Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 25. Freitag den 4 Februar. 1910 (JMAMui oetloun.) 25] Im Warnen des Gesetzes, Von HanS Hyan. 16. Kapitel. Als Georg Zellwig am nächsten Morgen in die Fabrik ging, lebte wieder der alte Trotz in ihm. Als Märtyrer fühlte er sich, aber keineswegs als einer, der freiwillig Un- recht leiden will. Alles schrie in ihm. daß man ihm Unrecht tue. Nicht bloß der eine, der in die Versammlung gestern abend jenes infame Wort hineingeschrien hatte— auch die anderen, die meinten, er verriete ihre Sache an den Kapita- lismus. Ueber seinem Leben, das zu starke Gegensätze aufwies und für dessen leidenschaftliches Wollen die klaren Wege der Erkenntnis nicht vorhanden waren— über diesem Leben funkelte kein freundlicher Stern. Und so trieb ihn seine Energie, die in jedem Hindernis nur den bewußten Feind sah, über dm Rand des Abgrundes, in die Tiefe.... Wie er in den Arbeitssaal trat, kam auf seinen ab- sichtlich laut gebotenen„guten Morgen" kaum eine Antwort. Er war wütend darüber, obwohl es ihm erklärlich war. Sein Name hatte ja damals in der Zeitung gestanden l Oeffentlich beschimpft, beschmutzt und entehrt war er worden, weil er jemandem gedankenlos eine Gefälligkeit erwiesen hatte. Er lachte laut auf und fing an zu arbeiten. Aber mit dem sicheren Bewußtsein, daß er den Abend in dieser„Bude" nicht mehr sehen würde. In der Frühstückspause waren eine ganze Anzahl der Kollegen drin beim Werkfuhrer, der in einem kleinen Bretter- verschlag hauste. Und als sie wieder draußen waren, kam der Werksührer selbst an Georgs Arbeitsplatz heran und sagte, er möchte doch einen Augenblick zu ihm hinein kommen. Mit einem Zittern in der Brust, aber den härtesten Widerstand auf seinem jungen, kantigen Gesicht, täk's der Knopfdriicker. „Herr Hellwig," sagte der Werkführer— er dachte sonst nicht daran,„Herr" zu sagen,„eS tut mir sehr leid, aber ich muß Sie was mitteilen.... Sie kenn' sich woll schon denken, was?" Georg stieß einen Ton aus, der wie ein Lachen klingen sollte und sagte: „Nö... woher soll ick denn det wissen!,., Ick bin doch keen Kedankenlesal" „Na," dem anderen wurde es offenbar gar nicht so leicht, es zu sagen und die pasicnden Worte zu finden,„Ihre Ar- beitskollejen..." er stockte wieder. „Wat is mit meine Arbeitskollejen?" fragte Hellwig ab- sichtlich naiv. „Ihre Arbeitskollejen ham jesagt.,. fe sagen..- se sagen... et jinge nicht.. „Was denn. Meesta?... wat jeht denn nich.. „Na, det se mit Ihn' weita zusamm' arbeeten sollten. , machen Se mir doch die Sache nich so schwer. Hellwig!.." „Ach so!... hm... un wat sagt der Chef dazu?" „Der Chef... na, der weeß natierlich nischt davon... der hat keene Ahnung... un der braucht et ja ooch janich gu erfahren, erst..." „So, na wie dachten Sie sich denn die Sache. Meesta?" „Aber, Mensch, det is doch janz eenfach!... Sie nehmen Ihre Biecher und Ihr Jeld und jehn los heite Am'd!... Da kräht keen Hahn danach!" „Nee, da kräht keen Hahn, ob ick nachher wat vadiene und wat zu essen habe... Da ham Se janz recht, Meesta!" „Aber Menschenskind, reden Se doch nich son Kohl!... Sie sind doch'n tichtja Mensch! Sie kriejen doch iebaall Arbeet, wo Se ooch anfragen!.. „Ja, die krieg' ick! Bis morjsn wieder so'n Schlumps kommt un vamasselt mir de Fahrt un ick fliege wieder raus! ... Nenn' Sie det Arbeet kriejen, Meesta, ja, nenn' Sie det Arbeet kriejen?" Der Mann, der den tüchtigen Arbeiter nur ungern gehen ließ, zuckte die Achseln. Ihm wars gewiß nicht recht, und er für sein Teil hätte gern über den Vorfall hinweggesehen. Aber ganz unrecht geben konnte er den anderen doch nicht. Gewußt hatten die es längst, daß Hellwig aus dem Gefängnis gekommen war. Aber keiner hatte ihm ein Wort gesagt darüber: und unter sich hatte» sie's entschuldigt, weil ja auch schließlich wirklich nicht viel an der Saache dran war.., Ja, wer hieß denn nun den Hellwig, sich den Mund verbrennen für den Chef? I... Daß einer aus den eigenen Reihen Partei nahm gegen sie selber, das litten die Arbeiter eben heute nicht mehr. Deswegen hatten sie denn auch sämtlich gedroht, wie ein Mann die Arbeit niederzulegen, wenn Georg Hellwig morgen noch am Balancier stände. ' Dem Knopfdrücker schnürte der Grimm die Kehle zu. Da war mit einem Male wieder der trotzige Junge da, den des Vaters Züchtigung beinahe zum Brandstifter gemacht hätte, vor Jahren.... Jedes ruhige Nachdenken verdunkelte die Empörung. Und der Haß warf seine roten Fackeln in alle die Wohnungen, welche die Liebe in diesem wilden Herzen gebaut hatte.... Mit einem Brummen ging er. Er ging gar nicht erst noch einmal an seinen Arbeitsplatz. Wozu sich sein Arbeits- zeug holen, das brauchte er doch nicht mehr!... Man kann sein Brot auch anders verdienen!... Wie er rannte, als er auf der Straße wart Immer los, daß er nur ja schnell zu seiner Emma kam! Und die lachte, wie sie alles hörte.___ Oh. er wüßte bloß noch nich, wie die Menschen sind.... Sie kennt sie besser! Aber zuerst sollte er sich hinsetzen und'ne Flasche Bier trinken und'n Happen essen.... DaS wär' die Hauptsache! Nach- her wollten sie reden..., Er wollte nicht, aber wie Glas und Flasche vor ihm stand, stürzte er wieder und wieder das Getränk hinab. Sie war in der Küche und briet Koteletts. Dann kam sie. glühend von der Herdhitze. Und wie sie ihm gegenübersaß und er sie kauend betrachtete, da versanken in dem Verlangen, das ihr zärtliches Gesicht immer in ihm entzündete, langsam, wie in einem blumenüberwachsenen Sumpf, sein Rachedurst, seine Vergeltungsgedanken.... Er wurde leichtsinnig und wieder froh und verschlief in ihren weißen Armen den Tag und die Nacht.... 17. Der Knopfdrücker versuchte gar nicht mehr, in seiner Branche Arbeit zu bekommen. Er sei zu stolz dazu, redete er sich ein— daß sein Stolz eigentlich„Scham" hieß, und daß er sofort auf die andere Seite ging, wenn er einen früheren Arbeitskollegen kommen sah, das sagte er niemand. Der schwarzen Emma war das ganz recht, sie hatte ihn doch jetzt immer um sich. Und trotzdem er sie schwanger ge- macht hatte, rasselte ihre Nähmaschine unaufhörlich. Aber ihr Verdienst reichte nicht zu. Die dreißig und vierzig Mark, die er sonst des Sonnabends heimgebracht hatte, fehlten eben. Für das mangelnde Amllsemant entschädigte sie noch ihre Zärtlichkeit, aber sie hatten bereits Mietsschulden, und ihre Kasse versagte bei der geringsten Anschaffung. Er ging hier und da Arbeit suchen. Aber was er hätte haben können, behagte ihm nicht, und die guten Stellen sind auch in der Großstadt selten. So nagte die Sorge an ihrer Zufriedenheit. Eines Tages sagte Emma: „Weißte, Du könntest doch mit Deine Kunst Geld ßa- dienen!" Er war ganz erstaunt. „Mt meine Kunst?" „Na ja, als Athlet, mein' ich! „Donnerwetter!" Er sprang von der Kohlenkiste, auf der er gesessen hatte, in die Höhe. „Det is'ne Idee!... Du!... Meinste denn, daß det jeht, Emmeken?" „Na, warum soll'n deS nich jehn.... Uff de kleenen Theater, da sieht man doch ofte welche, die kenn' noch lange nich soviel wie Du!..." Er mußte lächeln, aber es schmeichelte ihm, daß sie solch hohe Meinung von seinem Können hatte. „Du müßtest mal zu Schnepper jehn." plauderte sie weiter,„der hat früher ooch mal jerungen for Jeld, ick jloobe in'n Einskella... „Na, weeßt Du denn, wo er wohnt?" fragte Georg etwas argwöhnisch, denn er erinnerte sich der begehrlichen Blicke, mit denen der Breitschultrige mit dem schwarzen Scheitel seine Liebste damals betrachtet hatte. „Jewiß weiß ich's," meinte das Mädchen harmlos,„das heeßt, früher, da wohnte er bei eene Witwe in der Müller- strasie 117... un tvenn er jetzt'ne andere Bleibe hat, denn find' man det ja raus...." Sie hielt inne und setzte dann lachend hinzu: „Wenn er nich etwa außerhalb ist, in Sommerwohnung oder so... „Ach!" machte Georg,„in Sommerwohnung?,,, Jetzt im Winter!... am Ende!.. Nun lachte sie hell auf. „Na ja! Weeßte denn nich, was det heeßt?!... man fagt doch imma so!... ich meine, wenn er nich fitzt!.." „Achso!..." Georg war ein paar Augenblicke ganz still.� „Also darum wollte der damals nich mit de Sprache raus, wie ick'n fragte, wovon er denn eintlich leben tat... Da- drum!... na ja, eijentlich Hütt' icks mir ja denken kenn'!... denn so sah er auch aus, als ob er jelejentlich mal'n Ding drehn würde..." Er überlegte wieder. Sie sagte nach einer Pause: „Du brauchst Da ja auch weiter nich mit'n abzujeben... bloß wejen die Athletenstelle... na ja!" Sie wurde rot, weil Georg über ihre drollige Ausdrucks- Weise lachte. „Damit weeß a' Bescheid!" Nach einer Weile sagte Grorg wieder: „Wenn ick man wüßte, wie sich der Olle dazu stellen wird?" „Dein Vater?" Sie hob die Achseln und verzog ihren hübschen Mund,„weeßte, Jeorrich, et is janz hibsch, wenn man wat jibbt uff seine Eltern, aber det darf doch ooch nich ausarten!... Deine Ollen ham Da Wieda uffjenommen, wie De rauskamst aus't Kittchen, aber det wa doch ihre vadammte Pflicht und Schuldigkeit! Davor find et doch Deine Eltern!... un sonst... na, ick will ja nischt sagen, aber Dein Vater, der tut jrade so, als ob De noch son kleena Junge Wärst, den man de Hosen noch uff- und zuknöppen muß..." „Dis vastehste nich!___ Davor is et eben mein Lata... UN man kann froh sein, wenn man noch eenen hat..." lFortsetzung folgt.) Das System Bode und die florabüftc. Vor Wochen bcrliinbcte schon die vom Kaiser-Friedrichmuseum inspirierte«Voss. Zeitung", die sich ja auch zum Publikationsorgan des Herrn Gretor ulias Petersen hergab, der Streit um die Flora- büste wäre nunmehr zu Ende. Der sehnliche Wunsch halte diesen Gedanken eingegeben. In der Tat könnte der Bodepartei nichts willkommener sein, als wenn die ganze Affäre nunmehr mit dem Mantel der sogenannten Sachverständigengutachten zugedeckt würde. Als ob damit die Echtheit der Florabüste erwiesen wäre, als ob damit die Willkürwirlschaft des Herrn Bode, die Eliquenregierung seiner Partei, und die Korruption der deutschen Zeitschriften und Zeitungen, die in diesem Falle so unverbüllt ans Licht trat, aus der Welt geschafft wären. Die Flora-Affäre hat Zustände cnt- hüllt, die vor der breitesten Oeffentlichkeit besprochen werden müssen. Selbst wenn es sich nur um die Echtheit der Büste gehandelt hätte, wäre ohne das entscheidende Eingreifen der Presse die Angelegenheit im stillen Kreise der.Fachmänner", die sich bei dieser Gelegenheit aufs gründlichste blamiert haben, begraben, vertuscht und mit Hilfe eines skrupellosen Terrorismus unschädlich gemacht worden. Und wahrscheinlich wä.'e nicht einmal diese Parodie der Untersuchung, die wir erlebten, aufgeführt worden. Die Presse bat erst das englische Material zur Verfügung gestellt, ohne daS die ganze Frage überhaupt nicht ernsthaft be- handelt werden kann, wir meinen die Aussagen der Augenzeugen Lucas und Whitburn. Die Preffe hat verhindert, datz Herr Bode und die Seinen diese durch nichts erschütterten positiven Aus- sagen glaubhafter, unbestochener, und nicht durch irgendwelche Interessen beeinflußter Männer weiter totschwiegen und als Bagatelle behandelten. Und die Preise wird— wenigstens soviel an uns liegt— die Rolle, die Herr Gretor in der Angelegenheit gespielt hat, gründlicher aufzudecken haben, als eS manchen Leuten recht fein wird. Aber weit über die Tragweite dieser Spezialfragen hinaus ist das ganze System des Herrn Bode in einer Weise bloßgestellt worden, datz es dringende und unvermeidliche Pflicht der Oeffentlichkeit geworden ist, in der Preffe und im Parlament dieses System einer gehörigen Kritik zu unterziehen und auf Abstellung der schwereit Schädigungen zu drängen, die eS unserem Museumsbetrieb gebracht hat und weiter bringt. Oder ist etwa die ganze Berwaltungstäügkeit des Herrn Bode eine Privatangelegen- heit, die den Herrn Generaldirektor und seine Gefolgsleute allein angeht und für die das Land nur die Mttel zu bewilligen hat? Erfreulicherweise hat fich nun auch im Kreise der Fachmänner jemand gefunden, der das System Bode einer eingehenden, fach« verständigen und unbeeinflußten Kritik unterzogen hat. Selbst- verständlich wirkt er nicht in Preußen. Es ist vielmehr dem Münchener Professor Karl Voll, dem ja wohl auch die Bode-Clique nicht die nötige Urteilsfähigkeit und Autorität absprechen wird, zu danken, wenn wir aus dem Kreise der Kunsthistoriker und Museums- Praktiker— auf beiden Gebieten hat fich Prof. Voll bewährt— zu hören bekommen, was uns die anderen so wohlweislich verschweigen. Prof. Voll behandelt in dem Februarhest der«Süddeutschen Monatshefte", das in diesen Tagen erscheint, auf zwanzig Seiten das Thema: Die Florabüste. Wilhelm Bode und die Wissenschaft. Zum Kapitel der Florabüste bringt Prof. Voll eine merkwürdige Parallele: „Bor einigen Dezennien wurde für den Louvre eine italienische Büste erworben, die einen gewiffen Benevieni, einen Schriftsteller aus Savonarolas Freundeskreise darstellt. Sie wurde ähnlich gefeiert wie die Berliner Wachsbüste, aber in den Freudenrausch schlug die Alarm- botschaft, daß der italienische Kunsthändler Freppa behaupte, die Büste so gar nicht alt, sondern sei das Werk eines damals noch lebenden Florentiner Bildhauers. Hierauf antworteten die Freunde der Benevienibüste mit Hohn. Es sei ganz unmöglich im neunzehnten Jahrhundert etwas zu machen, was dem hohen Stilgefühl entspreche, das das Quattrocento und diese Büste gemeinsam haben. Ein Bild- Hauer verwettete seine Hand zum Pfände, daß kein moderner Künstler eine solch wundervolle Arbeit machen könnte; aber der Ktmsthändler blieb bei seiner Behauptung stehen und konnte nachweisen, datz wirklich ein gewisser Bastianim nach einem auch noch lebenden Tabakarbeiter namens Giuseppe Bonaiuti das Werk geschaffen, und datz Freppa 3SV Lire dafür bezahlt habe. Dann kam die obligate Ernüchterung, und jedermann sah, daß die Büste nur daS Schema vom Quattrocento, aber nicht den Geist hatte." Im Anschluß an diesen beweiskräftigen Fall— ebenso gut hätte die berüchtigte Tiara des Saitaphaernes angezogen werden können— erörterte Prof. Voll die aus der Fülle des Gemüts geschöpfte Argumentation Bodes, im lg. Jahrhundert sei eS unmöglich gewesen, eine solche Florabüste zu schaffen:„Genau daS gleiche wurde seiner- zeit zur Verteidigung der Benevienibüste gesagt, und das Argument erwies sich als haltlos. In der Tat wird auch sonst noch fast rcgel- mäßig dieser Einwand gebracht, wenn eine Fälschung entdeckt und nicht sogleich als solche allgemein anerkannt wird. Mit derartigen Gefühlswerten darf heute nicht mehr gearbeitet werden. Man hat aus dem Gebiete der Fälschung und Kopie so viel erlebt, datz die höchste Vorsicht geboten ist, und man darf sogar ohne Sorge be- Haupte», eS kann alles gefälscht und kopiert werden. Darum helfen, wenn ein Kunstwerk mit positiven Gründen als ge> fälscht bezeichnet wird, nur noch positive Gründe, um eS doch als echt gelten zu laffen." Ist nun die Wachsbüste von Leonardo da Vinci, dem großen Künstler der Renaisiance gemacht? Prof. Voll konstatiert: „Die Antwort lautet beute schon ganz einmütig, daß Leonardo nicht als der Urheber der Büste gelten kann. Die einen drücken fich recht günstig über den künstlerischen Werl aus, die anderen halten sie für eine künstlerisch-wertlose Arbeit. Aber alle stimmen darin überein, daß wir hier kein Werk von Leonardos Hand vor uns haben. Da- mit ist die Hauptfrage entschieden. Die Büste, die dem Berliner Museum heule schon rund 200 000 2P. kostet, wurde mit solch großem Preise nur bezahlt, weil sie für eine Arbeit des Meisters selbst an- gesehen wurde. Niemand würde fich besonders um sie bekümmert haben, wenn sie nur als eine Schularbeit, als eine in Wachs ausgeführte Kopie nach einem Gemälde des Meisters aufgestellt worden wäre... Ob nun die Büste gefällig und hübsch ist, ob sie wenigstens An- zeichen dafür hat. daß sie einmal hübsch gewesen ist, oder ob fie nicht mehr als eine Friseurpuppe ist, das kommt so wenig in Betracht, als ob die vielen leonardesken Halbalte der Mailänder Schule um eine weitere Replik vermehrt wurden. Sehr in Betracht kommt dagegen die höchst fatale Tatsache, daß diesmal nicht ein Laie, nicht ein schnell zu begeisternder Künstler, sondern der mächtigste Vertreter deutscher Kennerschaft nicht zwischen Meisterhand und Kopie unterschieden hat.„Die Zunft" leidet darunter, wenn fie nicht in der Mehrzahl ihrer Mitglieder sich von dem Irrtum lossagt, den ein einzelner begangen hat." Des weiteren stellt Pros. Voll fest, daß eS sehr wohl eine Methode gegeben hätte, um vor Jrrttim bewahrt zu bleiben. Bode selbst hatte vor einigen Jahren in seiner Studie über Leonardo als Plastiker versucht, plastische Werke Leonardos nachzuweisen.„Hier waren doch mehrere ganz charakteristische Skulpturen Leonardos, Kunstwerke von hohem Rang veröffentlicht; man brauchte nur zu kontrollieren, ob die Florabüste zu ihnen paßte oder nicht. Dann war der Fall wissenschaftlich erledigt. Das ist auch geschehen; aber daS Resultat war peinlich. Die von Bode als eigenhändige Skulpturen Leonardos bestimmten Reliefs passen in keiner Weite zu der Florabüste." @i6t so dke kunstgeschichtlicbe Unterstützung für die Echtheit der Büste nur negative Resutlale, so gaben die Aussagen der eng- l i s ch e n Zeugen um so deutlichere positive Anhaltspunkte. Prof. Boll analysiert an der Hand unseres Artikels vom 24. Dezember die englischen Zeugnisse.„Was fie berichten ist in einfacher Sprache entwickelt und schildert ganz einfache Vorgänge.... Die Aussagen, die wir kür die Autorschaft alter Kunstwerke oft aus sehr trüben Quellen entnehmen, find in den seltensten Fällen so klar wie die hier vorliegenden.... Es wurden eine große Reihe von Einzel- h e i t e n zur Bekräftigung beigefügt. Dadurch hatte ihre Er- Zählung von vornherein viel Ueberzeugungskraft. Nun wurde aber noch obendrein mit einer fast grauiamen Härte nach irgend einer Unrichtigkeit gefahndet und keine einzige gefunden.... Man hat nun von Berlin aus gesagt, daß der Sohn des Bildhauers Lucas fich vielleicht �doch irren könne. Er ist jetzt 81 Jahre alt und sein Gedächtnis könne ihn leicht täuschen. Aber gerade dieser Umstand, daß der jüngere Lucas so alt ist, erhöht im Zusammenhang mit der Ausführlichkeit seiner Erzählung die Glaubwürdigkeit. Er erzählt ja nichts aus seiner späten Zeit, sondern aus seiner Jugend. Er weiß noch, daß er seinen Vater an der Büste arbeiten sah mid daß er ihm selbst dabei geholfen hat. Und nun ist es eine bekannte Eigenschaft des Gedächtnisses von alten Leuten, die fich ihre geistige Frische bewahrt haben, daß es die Ereignifie der Jugend treu und fest wie Versteinerungen unveränderlich ausbewahrt." Aber auch die kunstgeswichtliche Nachprüfung ergibt nach Voll die Glaubwürdigkeit der englischen Zeugen.„Auch der kunstgeschichtliche Beweis dafür, daß Lucas als Imitator wobl fähig gewesen ist, eine Arbeit vom Stile der Wachsbüste zu machen, ist vollständig erbracht. Mehr als das: der Stil seiner antikisierenden Werke deckt sich völlig mit dem der Florabüste, und so müssen wir sagen, daß er nicht nur fähig gewesen ist, dicie Büste zu machen, sondern daß der Charakter der Büste nicht der Behauptung widerspricht, fie sei von Lucas ge° macht worden." Nach dieser Erledigung der Echtheits frage geht Voll zur all- gemeinen Würdigung des Systems Bode über und bespricht zunächst die Verteidigung, wie fie von Bode geführt wurde: «Bodes Verholten im langen Verlauf der peinlichen Angelegenheit fat allen Anforderungen der Wissenschaft wider- p r o ch e n, ganz abgesehen davon, daß wohl allgemein über den Ton Klage geführt wurde, mit dem er seine Gegner abzufertigen gesucht hat.... Bis jetzt galt, nicht zum kleinsten Teil durch Bodes Verdienst, die deutsche Kunstwissenschast als die erste und zuverlässigste der Welt... Mit Schönrederei wird bei uns kein dauernder Erfolg erzielt.... Das war unser Stolz, und den hat Bode geknickt; denn in Bode war die deutsche Kunstwissenschaft verkörpert oder schien es wenigstens zu sein. Wenn gerade er fich im gegebenen Falle als ein so unbelehrbarer Feind ruhiger Forschung erweist, wenn er für gute Gründe nur üble Schimpfworte, für positive Tatsachen nur haltlose Ausreden hat, dann ist die deutsche Kun st wissen- schaft diskreditiert." Nicht daß Bode fich dieses eine Mal getäuscht Hot, soll ihm angerechnet werden, er hat sich oft, unzahlige Male ge- täuscht und zwar gerade dann, wenn er bedeutende Ankäufe machen wollte. Der große Rubens aus der Scbönborngalerie ist — kein Rubens; der große Rembrandt für 300 000 M. ist kaum mehr als ein von Rembrandt teilweise übergangenes Schulwcrk. Der Fra Angelico, der unter deil Neuerwerbungen hängt, ist ein schwaches Schulwerk. Ebenso in der Plastik, wo sich viele Fehl- a n k ä u f e aufzählen ließen. Vor allem ist der von Bode entdeckte Giovannino lJünglingj nicht von Michelangelo. Zudem find von Bode auf diesem Gebiete, wo er als besonderer Kenner gilt, eine Reihe Fälschungen nicht erkannt worden. Wie kam es nun, ftagr Voll, daß alle diese Fehlankäufe be- kannt sein konnten, ohne bei der Beurteilung der Florabuste in die Wagschale zu fallen. Die Antwort lautet:„Bode hat sich nahezu die gesamte Presse dien st bar gemacht. Man darf nicht übersehen, daß von den vielen deutschen Blättern lange Zeit nur ein einziges"), das«Verl. Tagebl." gewagt hat, den Kampf gegen ") Das ist ein Irrtum Voll«. Der„Vorwärts" hat ungefähr gleichzeitig seine Kampagne begonnen. In der„Tägl. Rund- schau" kämpfte W. P a st o r eine Zeitlang sehr wacker, um dann auf einmal für lange zu verstummen. Jetzt bringt er plötzlich einen Schluhartikel. Man hält allgemein Herrn Pastor für einen ehrlichen Mann, um so mehr hätte er Anlaß, über das merkwürdige Ver- stummen öffentlich Aufschluß zu geben.— Mehr alS merkwürdig war das Verhalten der Zeitschrift„Kunst und Künstler", die Karl Scheffler im übrigen ausgezeichnet redigiert. Die Zeitschrist brachte einen großen Verteidigungs- und Reklameartikel aus Bodes Feder, ohne daß er dort angegriffen war. Darin stand auch noch die famose Hypothese von den zwei Büsten, die Prosefior Miethe damals bereits widerlegt hatte und damit war die Florafrage erledigt I Das nennt sich eine objektive Redaktion!— Die von den ein- geschworenen Bodejüngern redigierten Kunstzeitschriften kommen in dieser Frage nur als Stimmungsmacher in Betracht. Ihre Wifien- schaft richtet fich nach Herrn BodeS Ansichten. Uebrigens ist wieder einer der Kunsthistoriker, die fich für Bode aufs angelegentlichste blamierten, befördert worden. Wir meinen Herrn Georg Gronau, der eben die Direktion der Kasseler Galerie bekam. Er muß sehr große Verdienste um Bode haben l Bobe in dieser Angelegenheit aufzunehmen, daß ferner sehr viele— par ordre du rnouphtd?— hartnäckig gegen die Feststellung der Wabrheil arbeiteten und daß endlich viele und zwar sonst auS« gezeichnet redigierte, sich unbewußt unter dem Einfluß von Bode befanden und in Unklarheit blieben. WaS in diesem einen Fall offen zutage getreten ist, das war seit lairgem schon Gebrauch, ist jedoch nicht öffentlich bekannt geworden. Aber fest mehr als zehn Jahren hört man die immer stärker werdende Klage, daß es fast un- möglich ist, eine von Bodes Ansicht abweichende Meinung durch zu- setzen; selbst die fachwisienschaftlichen Blätter und Revuen lassen hier so gut wie vollständig im Stich." Voll sucht nach einer Erklärung für die Bodesche Mißwirtschast und findet sie in Bodes Ehrgeiz, das Kaiser-Friedrich-Muieum zum reichsten in Deutschland zu machen. Die Rücksicht auf Quantität trat in den Vordergrund; es begann ins Uferlose zu gehen. Eine gründliche Beschäftigung mit einem Gegenstande oder einem Fache war nicht mehr möglich. Bode erstrebte eine Vielseitigkeit, die das Resultat semer Bemühungen sehr beeinträchtigte.„Seine Angaben und Bestimmungen sind sehr unzuverlässig". Man nahm ihn schließ- lich mehr als Kenner denn als Wissenschaftler, aber auch sein Ruf als Kenner ist schwer erschüttert und nicht erst durch die Florabüste. Bode erklärt dasselbe Kunstwerk bald für echt, bald für unecht.i Mit unrichtigen Urteilen von ihm könnte man zehn Leporellolisten füllen. „Der Fall der Florabüste steht nicht vereinzelt da. sondern ist typisch für Bode." Auch die Begutachtungs- und Einkaufspraxis, die Herr Bode befolgt, scheint für einen Generaldirektor der kgk. Museen mehr als bedenklich. Wenn die Fälle, die Prof, Voll aus Bayern berichtet— ein anderer ist von dort aus dirctt zu unserer Kenntnis gebracht worden— nur halbwegs zutreffen, so muß man schon lagen: diese Skrupellosigkeit ist ja vielleicht im Interesse der Berliner Museen gelegen, aber fie wird auf die Dauer überall mit Recht das höchste Mißtrauen erregen und dann schaden. Ob die Manöver, die Herr Bode hierbei anwendet, auch nur im Pferdehandel für fair gelten würden, scheint fraglich. Man hat den Gegnern BodeS immer zum Vorwurf gemacht, fie wollten den verdienstvollen Mann stürzen. Prof, Boll versichert für sich, daß er nicht den Mann, sondern das System Bode angreife. So wenig nun auch Herr Bode für seine Person besondere Schonung verdient sder Fall Tichudi und die Flora-Affäre reden, von allem anderen abgesehen, eine zu deutliche Sprache), so ist doch auch uns seiue Person Nebensache, Bodes System aber, seiner Auto» kratie, seiner unheilvollen Beinflussung der Presse, seiner illoyalen Kampfführung, der durch ihn veranlaßtcn Diskreditierung der deutschenWiffen- s w a s t und des deutschen Volkes im Auslände hat unser rücksichtsloser Kampf weiter zu gelten. kleines feuiUeton. Kulturgeschichtliches. Heber die Geschichte des Mörtels gibt Prof. Rohland im„Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik" einen interessanten Ueberblick. Die ersten Steinbauten fllbrie der Mensch mit Hilfe roh übereinandergetürmter, unbehauener Felsblöcke aus; derartige sogenannte Cyklopenmauern haben sich in verschiedenen Erdteilen erhallen. Zum Ausschmieren der Lücken und Löcher diente dann wohl hie und da der Lehm, der allerdings die einzelnen Steine niemals fest miteinander verbinden konnte. Wann zun, ersten Male die Verwendung des Mörtels aufkam, wem diese Erfindung zu danken ist, das verliert sich im Dunkel der graueil Vorzeit. Jedenfalls mußte man vorher irgendwie, wahrscheinlich durch Zufall, indem man Feuer auf einem Herde von Kalk- oder Gipsgestein tm» zündete, die Veränderungen wahrgenommen haben, die durch daS Brennen an derartigen Sleinen vor sich gingen. Die ältesten, mit Mörtel zusammengefügten Baudenkmäler haben sich in Aegypten erhalten: es find die aus riesigen Syenitblöcken aufgebauten Pyramiden, deren Alter in die Jahrtausende geht. Der hierzu verwandte Lustmörtcl besteht nach einer chemischen Untersuchung aus 82,89 Prozent Gips, 9,8 Prozent Kalk» stein und kleinen Mengen von Magnesiumkarbonat, Eisen» oxyd, Tonerde und Sand. Wir haben es hier also nicht mit dem aus gelöschtem Kalk und Sand bestehendem Mörtel zu tun, wie er in der Gegenwart Verwendung findet, sondern mit einem Gemenge von gebranntem Gips mit gebranntem Kalk in Verbindung mit Wasier. Dem Gebrauch des Kalkmörtels begegnen wir zuerst in Griechenland: der zur Rednertribüne auf dem Versaminlungsplatz zu Athen verwandte Mörtel � der Bau datiert auS der Zeit des PeriNes, zirka 400 Jahre vor Christi— setzt sich zusammen aus 45,7 Prozent gebranntem Kalk, 37 Prozent Kohlensäure und 12 Prozent Sand, nebst sonstigen gering- fügigc» Beimengnngen. In der Folgezeit verwandten die Maurer dann immer weniger Kall und dafür mehr Sand zur Her» stellung des Mörtels. Bei den mittelalterlichen Bauten überwiegt der Sand; das Verhältnis zwischen Sand und Kalk schwankt dann zwischen 3: 2 und 5: 2. Einen hydraulischen, auch ini Wasser seine Bindekraft be- wahrenden Mörtel treffen wir zuerst bei den Römern, an deren Koloffalbauien ja kein Volk des Altertums heranreicht. Zwar war ihnen die Herstellung de? heute allgemein gebrauch- lichen PortlandzcmentS noch unbekannt. Sie Venvandlen, Wie aus den Schriften ihres berühmten Architekten Vitruv hervorgeht, als Waffernrörtel die sogenannte Puzzolana, eine natürliche. ton- und kieselreiche Erdart, die am Meere bei Puteolr in der Nähe von Neapel gefunden wurde und wahrscheinlich unternreeri'wen Bulkanausbrüchen ihren Ursprung verdankte. Diesem Tuffstein wurde gelöschter Kalk zugesetzt und den so gewonnenen Mörtel nahmen die Römer vorzugsweise zu KanaliiationSbauien, Badebassins, Hafen- und Wasserleitungsanlagen. Ein der Puzzo- lana an praktischer Verwendbarkeit nicht nachstehendes Gestein. der Traß, wurde dann nach Eroberung Galliens und de? Rbein- gebieteS in den vulkanischen Gegenden Deutschlands, in der Eifel und dem Quellgebiet der Donau gefunden und ausgebeutet. Das Rezept zur Herstellung dieses WasfermörtelS geriet aber in den Stürmen der Völkerwanderung und im frühen Mittelalter bereits in Bergeffenheit. Bis sich in der Neuzeit mit der wachsenden Industrie und ihren mannigfachen Anlagen auch wieder das Bedürfnis nach einem hydraulischen Mörtel geltend machte. Um 13