Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 26. Sonnabend den 8 Februar 1910 lNachdruil onsottn.) 26] Im JVamen des Gcfctzco. Von Hans Hyan. Sie sagte nicht weiter als: „Jibbt a Dir villeicht was?" Er antworte, und sie blieb ihm nichts schuldig. Da wurde plötzlich sein Auge hart und stechend, der breite Mund preßte seine Lippen aufeinander, und die Kinnbackenknochen schienen hervorzutreten. Sie duckte sich förmlich; obwohl sein Zorn sich noch nie- mals gegen sie gekehrt hatte, wußte sie doch, noch vom ersten Tage ihrer Bekanntschaft her, daß man ihn nicht böse machen durfte. Er ging aus der Küche ins Zimmer und, wie sie später auch hineinkam, war alles vergessen... Am nächsten Morgen suchte er Schnepper auf. Aber er fragte die Wirtin in der Müllerstraße, eine Frau, die den Eindruck einer Kupplerin machte, nach Herrn Hermann Pietzker. Der schliefe noch. Indem kam eine Stimme vom Korridor her: „Wat is'n, Frau Schultz?" Und gleich darauf erschien Herr Pietzker in Hemd und Hose, ausgetretenen Pantoffeln an den Füßen und noch den Schlaf in den Augen. Er erkannte Hellwig sofort wieder: „Na, Mensch, da bist Du ja... pardong, Sie alauben doch, det wa uns noch, wie damals, bei'n Vornamen nennen?" Dabei nötigte er Georg in das kaum mit dem not- wendigsten ausgestattete Zimmer, durch dessen schmutzige Vor- hänge das zwischen Sonnenschein und Trübe wechselnde De- zemberlicht hereinfiel. Georg sah den anderen an, und er sah jetzt, wo Schnepper nach einer wahrscheinlich durchzechten und durchspielten Nacht, verhältnismäßig früh aufstand, wie brutal und lasterhaft dieses gradlinige, in seiner Form nicht unschöne Gesicht war. Besonders das dunkle, glanzlose Auge und der von einem englisch geschnittenen Schnurrbart verdeckte Mund hatten einen geradezu abstoßenden Ausdruck. Dem Knopfdrücker wurde das in den Einzelheiten vielleicht nicht so klar, aber alles, was an besserem Gefühl in ihm lebte, wandte sich ab von diesem Manne, der sehr freundlich zu Georg war und sich sofort bereit erklärte, ihm gefällig zu sein. „Also mit der schwarzen Emma jehstel.. Er schien aufrichtig verwundert. „Darum war ooch pletzlich nischt mehr zu sehn un zu Heeren von det Kindt... Un denkste, die olle Ratzken hat cen Ton jesagt?... Man fragt doch so... un mecht's ooch jerne wissen!... überhaupt bei son hibschet Meechen!... un Ihr lebt jut zusamm?... Det sreit mir!... Det freut ma' auf- richtig!.. Georg war davon nicht so recht überzeugt, obwohl der andere es immer wieder versicherte. „Un nu willste ringen?... Da is et also doch so jekomm, wie ick damals jesagt habe!... Wa't doch nischt mit de Ar- beet!... Ja ja!... Da bist Du nich der Erschte!... Na, hast et denn überhaupt vasucht, Wieda ranzujehn an de Ramme?" Georg nickte und erzählte, anfangs stockend vor Ver- legenheit, und dann immer lebhafter, sich in Ingrimm und Wut hineinredend, seine Erlebnisse. Der andere lachte. „Wundat Dir denn det?"... Meenste, die wollen ieba- Haupt wat anders, als daß De wieder rin sollst in't Kittchen?" „Wer denn?" fragte Georg fast ängstlich. „Wer denn?— Na die alle!... Wer mal drin war, der muß Wieda rin! Eha ruhn die da oben nich! Entn.-da is et de Polente selba, die iebaall hinter son armen Menschen her- looft und macht'n so lange madig, bis'n keena mehr an- nimmt... oder se weisen'n aus, wenn er wo Arbeet jefunden hat, imma von een'n Ort nach'n andern, bis a' zuletzt wictend wird un jeht Wieda uff seine Fahrt..." „Aber mir hat de Polizei janischt jetan?" wandte Georg Hellwig ein,„bei mir wa et..." „Na ja," rief der andere und winkte mit seiner großen, grauen Hand, die wohl lange keine Arbeit mehr kannte,„bei Dir wa'n et de Herren Kollegen!... Wie de Hiehna uff'n Hof, wenn eens wat an de Federn hat, denn hacken de anday solange druff los, bis et hin is!... Aba det macht ja nischt, Menschenskind, Du bist ja in de jlickliche Lage, noch wat anders zu kennen!... Als Athlet findste alle Dage'ne Chance!... Vor allen Dingen is de Hauptsache, De kommst erst ma mit in'n Vaein und wirst Mitjlied... zinftig biste ja jetzt, wo De de schwarze Emma zu jehn hast..." Georg Hellwig, der eine Zigarette qualmend, vornüber» gebeut auf dem Stuhl saß, richtete sich mit einem Ruck in die Höhe. Er hatte nicht umsonst zwei Monate mit seiner Liebsten verkehrt. Obwohl sich die Emma zusammennahm und den Jargon ihres früheren Gewerbes nur noch selten, und dann auch gegen ihren Willen anwandte, war der Knopfdrücker mit der Ausdrucksweise der„Kesten" doch ziemlich durch sie be- kannt geworden. Er verstand recht gut, was Schnepper meinte und sagte entrüstet: „Wat?... wat denkst Du Dir denn eintlich, Mensch!... Seh' ick denn so aus, wie'n..." „Wie'n Lude" hatte er sagen wollen, verbesserte sich aber im letzten Augenblick noch und fuhr, nicht mehr ganz so ge- reizt, fort: „Wie wenn ick'n Meechen uff de Straße schicken würde?!" Der andere machte erst ein ziemlich dummes Gesicht, aber dann begriff er wohl, welche Verachtung in Georgs Abwehr enthalten war. Und eine höhnische Lache aufschlagend, meinte er: „Na, warum kommste denn erst her, Du Quatschkopf I Wat denkst Du denn, wat in unsan Vaein is?!... Det sind lauta Brieda�)... oda dachst Du vielleicht, wir haben da bloß Jrafen un Barone?!..." �Natürlich!" setzte er hinzu, als Georg jetzt verlegen stille schwieg,„mit Halbseide�) un so, damit halten wa uns nich uff! P.'s�) jiebt et bei uns nich!... Da is manch' eena, der hat seine zwei, drei Schicksen zu loofen!... Un wenn Kierassierwillem seine Spinden abwackeln�) will, denn muß a' sich jleich'n Droschkon nehmen!... Aba wie De meenst! Wenn De jloobst, De machst Da de Hände dreckig bei uns. denn last' et lieba un türme*)!..." Georg wußte gar nicht, was er sagen sollte. Verlegen- heit war sonst seine Schwäche nicht, aber hier fand er den Ausweg nicht recht. Er sah wohl ein, daß ihm in dem Kreise, dem dieser Mensch angehörte, der Anschluß geboten wurde, den er suchte. Aber eine instinktive Scheu, ein letztes Zagen, seinen Fuß über die Grenzen zu setzen, die die anständigen Menschen vom Gesindel trennt, das hielt ihn zurück und ließ ihn auch das Wort der Entschuldigung dem Zuhälter gegen- über nicht finden. Der sah die Sache mit ganz anderen Augen an. Er wollte seinem Verein, seiner Zunft ein neues Mitglied gewinnen, und daß er gerade mit diesem hier Ehre einlegen würde, ließ sich ohne weiteres voraussagen. Wahrscheinlich trug auch die böse Sucht der Verderbten, andere in den Sumpf zu ziehen und sie gleichfalls rechtlos und geächtet zu machen, dazu bei, daß Schnepper über die ihm und seinen Genossen zugefügte Kränkung hinwegsah. Er legte Georg die Entschuldigung in den Mund, als er sagte: „Det is ja natierlich, zuerst kommt ein ja det komisch vor, det man nischt dun braucht un doch sein feinet Leben hat!... Aba seh' mal, wir haben ja ooch unsan Beruf, wir machen in Athletik... un det is soja'ne sehr feine Sache und wird noch lange nicht jenuch jewürdigt von'n Staat un so..., denn seh'ma, de Arbeet in de Fabriken un so, det is ent- nervend, aba wir, wir bringen Wieda Kraft rin un Musku- latur! Det is sozusagen det höhere!... Jawohl, da is ja- nischt zu lachen!... Davon hast Du bloß kerne Vastehste nich!..." „Brüder" nennen die Zuhälter sich untereinander.*) Halbseide ist alles, was schon seinem Aeußeren nach nicht vertrauen- erweckend aussieht. a) P. L.— Patentlude, dem unter>) etwa gleich.*) Geld von seinen Mädchen holen.«) mach, daß Du fort- kommst! Georg hatte in der Tat gelächelt. Cr sagte: „Na ja, ick lache ja ooch janich! Un det is ooch alles sehr schön un saubcx un ick habe ja ooch janischt dajejen, wat Ihr macht!... Bloß ick... ick... nee weeßte, det ick da ooch meine Liebste soll uff'n Strich schicken un soll ma' lassen von ihr anehren, nee, nee...!" „Aber Mensch!" Schnepper tippte sich mit den Fingern der Linken an die Stirn, daß es förmlich hohl klang: „Det valangt doch ja keena von Dir! Wat redste denn da for'n Mumpitz!... Wie kenn' wa denn det valangen von unse Mitjlieder... Det war' ja die reene Erpressung!.. „Na," meinte Georg, wenn't so is..." „Wat heeßt denn„so is"?...'t is iebahaupt janich!... Janischt is!... Jeda macht, wie a will!... Wenn't Dir Spatz macht, Jeld zu vadienen un zu arbeeten, na Mensch, denn arbeete doch!... Aba Du wirst nich lange dabei bleiben! Un da wern soviel Meechens kommen, die mit Dir ködern wollen, detste balde de Reese davon voll haben wirst, von det Jelabber mit die Emma; denn die will sich ja jetzt, wie't scheint, ufs wat Feinet rausbeißen.... Die hat'n Furz'n Kopp!..." Georg schüttelte den Kopf und lachte wieder. Er sah ein, daß es ihm nicht gelingen werde, den anderen über sein Ver- hältnis Emma gegenüber aufzuklären, und er v-'-�'-btete des- halb auf eine Erwiderung. Indem fragte der Zuhälter: „Wat dut se denn jetzt, die Emma?... Du hast doch keene Arbeet!" .!Se näht Wäsche..." „So... na, un det Du von die lausigen paar Märker, die dabei runtcrfallen, daß Du davon mitlebst, det macht nischt, wah?" Georg war ganz perplex. Er hätte ja sagen können, daß bis vor ganz kurzer Zeit er noch den größten Teil zum Haus- halt beigetragen hatte, aber darauf kam er nicht so schnell, wie der andere fortfuhr: „Da scheint ma' denn doch de Rickenlagc noch bessa, wie son olla Klapperkasten von Nähmaschine.... Det strengt Wenigstens nich so sehr an!..." „'t is aba anständiger!". „Na ja, wie man't nimmt!... Aba sowelche, wie unsre Trinen, muß et doch ooch jeben!... Denn Proschtituzjohn, die muß sind, det hat schon Bismarck jeiagt!... Un sonst wirden die Trinen doch ooch keene Steiern nich zahlen brauchen!... Der Staat lejetimiert ihnen doch sozusagen da- dermitl... Abo nu komm man, von det ewije Gequatsche is ma da Hals schon janz drocken!... Bor allen Dingen woll'n wa ma' eenen abbeißen, bei Mutta Ratzken!... Un denn jehn wa in' Baein, da konnste jleich'n bisken iebenl..." Sie gingen. Und es war abgemachte Sache, daß Georg Hellwig dem Athletenverein„N. O." beitreten sollte... tFortKtzung folgt.) «Nachdruck verdolen.1 Die alte Cdölfin. Von A. T s ch e o w. AuL dem Russisdjen von P. Gordon. Die hungrige Wölfin richtete sich auf, streckte die steifgelegenen Glieder und ging Nahrung sulben. Ihre Jungen achteten nicht darauf. Sie lagen alle drei dichtancinander gedrängt in einer Ecke der Höhle und schliefen. Es war eine bitterkalte Winternacht, die die Aeste der Bäume vor Frost knacken und knistern machte. Dies Geräusch ließ die Wölfin erschreckt zusammen fahren; denn sie war schon alters- schwach und voll Mißtrauen, aus Sorge um die Kleinen daheim. Sie erschrak vor der Spur eines Mannes und den dunklen Schatten, die zur Nachtzeit zwischen den Bäumen zu wandeln scheinen. Es war ihr, als kämen Mensckien hervor, sie zu jagen; in der Ferne glaubte sie das Gebell von Hunden zu hören. Infolge ihres Alters hatte der früher so scharfe Geruchsinn nachgelassen. Die Nase witterte nickt mehr zuverlässig. Es kam vor, daß die Wölfin eine Hundespur mit einer Wildspur ver- wechselte oder daß sie gar die Spur ganz verlor. Die verminderte Schnelligkeit ihrer Beine und die zun-hmcnde Schwäche machten ihr die Jagd auf große Tiere auf Kälber und Schafe, unmöglich. lim die mit ihren Füllen weidenden Pferde lief sie in großem Umweg, und ihre Hauptnahrung bestand in Aas. Ab und zu gelang es ihr im Frühjahr junge Hasen zu erlangen oder aber sich in einen Viehstall einzuschleichen, in dem Lämmchen standen. Dann gab eS frisches, lebendes Fleisch. Einige Kilometer von der Wolfshöhle entfernt lag naheratl Paul Suiger illCo..Berlm S\&