Nntcrhaltungsblatt des Forwärts Nr. 12. Dienstag� den 18 Januar. 1910 (NaSdrua eetBoten.) 12] Im l�amen des Gcfetzes» Von Hans Hyan. Frau Hellnng hätte von alledem wahrscheinlich keine Ahnung gehabt, wenn nicht die Mieze gewesen wäre, das große dunkelblonde Mädchen, das eine geradezu fanatische Freundschaft für ihre Tochter Ella hatte. Von klein auf hatte Mieze die Hellhaarige beschützt und bemuttert. Und die Entfernungen, in denen die beiden Familien später von einander lebten, hatten daran nichts ändern können. Ganz ungedunken kam das lange, eckige Ding, das bei ihrer Mutter gar keinen guten Tag hatte, an und brachte für ihre Freundin irgend eine Leckerei mit, die sie der Mutter gestohlen hatte. Frau Hellwig wollte das nicht, sie verbot es der Mieze und untersagte ihrer Tochter, noch mal'was anzunehmen. Aber das half alles nichts. Die Große kam wieder. Und Ellas Mutter konnte es nicht entgehen, wie ihr Benehmen immer kecker und frecher wurde, wie sie sichtlich jener großen Armee zutrieb, die in der Großstadt täglich neue Rekruten anwirbt. Frau Hellwig mußte da an das frevle Wort denken, das Miezes Mutter einmal ausgesprochen hatte...„Besser eines reichen Mannes Hure", hatte sie gesagt,„als eines armen Mannes Weib!"... Und der Frau des Buchbindermeisters, die oft darüber nachdachte, kam es manchmal so vor, als hätte die andere recht gehabt, wie sie das so, mit vollen Backen an einer Gänsekeule kauend und das Gesicht mit Fett beschmiert, herausbrachte. Aber dann lehnte sich ihre Er- ziehung und ihre ganze Weiblichkeit dagegen auf. Nein, ihr Kind sollte so nicht werden!... Sie war schön genug, jedem zu gefallen und sie würde sicher einen Mann finden, der sie heiratete und der ihr das Leben angenehm machte.... Mieze Blankenstein durfte späterhin auch nicht mehr ins Haus kommen, das verbot Vater Hellwig ganz energisch. Aber freilich, der verbot immer nur! Ebensowenig wie er einsah, daß Ella einen neuen Hut oder ein neues Kleid brauchte, ebenso konnte er sich auch nicht dran gewöhnen, daß seine erwachsene Tochter des Sonntags oder an Wochentagen des abends ausging. Da gab es beinahe regelmäßig einen Auf- tritt, bis— ja bis er sie endlich hinausstieß in die Nacht und dem Verderben geradewegs in die Arme.... So empfand es Ella, die jetzt langsam zurückging zu ihrer Freundin. Mieze Bltinkenstein hatje am Blücherplatz ihre eigene Wohnung. An ihrer Tür stand auf dem Porzellanschild unter ihrem Namen„Modistin". Und sie war so vorsichtig, nur am Tage Herrenbesuch zu empfangen. Als Ella kam, war gerade ein„Verwandter" bei ihr. Und Ella, die einen Drücker hatte und leise aufschloß, hörte gerade eine erregte Auseinandersetzung: „Nassauer können wir hier nich gebrauchen?... Und wenn De keen Jeld bei Dir hast, denn läßte Deine Uhr hier!"... Indem ging die Tür nach dem Korridor auf und ein großes Frauenzimmer mit kurzen schwarzen Locken schob einen kleinen, rotblonden Menschen, der sich verlegen an keimenden Schnurrbart zupfte, zur Tür hinaus. Wie ein Gendarm eskortierte sie ihn bis zur Entreetür, und indem sie diese mit der Linken öffnete, bekam er rechts einen leichten Schubbs, daß er hinausflog. Wie er draußen stand, konnte er die Große noch lachen hören. Es schien auch, als wollte er aufbegehren und noch- mal nach der Klingel fassen, aber da kamen Leute die Treppe herunter, und er machte, daß er fortkam. Mieze, die einen langen, dunkelroten Morgenrock trug, hatte ihre Freundin umgefaßt und küßte sie zärtlich. Dabei kam ihr großes, fleischiges Gesicht mit der kräftigen Nase und den schwarzen, zudringlichen Augen gar nicht aus dem Lachen heraus. Sehr ungeniert die Absichten des Jünglings definierend, machte sie ihm nach, wie er zögernd seine Geld- losigkeit eingestand. „Und hier, siehste!" meinte sie, die bedeutend kleinere Freundin umschlingend und ins Schlafzimmer führend,„hier is seine Uhr. die Hab ich solange einbehalten, bis er Jeld bringt!" „Na, aber.. Ella wurde ganz rot und fand die Worte nicht für ihre Frage. „Du meinst, er hat doch noch janischt jehabt?...' aber ich wa' doch schon nackt wie'ne Jöttin!... Ansehn kost' ooch wat!... oda jloobste, ich bezahle hier umsonst meine Miete?!... Aba nu laß doch den ollen Schaafskopp, jetzt wolln wa frühstücken!..." Sie rannte hinaus und kam mit einem ganzen Tablett voll Leckereien wieder herein. „Also zuerst Kaviar, ja?... Immer nobel, wie die Hautvollflöh!... wat die kenn, dis kenn' wir schon lange!" .... Die Stimme dieses großen Mädchens hatte etwas Schrilles, Schreiendes, gerade wie man bei ihren raschen, hastigen Bewegungen das Gefühl nicht los wurde, sie müßte demnächst irgend einen Gegenstand herunterstoßen. Ella Hellwig war dagegen die verkörperte Harmonie. Und die Blonde ließ sich von ihrer Freundin bedienen. Dabei aber waren Ellas blaue Augen in verstohlener Angst auf das sinnlich wilde Gesicht der Größeren gerichtet, die ihrer Freundin mit einem verliebten Lächeln die besten Häpp- chen präsentierte und ihr wieder und wieder Ungarwein ins Glas goß, wiewohl Ella bat, ihr nichts mehr zu geben. Mietzes Redefluß war unerschöpflich, sie liebte es, in ihren Erinnerungen zu kramen und breitete ihre Herren- bckanntschaften wie ein Photographiealbum vor der Freundin aus. Aber ausgehalten hatte keiner bei ihr. Sie gab das selber lachend zu. „Ich muß doch wat an mir haben, wat se nich paßt!..." Sie dachte einen Augenblick nach, ehe sie fortfuhr:„und zuerst da is't jrade umgekehrt, da loofen se mir nach, wie de Hunde!..." Ella gefiel das Thema weniger, sie lenkte ab und fragte nach Mietzes Mutter. Die Große lachte höhnisch,' „Meine Olle?.... hahaha!... die Hab' ick uff'n Topp jesetzt, aber nich, wie't Mode is... Ne Weile Hab' ick't ma ja jefallen lassen, det se jedesmal, wenn ick nach Hause kam, mir det Jeld abvalangte, aba denn wurd' et ma doch zu ville!... Is denn det überhaupt'ne Art von 'ne Mutta?!... lebt davon, wat ihr Kind uff'n Rücken vadicnt!..." „Aber Mietze!..." unterbrach die Blonde. „Na ja, wat'n sonst!... Schließlich vakloppte se mir noch obendrin, wenn ick nich jenuch Jeld brachte... Nee, wat zu viel is, is zu viel! Denkste denn, die Olle wollte iebahaupt noch'n Handschlag thun?... Nich in de Tiete! Wenn ick nach Hause kam, denn sollt' ick ooch noch de Wirt- fchaft machen!... Na, un da Hab ick se denn eenes scheenen Tages, wie jesagt, rejulär kalt jestellt... aber Du trinkst ja janich, mein kleiner Hase!..." Sie wollte der Freundin, die sich dagegen wehrte, aber- mals einschenken. „Es wird zuviel, Mietze!" „Ach was, zuviel kann't janich werden!... Wenn wa denn nachher'n kleenen sitzen haben, dann pennen wa erst noch'n Stündeken! Wir haben ja Zeit." Sie schenkte ein und dann umfaßte sie die Freundin, ihr zärtlich in die blauen Augen blickend. Aber Ella, verwirrt und geängstigt durch dieses ihr un- verständliche Wesen der Größeren stand rasch auf. Sofort erhob sich auch die Schwarzlockige und lachte: „Was, Du willst mir ausreißen, Du Strolch, Du süßer?!..." Sie griff nach der Blonden, die hinter den Tisch sprang. Nun jagten sie sich um den Tisch herum, bis sie Ella: die ganz atemlos, mit glühenden Wangen und leise Schreie ausstoßend, vor ihr herlief, am Kleid faßte. „Nein, nein, laß..." Doch Mietze umschlang sie und erstickte die sich Sträu- bende fast mit ihren Küssen. „Ich Hab' Dich doch so lieb. Du!... Du!... Du weißt doch, immer schon, wie wir beide noch ganz klein waren! . Was kann ich denn dafür!... Ach kiiß mich doch!... küß mich!..- «Aber Du bist ja verrückt. Du!" keuchte Ella,„Du bist ja verdreht!.... Mietze, laß mich los.... oder ich schreie!... 7. Der Saal des alten Tanzlokals war gedrängt voll. Di« heiße Luft, flimmernd von Staub und Rauch, mischte sich an den Türen und Ausgängen mit dem eisigen Zugwind, aber die Mädchen, die mit rotem Gesicht und fliegender Brust vom Tanz kamen, eilten, unbekümmert um ihre Gesundheit, hinaus, um sich abzukühlen. Generationen von Männern waren hier ihren Liebes- abenteuern nachgegangen. Und immer neue Scharen von Mädchen strömten durch die alten, verschmutzten Türen hinein, vielleicht zuerst noch einen scheuen Blick werfend auf die alte verschminkte Garde, die sich hier breit machte; bald aber selbst von dem Taumel des Vergnügens erfaßt, von diesem rasenden Wirbel, in welchem die Unschuld erstickte und Rein- heit und Ehrbarkeit für inimer verdarben. Aus dem Saal hinauf führte eine breite Treppe zu den Nischen. Und auf dieser Treppe, deren Läufer abgenutzt und zertreten waren von so vielen hastigen, begierigen Füßen, standen plaudernde Mädchen und lehnten am Geländer junge Leute, die hinabblickten in den Trubel und ihren Bekannten zunickten oder den Mädchen freie Worte zuriefen, die noch freier erwidert wurden. Die Nischen waren eigentlich mehr kleine, durch Tapeten- wände von einander getrennte Zimmer. In einem war eine Gesellschaft beieinander von halbtrunkenen Männern und kreischenden, lachenden Weibern. Aber so laut es dort auch zuging, über all dem Tongewirr schwebte hell, wie eine schrille Klingel, die Stimme einer Großen mit kurzen, schwarzen Locken, die ein zurzeit vielgesungenes Lied sang: „... Die Liebe... die Liebe... ist eine Zauber- macht..." Und dann riß sie die Sektflasche aus dem Kübel und setzte sie an den Mund, sich dabei verichlückernd und ihr Kleid begießend. Mau riß ihr die Flasche fort, sie schimpfte, aber das blonde Mädchen an ihrer Seite zog sie nieder auf das Polster. „Laß ihr doch! Det bringt wenigstens Leben in de Bude!" meinte der Kavalier der Blonden, ein großer, breit- schultriger Mann mit frischem, aber unglaublich einfältigem Gesicht. lFortsetzung folgt.) Maitdrulk verdoten.) Menn clie am größten ift, Von M. Ander sen°Nexö. In dem kleinen Fischerdorf Kaas war Schmalhans jtuchcn- meifter; der Fang war währcno des ganzen letzten Jahres mehr oder minder fehlgeschlagen, und ein ehrliches« Wrack gehörte nach- gerade zu den Seltenheiten. Die Seeleute waren von all dem Studium auf Steuermannsschulcn und dergleichen so vertrakt klug und aufmerksam geworden. Und dazu kamen noch die modernen Erfindungen: Leuchttürme und Sirenen, und wer weiß wie viele andere Einrichtungen, die fleißigen und strebsamen Leuten das Brot vom Munde wegnahmen. Man brauchte in dem kleinen Dorfe wohl noch nicht ganz und gar zu verhungern, aber zu mehr als gesalzenem Dorsch oder Hering, mit Kartoffeln gekocht und mit Mehlbrühe serviert, wollte es eben durchaus nicht reichen. Fleisch!— Wer dachte an Fleisch in diesen schlechten Zeiten! Man wußte noch kaum, wie das schmeckte, so lange war es her, seit man im Fischcrdorse kein Fleisch gesehen hatte.— Und der Schnaps? Ja, den trank man freilich noch unten in der Fischerkneipe, aber es geschah auf„Pump", und gleichwohl drehte er sich einem im Magen um, wenn man dabei an Weib und Kind dachte. Es war wahrhaftig kein Pläsier, unter solchen Umständen Familienernährer zu sein: Denn was sollte man anfangen? Ein Boot zum Fischfang ins Meer zu lassen, war unnütz und hieß nur umsonst die Geräte gefährden. Die wenigen Fische, die«inst da gewesen waren, hatten sich anderwärts hingezogen und durften nicht so bald zurückerwartet werden. Nein, das einzige Rettungs- mittel war ein rechter dichter, klafterdicker Nebel, der die Schiffe den Weg um die Landzunge verfehlen ließ. In Lejet, das am Anfang der Bucht jenseits der Landspitze lag, sah es nicht heller aus. Nur mit dem Unterschied, daß man da drüben unter den Felsen geschützter hauste und eher etwas im Kachelofen entbehren konnte. Auch da hatte man die Zuversicht auf sich selbst aufgegeben und sein Vertrauen auf die Vorsehung gesetzt; betete man aber in Kaas auf der Landspitze um Nebel, so betete man in Leset um einen plötzlichen Secsturm als zu der einzigen Macht, die Hilfe bringen konnte. Es schien, als sollten die Fischer in Lejet zuerst erhört werden. Längere Zeit hatte ein gleichmäßiger Landwind geblasen. aber allmählich wuchs er zum Sturm und bracht« das Wasser in der Bucht tief unter den täglichen Wasserstand. Und Schiff auf Schiff kam um die Landspitze gestrichen und trieb in die Bucht hinein, um dem Sturm standzuhalten,— bis zuletzt gegen zwanzig Ankerlieger versammelt waren. Die Fischer in Kaas wußten so gut wie jedermann, daß dieser Wind denen in Lejet binnen zwei Tagen Fleisch auf den Tisch bringen müsse; und der Hunger ließ sie ihren Stolz überwinden und Boten hineinsenden mit dem Vorschlag einer Beteiligung an> der Bergungsarbeit, die recht beträchtlich zu werden versprach. Aber zwischen den beiden Dörfern war Feindschaft und so wies man sie ab. „Hast Du den Sack verloren?" fragte man den Ueberbringer des Anerbietens, daraus anspielend, daß er auf einem Bettelgang begriffen sei.„Sollen wir Dir einen anderen besorgen?" Als die Leute in Kaas das hörten, wurden sie erbittert und gedachten sich zu rächen, indem sie zu den Ankerliegern hinaus. fuhren und sie warnten. Aber man gab es wieder auf. Es konnte doch allerlei aufkommen, wenn man erst einmal in dieser Art anfing. Sie begnügten sich also damit, mißgünstige Zuschauer abzu- geben, als der Sturm ganz richtig nach zwei Tagen umschlug und zu einem Seeorkan wurde. Oben auf den Anhöhen der Landzunge standen sie in Gruppen und warteten den Augenblick ab, da der Sturm sekundenlang rastete und dann plötzlich in kurzen heftigen Stößen ausbrach. Wie Explosionen schallten sie in den Felsen, bis der Sturm sich dann wieder eine Weile legte, um zuletzt in end. loses Toben zu verfallen. An Bord der Ankerlieger erwachte plötzlich eilig- Geschäftig- kcit. In einem Nu tummelte sich die Mannschaft auf dem Deck. durch den Sturm peitschen landeinwärts abgebrochene Rufe, oder ein losgerissener Klang der Handspaken am Gangspill beim Holen der Anker, oder das heftige singende Kratzen der eisernen Ketten, wenn die Anker von den Vorsichtigsten gekappt und im Stiche ge- lassen wurden. Man konnte an der Anspannung erkennen, daß die draußen wußten, was es gelte; die Mannschaften liefen wie Eichhörnchen in Wanten und Mastkörben umher, und Schiff um Schiff drehte sich ungelenk im Winde und stapfte weiter mit Wasser und Wind am Luvbug. Ein dunkler Streifen schoß von jeder Landzunge vor; die beiden Streifen stießen schräg in einer prustenden Spitze zusammen und wanderten landeinwärts, bis sie sich mehr und mehr der geraden Linie näherten. Es war Hochwasser, das dem veränderten Wind auf den Fersen folgte. Drinnen auf der Reede begegnete es dem auswandernden Wasser und bildete Krappsee; die Schiffe schwankten heftig und hieben den Bugspriet in die Wellen, und wenn die See sie auZ ihrer liegenden Stellung emporschleuderte, schlug der Sturm in die Segel, so daß sie mit einem Krach zer- rissen, dahingen und in der Luft klaischtem Aber eines nach dem andern legte sich wieder auf die Seite, Laß die Rae das Wasser küßten, kniffen sich im Winde fest und schlüpften um die Kaascr Landzunge. „Werden sie herumkommen?" das war die spannendste Frage für alle die Zuschauer da oben. Dort hinüber strebten sie nämlich, weil das Land dort nicht so weit hinausging. Und jeder Segler wurde auf seiner Fahrt um die Landspitze von vielen begierigen Blicken verfolgt. Einen Augenblick sah es aus, als wollte ein großer Dreimaster hängen bleiben; er hielt plötzlich inne, und ein Mast knickte vornüber. Eine kurze Minute wiegte er sich wie ein Schaukelpferd auf den Wellen, dann aber glitt er weiter, und die Hoffnung war erloschen. Eine Woge mußte ihn hinübergehoben haben, oder vielleicht war es der veränderte Druck auf die Segel, als der Achtermast brach, der ihn wieder flott machte. Unten in der Bucht lagen noch fünf Schiffe, anscheinend in Ruhe— sie bauten auf ihre Anker. Sie lagen da und ritten aus strammen Ankertauen, den Steven nach außen und Deck und Takel- werk reingefegt— es kam darauf an. Wind und Wasser einen möglichst geringen Widerstand zu leisten. Drinnen an der Küste bei Lejet gingen die Fischer auf und ab oder standen in Haufen hinter den aufgezogenen Booten. Mit diesen„Nachzüglern" hatten sie gerechnet, und sie ließen sich nicht davon beirren, daß die Schiffe sich anscheinend gut hielten, sondern trafen bedächtig ihre Vorbereitungen, um Leute und Ladung zu Im Kaas sprach man viele Tage lang von nichts anderem, als von dem Fang, den die Fischer in Lejet gemacht hatten. Drei von den fünf Schiffen waren Wracks geworden, und der Bergungs- lohn würde sich wohl auf einige Hundert Kronen pro Mann b» laufen. Und hier in KaaS nagte man nach wie vor am Hungertuche I Aber nicht genug damit! Derselbe Sturm, der� jenen Wohl- stand brachte, hatte hier den einen Hafendamm zerstört, so daß es vielleicht Tausende kosten würde, ihn wieder instand zu setzen. Und dieser Hafen war für teures Geld angelegt worden, teils um Handel nach dem Dorfe zu ziehen, hauptsächlich aber, um den Ein- wohnern von Lejet in die Nase zu stechen. Und da drinnen, wo sie nicht einmal einen Bootshafen hatten und die Boote auf das � nackte Ufer hinaufziehen mußten, da hatten sie nun drei ganz« Wracks zum Knabbern und Beißen und konnten alle Nacht Fest» tafel halten. Während man hier hungerte! Und die Rettung, die einzige Rettung, der Nebel, blieb ausl Aber eines Morgens, als die Fischer sich wie gewöhnlich am Hafenplatze sammelten, da war er da und hing so dick über dem Wasser, daß man nicht von Mole zu Mole sehen konnte. All die schweren Gesichter lebten merllich auf— endlich schlug die Stunde der Vergeltung. Allerorten wurde die lärmende Arbeit im Hafen untersagt, man sandte Knaben nach allen Seiten mit dem Befehl, sich still zu verhalten, und das ganze Dorf sprach buchstäblich im Flüster- ton und schlich auf den Socken umher, um durch keinen Laut den Schiffen zu verraten, wo das Land sich befinde. Man stellte Wach- Posten auf den äußersten Felsen der Landzunge aus, und die Fischer zogen scharenweise hinab zum Paltaesten, der Dorfkneipe, um ein wenig Vorschuß auf das Glück zu nehmen. Allein der Tag verstrich und die Nacht dazu, ohne daß ein Schiff sich meldete. Selbst diejenigen, die stets das Beste voraus- sahen, verloren den Mut, als sie am nächsten Morgen heraufkamen und hörten, wie die Dinge stünden. Es konnte kein Zweifel Herr- scheu, daß der Nebel sich vormittags lichten würde, sobald die Sonne die rechte Macht erhielte. Als sie jedoch am frühen Morgen am Hafen standen und dies erörterten, da ließ sich ein starkes Kratzen von Eisen auf dem Felsen vernehmen, und gleich darauf drang eine schrille Boot- mannspfeife, von kräftigen englischen Kommandorufen gefolgt, durch den Nebel. Augenscheinlich war es ein Dampfer, der ganz nahe heran- gekommen war; welche Ladung mochte er wohl fuhren? Jeder riet auf das, was er augenblicklich als das höchste aller mensch- lichen Güter betrachtete; einer hoffte fest auf Speckware, ein anderer auf Kognak. Man traf bereits Verabredungen, was man für das Frei- Machen des Schiffes verlangen sollte, als der Lärm starker Schläge auf Tonnen über das ruhige Wasser herüberdrang. Kurz darauf folgte ein durchdringender Petroleumgeruch— man war also schon dabei, sich der Deckladung zu entledigen I Rasch wurde die Dis- kussion abgebrochen und ein Boot hinausgeschickt, um Hilfe an- zubieten. Allein der Kapitän, der sie nun plötzlich so leise vom Lande aus herankommen hörte, hatte wohl schlechte Erfahrungen mit Leuten ihres Schlages gemacht und empfing sie in schlimmer Laune. Er schimvfte und schwor, keine Hilfe haben zu wollen, selbst wenn Schiff und Ladung in die Brüche gingen. Solche Schurken und Taugenichtse, die nicht einmal eine Hafenglocke läuteten, wenn es neblich war! Aber nach ihm sollten sie sich nicht den Mund lecken. Haie und Strandräuber, die sie waren l (Schluß folgt.) (Nachdruck verdaten.), Die ftyazintbc. Von C. Schenkling, Ein Freund, der uns in Trübsalen treu bleibt, wiegt hundert im Glück auf. Wem es versagt ist, sich im Winter einen reicheren Zimmergarten zu verschaffen, der kann wenigstens eine Hvazinthe haben. Und dann mag er sie wohl eine solche treue Freundin nennen, wenn er morgens in das noch kaum hinlänglich erwärmte Zimmer tritt und ihm vom Fensterbrett her eine Hyazinthe ent- gegenduftct.» Dafür ist sie auch für Alt und Jung seit langer Zeit ein Blumenliebling erster Klasse und von allen bei uns eingewanderten Zierpflanzen vielleicht die populärste. Wie sich die einsamenlappigen Pflanzen vor den zweisamen» lappigen und unter jenen wieder ganz besonders die Zwiebel- gewächse dadurch auszeichnen, daß sie mehr individualisiert sind, so ist dies unter den Zwiebelgewächsen wiederum in besonders hohem Grade der Fall bei der Hyazinthe. Wenn wir eine, in üppiger, von gesunder Kraft strotzender Schönheit vor uns stehende Hyazinthe ansehen, so können wir uns kein Blatt, keine Blüte hin» wegdenken, ohne ihr Ebenmaß, ihre abgeschlossene Vollendung zu stören. Fast in noch höherein Grade sehen wir dieses bei der Tulpe, der Genossin der Hyazinthe, deren einzige Blüte und zwei bis drei Blätter sie noch bestimmter zu einem abgerundeten Ganzen machen. Wie so manche unserer Zier- und Nutzpflanzen hat auch die Hyazinthe ihre Geschichte, wenn auch schwerlich, wie man nach dem Namen glauben könnte, ihre Mythologie, da der griechische Hya- zinthos wahrscheinlich eine andere Pflanze ist. Als Apollo und sein Liebling Hyazinthos sich mit Diskuswerfen belustigten, blies der eifersücktige Zephyros des Apollo Wurfscheibe dem Hyazinthos an den Kopf, daß er tot zu Boden siel. Der untröstliche Apollo verwandelte seinen toten Freund in eine Blume, auf deren Blättern !/M AI zu lesen ist, was seine Wehklagen ausdrücken sollte. Davon ist nun an unserer Hyazinthe allerdings nichts zu lesen. Was für eine Blume der Hyazinthos der alten Griechen gewesen, ob. wie einige wollen, der Rittersporn(Delphinium) oder eine Schwertlilie (Iris), wollen wir ununtersucht lassen. Jnteresseanter ist die Geschichte unserer Winterfreundin, die für Europa, wie die der Tulpe, und zwar vielleicht ziemlich gleichzeitig, in Holland beginnt. Es ist bekannt, daß die Zwiebelgewächse, und besonders die beiden genannten, in Holland eine fast rasend zu nennende Liebhaberei hervorriefen, so daß man auch buchstäblich von einer Tulipomanke der Holländer sprach. In der Mitte des 17. Fahrhunderts bildeten die Tulpenzwiebeln einen Gegenstand des Börsenspiels und richteten viele zugrunde. Es wurden damals Preise bis zu SölK) Gulden für eine Tulpenzwiebel gezahlt. Mit der Hyazinthe ist es aller- diroK nicht so schlimm gewesen; doch zahlte man immerhin füv manche Sorten bis 1000 Gulden, und der ungenannte Verfasser des„neu angekommenen holländischen Gärtners"(Nürnberg 1731)! sagt, daß er für einen Freund eine Hyazinthenzwiebel„Königin von Saba" für 140 Fl. habe kommen lassen,«und sonsten gibt es unter den einfachen weißen und blauen noch viele, die auf 30, 40. auch 00 Fl. kommen". Um 1750 kennte man aus Hamburg schon 100 Stück für 4 Taler beziehen. Anfangs scheint man bloß weiße und blaue Hyazinthen, hoch- stens noch gefüllte von rosenroter Farbe gekannt und den ersten den Vorzug gegeben zu haben. Das Vaterland der Hyazinthe ist Kleinasien, Jnnerasien und Südafrika, wo sie im moosigen, quelligen Boden wachsen soll, also so, wie man sie heute auf Gläsern zieht., Wenn wir die Hyazinthenzwiebel in die Erde des Blumen- topfes senken, so wissen wir, daß in ihr der Keim zu dem schönen Pflanzenbau ruht, der sich nach kurzer Zeit daraus zu erheben beginnt, obgleich wohl nur wenige schon einmal ihrer Wißbegierde eine geopfert haben werden, um zu sehen, in welcher Weise und bis zu welchem Grade der Vorbereitung dieser Keim in der Zwiebel geborgen ist. Eine gewöhnliche Küchenzwiebel kann dazu als Belog dienen, denn sie zeigt in allen wesentlichen Teilen denselben Bau. Wir müssen zunächst uns von dem Irrtum lossagen, der die Zwiebel für eine Wurzelform hält wie die Mohrrübe und die Sellerieknolle. Die Zwiebel ist vielmehr ein Stengel mit ganz unentwickelten oder richtiger nur in der Breite, nicht aber in der Länge entwickelten Achselgliedern. Die Unterseite der Zwiebel zeigt uns in der Mitte eine Scheibe, an derem Rande die das Innere der Zwiebel umhüllenden Schuppen, gewöhnlich Schalen genannt, sitzen, und aus dem die Wurzeln entspringen. Diese Scheibe, die die ganze Pflanze trägt, bildet so einen wichtigen Teil der Zwiebel. Wenn wir sie durch die senkrechte Mitte spalten, so sehen wir, daß aus der Scheibe an der inneren aufwärts liegenden Seite eine große Menge von Schuppen entspringen, die auch die bereits vorgebildeten Blätter und im Mittelpunkt des Blattkreises den nicht minder schon in vollständiger Anlage bor- handenen Blütenschaft umgeben. Diese Blatt- und Blütenanlagen finden wir aber fast ganz bleich, da sie ihre Farbe erst erhalten. wenn sie an das Licht hervorgewachsen sind, wie wir das von den Spargelschossen her kennen. Die freien Pflanzenteile erhalten ihre grüne oder andere Farbe immer erst unter Einwirkung des Sonnenlichtes, das indessen nicht Heller Sonnenschein zu sein braucht. Wir erinnerten uns an den Spargelschoß. Er ist ge» wissermaßen eine in die Länge gezogene Zwiebel, denn die an dieser fast in einer vollkommenen Horizontalebene sitzenden Schuppen liegen am Spargelschoß übereinander. Denken wir uns nun. wir könnten diesen wie ein aufgezogenes Fernrohr zusammen» schieben, so würden alle seine übereinander fitzenden Schuppen um» einander, und in ihren Mittelpunkt der Kopf zu liegen kommen. Wir erhielten eine Zwiebel. Sähe die Zwiebel mit ihrer Scheibe an einem Baumast, so würde man in ihr eine Knospe erkennen, was sie in Wahrheit auch lein würde, denn wenn wir irgendeine große Baumknospc, etwa die der Roßkastanie, in der Längs- und Querrichtung durch- schneiden, so würden wir zwischen ihr und der Zwiebel die größte Uebereinstimmung finden. Wie denn auch der Verlauf der Lebens- Vorgänge in der im Boden liegenden Zwiebel ganz ähnlich dem in der am Zweige sitzenden Knospe sich abspielenden ist. Wir wissen, daß in der Küchenzwiebel, auch wenn sie schon monatelang im Vorratsschrank gelegen hat, namentlich in den flei» schigen Schalen viel Saft enthalten ist und daß bei warmer und nicht gerade austrocknender Aufbewahrung sie leicht auswächst, das heißt die Blattkeime ergrünend sich hervorschieben. So ist es auch mit der Hyazinthenzwiebel. Es reicht daher, bei so großem in der Zwiebel selbst ruhendem Nahrungsvorrate, anfänglich ein sehr ge- ringer Feuchtigkeitsgvad der Erde hin, in ihr allmählich das Ent» wickelungsleben zu wecken, d. h. die zum Teil festen Nährstoffe der Zwiebel zu verflüssigen und zur Zellenvermehrung, worin das Wachstum beruht, zu verwenden. Namentlich der Zwicbelkuchen ist die Vorratskammer, aus der die Nahrung für die sich entwickelnde Knospe stammt. Aber fast noch schneller als auf die Eutwickelung dieser ist das sich regende Leben auf Bildung von neuen Organen, auf die unmittelbare Nahrungsaufnahme aus der Außenwelt be- dacht, auf Wurzeln. Diese treten am Umfange der unteren Scheibe hervor, und zwar mit solcher Kraft, daß dadurch, wenn das Erdreich im Blumentopf unten durch starkes Wasftreinsaugcn aus dem Untersetzer fest, nach oben hin aber trocken und locker ist, die Zwiebel in die Höhe gehoben wird. Dies wird auch durch zu zeitiges Warm- stellen hervorgerufen: bis zum Hervortreten des Blütcnschaftes und der freien Blätter darf die die Blübi umgebende Temperatur 10 bis 15 Grad Celsius nicht übersteigen. Erst wenn Blätter und Blütenschaft etwa handlang sind, soll man die Hyazinthe in das geheizte Zimmer, bis dahin aber in das kältere Doppelfenster stellen. Nun bedarf das in voller Kraft stehende Wachstum auch ein stärkeres Begießen, was während der kurzen Zeit der vollen Blüte am reichlichsten sein muh, weil dann die ganze Pflanze durch ffjre Blätter und Bluten diel Wasserdunst aushaucht; das fortwährend durch die Wurzelrinsaugungen verbrauchte Wasser muh stets ersetzt Werden. So sehen wir also, tah in der Hdazinthenzwiebel der ganze schöne Bau in der Anlage bereits vorhanden ist, und dah auch die zu ihrer Entwickclung erforderlichen Nahrungsvorrätc bereits in ihr liegen und von aussen nur Wasser zugeführt werden braucht, um diese Vorräte zum Leben und Wachsen der schönen Blumen tauglich zu machen; daher lassen sich Hyazinthcnzwiebeln auch in Wassergläsern treiben.. Der Schaft, der die Blüten trägt, ist unbeblättert, denn die Blätter entspringen mit und neben ihm aus derselben Stelle des Zw' ebelkuchens. Vor jeder Blüte steht ein kleines Dcckblättchcn, wie dies bei vielen Pflanzcnartcn der Fall ist. Die kurzgcsticlte Blüte ist vor dem Richterstuhle der Wissenschaft trotz ihrer Schön- heit doch eine unvollständige, weil in ihr der Gegensatz zwischen Blumenkrone und Kelch fehlt. Der letztere ist gar nicht vorhanden und man nennt solche Blüten(wohin auch die Lilie, Tulpe, Kaiser- kröne gehören) ein« Blütenhülle, Perigon oder Perianthium, und zwar eine blumen- oder kronenartiye, wenn sie wie in unserm Falle eine Blumenkrone ohne Kelch darstellt. An der Blütcnhüllc der Hyazinthe unterscheidet man die unten etwas kugelig angeschwollene Röhre und den aus sechs blumcnblattähnlichen zurück- gekrümmten Zipfeln bestehenden Saum, wobei drei dieser Zipfel, abwechselnd etwas grösser als die anderen zu sein pflegen; am Grunde umfassen die gröhcren die kleineren Zipfel etwas. Wenn man die Blutenhülle der Länge nach durchteilt, so sieht man innen etwa auf halber Höhe der Röhre sechs Staubgefähe mit kurzem, dickem Staubfaden und langem, zweisätberigem Staubbeutel und von der Röhre umschlossen den bauchig-flaschenförmigen Stempel, der auf einem allmählich sich verschmächtigendcm Griffel die knopfige Narbe trägt. Auf dem Längs- und Querschnitt des Frucht- knotens des Stempels sehen wir in sechs Längsrcihen an einem Samenträger befestigt die Samenknospen, aus d�nen nach der Befruchtung die Same» erwachsen, während dabe? der Fruchtknoten zu einer kugeligen, bcerenartioen Frucht anschwillt. Sieht man von oben in die Blüte, so erblickt man nur die Spitzen der Staub- beutel. Die Blätter sind lang und schmal, überall gleich breit und besitzen kein Adernetz, sondern längs- und gleichlaufende gerad- linige, kaum hervortretende Adern. Wäbrend die Kunst des Parfümistcn— dah wir für diesen Tausendkünstler noch keinen deutschen Namen haben!— beinahe aus allen wohlriechenden Gewächsen die Wohlgerüche zu ziehen und über die Blütenzeit hinaus zu beliebigem Gebrauch zu fesseln weih, scheint dies mit dem würzigen und erfrischenden Hyazinthen- duft entweder noch nicht gelungen oder wegen der Umständlichkeit der Zucht bisher unterlassen worden zu sein. kleines feuiUeton. Geschichtliches. Gefälschte GeschichtSurkunden. In dem Wiener .Prozeh Friedjung ist die Tatsache enthüllt worden, dah der leitende Staatsmann eines grossen ReiweS mit ungeheneren Opfern einen Krieg vorbereitete, weil er auf� lächerlich plump gefälschte Aktenstücke hineingefallen war. Staatsmänner, die Aktenstücke fälschten oder fälschen liehen, um einen gewollten Krieg zu provozieren, und gleichzeitig als berechtigte Vertreter zu begründen, sind der Geschichte nicht uiibekanut; daS gilt auw für innere Kriege gegen revolutionäre Bewegungen. Aber der Ruhm, auch als Düpe(?) unsäglich roher Fälschungen beinahe die Entzündung eines WeltbrandeS begonnen zu haben, blieb dem österreichischen Herrn von Aehrenthal vorbehalten. ES ist immerhin ein Zeichen für die fortschreitende Moralisicrung der österreichischen Diplomatie. dah ihre verantwortlichen Genies lieber al» Dummköpfe und Töjlpel denn als Fälscher und Verbrecher erscheine» wollen. Indessen klingt diese Geschichte vom mangelnden Dolus einigermahen unösterreichisch. Denn gerade zum HanSral der Habsburgischen Politik gehört die den schlechten Zweck heiligende Fälschung. Und kürzlich erst hat Professor Marlin Spahn in einem Aufsatz der„Deutschen Rund- schau" in einer an Gerissenheit grenzenden Wahrscheinlichkeit be- wiesen, dah Oesterreich sogar für die eigenen Geheimarchive, also zur Beeinflussung des zweifelhaften Weltgerichts, in dem die archiv- stöbernden Geschichtsschreiber da? Urteil im Namen der Nachwelt sprechen, gelegentlich Aktenstücke fälscht. Es bandelt sich um die Verantwortung Oesterreichs für die Niedermetzelung de« Gesandten der französischen Republik zum Rastatter Kongreh im April ITOS. Die Schuld der leitende» Per- sonen Oesterreichs an dem durch österreichische Husaren verübten Gesandtenmord ist immer behauptet, aber bisher niemals zwingend und unwiderleglich nachgewiesen worden. Und seitdem es dem österreichischen Militärichriststeller Criste 1899 gelungen war, ein im Wiener Haus-, Hof« und Staatsarchiv ausbewahrtes umfangreiches .Protokoll" der militärischen Untersuchung vom Mai 1799 zu ent- decke» und zu veröffentlichen, schien Oesterreich sogar nahezu von dem Verdacht entlastet. Auch Spahn meint am Schlüsse seine« Aussatzes, dah in dieser Frage immer noch.jede bestimmte Stellung- nähme vermieden" werde» müsse. Indessen bat Spahn tatsächlich auf Grund neuen Materials einen ebenso interessanten wie fast liicken- losen Indizienbeweis dafür geführt, dah die leitenden Männer Oesterreichs, die Minister wie der Erzherzog Karl, den Mord beab- sichtigr und organisiert haben, um dem Gesandren wichtige Papiere ?u rauben, und dah ferner jenes geheime Reinigungs-Protokoll eigens ür den Zweck, künftig eine» gutgläubigen Historiker a la Friedjung zu narren, gefälscht worden ist. Spahn knüpft an da« erste und einzige Geständnis eines österreichischen Würdenträgers an, da« wir seit kurzem kennen. Es ist eine Aenherung Friedrich von Gentz's, des ebenso verderbten wie genialen Schriftstellers der heiligen Allianz, die uns in den am Schlüsse des vorigen Jahres veröffentlichten Tage- büchern de« Grafen Prokefch von Osten überliefert worden ist. Graf Prokesch war ein Vertrauter Gentz'S und er verzeichnet 1830 in seinem Tagebuch:„Mit Gentz... zu Tische... Der erste Anstoh, dah der damalige preuhische Kriegsrat und Herausgeber des„Politischen Journals" in unsere Dienste trat, war ein Aufsatz von ihm, 6o bona Kdo, zur Verteidigung des Satzes geschrieben, dah der Gesandtenmord zu Rastatt nicht österrcichischerseitS an- befohlen worden fei, 15 Jahre später erfuhr ich das Gegenteil l' Es ist den Geschichtsforschern längst bekannt, dah gewisse kompromittierende Akten verschwunden sind. Im Jahre 1804 schrieb der Nachfolger TbugutS, des österreichischen Ministers zur Zeit des Rastattcr Kongresse«, Graf Cobenzl an den Grafen Collorcdo: „Mir ist au« glaubwürdiger Quelle versichert worden, dah die mit der Redaktion der Geschichte deS letzten Kriege« beauftragten Offiziere de« GeneralstabeS Aktenstücke in Händen haben, die sie in den Stand setzen, alles im Detail kennen zu lernen, was zu dem traurigen Ergebnisse Aulatz gegeben hat. Man fügt dem sogar hinzu, dah sich unter den Papieren ein Billelt von Thugut befindet, was ihn auch mit verwickelt; dieser letztere Umstand scheint mir eine verleumderische Erfindung des Uebelwollens; immerhin sollten Papiere, die sich auf diese unglückliche Begebenheit beziehen, nicht von so vielen Leuten gekannt sein, und e« wäre möglich und notwendig, diese Papiere aus den anderen für die fragliche Geschichte bcstimniten Akten zu entfernen." Von diesen Papieren fehlte bisher jede Spur. Spahn hat nun unbekannte Schrift- stücke eingesehen, die von den, sehr geschäftigen Agenten Frankreich« in jener Zeit, Theobald Bacher, stammen. Bocher, der auch französischer Spion auf dem RegcnSburger Reichstage war, hat 1800/1801 mit Talleyrand und dem ersten Konsul Napoleon über den Erwerb von Akten über den Rastotter Mord verhandelt, die den Ocsterreichern ge» stöhlen waren. Au« der ausfiihrlichcnJnhaltsangabe BochcrS gehl hervor. dah sie identisch mit den Papieren sind, von denen vier Jahre später Graf Cobenzl schrieb. Das Geschäft kam mit Frankreich nicht zu- stände, und Oesterreich hat dann offenbar die ihm entwendeten Papiere gekauft, nm sie alsbald verschwinden zu lassen, damit sie nickt die Mandern für die fragliche Geschichte bestimmten Akten' stören. Kurze Zeit lang waren sie uock vorhanden, dann versenkte sie der Befehl deS österreichischen Ministers in ewiges Dunkel und übrig blieben nur die für die Geschichte„bestimmten" Akten— eine liebenswürdige diplomatische Wendung für„gefälschte" Akten. Zu diesen eigens.bestiimnlen" Akten gehört auch das Eristesche Protokoll, für dessen llnechtheit ausserdem zahlreiche innere und äussere Gründe sprechen. Durch die Bochcrschen Schriftstücke aber schließt sich der Ring der vielen Indizien für die Schuld Oesterreichs. Astronomisches. Wandernde Sterne. Der Ausdruck„Wandernde Sterne' ist insofern nickt ganz zutreffend, als er keine Besonderheit ausdrückt, weil ja alle Himmelskörper auf der Wanderschaft begriffen find. Auch die Fixsterne, die ihren Namen von der gegenteiligen Boraus- seyung erhalten haben, erscheinen bekanntlich nur feststehend, weil wegen ihrer ungeheuren Entfernung ihre oft unvorstellbar schnelle Bewegung innerhalb kürzerer Zeiten für unsere BeobachtungS- mittel»uimerklich ist. Dennoch hat ein bedeutender Astronom, Professor Turner, von wandernden Sternen in einer bc- sonderen Bedeutung gesprochen. Im Lause der Jahrhunderte. in denen eine genauere Beobachtung der Sterne möglich gewesen ist, hat man in einigen Gruppen schon deutliche Ver- fchiebungen der einzelnen Sterne feststellen können. So namentlich im Sternbild de« Stieres, wo in einer bestimmten Gegend die Sterne sich einander zu nähern scheinen, während sie sich wahr- scheinlich doch in parallele» Bahnen bewegen. Mit welch nn» geheurer Geschwindigkeit diese Bewegungen erfolgen müssen, iäht sich daraus schliehen. dah dieser Sternhaufen jetzt noch mehr als 120 Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Ein Lichtstrahl braucht also mehr als drei Menschen- alter, um von dort zu un« zu gelangen. Daraus folgt auch, dah heute die Verhältnisse in jener Himmelsgegend schon ganz andere sind, al« unser blosses oder bewaffnetes Auge sie uns zeigt. Heute nimmt der Stern an der HimmelSkngel eine Fläche ein. wie sie vergleichsweise der Ausdehnung von Indien auf der Erdkugel entspricht. Man hat aber schon berechnet, dass die Sterne dort nach etwa 05 Millionen Jahren so weit zusammengerückt sei» werden, dah sie einen ganz dichten Haufen bilden, dessen Ausdehnung im Ver- bältnis etwa ebenso gross sein würde wie die Fläche de» Fürstentums Reuss jüngere Linie._ Perantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck 7. Verlag: VorwarwBuöjdruckerci u.«erlag»anstaUPaut Singer SeCo..>verttn SA/.