Zlnterhaltungsölatt des'Vorwärts Nr. 21. Sonnabend den 29 Januar. 1910 lNaSdrua oertoten.) au Im JVamen cles Gcfetzes. Von Hans Hyan. Kurt hatte heute bei seiner Arbeit auch nicht die rechte Sammlung. Er mußte zuviel an sein trauriges Mädchen und den Grund ihres Schmerzes denken... Schließlich, wie er alles so immer von neuem überlegte, kam er auch auf den Rechtsanwalt Zander und die Begegnung neulich im Restaurant. Und wiewohl er sich den Zusammenhang nicht recht denken konnte, wurde es seinem spürenden Verstände und mehr noch seinem Gefühl immer mehr zur Gewißheit, daß bei Ellas Vorladung dieser Zander seine Hände im Spiel habe. Klar und gerade, wie er stets handelte und dachte, nahm er sich vor, gleich nach Beendigung seines Dienstes— er war jetzt beim Landgericht II tätig— zu dem Manne hinzugehen und mit ihm zu reden. Sobald er frei war. erkundigte er sich im Zimmer der Rechtsanwälte nach Zander, und während noch der Bureau- diener nach jenem suchte, kam der Anwalt selbst, in der Ab- ficht, eben fortzugehen. Der Referendar trat, seinen Hut lüftend, auf ihn zu und sagte, er hätte den Wunsch, über eine Angelegenheit mit ihm zu konferieren. „In Praxi?" fragte der Anwalt, wobei sein unsympa- thisches Gesicht förmlich triumphierte. „Das auch... vielleicht könnten wir gemeinsam nach Hause fahren?" „Ich esse in der Stadt, aber ich lade Sie ein, mein Gast zu sein!" Er sagte das sicher nur deshalb, weil er wußte, wie wenig angenehm seine Einladung Kurt sein würde... Er war sich ja keinen Augenblick unklar über die Beweggründe, die Kurt von Solfershausen ihn aufsuchen ließen. Kurt entschuldigte sich, er habe schon gegessen und nippte auch kaum an dem Wein, den jener ihm einschenkte, als sie eine halbe Stunde später in einem künstlerisch eingerichteten Weinlokal der Friedrichstadt einander gegenüber saßen. Der kleine, mit geschliffenem Messing und alten Kupfer- stichen dekorierte Raum gehörte ihnen, da keine Gäste sonst hier saßen, ganz allein. Kurt ging gerade auf sein Ziel los: „Sie wissen. Herr Rechtsanwalt, daß ich mit Ella Hellwig zusammenlebe, nicht wahr?" Zander tat, als fiele er aus den Wolken: „Aber nein, was Sie sagen!... Daö ist das erste, was ich höret..." Mit einem verächtlichen Gesicht erwiderte der Referendar: „Dann wundert es mich aber doch, Herr Rechtsanwalt, daß<Äe dem Gericht zu irgend welchen Zwecken meine Adresse als die des Fräuleins angegeben haben..." „Ach so ja", Zander legte die Hand an die Stirn,„das stimmt I... bei dieser Fülle der Geschäfte vergißt man zu leicht solche Lappalien... und sehen Sie, Herr Referendar — übrigens Hab' ich Ihnen ja noch gar nicht dazu gratuliert, lieber Freund!" „Danke, danke!" wehrte Kurt ab. „Ja, sehen Sie, mein lieber Herr von Solfershausen, „nun wüßt' ich doch die Adresse des Fräuleins nicht, wohin sollt' ich denn da adressieren!... Schließlich kam ich auf die gute Idee, das Schriftstück per Adresse an Sie, verehrter Herr, gehen zu lasten!... Sie, sagte ich mir. würden die Zustellung schon in die rechten Hände befördern..." „Das ist geschehen!"... entgegnete jwrt sehr ernst,„aber darf ich Sie nun vielleicht fragen, was der Zweck dieser Ladung ist, Herr Rechtsanwalt!..." „Ja, das ist eigentlich Amtsgeheimnis!... aber..." er machte eine chevalereske Handbewegung,„unter so guten Bekannten wird es schließlich weiter nichts auf sich haben!... Ich habe nämlich... ich wollte... das heißt, die Dame, ich meine Fräulein Hellwig ist eine Freundin meiner Klientin. Fräulein Blankenstein...." Kurt zuckte die Achseln: „Bedaure... mir gänzlich unbekannt!" „Nun, da verlieren Sie auch nicht sehr viel", meinte Zander, der sich jetzt auf den guten Kerl aufspielte,„Fräulein Marie, oder, wie man in Berlin O. sagt: Mieze Blankenstein soll nämlich einem jungen Menschen, offenbar einem ihrer vielen Verehrer, die Uhr geklemmt haben..." Kurt nahm die Unterlippe Mischen die Zähne, er war blaß geworden: „Und das soll die Freundin von... von Fräulein Hell- wig sein, sagen Sie?" „Ja, ganz recht... so sagte ich... und so ist es auch!" „Sie wollen sagen," erwiderte Kurt mit einem hoch- mütigen Zusammenziehen seiner Weißen, hohen Stirne,„daß dies von Ihrer Klientin behauptet wird?" „Nein, Fräulein Hellwig hat es mir selber auch gesagt." Kurt sah vor sich nieder, als habe er einen Schlag be- kommen. Er zweiselte kaum an der Wahrheit dessen, was Zander behauptete. „Ja," sagte er mit einer Stimme, die ihm selber fremd vorkam,„sie wohnte damals bei dieser... bei diesem Fräu- lein Blankenstein...." „Ganz recht!... und sie sollen gesehen haben," fuhr der Rechtsanwalt hämisch fort,„wie die Blankenstein von einem jungen Menschen namens Meyer die fragliche Uhr als Pfand erhalten hat... während von der gegnerischen Seite be- hauptet wird, die Blankenstein habe dem Meyer einfach die Uhr aus der Tasche gerissen, als dieser den Bettzins nicht entrichten konnte...." „Und deshalb haben Sie die Ladung des Fräulein Hell- wig beantragt?" fragte Kurt, der sich bemühte, kalt und ruhig zu bleiben und der mit einem harten Entschluß rang. Er blickte vor sich hin, aber plötzlich fuhr sein Auge empor, mit einem Aufblitzen hinein in die grinsende Fratze des Rechts- anwalts. Und sich erhebend, sagte der Referendar: „Sie sind der gemeinste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Wenn ich nicht fürchten müßte, mich zu beschmutzen, würde ich Sie hier vor allen Leuten ins Gesicht schlagen!..." Martin Zanders graue Gesichtsfarbe bekam einen Stich ins Grünliche, seine flackernden Augen wurden groß, und die unangenehmen Lippen unter dem schütteren Schnurrbart kramptten sich nach innen. „Nehmen Sie das zurück!" sagte er fast weinend. Kurt sah ihn fest an und sagte langsam, mit halblauker Stimme: „Ich wiederhole, Sie find das ordinärste Subjekt, das mir je vorgekommen ist!... Ich..." „Und trotzdem," geiferte der andere daMischen,„trotz- dem hat mich..." Aber er kam nicht weiter, die neue Schändlichkeit er- starrte auf seinen Lippen vor dem erschreckenden Gesichtsaus- druck des jungen Mannes, dessen Geduld am Ende schien. und der aussah, als wollte er sich im nächsten Augenblick auf Zander stürzen, um ihn zu erwürgen. Der Rechtsanwalt drehte sich plötzlich zur Seite, rief: „Kellner zahlen!" und beglich, als der Kellner, der, offenbar schon neugierig geworden, unweit Posto gefaßt hatte und jetzt schnell herbeikam, seine Zeche. Dann, schon im Abgehen, drehte er sich noch einmal um und stieß mit einem wütenden Zucken seines widerwärtigen Gesichtes die Worte hervor: „Das vergesse ich Ihnen nicht!... Sie!... Das..." Kurt verstand das übrige nicht. Er sagte zwischen die Worte des Anwalts hinein: „Ich bin jederzeit zu finden!... und ich wiederhole, was ich gesagt Habel..." Es war, als wollte sich Zander noch zu einer Erwiderung umdrehen, aber er ging weiter. Gleich nach ihm ver- ließ Kurt v. Solfershausen das Lokal. 14. Es war. wie wenn unausgesetzt ein schweres Gewitter über dem kleinen trauliche« Nest stünde, das Kurt Solfers- Hausen und die blonde Ella sonst von früh bis spät mit ihrer verliebten Zärtlichkeit erfüllt hatten.... Die Tage bis zum 27. November wurden für beide zur endlosen Pein. Und wie der Morgen herankam, an dem Ella fortmußte, nach Moabit zur Verhandlung, da ebnete ihr Geliebter der Blon- den selbst den Weg, indem er früh ausstand und, einen be- sonderen Dienst vorschützend, mit raschem Abschied fortging. Ella zerbrach sich den Kopf, ob er wohl wußte oder ahnte, um was es sich handelte.... Oh. er war viel zu klug und hatte sie zu lieb, um ihren Jairmer nicht mitzuempfinden. ... Aber wissen— woher sollte er es wissen?... Daß Kurt den Rechtsanwalt Zander aufgesucht haben könnte, daran dachte die Blonde nicht, die jetzt auch viel zu sehr hingenommen war von der angstvollen Erwartung der Dinge. welche ihr in Moabit bevorstanden.... Sie zog sich einfach schwarz an, was ihr übrigens am besten stand und bemühte sich erfolglos, die Spuren der immer wieder hervorquellenden Tränen zu vertilgen. Dann fuhr sie hinaus. Wie entsetzlich langsam verging doch die Zeit, bis die Sache Blankenstein aufgerufen wurde!... Und auf einmal— Ella ward weiß wie der Glac4hand- schuh, den sie trug— auf einmal fah sie Mieze Blankenstein, die von einem Beamten über den Korridor geführt wurde. Also die faß im Gefängnis?!... Ella durchrieselte es eiskalt und sie sah sich selbst schon an diesem fürchterlichen Ort.... Mieze trug ihre sonstige Kleidung, aber das früher so bochtupierte Haar war jetzt sehr einfach gemacht und an den Füßen hatte sie schwarze, ausgetretene Lederpantofsel.. tFortlevung folgt.) Vom l?neg der„heiligen". Von I c ppe Aakjär. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen. In.Sichern-— so nannten die Heiligen ihr Versammlungs- hauS— war eure fromme Zusammenkunft abgehalten worden und nun war eine klein« Gesellschaft von.Lauen- in den Dorftrug hineingegangen, wo sie mehr Kaffeepünsche tranken, als sich auS dem G-.setz und den Propheten rechtsertigen lieh. DaS Gespräch drehte sich zunächst um fromme Themen; indessen führte» nur zwei das Wort, die übrrgcn hörten zu. Da war zunächst der hohe. schwere und massive Kren Konradsen, der durch feinen mächtigen Körper ganz natürlich zum Mittelpunkt der Gruppe wurd�. um so mehr, als auch die Branntweinflafchc in seinen Händen war. Zu feiner Rechten saß der vorsichtige Tischler Wolle, der zur inneren Mission einige Neigung hatte, eine noch größere aber— Gott seis geklagt— zum Branntwein. Tann war noch Esper Mvdsen da. der immer darauf brannte. Bibelsprüche zu zitieren, an diesem Abend aber durch Kren Konradsen. der das durchaus nicht leiden konnte, stark im Zaum gehalten wurde. Alle B Minuten erhob er sich halb von seinem Sitz und näselte mit belegter Zunge:.Jesus sprach zu seinen Jünger»-— weiter kam er nie, dann wurde er von Kren Konradsen wieder aus seinen Stuhl hcrabgedrückt. mit rücksichtsloser Autorität, wie man etwa ein Insekt vom Tisch fegt. .Zum Teufel mit Deinem Geschwätz, Du Zitterbüx.- Der Tischler Wolle hatte soeben eine von seinen vorsichtigen, gleichsam schleichenden Reden über KingoS Gesangbuch geschlossen. „DaS war ein kleine? feines Buch. Tarin konnte mau lesen. ohne auf böse Gedanken zu verfallen. Ich muh sagen— Gott terzeih es mir!— daß wir nach meiner Meinung unS gern noch einige Jahre damit hätten begnügen können. Das neue mag ja «nich gut sein; ich vermag wahrlich kein Wort darüber zu sagen; Gott weiß ja, was am besten ist. Wenn es aber ausgesprochen werden darf, meine ich, daß unser«ins sehr wohl bei dem hätte gig werden können, bei dem unsere Eltern selig geworden find. ir sind aber freilich nur sündige Menschen, die eitel Strafe ver- dient haben. Ach, Jesuö sei uns gnädig— wir wollen nicht zuviel darüber grübeln, sondern Gott die Ehre geben in aller Ewigleit.- Bei diesem schmucken Gerede erwachte JenS Kopborg und krächzte: .Auf Christus bauen. Auf ihn vertrauen. Zu ihm den Sinn, Das ist Gcwinn.- Hier wischte er fick eine Träne aus dem Auge. Im selben Augenblick beugte sich die Schenkmamscll über den Tisch, um die ZuckerschalS mit neuem Stückenzucker zu füllen. Jens Kopborg legte den Arm um ihre Taille und sah mit dergloltem Lächeln zu ihr hinauf. .Du hast weiche Arme, Christine— nicht so knapp l" Noch einmal krähte Espc> Madsen aus seiner geduckten Stellung:.Jesus sprach zu seinen Jüngern-. Kren Konradsen aber drosch ihn ii> Grund und Boden, so daß er auch diesmal nicht weiterkam. „Du bist ja so besoffen, daß Du ganz steif und starr bist. Du solltest Dich schämen, in diesem Zustand unter uns Gotteskindern zu erscheinen/* Dann glitt das Gespräch auf die Saat und Viehzucht hin» über, und Kren Konradsen sagte mit indignierter Geste: „Ja, nun freute man sich eben über das bischen Sommer, und dann kommt der liebe Gott wieder mit feinem Winter und seinem Ouatsch.- „Nein, ah, nein, Kren," brach nun der Tischler Wolle in strengem vorwurfsvollen Ton«ms,„nun darfst Du hier nicht sündigen Gedanken zum Raub fallen. Hüte Dich vor dem, was Dein Mund spricht und werde nicht wie einer der unbeschnittencn Philister.- Kven Konradsen aber wurde nun im Ernst zornig. „Du brauchst mir derartige Pillen nicht zu geben, denn wo i ch gestanden habe, wirst Du niemals stehen. Als Du konfirmiert wurdest, wo mußte man Dich da bei der Kirchenprüfung wohl suchen— ich, mein Freund, stand als erster in der Kirche und einmal in einer Festzeit— es sind 7 Jahre her. aber ich erinnere mich noch daran, als wenns gestern gewesen, es war Palmsonntag — da wurde der alte Küster mitten im Dienst krank, und dann kam der Pastor lKren Konradsen unterdrückte hier eine heftige Bewegung)— es war ja Lassen, das war, hol mich der Satan, kein Scbassgehirn— dann kam er also, ich erinnere mich genau daran, dann kam er akkurat so auf mich loS und tupfte mich auf die linke Schulter— genau so. wie ich es jetzt mit Dir mache. Wolle— ein ganz kleines leises Klopfen— und ich verstand ja soviel, daß er etwas von mir wollte und ging also mit ihm abseits, das muß man ja. Und hier fa�te er mir nun, was er wollte— der Küster sei krank geworden, mitten im Dienst, ob ich nun sKren heulte), ob ich nun seinen— Platz— über— nehmen— wollte. Und ich sKren heulte) mochte es ja dem Pastor nicht abschlagen und wurde nun unter der Cliortür untergebracht— an Stelle de? KüsterS, wie Ihr Euch denken könnt. Und ich sollte nun seine:» Spruch hersagen. Das ist(Kren heulte)«ine große Aufgabe für einen einfachen Mann. Ich stand aber unerschrocken da bis ans Ende. Und da ich .Amen' sagte, da war, Gott verdamm mich, nicht einer von meines- gleichen in der Kirch«, der mir vorwerfen konnte, ich hätte auch nur ein Wort verkehrt gesagt. Manch anderer war aus die Nase gefallen, denn man hat ja gleichwohl kein rechtes Studium, ich aber hielt meine fünf Schweine zusammen, und als ich fertig war, war ich bewegt, und ich konnte sehen, daß auch der Pastor bewegt war. Eine Stelle war da, da wär' ich beinah' auf den Hintern ge» rutscht— man hat ja die Uebung nicht. Und wenn man den Ton nicht halten kann, kann man ebensogut gleich abdanken. Ich hatte eben dem Pastor auf die Strümpfe geholfen und setzte mich zurück — mit aller Ruhe, man muß ja wissen, wie man sich an solchen Orten zu benehmen hat— und dann sollten wir also den letzten Psalm singen und ich sollte vorsingen, wie es sich von selbst versieht. Aber dann war dieser Schlüter da. der schon immer ein« Pike auf mich gehabt hat. Er saß am äußersten End« in einem von den oberen Stühlen. Und wie e r sang. Gott steh mir bei, w« fang der Mann. Die Meinung war ja nun. daß er an mir vorbcilaufen wollte. Er merkte ja, der Hammel, daß ich im Refrain nicht so ganz sicher war. Aber ich dachte ganz still bei mir: und wenn mich der Teufel frikassieren soll, so werde ick schon mit dir fertig werden! Er folgte mir unmittelbar auf den Fersen, bis wir an die Stelle kamen: „O Herr, sieh meine Sehnsuch? llnd nimm mich heim zu dir. Da konnte er. Gott verdamm mich, nicht mehr. Da rückte ich ihm aus. Die« hier: dadc». dada, dada— da blieb er fitzen. Durch den Knubben konnte der Burkche nicht hindurcbkommnT. Nein, mein bester Wolle, mir darfst Du mit Deinen Pillen nicht kommen, dann geht Dir Dein Latein nun doch aus. DaS kann ich Dir sagen. Heute lernen die Kinder ja nichts, aber damals, als ich zur Schule ging, da lernten wir, verdamm mich, etwas.- „WaS lerntet Ihr denn?- kam ev mit ruhigem DaßNang von einem aus dem Kreise, der von Kren entfernt saß. Kren sah bei dieser unerwarteten Frage verblüfft auf. „Was wir lernten? Ja, glaubst Du Rindvieh, daß ich das behalten habe?-_ J�euc Literatur und ßelletriftih. Zur Anderthalbhnndert» Jahrfeier ScküllerS hat Maz Hecker (im renommierten Insel» Verlag Leipzig).Die Briese de« jungen Schiller- herausgegeben. Man wüßte aneb niibl zu lagen, wa« cine bessere Ergänzung zu dem Bilde de» jugeudlick»» revolutionären Räuber-DichterS gäbe, als dies« lawaheißen, tief seiuem Wesen entströmenden Jugendbriefe, die. obwobl vier nur in Auswahl beswerl. den Werdenden vom l3. bi» zum 28. Lebensjahre begleiten. Ist dies doch gerade die fidwerste Kampkepochr!„Von Sorge und Not spricht ans hundert Seiten diese« Bückilein, das unS den Dickiter durch seine Jugend» und Wanderjahre begleiten beißt. und wenn wir dann Abiwied von ihm nehmen, da, wo er, ein Acdt» undzwaiizigjährlger, die Swwelle de» reisen ManneSalter« betritt und den Schauplatz seines künftigen Leben« erreicht bat, so ttennen wir un« auch dann von ihm nur in der schmerzlichen Gewißheit, daß die Flügel jener imsieren Genien seinen Pfad noch lange, lange beschatten werden'. So schreibt der Herausgeber in seiner fein abgetönten Einleitung zu diesem AuSivahlSdonde, der literarisch wie technisch bewachtet als ein Musterbeispiel moderner Stileinfachheit und-Schönheit gelten kann und bei alle dem Ge- diegenen gebunden doch für 2 M. zu haben ist. UebrigenS steht heute der Jnselvcrlog in dieser Hinsicht nicht mehr allein. Der Tinfluh des von Msisterkünstlern befruchteten modernen Kunstgewerbes auch auf das Buchgewerbe ist unverkennbar, selbst im Lelterntatz. Hier wird, vornehmlich auS Rückstcht aufs Auge, klarer Druck angestrebt. Zwar herrscht die gotische Schrift noch vor, wohl mehr auS Gewohnheit, nicht leiten auS einer sentimentalen Anwandlung von Deutschtümelei, eS sei denn, da st die von allen fremden Nationen als unüberwindliches Hindernis ge- fürchteten grasten Schristzeichen dem ganzen Stil des Buches ent- sprechen sollen. Sonst aber wählt man schon häufig Antiqua. Da find nun gerade die Ausgaben des Hyperion-BerlageS von Hans von Weber-München doppelt bemerkenswert. Jüngst hat er zwei posthume Werke erzählender Gattung herausgebracht, deren erstereS auch bei uns vollen Anspruch aus Klassizität erhebt. ES ist Claude TillierS, deS einstmaligen französischen.LehramtSgebilsen, Sol- baten, angestellten Schulmeisters und Zeitungsschreibers" humoristischer Roman:.Mein Onkel Benjamin". Sein Entdecker und meisterhafter Uebenetzer war bekanntlich Ludwig PsauZ während seiner zwischen 1843 bis 1864 in Paris verbrachten FlüchtlingSjabre. Diesmal wird der Roman vollständig in einer gleichfalls vorzüg- lichen Uebenragung von Otto Wolfskehl dargeboten. Das Porträt TillierS nach einem alten Steindruck ist ibm vorangestellt. Die Merkwürdigkeit dieser Ausgabe besteht aber vor allem im illustrativen Teil. Emil PreetoriuS heistt der Schöpfer dieser köstlichen Schattenbilder, in denen der ganz« Humor de« Dichters und seiner Gestalten wundervoll zum Ausdruck kommt. In ähnlicher Aufmachung präsentiert sich das verschollen gewesene Werk eineö mannhafien vornmrzlichen Poeten. Es ist der satirische Roman.Kontraste und Paradoxen" von Friedrich von Sollet. Der Autor war ein origineller Lyriker und schlag- fertiger Evigrammiker. Als Romanschriststeller steckte er vollständig in romantischen Anschminngen und Empfindungen und zeigte eine gewisse geistige verwandtschast mit T. Th A. Hoffmann. Der- selbe sprudelnde Wiy, dieselbe verschnörkelte Wunderlichkeit. oder ihr wenigsten« zum Greifen ähnlich. UebrigenS teilten auch noch andere Schriftsteller der seligen, damals bissig verspotteten. gegenivärtig wieder modisch werdenden Biedermeierepoche— ich «rmnere an Hennann Marggraf, Karl Herlostsohn— mit Sollet die Vorliebe für literarästhetiiche und pädagogische Themen und Ein- schlüge in ihren Romanen. Wenn auch nur mehr eine Kuriofiiät, birgt die? Werk doch eine Reihe feingeprägter Sentenzen für Leute. die gern abieitS vom breiten Wege geben. Und damit ihr Interesse nicht vorzeitig erlahme, hat Alfons Woelfle, ein Münchener Künstler, den Roman mit höchst originellen Zeichnungen im para- doxen Geiste jene« Zeitalter« geschmückt. JedeS dieser beiden Werke kostet stilvoll gebunden 6 M. Wie dies zuletzt genannte Buch de« deutschen Schriftstellers, so ist auch der Roman:„Contarini Fleming" von Lord VeaconSfield eine literarische Ausgrabung. Im allgemeinen kommt bei dergleichen Dingen, die meistens von angehenden Kathederliteraten' zutage gefördert werden, nicht viel mehr heraus al« ein paar philosophische Belteli'uppen für gelehrte Zeitschristen. Und so hat denn auch dieser Roman zunächst nur einige? literarhistorische» Interesse. Sein Verfasier ist der später zum Earl of BearonSfield erhobene britische Staatsmann Benjamin DiSraeli lgcboren am 2t. Dezember 1804 zu London. gestorben am IS. April 1851). DiSraeli war entschieden einer der allerbedentendsten englischen Romanschriftsteller seiner Zeit, ver- schieden« Umstände, teils politischer und gesellschaftlicher, teil» per- sönlicher und konfessioneller Natur standen seinem Ruhm im Wege. oder waS richtiger: der Staatsmann war für den Dichter und dieser wieder für jenen da» grostle Hindernis. Dann noch etwa« anderes. DiSraeli war jüdischer Abstammung, wenn auch gelaust. Hieraus ergab sich die Feindseligkeit bei Juden und Christen. Beide Parteien — schreibt der Ueberieyer deS RomanS— hoben beständig feme Aufrichtigkeit in Frage gezogen. Bei den Engländern al» Jude verschrien, bei den Inden al» Christ— bei den Politikern als Dichter verhöhnt und bei den Dichtern als politischer Streber— bei den Revolutionären al» Aristokrat gebrandmarkl und bei den Aristokraten als Revolutionär— bei den Schwärmern und Ideologen als Materialist abgelehnt und bei den Materialisten als Phantast und Mystiker—— also ist Benjamin DiSraeli den seit Urzeiten bekannten, für alle Zu- kunst feststehenden Lebensweg eine« grotzen Manne« gegangen: unverstanden und beschimpft, einiam und brav l" Im Todesjahr Lord BearonSfield« find leine Romane in 11 Bänden gesammelt erschienen..Endynnion", sein letzte» bedeutendes Werk— ein drei- bündiger polittscher Roman— ist wobl bisher der einzige geblieben, der durch einen deutschen Uebersetzer sC. Böttger) auch bei u»S Eingang gefunden hat.„Contarini Fleming" nun erscheint zuin ersten« mal in deuischer Sprache(bei Oesterheld u. Co.. Berlin, Preis 4 M.) — 80 Jahre nach seiner Entstehung und seinem Erscheinen in Eng- land. Goethe bat ihn noch kurz vor seinem Tode gelesen. Auch Heinrich Heine hat ihn hernach gelesen und als e«ne bedeutende Dichtung begrübt. Es wird darin die Bildung und der Entwickelungs- gang eines Poeten bebandelt; mir in ungleich anderer Weise wie Goethe in.Wilhelm Meister" getan hat. Es ist ein klassisches Werk ohne Frage. Ob es jedoch in unserem Zeitalter noch viel Leser finden wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. Dagegen dürften des Russen Iwan Gontscharow .Gesammelte Werke", die zum erstenmal in ungekürzter deutscher Ueberttagung(im Verlag von Bruno Cassirer, Berlin) dargeboten werden, wegen ihres sozialethischen SchwergehaltS auf «in besonderes Jnteresie rechnen. Wir haben bereits an dieser Stelle vor mehreren Monaten daraus hingewiesen, llnterdefien ist nun der zweite Band der auf vier Bände bezifferten Gesamtausgabe heraus- gekommen. Er enthält— übersetzt von Klara Brmmer— auf 789 Druckseiten den berühmten Roman.Oblomow", über den wir uns bereit« damals geäußert haben. Die vorzügliche Darbietung macht dem Berlage zweifellos Ehre. Wir befürchten aber, daß der Preis von 26 M. für die broschierte, von 82 M. für die gebundene Ausgabe— an sich in Amebung der bedeutenden Herstellungskosten gewiß nicht hoch— der Anschaffung in Arbeiterleserkreisen als un- Übersleigbare« Hindernis im Wege steht. Und das ist sehr zu bedauern. £. K. Soll man Ruinen restaurieren? Die Frage, ob das Heidelberger Schloß restauriert werden soll oder darf, nimmt CorneliusGurlittim zweiten Januarheft des.Kunstwart»" zum Ausgangspunkt einer Untersuchung, die von allgemeinem Interesse ist. Ter gründliche Kenner unserer alten Architektur schreibt: .Ter Streit um den Ott-HeinrichS-Bau des Heidelberger Schlosse« setzt wieder von neuem ein! Zwar das Wiederaufbauen ist der badischen Regierung verleidet worden, seit beide Kammern die Mittel hierzu verweigerten: sie folgten den Wünschen der Mehr- heit aller Gebildeten und den lauten Protesten der Tenkmalpfleger. Nun will man wenigstens die Ruine restaurieren, das heißt, diese soll Stein für Stein abgetragen werden, die morschen Steine sollen durch neue ersetzt und dann das Ganze wieder aufgebaut werden — als Ruine. Wenn sich jemand in seinem Garten eine künstliche Ruine baut, wie dies das endende 18. Jahrhundert tat, so ist das seine Sache. Man wird wohl heutzutage über den romantischen Schwär- mer lächeln, der fich Kosten macht, um ein innerlich univahres und völlig zweckloses Ding hinzustellen, daß vielleicht einen malerischen Reiz gewinnen kann, aber an sich einen künstlerischen Wert nicht beansprucht. Denn ein Kunstwerk ist wohl immer ais der Ausdruck eines lebendigen Gedanken« angesehen worden. Noch nie hat ein verständiger Mensch ein zerstörtes Bild oder eine besckmndene Statue berftellen lassen— es sei denn einer, der die Abstcht hätte, eine Fälschung zu begehen. Ter Zweck lief dann darauf hinaus, die Beschädigungen wieder zu beseitigen und da«.alt" gemachte Kunst- werk nun als„eckt" in den Handel zu bringen. Ich wüßte daher auch nicht, daß seit den Tagen der Einrickitung der Parke von Sanssouci und Schönbrunn künstliche Ruinen größeren Etil« ge- schaffen worden seien, so wenig wie künstliche Berge oder Grotten. Etwas ganz andere? ist cS aber, wenn ein Staat die ehr- würdigen, herrlichen Reste eines alten BaneL abtragen und an deren Stelle eine künstliche Ruine schaffen will, die uns vortäuschen soll, sie sei jener Rest. Das schlägt jetzt di« badische Regierung vor: die morschen Steine sollen ausgcmittelt werden, wohl auch die de- schädigten. Das heißt, die wiederaufgebaute Ruine soll als blitz- blank neu erscheinen. Die gelehrte Untersuchung des Baues, wie sie namentlich Professor A. Haupt in Hannover durchführte, hat bewiesen, daß der Bau keineswegs nach einheitlichem Plan entstand, daß beim Aufbau nach dem ersten Entwurf schon fertig geschaffene Steine an einer nicht genau nach architektonischer Regel gewählten Stelle nach einem zweiten Entwurf verwendet wurden, und daß so .Fehler" entstanden, jene Fehler, die ein Kunstwert aus der Art einer akademischen Prcisarbeit zu einem Werke von intimem Reiz umgestalten. Will die badische Regierung diese Fehler noch einmal machen lassen? Soll das, was vielleicht den Meister des ursprünglichen Baues in arge Verzweiflung versetzte, waS er aber nicht ändern konnte, nun auf kaltem Wege nackgeahmt werden? Oder will man die Fehler auf Grund der Lehrbücher von den Nassischen Säulen» ordnungen verbessern? Die badischc Regierung scheint in der von einer beneidenswerten Naivität eingegebenen Meinung zu sein, daß eine solche Arbeit, wie sie sie vorschlägt, ein Werk der Pietät sei. bei der der moderne Restaurator maschinenmäßig das Alt« wiederherstellen könne. So daß man später meine, die Ruine, die da stehe, sei wirklich das Ergebnis eines traurigen Brandes, wäh- rend sie dock nun ein mit großen Kosten teilweise aus affem Mate- rial gesckaffener Neubau ist: Ein verwunderlickeß Denkmal einer in ihren Zielen unffaren Zeit, die immer nock glaubt, daß man durck Fleiß und Sorgfalt sein eigenes Handanlegen verstecken und das neu Erreickte ohne Falsch für alt ausgeben dürfe. Und warum die ganze Arbeit I Man Int uns lange Jahre Sckandergesckichten erzählt vom drohenden Perfall der Ruine. Wer will die Verantwortung dafür übernehmen daß die Wand nicht eines Tages einstürzet? Natürlich meldete fich niemand. Als man aber die berufenen Sachverständigen fragte. erNärten diese die Ruine als keineswegs schlecht erhalten. Sie gaben ihre Meinung dahin ab. daß Winddruck ihr vielleicht gejährlich werden könne, und beehrte über die Mittel, d:rch die diese Gefahr beseitigt werden könne. Erst in jüngster Zeit sind«ine Anzahl Stimmen laut ge- worden, die der offiziellen Bangemacherei den Boden abgruben. Immer wieder wirft man in Baden die Frage aus, was zu tun seil Die Antwort ist-.inkach genug: Gar nichts ist zu tun! Nackdem der Bau aufs genaueste vermessen, photographiert, abgeformt ist, nachdem in da» kenswertee Ljeise alles das geschehen ist, tvas ermöglicht, eine Kopie des Baues in allen späteren Tagen mit derselben Genauigkeit herzustellen, wie dies heute möglich ist, soll man die Ruine nur vor den Restauratoren schützen, sonst aber in Ruhe lasten. Sckon um der guten Nächte aller Freunde Heidel- bcrgs willen, die seit einer Reihe von Jahren durch Sorgenschreie beeinträchtigt werden. Ist ein Schrtz gegen Wind nötig, so mache man das,>vas nötig ist. zeige es aber: denn das Nötige getan zu haben, ist nie eine Schande. Will die Ruine einstürzen, so stütze man sie; man füge Strebepfeiler an von der Stärke, wie sie zum Halten nötig ist. Nicht„stilvoll" abgestiminte, sondern redliche Mauerklötze: die Ruine wird vielleicht dadurch noch vornehmer wirken. Sicker aber wird sie somit noch durch Jahrhunderte stehen können. Und was dann die badisch« Regierung und der badische Landtag beschließt, das wird abgewartet werden müsien. Vielleicht kommt man dann darauf, nachdem sich das deutsche Volk noch durch eine hoffentlich sehr lange Zeit des echicn Baues und seiner eckten Ruine erfreute, eine Kopie des Baues auf Grund der Aufmessungen herstellen zu lasten. Vielleicht! sage ich. Da ich aber mit dem Fortschritt der Vernunft rechne, glaube ich, daß man im 21. oder 22. Jahrhundert erkannt haben wird, daß ein solches Werk die Kosten nicht lohnt. Man wird mit Trauer die Aufincsiungen st»- bieten und die noch erhaltenen Reste mit doppelter Sorgfalt pflegen, man wird jene loben, die sich das Alte zu erhalten herzlich mühten und sie preisen, daß sie nicht an Stelle dieses Alten Falsches setzten. Und man wird anerkennen, daß Denkmäler ehen sterben. Das Verkehrteste aber scheint mir. das zu tun. was man als erschreckliche Gefahr fürchtet, nämlich die Ruine niederzulegen, da- mrt sie nicht einfalle. Ich habe unlängst von einem Manne gelesen, der sich aus Furcht vor einem Duell erschoß: dieser Mann ist mir nicht als ein Muster vorsorglicher Weisheit erschiene»» kleines feuilleton. Der vierte Pestberd der Erde. Für jede ansteckende Krankheit muß es nach der Theorie eine Gegend geben, wo sie cndemi'ch, da» heißt als dauernde Volkskrankheit, vorbanden ist. während daS epidemisch« Auftreten die vorübergehende Ausbreirung auf andere Gebiete bedeutet. Selbstverständlich können diese Ver- hättmsse aber wechseln. In einein Lande. Ivo sie endemisch herrschte. kann ein« Seuche erlöschen und kann in dem anderen, das sie sonst nur epideinisch Hennsuchte, sich dauernd einnisten. Ein deutliches Beispiel dafür zeigt die Verbreitung der Pest während des letzten Jahrzehnts. Ihr angestammler und fester Sitz ivnrdc immer in China gesehe», aber ihr Uebergreisen„aineiltlich ans Indien, dann auch aus Südafrika, ist ein so hartnäckiges gewesen, daß man auch in dieien beiden Reichen jetzt voi» einer endemischen Herrschaft der Pest sprechen muß. In Aunralien sind die Pestfälle mir so vereinzelt gewesen, daß sie vergleichSiveise unbeacklet bleiben können. Dagegen kam» jetzt kein Zweifel mehr daran bestehen, daß eS noch einen vierten gefährlichen Pestherd auf der Erde gibt, und zwar wieder in einem anderen Erdteil, näniiich in Amerika. Das Journal der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung weist jetzt auf Grund eines zuverlässigen und umsaugreicheii Materials nach, daß die Pest in Kalifornien endemisch ist. Als besonderes Merkmal dafür wird die jetzt erst»estgeftellte Tatsache betrachtet, daß die Nagetiere dort in großer Zahl mit Pest behaste» sind. Es ist bekannt, daß diese Tiere ei»ie ständige Gefahr für den Menschen bilden, da sich die Pestleime durch Schmarotzer von jenen auf diesen übertragen. Namentlich unter den Erdeichhvruchei» schein» die Pest in Kalifornien außerordentlich stark verbreitet zu sein und bei der ungeheuren Häufigkeit dieser Tiere ist an ihre Ausrottung kaum zu denken. Diese Tatsachen stellen die Regierung der Vereinigten Sraatei» vor eine höchst wichtige Ausgab«, an deren Lösung a>»ch die übrige Welt lebhaste» Interesse hat,»veil ein Pestherd bei dem heutigen Stand des Wellhandels eine allgemeine Gefahr de- deutet. Erziehung und Unterricht. Suggestion bei Kindern. Jeder Erwachsene, der viel mit Kindern zu tun hat, weiß aus Erfahrung, wie leicht Kinder zu beeinflussen find. Kommt es doch bei einer Antivort. die man von dein Kinde hören will, oft nur auf die Ar» der Fragestellung an. Auf die Frage:„Du bist doch nicht etwa auf der Eisbahn gcweien?' kann als Anttvvrt nur ein„Nein" erfolgen. So ist es auch bei vielen Erwachsenen. Liegt doch in der Frage sckon die Aittwort. Man erwartet direkt das Nein.„Du bist doch»ichl etwa" beißt: So etwas traue ich Dir gar nicht zu. Viele Lehrer und Eltern keimen den Wert der Suggestion in der Erziehung und ivissen ihn»vohl zu schätzen. Und dow wird die Suggestion viel zu wenig angewandt und viel zu einseitig. Hier sei uur kurz angedeutet, was für ein großer Helier uns in der mggestiven Kerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Behandlung der Kinder bei leichten oder eingebildeten Krankheiten eutgegentritt. Wie leicht sind Kindertränen durch güllichen Zuipruch zu stillen.„Heile, heile Segen, sieben Tage Regen, sieben Tage Schnee und dann tut es gar nicht mehr weh.„Ein paar mal noch über das Bückche» gestrichen und wirtlich, Mund und Augen lachen schon Ivieder,»vähreud dicke Tränen noch die Backen herunterlaufen. Hat ein Kind sich in den Finger geschnitten, so bewirkt ein herum« gebundenes Läppchen das sofortige Aufhören der Schmerzeinpfindung, und ich habe»viederbolt beobachtet, daß bei„Kopfweh" ein Stückchen Heftpflaster auf die betreffende Stelle geklebt, das vorher nörgelnde Kind„beruhigt". Ja, ich kenne Fälle, in denen das „erkrankte" Kind ausging, um mit Stolz»ein Heftpflaster zu zeigen. lind was für Wunder kann ein Löffel Zuckerwaiier bewirken. Freilich »st es bei größeren Kindern ziveckmäßig, das Zuckerwaffer aus einer Flaiche sMedizinflaichej in den Löffel zu gieße», um den Erfolg der suggestiven Behandlung nicht heiabzusetzen. Bei nervöiem Hnlten bewirkt ein harmloser Hustenbonbon eine sofortige Abschwächung des Hilsleiireizes; ein um den Hais gebundenes Taschentuch hat den- selben Erfolg. Solcher„Heilmittel" gibt e« unzählige. Und wenn sie auch bei wirklich ernster Erkrankung nicht auf die Dauer Helsen können, so geben sie auch da dem Kinde auf kurze Zeit Hilfe und Erleichterung und können niemals Schaden anrichten. Bei eingebildeten und leichteren Krankheiten oder Verletzungen kommt eS oft nur darauf an, das Kind von der Idee des Krankseins überhaupt zu befreien und eS in irgend einer Weife abzutenken. Und da tun Heftpflaster und Zuckerwasser mit gütigem Zuspruch größere Wunder, als man sich träumen läßt. Aus dem Pflanzenreich. Moore in den Tropen. Vieliach begegnet man in geologischen Kreisen der Ansicht, eine Moorbildung könne nur in Gegenden mit gemäßigtem oder kaltem Klima eintreten: für die Tcopeuwelt sei sie ausgeichlosien, da die Pflanzen dort allzu schnell der Verwesung anheimfallen und so ihre Reste sich nicht zu Torf ansammeln tömiren. Beweiskräftiges Material für die gegenteilige Ansicht lag auch»icht vor, da derartige Gegenden in den Tropen der tod» bringenden FieberauShauchrmgeii wegen bisher von Europäern gemieden, zum mindesten nicht einer»visienichastlichen Untersuchung unterzogen worden waren. Erst ganz kürzlich sind die Ergebnisse einiger Forschungen im tropischen Nordamerika und aus Sumatra bekannt geworden, auf Grund deren Dr. Slremme in der Zeitschrift„Gäa" die Möglichkeit einer Moorbildung auch in heißen Landstrichen nachweist. Der ge» nannte Gelehrte geht davon aus. daß ziviichen Hochmooren und Ftachmooren streng zu unterscheiden ist. Die Hockmoore setzen sich fast ausschließlich aus einer dichten Decke von Torfmoos— Svbagnum— und wenigen anderen mir diesem vergesellschakleten Pflanzen zu« sammen, während das Sphagnum in der» Alachmooren nur sehr selren austritt, vor allem für die Torsbildung nicht»veientlich ist. Diese Erscheinung hängt mit der ver'chicdenen Art der Enistehung zu» sammen: Die Hochmoore entstehen besonder» da. wo Regenwasier. daS bekanntlich»ehr arm an Nährialzen ist. sich ansammelt, das das Torfmoos innerhalb bestimmier niedriger Tenweraturen auf« haupr. Derartige Hochmoore, die von Grund-»nd Quellwasier ganz nuabhängig sein können, trifft man in Deulichland auf dem Brocken, in der Rhön, dem BogelSberg und Riesengcbirge. Flachmoore dagegen trifft man überall da, wo Grundwasser oder Bäck»«. Flüsse usw. stagnieren; die Streu der in und an dieiem nährmlzreichc» Wasser kann nun nicht jn Berweiung übergehen und wird sich allmählich in Tort verwandeln. Derartige Moore find u. a. die Brüche in den Havel« und Spreemedcrungen und die Moore der deurichen Rordfeeküst«, die aus da» allmähliche Adstnken oeS nordwestlichen Deulichtands und die dadurch hervorgerufene Stagnation der Binnengewässer zurückzuführen sind. Diese Art der Flachmoore ivird in der gemäßigter»»md kalten Zone naturgemäß häufig auch von der Hochmoorflora nach- träglich besiedelt. In tropischen Gegenden fehlt ieldstverständlich das Sphagnum, aber in denjenigen Gebieten, in denen durch positive Slrandverichiebung, alio durch allmähliche? Untertauchen des Landes in das Meer der Abfluß der Flüsse gegen die Mündirng hin verlangsamt»vird, entstehen in den Sumpfgebieten au» den Vegetationsresten mächtige Torsschichten. DaS ist jetzt nackigeiviesen für die sogenannten„Swamps", die sich enltang der Ostküste der Vereinig»«» Staaten hinziehen. Da» sind fast undurchdringliche Sümpfe, dich» mir Zypresse», Mangrovebäumcn und Taxus bestanden, häusig mir erner Fautichlanmrichichl bedeckt, wie man sie in tlemerem Maßstab in jedem Sommer auf viele,» Seen in der Umgebung BertrnS beobachre» kairn. Der Torf in�den„Swamps" zeigt in der Zusammensetzuilg ganz merkwürdige Ueberernslimmungen mit den Braunlohlenbildungen des norddeulichen Flachlande». Ebenso wrlrde vor lurzern in einem SenlringSgebiei der Intel Sumatra ein immergrüne» Waldflachmoor entdeckt, da» einen Flächenraum von über SO 000 Hektar bedeck», dessen Untergrund ebenfalls als Torf nach« gewieien wurde. Diese Feststellung ist deshalb auch von besolrderer Wichtigkeit, weil damit auch eine Ansicht hinfällig Ivird. der man nichl selten in der Fachlileratnr begegnet, daß nämlich die Steinkohlenlager, die aus Moorbildungen hervorgegangen sind, unmöglich in einem tropischen Klima bätlei» entstehen können»»nd daß demnach das Klima unserer Erde zun» mindesten seit dem pa« läozoologirchen Zeitaller, dem Altertum, keine weseirtlichen Aende» rungen erfahren habe._ Borwarrs Buchtruckere. u.BecUa«aii|tai( Paul Sucher