Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 17. Dienstag den 25 Januar. 1910 UlaAbtud DnBoten.) it] Im JVamen des Gefctzes. Von HanS Zyan. Gewv'lg sagte kein Wort der Begrüßung, sah seinen Sohn gar nicht an, wandte sich nur an die Frau: „Was ist denn los, Mutta?" Die Frau, deren Schwäche für all dieses Ungemach nur dieses eine Mittel fand, weinte. Und schluchzend sagte sie: „Unser... unser... Jeorch is wieder dal..." „So." sagte der Alte, jetzt erst den jungen Burschen an- blickend, mit einer Art bitterer Ironie. „Unsa Jeorch II... na, dis' man scheen, diß se Dir nich jleich janz und jar drinbehalten haben I... un nu willste wieder hier wohnen un Dir rumdreiben wie früher... un faule Zicken machen, bis se Dir Wieda bei'n Kanthaken haben un bis De Wieda drinsitzen dhust!... Ja, nich wah', det willste?" All dem hielt der Knopfdrücker mit starrem Auge stand. nur seine Hals- und Kinnmuskeln strafften sich. Er hatte, hier vielleicht mehr als an irgendeinem anderen Ort. das Gefühl, gefehlt und, die ihm nahe standen, aufs bitterste ge- kränkt zu haben. So schwieg er. Aber der Vater hätte nun aufhören sollen, ihn zu reizen. Doch der dachte vorläufig nicht daran. „Et frägt sich bloß," fuhr er fort,„wat De nu dis nächste- mal for'n Ding drehst!... So wie Du jewachsen bist. kannste noch weit kommen!... Un de Hauptsache is, det De jleich wieder uff'n Athletenboden jehst und Deine Muskeln ausbilden dhust, det is vor allen Dingen de Hauptsache! Denn kannste ooch mal, wenn't nottut. so'n Kriminalbeamten bei de Pape fassen!... Denn kann Dir keena'wat un Du bist Meesta!..." Das war schon seit langer Zeit Vater Hellwigs größter Aerger: der Athletensport! Er hielt diese Uebungen für den Verderb der jungen Leute und für den Anfang aller häßlichen Laster. In einer Zeit aufgewachsen, die als einzige Muskel- Übung die körperliche Arbeit kannte und wert hielt, fehlte ihm jedes Verständnis für Sport und jugendliche Kraftspiele. Auch hatte er gehört, daß solche Veranstaltungen vielfach von Zuhältern besucht und gegründet werden, und er lieh nun seiner festen Ueberzeugung Worte, als er jetzt sagte: „Die Athletengefchichte, det wa Dein Ruin! Wie De damit anjefangen hast, da wa't ooch Ebbe mit Dein'n an- sten'jen Charakter!... Un det is ooch se natierlich: sage mir, mit wenste umjehst. un ick wer Dir sagen, wat De bist!... ja, ja, jrinse man. Du dummer Bengel, jrinse man noch!... ick will meinen Mund nich zum Bösen ufftun, aber..." „Na, ick finde. Du hast nu ooch jenuch jeredtl" meinte Georg, die Lippen verziehend mit einem verkniffenen Lächeln. „So... jenuch Hab' ick jeredt?... ick habe jenuch jeredt..." Frau Hellwig, die stillweinend in dem Korblehnstuhl am Fenster gesessen hatte, stand voller Angst auf. „Dadrieber hast Du Da' jarkeen Urteil zu alauben!" schrie der Alte,„nich im jeringsten nich. vastehste?... Du Rotzlöffell Du Lausejunge, Du!... Du Verbrecher!!..." Der Sohn war rasch einen Schritt vorgetreten, als wollte er sich auf seinen Vater stürzen, aber er bezwang sich, die Mutter hätte gar nicht dazwischen springen und seinen Hals umfassen brauchen. Der Alte hatte seine kurze, gedrungene Figur mit der breiten Brust, in der wohl Mut wohnen mochte, hochaufgereckt, als erwarte er den Angriff. Nun, wie der Sohn ruhig blieb und fast weich wurde im Arm der Mutter, da kam auch dem Buchbindermeister ein Gefühl, als dürfe er den Zwist nicht bis zum Ende treiben, er dachte an Ella. Die war fort, er hörte nichts mehr von ihr, und es gab doch Stunden, wo heim- lich die Sehnsucht in sein Innerstes schlich, wo Reue an ihm nagte, daß er sie damals hinausgeprügelt hatte in die Nacht. Nur ein gutes Wort hätte Georg jetzt geben brauchen, ein Blick, eine Miene vielleicht hätte genügt, um den Vater um- Lustimmen und zu versöhnen. Aber in dem Gefühl seiner Kraft, in dem Trotz gegen alles, was ihm befehlen, ihn Hofmeistern wollte, sprach Georg das Wort nicht. Nur seiner Mutter zu Liebe blieb er noch einen Augenblick. Dann nahm er seine Kopfbedeckung und ging, von der weinenden Frau gefolgt, während der alte Hellwig zurückblieb und sich über die Schlechtigkeit seiner Kinder entrüstete. Der Alte schritt dabei im Zimmer hin und her, nahm seinen Hut auf, legte ihn wieder hin und war ganz un» schlüssig. So kam er an dem kleinen Spiegel vorbei: seine wässerigen Augen überflogen den schon ergrauenden Kopf mit den groben, hartnäckigen Zügen: ein schreckliches Gefühl der Unsicherheit und Einsamkeit bemächtigte sich des alternden Mannes und er fühlte, daß es ihm heiß aufstieg in der Brust. Aber er bezwang diese Weichheit, die ihm so selten nahte, setzte rasch den Hut auf und ging an seiner Frau vorbei, die eben wieder hereinkam, zur Tür hinaus. Georg stand noch unten im Hauseingang. Auch ihm war weh, so weh, wie lange nicht mehr in seinem jungen Leben. Drinnen in der einsamen Gefangenenzelle hatte ihn diese Voraussicht erschreckt: er würde keine Heimat mehr haben, der Vater würde ihn nicht mehr sehen wollen... Nun war's so weit; an diesem kalten, windigen Oktoberabend stand er auf der Straße wie ein herrenloser Hund— keinen Pfennig Geld in der Tasche und vorläufig auch noch keine Arbeit... Wo würde er heute schlafen und wovon sich morgen was zu essen kaufen?... Gekräftigt hatte ihn der Aufenthalt im Gefängnis nicht, und mit einer Nervosität, die ihm früher fremd war, horchte er auf den Lärm der jetzt fast dunklen Straße. Sein Vater trat aus dem Haus. Georg wandte sich ab, mehr noch aus Scham, als weil er böse war auf den Alten. Der räusperte sich, spuckte aus und blieb stehen. Da konnte Georg nicht anders, er mußte sich umwenden. Und in dem Augenblicke, wo der eine darauf wartete, daß der andere das erste Wort sprechen sollte, flog es mit einem hellen, jauchzenden Schrei an dem jungen Manne empor, zwei Kindcrarme umschlangen ihn, und die kleine Mascha jubelte? „Jeorch! Jeorch!... unsa Jeorch is Wieda da!... Warum wahste denn so lange nich bei uns. Du!... Du!... Fritze! Fritze!" Sie wandte sich zurück, zu des Buchbinder- meisters Jüngsten, der jetzt auch herbeilief vom Spielen, während ein paar Kameraden von weitem stehen blieben. «Du?... unsa Jeorch is Wieda da!" Der Knopfdrücker hob sie hoch, beide. Auf jeden Arm nahm er eins und ließ sich von den roten Mäulchen ab- wechselnd küssen: sprechen konnte er nicht, die großen Tränen rannten ihm über die Wangen. „Na, laßt man noch was von ihm übrig!" sagte der Buch- bindermeister, und seine Stimme klang heiser,„un Du, komm 'man wieba mit ruff, Jeorch, wir müssen doch Abendbrot essen!" Der Sohn wollte sich sträuben, aber die Kleinen zogen ihn fort.... Und heimlich war Georg Hellwig auch froh, daß er die Nacht nicht mit knurrendem Magen auf der Straße zubringen mußte. Der Alte war zufrieden und die Mutter selig. Als man gegessen hatte— ganz feierlich in der Wohn- stube, während doch sonst die Familie ihre Mahlzeiten in der Küche einnahm— und die Kinder zu Bett gebracht waren, da mußte Georg von seinen Leiden im Gefängnis erzählen, Frau Hellwig nahm seine Hand und streichelte sie mit nassen Augen, wie Georg mit rollenden Augen und ver- kniffenen Lippen von der Ungerechtigkeit der Richter sprach. Aber selbst der alte Buchbindermeister empörte sich,� als er von der schimpflichen Behandlung seines Sohnes im Ge- fängnis hörte....„Is denn dis'ne Art un Weise,'n Menschen, der sozusagen jar nichts jetan hat, zu maltretiercn! Da muß ma ja schließlich Sozialdemokrat wer'n!... Und wenn sich da einer widersetzt un schlägt s'on Kerl, so'n Je- fängnisuffseher nieda, kann man'n denn det so iebel nehmen?!"... Große, entrüstete Rauchwolken aus seiner Zigarre passend, dachte Vater Hellwig über das Schicksal seines Sohnes nach und über die Möglichkeit, ihm eine recht ekla- tante Genugtuung zu geben. -- Und auf einmal hatte er es. er stand gewichtig auf, schlug mit der linken Faust auf den Tisch und sagte: „Weißte was!... Jetzt nimniste Deinen Deckel und wir jehn rieber zu Markgrafen!... Da is Heike„Qualm- tute" uud da foll'n se seh'n, daß Du Wieda da bist!... Un- glück kann jeda mal ham, und wenn De sonst nischt weita jemacht hast, wie dis Monojramm aus de Uhr. das is ieba- Haupt nischt, wofor se eenen bestrafen kenn'!... Dis is'ne Unjcrechtigtkeit!... und soja'ne janz jroße!.. Den Knopfdrücker lockte es nicht übermäßig, zu den alten Handwerksmeistern und Krautern in den Weißbierkeller hinunterzusteigen. Aber daß er dadurch, daß er an Vaters Seite dort eintrat, am besten rehabiliert werden würde, das leuchtete ihm ein: deshalb ging er gern mit. Wie sie schweigend über die Straße schritten, hatte der Sohn das Gefühl, der Vater dächte an Ella: und er fühle sich schuldbewußt, dem Bruder gegenüber, der nun doch wieder aufgenommen worden war in die Familie, obwohl mehr und Schlimmeres mit ihm passiert war, wie mit dem armen Mädel... Der alte Hellwig dachte aber an ganz andere Dinge: Ter Wagemut, der ihn vorhin zu dem Versprechen getrieben hatte, er wollte mit seinem aus dem Gefängnis zurückgekehrten Sohne in den Nauchklub„Qualmtute" zu seinen alten Freunden und Stamnitischkollegen gehen, der war schon wieder bedenklich im schwinden. Er hätte fetzt gern den Rückzug angetreten, aber er genierte sich vor Georg. So ta»pten sie denn die Kellertreppe hinunter und gingen durch den Schankraum in das Seitenzimmer bei Markgraf. In dem vom Gasglühlicht hellerleuchteten Raum herrschte der spezifische Duft dieser Kellerlokale: Die Weiße mischte sich da mit dem Tabak, und der Sechserkäse, die„Jold- leiste", bildete sozusagen die Dominante in einer Wolke von Gerüchen.... lFortsetzung folgt. 1 (?!aSdruck verr-itcn.Z Schick lal. Von M. Andersen-Nexö. Oke Due zitterte heute noch mehr als sonst mit der Hand. Von der gemeinsamen Schüssel, die mitten aus dem Tische stand, führte eine Milchstraße hinaus zur Tischkante und über Öles schöne Weste bis zum Mund hinauf. Auf jedem Heimweg streute der Löffel ein wenig hinter sich, als wolle er sich den Rückweg zur Schüssel sichern. So oft die Weste ihr Teil mitbekam, sandte Gjarta ihrem Manne einen zornigen Blick zu, und Ole beeilte sich, mit dem Handballen nachzntrocknen. Milch mit Klötzen war übrigens Oles Leibgericht, nur kam eZ ihm schwer an, demselben beizukommcn. Gjartas Klötze waren hart und hatten einen schleimigen Ueberzug, und Oles Gaumen konnte auf ihnen keinen rechten Halt gewinnen; sie rutschten in die Backe hinauf und in den Mund zurück, wieviel er auch pickte und hackte. Keiner sprach, aber die Kauwerkzeuge brachten einen Lärm hervor, daß es klang wie eine ganze Werkstatt. Und wenn Ole sich rechte Mühe gab. dann verdrehte er die Augen im Kopf wie ein Hund, der an einem Eingeweide zerrt. Plötzlich fuhr ihm ein Knödel zum Mund heraus und in die Schüssel zurück, wo er wie eine Bombe niederschlug. Ole sah verdutzt drein, der Knecht aber brach in ein Gelächter aus und Gjartä mit ihm, und nun wälzte sich auch Ole vor Lachen mit dem ganzen Körper.„Der ist retour gereist", sagte er. mit einem etwas verlegenen Blick—„wo zum Kuckuck bist du geblieben", und er rührte mit seinem Löffel rings in der Schüssel herum in komischer Unbehilflichkcit. „Hättest ein Zeichen hineinbeitzen sollen", sagte Gjarta. Das war ein Hieb aus seine Zahnlosigkeit „Wollt ich aum, hat mir aber keine Zeit gelassen. Mit der unteren Seite freilich kann ich besser hineinbeitzen, das weißt Du ja. Aber wie gesagt, es mutz seine Zeit haben." „Pfui, schämen solltest Du Dich— bei Tisch solche Reden zu führen", sagte Gjarta kopfschüttelnd. Aber lachen mutzte sie doch. Ole saß noch ein wenig und führte unentschlossen die Hand hin und her. Dann steckte er resolut den leeren Hornlöffel in den Mund, drehte ihn ein paarmal darin herum, trocknete ihn dann mit dem Daumen ab und schmiß ihn in die Tischlade.„Etzt Ihr nur weiter", sagte er und stand auf.„Ich mutz mich auf die Keine machen." Der Knecht löffelte weiter, Gjarta aber legte den Löffel nieder, um ihrem Mann an die Hand zu gehen. Ole war klein und welk, aber rasch in seinen Bewegungen. Der Kopf war kahl, Gesicht und Kinn glattrasiert, aber ganz hinten «uf dem Halse trug er einen langen Bartkranz, der von Ohr zu Ohr ging und die Körperwärme unter den Kleidern zurück- halten sollte. Er hatte Latzhosen mit weißen Beinknöpfen und eine hochgeknöpfte Weste, und nun half ihm Gjarta in den Staatsfrack hinein; der war aus blauem Soldatentuch und ging im Genick hoch hinauf, als hätte er längere Zeit am Strupfen gehangen. „Kannst Du nicht stillestehenl" sagte Gjarta, während sie ihm den Bart unter die Weste stopfte. Aber Ole konnte die Beine nicht stille halten, er hatte das Fieber. Gjarta näßte eine« Zipfel ihrer Schürze und rieb ihm an einigen Stellen das Gesicht ab. „So", sagte sie und gab ihm einen letzten Strich,„jetzt glänzt Du wie eine Kröte am Wiesenzaun. Wembs halb dunkel ist." „Na, und Ihr kommt wohl miteinander aus?" fragte er und schaute pfiffig von einem zum andern.„Für Gjarta steh ich gut, wenn sie am rechten Zipfel genommen wird; die mutz man nach den Haaren streichen wie die Katzen." Er zwickte fie übermütig in die Seite. „Ach was, halt Du lieber den Mund, Du altes Schnattermaul, und schau, daß Du weiterkommst", meinte Gjarta ärgerlich. „Das kann sie halt nicht leiden", lachte Ole und schnipste mit den Fingern in die Luft.„Nein, in dieser Art komm ihr nicht, sonst gibts eines über den Brotladen. Na, Peter," fügte er ernst hinzu,„Du gehst ihr doch an die Hand— mit Wasser oder was sie sonst brauchen kann." „Tu ich schon", erwiderte der Knecht still und ging hinaus, die Pferde aus dem Stall zu holen. Ole Due stand und schaute ihm nach, während Gjarta die Schnalle am Wettermantel richtete.„Ein Prachtkerl ist er schon, der Peter", sagte er,„hätten wir eine Tochter, bätt' er sie kriegen müssen. Da hätten fie meinethalben den Hos morgen nehmen können." Gjarta brummte vor sich hin; sie hätte nicht das geringsts Verlangen, aufs Altenteil zu kommen. Nun kützte er sie und trippelte hinaus. Die Spannung der Stadtreise leuchtete ihm aus den Augen, die Arme spreizten sich nacki den Seiten, und er summte lerse. Die ganze Erscheinung erinnerte an die eines großen Kindes, das etwas Ungewöhnlichem entgegengeht. Ein Gedanke dieser Art streifte Gjarta.„Er wird kindisch, der alte Kracherl" murmelte fie vor sich hin. während sie sich daranmachte, den Tisch abzuräumen. Der Knecht spannte die mittelgroßen bornholmschcn Pferde vor. Ole lief neben dem Wagen hin und her und sah äußerst zufrieden aus. Unaufhörlich wanderte die Zungenspitze zwischen den erdsleckigen Lippen hin und her.„Sollen wir noch ein paar Säcke darauflegen?" fragte er und schüttelte an den Wagen. „Glaubst Du, es geht?" Der Knecht meinte schon.„Der Bauer ist ja ein wachsamer Kutscker", sagte er. Sie gingen auf den Tennenboden. Ole half ihm die Kartoffel- säcke über den Nacken schmeißen und machte die Wege hin und zurück mit ihm, um aufzupassen, daß er die Säcke nicht zu fest in den Wagen werfe. Es zuckte in Oles welkem Gesicht, wenn Peter so fest anpackte— er kannte eben seine Kräfte nicht! Während Peter den Eimer mit der Wagenschmiere zwischen die Hinterräder hing, riß Ole prüfend an den Wagensträngen und ging dann hinein, um einen letzten Schluck zu nehmen und einen letzten Blick von Gjarta zu erhaschen, ehe er sich der Landstraße übergab. Gjarta war nicht da, und er wollte nicht extra ins Waschhaus hinauslaufen; ein Kuß wäre nicht übel gewesen, aber man muß mit den Weibsbildern nicht zu viel Wesens mackcn. Er öffnete den Wandschrank, leerte die Kqndisschale in die Mantel- tasche, steckte ein Stück zwischen die Kiefer und schlug dann das große ockergelbe Halstuch über das Gesiebt hinauf. Draußen stand der Knecht und hielt wartend die Zügel, das sah ganz herrschaftlich aus, wirklich ganz herrsch« itlicki. Fa. ja!——— Im Waschhaus hantierte Gjarta, guckte aber jeden Augenblick hinaus. Nach einiger Zeit kam sie wieder in die Steche gestürzt und fand Ole drin stehen, beide Hände auf die Tischplatte gestützt, blind hinausstarrend mit zitterndem Kopfe und zusammengesunken wie ein alter Gaul. „Stehst Du noch da?" rief sie barsch.„Du bist doch ein rechter Trödelhansl" Da stapfte Ole hinaus und der alte Leiter- wagen knirschte aus seinen Holzachsen zum Hofe hinaus. Der Kuecbt stand an der Giebelwand und sah dem Fuhrtvcrk nach. Tief schnitten die Räder in den Sand, der Scbmiereimer schaukelte unter dem Wagen, der Wagen selbst schaukelte und Ole schaukelte. Das Ganze wiegte sich stumpf und regelmäßig wie der Kopf eines Schwachsinnigen. Endlich verschwanden sie in der Föhrenpflanzung. Peter stand noch immer da und strich sich mit dem Daumen über das fleischige Kinn. Sein dünnbehaartcr Schädel war un- gewöhnlich groß, aber das meiste stand leer; er war vorausblickend gebaut, wie m Erwartung eines großen Zuwachses. Das bißchen Verstand, Xdas er besaß, lugte ihm neugierig auS den Augen und machte das Ganze ein wenig bewohnter, und seine wohlgenährte Gestalt strahlte Gutmütigkeit aus und den Wunsch, fich's behaglich zu machen. Er schlenderte über den Hof und in die Stube hinein mit klappernden HolzschuHcn, trank einen Schluck auS dem gelben Ton- krug und setzte sich dann hin. seine Strümpfe beim Kachelofen zu trocknen. Der Ofen spie, so oft die nasse Fußflächc ihn berührte, und ein Geruch verbrannter Wolle verbreitete sich in der Stube. Gjarta ging draußen über den Hof und in die Häckseltenne fjinein; sie suchte ihn wohl. Er aber saß so gut, daß er nicht auf- stehen mochte: sie fand ja den Weg zu ihm! Da kam sie zurück und ging wieder in das Waschhaus hinein. Die Holzschuhe klapperten fleißig. Wasserplätschern scholl herüber und hie und da hörte man, wie eine Feuerzange an Eisen schlug. Dann trat Gjarta ein. .Du sitzt hier, Peter I" sagte sie, sich an den Ofen stellend, während ihre aufgeschürzten Röcke von Wasser trieften.„Tu der- sengst ja die Socken." „Ich fror an den Waden— sie sind naß." „Du kannst ein Paar trockene Socken von Ole haben, aber laß es ihn nicht merken, er hat Augen wie ein Satan." Sie zog die Lade unter dem Kachelofen auf, wo das Wollzeug verwahrt war, nahm ein paar dicke Socken hervor und warf sie ihm in den Scboß. Dann stand sie neben ihm und sah ihm zu, wie er wechselte. „Ein paar ordentliche Heckenpfähle hast Du, meiner Treu", sagte fie. „Fa. die Beine, die halten wohl, Wenn'S weiter nichts ist, wovor Du bange bist... Gjarta lachte verblümt und trat zum Tisch.„Hat Ole wahr- haftigengott doch wieder ausgeschüttet", sagte sie ärgerlich und strich das Bier über die Tischkante wieder in den Krug zurück;„er ist doch schon ein wenig zittrig." „Ist ja auch bald ein alter Kampel", meinte Peter mitleidig. „Fünfundfünfzig, das ist doch nicht so schrecklich, der kann neunzig Jahre alt werden. Wenn Leute erst in dem Alter sind, dann ist kein Ende mit ihnen." Peter antwortete nicht, sondern saß da, in ein Rechenexempel vertieft.„Bis zu der Zeit bist Du ein altes Weib, Gjarta", sagte er endlich. „Ja, und Du hast auch das Beste hinter Dir." Eine Weile schwiegen fie beide. „Na, jetzt wollen wir Kaffee trinken", sagte Gjarta dann und ging zum Kessel. T« Kafkce bestand wesentlich aus nach Brauch und Sitte grundig gekochtem Roggen und wurde gleich aus dem Kupferkessel eingeschenkt. Gjarta holte von dem Gestell im Alkoven eine Schüssel Milch, löste mit dem Finger von den Seiten den Rahm und schäumte reichlich in die Tassen. Die Kandisschale war leer—„das ist Ole gewesenl" sagte sie ärgerlich. „Ja. der wird eben auf seine alten Tage wieder zum Wickel- kind— kann einen schier nicht wundern", meinte Peter. Gjarta erwiderte nichts, sondern ging wieder zum Alkoven und kam mit einem Sack Kandis zurück. Sie schüttete ein paar große Stücke auf den Tisch vor den Knecht hin, der sie eins nach dem anderen in den Mund steckte, zerbiß und mit offenem Munde in die Zuckerschale hinabfallen lieh. „Schön Tank für den Kaffee", sagte Peter und stand auf „— und jetzt Hütt ich wohl noch gern einen Schlecker unter der Nase." Er beugte sich über seine Hausmutter und trocknete sich begehrlich den Mund. Aber Gjarta setzte ihm eine geballte Faust vor die Brust. „Bist Du schlecklustig, so schleck die Gefleckte auf eine gewisse Stelle", sagte fie hart.„So lange Ole und ich zusammengehen, will ich ihm auch gcrad in die Augen schauen können. Ich bin ein ordentlich Weib, daß Du's weißt." Sie sah ihm unbeugsam in die Augen. Peter aber senkte den Blick wie ein Hund.«Wir könntcn's so fein haben", murmelte er. Gjarta antwortete nicht, sondern ging zu ihrer Wäsche. Er schlenderte wieder hinaus und herum nach der Südseite, wo er sich daran machte, die Kartoffelgrube zu schließen. Die Miß- stimmung lag über ihm als ein dumpfer Druck, aber er legte sich keine Rechenschaft darüber ab; auch über ihre Ursache nicht. Das Ganze setzte sich bloß in einen Refrain in ihm um, der den Kern festhielt—; seine Natur verlangte nach ihrl— Damit war eigcnt- lieh alles gesagt; denn was geschehen mußte, das geschah. Es war schneedicke Luft; bleischwer und handgreiflich fast hing sie dicht um jeden Gegenstand. Es lag ein stilles, sicheres Beharren über allem, was das Festland trug, und seewärts ruhten Luft und Waffer fest ineinander. Einen Büchsenschuß unterhalb lag das weiße User, wo Saatkrähen und blaue Dohlen zänkisch schreiend um etwas stritten— vielleicht um die angeschwemmte Leiche eines Ertrunkenen. Es durchlief ihn ein wenig, aber dennoch ging er hinab, um nachzusehen, was eS sei. Es war ein Schwein niit einer klaffenden Wunde in der Seite, das vermutlich von Bord irgendeiner Schute gespült worden war. Er fühlte sich erleichtert; es waren mehr als einmal Leichen hier gefunden worden, häßlich verzerrte Leichen, die aussahen als konnten sie nie mehr in ihren Gräbern Ruhe finden. Die Raubvögel flogen nun längZ der weißen Küstenlinie dahin, mit schweren Schlägen in der schweren Luft, und das Meer lag da und rollte bedächtig hinein über den Sand und glitt wieder zurück, wie ein großes Tier, das sich im Halbschlafe leckt. All dies zusammen wirkte beruhigend wie das Streicheln einer Hand, die stärker ist als wir selbst. Seine Natur verlangte nach ihr, und was geschehen mußte, das geschah. Er warf das Schwein über den Nacken und ging heimwärts — man konnte es zu Schmies und grüner Seife verwenden, lFmttsetzMP folgt.) Enton Graff. (Ausstellung bei Schulte.) Man muß die Zeit in Betracht ziehen, aus der der Maker stammt und in der er wirkte. Achtzebntes Jahrhundert! Das heißt: der Beginn einer neuen Epoche, die sich darin betätigt, den RealiS» mus zu erobern. Der Geist des Rokoko hatte seine blendenden Effekte, die uns jetzt wieder reizen, ausgegeben. Watteau, Chardin, Laueret, dann die beiden, in denen das binsterbende Temperament des Zeitalters noch einmal sinnlicher aufflackerte, Boucher und Fra- gonard hatte» ausgespielt. Greuze, der Schmachtende. Frau Vigöe- Lebrun, die Grazie noch mit Natürlichkeit zu vereinen wußte, bei der sich aber schon das Gegenwarrsgeiühl meldet, folgten. Nachdem Tiepolo noch einmal die dekorative Schönheit des Rokoko hatte auf- leben lassen, sank die vergangene Kunst zu Asche zusammen. Eng» land bestieg den Thron. Es trat zum ersten Male tonangebend in die Reihe der kunstschoffenden Völler. Damit war das Schicksal der Kunst besiegelt. Ter Realismus siegte. Die bürgerliche Note wurde Trumps. HogarthS scharfe Charakteristik, die das Alltagsleben in seinen markanten Typen er- faßte, Reynolds, der die Aristokraten porträtierte, Lawrence, der die zarte Frauenschönheit englischer Ladies besang, dann die Landschafter Morland, Wilson und andere— sie alle reden von England, von Englands Menschen, von Englands Natur. Eine» aber war ihnen geblieben: die Tradition. Im Porträt schloffen sie sich eng an die Italiener an. Tizian war ihr Vorbild; noch mehr der schwächere Schüler, Anton van Dyck. So stark geben sie dem Einfluß nach, daß die Komposition, die Farbengebung, dieser biauntonige Hintergrund, dieses Weiche voller Mollakkorde bei ihnen typisch wiederlehrt. Ebenso stark schloffen sich die Landschaften an Hollands Kleinkünstler an. deren intime Beobachtung dem Engländer, der für die Natur schwärmt, zusagte, wie auch die Lage der Insel zum Fesilande Berührungspuilkte und Einfluß von selbst gab. Und Deutschland? Die AufklärungSzeit setzte ein. Auch hier begann der Karnpf der Natur gegen die Etikette. Frankreich war nicht mehr vorbildlich. England wurde gerühmt. Natürlichkeit— das war die Losung. Man will mit Betonung: bürgerlich sein. Es ist die Zeit, in der der Werther erscheint; 1774. Schiller schreibt die Räuber. Und so emanzipiert sich auch die Kunst. Es ist nabeliegend. daß diese Note dank der ideologischen Ber- anlagung der Deutschen hier noch ausgeprägter wurde. Auch waren die Fähigkeiten, die Kultur nicht so verseinert, daß nicht ein ae- legentlicheS Entgleisen ins Flache. Vulgäre vorkommen konnte. Dafür sorgte denn die neue Entdeckung der Antike(Herkulanum und Pompeji. Winckelmann!) für einen Eigenbalt, der dann wieder, alS neue Lösung eigener Instinkte, die Romantik auf dem Fuße folgte. In dieses Milieu trat Graff. Sem Leben ist begrenzt durch die Jahre 1736—1813. Was er als Erbteil Übernahm, war auch noch eine Tradition im Malerischen, eine Schulung der Technik, die seinem Werk im ganzen ein Niveau sicherte. Das Neue gab ihm seine Zeit: die Auffassung des Bürgerlichen. So ist es natürlich, daß diese Zeit zum Porträt hinstrebte. Der Mensch hatte das Jnreresse, ihn wollte man kennen lernen. Graff hat nur Porträts gemalt. Etwa lOöö. die Zeichnungen nicht gerechnet, die auch einige Hundert betragen. Eine respektable Leistung, und es ist selbstverständlich, daß nicht alles gleichen Wertes ein kann. Am IS. November 1736 ist Graff zu Winterthur in der Schweiz geboren. Sein Vater war Zinngießer. Nachdem er in der Heimat schon Unterricht in der Malerei genossen haue, kam er nach AugL- bürg, um dort weiter zu lernen. 1737 ging er nack Ansbach, immer in der Lehre, 1739 sah ihn Augsburg wieder und er begann nun, sich nach Aufträgen umzusehen, die er auch bald erhielt. Eni- scheidend war für ihn dann der Ruf nach Dresden an die dortige, neugegründete Akademie. 1766 wurde er, nachdem er ein Probestück geliefert, definitiv nach Dresden berufen. Hier blieb er bis an fem Lebensende. Alles, was in Leipzig. Dresden, Berlin geschichtlich, politisch, künstlerisch von Bedeuiung war, hat er porträtiert. Einer einer besten Freunde war Chodowiecki in Berlin. Nur den Wcimareaner Kreis hat er nicht gesehen; Goethe und die Persönlich- keiten von Weimar sind nicht in Bildnissen von seiner.Hand erhalten. Schiller hat ihm gesessen; es ist das bekannte Bildnis im Körner- museum, das den Dichter der„Räuber" etwas sanft darstellt, mit der elegischen Handhaltung, die de» Kopf stützt. Aber sonst finden wir in Graffs Porträrgalerie Gellert, Bodmer, Geßncr, Herder, Wieland, Lessing. Bürger. ES ist interessant, wie Graff vorging. Er malt nur ganz selten, ganze Figur. Er konzenrnert alles auf den Kopf, und im Kopf auf Stirn und Augen. Namentlich die Augen sprüher' von Leben. Auch der Mund, die Lippen baben eine beredte Sprache. Graff »cht den geistigen Ausdruck. Er gehl mehr illustrativ, als rein— nraleriiÄ vor. Seine Bildnisse haben jene sprechende Natürlichkeit und Aehnlichkeit, die den Laien verblüfft, und eS spricht ür die Tüchtigkeit seines Könnens, daß der Kenner das bestätigt. Wohl hat Graff noch die Tradition überkommen, die die Engländer in der flüssigen Behandlung der Farbe weitergeben. Aber er ist härter, norddeutscher. Er ist mehr Plastiker, er modelliert die Schädel ium Greifen heraus. Aber man muß etwa das Beiwerk, eine Uni- orm, einen wehenden Schal, Kopfschmuck betrachten, um zu de» merken, mit weicher Delikatesse er solche Nebensächlichkeiten nebenher behandelt. Es ist Kultur in ihm. Daß wir dies jetzt noch sagen können, beweist hinreichend seine Künstlerschaft. K E. W. weiteres von den englifchen Madien. Den urwüchsigen Humor der Engländer, der zu Shakespeares Zeiten zun» höchsten Ausdruck kam, hat selbst das harte und nüwterne Regiment des KapiralismuS nicht ausrollen können. Es steckt in diesem Volke eine ausgelassene, knabenhafte Laune, die sehr scharf von der Liebe zur biisigen Satire absticht, die man in Ländern findet, wo der Stumpssinn des Militarismus und der Bureaukratie den Volkshumor zu ätzenden Repressalien herausfordert. Selbst bei diesen Wahlen, in denen die politische Leidenschaft so mächtig entflammt ist, konnte der Humor nicht unterdrückt werden. Die tollen Spähe, die fich das Volk mit den agitierenden Lords erlaubte, sind ja jetzt allgemein bekannt und die Geschichte von dem schlagfertigen Kandidaten, der den Kohlkopf, der nach ihm geworfen wurde, mit den Mörlen aufhob:.Ich glaube, einer meiner Gegner hat den Kopf verloren", scheint schon bis Timbultu gedrungen zu fein. Den wirksamsten komischen Kontrast zu den stürmischen und ernsten Ereignissen verdanke» wir den„baalclsro"(Hechlem), Leuten die in den Wählerversammlungen den feindlichen Kandidaten durch verfängliche Fragen in Verwirrung zu bringen suchen. Die Schotten sind die Meister in der Hechelei. So sagte kürzlich ein Hechler einem konservativen Kandidaten in Glasgow, was er, falls er gewählt würde, für die Heringsfischerei im Elyde zu tun gedächte. Der Kandidat, der aus einer anderen Gegend kam und den Elyde nicht näher kannte, versicherte treu- herzig, dieser Frage seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken zu wollen, eine Erklärung, die von der Versammlung mir stürmischer Heiterkeit aufgenommen wurde. Der Elyde ist nämlich ein total verseuchter Fluh, in dem ein zarter Fisch wie der Hering kaum eine Sekunde leben könnte.— Eine heitere Geschichte kommt aus Dundee, wo sich die Kandidaten der Arbeiterpartei und der konservativen Partei mit Plakaten bekämpften. Wie der.Lab our Lea der" berichlet. hatten beide Parteielt ihr Komiteezimmer im selben Gebäude, und zwar befand sich das Zimmer der Arbeiterpartei gerade über dem der Konservativen. Der Arbeiterkandidat hängte nun ein grosses Schild ans, das die Worte trug:„Haltet die LebcnSmittclbefteuerer aus dem Parlament I" Unten zeigten darauf die Konservativen auch ein grosses Scbild, worauf die Worte fwnden:„Indem Ihr für Tarifreform stimmt," so dass jetzt draussen zu lesen war:„Haltet die Lebensmittelbestenerer auS dein Parlament I"„Indem Ihr für Tarifreforin stimmt." Run begann der Krieg. Die Arbeiterparteiler zogen ihr Schild zurück und hängten ein anderes auS, das folgende Inschrift trug: „Ihr werdet Euer Heim zugrunde richten." Die geschlagenen Konservativen gaben ihrem Schilde darauf folgenden Text: Wenn Ihr nicht für Tarifteform stimmt." Die Antwort der Arbeiterparteiler war die Inschrift:„Ihr werdet Euer Heim retten". Jetzt strichen die Konservativen aus ihrem Schilde das Wörtchen„nicht" ans, was von oben dadurch beantwortet wurde, dass an die Stelle des Wortes„retten" die Wörter„zugrunde richten" gesetzt wurden. Die kombinierte Inschrift lautete schliess- lich:„Ihr tverdet Euer Heiin zugrunde richten, wenn Ihr für Tarif- reform stimmt". Als Balfour erklärte, dass unter Tarifreform die Brotpreise nicht nur nicht steigen, sondern inr Gegenteil sinken würden, machten sich seine Wähler in der City in folgender Weise darüber lustig. Am Tage nach der Balfourschen Rede war in der Londoner Börse ein Anschlag mit folgender Inschrift zu sehen:„Wenn bei einen, Zoll von zwei Schilling für den Quarter Weizen der Preis des BroteS um einen Farthing U'/s Pfennig) sinkt, wie hoch inuss dann der Zoll fei», mit das Brot umsonst zu bekommen? Wer dieses Problem richtig löst, bekommt eine deutsche Knackwurst." Ein sehr beliebtes Mittel, um den Gegner zu übertrumpfen, besieht darin, dass man sich seiner Bilder und Karikaturen bemächtigt, ltm sie für die eigenen Zwecke umzugestalten. Da ist zum Beispiel das ergreifende Bild der Konservativen, das ein Opfer des Frei- Handels, einen Arbeitslosen mit Familie, die der Verzweiflung nahe sind, darstellt. Die Liberalen haben das Bild kopiert; nur erscheint bei ihnen der offeneu Tür der Arbeiterwohnung der Zoll- einnehmer, Ar der erstaunten Familie mitteilt, er komme, um die Lebensnkittelzölle einzukassieren. Rot ist fast überall bei diesen Wahlen die Farbe der Konservativen. Ein ausländischer Sozialdeniokrat kann daher in die grötztc Ver- legenheit kommen. Es wird ihn eine grosse Ueberwindung kosten, all den Pseudogenossen mit der roten Rosette im Knopfloch nicht herzlich die Hand zu schütteln. Und wie wird es ihm erst zumute sein, wenn ihm an jeder Strassenecke ein Mann vertrauensvoll einen Zettel in die Hand drückt, der auf beiden Seiten in fetten Buchstaben die Losung trägt: Wählt rot I Wählt rot! Kleines Feuilleton. Geologisches. Die Erdbeben auf der Wanderschaft. Seit man den Erdbeben eine gründliche Erforschung zugewandt hat und nicht nur die grossen, von gewaltigen Verheerungen begleiteten Ereignisse dieser Art, sondern auch die geringeren Erschütterungen der Erdkruste studiert, ist der Verdacht enrstanden, dass die Herde dieser Erd« bewegungen und möglicherweise auch der vulkanischen Tättgkeit nicht an derselben Stelle bleiben, sondern langsam von Ost nach West wandern. Zu einer sicheren Feststellung war man jedoch bisher nicht gelangt, da die einzelnen genauer verfolgien Beispiele zu eindwand« freien Schlüsien nicht genüg«». Nunmehr hal Dr. Wehner in der „Physikalischen Zeilscdrist" den Versuch gemacht, diesem Vorgang nicht nur näher nacvzuspüren, sondern auch eine Erklärung dafür zu geben. Die Sacbe ist um so wichtiger, weil sie ein wesentliches Mittel dafür bieten würde, Erdbeben vorauszusagen. Um die Art dieser Wanderung zu zeigen, eignen sich Daten neuerer Zeit auS dem Mittclmeergebiet. Im Jahre l8M trat in Smyrna ein Erd» beben auf. 1881 auf der Insel KioS, 1888 in Athen, 1888 in Korinth, 1893 auf der Insel Zanre, zwischen 1893 und 1905 an anderen Stellen im Jonischen Meere, dann 1993, wie bs» kanni, in der Strasse von Messina. Es wäre nun zu ver» muten, dass weitere Erdbeben im Jahre 1914 in Palermo, 1952 an der spanischen Küste bei Alicante und 1972 an der portugiesischen Küste folgen werden. Aus diesem und zahlreichen anderen Fällen hatte Wehner den Schluss gezogen, dass die Wanderung der Erdbeben von Osten nach Westen durchschnitllich im Jahre 22 Minuten und 41.3 Sekunden beträgt, was im gewöhnlichen Längenmass für unsere Breiten ungefähr 50 Kilometer bedeuten würde. Nun könnte man an der Hand des gegebenen Beispiels einwenden, dass die zeillichen Abstände der erwähnten Erdbeben doch im Verhältnis viel grösser und auch unregelmässig sind. Es muss eben hinzugefügt werden, dass diese Wanderung durch den Eintritt eines erheblichen Erdbebens nur an den Stellen zum Ausdruck kommt, die zu den sogenannten Schüttergebicten ge- hören. das heissl auS irgendwelchen anderen natürlichen Gründen der Entstehimg eines Erdbebens besonders günstige Bedingungen bieten. Gebiete wie der Golf von Neapel oder die Strasse von Messina, die Küste von Portugal(Lissabon) sind in dieser Hinsicht längst berüchtigt. Die Erklärung jener angenommenen Wanderung der Erdbeben findet nun Wehuer in der Voraussetzung, dass der unter der festen Erdkruste liegende Erdkern, der an sich fest, aber von jener durch eme feurig° flüssige Schicht getrennt ist, für sich gleichfalls eine Wanderung oder Drehung vollführt. Diese Verschiebung ist selbstverständlich nur relativ, und man müßte eigentlich sagen, dass der feste Erdkern, der sich an sich natürlich in derselben Richtung dreht wie die Erdkruste, das heißt von Westen nach Osten, nur eine geringere Geschwindig» keil befitzt, und deshalb hinter dieser zurückbleibt. Daraus entsteht eine scheinbare Drehung des Erdkerns im Verhältnis zur Erdkruste in entgegengesetzter Richtung, also von Osten nach Westen, und zwar würde diese ihren Lauf einmal in 952 Jahren vollenden. In derselben Zeit würden die Erdbeben und Vulkan- ausbräche einmal um den Erdumfang herumwandern. Diesen Zu- sammenhang deutet Mehner daraus, dass sich in dem Erdkern aewisiermassen Ventile befinden, die den vulkanischen und anderen störenden Kräiten einen leichleren Ausgang gestatten, und wo diese bei ihrer Wanderung mit schwachen Steflcn in der Erdkruste zusammen- treffen, würde eben die Katastrophe entstehen. Physiologisches. Der Nährwert von Weizenbrot und Schwarz« b r o t wird � vielfach nicht richtig beurteilt. Wenn das Weizenbrot oft bevorzugt wird, so niag das zuni Teil daran liegen, dass man es für etwas Feineres hält. Im eigentlichen Nährwert besteht zwischen beiden Brotsorten nur ein recht geringer linterschied und jede besitzt ihre eigenen Vorzüge, Der Roggen enthält etwas mehr an löslichen Kohlewasierstoffen, der Weizen dafür etwas weniger Kleber. Die Gesamtheil der Eiweisskörper ist im Weizen» und Roggen« mehl ungefähr gleich. Auch die chemische Untersuchung vermag nur sehr geringfügige Unterschiede in der Zuiammensetziing von Roggen- und Weizenmehl festzustellen. Der nichl von Verwöhnung oder Em» bildung angekränkelte Mensch hält das Roggenbrot im allgemeinen für herzhafter, aber das ist eben Geschmackssache. Dagegen ist es ein unbestrittener Vorzug dieses Brotes, dass es sich besser hält. Ferner wirkt es anregend auf die Verdauung, nament» lich in der Form von Pumpernickel, der aus dem vollen Korn des Roggens hergestellt wird. Uebrigens wird man � abgesehen von der Geschmacksrichttmg— eines fortgesetzten Genusses von Weizen- bror weit schneller überdrüssig. Diese Fragen haben eine grosse welt- wirtschaftliche Bedeutung, weil man befürchtet, der Weizenvorrat der Erde könnte recht bald unzulänglich werden.(?) Unter diesen Um- ständen wäre es selbstverständlich eine Lebensfrage für Tausende, ohne irgendeine Schädigung der Gesundheit das Roggenbrot au die Stelle des'Weizenbrotes setzen zu können. Kkrantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärlS Buchdruckerei u.Peri«g»anstaltPaul Singer Lcio..Berlln2>äi.