Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 18. Mitttvoch c>en 26 Januar 1910 (ZZaSdrucl dervoleirl 18� Im l�amen cles Gcktzca. Von Hans H y a n. Am langen, blitzblank gescheuerten Tisch saßen bis jetzt fünf Mitglieder des Klubs im besten Geplauder, die sich um- blickten, und denen man ohne weiteres die Ueberraschung an- jah, als der Vater mit dem Sohne hereintrat. Der Buchbindermeister hatte sich für eine scherzhafte Auf- fasiung der ganzen Anlegenheit entschieden, mit welcher er aber wenig Anklang fand bei seinen Klubgcnossen. Denn als er sagte:„Na, da is a' Wieda, mein Jeorrichl... Ick wollte'n Eich doch mal vorstellen, det a' heil Wieda raus- jekommen is, aus Tejell...", da machten die sämtlichen vorhandenen Mitglieder der„Qualmtute" ein so ausge- sprochen dummes Gesicht, daß Bater und Sohn Hellwig sich am liebsten hundert Meilen weit weg gewünscht hätten. Nur der lange Ebert, ein Schlossermeister, der stets etwas, jetzt aber vor Verlegenheit ganz fürchterlich stotterte, reichte dem jungen Manne die Hand und meinte: „Na— d— d— d— die— Hauptsache•— i— i— i — is,— det Se wieder— d— d— d— d— da sind, junger Mann I— S— S— S— Sie— Sie haben woll" Und nun bemühte er sich, zu sagen, was Georg Wohl hätte, aber ehe ihm das gelang, nahm der Tischler Martens dds Wort und fing von den nächsten Reichstagswahlen zu sprechen an. Er wandte sich dabei an alle anderen, an den beiden Hellwigs sprach er geflissentlich vorbei. Und als sei das ein Signal für die übrigen, so ließen sie sämtlich in ihrem Gespräch die beiden Hellwigs links liegen. Bald kamen die übrigen Mitglieder des Vereins, dann wurde ein bißchen getuschelt und, wenn vielleicht im Anfang noch einer von den neuen Ankömmlingen das Wort an den alten Hellwig gerichtet hatte, nach fünf Minuten begriff auch der neue, worum es sich handelte, und schloß sich dem allgc- meinen Boykott an. Der Buchbinder blieb aus Trotz, obwohl ihm sein Sohn mehrfach zugeraunt hatte, sie beide oder wenigstens er wollte gehen. Schließlich wurde es dem Alten aber auch zu- viel, er erhob sich von seinem Platz und sagte: „Ick mechte mal'n paa' Mochte reden, wenn a' villeicht zuheeren wollt. ja?l..." Daraus klopfte der Vorsitzende, eben jener Tischler Martens, mit dem Hausschlüssel an sein Weißbierglas und sagte sehr förmlich:- „Unsa VaeinSmitjlied, Herr Hellwig, hat's Wocht!" „Ja, janz recht!" sagte der,„also, wat ick sagen wollte! Ick bin heite A'md hierhcrjekominen, in de Voraussetzung, det des hier freie, uffjeklärte Männa und keene zimperlichen ollen Jumpfern sind, mit die ick hier seit ville Jahre zu- samm'jesessen Habel"... Sein Sohn zog ihn am Rock, weil er die Nutzlosigkeit des väterlichen Beginnens voraussah. Aber der Alte wurde nur böse. „Nee, laß mirl... Ick will reden!... Also dadrum bin ick hcrjckoulm'I Un weil ick dachte. Ihr seid meine Freinde un nehmt Anteil an mir! Nich, det Ihr mir un meine Familje noch tiefer stoßen wollt, wie sie schon isl..." Er atmete tief auf und pausierte, als hoffe er immer noch, einen Anhänger und Verteidiger unter diesen Leuten zu finden. QDonn fuhr er fort: „Ihr wollt also nich?!... Ihr seid sone Pharisäer. wo jeder bloß Steine werfen kann, uff sein' Nächsten!... Na. meinswejen!... Denn erkläre ick hiermit, daß ick mit'n heitijen A'md aus'n Vaein austrete!... Mit sone Leite, wie Ihr seid, will ick nischt mehr zu tun haben!" Er erhob sich. Ein kleiner, bitckliger Schneider, so gewissermavcn der Harlekin des Vereins, der stand auch aus und sagte, sich spöttisch vor seinem früheren Kollegen verbeugend: „Bravo!... Bravissimo!.>. Wir bedanken uns für die Ehre!... Vielleicht treten Sie jetzt in den Verein zur l�'r-nng entladener Strafgefangener ein, Herr Hellwig! Der war mit Georg schon an der Tür. Er hörte noch, wie der stotternde Schlossermeister zu seinen Gunsten sprechen wollte und überschrieen wurde. Dem Jungen war's einen Augenblick, als sollte er zurückstürzen und einen von den Kerls mit dem andern um die langen Ohren hauen. Aber der Vater hielt ihn am Arm: „Du kommst, Georg!" Und der Knopfdnicker, dem früher jede Autorität ver» haßt war, ließ sich gern leiten in dieser Stunde, wo der Vater so mit allem, woran er am meisten hing, für ihn ein- getreten war. Doch nach Hause gingen sie darum nicht. Erst spät stiegen sie, beide berauscht und gewaltig schimpfend, ihre vier Treppen hinauf. Den Nachtwächter, der ihnen öffnen mußte, hatte der alte Hellwig umarmt und fast weinend gerufen:„Es ist eine Schande und eine Sünde! Man erzieht seine Kinder doch nicht fürs Gefängnis!" 11. Saion zwei Tage später stand Georg Hellwig wieder hinter seinem Balancier, dessen schwere Wurfstange in seiner Faust wie eine Feder ab und zu flog. Es war eine kleinere Fabrik, die niit ihm nur sechs Arbeiter und etwa die doppelte Anzahl von Arbeiterinnen beschäftigte. Aber der junge Knopfdrücker, der jetzt Leben und Freiheit mit viel dakbareren Augen ansah, fühlte sich wohl dort. Er arbeitet in Akkord und ging des Sonnabends mit einem schönen Batzen Geld nach Hause, von dem er, wie einst in jüngeren Jahren, dem Vater einen Teil gab, damit der's auf die Sparkasse trüge. Die Mutter bekam ihr Kost- geld, und wenn sie, wie das bei den Frauen vorkommt, in Verlegenheit geriet und dem Vater nichs sagen wolle, so wandte sie sich an ihren Aeltestcn, der immer noch eine Mark iibrig hatte. Ein paar Mal in der Woche ging Georg des Abends weg und kam erst beim Morgengrauen heim. Der Vater hatte daran auszusetzen, aber Mutter Hellwig bat ihn, doch ja nichis zu sagen!... So ist doch einmal die Jugend! Und er selbst wird's wohl auch nicht anders gemacht haben, früher! Das bestritt der Vater natürlich, brummte am nächsten Abend, wie der Sohn kam, ein bißchen, setzte sich aber doch nnt seinem Jungen zu einer Partie Sechsundsechzig oder Schafskopp. Manchmal gingen sie auch gemeinsam kneipen. Früher war der Ale beinah' jeden Abend allein ans- gegangen. Das kam nun beinah' gar nicht mehr vor. Mit den ehemaligen Freunden hatte er infolge der unangenehmen Geschichte gebrochen, und nachzugeben, dazu war er der Mann nicht! Jetzt lebte er ganz seiner Familie, und wenn sie so zu dritt des Abends bei der kleinen.Küchenlampe um den warmen Herd saßen, die Mutter Strümpfe stopfte oder Wäsche ausbesserte und die Männer rauchten und plauderten, dann kam man nach manchem Hinundher zuletzt doch immer wieder bei der armen Ella an, um die sich alle drei sorgten, und deren Verschwinden der Mutter besonders das bißchen Schlaf raubte, das die jetzt oft hüstelnde Frau sonst noch gehabt hatte. Georg war bei Mieze Blankenstein gewesen, ohne sie selbst anzutreffen. Vom Hauswirt erfuhr er. sie sei eines schönen Morgens fortgegangen und nicht wiedergekommen. Aber nachher wäre die Kriminalpolizei dagewesen, um Haus- suchung bei ihr zu halten, und da hätte der eine von den Be» amten gesagt, das Fräulein säße in Untersuchung. Nun wär's das einfachste gewesen, sich hinauszubegcbcn nach Moabit, und den Untersuchungsrichter, der die Sache bearbeitete, um eine Unterredung mit dem Mädchen zu bitten. Aber davor scheute sich Georg, der dos früher ohne weiteres und sogar mit einem gewissen Inten sse getan haben würde, jetzt über alle Maßen. Die da draußen hätten ihn ja wieder- erkennen können!... Schon der bloße Gedanke, mit einem Polizisten zusammenzutreffen, schreckte ihn jetzt!... Oft lag er abends im Bett und konnte nicht einschlafen, weil er sich erst in Wut und Empörung über die erlittene Schmach hineindachte und schließlich von der Furcht gepeinigt wurde, morgen früh beim Äufstehen könnten wieder Polizisten in die Wohnung dringen, um ihn wegen Gott weist welcher Sache abzuholen!... Nein, hinausgehen nach Moabit und dort Erkundigungen einziehen, das hätte er. der sonst so Mutige, einfach nicht fertig gebracht! Dem Vater kam nicht einmal der Gedanke, es zu tun! Wie die meisten kleinen Leute, empfand er jede Berührung mit der Polizei oder dem Gericht als etwas Peinliches und Unsaubere?. Er hatte ja nicht einmal seinen Sohn im Unter- suchungsgefängnis aufgesucht! Nun gar ein Mädchen, von dem er stets gesagt hatte, sie sei nichts weiter, wie eine ganz gemeine Schncppe! Nach dein Einwohnermeldeamt war die Mutter eines Tages hingegangen, hatte dort ihre fünfundzwanzig Pfennig auf den abgegriffenen Tisch gelegt, vor den: so Taufende von Menschen schon in allen Schattierungen der Gemütsbewegung standen, und hatte dann, nach einer Viertelstunde bangen Höffens sich zum Gehen wenden müsien, ohne zu wissen, wo sie ihr Kind suchen sollte. Und abends beim matten Schein des kleinen Lämpchens war sie'?, die mit einem tiefen Seufzer immer wieder dahin das Gespräch lenkte, wo ihr Herz und ihre Seele ängstlich alle Stunde weilte und den geliebten Namen rief... „'T must ihr doch futjehn," sagte der Vater schließlich, „sonst würde sc sich schon melden!" Aber Georg fchüttelte den Kopf, er kannte seine Schwester desser! Die war, wie er selber, betteln kam die nicht!... Doch sagte er das nicht, um den Vater zu schonen, dem er jetzt eine förmliche Verehrung bezeigte... Ja, die Gefängnisstrafe schien den störrigen Charakter des jungen Menschen ganz umgewandelt zu haben! Seine Lust am Widerspruch schien geschwunden zu sein, als hätten die vielen einsamen Stunden in der Zelle ihn denken und sich bescheiden gelehrt. Er war verträglich und lachte viel, auch wenn er nicht mit den beiden Kleinen spielte, deren Abgott er war. Seine Gesundheit war wieder wie ehedem, er kannte keine Erschöpfung und keine Müdigkeit, und felbst dem Vater machte es Spaß, wenn er seine Hanteln und Gewichtstangen hervorholte und, nur mit leichter Hose und Trikot bekleidet, wie im Spiel die schwersten Ucbungen ausführte. In den Athletenverein ging Georg nicht mehr. Nach eineni zaghaften Versuch, dort weiter Mitglied zu sein und die Klubabende zu besuchen, hatte er einen sehr steifen Brief vom Vorstand er- halten, mit einem Zeitungsausschnitt, der auf den Bogen geklebt war... So lange diese Sache nicht vollständig auf- geklärt wäre, müßten sie ihn bitten, fern zu bleiben! lFortsctzung folgt.) lNachdruck verlöten.) 8dncK!al. Don M. Anderscn-Nexö Die Aecker waren nichts als lockerer Sand, aber Ole verstand sich darauf, etwas aus ihnen herauszuziehen, wenn es auch nichts weiter war als Kartoffeln. Es war wohl kein Aufhebens zu machen mit solch einem Kartoffelbau in grasten Mafien; die Leute schauten einen an, als habe man seine Mutter im Armenhaus. Lle aber scherte sich den Kuckuck um das Ansehen und steckte seine Talcv in die Tasche. 00 Tonnen Kartoffel hatte er dies Jahr don je einer Tonne Feldes gehabt— den Anteil der Pächter, der jeden siebenten Korb betrug, abgerechnet. Es war ein recht nettes kleines Anwesen, es war schuldenfrei, und Ole war alt. Das heistt, er konnte ja noch lange Jahre leben, und Gjarta war ein Weib, das wutzte, was es wollte. Bis hierher und nickt weiter! Wäre sie so eine leichte gewesen, hätten sie und Peter sich nichts anmerken zu lassen brauchen, bis Ole einmal abschob. Aber Gjarta war eben ein ordentliches Wcibl Peter warf den Schweinekörper auf den Tcnnenboden und rief Gjarta, dast sie kommen und ihn ansehen möchte. Dann setzte er sich in das Waschhaus, den Rücken an dem heißen Manerkessel und schaute zu wie sie arbeitete. Seine Natur verlangte nach ihr! ES saß ihm wie Teufelsspuk in den Händen und forderte ihn auf, sie zu packen, daß sie schrie, aber sein Körper bebte so, daß das Zwerchfell erschüttert wurde wie bei einem nassen Hund, und immer schwerer und schwerer wurde ihm zu Mute. Strophen aus tot- traurigen Bollsliedern glitten ihm durch den Sinn und brachten alles in ihm zum Steigen, höher und höher wie in einem Brunnen. der angefüllt wird. Da öffnete er ein wenig den Mund und summte, schleppend einförmig, eine jener Weisen von unglücklicher Liebe: Mein süßes Kind, ich Hab Dich geliebte Und Du schickst mich fort von Dir! Mit Lügen hast Du mein Herz betrübt. So lohnst Tu die Treue mir. Ms das Lied zu Ende war, merkte er an Gjartas Rücken, daß sie weinte. Er bätte gleich miteinstimmen mögen, wär's nicht der Schande wegen gewesen: eine Mannsperson und flennen! Der Dampf trieb unter der Decke dahin, in der Äsche draußerr saß eine Krähe und warnte mit schriller Stimme. Eine neue Weise kam Peter in den Kopf, noch herzerweichender in ihrem Kummer als die vorige, weil hier der Unglückliche selbst sich die Waffe im Herzen umkehrte und die Wunde vergrößerte: Glaub nimmer, daß ich Trauer tragen Will um Dein ungetreues HerzI Und wenn Dir auch die Leute sagen,* Ich trüge Leid um Dich und Schmerz: 's ist Lüge bloß und bar. Glaub nicht ein Wort fürwahr: Ich trauere um den Schnee vom vorigen Jahr! Gjarta kam zu ihm hin. um die Wäsche vom Maucrkcfiel zu holen. Sie lehnte sich an ihn, während sie das Zeug in den Eimer hob; es war eine richtige Liebkosung, so verstohlen sie auch kam, und Peter knickte zusammen. Er ergriff sie am Rocksutter und legte den Kopf an ihren Schoß. „Na, na, Peter, sei nur ruhig", sagte sie sanft und klopfte ihn auf den Rücken.„Tu zitterst ja wie ein neugeborenes Kalb. Unsere Zeit kommt wohl auch noch, wirst schon sehen." Er richtete sich auf und sah sie an. „Wann soll es sein?" fragte er kurzatmig. Sie hatten nie zuvor, weder gemeinsam noch jeder für sich, die Sache in Erwägung gezogen, aber Gjarta wutzte, was er meinte. „Wenn gewisse Leute von der Stadt heimkommen, haben sie immer ein bißchen viel im Kopf", sagte sie bedeutungsvoll. „Was dann also?" frug er, denn er wußte sich ihren Gedanken- gang nicht zurechtzulegen. „Wir können ja drüber reden, komm jetzt herein und iß Dein Vesper." Sie ging ihm voran. Auf dem Tische stand ein Teller mit geschnittener kalter Speise, und Pcter setzte sich zum Essen, während sie umherging, Salz und Branntwein hinstellte und im Zimmer schaffte. Es begann zu dämmern. Auf dem Hals der Flasche saß ein umge- stülptes gebrochenes Sckuavsglas statt eines Pfropfens; es war ganz überklcistcrt von Speiseresten aus verschiedenen Mündern. Peter goß es randvoll und führte es zum Munde. „Du zitterst nicht mit der Hand," sagte Gjarta bewundernd. „Nein, das überlassen wir dem Alter!" entgegnete Peter rasch und leerte das Glas.„Ah— ein Kuß tät freilich wohl." „Du mit Deinen Küssen," meinte Gjarta grinsend.„Nimm Dir lieber noch einen Mundvoll Schnaps." „Wann soll» also werden, glaubst Du?" fragte er kauend. „Ich Hab heut Nacht draußen die Krähe in der großen Esche dreimal schreien hören, es war wie ein böses Vorzeichen. Wer weiß, ob wir nicht Leichen hier ins Haus kricgcu". Sie seufzte schlver. „Also," sagte der Knecht, sich streckend,„also komm ich um Mitternacht hier herein— mit der Axt wohl?" Der Schnaps hatte alle Tore in ihm geöffnet, und er sah sie dreist an. „Hier in die Stube?" Gjarta Hub schier zu zittern an—,„bei seinem eigenen Tisch und Bett? Nimm D'ch in acht, Peter, mit dem, was Du tust und auch, was Du sagst. Man kann ldchtlich zu schwatzhaft werden." „Ach. was weiß ich," brach Pcter aus, wieder verzweifelt zusanuuensinkcnd.„Ich glaube, ich gehe zum Ufer und er- tränke mich." „Wir können ja darüber reden," meinte sie begütigend, während sie Lickt anzündete,„Aber hüte Deinen Mund, Peter, es könnte zur Eidablegung kommen. Sprich Du mit dem Kachelofen da, so braucht man nicht zu gestchen, daß man gemeinsam Pläne gc- macht hat." Der Knecht blickte zum Ofen hin und von da aus mit einem bewundernden Blicke auf sie. Aber sein Verstand stand stille. „Wir könnten c» insgeheim so gut zusammen haben, bis Ole einmal mit der Nase in der Luft läge; es kann ja gar nicht mehr so erschrecklich lange dauern," sagte er endlich. Es kam langsam. wie etwas, was gesagt werden muß, aber sonst nicht viel auf sich hat. „So, das glaubst Du also! Ja. wenn Du nur Deinen Weg rein halten kannst, dann bist Dus zufrieden,— Tu hast ja auch kem Gelöbnis getan. Ich aber bin ein verheiratetes Weib, und mir soll keiner nachsagen können, ich hätte Ole mit einem anderen Mannsbild das Bettuch wechseln lassen. Daß Dus weißt!" „So zieh Tu mit mir fort— über die Woge, die blaue," sagte er großartig, in Erinnerung irgendeines Verses. „Ja, hinaus auf die Reise mit einem fremden Mann, während mein eigener daheim fitzt und für sich selber sorgt! Das machen ja wohl die Komödianten''vieler so, Hab ich gehört. Aber Gjarta ist nickt das Weib, das Ehebruch verübt. Da wirst Du Tick besser km 3�«* nach einer anderen umschauen müssen." Sie war t böse geworden. »Ich?ann nicht ohne Dich leben," sagte Peter schüchtern. .Ja, das hat die Katze auch zur Maus gesagt. Sie stand «uf und ging zum Fenster...Mir scheint, wir bekommen bös Wetter zur Nacht," sagte sie,»die See macht sich so garstig, und rabenschwarz ist es bereits." .Aber ich bin ihm ja nicht um ein Jota böse, wie soll ich also Hozu kommen?" fragte Peter. .Sieh zu, unt gewissen Leuten heut Abend überquer zu kommen— das lockert die Hand." „Wie bekomme ich ihn nur auf den Hof hinaus?" ,.Du bringst uns ins Unglück, Peter, mit Deinem Geschwätz!" meinte Gjarta eindringlich. Sie schwiegen eine Weile, dann toondte sie sich nnd Hub an, den Ofen anzureden: .Wenn die Pferde in der Stadt gewesen sind, sind sie nachts immer unruhig. Da muß der Bauer ausstehen und nach ihnen sehen— ja, was weiß ich davon? Ein Roß kann ihm auf den Kopf schlagen, es gescksteht ja soviel!" Sie seufzte tief. Peter nickte bedächtig, erhob sich und zündet« die Laterne an; dann ging er hinaus in die Holzkammcr und setzte sich, Holzschuhe zu schneiden. OIcs Tage waren gezählt, das wußte er nun. Aber es war eine nackte Tatsache, die von seiner Seite nicht die ge- ringste Färbung erhielt. Der Beschlutz, daß Ole sterben müsse, stand so fest und unabwendbar vor ihm, als sei er aus Gottes höchstem Ratschluß hervorgegangen; er selbst war nichts als ein kleines Merkzeichen dabei, war bloß einer, der unversehens hinter den Schleier der Zukunft geguckt und nichts abzuivenden vermag. Er war voll Bewunderung für Gjarta; sie war klüger als Priester und Behörde zusammen. Ob nun all diese Klugheit von »cm Guten stammte, oder ob sie sich etwa dem Bösen verschrieben, wußte er nicht so recht; aber das konnte ja auch nichts hellen- seine Natur verlangte nach ihr! Wie freilich jemand im Zorn nach einem anderen schlagen könne, ohne etwas gegen ihn zu haben, das begriff er nicht; er wußte nur bei sich selbst, daß er es nicht konnte. Und daß einer auf Ole, den guten alten Kerl, einen Groll werfen könne, das begriff er noch weniger. Gegen Abend kam Ole Due heim. Es war Schneesturm, und tt sah entsetzlich ans; aber der Humor war gut. Draußen im Flur klopfte Gjarta ihm die ärgste Eisdecke ab, dann kam er herein zum Ofen und stand da und stampfte und ließ die Zunge laufen, während sie ihm das Oberzeug herunterzog.„Puh ha, ja! Schönes Wetter das! Um sein Weib zu prügeln!" und er nahm sie ver- gnüglich um die Mitte, und schüttelte sie, während sie ihm den Kragen abband. Gjarta lachte und klapste ihn, daß er stille stehen solle; er war das richtige Kind! „Und jetzt meiner Sccl und Seligkeit haben sie überall auf den Straßen dadrinnen Peiroleumlaternen, die brennen bis elf Uhr— sie sehen sonst nichts zum schlafen," erzählte er spitz.„Da «rüsten wir!'.einer Treu auch bald zwischen den Kartoffeln Laternen anbr- cn, sonst sehen die wiederum nichts zum wachsen. — Ja. ja, sie könnens ja schaffen, wenn sie nur das Geld dafür haben. Es muß gewißlich zwischen den Pflastersteinen dort was wachsen, ein anderer gewahrts halt nur nicht!" Der Knecht hatte ausgespannt und kam mit den Sachen vom Wagen herein. Gjarta warf sich eifrig über die Päcke—«s waren Werhnachtseinkäufe. .Was hast Du als Draufgabe bekommen?" fragte sie. .Den neuen Almanach und eine Flasche französischen Wein," erwiderte Ole stöhnend; er war daran, die Stiesel herunterzu- ziehen.—.Peter, hilf mir ein wenig!" (Fortsetzung folgt.) Mibelmine ScKröcler-Vevnent. (Zur fünfzigsten Wiederkehr ihres Todestages.) Wilhelmine Schröder.Devrient, die nun schon fünfzig Jahre toi ist, verdient, daß man ihre Gestalt und ihr Leben oft in die Erinnerung zurückruft. Sie stammle aus Hamburg, war aus Künstlerblut entsprossen. Ihre Mutter war die Schauspielerin Sophie Schröder, die erste Tragödin der deutschen Bühne, ihr Vater war der Tenorist Friedrich Schröder, und schon ihr Großvater mütterlicherseits gehörte dem Tkatcr an. Also lag ihr die mimische Kunst im Blute, und sie wurde früh eine der echtesten und bcrühm- testen Bühnenkünstlerinnen der ersten Hälfte des vorigen Jahr- ndertS. Sie war aber zugleich auch ein prächtiger Mcnsch. Sie t als dramatische Sängerin mit wundervoller Stimme und wundervollem Glemüte als eine. der Ersten Gestalten der Bühne aeschaffen, die dem Volke auch heute noch lieb sind, und sang in Rusiksälcn Lieder, die unübertroffen zu unseren besten Schätzen zählen. Beethovens Fidelio und Webers Freischütz-Agathe, Schuberts und Schumanns Lieder, das waren die Kunstsphären, in der sie lebte und in der ihre Größe erwachte. Künstlerin durch und durch, steckte sie voller Talente, alles, waS sie anfaßte, empfing persönliches Wesen von ihr. Längst ist ihre Stimme verklungen, früh erlosch deren Herrlichkeit, nicht? als die begeisterten Urteile sind geblieben, der Name auch ist verblaßt, denn die Generation, in deren Mitte sie stand, ist fast aus dem Kreise der Lebenden verschwunden. Aber man soll ihren Namen bewahren, nicht nur weil sie ihrer Zeit eine künstlerische Ver» treterin war, auch deshalb, weil sie eine von den wenigen Frauen im zurückgebliebenen Deutschland war, die sich im Sturmjahre 1848 um eine politische Meinung kümmerten und sich aus die Seite der rebellischen Demokratie schlugen. Zu grundehrlich war ihre Natur, als daß sie anders hätte wählen können. Die krummen Wege hatte sie nie geliebt, und Protektionsschacherer und-spender journalistischer und höherer Observanz, die sich ihr in Trinkgeldspekulationen darboten, schickte sie mit den verdienten klatschenden moralischen Ohrfeigen hinaus. DaS Bedürfnis, in allem frei zu sein und energisch jede Festel, die ihren inneren Menschen hemmte oder erniedrigte, abzuwerfen, führte zweimal zur Auflösung ihres Ehebündnisses, und das gerade war das Echte an ihr, daß sie nicht nur eigenes Unglück und eigene Beleidigung schwer empfand, sondern auch Unglück, Beleidigung und Vergewaltigung jedes anderen Menschen. Sie hatte ein Ge» fühl für den Begriff Volk und war in Dresden, wo sie nach-einem Wanderleben, das sie an alle größeren Bühnen Deutschlands, nach London, Paris, Petersburg führte, in den vierziger Jahren Mit- glied der Hofoper wurde, nicht nur als Künstlerin, sondern auch wegen ihrer warmen Herzenseigenschaften eine geradezu Volks- tümliche Gestalt. In Dresden kam sie mit Richard Wagner in Verbindung, und dieser hat später erklärt:„Die Echröder-Devrient war es, die in mir einen Enthusiasmus edlerer Bedeutung entfachte. Die entfernteste Berührung mit dieser außerordentlichen Frau traf mich elektrisch; noch lange Zeit, bis selbst auf den heutigen Tag. sah. hörte und fühlte ich sie, wenn mich der Drang zu künstlerischen Gestalten belebte." Und später fügte er hinzu:„Das ganz unvergleichliche dramatische Talent dieser Frau, die ganz unnachahmliche Harmonie und die individuelle Charakteristik ihrer Dar- stellungen, die ich wirklich mit leibhaftigen Augen und Ohren wahrnahm, erfüllte mich mit einem für meine ganze künstlerische Richtung entscheidenden Zauber. Die Möglichkeit solcher Leistungen hatte sich nun erschlossen, und, sie im Auge, bildete sich in mir eine gesetzmäßige Anforderung nicht nur für die mufikalisch-dramatische Darstellung, sondern auch für die dichterisch-musikalische Kon- zeption eines Kunstwerkes aus, dem ich kaum den Namen„Oper" geben mochte." Ein schönes Denkmal, das Wagner der Sängerin gesetzt hat! Aber die Gefeierte, sonst so enthusiastisch, mochte ihm nicht ans seine neuen Kunstbahnen folgen, und doch wiederum war sie es, die zuerst aus der Frau Venns im Tannhäuser eine echte Gestalt voll sagenhaften Zaubers zu machen wußte. Wo sie schuf, schuf sie aus stärkstem Lebensgefühl heraus. Wagner mußte 1849 aus Dresden flüchten; er hatte sich am Maiaufstande beteiligt und wurde steckbrieflich verfolgt. Man er- wischte ihn glücklicherweise nicht, ihn, den Leiter der Sturmglocken- arbeit so wenig wie den Barrikadenbauer Gottfried Semper. Aber an Wilhelmine Schröder-Deorient, die kein Steckbrief adelte. konnten die reaktionären Herrscher Hand anlegen. Sic war in den konservativen Kreisen schon im Jahre zuvor als rote republikanische Demokratin verschrien. Sie liebte es eben nicht, ihre Meinung zu verstecken. Allerhand bezeichnende Geschichten liefen umher. Einem Kammerherrn, der sie im Jahre 1848 fragte, warum sie ein rotes Tuch trage, da doch ihr verehrter Robert Blum erschossen sei, ant- wartete sie schlagfertig:„Für Robert Blum trage ich rot, die Farbe meines Herzens, aber ich verspreche Ihnen, mein lieber Kammer- Herr, daß ich, wenn Sie gehangen werden, eine schwarze Schleife anstecken will." Am Tage der Kaiserwahl hielt sich die Künstlerin in Franksurt a. M. in der Paulskirche auf. Schnell bildete sich ein Kreis von Bekannten aus allen Teilen Deutschlands um sie. Auf der Journalistentribüne zur Linken hatte man ihr einen Sitz ver- schafft. Plötzlich fragte sie nach dem Abgeordneten Detmold. Sie wollte ihn durchaus sehen. Aber Detmold, der nach der äußersten Rechten hinübergewechselt war, wollte nicht kommen. Sie bestand jedoch daraus, und als er dann kam, der kleine verwachsene Mann mit dem geistreichen Gesicht und den boshaften Augen, reichte sie ihm über die Bogenbrüstung hinab die Hand und hielt ihn. als er sie nahm, fest, um ihm in der liebenswürdigsten Manier, wie im Scherz, die bittersten Dinge über den schnellen Wechsel seiner poli- tischen Farbe und über seine Feindseligkeiten gegen frühere Ge» jinnungsgenassen zu sagen. Erst die Glocke des Präsidenten er- löste den �Gepeinigten aus der Klemme, in der er verlegen zappelte. In das«tammbuch ihrer Verehrerin Claire von Glumer, die ein Buch über sie geschrieben, trug sie damals mit kühnen, zollangen Buchstaben die Worte ein:„Alles fürs Volk, nichts für den Kaiser!" Wenige Wochen daraus brach der blutige Ernst in Deutsch- land los. Die Künstlerin war in Dresden, als dort am Nach- mittag des 4. Mai am Zeughause die ersten Opfer fielen. Bon der criten Etage eines Hauses am Altmarkt aus sah sie, wie sich Plötz- lich der Platz mit wildschrcicndcn Menschenmassen füllte. Sie stürzte ans Fenster; gerade wurde eine blutende Leiche vorbeige- fahren. Mit einem Schrei des Entsetzens lehnte sie sich über die Brüstung. Rachel Rachel soll sie hinuntergerufcn haben. Man riß sie sofort vom Fenster zurück. Am nächsten Morgen schon verließ sie die Stak und schrieb über diesen Augenblick:„Der Früh- ling hatte sich in voller Schönheit über die Erde ausgebreitet, und nie werde ich den erschütternden Eindruck vergessen, den es auf mich machte, als ich durch die üppig blühenden Fluren fuhr, über welche der Himmel seinen hellsten Glanz ergoß, während aus der im Tale liegenden Stadt die Sturmglocken des Aufruhrs herüber- fckalltcn." Sie wandte sich nach Heidelberg, ins aufständische Waden, und jubelte in einem Briefe, der Ende Mai geschrieben wurde:„Herrschte doch über unser ganzes armes Deutschland solche Nuhe, Würde und mutige Entschlossenheit wie hier! Wehte doch über allen Fluren unseres blutenden Baterlandes der Hauch der wahren Freiheit, des kräftigen Bewußtseins dessen, was man will und muß, wie hier � die Menschen würden alle so frei atmen, ihnen die Brust so weit werden wie mir, die ich mich unter solchen Menschen, in solcher Natur, ganz glücklich und frei fühle.... Das Militär, das an anderen Orten dem Volke feindlich gegen- übersteht, geht hier mit dem edelsten Beispiel voran. Der Soldat fühlt hier, daß er vor allem Bürger und dann erst Soldat ist. Gestern war die Stadt erleuchtet und ich habe so viel Lichter an mein Fenster gestellt, als nur irgend anzubringen waren. Die gute Sache muß endlich doch siegen I" Der Sonnenschein der Frei- heit verging auch in Baden schnell. Wilhelmine Schröder-Devrient ging.�als den badischen Aufstand das Glück verließ, in die Schweiz. Sie hat ihren ehrlichen Enthusiasmus büßen müssen. Bei der honetten Gesellschaft galt sie bald als verfemt; man zog sich von ihr zurück und brachte einen ganzen Legendenkranz schauer- licher Geschichten über die Rebellin in Umlauf. Zu dem gesell- schaftlichcn Boykott kam eine gerichtliche Anklage wegen Betcili- gung am Maiaufstand. Als sie 1851 nach Dresden kam, wurde sie sofort in Untersuchungshaft genommen. Ihr Gatte, ein Herr b. Bock, stellte schleunigst Kaution, und sie ging nach Berlin. Dort erfuhr sie, daß sie auf Gruno der Dresdener Anklage aus Ruß- land ausgewiesen sei. Das war insofern ein Schlag, als die Güter ihres Gatten im russischen Livland lagen. Die Dresdener Anklage wurde bald niedergeschlagen, aber die Ausweisung aus Rußland nahm man erst nach zwei Fahren zurück. In der Zeit der gesellschaftlichen Verfemung, die zusammen- fiel mit dem Aufgeben der Bühncntätigkeit, erhielt die Künstlerin auch von einer befreundeten Fürstin einen Absagebrief, der den Schluß hatte:„Möge Gott Ihnen den Frieden schenken, dessen ich mich jetzt so sehr erfreue, durch das mir fast unentbehrliche Geister- klopfen!" Die Antwort, prompt und entschieden gegeben, lautete: «Möchte Ihnen die Gnade durch Gott zuteil werden, den Geist hcrbeizuklopfen, der uns die eigentliche Menschenwürde verleiht." Für die Schröder-Devrient waren so ideale Worte keine schöne Phrase. Am 26. Januar 1866 ist diese hochgesinnte Frau, 56 Fahre olt, in Koburg gestorben. Ein Granitblock auf dem Trinitatis- friedhof zu Dresden zeigt die letzte Ruhestätte an. Von schweren Kämpfen war der Rest ihres Lebens durchsetzt und getrübt. Aber sie war ein Weib, das zu kämpfen verstand. Für ihre Güte und ihr Vertrauen zu den Menschen hat sie schlimm büßen müssen, aber ihre Lebensauffassung, die den materialistischen Geist der Philosophie ihrer Zeit einsog, blieb sonnig. Die im letzten Lebens- fahrzehnt ausbrechende Sehnsucht, abermals von der Bühne herab mit ihrer Stimme zu beglücken, blieb unerfüllt, die Stimme ver- fiel und die Zeit begann eine so merkwürdig andere zu werden. Mit dem schwärmerischen Gefühlsidealismus der vormärzlichcn Zeit war's zu Ende. Oer Kapitalismus als Städtebauer. Der Kapitalismus hat erkannt, daß für ihn die Organisation stärkster Fakror der Gewinnsteigerung ist. Die Einpassung undendlich vieler Einzelteile in seine Profitmaslbine hat der Großkapitalist als seine heiligste Wissenschaft längst studiert. Größte Nützlichkeit, schärfste Sparsamkeit durcbdringt alles. Wir erleben eS in Deutschland feit einer Reihe von Jahren, daß die Eisenindustrie auf dem Wege ist, in das lurcinbnrger Erzgebiet timzusiedeln und so ganze Städte ent- stehen zu lassen. ES soll niche mehr zwischen Rohmaterialien, Halb- Produkten und fertigen Waren ein vielfacher Transportweg liegen. Gleich an Ort und Stelle, in einem Ri eseuprozeß soll das Rohprodukt den gewalligen Weg bis zur verkaufsfcrtigcn Ware durchlaufen. Ainerika ist jetzt ebenfalls dabei, eine solche Umbildung durchzumachen. Die Union besitzt die wichtigsten Rohmarerialie», Eisenerze und.Kohle, nur sind die Fundstätten beider tansende von Kilometern von einander entfernt. Eines der beiden Materialien muß verschickt werden. Da daS Erz sich leichter und praktischer transportieren läßt, so muß eS weite Wege zurücklegen. Die ersten großen Eisen- werke sind da entstanden, Ivo die Kohlengruben liegen. So erwuchs in Pennsylvanien in und»m PittSburg jene gewaltige Eisenindustrie, deren Geist sich in dem Namen Carnegie verkörpert. Das Erz wird in immer größeren Mengen auf ganzen Erzflolten von den oberen Seen, dem Erzgebiet, herangeschafft. Tie VerladnngS« Maschinen als Mittel zur Virkürznng deS Transportweges wurden dabei selbstverständlich bis zur allerletzten Möglichkeit aus- gebaut. Ein großer Erzdampfer mit 16(XX) Tonnen Ladung ist in wenigen Stunden ein- oder ausgeladen. Während sich so der Osten an die gegebenen Verhältnisse an- paßte, ging mit dem Westen eine amerikanisch sorlschreikende Ent- Weranlw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: tvickelung vor sich. Die Bevölkerung bergrößerte sich sprungweise. Chicago und Milwaukee, Jndianopolis und Ohama, Denver und viele andere Städte wuchsen enorm. Die Industrie iu diesen Städten ist ständig größer geworden. Aus kleinen Niederlassungen sind so große Städte enlstanden, die Fabriken sind wie Pilze aus der Erde gewachsen, die Eisenbahnnetze erschienen wie über Nacht entstanden. Alles Stahl und Eisen, das wichtigste„Lebensmittel" des Kapitalist nnis, mußte dazu vom Piitsburger Distrikt transportiert werden. Das Erz mußte also erst Tausende von Kilometern weit fortgeschafft werden; das fertige Produkt wanderte dann denselben Weg wieder zurück. So mußte bei den Amerikanern der Wunsch nach einer Eisen- Produktion im Westen der Allegbanies entstehen. Amerika hat keine Zeit zu warten, bis sich eine Eisenindustne im Seengebiet entwickelt hat, die als Bruder der von Pittsburg, die den Osten der Union versorgt, für den Westen der Vereinigten Staaten arbeitet. Erinnert es nicht an die göttliche Allgewalt der religiösen Sagen, jetzt durch ein Machtwort der Union Steel Conipanie, des amerikanischen Stahltrnstes, dort im Seendistrikt eine Eisenstadt für mehrere hunderttausend Menschen aus dem Erdboden wachsen zu lassen?! Der Kapitalismus baut sich seine eigenen Tempel. Gary soll nacb dem Vorsitzenden des Trusts der neueste beißen. Der Trust streck!- seine Hand aus, legte 75 Millionen Dollar, also über 360 Millionen Mark bereit, und sprach:„Hier wird eine Stadt gebaut. Sie soll fürs erste in ihren Eisenwerken 25 006 Arbeiter beschäftige» und in ihren Wohnungen hunderttausend Menschen beherbergen." Seit dein Tage wächst die Stadt aus dem Erdbode». Gary liegt am Michigansee, ungefähr 20 engl. Meilen von Chicago entfernt, ist also fast ein Vorort von Chicago, eS gehört aber doch'zu einem anderen Staate, zu Jndiania. ES ist so viel Land gekauft worden, daß die Stadt doppelt, und wenn der allmächtige Kapitalismus will, auch dreimal so groß gebaut werde» kann. 1912 solle» schon mindestens 50 000 Arbeiter in den Werken beschäftigt werden. Jetzt haben schon Roh- und Halb- Materialien verarbeitende Fabriken, die Lokomotivgesellschaft u. a. weiteres Land gekauft,»m sich dort ebenfalls Fabriken zu erbauen» die dann ohne Zeit- und TranSportverluste die vom Stahltrust ge- lieferten Produkte sofort verwerleit können. Die Stadt wächst schon in ihrem Entstehen! Vor drei Jahren war dort noch grüne Heide» bald wird sich eine Fabriksladt erhebe», die in ihrer Konstruktion ihresgleichen sucht. Gary soll nicht»ach und nach zur Industrie- stadt heramvnchsen, winkelig und willkürlich und mit allen Nach« teilen rücksichtsloser Desorganisation. ES soll vielmehr in hygienischer Hinsicht nach den modernsten Effahrimgen gebaut werden; sogar die ästhetische Seite kamt durch einen genialen städtebauineistcr— ein neuer Berns— zu ihrem Rechte kommen. Die Wohnviertel und Arbeitskomplexe sind in der Stadt völlig von einander gelremit. Der letztere liegt direkt am See, ei» Hafen ermöglicht, daß die großen Dampfer und alle Transportschiffe, die ans den großen Seen fahren, direkt anlaufen und ihre Fracht löschen können. Für gute Eisenbahnverbiildungen nach aus- wäris ist ebenfalls gesorgt. Von dem Arbeit-Mncrtcl vollständig getrennt und durch elektrisch betriebene Lokalbahnen verbünde», liegt das Wohnviertel. Die Gesellschaft baut iiur Häuser nach dem englisch-amerikanischen Cottageftil, für eine oder zwei Familien. Die Häuser werden durch ein Abzahlungsshstem allmählich den Arbeitern zu eigen geniacht. Sicher liegt gerade m diesem System für die Unternehmerin dieses RicseiiplaneS eine wichtige Grundlage ihres Betriebes überhaupt. Dadurch wird der zuziehende Arbeiter an die Scholle ge- fesselt, er wird in Zukunft Gary als seine eigentliche Vaterstadt be- trachten, wo er Wurzel gefaßt hat. Der Baustil soll bei den Häusern nicht einheitlich sein, damit keine Monotonie entsteht. Ans den beide» Seiten der Fahrstraßen, die eine Breite Po» achtzehn Metern haben» wird sich ein je zehn Meter breiter Streifen, ans dem Bäume ge« pflanzt werden, hinziehen, dann kommt noch ein Bllrgersteig von je fünf Meter Breite hinzil. Für Licht nnd Lust ist also genug gesorgt. Straßenbahnen. Elektrizitätswerke, Gasanstalte», ein großes eigenes Wasieriverk bringt Gary Vcrkchrsinvglichkeit, Licht, Heizung nnd Trinkwasser.„Volksschulen" und„höhere Schulen" gibt es auch» alle öffentlichen Gebäude werden mitgebaut. Aber auch hier, wo doch das modernste Jndustrieleben sich cnk- wickeln ivird, fehlt der andere Teil der modernen Kultur, die Ge» rechtigkeit, die Gleichheit. Die Wohnmigsviertel sind nach billigen und teueren Gegenden gesondert, die iiiigeleritten Arbeiter werden so alle in einem anderen Stadtteil wohnen als die gelernten und die noch höber dotierten Beamten. Und wie wird der Einfluß dieses gewaltigen Trusts auf die Gesamtheit der Arbeiter in ihrer persön» lichen Betätigung außerhalb der Aibeitszeit aussehen? Alles sind noch ungelöste Fragen. Die Welt hat zu warten, bis der Städte- bauer sein Werk vollendet hat, bis die Massen der Arbeitsbienen den Ricsenbail bezogen haben, bis sich dorr Arbeit und Handel in Bewegung gesetzt haben. Wer denkt bei solchen Schilderungen nicht an die Pläne der fraiizösiichcn Utopisten, Ivcr denkt dabei nicht an die Zolaiche Schilderimg der. Arbeil". Eins könneil ja die Arbeiter auS dieser kapitalistii-veu Zyklopenarbeit ersehen, es ist möglich, ganze Städte zu bauen, nur haben die Menschen noch nicht die Macht, innerhalb ihrer Mauern die Allgemeinheit regieren zu lassen und ihr die Erfolge planmäßiger Organisation zuzuführen. u.Veri»glaui..l..•"friin SW.