Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 20. Freitag den 28 Januar. 1910 (Nachdruck vsrdolen.) 20Z Im I>kamen des Gcfctzcs. Von Hans Hyan. Die aufs eleganteste eingerichteten Nischen waren auch nach vorn, nach den Gängen zu mit schweren Portieren zu verschließen. Der Kellner kam gerade, um die Bestellungen aufzunehmen, als ein Herr draußen an dem jetzt halboffenen Vorhang vorüberschritt. Er ging vor einer Dame her, hatte aber doch Lust und Zeit genug, neugierig hereinzublicken. Kurt von Solfershausen sprach mit dem Kellner, er hatte den Vorübergehenden offenbar nicht bemerkt. Ella, zu der sich der junge Jurist jetzt wieder wandte, saß, bis in die Lippen erblaßt, auf dem kleinen Kanapee. Dieses plötzliche Erbleichen war so auffallend, daß Kurt heftig zusammenfuhr und sagte: „Was ist Dir denn,... Du bist doch mit cinemmal so furchtbar blaß.... Fehlt Dir etwas.... sage doch, liebes Herz!.. Und er beugte sich zu ihr und umschlang sie zärtlich. Sie lächelte, wie unter Qualen: „Nein, Kurt, gar nichts... mir is ganz gut... waS soll mir denn fehlen!..." Aber das sagte sie mit einer so müden, wie von einem großen Schreck gelähmten Stimme, daß Kurt sich nicht täuschen lassen konnte... Und da er unwillkürlich an die dicht vorhergehende Begegnung mit Ellas Bruder dachte, kam er auf das Richtige. „.Hast Du wieder jemand gesehen, Liebling?... ja?..." Ihr flössen die Tränen über die Wangen. „Quäll mich doch nicht!... Du!..." Sie faßte ihn um und suchte seinen Mund, der ihre Küsse jetzt nicht so feurig wie sonst erwiderte... Längst hatte Kurt gemerkt, daß zwischen jenem Abend. wo er ihretwegen seinen Vetter beinah' gefordert hätte, und ihrer jetzigen Wiederbegegnung Dinge passiert sein mußten, die sie ihm verheimlichte und unter denen er ebenso sehr leiden würde, wenn er sie erführe, als es bei ihr zweifellos der Fall war. Aber dieser noch so junge Mann befaß eine bewundernswürdige Selbstbescheidung und Disziplin. Er hatte eine sehr gute Kinderstube gehabt und das Glück, so veranlagt zu sein, wie Mutter Natur nur in ihren allerbesten Augenblicken ein Geschöpf zusammenbringt. Mit der Achtung vor der Persönlichkeit des andern paarte sich in ihm jener liebenswürdige Egoismus, der klug und energisch angenehme Zustände so lange wie möglich aufrecht zu halten bestrebt ist. Und das Beisammensein mit Ella schien ihm das reizendste. was er bisher erlebt hatte. Vielleicht wäre er in den ersten vernunftlosen Momenten der Leidenschaft so gar bereit gewesen, ihrethalben eine Torheit zu begehen und sie zu heiraten. Nun wußte er, daß sie zusammenblieben, so lange ihre Herzen es wollten, und daß er später Ellas Zukunft so sichern würde, daß nie wieder Not und Verführung an sie herantreten könnten. Und weil er trotz oller Liebe in ihr nicht die zukünftige Gattin sah, deshalb fühlte er sich auch nicht bcrech- tigt, die verhüllenden Schleier fortzureißen von den Wunden, die das Leben seinem armen Liebling schon geschlagen hatte... Gewiß schmerzte ihn der eigene Argwohn, der so heimlich und doch so ruhelos in ihrer Vergangenheit tastete. Aber er wagte es nicht, sich Gewißheit zu verschaffen, meistens, weil er ihr nicht wehtun wollte, zum Teil aber auch, weil er sich selbst und für seine tiefe Zärtlichkeit zu der Geliebten fürchtete... So wollte an diesem Abend kein rechter Frohsinn kommen. Der Sekt, den Ella leidenschaftlich gern trank, perlte längst in den Gläsern, aber die beiden waren noch immer wie ztvei, die eines Zufalls Laune in einem Separee znsammengeweht hat und die fühlen, daß sie nicht zusammen dahinein gehören... Schließlich bekam Ella Furcht, er zürne ihr innerlich und. aus Angst, ihn am Ende gar zu verlieren, erniedrigte sie sich vor sich selber und wollte ihm eben irgend was sagen. wenngleich sie die Dinge so, wie sie geschehen waren, ja nie iiber die Lippen gebracht hätte... Da kam der Kellner und brachte auf silbernem Tellerchen eine Karte... ob der Herr vielleicht für einen Moment zu sprechen wäre? Ella fing an zu zittern... S» hatte rasch hingesehen auf den Teller und den Namen Zander erkannt. Kurt lächelte ihr lieb zu, dann sagte er: „Wollen Sie die Freundlichkeit haben und den Herrn hierher bitten!" Der Kellner verschwand, sowie er draußen war, nahm Kurt Ellas Hand, küßte sie und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen, als wollte er sagen:„Fürchte Dich nicht!" Gleich darauf trat der Rechtsanwalt Martin Zander ein, mit seinem glattesten Lächeln: „Verzeihen Sie, wenn ich störe, lieber Freund!" Er streckte dem jungen Rechtsbeflissenen, der vor kurzem seinen Referendar gemacht hatte, die mit einem funkelnden Solitär geschmückte Rechte entgegen,„.... guten Abend, gnädiges Fräulein!... Aber ich sah im Vorbeigehen zufällig herein und da dacht' ich, Du mußt doch mal sehen, ob Du Dich nicht getäuscht hast..." „Inwiefern?" fragte Kurt, der aufgestanden war und sich, um nickst den Anwalt damit etwa zum Bleiben auf- zufordern, auch vorläufig nicht wieder niederließ,„meinten Sie hinsichtlich meines Beisammenseins mit Fräulein Hcllwig?" Er blitzte dabei den Anwalt aus seinen großen, schwarzen Sternen so eindringlich forschend an. daß dieser siebenmal Gesiebte es schwer hatte, seinen Gleichmut zu beivahren. „Aber nicht doch!... ich bitte... Wenn man sich so lange nicht gesehen hat!... Das sind ja doch schon Monate, daß wir den hübschen Abend bei Ihrem Vetter zusammen mitmachten, nicht wahr?..." „Allerdings!" sagte Kurt, immer mit seiner forcierten Lustigkeit in der Stimme, die den andern ganz nervös zu machen schien. „Waren Sie in der Zwischenzeit verreist... in Ihrer Heimat?.... fragte Zander mit krampfhafter Höflich- keit.... „Nein, ich war in Berlin." „Nun, dann werden wir uns ja hoffentlich in diesem Winter wieder hier und dort begegnen!" Kurt zuckte die Achseln. «Schon möglich, Herr Rechtsanwalt... adieu!" Er legte flüchtig seine Hand in die des Anwalts, der sich mit einer utriert tiefen Verbeugung vor Ella entfernte. „Jetzt hast Du ihn Dir zum Feinde gemacht," klagte die Blonde leise, wie er gegangen war. „Na. und wenn!..." Solfershausen lachte hell auf. Aber er ward gleich wieder ernst und nach einer Weile fragte er leise: „War's nicht der Zander, von dem Du Dich an dem Abend hast nach Hause bringen lassen?" Ella nickte nur, ihre Lippen zitterten. „In seinem Automobil, nickst wahr?" fragte Kurt noch. Und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu bejahen. Kurt steckte sich eine Zigarette an, dann schenkte er sich und der Geliebten das Glas voll, und sie tranken beide hastig und tranken wieder, mit flackernden Blicken und be- bcnden Lippen, als könnten sie das Weh in ihrer Brnst damit betäuben.... 13 Zwei Tage später bekam Kurt von Solfershausen früh- morgens beim Empfange der Post eine an„Fräulein Ella Hellwig, per Adresse Herr Kurt von Solfershausen, Refe� rendar" adressierte Zustellungsurkunde in die Hand. Sehr befremdet und voller Unruhe fertigte er den Post« boten ab und gab die Zustellung seiner Geliebten. Es war ein Jainmer, mit anzusehen, wie dieses gelbe. in der bekannten Manier zusammengefaltete Papierblatt auf das arme Kind wirkte... Erst bekam sie's gar nicht aus» einander mit ihren zitternden Händen... Kurt verließ das Zimmer, aus Zartgefühl; das war gut, er brauchte so nicht Ellas an eine Ohnmacht grenzendes Erschrecken beim Lesen zu sehen... aber el war auch nicht gut, daß er hinausging ... vielleicht wäre es sonst jetzt zu einer Aussprache zwischen ihnen beiden gekommen und dann wäre später alles wohl ganz anders geworden..- Die Blonde war wie irre... Das Papier entfiel ihren geängstigten Fingern, sie bückte sich, griff nebenbei, sank auf Knie und Hände niedei und lag so eine Zeit auf dem Teppich. bis sie im Nebenzimmk r ein Geräusch hörte, wie gehetzt onf- sprang und den Zettel angstvoll cr. ihre Kleidertasche stc�ite. Kurt kam wieder herein, mit einem schmerzlichen Lächeln, denn er hatte ihre letzten Bewegungen gesehen. „Hast Du Aerger, mein armes Lieb?" sagte er leise. Sie nickte nur. Und er fragte auch nicht weiter. Sich in die Geheimnisse eines anderen drängen, das war ihm fürchterlich. Und er hoffte sicher, wenn sie nur über den ersten Schreck dieser wahrscheinlich gar nicht so aufregenden Sache Weg wäre, würde sie von selber kommen und ihm alles mit- teilen. Er dachte auch an ihren Bruder, auf den würde sich höchstwahrscheinlich diese gerichtliche Vorladung beziehen... wer weiß, was der Mensch wieder angestellt hatte... Ella schämte sich natürlich deswegen vor ihm,� der doch wahrlich mehr, wie viele andere, Verständnis für solche Dinge hatte! Der Referendar ging fort, nachdem er die noch immer ganz verstört aussehende Ella in seiner ruhigzärtlichen Weise getröstet und sie gebeten hatte, froh und munter zu sein, was sie mit nasien Augen und hingebenden Küssen versprach. Aber kaum hatte er die Korridortür hinter sich geschloffen. so riß sie die Vorladung aus der Tasche und bohrte ihre armen. gequälten Augen hinein in diese erbarmungslosen und doch so leicht begreiflichen Zeilen, mit welchen sie ausgefordert wurde, am 27. November als Zeugin zur Hauptverhandlung in der Strafsache Blankenstein vor Gericht zu erscheinen... Was war denn da?... Blankenstein, damit war doch Mieze gemeint!... Den Bruder kannte ja Ella so gut wie gar nicht. Was hatte denn Mieze gemackst?... und was wollten sie da von ihr?... Allerlei schreckliche Befiirchtungen drängten sich der Blonden auf... Würde bei der Gelegen- hcit nicht auch von Miezes Lebenswandel gesprochen werden? .. Und sie, sie selber hatte doch bei Mieze gewohnt und war auch mit ihr gegangen.... Um Gotteswillen, wenn das alles zur Sprache käme!... Wenn Kurt das erführe!... Am Ende war sie unter Kontrolle gekommen, die Mieze... oder man wollte sie jetzt'runterbringen?... Und dazu sollte sie aussagen?... Aber dann mußte sie sich ja selber auch beschuldigen... Nein! nein!... Davor hatte die Mieze ja immer solche Angst gehabt... vor der„Sitte"... und sie... sie... vielleicht wollte man sie auch... sie auch... Ella fing plötzlich laut an zu schreien und zu schluchzen. Tränenströme liefen über ihr rotfleckiges, von Entsetzen ver- zerrtes Gesicht und dazwischen horchte sie nach draußen und trocknete rasch ihre Augen und bezwang ihren Jammer, wenn sie Schritte hörte auf der Treppe, um von neuem loszuweinen und leise, in abgebrochenen Worten zu klagen, sobald sie sich wieder allein und einsam glaubte.' (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck tKCSoten.) Scbicfcral. Von M. Andersen-Nexö. (Schlutz.) Als die Uhr mit einem kurzen Räuspern zum Zwölferschlag ausholte, fuhr Gjarta im Bette empor. Einen Augenblick wußte sie nichts von sich; dann aber Hub sie an, ihren Mann zu rütteln. „Lle, Ole, steh dock auf! Die Gäule machen einen erschreck- lichcn Spektakel, sie müssen sich losgerissen haben." Ole wandte sich brummend um und schlief weiter; er war totmüde. „So hör doch, Ole, was ich Dir sage, das geht ja nicht an; sie können leicht Schaden nehmen." Ole setzte sich auf. „Was gibts mit Dir?" fragte er brummig, denn er fror. „Die Gäule sind los, sag ich Dir. Sie rumoren schauerlich." „Ich höre nichts," sagte Ole,„Du wirst geträumt haben." „Na, schon recht, Dich gehtS ja an." Gjarta legte siK wieder nieder. Ole faß eine Weile und schmatzte im Finstern vor sich hin. Er fühlte einen sauren ranzigen Geschmack im Hals«, und in seinem Hinterkopf schnurrte es von dem plötzlichen Gewecktwcrden. Dann stieg er über sie hinweg, warf ein paar Kleidungsstücke über und zündete die Laterne an. Das Unwetter hatte sich gelegt. Zwischen dem Wohngebäude und dem Wirtschaftshof lag der Schnee in großen Wehen, so daß er Mühe hatte, hindurchzu'ommen. Er ließ den Lichtschein über die Pferde fallen, es war alles in Ordnung, das eine lag, das andere, das zu alt war, un. sich zu legen, stand und schlief. „Unsinn!" murmelte er und wollte, wieder gehen, als Peter aus dem Futtergang heraustrat mit einem Hammer in der Hand.» Ole begriff sofort und wurde grau im Gesicht. „WaS, Peter, was?" stammelte er und stand stille, und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. „Ja, jetzt hat Deine Stunde geschlagen, Ole," sagte Peter ruhig und hob den Hammer. Ole aber hatte sich in einem Nu zusammengenommen und hing rasch die Laterne auf. „Wirf den Hammer fort!" schrie er gebietend,„oder ich bring Dich ins Zuchthaus. Du Hund!" Er sah Peter fest in die Augen. Drüben im Winkel hatte er eine Mistgabel entdeckt und bewegte sich seitwärts auf sie zu, während er die Augen des Knechtes festzuhalten suchte.„Wirf den Hammer fort!" schrie er wieder. Aber Peter schüttelte sanft den Kopf und trat einen Schritt vorwärts. Er schlug Ole leicht an und traf ihn seitlich am Kopfe; und Ole setzte sich mit einem verwunderten Ausdruck hinter den Pferden platt auf den Boden. Da saß er und schlug mit den flachen Händen in den Dünger, wiegte den Oberkörper, führte sich wunderlich auf wie einer, der etwas zu beruhigen hat, und fiel dann seitwärts um. Peter warf den Hammer fort und beugte sich über ihn.„Olel" rief er und schüttelte ihn,„Ole, bist Du krank? Antworte mir doch, Ole!" Es klang wie«ine Klage. Dann schob er ihn achtsam zur Wand hinüber, und legte ihm etwas unter den Kopf.„Ich Hab ja gar nicht zugeschlagen," sagte er, während er sich mit ihm zu schaffen machte.„Herrgott, was war das denn— ich Hab ja doch gar nicht zugeschlagen." Er ließ den Lichtschein einmal über die Leiche gleiten und ging dann hinein. Gjarta saß im Bette auf. „Jsts ihm leicht geworden?" fragte sie. Peter nickte und setzte die Laterne fort. Er entkleidete sich und legte sein Zeug auf den Strohsessel beim Kachelofen, wo Ole das seinige hinzulegen pflegte. Dann schlug Gjarta die Decke bei- seile, und er kroch zu ihr hinein. Sie war kein verheiratetes Weib mehr und hatte also ihr freies Recht, in Liebessachen zu tun, wie sie wollte. Gjarta kam sieben Jahre ins Gefängnis, der Knecht fünfzehn. Während Gjarta fort war, übernahm es einer ihrer Ver- wandten, das Anwesen zu führen. Aber sobald sie zurückkam, schickte sie ihn fort und nahm einen älteren Häusler in ihren Dienst. Er verrichtete Knechtarbeit, während sie selbst die Leitung hatte. Vieles hatte sich im Dorfe verändert, während sie fort war. Draußen auf Due Odde hatten sie aus Feldsteinen einen großen Leuchtturm gebaut, der auch in der schwärzesten Nacht viele Meilen weit sicktbar war. Da stand er wie ein Finger Gottes und warnte die Schiffe, und nun gabs am Strand auch nicht ein Stück Schiffs- holz mehr. Biel Ueblcs war auch geschehen: dort hatte ein Bauer sich zu Tod getrunken und jener war vom Hof gezogen; einige waren gestorben und neue waren dazu gekommen, und der Be- sitzer des Nachbarhofes war Witwer geworden und hatte sich wieder beweibt. Alle, die da wohnten, waren soviel älter geworden. Die Erde selbst hatte nicht einmal ihr Aussehen von früher bewahrt— Gjarta konnte sich nicht klar machen, worin die Veränderung be- stand, aber die Landschaft machte einen fremden Eindruck auf sie. „Die ist eben auch älter geworden," dachte sie bei sich selbst. Auch im Dorfe war vieles anders geworden. Ihr eigenes Anwesen hatte in der verstrichenen Zeit recht merkbar gelitten, man sah, daß Ole fehlte. Und wenn Gzarta jetzt mit dem alten Knecht nicht einig werden konnte, wie etwas am besten zu machen sei, schnitt sie die Frage ab mit einem:„So und so solls sein, so hats Ole immer gemacht." Sie dachte oft an Ole, aber sie tat es ohne Groll und Reue, sowie man an einen getreuen Toten denkt. Und sie sprach oft von ihm, ruhig wie jemand, der zwischen sich und seinen Verlust Jahre gelegt hat. Die Leute der Umgebung hatten sie neugierig im Auge— eS mußte doch irgendetwas an ihr zu merken sein. Einige hatten sich vorgestellt, sie würde mit einem in die Stirn eingebrannten Merl- mal aus dem Gefängnis heimkehren, andere dachten sich die Ver- änderung unklarer— etwa daß sie eine grobe Sprache bekommen hätte oder Kautabak brauchte, vielleicht gar Hiebe austeilte und stahl. Der ein« wurde nicht mehr enttäuscht als der andere, denn sie war ganz dieselbe geblieben. Man guckte sie einige Zeit an, dann begannen die armen Weiber des Sprengeis nach wie vor um«in Töpfchen Milch in ihren Hof zu kommen. Sie hielten es wohl halbwegs für eine Ehre, die sie ihr erwiesen, und rechneten auf etwas reichlichere Gabe. Aber Gjarta gab ihnen, wie sie ehedem gegeben— nicht ein Gramm mehr und behandelte sie als das, was sie waren. Des Sonnabends kam eine von ihnen und bettelte um den Kaffeesud der Woche— ganz wie zuvor. Gjarta war dieselbe! Mit den Leuten im Dorfe hatte sie niemals näheren Verkehr gehabt; sie machte auch jetzt keinen dieSbetreffenden Versuch, so daß diese Frage sick von selbst löste. Aber sie ging jeden zweiten Sonntag zum Abcndgottesdienst in die Kirche und machte während der Predigt ihr Schläfchen— im selben Stuhl und zu demselben Text wie in alten Tagen. Sie war in jeder Hinsicht dieselbe! Der alte Häusler, der am Hofe arbeitete, machte sich auch seine Gedanken über allerlei, und eines Tages wurde er zudringlich. Aber Gjarta ließ ihn auf der Stelle seine Kiste packen. Zwei andere waren da, die freiten um ste und meinten es aufrichtig; der eine war ein hergelaufener Geselle, an d-n nichts war, aber der andere konnte ganz gut pasfieren, wiewohl er nichts hatte. Sie sagte nein zu dem einen wie zu dem anderen, eS war nicht aus ihr klug zu werden. Es verstrichen sieben lange Jahre, und Gjarta war im Be- wußtsein der Leute längst zur Ruhe gekommen. Im achten Jahre begann sie zum Amtmann zu laufen um einen Heiratsschein, und eines Tages spann'e sie vor und fuhr zur Stadt. Sie selbst kutschierte, und eS hieß, sie hole nun Peter ab. Es waren auch richtig zwei im Wagen, als sie zurückkam. So war nun Peter Bauer auf dem Sandhof. Er hatte Fleisch und Jugend im Gefängnis zugesetzt, war lang und sehnig ge- worden. Er ging etwas gebückt und die Nackenmuskeln waren dicker, als es natürlich war. Aber tüchtig war er in allem ge- blieben, ja sogar ganz büchergelehrt, und Böses war so wenig in ihm wie zuvor. Er und Gjarta besorgten die Wirtschaft, gingen gemeinsam in die Kirche und verkehrten immer sanft und freundlich mitein- ander. Die lange Zwischenzeit hatte in ihrem Verhältnis und ihren gegenseitigen Gefühlen nichts zu ändern vermocht, und die Tat legte keinen Schatten zwischen sie. Sie kam, wie es kommen mußte, und die beiden genossen nun ihre Früchte. Sie schien nicht mehr Spur hinterlassen zu haben als das jährliche Wcihnachts- schlachten. Sie sprachen miteinander von Ole als von einem, der traurig ums Leben gekommen, verweilten bloß nicht bei dem Wie, und sie halfen einander sein Grab pflegen, bis es verfallen war. Nun find sie alt, ein altes glückliches Ehepaar, das umein- ander herumtrippelt und ohne einander nicht sein kann. Wer als Fremder in die Gegend kommt, wird ihren milden verrunzelten Gesichtern nichts von dem Geschehenen ablesen können. Und die Bewohner der Gegend werden ihm nichts erzählen. Dem Fremden gegenüber hat das Dorf all die Zeit her eine Mauer von Schweigen aufgeführt über dem Grunde, auf dem jene beiden ihr Glück aufbauten. Nur die, die die Kultur gepackt hat, schwatzen gruselnd die Geschichte aus und fühlen ihre Nerven. Das Schicksal selbst kennt keine Nerven. Es geht über einen Menschen hinweg wie ein Eisenbahnzug, und man merkt nur ein weiches Wiegen. Zur Gefcbicbtc der Zenfur. Das Prinzip der Preßfreiheit, da« dem einzelnen ein zwar immer noch begrenztes, aber auch gesichertes Recht der öffentlichen Meinungsäußerung verleiht, ist bekanntermaßen erst eine politische Errungenschast der neuen Zeit. In England freilich war diese Frei- heit schon gegen das Ende deS 17. Jahrhunderts zur Geltung ge- langt, indem daS Parlament im Jahre 1694 die Erneuerung des alten ZensurgesetzeS ablehnte. Auch das kleine Dänemark hatte im Jahre 1770 eine Art Preßsteiheit erlangt. Alle übrigen Staaten von Europa hingegen haben erst unter dem Einfluß der großen französischen Revolution eine fortgeschrittene Preßgesetzgebung be- kommen. Selbstverständlich am spätesten von allen das Land, in dem der Sage nach das eigene Denken und Dichten von Anfang an am stühesten zu Hause gewesen ist: Deutschland hat erst im Jahre 1874, also nachdem der gesamte Einheits-Demokratismus der vierziger Jahre absolutistisch verseucht war, seine dazu passende Preßsteiheit erhalten. Nicht unintereflant ist ei» wenig be- kannler heiterer Zwischenfall aus der Vorgeschichte dieses Gesetzes. Es war schon in der VcrfaflungSurkunde für den preußischen Staat vom 5. Dezember 1848 die Preßsteiheit grundsätzlich zugesichert worden. Am 6. Juli 1864 ergingen dann die berüchtigten Bestimmungen gegen den Mißbrauch der Preßsteiheit. Sie brachte» für die meisten Bundesstaaten völlig rückschrittliche Abänderungen. Unter ihnen be- findet fich nun ein Paragraph, der entweder stir die zynische Haltung der preußischen Regierung gegenüber der Wissenschaft, oder für die Leichtfertigkeit preußischer Gesetzesmacherei charakteristisch ist. Dieser Paragraph lautet nämlich:.Der verantwortliche Redatteur einer periodischen Druckschrist muß unbedingt dispofitionSfähig sein. Die Redaktion von Zeitschriften wissenschaftlichen Inhalts... kann auch Personen gestattet werden. die... die Dispositionsfähigkeit nicht besitzen." Heber die preußische Zensur, ihr Wesen und ihre Geschichte besonders zu der Zeit, da auch Marx noch gegen sie zu fechten hatte, kann man fich am besten in Mehrings Anmerkungen zum ersten Bande deS Marx-EngelS-Nacftlafles orientieren. Hätte die Philosophie der Menschenrechte, die zugleich die Philo- sophie deS gesunden Menschenverstandes ist, recht, so hätte es nie etwa? freieres gegeben als— den Gedanken. In Wirklichkeit ist die Geschichte der Gedankensteihcit daS traurigste Kapitel der gesamten Kulturgeschichte und der bezahlte Gedanke ebenso oft ein Hemm- n i S,— wie der steie ein Hebel der Kultur gewesen. Der Name tut nichts zur Sache: Es hat von den, Augenblicke an, wo Menschen innerhalb eines Verbandes— und das heißt eben vom Uranfang menschlicher Kultur an— eine Zensur gegeben. Und dem ent- sprechend: Es gibt auch heute noch in Wirklichkeit leine richtige Ge- dankensteiheit, sondern das Maß von Gedankenfreiheit richtet fich nach dem. waS die herrschende Schicht der Gesellschaft an Freiheit vertragen kann, ohne in ihrem Lebensinteresfe geschädigt zu werden. Dem Altertum und dem Mittelalter, d. h. solange der geistige Verkehr der Menschheit auf mündliche und schriftliche Traditionen beschrankt gewesen, war die Ueberwachung der literarischen Tätig- keit stemd geblieben. Keineswegs aber hatte man gegen die Veröffentlichung unbequemer Bücher, Schmähschriften oder Spottgedichte überhaupt sich gleichgültig verhalten; Reaktionen der Staatsgewalt gegen den bereits geäußerten und ver- bresteten Gedanke», Straf- und llnterdrückungsbestimmungen gegen bereits veröffentlichte Bücher begegnen uns vielmehr fchon in den ältesten Zeiten. Das erste Beispiel einer Art Thealerzenfur begegnet uns im Jahre 498 v. Chr. bei Herodot. Als nämlich der Dichter PhrynichoS von Athen in seiner„Eroberung von Athen" die Jammer- szenen darstellte, die Milet. die Tochterstadt und Verbündete von Athen, bei der persischen Eroberung nach dem Aufstande der Jonier betroffen hatten, und als das ganze Theater dadurch bis zu Thränen gerührt ward, da wurde der Dichter zu einer bedeutenden Geld- summe verurteilt. Das erste Buch von dessen gewaltsamer Unter- drückung die Geschichte berichtet, des Philosophen Protagoras Schrift„Ueber die Götter", die von Staatswegsn in Athen auf öffentlichem Markte kaum 20 Jahre nach dem Tode des Perikles verbrannt wurde, ist religionsphilosophischcn Inhalts, wie denn in dem von je gespanntem Verhältnis zwischen Philosophie und Religion der Zensur auch in der Folge eine besonders bedeut- same Rolle zufallen sollte. In Rom enthielten schon die Zwölstafel- gesetze überaus strenge Bestimmungen gegen Pasquille und Spott- gedichte; die eigentlichen Feindseligkeiten gegen den freien Gedanken begannen aber erst init der Jmperatorcnzeit. Augustus war nach TacituS der erste, der daS Majestätsgesetz, durch das bisher nur direkte Handlungen verfolgt worden waren, zum Vorwand nahm, um auch Worte zu ahnden und über Schmähschriften Untersuchungen an- stellen zu lassen. Unter Tibcrius wurde Cremutius Cordus, der in seinem Geschichtswerke den M. Brutus gelobt und G. CassiuS den letzten Römer genannt hatte, unter Anklage gestellt. Er wählte vor Ausgang seines Prozesses den steiwilligen Hungertod; seine Schriften wurden aus Anordnung des Senates verbrannt, aber sie erhielten sich in: Publikuin unter dem Schutze der Verborgenheit und wurden, wie schon der alte Schriftsteller Dio beniertt, dadurch nur um so gesuchter. Auch TacituS, der diesen Vorfall erzählt, fügt bezeich« nenderweise hinzu: Man muß über die Beschränktheit derer lächeln, die da wähnen, durch ihre augenblickliche Allgewalt auch das An- denken bei der Nachwelt austilgen zu können. Im Gegenteil, durch Verfolguitg der Geister wächst deren Bedeutung, und auswärtige Könige und andere, die die die gleiche Tyrannei geübt, haben damrt fich selbst nur Schande und jenen anderen Ehre erworben. In ähnlicher Weise wurde die Todesstrafe an den Werken des Historikers Titus Labienus in Rom vollzogen. Unter Caligula wurden dann allerdings die Schriften des Labienus und Cordes wieder erlaubt. ES wechselten freisinnige Anschauungen mit all« genicineni Gedankcnzwange auch in den folgenden Jahrhundertc» der Kaiserzcit. Nicht wesentlich anders wurden die Verhältnisse in» Mittelalter, als die Kirche die Ueberwachung der Geistes- und Denkfreiheit übernahm. Konzilien und Päpste übten das Zensoramt; durch Verbote, die in der Regel die Vernichtung der Bücher durch Ver- brennung im Gefolge hatten, suchte man namentlich ketzerische Schriften zu unterdrücken, und da die Vervielfältigung der Bücher durch Abichreiben eine langsame, die Verbreitung eine geringe blieb, so konnte man leicht der im Umlauf befindlichen Manuskripte Hab« Haft werden. Erst die ungeahnte Vervielfältigung, die der Buchdruck ermög- lichte, die rasche und große Verbreitung der gedruckten Bücher und die hierdurch bewirkte neue, unermeßliche Steigerung des Gedanken- Verkehrs haben die Kirche zu den. Verlangen vorheriger Druck- erlaubnis geführt: die Massenwirkungen der Guteirbergscheii Er» ändnng haben die eigentliche Präventivzensnr geschaffen, und zwar als eine Schutzwehr und als ein Kampf» mittel innerhalb der großen sozialen und reli» giöien Kämpfe deS 15. und 16. Jahrhunderts. Die erste hierhin zielende Anordnung stammt vom Papste Alexander VI., jenem fittenlosen Prachtexemplar, das auch die Exkommimikatton und damit den Tod des großen Ketzers Savonarola aus dem Ge» wissen hat. Immer hat sich der Staat des Mittelalters wie der Neuzeit gern der kirchlichen ZwangSmaßregel» bedient, wenn eS in seinem Interesse lag. So hat er auch nicht lange gezögert, die Bücher- zensur nachzuahmen. Das Wormser Edikt vom Jahre 1621 begründete ifie deutsche Bücherzcnsur, und seitdem enthielt jeder Reichstags- abschied eine Anzahl von Geboten und Mahnungen zu strenger Zensur der Druckereien, um die„verheerenden" Wirkungen, welche die Presse gegen bestehende Einrichtungen und Autoritäten im Volke hervorbrachte, abzuwehren und den leidenschaftlichen Eifer der zahllosen Flugschriften zu mäßigen/ mit denen die verschiedenen Parteien im Reiche gegeneinander polemisierten. Bis zum Osna- brückcr Friedensschluß hatte das religiöse Moment innerhalb des Zensurwesens noch bei weitem überwogen. Mit der Beilegung der Religionswirren trat diese Beziehung auf die Religion mehr und chließlich ganz zuriick. Man begann nun vor allem die Meinungs- äußerung über politische Dinge zu fürchten und sdarum) zu ver- - 80- folgen. To ist zum Beispiel in den: Patent de? Kaisers Karl VI. vom Jahre 1705 gegen die„Schmähschriften" schon ausdrücklich von „verbotenen StaatSsachen" und sehr schädlichen des heiligen römischen Reiche? Gesetze und Ordnungen„anzapfenden, verlehrenden, neuer- lichen Lehren" die Rede. Immerhin gab es. wie man gesagt stantinopel"(Leipzig, B. G. Teubner. Preis k M.). Wände« rungen und Stimmungen hat der Autor sein Werl im Unter« titel genannt. und das nicht mit Unrecht. Irgend« welche geographische oder ethnographische Erweiterungen unseres Wissens gibt das Buch nicht. In einer von einer bat, nicht leicht irgend etwas, worüber man nicht irg en d w o in gewissen Vornehmheit getragenen Sprache tischt Hoffmeister uns einem Orte Deutschlands mit unbeschränkter Freiheit sich hält« nußern können. Was Brandenburg-Prenßen und speziell Berlin betrifft, so gab es, nachdem Joachim IL im Jahre 1610 die ersten Buchdrucker nach Berlin gerufen hatte, hier im Jahre 1700 doch noch nicht mehr als vier Buchhändler. ES war also offenbar überflüssig, die Preffe noch in besondere Fesseln der Zensur zu legen. Auch unter Friedrich Wilhelm I, als die Druckereien zu wachsen begannen, war Preußen «och ohne jede Zensur. Es war der Regierung Friedrichs II. vorbehalten, daS erste preußische Zensuredikt am 11. Mai 1749 zu erlassen. Wie unter ihm die Geistesfreiheit aussah, weiß man zur Genüge. Es sollte den„Untertanen" ein weites Maß von Denk- und Preßfreiheit gewährt werden. Nur sollte diese Freiheit weniger der politischen als der theologischen Diskussion(für die sich schon damals fast niemand mehr interessierte) zugute kommen. Die politischen Zeitungen haben eS unter Friedrich durchaus nicht besser gehabt als vorher oder nachher. Und dem oft zitierten Worte, daß„Gazetten(Zeitungen), wenn sie intereffant sind, nicht geniert werden müffen", steht das andere weniger zitierte, aber richtigere LessingS gegenüber:„Sagen Sie mir gar nichts von Ihrer preußischen Freiheit, zu denken und zu schreiben. Sie reduziert sich auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Soltisen zu Markt zu bringen, als man will. Lasse ff Sie aber doch einmal in Berlin einen auftreten, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stinime er- heben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich gesMeht, und Sie werden bald die Erfahrung machen, welches Land in Eo bis auf heute das sklavischste ist."(Lessing an Nikolai.) Daß man freilich noch rückständiger sein könne als dieser größte König Preußens. daS beeilte sich sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II., berühmt wegen seiner zarten und unzarten Beziehungen zu Damen und Halbdomen, alsbald zu beweisen. Er ist der be- rüchtigte Urheber der Wöllnerschen Edikte, die als eines ihrer Kapitalopfer den alten Kant zur Strecke brachtet». Mit der Erwähnung dieses Edikts und der sich daran anschließenden Kämpfe aber treten wir schon in eine andere Epoche ein, eben in jene der franzöfischen Revolution, deren Folgen iiir die Kämpfe um die Preß- freiheit vielleicht später emmnl dargestellt werden können.(Vergleiche hierzu und überhaupt zu der vorstehenden Skizze: E. F r o m m, Immanuel Kant und die preußische Zensur.) airopa kleines feinUeton. Sirger Moern er '(Frankfurt a. M.. M.), das von einer Geographisches. Türkische Impressionen nennt im Untertitel sein Buch„ I n s ch a l l a h R litten ii. Locning. Preis 3,50 M.. geb. 5 seinen Eleganz diktiert ist, jedoch nur selten unter den Spiegel einer bnntglitzcrndcn Oberflächlichkeit untertaucht. Viel Liebenswürdigkeit und glatte Verbindlichkeit steckt in dem Buch. Der Autor— ein nordischer Diplomat— sieht Land und Leute gewisser- maßen nur aus den Fenstern seines luxuriösen Hotels, aus seiner Kutsche, aus seinem Kail. Er ist ein Mann mit Glace- Handschuhen, der nach Art neugieriger Touristen das Bazargetriebe Stambuls aufsucht, an den„Süßen Wasiern" Ejubs promeniert— Dinge, die man„gesehen" haben muß—, jedoch mit breiter Behag- lichkeit am ausführlichsten in den Empfangsräumen des Dildizkiosk und beim Selamlik verweilt. Von dem Elend und der Bedürfnis- losigleit des türkischen Volkes sieht er nur das alleräußerlichste. Wie der arme, lastentragende Hamal, der Obstverkäufer und andere Proletarier am Goldenen Horn ihren Tag verbringen, wie sie wohnen, hungern und leiden, davon steht wenig in dem Buche, die gesellschaftliche Kluft, die im Abendland den Autor von den unteren Volksschichten trennt, läßt sich für ihn auch nicht im Morgenlande überspringen. Das macht das Buch trotz aller Farben- buntheit und Eleganz kalt; sein Inhalt wirkt als unterhaltende Plauderei: sie schildert wohl die fremdländische Kleidung der Menschen, aber nicht die Menschen selbst, sie pinselt die Landschaft in richtig gehaltenen Strichen und Farben hin. sie permag aber nichts von der Sonne zu geben, die ihr flirrendes Licht über die blauen Waffer und über die grünen Haine des Morgenlandes aus- gießt. MoernerS Buch liegt in einer von Marie FranzoS herrührenden Ucberfetzung bor, von der man nur Gutes sagen kann. Recht an- maßend mutet aber der Titel des Werkes an: man erwartet etwas, das Bezug nimmt auf einen größeren Gebietsteil deö Osmanischen Reiches, und koi.imt, abgesehen von einigen kurzen Ausflügen nach Stambul, Ejnb und den BosporuSufern, nicht über das gänzlich abend- ländische Pcca und Kalata hinaus. lieber den engen Kreis Konstantinopcls hinaus, aber dennoch in der Sphäre der morgenländischen Welt verbleibend, gebt E. v. H o f f m e i st e r ö Bu ü„ K a i r o— B a g d ad K o n- seine Eindrücke und Erlebnisse auf. Dabei kommt manches An« gelesene an die Oberfläche, das bester zurückgehalten worden, wäre; aLein überall bleibt doch das naive Jnteresie am Morgenlande wach. Das gibt dem Buch einige Ursprünglichkeit, die durch die Frische des Vortrages noch entsprechend unterstrichen wird. Wir wandern mit dem Autor und freuen uns der wechselnden Szenerien auf seinem Wege, der aus Aegypten nach Damaskus, Palmyra, durch die Syrische Wüste nach den Ufern des Euphrat, nach Bagdad, Kerbola, Mosnl und zurück über Adana, Tarsus und Haidar-Pascha nach Konstantinopel führt. Eine reiche Zahl guier Abbildungen beleben die Darstellung; eine Karte orientiert über die Reiseroute.— n. Hygienisches. Mundhygiene und Lungentuberkulose. Der oft behauptete Zusammenhang zwiiwen Zahnkaries und Lungentuberkulose ist jüngst von Professor Möller in Berlin in einem einwand- freien Falle nachgewiesen worden. ES handelte sich um einen dreizehnjährigen Schüler, der eine geschwollene Halsdrüse sowie einen Lnngenspitzenkaiarrh aufwies. Bei der Untersuchung der Mundhöhle fand sich ein sehr schlecht gepflegter Mund, dem Zahn- fleischiaum entlang war ein grangelber Belag vorhanden. Der erste Backzahn des rechten Unterkiefers war vom Zahnfraß befallen. Aus dem Inhalt dieses Zahnes wurden Tuberkclbazillcn gezüchtet, und ein Meerschweinchen, da? mit denselben geimpft wurde, ging an Tuberkulose zugrunde. Der Knabe war von Jugend auf ein schlechter Ester gewesen, er batte infolge der schlechten Mundpflege und des vernachläisiglen Gebistes immer einen schlechten Appetit ge- habt, war infolgedeffen immer leidend, so daß als Folge der un- genügenden Ernährung eine starke Blutarmut austrat, die für die Entstehung der Tuberkulose und ihres raschen Fortschreitens ein förderndes Moment bildete. Insoweit spielen die kariösen Zähne durch Druck- und Schrundenerzeugung auf der Schleimhaut, die durch Spitzen und Kanten der Zähne verursacht werden und den Tuberkelbazillcn das Eindringen erleichtern, eine wichtige Rolle. Bei einer Reihe von Munduntersnchungen, die Prof. Möller an Schulkindern vornahm, fanden steh bei 194 Schulkindern 14 mal in den schlechten Zähnen und 35 mal in den Mund- belögen Tuberkelbazillen. Bei schlechter Mund- imd Zahnpflege kommen bei Kindern alle Entstehungsarien der Lungemuberkuloic in Betracht und zwar die durch direkte Einatmung der Bakterien, welche mit der Einatmung von dem Zungenbelag losgeristen werden, sowie auch die durch Vcnchlucken der Bakterien. Eine erhöhte Mundpflege und ein gutes Gebiß ist daher für Lungenkranke Vorbedmgung zur Heilung. Außerdem ergibt sich aus diesen Untersuchungen wieder einmal der Wert der Schulzahnkliniken. Technisches. Der K inem a to grap h in natürlichen Farben ist eigentlich das Ideal, was in dieier Richtung angestrebt werden kani». Versuche, es zu erreichen, sind schon seit einigen Jahren gemacht worden und der Erfolg war fürs erste auch einigermaßen ermutigend. Immerhin schien der Weg der Vervollkommnung noch ein weiter zu sein. Jetzt veröffentlicht der französische Physiker Berthon ein neues Verfahren, das einen ganz wesentlichen Fortschritt in der Farbenkinematographie anzeigt. Er löst die Farben dcS photographischen Gegenstandes in drei Grund- färben auf. Diese sind blauviolett, grün und orange. Die Trennung erfolgt durch drei enge, gefärbte Schlitze in der Linse der Kammer. Vor einem gewöhnlichen photographischen Film wird ein besonderer Schirm angebracht, der aus einer großen Zahl sehr schmaler gebogener Zellulotdstreifen besteht. Auf diesen werden Bilder der gefärbten Teile der Linse über dem gewöhnlichen photographischen Bild erzeugt. Die Aufnahme unterscheidet sich bei oberflächlicher Betrachtung in nicht? von einer gewöhnlichen; wird das Bild aber durch eine Linse mit solchen drei gefärbten Schlitzen wieder ans einen Schirm geworfen, so treten die natürlichen Farben wieder bcrvor. Nach dieser etwas kurzen Beschreibung nimmt sich die Erfindung in der Tat recht einfach aus und würde sich ohne Zweifel rasch einbürgern, wenn sie den Erwartungen entspräche. worüber wohl bald weiteres zu erfahren sein wird. Eine große Neuheit für die Luftschiffahrt be- deutet die Erfindung von Dr. v. Oechelbäuser, gewöhnliches Kohlen- gas in ein sehr leichtes, für die Füllung von Ballons trefflich ge- eignetes Gas zu verwandeln. Das Verfahren besteht in der Zer- setzung und Beteitigung aller schweren Kohlenwafferstoffe und nament- lich fast des gesamten Sumpfgase? sowie in der Uebersiihrung der Kohlensäure in da« leichtere Kohlenoxyd. Da? Ergebnis ist ein fast geruchloses Gas, da? zu mehr als vier Fünfteln aus Wasierstoff be« steht. Seine Dichte ist nur 0,23 gegen 0,41 beim gewöhnlichen Kohlcnaas; reiner Wasserstoff bat freilich nur eine Dichte von 0,07. Die hebende Kraft des neuen GaseS ist um niehr al» ein Drittel höher als beim Kohlengas. Die ersten Versuche der Anwendung des GaseS sollen in der Luftschiffahrtsgesellschast von Anhalt gemacht werden. Perantiv. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag; Vorwiri» Bucytruckerei u.Veri«g»austal:PaulSmscc S:Co..Berlu»ZVt.