Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 14. Donnerstage den 20 Januar. 1910 LZIachdriul miolen.) 14] Im JVamen äes Gcfctzcs, Bon Hans Hyan. 8. Früh um 9 Uhr Mar Georg Hellwig aus dem Gefängnis entlassen worden. Als er vor dem Portal des Hauptgebäudes stand und in dem nebeligen Oktobermorgen die Landstraße hinabblickte, da überkam ihn ein so merkwürdiges Gefühl der Verlassenheit, das den heiß herbeigesehnten Moment der Befreiung trübte. War's, weil sein Barvcrmögen im ganzen nur wenig über sechs Mark betrug?... Drei Mark hatte er schon mithineingebracht, und ebensoviel betrug der sege- nannte Arbeitsverdienst im Gefängnis... Er lachte höhnisch: Dafür hatte er sich zwei Monate abgerackert wie ein Pferd!... Als ob sie ihm sein Essen nicht sowieso hätten geben müssen! Na, er würde sich schon bald genug wieder rausrappeln! Er fand ja alle Tage Arbeit!... Ein scharfer Wind kam von Berlin her und fegte dem jungen Menschen durch die leichten Kleider. Im August war er reingegangen ins Kittchen, bei der größten Hitze, und heute schrieb man den einundzwanzigsten Oktober. Vor allen Dingen mußte er nach Hause und sich seine Lumpen holen, denn— wieso er sich dessen so klar bewußt war, wußte er selber nicht— bei seinem Alten würde er jetzt nicht mehr wohnen können. Sie waren weder Freunde noch Feinde ge- Wesen, er und sein Vater, aber jetzt, hier auf der kalten Land- straße fühlte Georg auf einmal deutlich die heiniliche Gegner- schaft zwischen sich und dem Manne, der selbstsüchtig wie so viele Väter, Liebe weder zu geben noch zu erwecken verstanden hatte. Und einmal so weit mit seinen Gedanken, befiel den starken Menschen die heiße Angst, nicht der Vater allein, auch seine.Kollegen und Freunde könnten von ihni abrücken... Die Sicherheit, welche ihm seine Gefängnishaft so erleichtert hatte, jene Selbstgewißheit, die einen Helden und Märtyrer aus der eigenen Person machte, schwand vor dem kalten Wehen dieses Oktobertages, in dem der Knopfdrücker schauernd ein Bild und Gleichnis der Lieblosigkeit seiner Mit- menschen ahnte... Wie er so mit langsamen Schritten, ganz in Gedanken vorwärts ging, hörte er hinter sich sprechen. Und sich um- blickend, gewahrte er drei Leute, die, etwas schneller wie er, auch nach Berlin zu wollten. „Na. ooch mit'n Bürjcrbrief') aus Tejel?" fragte der eine, sein Gesicht komisch verziehend. Der Knopfdrücker verstand das nicht, yvie er so manchen Ausdruck der Gefangenen in der kurzen Zeit seiner Strafe wohl gehört, aber nicht verstehen gelernt hatte. Deshalb und weil seine Laune an sich nicht gut war, sah er mürrisch zur Seite. „Der markiert'n Dussligen!" meinte der zweite, ein Bengel von vielleicht vierzehn Jahren, mit flatternden Ohren und fliehender Stirn, die um so auffälliger wurde, weil er die kleine Radfahrmütze ganz nach hinten gerückt trug. „Det Du man nich'ne Backpfeife kriegst!" erwiderte jetzt Hellwig. Da lachten sie all« drei, und der letzte, ein alter, dicker Mensch mit rotpusteliger Säufernase, sagte mit seiner heiser- röchelnden Stimme: „Kenn Mathilde**)!... Det wär' ja noch scheener, wenn sich de duften Kunden jejenscitig vatobacken wollten!... Komm lieber mit, det wa erst mal wieder ne vaninftije Achsel- fahrt zusamm' machen... Du kommst doch ooch aus'n jrienen Boom'**), wah?" Der Knopsdriicker besann sich. Er hatte so lange nicht mehr mit Leuten, die nicht Beamte waren, gesprochen, daß er sich ganz gern ein bißchen unterhalten hätte. Aber die drei gefielen ihm nicht, es ivaren DalleSbrüder, das sah man ihnen schon von tneitein an. Und Georg Hellwig war auch zu sehr Eigenbrödler, er schwadronnierte gern eine Weile und •) Entlassungsschein cmS dem Gefängnis. BegrüßungSioort der Wanderburschen und Tippelbrüder. —) Spitzname für da? Tegeler Gefängnis, hörte recht gern einen feurigen und möglichst radikalen Redner sprechen, aber das Quasseln, das endlose Debattieren und das schließlich in besoffenem Stumpfsinn ausartende Hin- und Herreden, dafür hatte er sich nie erwärmen können... Da saß er denn viel lieber zu Hause, las einen recht blutrünstigen Kriminalroman oder spann, im Dunkeln auf seinem Bett liegend und rauchend, seinen eigenen Ge- danken aus: wie es wäre, wenn er so im Mittelalter gelebt hätte, als freier Mensch, mit Waffen in der Hand und ohne diese dusselige Polizei, die den Bürger am Gängelband fiihrte. Er sah sich in seinen Phantasien als ein Mittelding zwischen Räuberhanptmann und Feldherr, überall bekannt und ge- fürchtet, aber nie zu fassen. Oder er versetzte sich wieder mit einem Sprung in die Jetztzeit und stürzte, niit der roten Fahne in der Faust, einer Schar bewaffneter und begeisterter Revolutionäre voran, in den Kampf... Sein reger Geist zauberte sich die blutbespritztc Straße hervor, die man durch aufgerissenes Trottoir und umgestürzte Straßenbahn» Waggons unpassierbar gemacht hatte. Ueberall lagen die Leichen der Genossen, aber auch Soldaten sah man mit ge- spaltenem Schädel und zerrissenen Uniformen... Und er, er selber wurde von den Kugeln des Militärs getroffen, aber jede Kugel, die ihn traf, erhöhte seine Kraft nur! Er ging nicht mehr, er schwebte in der Luft, und wild flatterte seine Fahne!... Und dies« Bilder, die seine außerordentlich starke Einbildung manchmal am hellichten Tage sah, waren durchsetzt von sinnlichen Vorstellungen. Frauen und Mädchen jubelten ihm als ihrem Abgott zu. Er sah volle Arme und leuchtende Nacken, Weiße, strotzende Busen drängten sich ihm entgegen, und wie eine rote Woge schlug die Fleischeslust über seinem Denken zusammen.... So war es früher, jetzt hatten seine Empfindungen härtere Linien bekommen, die Idealität schwand in der be- drückenden Luft des Gefängnisses, und zu dem Haß, der immer in dem Herzen dieses jungen Arbeiters brannte, ge- sellte sich die stumnie Erbitterung über die seiner Ueber- zeugung nach ungerecht erduldeten Leiden.... Die drei entlassenen Gefangenen waren schon weit vor- aus und hatten diesen Sonderling, den sie für hochmütig hielten, wahrscheinlich längst vergessen. Georg Hellwig ging langsam weiter, mit der unklaren Empfindung, daß er etlvas tun müsse, was denen, in deren Gesellschaft er jetzt zurückkehrte, zeigen sollte, wie sehr unrecht sie ihm getan hatten. Diese Sucht, die anderen Menschcnauf sich aufmerksam zu machen, war von jeher in ihm gewesen. Sie hatte schon den Knaben, den seine Körperkräfte dabei unterstützten, sich auswerfen lassen zum Befehlshaber und Häuptling bei den kindlichen Spielen seiner Kameraden. Auch später, als diese Spiele nicht mehr so kindlich blieben, als Kürbisse gestohlen wurden in den Lauben, und die jugend- lichen Taugenichtse auch vor der Entwendung einer Taube oder eines Kaninchens iricht zurückschreckten, nahm Georg Hellwig stets den Löwenanteil der Gefahr auf sich, ohne von dem Erlös des Raubes mehr als die anderen zu beanspruchen. Aber in diesen Exkursionen>var viel mehr Kraftmeierei und Hang zum abenteuerlichen Leben als wirkliche Schlechtig- keit und, was so an tollen Streichen von der wie Indianer dahinschleichenden Bande unter allem möglichen Hokuspokus ausgeführt wurde, das hätte der einzelne für sich allein mit Entrüstung von sich gewiesen. Georg Hellwig wurde, als der Besitzer einer geplünderten Laube Lärm schlug, von seinein Vater bciirahe totgeprügelt. Er weinte nicht, und er machte auch niemanden dafür ver- antwortlich, aber er schlug allen Ernstes vor, dem Lauben- besitzer die Bude anzustecken. Das scheiterte an der Furcht der anderen, die ihn seitdem anfingen zu nieidcn. Tann kam er in die Lehre, und der Verkehr mit seinen alten Freunden wurde auch dadurch lauer. Aber es fanden sich nicht viel neue. HellwigS Wesen war wohl zu herrisch, die ängstliche» gingen ihm aus dem Wege und die mutigeren ließen ihn links liegen, Weil sie selbst eine Rolle in ihrem Kreis spielen »vollten und in Georg den stärkeren Rivalen sahen. Bis er durch Zufall ein Mitglied des Athletenklnbs „Simson" kennen lernte. Eine» jungen Bierbrauer, der ein Viertelfaß mit einer Hand aushob. Ja, das ivaren seine Leute! Da galt er etwas, da könnt' er zeigen, was seine Knochen uns Muskeln wert waren?... Und hier, wo mehr rohe Kraft als Witz vorhanden war, hier kam auch seine Lntclligenz zur Geltung. Diese Leute, deren Verstand eben «uch wie mit Zentnern hantelte, hörten ihm gern zu, wenn er wie ein VolkStribnn von den Rechten seiner Klasse sprach, die der Reichtum, das 5kapital mit seiner bajonettstarrenden Macht ihr vorenthielt.... Manchmal lachten diese stier- nackigen Fleischer und Brauer über ihn, wenn er sich so ereiferte, aber er gefiel ihnen doch, dieser unruhige 5kopf, der sich ohne jene lächerliche Messinguhr, welche ihn ins Ge- sängnis brachte, ain Ende noch zu etwas ganz Besonderem entwickelt hätte.... In den Klub wäre Georg Hellwig am liebsten gleich heute noch gegangen. Aber gerade dort war er einer guten Auf- nähme am wenigsten sicher, er wagte es nicht, die Sitzung zu besuchen, ohne vorher die Ansicht der Klubbriider über das Malheur, was ihm passiert war, auf Umwegen erfahren zu haben.... Allmählich war er in die Müllerstraße gekommen, die «wig laut ist vom Gerassel der Abfuhrwagen und Arbeits- fuhrwerke, die den Abfall der Großstadt auf die Felder hin- ausfahren. Den Knopfdrücker hungerte. Er hatte in zwei Monaten kein richtiges Stück Fleisch mehr gesehen und er, dem Bier und Schnaps ziemlich gleichgültig watzen, spürte jenen heftigen Reiz, der sonst nur dein Gewohnheitstrinker in die Kneipe treibt.... Ein uraltes kleines Häuschen mit einem verödeten Vor- garten, eine richtige Tabagie aus alter Zeit, lockte mit dem schmutzigen, verwaschenen Schild über der Tür den jungen Menschen, der fröstelnd einen warmen Schlupfwinkel suchte. Aber sowie er die mit einer unsauberen Gardine ver- Hangene Tür geöffnet hatte, wäre er am liebsten rasch weiter- gegangen. Denn das erste, worauf sein Auge fiel, war ein Tisch, an deni die drei, die ihn vorhin angeredet hatten, mit noch mehreren anderen, ebenso wenig Vertrauen erweckenden Männern saßen. Der kleinste von den dreien— er wurde„Pritzel" gc- Pilsen— hatte ihn sofort bemerkt und schrie: „Na, da is ja wieder unsa Freind!... Mensch, loosst Dn aber langsam!... Tu hast woll de Mauke in de Becne, wat?" lFortsetzung folgt.) JoKn Riishüi.*) (Zum 10. Todestag am 20. Januar 1910.) NuSliu ist ein Sonderling gewesen, von seinen Slbrullen erzählt man sich Wunderdinge. Aber ich glaube, im Angesicht dieser ebr- würdigen Greisengcjlalt mit dein langen weißen Bart, mußten selbst die blutigsten Spötter verstummen. Gewiß, NuSlins kunstreforma- torische Werke sind reiäi an Widersprüchen, Wiederholungen, ver- fehlten Urteilen, Absurdiläten. so daß der Maler Whistlcr eine ganze Blütenlese davon zusammenstellen konnte,— aber im Grunde erfüllt seine Lehre eine Kullurinisston. *) John NuSkin(geboren am 8. Februar 1819 zu London, 1870—1884 Professor in Oxford, gestorben am 20. Januar 1900 auf seinem Landfitz in Lancashire) hat als Kunstkritiker und Sozial- reforinator in England eine Wirksamkeit entfallet und Einflüsse anS- geübt, ivie sie auf gleichem Gebiete in Deutschland unerhört sind. Ein geistesverwandter Carlhles, hat er in der Blütezeit des englischen MnilchestertnmS die künstlerische und sittliche Entartung der kapitalistischen Kultur mit der Ilnerbittlichkeit eines alttestanlcntlichen Strafpredigers geschildert, mit glühender Begeisterung den Adel der schöpferischen Handarbeit gefeiert und in zahlreichen Schriften daS Verständnis für wahre und echte Kunst, die er im Mittelalter, vorzüglich in der Gotik sah, eröffnet. RuSkin hat alle die kulturellen Schattenseiten und Greuel des modernen KapiialisniuS empfunden und ihre Gründe bloßgelegt, aber als wirtschaftlicher Reaktionär nicht den Weg in die Zukunft weisen können. Er hat schließlich den Weg der Berbitterung und Verzweiflung gehen müssen. Aber alle die frucht- baren Gedanken seiner Kritik hat der große Künstler und leiden- schaftliche Sozialist, der Erneuerer des englischen Knnsthandlverkes, Willinni Morris, aufgenommen und sie mit den Impulsen deS schaffenden Mannes und des von den Hoffnungen auf die soziale Revolution erfüllten Kämpfers zu Ende gedacht und soweit es die Umstände gestatteten, in die Tat umgesetzt. Das schönste Denkmal hat Morris seinen von Ruskin angeregten Knnsthoffnungen in seiner Utopie„Kunde von Nirgendlvo" gesetzt.— Ruskins sehr zahlreiche Schriften sind in Auswahl bei E. D i e d e r i ch s in Jena und bei H e i tz in Straßburg erschienen. Sein Leben und sein Werk hat Charlotte Broicher in zwei Bänden(gleichfalls im Verlage von Diederichs) dargestellt. Die Red. Sie stellt die Menschen kurzerhand vor die Wahl: entweder sott- zufahren, das Land mit Fabriken, Moschinen und Mietskasernen zn bebauen, Arbeitssklaven zn erziehen, politische und religiöse Heuchelei, Geldgier und Unnatur zu züchten, Menschentum und Schönheit in der Bebauung von Stödten, der Einrichtung von Häusern, der Aus- stattung von Kleidern und Gebrauchsgegenständen auszurotten— oder diese Schönheit zu erhalten, Andacht, Liebe und Freude von neuein zu erwecken. Ruskin selbst ging mit achtunggebietendem Beispiel voran; er zog es vor, mit der Kalesche zu reisen anstatt mit der Eisenbahn, er ließ seine Schriften lieber mit der Hand drucken und auf Schub- karren befördern. Ein moderner Rousseau; ein Evangelist der Arbeit wie Millet; unserem Böcklin, der dieselben Theorien pflegte, ver- gleichbar, wenn er bloß die fröhliche Hoffnung dieses letzten größten Malers besessen hätte. So aber näherte er sich mehr Tolstoi, dem Mann� mit dem Kulturkatzenjammer. Die Befürchtung, daß sein England daran sei, dem Schicksal von Tyrus, Karthago, Venedig zn verfallen, wird ihm zu einer emniutigeuden Gewißheit. So ist es doch etwas Ergreifendes um diesen alten, eifernden Prediger in der Wüste, der innerlich weint wie ein verlassenes Kind I Aber er verzweifelt deshalb nicht. Der Himmel der Ewigkeit, der keine Arbeit unerkannt läßt, breitet sich über seine Werke. Er ist Mystiker; weniger Theoretiker als Dichter; weniger Wiffenschastler als leidenschaftlicher Träumer. Seine Sprache ist eine feierlich ge- hoben«, farbige, blütenüberfüllte; sie wäre geeignet, alle seine Lehren zu überdauern. Man könnte sie etwa mit der Sprache Jean Pauls vergleichen, wenn man das Schrullenhafte, Satirische auS- scheidet; bester noch mit der Stefan Georges, der RuSkins eben- bärtiger llebersetzer geworden ist. Daß der alte Feuerkopf trotz vieler Gegner eine solche Beachtung gcstmden hat, bewirkt seine immer wieder begeisternde und für Eng- land besondere Art der 5lunftaiiffaffung: Die Aesthetil mit der Ethik zu vereinen.„Die Kunst eines Landes," sagt er in seinen Oxforder Vorlesungen, die er in den Jahren 1870—187» hielt,„ist die Summe seiner gesellschaftlichen und politische» Tugenden". Die Kunst ist nicht um ihrer selbst willen da. sie hat nur dann Daseinsberechtigung, wenn sie sich als ein Mittel zur höheren Erkenntnis oder znni Schmuck des Lebens zu erkennen gibt; innere Wahrheit und Zweckmäßigkeit bedeuten ihre Hauptbedingmigen. Die Kunst ist eine religiöse und nationale Angelegenheit; sie trägt bei«zur Gesundheit, Kraft und Freude der Seele". Deshalb darf sie auch nur von einem edlen und reinen Menschen jedesmal geboren Ivcrden. Man kernt nicht Kunstgeschichte bei RuSkin, sondern Kunst- empfinden: hier aber hat uns noch niemand hinreißender gepredigt k Er ist Romantiker durch und durch, und doch wieder als Engländer in einem gewissen Sinne kühl und realistisch. Er ist ein Mensch. dem Sehen alles bedeutet. Mit durstigen Blicken hat er die Einzel- Veiten der Natur in sich aufgenommen; die Form jeder Blume, die Rundung jedes Steines liebevoll umfaßt; er kann sich berausche» an den Spielen der Luft, des Lichts und des Schattens, und weist sie doch exakt zu zerlegen und zu erklären. Wenn er Gestaltungs- gaben besessen hätte'— er wäre ein ganz großer Künstler ge- worden. Angeregt hat er indes Maler und Dichter genug: die präraffaelitsche Schule verdankt ihm ein gut Teil ihres Lebens. Der Kampf wider die angebliche Unnatur der Renaiflance, die Schilderhebung der frühitalienischen Maler Cimabue und Giotto, die Verherrlichung der Gotik— daö alles sind allgemein zugestandene Verdienste Ruskins.' In diesem Sinne tritt RuSkin aiö Herold des LandschafisinalerS William Turner auf. Die Bewunderung für diesen Meister der Atmosphäre, der allerdings eine neue Epoche in der LandschiftS- malerei verheißt: die Darstellung des Menschen im Kampfe mit den Elementen, ist sicherlich übertrieben. Schreibt doch RuSkin einmal selbst:„Mir gehorchen heißt Turner lieben und die Re- naiffan« hassen". Aber wer will sich der jubelnden Wucht dieser Dithyramben entziehen, die in langen Seelenkämpfen aus- gereift und mit der immer zerstörenden Wucht des Erlebten hervor- gebrochen sind? Ein llrkern von Wahrheit ist in diesen Offenbarungen jedesmal enthalten, und im Zuge der Steigerung wird er sich immer von neuem enthüllen, wird er uns endlich zu überzeugen wissen. Als eine gewaltige Einheit will RusiinS Werk, will RuSkins Per- sönlichkcit ersaßt �ein; Details sind falsch beleuchtet, lebensunfähig. Deshalb ist es verkehrt, Blütcnlcsen, Sentenzen und Apha- rismen— aus diesen Schatzkammern unter die Menge zu tragen. Sie ivürden nur das Gesamtwerk zerstören, wie es etwa bei Jean Paul geschehen und wie es bei Nietzsche unmöglich wäre. Der große soziale Ausblick am Schlüsse, dessen Lichtstrahlen alle? Vorangegangene zu verändern scheinen, muß als das wcsent- lichste der RuStin-Betrachlung bezeichnet werden. Er allein verschafft seiner Erscheinung Ewigkeitswert. Nur eine Reformation der ge» samten sozialen Zustände ermöglicht eine neue englische Kunst. So zieht Ruskin gegen die moderne Maschincnkultur zu Felde; und so wird er zun, Feinde des Kapitalismus, der minier neue Maschinen in Betrieb setzt, der Tausende von Arbeiter» alljährlich auf dem Gewissen hat: „Mackit eure Mahlzeiten einfach, bis die der Armen ausreichend werden, oder ihr seid keine Christen. Ihr, die ihr so schöne Gc- wänder tragt, legt einfache Blusen und Schürzen an, bis die Armen anständig ual) gefällig gekleidet sind, oder ihr seid keine cbristlichen Frauen. Ihr, die ihr fingen und Instrumente spielen könnt, hängt eure Harfen auf an den Flüssen, die ihr verpestet habt, und steigt mitten unter die Menschen, die ihr blödsinnig, gemein und stumm gemacht habt, bringt Harnionie in ihre Seelen, oder ihr seid keine Christen I" Die Kunst im Hause, die Kunst in der Schule, die Kunst im Leben des Kindes— alle diese Echlagworte sind auf Ruskin zurück- zuführen. Und in der Tat hat er geholfen, die Volkserziehung in England zu heben, die Arbciterwohnungen gesund und nett ein- zurichten, Gartenstädte zu gründen. Kunstgewerbe und Kunstschulen zu fördern. Auch bei uns in Deutschland haben seine Lehren Ein- gang gefunden. Alle Bestrebungen, wie Heimatschutz und Denkmal- schütz, haben in ihm ihren erste» Fürsprecher gehabt. Die Maschinen freilich in den Fabriken wird er nie verbannen: die Zeit läßt sich nicht zurückschrauben. Sie werden sich vermehren, sie werden sich schneller drehen; nur die Menschen, die an ihnen arbeiten, iverden vielleicht einmal lebensfroher werden: kommen sie doch wenigstens aus gesunden, freundlichen Räumen! So bätte die Kultur das Beste aus RuSkin verarbeitet und unter die Millionen verteilt.... Diese Millionen aber werden eines Tages ihr« Maschinen ebenso lieben wie Bäume und Blumen. Auch hier ist uns schon so eine Art von literarischem Propheten erstanden; Johannes B. Jensen, der Däne. Gl. P. W. Die deutfebe JVIaruicexpeditlon in die Sudfec. Eifriger als je beherzigt man heute bei uns den Mahnruf Bastians, von der Kultur der aussterbenden Wildvölker zu retten, d. h. aufzuzeichnen und zu sammeln, was noch zu retten ist und damit Dokumente der Menschheitsgeschichte in letzter Stunde für alle Zeit zu sickern. So sind im deutschen Teil der Südsee, im mela- nefischen Bismarckarchipel, neuerdings neben Einzelreiscnden mehrere große Expeditionen mit völkerkundlichen Aufgaben tätig gewesen, von denen hier der jüngst mit der Rückkehr ihrer Mitglieder ab- geschlossenen„Deutschen Marineexpedition 1907/09"— dieses ihre offizielle Bezeichnung— gedacht werden soll. Ausgerüstet war sie auf Anregung der Gcneralverwaltung der königlich preußischen Museen vom Reichsmarineamt im Verein mit dem preußischen Kultrisininisterium. Leiter war anfangs der Marine- stabsarzt Dr. Emil Stephan, rbekann�durck seine früheren anthro- ?>ologisch-ethnographischeii Forschungen im Bismarckarchipel und durch ein Buch über„Südseekunst". Er starb leider schon wenige Monate nach dem Beginn der Arbeiten sam 25. Mai 1908), worauf als Chef der damalige Marineoberarzt Professor Dr. Augustin Krämer hinausgeschickt wurde, ein um die Völkerkunde jener Gebiete und uni die Kenntnis der Samoaner bereits verdienter Forscher. Die übrigen Teilnehmer waren Dr. Otto Schlaginhaufen vom Anthropologisch- Ethnographischen Museum zu Dresden, E. Waiden vom Berliner Museum fiir Völkerkunde und der Photograph N. Schilling. Die Expedition langte Anfang November 1907 in Simpsonhafen auf Neu- Pommern an und wählte für ihre Studien die große, langgestreckte Nachbarinsel Neumecklenburg. Der Marineexpedition stand nicht, wie der später hinaus- gegangenen Hamburger Südsee-Expedition, ein eigenes Schiff zur Verfügung; sie war für ihre Reisen, soweit sie nicht zu Lande aus- geführt werden konnten, auf die VcrinessungS- und RegierungS- danipfer sowie auf private Fahrgelegenheiten angewiesen. Die Er- sorschung Rcumecklenburgs sollte möglichst gründlich geschehen, Iqxs- halb es nötig war. immer längere Zeit an ein und demselben Orte zu verweilen, um die Sprachen zu erlernen und das Vertrauen der recht verschlossenen und unberechenbaren Schwarzen zu gclvinneir. So übernahm Walden den Norden von Neumccklenburg, wo er bei Fesca, 100 Kilometer südlich von dem Negierungsposten Käwieng, seine Station gründete, während die drei übrigen Mit- glieder sich dem noch zum größten Teil unbekannten Süden der Insel zuwandten und anfangs an der Ostküste, in der Landschaft Muliama sich niederließen. Später arbeiteten alle genieinsam im mittleren Teil bei Lamussong und auch im Norden. Von diesen Punkten wurden zahlreiche Reffen die Küste entlang und ins Innere unternommen und auch die zumeist gänzlich unerforschten kleine» Inselgruppen im Osten von Neumecklenburg besucht. Um die Mitte deö verflossenen Jahres war das Werk im allgemeinen beendet und Krämer erhielt die Leitung der Hamburger Expedition, die inzwischen nach den Karolinen sich gewandt hatte. Ein zusammenhängendes Bild von den Ergebnissen dieses großen deutschen Forschnngsunternehmens kann vorläufig natürlich nicht ge« geben werden, weil über deren Sichtung und Verarbeitung Fahre vergehen werden. Es mögen aber wenigstens einige Einzelheiten aus dem reichen Schatz seiner Beobachtungen berührt werden. In Muliama, wo da? Gros der Expedition Ansang Dezember 1907 mit dem Vermessungsschiff„Planet" anlangte, wurde ein nicht unwichtiger, gegen die Winde gut geschützter Hasen entdeckt, der auch sogleich kartiert wurde. Di« Bewohner, die sich friedlich verhielten, gehören den. Stamme der Butam an, die im Innern mit Europäern überhaupt noch nicht in Berührung gekommen waren, keinen Weißen kanmen. Gerüchte hatten sie als Zwergvolk bezeichnet; es wurden aber im Gegenteil sehr große und schlanke Leute unter ihnen an- getroffen. Die Männer der Berg-Butam gehen ganz nackt, die Frauen haben nur eilten Schurz; die iküsten-Butam kennen etwa« mehr Bekleidung. Die Dörfer bestehen nur aus wenigen sehr ärmlichen und kunstlosen Hütten mit zusammen 10— 15 Bewohnern und werden nicht selten verlegt. Jedes Dorf hat aber ein besonderes Mäniterhaus, wo die Junggesellen und Wittver schlafen und Durch- reisende untergebracht iverden; man reist dort nämlich, nachdem die deutsche Verwaltung für Sicherheit gesorgt hat, viel und gern, sogar zum Vergnügen I In ihrem materiellen Kulturbesitz stehen die Butam auf höchst niedriger Stufe, sie leben in einem UebergangS- stadium vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit. Ackerbau bildet in» dessen schon die Hauptbeschäftigung, und die Jagd erstreckt sich nur noch auf Schweine. Töpferei und Töpfe sind unbekannt, sodaß man Erdfrüchte und Fleisch— ohne Salz— auf glühenden Steinen röstet. Aus der alten Zeit finden sich noch Axtklingen aus Stein, sonst haben eiserne Werkzeuge Eingang gefunden. Die Waffen an der Küste— Speer und Keule— stammen aus dem Innern; der Bau von Hochseebooten ist in Versall geraten. Im Gegensatz zur materiellen ist die geistige Kultur, Ivie man es oft bei den Melanesicrn und den Schwarzen des australischen Festlandes bemerkt, ziemlich reich ausgebildet, und Geisterglauben, Heiratsklassen, Geheimbünde usw. spielen eine große Rolle. Die Toten iverden auf Bäumen der Verwesung ausgesetzt, während man im Norden Neuniccklcnburgs die Leichen' verbrennt. Knochen von nahen Verwandten nimmt jeder Fischer mit fich, wenn er zum Hai- fischfang aus die See geht; denn man glaubt, daß die Geister der Verstorbenen den Hai in die Scklinge führen, nachdem dieser durch Rasseln und Köder herangelockt worden ist. An einer Stelle, wo es viel regnet, in Lelet, müssen die Geister der Verstorbenen die Sonne herbeirufen. Zu diesem Zwecke zündet man ein Feuer unter dem Schädelhaus an und fordert die Geister auf, sich emporzuschwingen und die Wolken zu zerteilen. Bekannt sind Trommelsignale zur Verbreitung von Nackrichten, fenier sehr verwickelte Fadenfpiele und auch verblüffende Taschenspielerkunftstücke. Die Chirurgie wird von besonderen Wundärzten ausgeübt und manchmal mit großer Kühn- heit. Ein Häuptling hatte in der Muskulatur des rechten Schulter- blattes eine lange Narbe. Es war ihm in seiner Ftlgcnd im Kampfe ein Speer von hinten in die rechte Lunge gedrungen. Der Speer war zwar sofort herausgezogen worden, aber der Verwundete hustete Blut und hatte große Schmerzen. Darauf schnitt ein Wundarzt mit dem Messer zwischen zwei Nippen ein, legte den Verletzten auf die Seite und ließ das Blut ablaufen, mit dem Erfolge, daß dieser nach einigen Monaten völlig genas. Die Gcheimbiinde Dukduk und Jniet, in Melanesien allgemein der- breitet, sind auch auf Neumecklenburg zu finden. Außerdem wurden bald zwei neue Geheimseste ermittelt, von denen das eine bei der Ausführung der Narbentatuierung unter Tänzen gefeiert wird, daS andere, wenn die Jünglinge in den Männerbuud aufgenommen werden und hierbei angeblich von Dämonen besessen find. Weithin tönen dann die Schwirrhölzer und die Graspfeifen der Männer, die die Frauen glauben machen wollen, daß der Geist brülle, und er» schreckt verschließen fich diese in den Hütten. Die Männer wollen nämlich, wie fie lackend eingestanden, weiter nichts, als allein und ungestört von den Weibern ihr Schweineessen abhalten. Ihr besonderes Augenmerk richtete die Expedition auch auf die Erwerbung der grotesken und präcktigen Schnitzereien und Geflechte Neumecklenburgs, die im Norden Malanggan, im mittleren Gebirge Uli genannt werden, und der im Süden verbreiteten Wurzeltische, Kamba, die alle vornehmlich der Ehrung der Toten unter gewissen Feierlichkeiten und Schmansereien dienen. Zur Herstellung der Wurzeltische werden Waldbäume von zwei bis drei Fuß Durchmesser zwei bis drei Meter über dem Boden gekappt, dann hebt man den Stumpf mit dem Wnrzelwerk ans der Erde und trägt ihn unter Zeremonien nach dem Dorfplatz, wo er mit dem Stiel nach unten in ein Loch eingelassen wird. Hierauf wird der Stamm gereinigt und mit Figuren, meist solchen von Haifischen, beschnitzt. Auf das wie ein runder Tisch sich ausbreitende Wnrzelwerk legt man Taro und Schweine für den Toten, zu dessen Gedenken der Tisch gesetzt wurde. Zum Beispiel errichtet man zuni Gedächtnis für einen beim Haifischfang Verunglückten einen Wurzeltisch oder schnitzt eine Ulifigur. Ein sagenreicher Ort, wo der heroische Urahn der Neumecklen- bnrger, der Sonnengott Moroa, der Bringer alles Guten und aller Kunst, einst gerastet haben soll, ist das am Fuße zerklüfteter Felsen in der Landschaft Kanabu liegende Pining. Hier gelang eö. un- bemerkt mehrere Tage hindurch alle die Zeremonien zu beobachten. die das Fest der Männerlveihe begleiten. Unter anderen, müssen die Jünglinge auf einem Wurzeltisch ihre erste öffentliche Rede halten. Abseits davon wurde gleichzeitig eine Totenfestlichkeit für die Frauen sOara) abgehalten, aber auch nur von Männern. Hierbei spielte die Hauptrolle ein niit schönen, lebhaften Farben bemaltes Flecht- oder Bindewerk in Gestalt eines Riesenrades, daS den Auf- gang der Sonne über dem brandenden Meere darstellt und ebenfalls Malanggan heißt. Eine Frau darf ein solches Malanggan nicht sehen und wurde noch bis vor wenigen Jahren mit Erhänge» be- straft, wenn sie es dennoch erblickt hatte; die Frauen gaben sich dann den Tod meist selber. Nach dem Fest werden diese geflochtenen Malanggan stets verbrannt, und es war ttotz aller Mühe nicht möglich, ein Exemplar zu erwerben. ES konnten indessen von diesen merkwürdigen Kultgeräten wenigstens genau« Zeichnungen und Aquarelle angefertigt werden, während es nicht schwer fiel, die ge- schnitzten Malanggan- und Ulifiguien zu kaufen. Wie erwäbnt, find«nxch die Inselgruppen im Osten von Neu- Mecklenburg besucht worden. So die Tongagruppe, wo Haus- und Gootbau höher entwickelt sind, als an der Küste der Hauptinsel. Hier wurden interessante Weristmten zur Herstellung der Muschel- ringe gefunden. Diese ofr mehrere Pfund schweren Ringe, die je nach Zahl und Größe einen kostbaren Besitz des Mannes bilden, werden miS dem Mittelstück der Schale der Riesenmuschel (Tirdlrolw) gearbeitet, was bei den primitiven Mitteln— Schleif- steine, schwarzer Sand als Schleifmaterial— immer mehrere Monate erfordert. Auf den Feni-Jnseln bat diese Industrie früher ebenfalls geblüht, sie ist aber verloren gegangen, und statt mit ihr beschäftigt man sich hier mit der Herstellung einer roten Erdfarbe, die durch Tausch sich bis auf die fernsten Inseln des Bismarckarchipels verbreitet, wo sie überall zum Färben der Kopf- und Barrhaare, zum Bemalen des Gesichts und der Holzschnitzereien verwendet wird. Gewonnen wird sie aus einer lehmartigen Masse, die man trocknet und mehrfach brennt. Auf Feni ist es Sitte, die Schädel der Toten in Blättern verpackt eine Zeit lang im Männerhause aufzubeivahren, und jeder kennt die Reste seiner Verwandten auS allen Bündeln sicher heraus. Ueber 3lX> dieser Schädel, über deren einstige Eigen- tümcr somit genauer Aufschluß zu erlangen war, lomiren erworben werden— ein wertvolles anthropologisches Material. Die Ergebnisse der Expedition sind äußerst vielseitig. Außer den ethnographischen Sammlungen hat sie phonographiscke und kinematographische Aufnahmen, Aufzeichnungen von Sagen, Mythen, Kultgebräucheu, Tanzliedern, über TotemiSnruS, Soziologie, Siede- lungen, ferner sprachliches Material heimgebracht. Auch die geographische Kennluis von Neumecklenburg hat gewonnen, ebenso rst«auirwisienschaftlich gesammelt worden. Ueber das zum Teil durch die gesellschaftliche Organisarion hervorgerufene Aussterben der Bevölkerung sind Erhebungen angestellt und dem Gouvernement übergeben worden, das dadurch möglicherweise in den Stand gesetzt ist, durch geeignete Maßnahmen den Prozeß zu belämpfen oder zu perlangsamen. So dars heute Ncumecklenburg als die in jeder Hinsicht an, besten erforschte Insel Melanesiens gelten und auS der Bearbeitung der Resultate ein klares Ku'.turgemälde von ihr er- wartet werden. H. Singer. Gleims f euilletoii, Anatomisches. Der Sitz der Sprache im Gehirn. Die Erforschung de? Menfchcilgshirns, dieses größten Wunders und Rätsels, das die Natur hervorgebracht hat, stell! eine der höchsten Autgabe» der Wisienschaft dar, denn jeder auch noch so kleine Fortschritt auf diesem Gebiete verdient Beachtung. Als eine der feststehenden Talsachen gilt die von Brvca gemachte Entdeckung, daß die Fähigkeit der Sprache an eine bestimmte Windimg des Gehirns gebunden ist, die demnach auch die Bezeichnung derBrocafchen Windung erhalten hat. Einen besonders interessanten Fall, wo diese Nnterfuchung eines Gehirns möglich war, dessen Besitzer schon seit Iahren wegen Sprachverlustes unter Beobachtung gestanden hatte, besprach Dr. Briand in einem Vortrag vor der Klinischen Gesellschaft für Geistesmedizin tn Paris. Das fragliche Gehirn stammte von einer Frau, die im Alter von 27 Jahren bei anscheinend vollkommener Gesundheit plötzlich von einem Schlag befallen wurde, der ihr kür zehn Stunden das Bc- wußliein raubte. Nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, stellte sich eine halbseitige Lähmung und ein vollkommener Sprachvcrlust heraus. Die junge Frau hatte vorher nicht weniger als vier Sprachen vorzüglich beherrscht und konnte nach der Erkrankung nichts weiter hervorbringen als die beiden Worte: ob non l* Da es sich hier um einen besonderen Grad von Intelligenz handelte und die Tätigkeit des Ge- hirnZ im übrigen wieder bollständig hergestellt zu sein schien, so wurde der Kranken eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, aber ihr Zustand blieb zehn Jahre lang gänzlich unver- ändert. Sie vermochte auch nicht einmal vorgesprochene Worte zu wiederholen. Andererseits konnte sie irgendein Wort der vier ihr bekannt gewesenen Sprachen aussprechen, wenn sie die Buchstaben des Alphabets vor sich sah. Auch v-rstand sie die vier Sprachen vollkommen, wa? gewiß das Merkwürdigste loar: es war alio keine sogenannte Worttaubheit vorhanden. Ebenso koiuite sie §ut schreiben, allerdings nur mit der linken Hand, weil die ähmung der rechten Seile nicht gehoben worden war. Auch Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Urteilskraft waren ungetrübt. Als sie nun vor einigen Monaten starb und ihr Gehirn, wie man sich denken kann, mit besonderer Spannung von Sachverständigen unter- sucht wurde, fand sich in der Tat ein großer Teil der dritten Stirn- Windung aus der linken Gehirnseite, eben jener Brocaschen Windung. Jianz und gar zerstört. Damit war also der Sprachdefekt wenigstens einem Ursprung nach, wen» auch nicht seiner Art nach, erklärt, denn da? bleibt immer noch rätselhast, wie das Spracbvermögen so vollkommen erloschen sein kann, während die «uffasiung der gesprochenen Rede im ganzen Umfang und sogar in vier verscbiedencn Sprachen bestehen blieb. Luch an einer ganz anderen Stelle deS Gehirn» auf der rechten Seite zeigte sich ein , schwerer Schaden in Gestalt eines Loche» von ungefähr L'/, Zeitti- sverant». Redakteur: Richerd Birth. Berlin.— Druck u. Verlng: meter und 2 Zentimeter Durchmesser. Jedenfalls ist dadurch die Bedeutung der von manchen Fachleuten noch heute angezweifelten Brocaschen Entdeckung vollkommen bestätigt worden. Naturwissenschaftliches. Neue populäre Schriften. In der vom Versag B. G. Teubner, Leipzig, herausgegebenen Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt" erschien vor kurzem ein reich illustriertes Bändchen von Prof. Dr. W. May über„Korallen und andere gc« st einsbildende Tier e", das in wirklich gemeinverständ- licher und geradezu fesselnder Weise dir gefteinsbildenden Tiere, die in fast allen Gruppen der Wirbellosen in mehr oder weniger großer Anzahl vertreten sind, nach Bau, Lebensweift und Vor- kommen vom zoologischen Standpunkte aus schildert. Erst in zwei- tcr Linie werden die durch diese gebildeten Gesteine selbst berück- sichtigt. Bei der Beschreibung des Baues der betreffenden Tiere sind besonders ausführlich die für die Gesteinsbildung wichtige» Eigenschaften wie Skelette, Schalen usw., die übrigen Eigentum» li-bkiten aber nur kurz behandelt. Eine ganz besonders ein- gehende Darstellung haben die Korallen und die Bildung und Formen der von ihnen aufgebauten Riffe erfahren. In gleichem Verlage und in gleicher Sammlung(als 263. Vändchen) erschien ein ebenso reich mit Illustrationen ausgestattetes Büchlein von Prof. Lampert über„Die Welt der Orga- n i S m e n". Es verdankt seine Entstehung einem Zyklus von Vorträgen, die der Verfasser im Auftrage des Württembergischen Goethebundes hielt. Es behandelt den Aufbau und die EntWicke- kung der Organismen, ihren Zusammenhang, ihre mannigfachen Wechselbeziehungen und ihre geographisch« Verbreitung und kann als eine kurzgefaßte erste Einführung in die allgemeine Biologie wohl empfohlen werden. In der vom Verlag Quell: u. Meyer in Leipzig herausge- gebencn Sammlung„Wissenschaft und Bildung" erschien als 49. Band ein Büchlein von E. N e v e s h e i m e r, betitelt„Der Tier kör per", das ebenfalls aus Vorträgen hervorgegangen ist. Es behandelt Form und Bau des TicrkörperS unter dem Einfluß der äußeren Daseinsbedingungcn, indem es bei den nach dem Prin- zip der Lebensgemeinschaft geordneten Tieren besonders die An» Passungen an die verschiedenen Lebensbedingungen darstellt. Auf die wichtige Frage, wie denn nun in jedem speziellen Falle die Anpassung zustande gekommen sei, ist der Autor aber nicht weiter eingegangen, und zwar absichtlich nicht, weil ein später in gleicher Sammlung erscheinendes Bündchen sich speziell diesem Problem widmen soll. Auch dieses Büchlein ist reich und gut illustriert und seiner klaren Darstellungsweise wegen zu empfehlen. Jedes der drei Bändchcn kostet gebunder 1,25 M. M. K. B. Aus dem Pflanzenreich. Die Artenarm nt Mitteleuropas an Holz» gewachsen und ihre Gr-ünde. Allen denen, die Gelegenheit hatten, die nordamcrikanische Pflanzenwelt auch nur oberflächlich zu studieren, fiel es sofort in die Augen, daß diese viel reicher an Arten ist als die europäische, speziell die nordeuropäische, und daß sowohl die Arten wie die einzelnen Individuen in Nordamerika zn rascherem und erheblicherem Wachstum und zu größerer Frucht- barkcit neigen. So gibt es im nördlichen Europa kaum vierzig einheimische Baumarten, in den Vereinigten Staaten deren 409. Die Eiche ist in Europa mit 29 Arten vertreten, in den Vereinigten Staaten mit 59, in Mexiko m.t 89. Die Kiefer in Europa mit 19 Arten, in Nordamerika mit 59: selbst Kanada weist immerhin noch 15 Arten auf. Eine ganze Anzahl von Gattungen von Holz- gewachsen, die in Nordamerika heimisch sind, fehlen in Europa, zum Beispiel der Hickory mit 9 Arten, die Magnolie mit 7, die Platane nzit 3, Katalpa, Tulpenbaum, Sassafras, Sequoja u. a. mit je 2 Arten. Und diese Bäume wachsen oft, nicht allein im Westen. sondern auch im Osten, zu Riesen von über 199 Meter Höhe heran. wie die Sequoja, die Douglas- und Ricsentanne. die Riesenzeder, die Zuckerkiescr. Die Grunde für diese auffallende Erscheinung sind, wie W. Eckardt in der„Geographischen Zeitschrift" nachweist, einesteils in der verschiedenen Streichrichtung der Gebirge zn suchen. Die amerikanischen Gebirge erstrecken sich fast durchweg von Norden nach Süden, die europäischen von Westen nach Osten. DaS wurde, als die Eiszeit hereinbrach, für die europäische Tier-, be- sonders aber für die Pflanzenwelt verhängnisvoll, da ihr hier- durch sowohl der Rückzug wie die Wiedereinwanderung nach dem Verschwinden der Gletscher bedeutend erschwert wurde. Außerdem blieb die Gestalt Nordamerikas in der ganzen Neuzeit der Erd» geschichte wesentlich dieselbe, während in Südeuropa die Land» brücken zwischen der heutigen apenninischen und iberischen Halb« insel und Afrika geg.n Ende der Tertiärzeit einbrachen, und über» baupt große Landgebiete im Norden und Süden im Meer vec« sanken. Jede Terrainverminderung bleibt aber nicht ohne Wirkung auf die Tier- und Pflanzenwelt. Außerdem ist aber die Armut an Holzgewächsen in Europa noch durch die gegenwärtigen meteoro» logischen Verhältnisse, speziell durch die Verteilung der atmosphäri- scheu Niederschlägt bedingt. Während in Amerika die Regenzeit mit dem Höhepunkt des Pflanzenlebens zusammenfällt, haben wtr den meisten Regen im Frühjahr und Herbst, und die Pflanzen müssen im beißen Sommer von dem zehren, was ihnen au» d«N anderen Jahreszeiten an Feuchtigkeit übrig geblieben ist. tar»«l»Buch»nut«re' u.Veriap«aiurolt Prnii Singer»i£o. Berlin SVII,"