Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 13. Mittwoch� den 19 Januar. 1910 (Nachdruck verdaten.) 13] Im f�amen des Gefetzea. Von Hans Hyan. Ella Hellwig sah ihn verächtlich an, was wollte her denn? Wie kam er denn überhaupt dazu, sie zu duzen?... Und schön öffnete sie die roten Lippen, um ihm das zu der- bieten, da hörte sie die andern rings umher sprechen, alle diese Männer, die ohne weiteres„Du" sagten zu den Mädchen, die sie erst vor Stunden kennen gelernt hatten. Ein Gefühl der Mutlosigkeit, der niederdrückendsten Trauer beschlich Ella — sie schwieg. Indem gingen an ihrem Kabinett zwei Herren vorüber. von denen der eine mit einem Laut der Ueberraschung stehen blieb. Ella, die wie hilfesuchend hinausgeblickt hatte, erkannte ihn sofort an der Narbe, die seinen Mund zerriß: Kurt von Solfershausen. Und da stand sie auf, zwang mit einer brüsken Bewegung den Mann an ihrer Seite, Platz zu machen. Ging, gleich einer Somnambulen auf Kurt zu und streckte ihm ihre Hand entgegen, die er freudig ergriff. „Woll'n wir tanzen?" fragte sie in ihrer Verlegenheit, und indem sie vor den Blicken des andern Herrn ihr Gesicht abwandte. „Ja, ja!" Der junge Mann war auch froh, daß er so von seinem Studienkollegen in der besten Form loskam. Und dann tanzten sie. Bei diesem Walzer, im Arm dessen, der ihre junge Seele zum ersten Male tief und innig hatte fühlen lassen, war Ella ganz glücklich. Sie hätte fortschweben mögen, wunschlos, unkörpcrlich in die unbekannte Ferne, dahin, wo niemand sie sonst kannte und wo keiner wußte, was in der kurzen Zeit aus ihr geworden war. Als die Musik schwieg und er, dessen Nasenflügel sich bei festgcschlosscnem Munde blähten, sie zurückführen zu wollen schien zu ihrer Gesellsck)aft, sagte sie leise: „Ach, ich möchte nicht wieder dahin!" Er blieb stehen und sagte mit einem freudigen Lächeln: „Wohin denn?" „Bei Ihnen bleiben....." Es klang so zaghaft. Er preßte ihren Arm und sagte ebenso leise: „Kleine Ella!" Und dann ging er, links von der Treppe, die hinauf- führte, in den Tunnel hinein mit ihr und fragte, vorm Büffet stehen bleibend, ob sie etwas genießen möchte. Aber sie schiittelte den Kopf. Sprechen konnte sie gar nicht, es war so etwas Heißes, Glühendes in ihr, daß die Worte darin versiegten. So ging er unten herum mit ihr nach der Garderobe. Aber sie hatte ihre Marke nicht bei sich. „Soll ich sie holen, die Marke?" „Nein, nein, dann läßt mich meine Freundin nicht fort und... und...", sie quälte sich, es zu sagen,„die Sachen gehören mir auch nicht.... es sind Miezen ihre..." Er begriff sie nicht ganz, aber das verstand er doch, daß sie sich jetzt eins mit ibm fühlte und daß sie alle ihre andern Beziehungen, die gewiß nicht gut und wohltätig waren, ab- brechen wollte. So nahm er denn, rasch entschlossen, sein weißes Cachencz, formte ein Kopftuch daraus für sie und hängte ihr unter dem Gelächter von ein paar Frauenzimmern, die sich gerade vor dem Spiegel puderten, seinen Mantel um. Der Portier hatte inzwischen eine Droschke herangerufen und der kräftige junge Mann hob das blonde Mädchen wie eine Feder hinein. Als Ziel gab er ein bekanntes Weinrestaurant in der Leipziger Straße an. Wie sie dann, beide schüchtern und ticfinnerlich glücklich nebeneinander saßen, meinte sie: „Ich kann doch aber gar nicht so ins Lokal gehen..." „Warum?... Ach so!..." Er lachte,„aber wohin denn, liebes... Fräulein?" Sie antwortete nicht. Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie zu ihm fahren wollten, in seine Wohnung und daß sie bei ihm bleiben wollte, so lange er sie behielte. Er aber verstand ihr Schweigen wohl. Nur getraute er sich's vor« läufig auch noch nicht auszusprechen und meinte leichthin: „Lassen wir'n nur erst mal dahin fahren, nachher wer'n wir ja sehen..." Und dann, wie sie immer still blieb, nahm er ihre Hank», die in der seinen zitterte, und begann schmeichelnd: „Nun müssen Sie mir aber auch erzählen, wie's Ihnen in der langen Zeit ergangen ist, wo ich Sie nicht gesehen habe.... Das ist ja schon fast zwei Monate her, was?... Seit dem Abend bei meinem Vetter, wo ich Sie durch meine Ungeschicklichkeit in solche unangenehme Situation gebracht habe...." Sie schloß die Augen: jetzt kam das, wovor sie sich fürch- tete. Ja, zwei Monate waren seitdem vergangen. Ihre Gedanken flatterten wie erschreckte Vögel: was wußte er denn? Daß sie nicht mehr die Geliebte seines Vetters war— 1 sicherlich! Aber auch das mit dem Rechtsanwalt?... und? ... und? Das Weinen stieg ihr in der Kehle auf, die brennend-wehe Angst, er könnte nun erfahren, daß sie in diesen zwei Monaten immer tiefer hinabgeglitten war in den Sumpf und daß sie Seite an Seite mit einer Dirne in den Tanzlokalen, im Theater, ja selbst auf der Straße einem schimpflichen Gewerbe nachgegangen sei. Daß sie zurückgewollt und von dieser fürchterlichen Freundin immer wieder vor- ivärts gerissen worden war— würde er es ihr glauben? Konnte sie ihm denn ihre Schwäche begreiflich machen, die Nachgiebigkeit ihres Charakters, die sie zum Spielball werden ließ in den Händen dieser Mieze, die mit so hitziger Leiden- schaft bemüht war, sie, die Unerfahrene, alle Laster kennen zu lehren: die jeden Willen zur Arbeit verlachte und die Ella in einem wahren Wutanfall gedroht hatte, wenn die Blonde wirklich irgendwo in Arbeit träte, würlde sie hingehen und dem Chef sagen, was Ella inzwischen getrieben hätte.... In ihrer rasenden Angst konnte die Arme nichts als weinen. Und beten, zu Gott beten, daß er nicht weiter fragen möchte.... War denn nicht ein Wunder geschehen? Hatte nicht der Himmel, als sie schon ganz am Untergehen war, ihr den gesandt, dem ihr Herz zuflog, wie einer verirrte Taube? Nun flehte sie mit Tränen, daß das Wunder ganz erfüllt wiirde, daß der, den sie liebte, sie nahm, wie sie war, ohne zu forschen und zu fragen.... Er sah nur ihre Tränen. Er ahnte, daß zwischen jenem Abend bei Adalbert von Eckboom und dieser Nacht häßliche Dinge sich versteckten, aber das schöne blonde Geschöpf an seiner Seite, das so viel Schmerzen zu empfinden schien, kam ihm so anbetungswürdig vor: ihre Hilflosigkeit rührte ihn und der feine Hauch ihres Körpers betörte all seine Sinne. Sei» fragender Verstand verstummte, der Verdacht schlief ein und Kurt von Solfers- hausen war selig, daß er sie jetzt in seine Arme nehmen durfte, daß sie seine Küsse leidenschaftlich erwiderte und, ganz ihm hingegeben, mit einem Flüsterton, den er nicht verstand, an seinem Halse hing.... Die Droschke hielt. Aber sie mußten sich erst besinnen. ehe er die Tür öffnete und, sich hinausbcugend, dem Kutscher die Adresse seiner Wohnung gab. Und nun hatten sie gar keine Zeit mehr, viel zu fragen oder miteinander zu reden. Die ganze Fahrt war ein ein» ziger, langer, glückseliger Kuß.... Dann stiegen sie aus und gingen beim Schein eines Wachskerzchens leise lachend die drei Treppen hinauf. Kurt hatte eine eigene kleine Wohnung, es störte sie niemand. Wie er ihr aber das Cachenez und den Mantel abgenommen hatte, war wieder eine verlegene Pause, die er zu überbrücken suchte, indem er ihr zu essen und trinken anbot. Dock ihr Herz war so voll, sie hätte keinen Happen herunterbringen können, nur ein Glas Wasser wollte sie. Und während er das aus der Küche holte, überlegte sie schnell: er war gewiß nicht wie andere Männer, und doch in dem einen Punkt, da waren sie alle gleich— er wiirde gewiß mit ihr schlafen wollen.... Sie selbst, ihr schlug keine Ader danach: ach. diese Dinge waren ihr so ekelhaft geworden rn der Zeit, die sie bei Mieze verbracht hatte.... Aber sollte sie ihn, den einen, den einzigen darum quälen? Es war ja so natürlich, die Männer konnten wahrscheinlich gar nicht anders. Und hatte sie überhaupt ein Recht, sich ihm zu verweigern. sie, die... Er kam wieder ins Zimmer, gab ihr das Wasser und fragte, ob er ihr noch mehr holen sollte. Sie schüttelte den Kops und gab ihm schnell einen Kuß. Dann fragte er, ob sie müde sei. Da nickte sie. Ob sie im Schlafzimmer in seinem Bett schlafen wollte, er schliefe dann hier im Salon auf dem Kanapee?... Mit einem Lächeln, das alles verhieß, sagte sie, daß sie ihm auf keinen Fall Unbequemlichkeiten bereiten wollte. Er sollte da bleiben, wo er immer schliefe, sie würde sich hier schon einrichten. Und wie er nun Bettwäsche und Decken holte, nahm sie's ihm aus den Händen und machte flink das Bett auf. Dann küßten sie sich eine Ewigkeit, und dann ging er. Aber an der Tür kehrte er noch einmal um, preßte seine Lippen auf ihre Augen und lief hinaus, die Tür hinter sich jus Schloß drückend. Ohne Zögern, und imnier wieder nach der Tür blickend, hinter der er verschwunden war, zog sie sich aus und legte sich nieder. Wie sie die Kerze verlöscht hatte, kam ihr der Ge- danke, daß sie sich jetzt im Zimmer gar nicht zurechtfinden würde. Aber es waren Streichhölzer da... Und dann seuizte sie auf und dachte an ihn, von dem sie nun die ganze Nacht getrennt bleiben sollte. Jetzt, wo sie sich eben erst wiedergefunden hatten!... Und wie er sich sehnen, wie er leiden würde mit seinem heißen Herzen!... Nein, das ging nicht!... Und warum denn auch? Das war ja einfach lächerlich!... Sie lag wieder fünf Minuten und fühlte ihr Blut in allen Adern pochen. Jetzt war auch sie nicht mehr ruhig und fern von jeder Sinnenregung. Einmal mußte sie ihn noch küssen!... Sie stand auf und schlich, ein Zündhölzchen ansteckend, zur Tür. Aber die Klinke, auf der ihre Hand hing, kam doch noch lange nicht herunter... Endlich faßte sie sich ein Herz, und, während ihre Zähne aufeinanderschlugen, flüsterte sie: „Kurt..." Da war er bei ihr, hob sie auf und trug sie, ihr Gesicht mit Küssen überschüttend, hinüber... (Fortsetzung folgt.) cNuchdniii bettoten.) Menn die JVot am größten ist. Von M. Andersen-Nexö. (Schluß.) Sie mußten also unverrichteter Dinge heimkehren; und später- hin am Vormittag, als die Sonne den Nebel zerstreut hatte, war von dem Engländer nichts mehr zu sehen, als eine Rauchsäule in der Ferne. Aber das Meer floß in den prächtigsten Farben und auf der buntscheckigen Oelfläche schaukelten zahlreiche Faßdauben leise auf und nieder. Da sank die Stimmung in dem kleinen Dorf bis weit unter den Nullpunkt, und über die schmalen Gesichter legte sich etwas von dem Schrecken derer, die da fühlen, daß sie gegen das unerbittliche Schicksal selbst ankämpfen. Hier blieb nichts anderes übrig, als den Hosenriemen enger und enger zu schnallen, je mehr der Magen abnahm, und ruhig den Tag abzu- warten, bis der Hunger sich an die Gedärme selbst machte. Was war sonst zu tun? Die Vorsehung selbst war ja zu kurz gekommen, als sogar der Nebel fehlschlug!— Ilnd viele Tage hindurch beugte man sich vor dem Unabänder- lichcn und ließ den Kopf hängen. Allmählich aber erwachte die zähe Natur in einem und dem andern, und man begann nachzudenken, ob es nicht das Beste sei, das Ding selbst in die Hand zu nehmen. Und in einer schönen Nacht- als der Mond im letzten Viertel war, brachte man eine rote und eine grüne Laterne in Abstand einer Schiffsbreite vonein- ander an den äußersten Felsen der Landzunge an. Es standen Wachen draußen, die die Laternen auszulöschen hatten, sobald diese ihre Wirkung getan hatten, und das Experiment wurde Nacht für Nacht wiederholt. Eines Nachts saßen im Paltaestcn einige Fischer beisammen und hielten„Wachstube". Es war spät geworden, aber sie mochten nicht heimgehen und die hungrigen'Miencn der Frauen und Kinder mitansehen, überdies hatten sie Fieber im Blut und konnten nicht schlafen. Es zog sich hinaus mit dem Experiment da draußen in den Felsen, und mit jeder Nacht, die resultatlos verstrich, wurden sie nervöser. Bor dem Tischende saß Tran-Jakob, ein riesengroßer Fischer mit grauem struppigen Haar und rollenden Augen. Er trug diesen Rainen, weil er aus de? Leber des Dorsches Tran kochte und init diesem sein HauS einschmierte; im Sommer, wenn die Sonne schien, schinolz der Tran und verrbeitete einen unleidlichen Ge» stank. Er ging Sommer und Winter ohne Weste und Wams und mit offener Brust. Neben ihm saß ein kleiner Fischer, wegen seiner großen Häßlichkeit„Doppeltschön" genannt, und an dein langen Tisch verstreut saßen noch verschiedene andere. Sie schliefen mehr oder minder alle; hier und da erwachte einer, leerte seinen Bittern oder seinen Grog und sank wieder zusammen. Der Wirt schlich mit frommer Miene ein und aus, sorgte, daß etwas in den Gläsern sei, und notierte. Ein Fischer hob den Kopf.„Wird schon gehen," sagte er, viel- leicht als Fortsetzung eines Traumes. Der Wirt zog tief bedauernd die Schultern hinauf, als wolle er sagen, daß er seine Hände in Unschuld wasche, worauf der andere sein Glas leerte und den Kopf wieder auf die Arme fallen ließ. Beim ersten Tagesschimmer wurde die Türe aufgerissen und Martas Junge Mrzte mit dem Rufe„Ein Wrack! ein Wrack!" ins Zimmer. Da kam Leben in jeden einzelnen Fischer.„Wo liegt es?" — Ist s groß?"—„Kann es in den Hasen hinein?" scholl es von verschiedenen Seiten. „An der Landspitz«! Es ist eine Brigg! Mutter meint. Jakob brächte es wohl in den Hafen!" erwiderte der Junge atemlos. Man zweifelte ein weig daran, daß Jakob selbst imstande wäre, eine Brigg in den ziemlich seichten Hafen zu bugsieren, in- dessen hatte man doch großen Respekt vor Martas Worten; sie hatte bei verschiedenen Anlässen mehr Scharfsinn bewiesen als selbst die alten erfahrenen Fischer. Die Frage war von großer Wichtigkeit. Konnte die Schute in den Hafen gebracht werden, so hieß es, sie um jeden Preis flott machen, um das Möglichste aus ihr herauszuschlagen; im ent- gcgengesetzten Falle rnußte man lieber ein Augenmerk darauf richten, daß sie solid festsäße, damit nicht etwa ein Dampfer sie in einen größeren Hafen bugsierte, der dann den Löwenanteil an dem Gewinn für sich in Anspruch??chmen würde. Man sah daher Jakob fragend an und dieser erwiderte: „Entweder wir kriegen sie in den Hafen, oder die See soll sie kleinhacken und die Jungens die Scherben aufklauben." „Ja, aber die Verantwortung, die Verantwortung?" wandte der Wirt ein. Er hielt zweimal wöchentlich Bibelstunde ab und gehörte zu den„Erweckten"; übrigens war er selbst stark an detn glücklichen Ausgang der Sache beteiligt und hatte ihnen auch eine Laterne geliehen. Jakob verdroß diese unzeitige Einwendung.«J was!" schrie er und schltig mit der Faust auf den Tisch,„man schaut nicht rechts und links und rutsch durch, so gut es geht!" Das war sein Ausdruck für die goldene Mittelstraße der Moral. Tann ging es in geschlossenem Trupp mit Jakob an der Spitze zum Hafen. Draußen auf den unterseeischen Klippen der Landspitze stand eine Brigg, den Vordersteven bedeutend höher als den Hintersteven. Die Fockstange war geknickt, als das Schiff auf den Grund stieß, und hing über das Takelwerk; sonst schien die Schute nicht bc- sonders viel Schaden gelitten zu haben. Aber man war sich bald klar darüber, daß sie genommen werden mußte, solange Hochwasser war. Sank erst das Wasser, so würde es nicht möglich sei. sie ohne Hilfe eines Dampfers flott zu machen— geschweige oenn in den Hafen zu bringen. Während dieser.Erwägungen ruderten Jakob und ein paar andere Fischer hinaus und krabbelten an Bord. Der Kapitän stand an den großen Mast gelehnt und weinte, der Steuermann und ein paar Matrosen waren eben dabei, das Takelwerk von dem geknickten Masttopp zu befreien, un? der ganz junge Küchenjunge saß in der Türe seiner Kambüse und stopfte mit sorgloser Miene Strümpfe. Es war eine Stettiner Schute, die mit einer Ladung Weizen heim sollte» und Jakob, der des Deutschen mächtig war, mutzte die Unterhandlringen leiten. Er fluchte, weil nirgends ein Ret- tungsdampfer zur Stelle zu schaffen sei(es lag einer drüben auf der anderen Seite der kleinen Insel) und schlug die Hilfe der Fischer vor. Der Kapitän sah ein, daß die zweitausend Kronen, die die Fischer für Heben und Befördern der Schute in den Hafen ve» langten, im Verhältnisse zu dem, was ein Dampfer kosten würde, eine sehr geringe Summe sei, und ging auf den Vorschlag ein. Auf seine besorgte Erkundigung, wie tief der Hafen sei, fragte Jarob höhnisch, wie tief wohl sein„Vollschiff" stecke, und ob er denn glaube, daß er in einen Rinnstein hinein solle. Der Kapitän war beruhigt und seine gute Laune kehrte wieder. Es zeigte sich beim Pumpen, daß die Schute nur ein unbedeutendes Leck erhalten hatte. Einen Teil der untersten Schiffsladung mußte man ja wohl losschlagen, so gut oder schlecht es eben ging; das Uebrige hingegen hatte fast gar nicht vom Wasser gelitten. So- bald die Leckage untersucht war, konnte man die unbeschädigte Ware wieder laden und heimbringen. Die Kosten des Umladens waren, wie sie sagten, hier nicht so groß. Als eine Stunde später die vier Boote, jedes mit drei Leuten bemannt, anlangten, lud der Kapitän die ganze Schar an Bord und traktierte sie mit Wein und Zigarren. Vierundzwanzig Stunden wurde hart und ohne Ablösung ge- arbeitet, und am nächsten Vormittag war das Schiff so weit ge- lockert, daß man es durch Auswerfen einiger Anker ohne große Schwierigkeiten aus dem Grunde hob. Der Wind half mit; Jakob selbst stand am Steuer, und hinein ging es in den kleinen Hafen.„Wir haben zu viele Segel, Mann! Wir fahren ja mitten in das Dorf hinein!" schrie der Kapitän, den die rasche Fahrt beunruhigte. „Nein, never mindl" erwiderte Jakob ruhig und hielt mitten im Einlauf inne. „Hol's der Teufel, mir scheint, es schart auf dem Grunde!" schrie der Kapitän wieder. Aber Jakob hatte schon das Steuer aufgelegt. Der veränderte Druck auf die Segel legte das Schiff auf die Seite und machte es minder tief gehend, und mit einer flotten kleinen Seitenbewegung legte es sich dicht an die Schiffslände. „Ihr steuert flott," sagte der Kapitän bewundernd.„Aber, was zum Kuckuck ist das?" und er zeigte auf das Kielwasser, wo Schlamm und Tang sich auf die Oberfläche emporwälzten wie kochender Brei. „Niederer Wasserstand," versetzte Jakob, ohne zu zwinkern. Der Kapitän lugte zu den Molen hinüber; es war kein Merk- zeichen eines früheren höheren Wasserstandes zu sehen, es mußte also eine Lüge sein. Aber er war eine friedliche Natur, und nun lagen sie einmal da. Es zog sich mit den Reparaturen hin. Die Schiffszimmerleute im Dorf waren nicht die tüchtigsten, und man war auch gar nicht versessen darauf, die Schute loszuwerden— es fiel ja doch ein wenig Verdienst an die Geschäftsleute und Wirte ab. Und als sie endlich so weit waren, die Ladung wieder herein- zunehmen und der Kapitän Tiefmessungcn im Hafen anstellen ließ, da zeigte es sich, daß man unmöglich mit der Ladung an Bord auslaufen könne. Draußen in der Tiefe die Ladung aber- mals mit Hilfe der Boote einzunehmen, konnte sich aber nicht rentieren; es war schon zuviel von dem Wert der Ladung ausge- zehrt worden, und dies würde ihn vollends fressen. So mußte sich denn der Kapitän, so ungern er es tat, ent- schließen, über das Ganze Auktion zu halten und zu nehmen, was zu bekommen war. Taß es nicht viel sein würde, wußte er von der Auktion über den havrierten Teil der Ladung her; Käufer waren damals zwar genug zur Stelle, aber es schien ein Ueber- einkommen zwischen ihnen zu herrschen, keiner wollte das Angebot steigern. Und genau so ging es jetzt. Beim nächsten Hochwasser halfen die Fischer dem Kapitän edelmütig aus dem Hafen heraus, und er stellte den Kurs heim- wärt», gerupft und ausgezogen. In Kaas aber tafelte man. Hus dem alten Palästina. Den biblischen Berichten zufolge wären die Juden als ein Volk mit fertiger, in sich abgeschlossener Kultur nach Palästina gelangt, wo sie nichts Neues von Bedeutung dauernd aufgenommen, sondern bloß ihre Eigenart gegen fremde Beimischung zu behaupten gehabt hätten. Demgegenüber war die wissenschaftliche Forschung längst dem wahren Sachverhalt auf die Spur gekommen, daß die biblische Legende an den Anfang der jüdischen Geschichte setzt, was tatsächlich erst ein Ergebnis langer Entwickelung und im wesentlichen intensive Beeinflussung durch fremde Völker gewesen ist. Diese Anschauung findet neuerdings eine nachdrückliche Bekräftigung auch durch die Ausgrabungen in Palästina, und darin liegt die Hauptbedeutung dessen, was bisher ans alten Zeiten im ehemals jüdischen Lande zu Tage gefördert tvorden ist. Im Vergleich zu anderen Gebieten des Orients war Palästina bis vor kurzem, was seine archäologische Erforschung angeht, arg vernachlässigt worden. Erst neuerdings hat man begonnen, aus einigen der„Tells", der Schutthügel, in denen sich die Reste palästi- nensischer Ansiedelungen aus allen Zeiten des Altertums bergen. systematische Ausgrabungen vorzunehmen. Von den Ergebnissen dieser Ausgrabungen, an denen auch, namentlich in Megiddo und Tbaanach, gegenwärtig in Jericho, Deutsche hervorragend beteiligt sind, berichtet in zusanimenfassender Weise ein sehr interessantes Büchlein von Peter Thomsen: Palästina und seine Kultur in fünf Jahrtausende n.') Wenn man an der Hand dieser Schrift daran geht, sich einen Ucberblick über das bis- her Erreichte zu verschaffen, so darf man freilich keine übertriebenen Erwartungen mitbringen, nicht der überwältigenden Fülle neuen Wissens entgegensehen, womit die archäologische Erforschung von Aegypten und Mesopotamien unsere Kenntnis der altmorgcnläudische» Einivickelung bereichert hat. Während ernstliche Ausgrabungen in Palästina seit noch nicht zwei Jahrzehnten betrieben werden, begann die Aufdeckung der babylonisch-assyrischcn Rninenstälten vor mehr als zwei Menschenaltern, und den antiken Ueberrestcn *) Verlag von 93. G. Teubncr, Leipzig, IMS. 260. BLndchen der Sammlung„Ans Natur und Geisterwelt". Preis brosch, 1 M., gebunden 1,25 M. am Nil wird seit der ägyptischen Erpedition Bonapartes, d. h. seit über einem Jahrhundert nachgeforscht. Die Angriologie und Aegypiologie begann denn auch, neues Licht über die Vergangenheit Palästinas zu verbreiten, ehe hier noch an Ausgrabungen gedacht wurde. Und wie insbesondere die Keil- im'chriften für die Geschichte von Palästina eine Menge über- raschender Aufklärungen brachten, so wurden sogar Keilinschriften gefunden, und zwar am Ufer des Nils, die direkt aus Palästina stammten, von Machthabeni des Landes zur kanaanitischen Zeit, als noch eine lose Abhängigkeit von Aegypten bestand, die einheimischen Dynasten einander aber bereits in den Haaren lagen und dadurch den erobernd eindringenden Hebräern verhältnismäßig leichtes Spiel machten. Unter den Briefschreibern der diplomatischen Korrespondenz ägyptischer Könige des 14. Jahrhundert» v. Chr., die 1888 in Tcll-el-Amarna entdeckt wurde, war auch ein kanaanitischer König von Jerusalem, namens Abdichiba, der über das Vordringen der „Chabiri" jammert, der Hebräer, mit denen andere ägyptische Statthalter verschworen sind. In Palästina selber waren vor der neuesten Zeit von größeren Inschriften bloß zwei gefunden worden, eine hebräische aus der Zeit des Judenkönigs Ahas(zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr.) mit einem Bericht über die Durch- stechung eines unterirdischen Kanals zwischen der Marienquelle und dem Silonhteich bei Jerusalem und eine nioabitische aus der zweiten Hälfte des S. Jahrhunderts, der Berühmte Denkstein des Moabiterkönigs Mexa mit der Schilderung seiner Kriege gegen die Israeliten. Dazu haben nun die Ausgrabungen auf den Tells von Palästina Zuwachs gebracht, freilich bisher nicht eben in überwältigender Menge. Von hebräischen Inschriften sind bis jetzt bloß eine Anzahl von kurzen Krugftempeln und ein paar Siegelinschrifien zum Vor- schein gekommen; von diesen lautet die eine nur auf den Namen des Besitzers Asaph, während die andere den Inhaber des Siegel- sleins namcnS Schema als Minister des israelitischen Königs Jerobeam II.(um 750 v. Chr.) bezeichnet. Weit bedeutsamer sind eine Anzahl von Keilschrifttaseln, die in Thaanach, Lachi» und Geser gefunden worden sind. Die wichtigsten darunter sind wieder Briefe xoliti'chen Inhalts, die von palästinensischen Machtbabern unter- einander gewechselt worden sind. Sie gehören derselben Zeit an, wie die Tell-el-Amarna-Briefe: der in diesen vorkommende ägyptische Gouverneur von Lachis, Zimrida, spielt auch in einer der palästinensischen Tafeln eine Rolle. Diese Briefe führen uns wieder in die kanaanitischen Duodezfürstenfehden der Tcll-el-Amarna-Periode hinein, als die„Chabiri" schon an die Pforten von Palästina pochten. Keilinschriftliche Funde werden noch mehr auf paläsininensischem Boden zu erwarten sein. In Jericho sind neuer- Vings zahlreiche Toniäselchen gefunden worden, die noch nicht mit Neitschrisizeichen bedeckt, aber zur Aufnahme solcher bestimmt waren. Die Talsache, daß die kanaanitischen Stadtfürsten untereinander in babylonischer Sprache und Schrift korrespondierten, ist schon ein gewichtiger Beweis für den starken Einfluß, den die babylonische Kultur auf Palästina geübt hat. Die Keilschrifttäfelchen sind nicht der einzige Beleg dafür, den die Ausgrabungen geliefert haben. Auch bei den Festungsbaulen, deren Reste man zutage gefördert bat,»st zum Teil babylonisches Vorbild unverkennbar. DaS gleiche gilt für die treffliche kunstgewerbliche Leistung, deren hebräische Inschrift schon erwähnt wurde, für den Siegelstein des Schema; er trägt einen bnlllenden Löwe», der frappante Achnlichkeit mit den assyrischen Löwenbildern in Ninive und anderswo zeigt. Auch die Gewichte, die man in zahlreichen Exemplaren gefilnden hat, weisen hauptsächlich auf Babylonien zurück. Ebendaher stammt die charakteristische Zylinderform von Siegeln. Den Einfluß der babylonischen Astronomie bekundet die in Geser gefundene Tierkreistasel, die, init einem Siegelzylinder in Ton eingedrückt, in babylonischer Art die Bilder des TierkreiieS, der Sonne und des Mondes ausweist. So haben auch babylonische Gottheiten im Palästina des 14. Jahr- Hunderts Verehrung genossen, wie schon jene keilinichristlichen Briefe ergeben. So zeigt der Name des Polentaten von Thaanach, Ji'chtarwaschur, daß' die babylonische Göttin Jichtar in Ansehen stand, und einer der Briefschreiber ruft auf Jschtarwaschur den Segen des babylonischen Gottes Adad herab. Daneben ist der ägyptische Einfluß nicht zu übersehen. So haben sich viele ägyptische Importartikel gefunden, z. B. Skarabäen und ägyptische Götzenbilder, die wiederum dartu», daß auch ägyptische Gottheiten in Palästina verehrt worden sind, so Iris, Hathor, Sechet, Ptah. Die Spuren ausländischer, in der Hauptsache ägyptischer oder babylonischer Einflüsse zeigen sich nicht nur in den älteren Schichten der Ruinenhügcl. die aus kanaanitischer Zeit herrühren, sondern auch in der nächst jüngeren Lage von Schutt mit eingesprengten Ueber- blcibseln jüdischer' Kultur.' Genau genommen darf man von einer solche» überhaupt nicht sprechen. Konstatiert doch Thomsen als Er- gebnis der Ausgrabungen die klare Erkenntnis,„daß die Israeliten niemals eine eigene Kultur erzeugten und niemals eine solche hatten. Sie sind, aus der Steppe kommend, in die hohe Kultur der Landes- bewohner hineingewachsen; aber zu der Zeit, da sie unbeschränkte Herren im Lande waren, beobachtet man deutlich einen Niedergang auf allen Gebieten." Die Juden eigneten sich, als erobernder Bcduinenstannn ins Land Kanaan eingedrungen, die vorgefundene Kuliur an. die selber wieder stark Mischkult, ir war. außer einheimischen Elementen besonders auch Zusätze aus den Zivilisationen des Nil- und des Zweistromlandes aufwies, deren Einflüsse sich in Palästina, diesem Durchgangsgebiet uralter Skarawaneiistraßen zwischen Mesopotamien imb Aegypten, kreuzten. Die Aneignimg durch die Jude» war noch dazu eine rcchl unvollkommene. Die technische und Wnslierische Kultur niacht unter ihnen sogar Rückichritte: so halten die Töpfer arbeiten aus i-Zraclitischer Zeit mit den kauaanitischen keinen Vergleich aus. Nach Thomsen„bleibt tatsächlich nur die Religion als ein Feld übrig, auf dem das �israelitische Volk eine Weiterenlwickelung gebracht hat'. Wa-Z auf diesem Gebiete bei den Juden geschah, ist die Anpassung eines anderwärts ausgebildeten philosophischen Monotheismus an den Volksglauben der Juden, indem der alte Stammesgolt Jahve nach dem Exil für das Vewusztsein gröszercr Massen zum einzigen Gott wurde. In den Zeiten vor der babylonischen Verbannung war dies durchaus nicht der Fall. Da war Jahve bloß der Spezialgott der Juden, neben dem sie das Dasein fremder Götter nicht nur nicht leugneten, sondern diese fremden Gölter vielfach sogar ganz ungeniert verehrten: Bilder von ägyptischen, babyloni- scheu, kanaauiNschen Gottwerken haben sich zahlreich in den israeli- tischen Schichten der Tnmimcrhiigcl gefunden. Die kaiiaaniiische Religion, von deren tiefgehendem Einfluß auf die hebräische Ent- Wickelung ja auch die bibilschen Bücher Zeugnis ablegen, erscheint durch die Funde in klarcrem Licht als bisher. Die Kanaauiter vcr- ehrten ihre Naturgoithcitcu an den„Höhen" genannten Kult- ftättcn, von denen nun etliche aufgedeckt worden sind. Die runden Monolithen, die den Mittelpunkr der Kulmätte von Geser und daS eigentliche Objekt der Verehrung bilden, stellen offenbar den Thallus, da? männliche Glied dar. da? ja auch in den alten religiösen Vor- stcllungcn der klassischen Völker eine große Rolle gespielt hat. Die widerlichste' Seite an der kanaanitischen Religion sind die Menschen- opfer. Man hat bei den Ansgrabungen eine ganze Menge Kinder- leichcn gefunden, die offenbar von solchen Erstling? opfern her- stammten. Auch haben sich verschiedene Skelette von Bauopfern gefunden, das heißt von Menschen, die in die Fundamente etwelcher Baulichkeiten eingeniauert wurden. In noch urwüchsigere Zeilen führen die vorgeschichtlichen Funde zurück aus der Periode der Höhlen- bewohner unbekannter lllasse, die vor den semitischen Kanaanitern in Palästina hausten: selbst da scheinen noch zwei verschiedene Rassen vorzuliegen. Aus den vori'emirischen Zeiten rühren auch die Reste zyklopischer Bauten, ivie sie sich in Labid und anderswo gefunden daben. Die Israeliten wurden durch den Anblick dieser mächtigen Anlagen offenbar zu der Fabel von den Enakskindern angeregt, die einmal im Lande gelebt haben sollten. Tatsächlich waren die vorsemitisckcn Belvohner Palästinas aber eine kleine Rasse, wie ihre Skelette in den aufgedeckten Gräbern gezeigt haben. Reben solchen uralten Uebcrbleibseln weist da? Land nun auch solche auf, die onS den Zeiten nach dem Exil stammen, llnter den Funden aus hellenistischer Zeit sind wohl am intereffantcsten die Resultate der Ausgrabungen auf dem Tell Sandahanne: hier sind die Grundmauern einer ganzen Stadt, des antiken M a r e s a auf- gedeckt worden, so daß c? möglich war, einen kompletten Grundriß der Stadl zu zeichnen, die man sich freilich nicht allzu groß vor- stellen darf: beträgt doch der größte Durchmesser von Maresa keine 750 Meter. Sehr unerklärlich war hier ein Fund zahlreicher Kalk- steintäfelchen, worauf Leute aus dem Volke, vornehmlich Sklaven, in barbarischem Griechisch Verwünschungen gegen ihre Feinde an die Götter richten: beigelegt sind jedesmal sogenannte Rachepuppen, d. h. kleine Bleifiguren in Fesseln, Symbole dessen, wa? der Bittende dem Feinde von den Göltern angetan Wünscht. S e b a st c. die prunkvolle Gründung de? König? Herodes, graben die Amerikaner aus. Aus byzantinischer Zeit ist besonder? interessant die Mosaik- karte von Palästina, die sich in einer Kirche von M e d a b a findet: eine Landkarte mit Ansichten der Hauptgebäude usw.: sie reicht bis zum Nil, auf dem man Barken mit Segeln und Nudern sieht. Leider ist diese älteste Karte Palästinas arg verstümmelt. Erst neuerdings ist sie bei cineni Ilmbau der Kirche wieder arg beschädigt worden. So tut überhaupt Eile not, wenn nicht noch zahlreiche wertvolle Reste aus alten Zeiten unwiederbringlich verloren gehen sollen. Die Eingeboreuen haben keinen Respekt vor diesen letzten Zeugniffen versunkener Zeitalter. Sie bedienen sich der Steine mit Vorliebe zum Häuserbau. Erst vor ganz kurzer Zeit hat ein Grundbesitzer, wie Thomsen mitteilt, eine zufällig aufgefundene antike Marmorstatue zertrümmern lassen und den Arm als Hammer in seiner Mühle angebracht. Vorläufig aber ist noch viel zu holen. Selbst die paar in Angriff genommenen TellS sind bei weitem nicht erschöpft, und dabei zählen die palästinischen Ruinenstätten nach Hunderten. Es ist keine Frage, daß da? bisher zutage Geförderte erst eine ganz kleine Probe von dem ist, was noch darauf wird ausgegraben werden. Wenn das erst in größcrem Maße geschehen sein wird, dann lvird das traditionelle Zerrbild„biblischer beschichte" vollends zcrflottcrn, das man noch immer beflissen ist. dem Volke als Wahrheit vorzuspiegeln.». c. Kleines feuilleton. Sprachwissenschaftliches. Banditen und Recken.„Wo wer(wäre) die new(neue) Welt bewont, fiihr mau nicht z» gewissen jarcu banditen inn die Verantw. Ridakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: ncwen inseln meint Fischarts Gargantua. Die neue Welt also ein mit voller Absicht geschaffenes Banditenheim? Im alten, ur- sprünglichen Sinne des Wortes Banditen— ja. Da bandire im Italienischen verbannen, vertreiben heißt, so ist bandito von Hans au? ein Verbannter, Vertriebener, der, wie Maalers Wörterbuch aus dem 16. Jahrh. sagt,„ins ellend(— fremdes Land) verschickt ist". Daß diese Banditen, die übrigens erst seit dem 16. Jahrh. in unserem Schrifttum auftreten, sich da draußen im fremden Lande nicht immer der besten Lebensführung beflissen haben, beweist der lieber- gang des Wortes in die heutige Bedeutung, die eines Räubers, aufs klarste. Anders ist die Entwickelung bei Recke verlaufen: auch dieser �bedeutete ursprünglich einen Verbannten, Vertriebenen, daneben auch einen Landflüchtigen und Verfolgten(got. rvnlcan— verfolgen), wurde aber bereits in mittelhochdeutscher Zeit zum erprobten Krieger und Helden, zum rsclrsn lobellch, wie er uns in Hagen und seinem Blutsbruder Volker entgegentritt. Da man sich diese Recken natürlich als Männer von hoher, riesiger Gestalt dachte, ging der Begriff allmählich in den eines Riesen überhaupt über. So redet Avenlins bayerische Chronik(1666) von„großmechligen leuten, so man risen oder recken nennt", und Wieland bindet beide Worte als gleichbedeutend im Stabreim mit- einander. Auch in seinem Oberau(III 34) ist der Recke, der zu Hüon spricht:„Du hättest mich im Schlafe morden können", ein Riese, nud noch heute verstehen. wir unter einem reckenhasten Mcuscheil einen Mann von hervorragender Körpergröße. Versuche einzelner Dichter, besonders Rückerts und Körners, das Wort wieder im miltelhochdeutschen Sinne zu beleben, sind ohne sonderlichen Erfolg geblieben. Söhns(Hannover). Meteorologisches. Die Drachen st ation bei Hamburg. Das Verdienst. mit der Ausnutzung des Flugdrachens für wissenschaftliche Zwecke bahnbrechend vorgegangen zu sein, gebührt dem amerikanischen Meteorologen Rotch. Er fand aber sehr bald Nachfolger in Europa. und die Vertreter der Witterungskunde in Deutschland haben das neue Forschungsmittel mit besonderer Tatkraft und Planmäßigkeit in Benutzung genommen. Es gibt jetzt schon drei Plätze, wo ständige Drachenflüge zu wissenschaftlichen Zwecken ausgeführt werden, und zwar in ganz verschiedenen Teilen des Reichs, einmal bei Berlin, zweitens bei Hamburg und drittens an oder auf dem Bodensee. Der Drachenstation, die bei dem Dorf Großborstel bei Hamburg gelegen ist, widmet Dr. Mendt in den Illustrierten Acro- nautischen Mitteilungen eine eingehende Schilderung, aus der man sich über alle Einzelheiten der Apparate der Anstalt und ihre Hand- habung unterrickiten kann. Gegründet wurde die Station im Jahre 1963 auf Veranlassung der Deutschen Seewarte, der sie auch jetzt zugehört. Dem Stationsgebäude und dem Drachenschuppen wurde zwei Jahre später noch eine Ballonhalle hinzugefügt, um eine Be- teiligung an den internationalen Ballonaufsticgen durchzuführen. Das Hauptgebäude enthält die Werkstatt, wo auch die Drachen selbst verfertigt werden, und die Schreibstube, die ja doch nun ein- mal nirgend fehlen darf. Der Drachcnschuppen schließt sich un- mittelbar an die Werkstatt an und an jenen wieder der Ballon- schuppen) der gleichzeitig ein Kohlenlager und eine Abteilung für die Erzeugung des Wasserstoffs umfaßt. In einiger Entfernung vom Drachenschuppcn steht auf einem kleinen künstlichen Hügel ein nach allen Richtungen drehbares Häuschen, in dem sich die Winde für den Flugdrachen befindet. Wenn es die Windverhält- nisse irgend zulassen, wird mit Ausnahme der Sonn- und Feier- tage jeden Tag ein Drachen aufgebissen. Nach den bisherigen Er- fahrungen ist der Wind aber wahrend des vierten Teils aller Werktage ungenügend, und man hat daher den Plan gefaßt, an diesen Tagen Fesselballons aufsteigen zu lassen, damit keine Unter- brcchung in der Erkundung der oberen LuftstHichten eintritt. Ferner trägt man sich mit dem Wunsch, die Station überhaupt zu verlegen, da die Umgebung der Station durch elektrische Hochspannung?- leitungcn einen für die Versuche gefährlichen Charakter ange- nommcn hat. Falls nämlich beim Abreißen des die Drachen haltenden Drahts dieser mit den Leitungen in Berührung kommen würde, so könnte eine große Gefahr für die Bedienungsmannschaft an der Station dadurch entstehen. Die Arbeiten sind durch diese Rücksichtnahme stark behindert, weil man die Drachen, um eine zu starke Anspannung des Drahts zu vermeiden, aus diesem Grunde nicht höher als bis etwa 2696 Meter steigen läßt. Der Antrag auf Verlegung der Station hat bisher noch keine Genehmigung gc- funden. Die Ergebnisse ihrer Tätigkeit nimmt ganz Deutschland nach wenigen Stunden zur Kenntnis, da sie für den öffentlichen Wetterdienst der Seewarte sofort Verwertung finden. Die Drachen werden in den verschiedensten Formen hergestellt und benutzt. Für die Registrierballons gelangen Gummiballons von etwa 2 Meter Durchmesser mit Fallschirm zur Verwendung. Die Flugbahn der Ballons wird mit einem Theodoliten verfolgt, um die Windrichtung in den höheren Schichten des Luftmeers festzustellen. «orwärr« Bucdtrnckere, u.Vcrl«g«anstaItPaul Singer LlEo..Berlmi>At»