Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 6. Freitag den 7 Januar. t910 (9la$scus wteotes.) c] Im JVamen des Gesetzes. Von Hans Hyan. Cka war plötzlich nicht mehr dieselbe. Sie glaubte das, was sie sagte, am Ende wohl selbst nicht, aber es brachte ihr momentan eine Erleichterung, auf die Kreise zu schimpfen, in denen sie doch so brennend gerne festen Fuß gefaßt hätte. Hätte sie das belustigte Lächeln um Martin Zanders, vom schwarzen Schnurrbart schlecht verdeckte dicke Lippen geschen, so wäre sie vielleicht doch stutzig geworden. So schwadronierte sie noch ein Weilchen weiter, bis Zander sie fragte: „Werden Sie ihm denn nun abschreiben, Ihrem bis- herigen Bräutigam, Fräulein Ella?" Die Blonde schwieg. Diese Frage kam ihr zu unerwartet. Und der Anwalt, der aus keinen Fall eine peinliche Empfindung in ihr aufkommen lassen wollte, die gegen ihn selbst gerichtet war, setzte rasch hinzu: „Das heißt, ich meine, Herr von Eckboom hat Ihnen ja eigentlich gar nichts getan... nur daß er diesen häßlichen Verdacht gegen Sie hegt und ihn sofort vor allen Leuten aus- gesprochen hat.. „Ja," sagte Ella ticfaufatmend,„ja, ich schreibe ihm abi... Was Hab' ich denn davon?!... bloß lauter Unan- nehmlichkeitenl Weiter gar nichts! Schon dadurch� daß wir uns immer so spät treffen, und daß ich dann solange fort- bleiben muß. Das is doch natürlich nich angenehm, schon wegen meine Eltern... un'n nächsten Morjen bin ich immer wie zerschlagen! Unsereina muß doch arbeiten un kann«ich den janzen Vormittag ins Bette liegen!..." Es war, als wenn jetzt, wo sie sich auch innerlich von diesen Leuten schied, ihre Manieren, ihre Sprache vulgärer wurden. Der Rechtsanlvalt bemerkte das wohl, es störte ihn auch, aber er ließ es sich nicht merken. ..Dann lieben Sie ihn wohl auch nicht mehr... Herrn von Eckboom, meine ich?.. „Lieben?" Sic lachte fast frivol auf. „Jott, was heißt denn heutzutage lieben!... Da kommt irgendeina uff de Straße oda sonstwo, der spricht ein' an! Na, un jefällt er einen nu, denn is gut, un jefällt er einen nich, dann wart' man. bis'n andrer kommt, der ein' bessa zusagt!... Ich, wissen Se, Herr Rechtsanwalt, ich könnte jeden Tag zehn Bekanntschaften machen, so oft wird man angequatscht!..." Ella hatte vor diesem Mann, der da an ihrer Seite saß und der, wie sie wohl wußte, hauptsächlich seines Reichtums wegen in jenen Kreisen geduldet wurde, lange nicht den Respekt wie etwa vor Kurt von Solfcrsl)ausen— darum ließ sie sich jetzt absichtlich gehen. Daß sie so diesem klugen und gewissenlosen Menschen deutlich das Vabanquespiel ihres jungen Lebens zeigte— das lag freilich nicht in ihrer Absicht. Und zuletzt kam ihr wohl auch die Erkenntnis, sie sei zu weit gegangen in ihrer Selbstentschleierung. Sie lehnte eine Weile schweigend in den Polstern des dunklen Eoupäs, in dessen geschliffene Fenster die Straßenlaternen ihre matt- zuckenden Lichter hineinwarfen, und sagte plötzlich mit weicher Stimme: „Das heißt, lieb gehabt Hab ich'n doch!... Sonst tut man das ja nicht, nich wahr, das könn' Se sich doch denken, Herr Doktor!... Aber sehen Sie mal, ich kann nich lieben, wenn ich nich wieder geliebt wer'!... Solange einer mich lieb hat, Hab' ich'n auch lieb und bin ihm auch treu, aber..." ..Aber?" sagte Zander und hielt sie fest mit seiner lächelnden Stimme,„wenn er Ihnen Anlaß zur Unzufrieden- heit gibt, dann... dann sind Sie auch der Meinung, Sie können tun und lassen, was Sie wollen!..." Er nahm ihr die Erwiderung abermals von den Lippen: „Und da sind Sie auch vollständig in Jhrcin Recht: licht er Sie nicht mehr, dann ist er Ihnen auch nicht mehr treu, wenn er's überhaupt jemals gewesen ist.. „Ja, zuerst war er's!" „Nun schön!... aber jetzt, wo er's nicht mehr ist, da tun Sie eben auch, was Ihnen beliebt, das ist nicht mehr wie recht und billig.. 1,.Ncin, das heißt... ich... wollte Ella antworten, da hielt das Auto. „Wie schade!" meinte Zander. r Aber Ella reichte ihm die Hand und sprang, sich be>- dankend, heraus. „Ach, mein Vater ist noch auf!" sagte sie draußen, und er hörte den Schreck in ihrer Stimme. Wie er sich dann aus dem Schlage beugte, sah er oben im vierten Stock des kasernenartig gebauten Hauses ein offenes und erleuchtetes Fenster, aus dem sich ein Mann beugte. Er wollte der Blonden»och etwas zurufen, aber diese, wohl aus Scham, daß der Rechtsanwalt ihre Angst bemerkt haben könnte, verschwand schon im Hausflur... Ella schloß oben auf der dunklen Treppe leise, wie sie sich das bei ihren nächtlichen Exkursionen längst angewöhnt l)atte, die Entrcetür auf. Als ob sie ihn damit hätte täuschen können! Diesen Vater, der sie wütend erwartete! Und der doppelt ergrimmt war, weil seine Tochter herumbummelte, während er gezwungen war, zu Hause zu sitzen und sich zu langweilen!... Sie war noch nicht einmal richtig im Korridor, da hatte sie schon die erste Maulschelle von der väterlichen Hand, die sie taumeln ließ. „Nanu!" schrie sie auf,„was heißt denn das?!..." „Was das heißt?!... Was das heißt?!..." Der Buchbindermeister trieb fein Kind mit einem wahren Hagel von Püffen und Schlägen vor sich her bis ins Zimmer hinein. „Ich will Dir zeigen, was das heißt. Du Saustück, Du!... Dir will ich's zeigen!... Da, da!... Du Huret Du Straßenfrauenzinnner! Du Mensch, Du!..." Er schlug unablässig auf sie ein,„Dir wer' ich!... Mit'n Auto ankommen, nachts um ein Uhr!... Mit wen hast'n Dich rumjetrieben. Du Aas?... Mit was für'n Kerl, was?... Du!... Du!..." Er hatte sie bei ihrem langen, Rchtblondcn Haar gepackt, das sich gelöst hatte, und während er sie mit seinen gemeinen Schimpfworten überschüttete nnd immer noch gemeinere her- vorsuchte, warf er die halb Bewußtlose, deren Arme haltlos in der Luft herumflogen, aufs Sofa, um sie dann wieder emporzureißen und weiter mit ihr umhcrzutoben. Seine Frau, die schon zweimal versucht hatte, ihm Ella zu cntteißen, und die jedesmal, von einem rücksichtslosen Stoß getroffen, zur Seite geflogen war, hing sich jetzt so fest an ihn, daß er das Mädchen loslassen mußte. Das Mädchen, mit zerwirrtem Haar, dessen lichte Strähnen in ihr todblasses Gesicht fielen, mit zerrissener Bluse und pfeifendem Atem, vergoß doch nicht eine Träne. Ihre blauen Augen blickten nnt einer unendlichen Verachtung auf den Vater, der schon wieder auf sie loswollte. „Weiter kannste ja auch nichts'" sagte sie dann und kämpfte tapfer dos Zucken ihrer blutenden Lippen nieder. ...Wat willjte?!" Er kam nochmals auf sie los. Da kreischte sie auf. Nebenan im Schlafzimmer weinten die beiden Kinder laut... Und dann, wie er von neuem nach ihren Haaren greifen wollte, stieß Ella nach ihm mit denr Fuß und kratzte mit ihren scharfen Nägeln in sein Gesicht, daß er ganz verdutzt über diese unvermutete Abwehr von ihr abließ. Ella heulte. Und plötzlich fand sie auch Worte für ihre Empörung, die sie, obwohl die Mutter sie umfaßte und aus dem Zimmer bringen wollte, dem Vater förmlich ins Ge- ficht svie. „Du wißt Dich beklagen, daß wir zu lange wechblciben, Du... Du?... der jeden Abend bis in de späte Nacht wech is und rumsnmpst und besoffen nach Hause kommt auf seine ollen Tage!! Du wißt mich schlagen?!... Pass' doch auf auf Deine Kinder! Un jeh' nich jeden Abend in de Kneipe, 's Jcld vabr-ngenl... Warum laben wa denn alle schon in't Geschäft jemußt, wo wa noch kaum injesegnet waren? Weil Du immer Dein halbes Lohn versoffen Haft! jawoll, versoffen!... Der Alte, den dieser Widerstand seiner Tochter Zuerst um seine Fassung gebracht hatte, kam jetzt, den breiten Brust- kästen seines kurzen, gedrungenen Körpers vorreckend, mit geballten Fäusten von neuem auf sie zu. .Karnallje!" sagte er bloß,„Karnallje!" Zie aber hielt den tückischen Blick dieser Augen, die eng zusammenstanden, in dem flachen, von einem braunen Bart umrahmten Gesicht mutig aus, und erst als er sie abermals und jetzt am Arm packte, schrie sie laut auf. Er aber stieß sie aus dem Zimmer, den Korridor ent- lang, riß die Entrcetüsi auf und warf das Mädchen hinaus auf die finstere Treppe, die es ohne den instinktiv schützenden Griff nach dem Geländer hinabgestürzt wäre. -„Tal... dal" brüllte er,„da kannste bleiben! Wo De hinjeheerst!... auf de Straße!..." Geraume Zeit stand Ella betäubt und ratlos auf dem Treppenflur. Tann schlich sie leise wimmernd hinab. Alles tat ihr weh im Körper, sie hätte sich am liebsten hier auf das kalte, harte Holz gelegt und wäre nicht wieder aufgestanden. Aber jetzt, nachdem alles vorbei war, jetzt erst überkam sie die Furcht: er konnte ihr ja nachkommen, der Alte, und lle wieder an den Haaren packen... „Huhuhn...." Da öffnete sich in der untern Etage die Tür: die Nach- barn!... O, die hatten sicher alles gehört! Nein! hier konnte sie nicht bleiben und wollte auch nie wieder hierher kommen! Ihre Schmerzen verbeißend ging sie langsam weiter, die Trepven hinunter und schloß unten das Haustor auf.... Da, entsetzt prallte sie zurück in die dunkle Toreinfahrt, da draußen hielt noch imnier das Autoinobil des Rechts- anwalts. Indem öffnete sich auch schon die Tür des Coupes und Martin Zander sprang heraus. Er kam gerade noch zurecht, um Ella am Zuschlagen des Haustores zu hindern. „Aber ich bitte Sie, mein liebes Fräulein, ist denn das der Moment, um sich zu zieren und eine ganz falsche Schani zu zeigen.... Ich habe den ganzen Verlauf der Szene mit angehört durch das Fenster, das Ihr liebenswürdiger Herr Vater noch ertra aufgemacht hat.... Und ich bitte Sie, mir nicht böse zu sein: aber das kann ich Ihnen sagen, ich hatte meinen Chauffeur schon angewiesen, nach der nächsten Polizeiwache zu fahren, um Hilfe für Sie zu holen gegen diese brutalen Mißhandlungen!" lFortseyung folgt.) Getroffen! Von Blasco Jbaiiez Autorisierte Ueberseyung ans dem Spanischen von Julio Broutti. Als Sento am Morgen die Türe seiner Strohhütte öffnete, fiel sein Blick auf einen zusammengerollten Zettel, der im Schlüssel- loch stal. Er entfaltete da? Papier und las. Keine Unterschrift. Man forderte ihn auf, in dem gegenüber dem Wohnhause gelegenen Back- ofen die Summe von vierzig DuroS zu deponieren. Sonst werde ihm etwas Schlimmes passieren. Jene Banditen waren der Schrecken der ganzen Gemarkung, der Besannen Huerra von Valencia. Versuchte eS einer, den Auf- orderungen nicht nachzukommen, so fand er eines TageS seinen Acker verwüstet, seine Ernte vernichtet, und er konnte sich auherdem darauf gefaßt machen, datz ihm mitten in der Nacht der rote Hahn aufs Dock gesetzt wurde. Gafarrs, der keckste und handfesteste Bursche der Gegend, hatte geschworen, die Verbrecher zu entdecken, und brachte seine Nächte auf der Lauer im Röhricht zu, mit geladener Büchse im Anschlag. Und waS geschah? Eines Morgens fand man in einem Graben seine Leiche mit zerschmettertem Hirnschädel und durch Menerstiche durch- löcheriem Bauch. Man erfuhr nie, wer's getan. Sogar die Zeitungen in Valencia erzählten von den Zuständen in der Huerta, wo bei Anbruch der Nacht die Leute ihre Türen ver- rammelten und in ihrem selbstsüchtigen Schrecken sich wenig um den Nachbarn kümmerte». Was den Alkalden, Gevatter Anronio, betraf, so fluchte und schalt er wie ein Heide jedesmal, wenn die Obrigkeit, die vor ihm. dem Wablmacher, einigen Respekt hatte, ihm die Angelegenheit zu Gemüte führte, und beteuerte er mit Pathos, daß er und sein Bruder, der Alguacil Sigro, Mannes genug seren, um den verruchten Bösewichten das Handwerk zu legen. Trotzdem fiel es Sento nicht im enlfernlesten ein, seine Zuflucht zum Alkalden zu nehmen. Wozu auch? Um hohle Flunkereien zu hören? Fest stand nur, daß man von ihm vierzig Duros verlangte, und wenn er sie nicht in den Backofen legte, werde man ihm sein Häuslein in Brand stecken. Daß Goit erbarm! Sein nettes, schmuckes Häuslein mit den blaugetünchten Fenster- rahmen und schimmerndweitzen Mauern, um die sich ein Weinstock und zwei Rosensträucher rankten I Vor dem Ein- gange standen zwei Reihen von Blumentöpfen mit Geranien imd Fuchfien, auf denen die Tränen der Nacht wie Perlen glitzerten, während das Morgenrot da? braune Strohdach mit einer frischen Vergoldung überzog. Den kleinen Garten hegte ein Rohrzaun ein, damit die Hübner das Gemüse nicht verwüsteten, und weiter ab. jenseits des alten Feigenbaumes, zu Anfang des anstoßenden Feldes stand der aus Lehm und Ziegelsteinen gemauerte Backofen, niedrig und abgerundet wie ein Maulwurfshügel. Das war seine ganze Liegenschafl, das Nest, das seine Teuersten enthielt, sein Weib, die drei Kinder, die zwei alten Ackcrpferde, seine treuen Gefährten im täglichen Kampf umS Brot, und die weiß- und rotscheckige Kuh. die jeden Tag zur Stadt ging, wo ihre Glocke die Schläfer weckte, und deren schwellendem Euter täglich für sechs Realen Milch entströmte. Wie viele Schweißtropfen waren in die Furchen gefallen, ehe es ihm gelungen war, die Handvoll Duros zusammenzubringen, die er in einem Topf unter dem Bett vergraben aufbewahrte! Und nun kommen so Huudekerle und wollen das Geld haben! Na, das war' mal schön I Doimerwettsr, eher wollte er sich in Stücke reißen lassen! Er war ein friedfertiger Geselle, die ganze Huerta konnte es bezeugen. Er mischte sich nie in Raufereien und im Wirtshaus sah man ihn selten. Sein einziger Ehrgeiz war, für sein Lieschen und die drei Buben zu arbeiten und zusammen zu scharren, aber ivenn man ihn ausrauben wolle, werde er sich zu verteidigen wisien. Hölle und Teufel! In seinem friedfertigen Herzen entfcsielte sich die Wut der arabischen Kaufleute, die sich von den Beduinen hauen und mit Füßen ireten lassen, aber zu Löwen werden, wenn jemand sich an ihrer Habe vergreift� Der Tag verstrich und Sento wußte noch immer weder aus noch ein. Da begab er sich in seiner Not znin Bewohner der nächsten Strobhütte, einem alten Kerl, der zu nichts anderem mehr taugte, als zuin Schneiden von Gras und Kraut aus den Ränfte», von dem es jedoch hieß, daß er in seinen jungen Jahren mehr als einen unter die Erde gebracht. Von ihm wollte Sento Rat wissen. Der Alle hörte ihm austnerksam zu. während seine Augen auf die dicke Zigarette geheftet waren, die er in seinen schwieligen, mit grauen Schuppen bedeckten Händen zusammenrollte. Sento tat wohl daran, das Geld nicht Heransgeben zu wollen. Auf der Landstraße sollen sie rauben wie herzboste Männer und ihre Haut zu Markte tragen I Er war sechzig Jahre alt, aber man sollte ihm mit solchen Drohbriefen kommen I... Kurz, war der Nachbar entschlosien, sein Gut zu verteidigen? Die feste Ruhe des Mten wirkte ansteckend auf Sento, der sich jeglicher Handlung fähig fühlte, um das Brot seiner Kinder zu verteidigen. Der Alte langte mit einer Feierlichkeit, als handle eS sich um eine Relique, hinter der Tür das Juwel des Hauses hervor, eine verrostete Büchse mit trichterförmig erweitertem Schlund, deren wurmstichigen Kolben er schmunzelnd streichelte. Er selbst werde die Büchse laden, denn davon verstehe er etwas- Die zitternden Hände verjüngten fich förmlich dabei. Nur kein Pulver sparen I Eine ganze Handvoll tat er hinein. Ein alter Hanf- strick lieferte ihm die Propsen. Jetzt sechs bis sieben Wolfsposten hinein, dann noch eine große Anzahl dicker Schrotkörner und Vogel- schrot zu Haus' und schließlich einen gut eingetriebenen Pfropfen. An jenem Abend sagte Sento zu seiner Frau, er müsse die Nacht im Garten zubringen, weil heute die Bewässerungskanäle offen zu halten seien. Sie glaubte ihm und ging mit ihren Kindern früh zu Bett. Als er hinaustrat, schloß er die Haustür sorgfältig mit dem Schüssel und sein Blick fiel auf den tapferen Alten, der, vom Mond bestrahlt, unterm Feigenbaum stand und die Büchse unterm Arm hielt.' Also aufgepaßt. Sento brauchte nur sich hinter den Zaun zu legen und von dort aus nach dem Backofen zu zielen. Sobald die Leute kämen und im Ofen nach dem Gelde tasteten, brauchte er nur loszudrücken. Es war so einfach wie nur etwas. Ein Kind könnte es tun. Sento streckte sich, auf den Rat des Weisen, auf der Erde aus, zwischen zwei Geraniumsttäuchcrn, im Schatten der Hütte._ Die schwere Büchse ruhte auf dem Zaune, nach dem Backofen gerichtet. ES Ivar unmöglich, nicht zu treffen. Nur die Gemütsruhe nicht ver- licren, und rechtzeitig den Hahn zum Klappen bringen. Gute Nacht, Freund I Ihm gefielen diese Tinge sehr, aber er gehe nach_ Hause, denn er habe Enkel und übrigens ist man am besten allein, um solche Angelegenheiten zu regeln. Der Alte entfernte sich, indem er vorsichtig umherschanre, wie die Leute es ttm, die gewohnt sind, die Huerta zu durchstreifen, wo hinter jedem Strauch ein Feind lauert. Sento fühlte fich furchtbar einsam und Verlaffen, als gäbe es in der ganzen weiten Gemarkung, über die der Abcndwind säuselte, keine andere Wesen mehr als er und„jene", die bald kommen würden. Gott wolle» daß sie nicht kämen I Die Büchse quiekte hie und da leise, �venn sie den Rohrzaun streiste. Was empfand wieder Sento? Kälte? Nein, Furcht. Himmel! Was würde der Alte sagen, wenn er ihn so zittern sähe. Senlos Füße berührten die Hütte, und bei dem Ge- danken, das hinrer jener Mauer Lieschen und die Kleinen schliefen, ohne anderen Schutz als seine Hand, und daß sie bedroht seien, auZgerauvt zu werden, ermannte er sich wieder und spähte grimmig hinaus. Die Luft erdröhnte, als wenn weit, sehr weit von oben herab die Stimme eines Chorsängers hallte. Es war die Turmuhr des Miguelete in Valencia. Nenn Uhr. Man hörte in der Ferne das 5lnarren eines Karrens. Die Hunde bellten in den Gehöften und das Quaken der Frösche im nahen Tümpel wechselte mit dem Plätschern der Wasserrallen und den melancholischen Unkenrufen ab. Sento zählte die Stunden ab, die vom Miguelete schlugen. Das war das einzige, was ih« noch hielt, denn die liegende Stellung und die Unbequemlichkeit fingen an, seine Glieder zu lähmen. Elf Uhr: Sie werden wohl nicht kommen. Gott hat ihnen ins Gewissen geredet. Plötzlich schwiegen die Frösche. Den Pfad herunter kamen zwei dunkle Gestalten, die Sento zuerst für zwei grofje Hunde hielt. Sie richteten sich auf. Es waren Männer, die gebeugt, fast kriechend, fich dorwärtsbewegten. „Da sind fie nun," murnielte er, und die Zähne klapperten ihm. Die zwei Männer sahen sich nach allen Seilen um, wie einen Hinterhalt besürchlend. Sie suchien den Rohrbusch ab. Darauf näherten sie sich der Tür des Häuschens, durch das Schlüsselloch hinein- guckend und zweimal kamen sie an Sento vorbei, ohne dag dieser sie erkennen konnte. Sie waren in ihre Mäniel gehüllt, aus denen von unten heraus Gewehrläufe hervorlugren. Das erhöhte den Mut SentoS. Es waren wohl dieselben, die den GafarrS umgebracht. Er mußte also töten, wollte er sein Leben verteidigen. Nun gingen sie zum Backofen. Der eine bückte sich und streckte die Hand hinein. Er hatte sich gerade in den Schuß gelegt. Sento brauchte nur loszudrücken. Lber nein I Wenn er jetzt schieße, bliebe der andere unversehrt. Der arme Sento zitterte wieder am ganzen Leib mid die Angst trieb ihm einen kalten Schweiß aus. Wenn er den einen töte, das lag doch auf der Hand, dann werde er unbewaffnet dem andern preisgegeben sein. Ließ er sie beide entwischen, so würden sie sich rächen, indem sie sein HauS in Brand steckten. Indessen wurde der, der abseits stand, ungeduldig und näherte sich, um seinem Genossen beim Suchen behilflich zu sein. Die beiden bildeten eine dunkele Masse, die die Oeffnung des OfenS verdeckte. Die Gelegenheit war so günstig wie möglich. Mut, Sento, drück' loSl... Ein furchtbarer Knall erschütterte die ganze Hiterta, einen Sturm von Geschrei und Gebell entsesielnd. Sento sah einen Fächer von Funken, er fühlte Brennen im Gesicht, die Büchse entfuhr seinen Händen und er besah fie sich, un, sich zu vergewissern, daß sie nicht in Fetzen gefahren waren. Sicherlich war die alte Büchse geplatzt. Vorm Ofen sah er nichts; die Räuber hatten wohl die Flucht ergriffen. Sento wollte ein Gleiches hm, als die Tür der Hütte sich öffnete, und Lieschen im Unterrock, mit einem Oelleuchter in der Hand, erschien. Der Knall hatte fie aus dem Schlaf aufgeschreckt und sie spähte ängstlich umher, nach ihrem Mann rufend. Der rote, flackernde Schein der Lampe reichte bis an den Back- ofen. Hier lagen zwei Männer auf der Erde, einer über dem anderen. wie oneinandergekettet. Sento hatte gut getroffen. Die alte Büchse hatte ihre Schuldig- keit getan. Als er und feine Frau den Leichen ins Gesicht leuchteten, stießen sie einen Schrei der Verwunderung aus. Es war Antonio, der Alkalde(Dorfvorsteher) und Sigro, sein treuer Alguacil(Schreiber) l Die Huerta konnte nunmehr ruhig schlafen, da sie ihre Behörden verloren hatte!_ Huq dem Leben enterbten Eine angenehme Lektüre bieten Aufzeickuungen aus dem prole- tarischen Elenddasein gerade nicht. Wer fich durch das Lesen von Büchern Kurzweil verschaffen oder Erheiterung der Sinne finden will, wird bei diesem Genre schwerlich auf seine Rechnung kommen. Ja, und hoffte er gar auf Befriedigung künstlerischer Genüsse, so wird er meistens eine große Enttäuschung davontragen; denn von rein schöpferischer Art ist da sehr wenig zu verspüren. Es sind nichts als Abschriften, Wiederspiegelungcn menschlicher Lebensläufe oder Abschnitte, Episoden daraus. Es ist purste Nacktheit, genau nach- kontrollierbare Wahrheit, krassester Naturalismus oft von niederschmetternder Brutalität, zuweilen von einem heiterlächelnden Sonnen- strahl durchzogen, meistens voll erschütternder Wirkung, die selten das Gefiihl beglückender Befreiung auskommen läßt. Der ästhetische Wert ist nicht doch zu bemessen. Ueberall wiegt das Stoffliche vor; und dies ist düster und einförmig wie das proletarische Leben selber. Es ist wie in der Musik: die Melodie bleibt dieselbe, ob fie un- zählige Male anders voriien wird. So erscheint auch jede« derartige Buch nur als eine Variation desselben Themas. Unumstößlich bleibt einzig die dokumentarische Darstellung der Wahrheit. Ob sie den Leser auch fiir ihre Bitterkeit und Magerkeit zu entschädigen vcr- mag, das steht dahin. Anders verhält es sich, wenn wir solche Dokumente nach ihrem menschlichen Werte befragen. Jedes kann uns eine völlige Erkennt- uis des sozialen und ethischen Kampflebens dieser Zeit erschließen, kann im höchsten Grade erzieherisch wirken. Von diesem Standpunkt sind dann'zunächst zwei Bücher:»Erinnerungen eines Waisenknaben" und„Ich suche meine Mutter" (beide im Verlage von Ernst Reinhardt in München erschienen) sehr beachtenswert. Sie bilden eine Fortsetzung der Sammlung: „Lebensschicksale in Selbstschilderungen Ungenannter", die durch die.Jugendgeschichte einer Arbeiterin" jüngst mit berechtigtem Aufsehen eröffnet wurde. Beide sind wieder Selbstschilderungen aus österreichischem Boden. Die ungenannten proletarischen Verfasser erzählen das traurige Los ihrer in Waisenhäusern und bei„Pflege- eliern" verbrachten Knabenjahre, darüber hinaus auch das Hetzleben des Heimatlosen. Der eine hatte, als er ins Waisenhaus kam, doch wenigstens noch die Mutter nebst einem Schwesterchen; der andere war— ein Findelkind. Er wußte weder, wer sein Vater, noch wer seine Mutler gewesen. Der Umstand, daß er bis zum voll- endeten 14. Jahre„eingezahlt" war. läßt darauf schließen, daß die unbekannten Eltern den„besten" Ständen angehörten und wohlhabend sein mußten. Die Phantasie des Knaben wird durch mysteriöse Andeutungen der Pflegemutter, die als seine Hebamme ihm auch ihren Namen vei liehen, mit märchenhaften Vorstellungen genährt. Jugendeindrucke sind stets die heftigsten:— sie bleiben unverloren. Wa§ Wunder also, wenn der Knabe emsig nach seiner Mutter Namen und Herkunft forscht; wenn der Jüngling sogar einmal, um vielleicht im Kirchenbucb das ihm versckilosseue Geheimnis zu entdecken, sich in der Sakristei verbirgt, den Schrank erbricht— bis er bei seinem Vorhaben allzu frühzeitig gestört und verscheucht wird; wenn selbst der zum Mann Hcrangereiste verschiedene Länder als Handwerksbursche durchwandert, in der Hoffnung, doch einmal zufällig feiner unbekannten Mutter zu begegnen? Es liegt etwas Er- greifendes in dieser Muttsrsuche— weil diese Suche ohne Ergebnis bleibt. Schließlich stirbt die einzige Frau, die um das Geheimnis seiner Abstammung gewußt hat: die Oberhebamme in Wien.„Dann aber ein mysteriöier Besuch. Eines Tages erschien in meiner Ab- Wesenheit bei meiner Frau eine tiefverschleierte schwarze Dame und erkundigte sich angelegentlick« nach meinen Verhältnissen. Sollte fie meine Mutter gewesen sein?" Jahre sind seitdem vergangen. In- zwischen hat sich der Elternlose in Argentinien angesiedelt und dort eine Heimat gefunden. Ob aber auf Lebenszeit? Noch weiff er's nicht gewiß. Vielleicht packt ihn eines Tages wieder das alte Fieber. Dann wandert er weiter, um seine Mutter zu suchen— die wohl längst im Grabe modert.... Den liebeleeren Jahren im Waisen- hause oder bei verschiedenen„Pflegeeltern" bis zu dem Tage, wo die Heimatgemeinde jedweder weiteren Obsorge für den Knaben enthoben ist, reihen fich bitterböse Zeiten an als Lehrbube, Aushelfer, Gelegenheitsarbeiter, heute hier, morgen da, kurz das erbärntliche Hungerdasein eines Heimlosen,»in_ den sich keine Seele kümmert, den jeder wie einen Hund herumstößt, ausnützt und ihn dann seinem Schicksal überläßt. Nur der jedem Menschen innewohnende Glaube, er sei zu etwas Besserem geboren. verhindert auch diese Aerrasten aller Armen vor einem Versinken im Pfuhl der Schande— es sei denn, dieP o liz ei hetzt sie hinein. Aber da werden derarttge Aufzeichnungen zu furchtbaren Rächern und Anklägern, wie z. B. das Buch:„Sechs Monate Arbeits- hau?"(Berlin, Hermann Seemann Nächst), worin Emst Schuchardt, ein Thüringer Arbeiter, seine Erlebnisse niedergelegt hat. HanS Ostwald als Herausgeber nennt eS ein Dokument, das wegen seiner „geradezu erschreckenden Echtheit den Leser auf die Folter spannt. Schuckiardts Schilderungen lesen sich wie atemberaubende Berichte eines Menschen, der im Fegefeuer schmachtete, der die Schauer er- regenden Vorgefühle der Höllenqualen auf seine Zuhörer übertragen kann— und muß, weil seine Phantasie, sein Traumleben mit ihnen überfüllt ist..." Moloch Staaterkürt sich seine OpfermitVorliebeaus denReihen der Enterbten. Werden sie durch Arbeitslosigkeit, Hunger und Obdach- losigkeit auf die Landstraße getrieben, so überliefert er sie den Geiängniffen und Korrigendenhäusern oder wenn sie sozialistischer Gesinnung verdächtig sind, wohl gar dein Zuchthaus, allwo sie mit jedem gemeinen Verbrecher die gleiche Pein erleiden müssen. Sepp O e r t e r, ein bekannter Anarchist, hat für seine politische Ueberzeuguug schwer genug gebüßt, indem er beinahe neun Jahre lang im Zuchthaus verbringen mußte. ES sind Lebens- erinnerungen furchtbarster Art, die er nun iu einem Buche unter dem Titel:„Acht Jahre Zuchthaus"(Berlin, Verlag der „Tribüne") zusanimengefaßt hat. Ein wohldisziplinierter scharf- sichtiger Denker und unbeugsamer Kämpfer für seine Ideale hält hier öffentlich Abrechnung mit einer Slrafrechtspflege und einem Strafvollzuge, die beide— nach seiner aus einer langen Strafzeit gewonnenen Erkenntnis— weder„mit den ein- fachsten Forderungen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit", noch init»der Vernunft und Zweckmäßigkeit im Einklang stehen" und weil mehr„Verheerungen anrichten", als „die summierten Verbrechen der Einzelnen". Die preußische Justiz hat in dem Verfasser einen ihrer unerbittlichsten Ankläger gefunden; und wenn fie vom Stuhl des Staatsanwalts oder Richters her- niedersteigen wollte, um lernbegierig ihr eigenes Konterfei im Spiegel dieser keineswegs von Groll oder Haß erfüllten Erörterungen zu betrachten, so könnte sie sehr viel Nützliches und Heilsames daraus lernen. Aber auch der Sozial-Psychologe, Politiker, Jurist und vor allem das Laienpublikum könnte» aus dem Buche Sepp Oerters so manche Aufschlüsse empfangen. Es ist ein Buch voll Gelvittcrladung, gewiß, aber von luftreinigender Wirkung. -.» Schliehlich registriere ich den sozialen Roman»Adressen- schreiber"(Leipz,g-Gohlis, Bruno VolgerS Verlag), worin sein Versasier Wilhelm Sternbauer, ein Miinchener Parteigenosse, herzhaft, obwohl mit unzuieiqender künstlerischer Erschöpfung, ein neues Stoffgebiet aufgrelst: und: ,. Das Heideröschen" (Berlin bei Llurt Benekenoorss), ein allzu romantisches Buchdrama von Richard R o d r i a n. einem trotz aller UnauSgegorenheit Zweifel- dichterisch begabten Berliner Arbeiter. K K. Kleines fcuillcton. Wie soll man eine Taschenuhr behandeln? DaS Publikum ist von jeher geneigt gewesen, dem Uhrmacher in ahnlicher Weise zu mißtrauen wie dem Apotheker. E» sieht in Beiden Leute, die sich ifür eine geringe oder gar keine Leistung viel bezahlen lassen. So ilann man immer von neuem hören, daß man seine Uhr nur in Benzin zu legen, zu schütteln und trocknen zu lassen braucht, um sie wieder sauber zu bekommen. Ganz Schlaue raten dann noch, die so behandelte ZIHr in Ocl zu tauchen und den Ueberstbuß absaufen zu lassen. Wieder andere habe» Herausgefunde», daß eine Ahr bom bielen Gehen müde wird wie ein Mensch. Man braucht sie nur ein paar Wochen oder Monate„ausruhen" zu lassen, dann geht sie wieder»wie geschmiert". Der Laie, der die Tätigkeit des Ahrmachers so gering einschätzt, hat von der Kompliziertheit der Ahr, von der Zartheit der Teile, besonders bei einer Taschenuhr, von der unvermeidlich eintretenden Abnutzung und von der sach- gemäßen Behandlung oft keine Ahnung. Dem Uhrmacher ist keineswegs etwas daran gelegen, daß eine Ahr ihm immer wieder zur Reinigung gebracht wird. Er sucht dem Kunden Uhren zu verkaufen, die init einem recht dicht schließenden Gehäuse versehen sind und rät ihm, besonders dem Arbeiter, von llhrcii mit Springdecfeln und dünnen Gehäusen ab, da sie in kürzester Frist immer wieder unrein werden. Von der »iuglaicklicbeu Findigkeit des StaubeS, der immer loieder seinen Weg in das Uhrwerk findet und es schließlich zum Stillstand bringt, hat der Laie selten eine Vorstellung. Er sieht ohne weiteres ein, daß alle Maschinen immer wieder nachgesehen und frisch geölt werden müssen, ivenn sie ihren Dienst verrichten sollen. Eine Taschenuhr aber, die eine ungleich feinere, ungleich genauere Arbeit verrichtet, soll darüber erhaben sein. Wer seine Uhr gründlich verderben will, der braucht sie nur mit Benzin gn behandeln. Er muß dann doch zum Uhrmacher und hat mehr Kosten zu tragen als zuvor. Das Gleiche gilt für den, der die stehen gebliebene Uhr öffnet und mit einer Nadel- jpitze die Spiralfeder oder Unruh zu neuen Leistungen anfeuern will, etwa wie man ein bockiges Pferd mit der Peitsche behandelt. Wer Reparaturen nach Möglichkeit ersparen will, muß seine Uhr mit großer Rücksichtnahme behandeln, die ihrem zartbesaiteten „Organismus" entspricht. Die Westentasche, in der die Uhr ge- tragen wird, darf niemals andere Gegenstände beherbergen. Sie ist von Zeit zu Zeit nach außen zu kehren und gut abzubürsten. Der Arbeiter tut außerdem gut, eine Schutzkapsel zu tragen, um die Uhr vor Druck mrd Stoß zu sichern. Das Aufziehen wird zu einer bestimmten Stunde vorgenommen, nachdem man sich vorher die Hände gewaschen hat. wenn sie etwa von der Arbeit staubbedeckt sind. Um der Uhr eine möglichst gleichmäßige Temperatur zu �sichern, legt man sie nicht nachts ans eine kalte Platte, sondern täßt sie lieber in der Westentasche, indem man die Weste über den Stuhl hängt. Tie Uhr geht dann auch gleichmäßiger, weil sie Tag .und Nacht die gleiche senkrechte Lage behält. Das Oeffnen einer Ahr ist zu vermeiden. Bei diesem Verfahren kommen aus eine fast unerklärlich- Weise Tabak. Zigarrenasche. Schnurrbartspitzen und ähnliche Dinge in die Uhr, wie jeder Uhrmacher täglich fest- stellen kann. Merkt man, daß die Uhr beginnt, bisweilen stehen zu bleiben, und sind seit der letzten Reinigung etwa zwei bis drei yahre verflossen, so muß mau eben zu einem vertrauenswcrten Ahmacher gehen. Wie in allen Berufen, so gibt es auch bei den Ahrmachern gute und schlechte. Die ihre Leistungen zu den villigsten Preisen ausrufen, sind gleichwohl nicht die besten. Es ist nicht damit getan, die Uhr auseinanderzunehmen, sie in Benzin zu legen und wieder zusammenzusetzen. Jedes Rad und jeder Trieb muß für sich gesäubert werden, dabei mutz jeder Teil auf etwaige Abnutzungsfehler nachgesehen und entsprechend be- vandelt werden. Die größte Sorgfalt erfordern die eigent- ticken Gangteile der Uhr, von deren richtiger Lage und Funktion Vi- Leistung der Uhr abhängt. Kleine Reparaturen sind dabei immer notwendig, die der Uhrmacher, wenn irgend möglich, dem Kunden gegenüber gar nicht erst erwähnt, weil er daran schon gewöhnt ist. Sind größere Reparaturen nötig, so wird der Uhrmacher dem Kunden auf seinen Wunsch immer gern durch Wort und Zeichnung zu erläutern suchen, worum es sich eigentlich handelt. Uebcrhaupt »st der Uhrmacher von heute kein Geheimniskrämer. Ihm ist ein Kunde, der den Mechanismus einer Uhr einigermaßen begreift. viel lieber als der Unwissende, denn jenem kann er die Erschei- vungen der Abnutzung und ähnliche Dinge viel leichter verständlich wachen als diesem. Und ein tüchtiger Uhrmacher verlangt für seine gute Arbeit zwar eine angemessene Bezahlung, aber er führt sie � auch so aus. daß die Uhr dann recht lange zur Zufriedenheit des! Kund« ihre Dienste tut. Eine Uhr, die immer wieder zurückgebracht werden muß, macht dem Uhrmacher noch mehr Unannehmlichkeiten als dem Kunden. Beide verbindet eines der wichtigsten, werm nicht das wichtigste Kuluturinstrument der Neuzeit. Wie lange wird der Eisei'.vorrat der Erde reichen? Obgleich man noch längst nicht gcnan weiß, wie lange das Menschengeschlecht auf der Erde lebt, und noch weniger natürlich, wie lange cS noch besteben wird, könnte man meinen, daß sich bei ihm gewisse Altersericheinungen bemerkbar machen. Dazu lvürde dann auch die Sorge darum zu rechnen sein, wie lange die Vorräte an nutzbaren Stoffen in der Erde noch ausreichen werden. Die zunehmende Er- schöpsimg der Kohlenlager macht manchen Leuten schon jetzt arge Kopfschmerzen, obwohl sie noch eine ganze Weile vorhalten werden, und mm wittert man gar auch schon die Gefahr eines ErlicgenS der Eisenbergwerke. Diese Angst- meieret könnte wohl mit gutem Recht zur Nichtbeachtung verurteilt werden, aber cS kann andererseits nichts schaden, wenn man den Versuch macht, eine Uebersicht über die Eiienvorräte in den Kulturländern der Erde zu gewinnen. Die Gesamtmenge der bekannten bearbeitungsfähigen Eisenerze ist etwa auf 8 Milliarden Tonnen geschätzt worden, wovon aus Deutschland allein 2,2 Milliarden entfallen würden. Rußland und Frankreich verfügen über je IVe Milliarde, die Bereinigten Staaten über 1,1 Mlliarde. Schweden über 1 Milliarde, Spanien über'/z und England über>/, Milliarde. Der Abbau dieser Lagerstätten ist im Laufe des letzten Jahrhunderts gewaltig gestiegen. Im Jahre 1800 betrug er weniger als 2 Millionen Tonnen, im Jahre 1858 noch nickt 11 Millionen Tonnen und am Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe 85 Millionen Tonnen. Bei einer weiteren jährlichen Förderung von 100 bis 150 Millionen Tonnen Eisenerz würde danach in der Tat zu befürchten stehen, daß der Eisenvorrat schon vor Ende des zwanzigsten Jahrhunderts er- schöpft lvärc. Dem ist aber, wie die Wochenschrift„English Mechanic" bemerkt, entgegenzusetzen, daß bei der Statistik nur ein vcrhälmiS- mäßig kleiner Teil der Erde in Rücksicht gezogen ist, und daß außer- dem bisher nur besonders ergiebige Lagerstätten abgebaut werden. Völkerkunde. Den Zusammenhang zwischen Geschlechts- verkehr und Empfängnis erkannt zu haben, ist eine verhältnismäßig noch nicht weit zurückliegende Errungenschlkft des menschliche» Geistes, wie F. v. Reitzcnstein in der Zeitschrift für Etlmologie des näheren ausführt. Es hat einmal für die ganze Menschheit eine Zeit gegeben, in der man die Ursache der Schwangerschafr nicht im Beischlaf sah. Ja. es gibt heute noch. wie bekannte Auslralienforsclier, z. B. Roth, Spencer-Gillcn, Strehlow u. a. nachgewiesen haben, eine ganzS Anzahl australischer Stämme, denen dieser Zusammenhang unbekannt ist. Das Gegen- teil wäre auch schließlich das am wenigsten Selbstverständliche, denn es liegt nicht in der Denkweise des primitiven Menschen, zwei so weit auscinanderliegende Vorgänge kausal zusammen- zubringen; eher tut er da- mit zufällig zu gleicher Zeit Gc- schehenem. Für den primitiven Menschen bedeutet der Geschlechts- verkehr lediglich eine angenehme Beschäftigung. Die Schwanger- schaft wird verursacht durch einen Dämon, einen Ahnengeist, der sich in der Mutter wieder verkörperlicht, gewissermaßen eine In- karnation. Bei den Australiern ist e» ein Pflanzengeist. der aus ganz bestimmten Bäumen hervorkommt und in das Weib einfährt. Aehnliche Anschauungen, die sich vor allem in mancherlei Zauber erhalten haben, durch die der Dämon herbeigelockt und das Weib fruchtbar gemacht werden soll, sind bei den mexikanischen urfd den verschiedensten indogermanischen Völkern nachgewiesen worden. Vor allem erklärt sich dadurch die jungfräuliche Geburt, die„unbefleckte Empfängnis", die sich in wissenschaftlichen Kreisen bis an die Schwelle der Neuzeit, in der katholischen Kirche als Dogma bis heute erhalten hat, loonach besonders bei Göttern und Helden die Mutter ohne Zutun eines Mannes, nur dadurch, daß ein übernatürlicher Geist sich in ihr inkarnierte, schwanger wurde. Diese Geister wohnten in besonderen Reichen; als ihr Aufenthalts- ort gilt noch heute im Volk der Wald, ein See, ein Sumpf oder ein Brunnen. Daher die Sage von dem Brunnen, aus dem der Storch die kleinen Kinder bringt, eine Sage, die übrigens voki der seit der„Aufklärungszeit" üblichen, auf einer falschen Maral beruhenden Erziehungsmethode dazu benutzt wurde, die Kinder von sexuellen Vorgängen abzulenken. Diese ursprüngliche Ansicht erlitt erst eine Aenderung im Anschluß an ökonomische Umgestaltungen, an die allmähliche Eni- Wickelung des Privatbesitzes und die damit in Verbindung stehende engere Ancinanderkettung von Mann und Frau; wozu sehr wahr- scheinlich noch Beobachtungen traten, die man an den ersten Haus- tieren bald machen mußte. Mehr oder weniger schnell kam mun so zu der Entdeckung, daß eine Befruchtung ohne Geschlechtsverkehr im allgemeinen nicht stattfinden kann, daß der Beischlaf wenigstens einen Teil der Vorgänge umfaßt, wenn auch die Haupiroll« dabei immer noch der übernatürlichen Welt zugeschrieben wird. Dafür finden sich in allen religiösen Hochzeitszeremonien bis herauf zu den christlichen Belege in Fülle. Die heutige, auf naturwissen- schaftlicher Grundlage ruhende Ansicht, vermochte sich erst zu ent- wickeln, als der Holländer Swammerdam. der im Jahre 1685 starb, mit Hilfe des damals erfundenen Mikroskops die Art der Befruchtung entdeckte und sich von da aus die embrhologisch« W issenschaft weiterbilden konnte._ Verantw. Redakteur; Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwarrSVuchtruckcrel u.«ert»g»anilatt Paul Singer tjcCo..«ertlnLAt.