor- Händen, Figuren herstellen kann. AlS Material kommen hier geteilte Erbsen und Bohnen, Kürbiskerne, Linsen. Muscheln. Steine und Fröbels Legetäfelchen irr Betracht. Auch gibt es ganze Mosaikspiele schon von 50 Pf. an zu kaufen. Diesen Mosaiksptelen ist stets ein Musterbogen mit Figuren beigefügt; doch ist eS nicht ratsam, dem Kinde die Bogen zu überlassen, da es dann nur nach dem Muster Figuren legen würde, wobei seine Erfindungsgabe leidet. Der Wert dieser kindlichen Betätigung liegt nicht nur in der Erziehung deS Schönheitssinnes. Wenn dag Kind mit Erbsen ein Blatt oder Haus darstellen will, so muß es die wesentlichen Merkmale des Blattes oder Hauses erkannt haben und muß imstande sein, sie sich deutlich zu vergegenwärtigen. Dadurch lernt eS die Form selber erkennen. Daß z. B. zu einem Hause notwendigerweise Fenster und Türen ge- hören, daß es aber ganz gleichgültig ist, ob die Fenster schmal oder breit, hoch oder niedrig sind. Das Kind lernt hier Formen sehen und übt sich darin, diese Formen in geeigneter Weise darzustellen. iorwari« BucvSruckerei u.Vcrl«g»an Mit Paul Singer Berlin SW.