Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 27. Dienstag den 8. Februar. 1910 (SJaAbnitt Bevtoten.l 27] Im l�amen des Gcfetzcs. Von Hans Hyan. 18. Einnia Müller saß an ihrer Maschine und bemühte sich, ihre Arbeit fertig zu machen. Bis fünf Uhr mußte geliefert werden, sonst bezahlten die Leute nicht mehr. Aber trotzdem mußte die schwarze Emma manchmal minutenlang aussetzen; dann saß sie gebückt und hielt sich mit den Händen den Leib und die schmerzenden Seiten. Sie war jetzt im fünften Monat ihrer Schwangerschaft. Ihre früher schon starken Brüste waren noch voller geworden und sanken in dem roten Barchentmorgenrock wie reife Früchte herunter. Ihrer ein wenig ländlichen Schönheit hatte aber das Wachsen ihres Leibes keinen Eintrag tun können. Nicht einmal stuben- farbig sah sie aus von dem Hocken an der Maschine, noch immer bedeckte ein sattes Rot ihre Wangen, und die Lippen wölbten sich scheinbar noch ebenso begehrlich wie früher. Die dunklen Augen nur blickten nicht mehr so heiter und unbe- kümmert wie ehedem. Viel schöner, mütterlicher und weib- licher Ernst lag in den Augen dieser ehemaligen Hure, die ein dummer nnd häßlicher Zufall auf die Straße geschleppt haben mochte, ehe noch ihre Seele den dort herrschenden Schmutz zu erkennen vermochte.... Ja, sie hatte ihn vielleicht nie er- kannt und war am Ende auch heute noch nicht imstande, die Schimpflichkcit eines Gewerbes einzusehen, das im Volke oft mehr einer neugierigen Teilnahme, als der Verachtung be- gegnet.... Es war schon halb fünf, als Emma ihr Wäschepaket packte. Sie zog ihr Jackett an und fetzte den Federhut auf, den sie sich in einer glänzenden Zeit gekauft hatte, und der ihren schönen Kopf das Ansehen eines Bildes gab, und dann ging sie mit ihrem schweren Paket davon, nicht ohne vorher überlegt zu haben, ob sie die Lampe brennen lassen sollte... Er könnte ja bald zurückkommen und, wenn er dann die Streichhölzer nicht gleich fand, war er ärgerlich.... Acht ihr Liebster hatte in der letzten Zeit seine gute Laune überhaupt eingebüßt!... Es war jetzt beschlossen, daß er zur Bühne gehen sollte. Draußen im Verein, wo er bei- nah' jeden Tag übte, weissagten ihm die„Brüder" sämtlich eine glänzende Karriere!... Aber es fehlte am nötigsten: Geld für Kostüme war nicht da! Und sie, sie konnte nicht mehr verdienen! Es wurde ihr doch jetzt schon blutsauer! Georg hatte eine Andeutung bei seinen jetzigen Klubgenossen, den Mitgliedern des Athlctenvereins„N. O." gemacht, war aber gar nicht verstanden worden. Und im Grunde hatten sie ja auch ganz recht! Wäre er ein altes Mitglied gewesen, so hätte ihm Geld und Kredit zur Verfügung gestanden, aber so. wo er selbst noch nicht einmal den ersten Beitrag gezahlt hatte.... Und nun konnte er nicht auftreten, weil er nicht einmal imstande war. sich das doch immerhin sechs bis sieben Mark kostende Trikot zu kaufen. Die beflitterte Samthosc hatte sie ihn so hübsch aus einem Maskenkostüm geschneidert; aber es fehlten auch die Schuhe, ebenfalls eine Ausgabe von acht und zehn Mark.... Georg war ganz melancholisch, und einmal hatte er schon davon gesprochen, wieder in seiner Branche zu arbeiten. Sie suchte ihm das auszureden, nicht weil sie ihn durchaus un- tätig sehen wollte, im Gegenteil! Sie sah voraus, daß es damit doch nichts werden, und daß dieser Versuch sehr bald zu neuen und vielleicht noch unangenehmeren Enttäuschungen führen werde.... Ihr war es zu schmerzlich, daß er aus seiner mißmutigen Stimmung heraus, jetzt gar nicht so lieb zu ihr war, wie früher. Aber sie beklagte sich nicht, ging, wenn er schimpfte. höchstens hinaus in die Küche, um da still in sich hineinzu- weinen. Wie denn überhaupt ihre einst so robusten Nerven sich jetzt gleich in Weichheit und Wehmut lösten.... Und mit ihrer Sorge saß sie in der Elektrischen. Nie entsann sie sich, daß ihr die Not so greifbar nahe gewesen war. Die zwanzig Mark, die sie wöchentlich verdiente, wollten doch absolut nicht reichen! Beim Bäcker hatte sie Schulden, und der Schlächter hatte ihr gestern das halbe Pfund Schabefleisch verweigert, woraus sie für Georg ein Beefsteak hatte braten wollen.... Der Schaffner rief: Dönhoffsplatz: sie mußte aussteigen« in der Kommandantenstraße war die Fabrik. Wie sie aber dort ankam, war die Kasse gerade g», schlössen, und zudem war heute Sonnabend.... Ganz trostlos starrte sie, wieder unten vor dem Portal stehend, die vom Licht der Schaufenster und der Laternen er« hellte Straße hinab. „Na, Emmchen!..." Tieferschrocken fuhr sie herum und starrte den blond« bärtigen Mann an, der gutgekleidet, etwa vierzig Jahre alt sein mochte nnd ganz die Allüren eines Lebemannes hatten „Wie gehts uns denn?" fragte er wieder. Ihr war's, als sollte sie weglaufen. Aber sie blieb doch, es war eine alte Bekanntschaft von ihr, einer, der sie häufig besucht und nie geknausert hatte.... Er sah das Paket in ihrer Hand. „Sie arbeiten wohl jetzt?" Etwas wie Hochachtung klang aus seinen Worten, er sagte ja auch nicht wie früher„Du" zu ihr. Und das nahm sie wieder für ihn ein. Sie lachte, ohne zu antworten. Er sah ihr neugierig von der Seite ins Gesicht. „Am Ende gar verheiratet?" Da mußte sie noch mehr lachen, aber vor innerer Freude und Hoffnung: Das wars ja doch, wonach sie sich sehnte, ebenso wie alle ihre Schwestern, die bürgerlichen, wie die emanzipierten, die unschuldigen ebenso wie die lasterhaftesten! Der Goldreif an der rechten Hand und das frohe, stolz zur Schau getragene Bewußtsein, verheiratet, richtig, womöglich kirchlich getraut zu sein! Eine anständige Frau, die niemand beleidigen und die Kinder kriegen darf, so oft und so viel sie will!... Und sie würde verheiratet sein, wenn nur erst Georg zufrieden und glücklich wäre!... Ach, so wenig gehörte dazu! Sie hatte ja aus ihrem früheren Leben eine so ganz andere Vorstellung vom Gelde, und stets schien ihr der ausgezahlte Wochenverdienst für ihre Wäschenäherei eine Lappalie, mit der man nichts anfangen konnte. Das dachte sie und gab einsilbige Antworten, während sie mit ihrem früheren Verehrer die Straße hinauf nach dem Platz zu ging. „Es ist also nichts zu machen, heute. Kleine, wie?" fragte der. Sie schüttelte, ohne ihn eigentlich recht zu begreifen, den Kopf. „Schade!" meinte er,„'s war immer so hübsch früher!... Aber ein GlaS Bier könnten wir doch zusammen trinken!... In allen Ehren, mein' ich!" Sehr müde und besonders durstig willigte sie ein und bald saßen sie sich im Restaurant gegenüber. Und wie er sie da sah, kamen ihm ihre Küsse wieder ins Gedächtnis, die Küsse dieses hübschen, blühenden Mundes, mit denen sie stets so freigebig gewesen war und auf welche die Männer stets mehr erpicht waren, als auf das letzte, daS in den Armen käuflicher Liebe stets einen üblen Nachgeschmack hat.... Und der Mann, dem Zeit und Geld wohl die Befrie- digung einer jeden Laune gestatteten, empfand plötzlich die herrische Begierde, diese Frau von neuem zu kiissen, ihre volle Brust zu betasten und sie ganz bei sich zu haben. Daß es ihr nicht mehr gut ging, sah er an ihrem Anzug. Also würde es eine Geldsrage sein, hoffte er. Und sagte ihr das, nicht brutal, aber deutlich. Sie lächelte verlegen wie ein ganz junges Ding, das kaum reif ist zur Liebe. Aber ihre Verlegenheit wuchs auS der plötzlichen, ungeahnten Aussicht, ihrem Georg das Trikot und die Schuhe kaufen zu können! Den Schlächter würde sie bezahlen nnd den Bäcker, und keiner hätte eine Ahnung, wo- her das Geld war... Georg am allerwenigsten!... Georg!... Aber dem würde sie dadurch untreu... sie mußte es ihm verschweigen, er durfte es nie erfahren, sonst... sonst... er war so eifersüchtig und hatte so oft in den ver- ächtlichsten Ausdrücken von den Mädchen der Straße ge- redet... nein, nein, es ging doch nicht! Sie konnte nicht« nein!!.. Der blondbärtigs Mann, der ihr an dem kleinen Tisch der Restauration gegenübersaß, hob er sein Glas: „Was wir lieben!" sagte er. Da sah sie ihn böse und verächtlich an: Was wußte der von Liebe! Solch Schwein! Eine schöne Liebe, sich ein Weib zu kaufen, die sich hingeben muß, um ihrem Liebsten ein paar Schuhe zu kaufen!... Er lachte. Vielleicht war er klug genug, durchzufühlen, wie es in ihr aussah. Aber dann fehlte ihm jedenfalls die Noblesse, das Zwanzigmarkstück aus dem Portemonnaie zu nehmen, das sie so nötig brauchte, und es ihr mit den Worten zu geben: „Hier nimm es zum Andenken an so manche schöne Stunde, die wir gemeinsam verlebt haben!" Er war von denen einer, die für ihr Geld auch die voll- wertige Gegenleistung beanspruchen. „Also willst Du?" Er nannte sie jetzt, wo ihre Gunst wieder zum Handel stand, auch Du, wie damals. Und sie gab nach, weil sie das Geld brauchte. Aber sie hätte keine Bleibe mehr, wo sie hin könnten, und zum Klettern, wäre hier in der Gegend auch nichts. Mit einem Male redete sie wieder das Idiom des Gewerbes, von dem sie gemeint hatte, Zeit ihres Lebens erlöst zu sein.... Er beruhigte sie. Seine Wohnung läge so nah, daß sie er wenigen Minuten dort wären. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verLoten.) Oer ktofTcKnriecl von Dyndeby. Von Martin Andersen«Nexö. Draußen in Dyndebh, an der Südspitze Bornholms, wohnte er und hatte seine Schmiede, und dort war es auch, wo er wetternd und fluchend seine grauen Hengste tummelte. Aber in Rönne war er geboren und aufgewachsen, und alte Leute erzählten folgendes aus seiner Kindheit: Am Rande der Stadtwiese, im Meierhofe mit dem gaffenden Tore, war er geboren. Als der Vater von seiner Arbeit hereinkam und das neugeborene Kind von der Mutter nahm, ließ er es auf den Boden fallen. Di« Leute aber sagten, er habe es mit Willen getan, um zu sehen, ob der Junge„vom rechten Holze" sei. Der Bursche hielt es aus, und der Vater war ganz stolz auf ihn. Als er aber zu gehen anfing, hinkte er. Von dem Tage an, da der Vater ihn gehen sah, konnte er ihn nicht leiden, und wenn er von der Arbeit hereinkam, jagte er mit seinem Blick das Kind vor sich her von Stube zu Stube. Zuletzt vertrieb er es ganz aus dem Hause, und der Junge, der damals sieben Jahre alt war, lief hinüber zu den Schweinen und aß und schlief bei ihnen. Da draußen lag er und wühlte im Unrat; die Mutter, eine Sklavin von einem Weibe, und die Mägde sahen heimlich nach ihm und gaben ihm tüchtig zu essen, und wenn der Vater draußen war, schlich er sich hinein in die Gesindestube. Hörte er aber des Vaters Schritt sich dem Stalle nähern, so kroch er tief in sein Versteck zurück und lag da und zitterte wie ein kranker Hund. Der Vater tat dann, als sähe er ihn nickt, setzte sich mitten in den Stall und begann, ihn zu locken. Mehrmals ließ der Knabe sich betören, aber die Behandlung, die ihm sein Vater zuteil werden ließ, machte ihn schlau, und später lag er ganz still, wenn er die Locktöne hörte. Da wurde der Vater aufgebracht und fing an, mit Stockprügeln und Peitschenhieben zu drohen, und der Junge kam durch den Unrat zu ihm hingekrochen. Und der Vater Hub an, mit ihm zu spielen, kniff ihm mit harten krummen Fingern in Arme und Beine, stieß ihn auf den Steinen umher, kitzelte ihn, daß er fast Krämpfe bekam, und sprach dabei freund- liche Worte mit ihm. Anfänglich weinte der Knabe bei dieser Behandlung, später aber schwieg er und war zu keinem Laut zu bewegen. Der Vater lobte ihm darum, verstärkte aber seine Martern, um zu sehen, ob er auch wirklich so bart sei, wie er scheine. Eines Tages setzte der Knabe sich zur Gegenwehr. Der Alte nickte vergnügt und ließ ihn in Frieden; als «r über den Hof ging, traf ein Stein ihn in den Nacken, so daß er blutete und sich zu Bett legen mußte. Einige Zeit mußte er das Bett hüten. Die ersten Tage lag er in Phantasien und sprach unaufhörlich von seinem Sohn. Und als er zu sich kam, bat er, ihn sehen zu dürfen. Aber der Junge wollte nicht hinein.„Sagt, daß ich krank bin, dann kommt er vielleicht, sagte der Alb-. Aber der Knabe wollte nicht. Als der Vater hörte, was dieser geantwortet hatte, zuckte es in seinen Augenbrauen und«in nervöses Zittern übersiel ihn. Sein erster Gang galt dem Stall«. Da saß der Junge und hatte sich hinter einer Trebertcmne verschanzt, und um sich her hatte er einen Haufen runder Steine.„Willst Du nicht zu uns anderen hereinkommen?" fragte der Vater, der ein wenig gebeugt vor ihm stand und ihn ernst betrachtete. Der Junge antwortete nicht, sondern zielte mit einem Stein nach ihm.„Du sollst alles haben, was Du willst, Baare!" Der Junge warf, traf aber iricht.. —„Und Deine Mutter ist krank, Baare. Sie möchte Dich gerne sehen", fuhr der Alte fort, hinter einem Pfosten Schutz suchend. Als Antwort schlug ein Steinregen gegen den Pfosten. Da wurde der Alte blaurot im Gesicht, und die beiden Pulsadern längs seines Halses wurden fingerdick und ganz blauschwarz. Er ergriff einen großen Stein, bezwang sich aber und schritt langsam über den Hof zurück. Lange Zeit kam der Vater nicht wieder, aber er befahl den Mägden, dem Jungen Sülze und andere gute Speisen vorzusetzen. Er selbst irrte ruhelos umher und sprach laut mit sich selbst, und wenn die Leute ihn etwas fragten, gab er sinnlose Befehle. Eines Tages aber stand er wieder da. In einer Hand hatte er«inen Strumpf voll Silbergeld und klingelte damit, die andere hielt er vor sich hin, wie uui einen Schlag abzuwehren.„Sieh her," sagte er.„dafür habe ich ein ganzes Leben gegeizt und ge- knickert. Entbehrt habe ich und geschunden und gespart— und meine Dienstleute ausgehungert und mit meinem Nächsten um einen halben Deut gestritten, nur um diesen Strumpf zu füllen. Aber höre auch, wie es klingelt." Und er schlug den gefüllten Strumpf an sein krummes Knie.—„Du aber sollst es haben, alles, jede einzelne Münze, wenn Du mit Deinem alten Vater hereinkommen willst." Und er streckte ihm den Strumpf hin mit zitternden Händen. Der Junge nahm ihn und betrachtete ihn. Dann fuhr zum ersten Male ein scharfes Grinsen über sein Gesicht, er öffnete den Strumpf und streute dessen Inhalt über die Scheidewand hinüber vor die alten Sckweine. Die fuhren grunzend auf die Münzen los und wühlten sie mit ihren Rüsseln rasch hinab in den Morast. Der Alte aber ging weinend fort, und es war damals das erstemal« daß jemand ihn mit nassen Augen gesehen hatte. Den nächsten Tag ging er hinaus ins Gesträuch und schnitt eine dünn« schlanke Haselrute, die er abschälte, damit sie noch geschmeidiger würde. Und wiederum stand er vor dem Knaben, fast hinfällig an« zusehen, so sehr hatte die letzte Zeit an ihm gezehrt. „Was willst Du nun. Junge?" fragte er mit bebender Stimm?. „Willst Du noch mehr Rache? Sieh meine Hände, wie runzlig sie geworden sind; sieh meine schlaffen Beine, wie sie mich kaum noch tragen. Ist das nicht Rache genug? Dein Vater sei hart. sagt man. Du aber bist noch ärger. Du willst Böses mit Böserem bezahlen! Sieh her!" Und er gab ihm die Haselrute, entblößte seinen Rücken und stellte sich vor ihm hin. Der Knabe tat, als verstehe er nicht. Er saß eine Weile und betrachtete den haarigen Rücken des Vaters, klopfte mit dem Ende des Steckens auf die hervorstehenden Rückenwirbel und hüb dann an, mit seinem lahmen Bein zu hantieren.--- Der Vater lag zu Bett, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen. Die Leute kamen und gingen und sahen nach ihm.„Sollen wir Dir den Jungen hereintragen?" fragten sie. Er aber schüttelte bloß den Kopf. Und am zwanzigsten Tage durchzuckte es ihn, und er war tot.„Wer Unkraut säet, muß Disteln ernten," sagten die Leute.„Er hat seinen Lohn." Damals war der Junge vierzehn Jahre alt. Ein paar Jahre ging er noch daheim auf dem Hofe umher. Schmutzig war er, und unangenehm sein Anblick, und böse war er auch. Kränkte jemand ihn, so ging ein scharfes Lächeln über sein Gesicht, und seine Rache kam so sicher, wie die Tage der Woche. Als er aber sechzehn Jahre war, verdang er sich auf ein Schiff und ging auf Reisen. Nun sah man ihn viel Jahre nicht, erfuhr aber doch hie und da von ihm. Eines Tages kani ein junger Bursche heim mit drei Fingern zu wenig an der einen Hand. Er war zusammen mit Baare gesegelt sie waren eines Tages in Streit geraten, und er hatte auf Baares Lahmheit gestichelt. Und einmal, als der andere just die Hand auf die Rceling gelegt hatte,„siel" Baare vom Raanock herab, prallte mit seinen Stiefelabsätzen an die Reeling und zerschmetterte ihm drei Finger. Baare selbst brach dabei das Bein, lachte aber bloß und sagte:„So, meiner Treu, jetzt ist das gute Bein auch zum Teufel!" Einmal verlautete, er sei bei einem rasenden Sturm im Meer» busen von BiScaya über Bord gegangen. Aber obwohl er schwer gekleidet war— es war Winter— und daS lahme Bein beim Schwimmen nicht gebrauchen konnte, lag er immer noch und strampelte in den Wellen, als sie nach dreiviertel Stunden wenden und zu ihm hinlavieren konnten.„Seemann Daare Hermansm aus Rönne?" fauchte der betrunkene Kapitän ihn an.„Jawohl, Herr Kapitän! Werft Hierherl" Und er wurde heraufgezogen« Einstweilen hatte er sich im Waffer halb ausgekleidet. Dann verlor man ihn für eine Reihe von Jahren gang aus den Augen.—————————— Di« Generation, die jetzt in ihrem besten Alter ist. wird sich entsinnen, wie er endlich heimkam, das Gerücht hinter sich her- schleppend, daß er Seeräuber und Sklavenhändler gewesen sei und auf der schwarzen Tafel in Kopenhagen stehe. Viele meinten auch« er müsse Freimaurer sein. Er hatte sich gar nicht verändert, war nur noch herauA, fordernder und streitsüchtiger geworden. Schluß folgt.) Von der Hpfelfme und ihren Verwandten. Von C. S ch e n k l i n g. Es ist erstaunlich, in welchem Maße sich die Einfuhr fremd- ländischer Gartenirüchte bei uns steigert. Man blättere nur einmal die einschlägigen Preislisten durch: Spanien, Frankreich, Süditalien, Jstrien, die Türkei nebst Griechenland, Rordafrika— sämtliche Küstenländer des Mittelländischen Meeres senden uns von ihren Ernten an Orangen, Trauben, Pflaumen. Gemüsen usw. Selbst das Land jenseits„des großen Teiches" wollte in dieser Hinficht nicht zurück- stehen und gibt uns von dem lachenden lleberfluß seiner kruit-karmo sObstfarms) einen das Auge wie die Zunge gleich entzückenden Begriff. Und noch mehr: das ferne Australien sendet ganze Schiffsladungen seiner schmackhaften Aepfel— zum größten Verdruß unserer Obstzüchter. Deutsch» land hatte bekanntlich aufgehört, den eigenen Bedarf an Obst decken zu können. Glücklicherweise ist ja die Zeit, in der man den Obstbau als Raubbau betrachtete, vorüber, denn überall, wo die Gunst der Sonne und des Bodens es erlanbt, entstehen wohlgepflegte und sachgemäß behandelte Obstgärten und Obstplantagen. Verständiger- weise find die Heuligen Obstzüchterauch von dem einst üblichen Brauch ab- gekommen, möglichst vielerlei Sorten zu züchten. Das war es eben, was den fremdländischen Aepfeln, Tirolern wie amerikanischen und austra- tischen bei uns so leicht Eingang verschaffte— der Händler konnte nur auf diese Weise enorme Quantitäten einer Qualität beziehen, war also imstande, eine ganze Saison über gleichmäßige Früchte zu liefern. Während die amerikanischen Fruchtkonserven durchweg kalifornischen Ursprungs find, erhalten wir die Aepfel, die uns selbst in dem primitivsten Grünkramkeller so rotbäckig aus den Fenstern anlachen, zn einem großen Teile aus Kanada. In dem gleichen Maße aber, in dem der Genuß und Verbrauch an Fruchten die statistischen Tabellen mit immer größeren Zahlen füllt, wächst auch das Interesse an dem Wissen über Herkunft und Geschichte der verschiedenen Obstgattungen und der immer zahlreicher werdenden Untersorten. Aufgabe dieses Auffatzes soll es nun sein, die Ergebnisse der Forschungen, die von den KulturHistorikern und Naturforschern über diese Punkte angestellt worden sind, zusammen- zufaffen. Beginnen wir mit der Apfelsine, Citrus sinensis. Bevor wir näher auf diese Frucht eingehen, sei vorausgeschickt, daß fie die wichtigste Spielart von Citrus auruntium ist. Der Orangenbaum, auch Orangcn-Agrume und Pomeranzenbaum genannt, hat etwa 7 Meter Höhe, immergrüne, lederartige Blätter, deren Stiel deutlich geflügelt ist und weiße, wohlriechende, ziemlich große Blüten, die in Doldentrauben stehen und als Frucht eine kugelige Beere mit einer mehr oder minder dicken druien- und ölreichen Oberhaut entwickelt, die eine schwammige Schicht, die das Fruchtfleisch überzieht, bedeckt. Citrus aurantium, d. i. Goldapfel, hat zwei Varietäten, eine süße, die Apfelsine, und eine bittere, die Pomeranze. Die Botaniker nehmen an, daß sich jene aus dieser entwickelt hat. Wildwachsend findet fich die Apfelfine noch in den Wäldern von Bengalen, in Birma, im südlichen China, in Cochinchina— daß man dort ihre Heimat zu suchen hat, lassen die chinefischen Schriften annehmen, nach denen fich die Bevölkerung iencr Gebiete bereits zwei Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung an dieien süßen Orangen labte. Der Heimat verdankt die Apfelfine auch ihren Namen: Citrus sinensis, d. i. chinesischer Apfel, China- oder Sinaapfel, nicht mehr gebräuchlich ist die Be- Zeichnung Pomefine für diese Frucht. Im 17. Jahrhundert waren Apfelfinen in Europa noch eine der- artige Seltenheit, daß nur fürstliche Personen solche Früchte kaufen und sich gegenseitig zum Geschenk machen konnten. In Spanien wie in Griechenland begann man aber bald den chinesischen Fremdling zu pflegen, und rasch entstanden Orangenhaine, namentlich in der Nähe der Klöster. Die Hauptkultur der Apfelfine fällt indes nach Italien, woselbst fie in nicht weniger als 150 Spielarten kultiviert wird. Es soll hier nicht näher auf diese Spielarten eingegangen werden; einige von ihnen dürfen wir aber doch nicht übergehen. Zu ihnen gehört die Blutapfelsine von Malta mit blut- rot gestreiftem oder ganz blutrotem, süßem Fruchtfleische; ste ist also eine Unterart der Apfelsine und nicht durch Impfung bezw. Einspritzung erzeugt worden, wie das einmal vermutet wurde. Eine weitere Sprelart ist die doppelfruchtige Orange, bei der jede Frucht in ihrem oberen Teile sozusagen noch eine zweite enthält. Eine Spielart ist auch die violette Orange, deren Blätter und unreife Früchte violett angehaucht find und die neben der buchsbaum- und myrtenblältriaen Orange nur Zierpflanze ist. Eine andere Varietät der süßen Orange ist die P o m p e l m n S mit birnförmigen, dickrindiaen und aeblich-orangefarbenen Früchtei». Ihr aromatisches. schwach säuerlich schmeckendes, rosafarbenes oder blaßgelbes Fleisch läßt sich, weil in große Saftsäcke eingeschloffen, leicht teilen, was daS Verspeisen der 2— S Kilo schweren Frucht ungemein erleichtert. Der eigentümliche Rame rührt von dem ftanzöschen Orange pompel- mouse her; die nicht minder seltsam klingende englisch« Bezeichnung »Schatdock" soll mit dem Namen jenes Kapitäns zusammenhängen, der die Frucht von Asien nach Westindien brachte; gänzlich irre- führend ist aber die gleichfalls englische Bezeichnung mook-oranAS (falsche Orange). Dagegen erscheint der für eine kleine Spielart der PompelmuS gebrauchte Rame forbidden fruit (verbotene Frucht), der mit der deutschen Bezeichnung„Adamsapfel" übereinstimmt, recht paffeud. Die PompelmuS ist im Indischen Archipel sehr häufig; sie stammt aus China und ist jetzt auch nach Amerika verpflmrzt. Wenn schon ganz Italien sich mit der Kultur der Agrumen. unter welchem Namen die Orangen. Zitronen, Cedrati, Mandarinen, Bergamotten usw. zusammengefaßt w irden, beschäftigt, so kommt doch von Sizilien die weitaus größte Menge zur Ausfuhr. Aus Palermo wurden z. B. im Jahre 1300 für 10 630 000 Lire Südfrüchte verschifft, davon für 3 006 000 Lire nach den Vereinigten Staaten und für 1 345 000 Lire nach England, lieber Messina gingen für mehr al? 15 000 000 Lire. Deutschland empfing von diesem Export 14 242 000 Kilogramm im Werte von 1333 800 Lire. Gegenwärtig steht die Agrumenkultur Siziliens in einer schweren Krisis: einmal hat sich der Wert des Agrumenbodens und der daraus zu erzielende Pachtzins bedeutend verringert, zum anderen hat das Agrumen- fieber eine bedeutende Ueberproduktion hervorgerufen und drittens ist der Insel die Hauptabsatzguelle, die Vereinigten Staaten, vir« loren gegangen. In den Vereinigten Staaten von Amerika hat man freflich erst nach dem Bürgerkriege begonnen, der Orangekultur ein größeres Interesse zuzuwenden und Orangen in nennenswerten Mengen für den Markt zu züchten. Heute ist das amerikanische Orangen- land Kalifornien; namentlich werden im Süden dieses Staates, ostwärts der Stadt Los Angelos, vorzügliche Früchte gewonnen. Die kalifornische Orangenernte belauft sich zurzeit auf mehr denn 18 000 Waggonladungen a 300 Kisten. Die Ernte der Apfelsinen(und Zitronen) gibt m jedem Jahre Veranlassung zum Abhalten großartiger Meffen und Märkte, die zu den Merkwürdig« leiten des Landes gehören. Diese Messen finden in der Regel im April in einer der bedeutendsten Städte des Lande? statt. Selbst« verständlich verfehlen die größeren und größten Züchter nicht, sich zur rechten Zeit am rechten Orte einzufinden. Bei dieser Gelegenheit denken der Handelstrieb und der Reklamefinn der Uankees natür- lich allerlei Schnurrpfeifereien aus. So war unter anderem eine riesenhafte Apfelsine ausgestellt, die aus 3000 an einem Gerüst von geeigneter Gestalt befestigten Früchten bestand. Ein anderer Aus» steller hatte eine Säule von mehreren Metern Höhe errichtet. Frankreichs Produktton an Orangen und Zittonen ist zwar nicht vernachlässigt, aber doch nur gering im Vergleich zu dem starken Konsum. Es importiert seinen Bedarf von Haiti und den Vereinigten Staate». Jntereffe dürfte die Tatsache erregen, daß in der Umgebung der Stadt Orange(Departement Vaucluse) Orangen nicht geerntet werden. Der Topograph Merian(f 1650) schreibt daher in semer „Topographia Galliae" über diesen Ort:„Der Boden herumb ist eben und lustig, so Wein, Getraid. viel Obst und sonderlich Safran: aber wie man sagt, keine Pomerantzen trägt. Daher daS Sprich« wort: A Oreage il ny a point d'Orenger.(In Orange gibt eS keine Orangen.) In hoher Blüte steht dagegen in dem südöstlichsten Teil Frankreichs die Herstellung von Parfümerien aus Orangen« blüten. teilweise auch aus Fruchtschalen und den Blättern des BaumeS. Der Hauptsitz dieser Industrie ist die Umgebung von Nizza. Hier wird alljährlich ein Blütenmarkt abgehalten, der vier Wochen andauert und auf dem täglich 15— 20 000 Kilo Orangenblüten zum Verkauf kommen. In Spanien bildet die Kultur der Orange und Zitrone einen bedeutsamen Erwerbszweig, zumal in den Bezirken Sevilla und Valencia. Leider werden seit Jahren die dortigen Orangenhame von einer Krankheit heimgesucht, die die Kulturen gänzlich' zu ver- nichten droht. Erstklaifige Früchte find die auf den Balearen ge» wonnenen, namentlich erzreuen sich die prächtigen Mallorcaorangen in den Hasenstädten des Mittelmeeres eines„gutklingenden" RufeS. Portugal eignet fich in seiner ganzen Ausdehnung zum Anbau der Agrumen, wie auch auf den griechischen Inseln die Kultur der Orange stetig zunimmt. Momentan versendet die Insel Andros(eine Zyklode) jährlich über 12 000 000 Früchte nach Konstan« tinopel und nach den Häsen des Schwarzen Meeres. Andere Orangeländer sind Aegypten, Syrien, Mexiko, Süd-Amerika, Neu- Südwales, Süd- und Westaustralien, Japan und verschiedene West- indische Inseln. Das klassische Land der Apselfinenkultur ist und bleibt indeffeu die Inselgruppe der A z o r e n, deren Früchte mit Recht wellberühmt sind. In Deutschland hat der Konsum der Apfelsinen während der letzten zwei Jahrzehnte ganz außerordentlich zugenommen. Während 1830 213 226 X 100 Kilogramm im Werte von 4801 X 1000 M. eingeführt wurden, betrug der Import 1300 bereits 416 286 X 100 Kilogramm im Werte von 11 268 X 1000 M. und hat fich seit dieser Zeit verdoppelt, ja verdreifacht. Im Jahre 1308 wurden im Deutschet» Reich 1112 488 Doppelzentner Lpfesinen und Mandarinen im Werte von 17 332 000 M. eingeführt. föeines f euilleton* Der geschichtliche Kern der Sewiramissage. In den Anfang der assyrischen Geschichte setzen die griechischen Berichte, die hauptsächlich auf den Ktesias, einen Arzt w persischen Diensten, zurückgehen, die sagenhafte Gestalt der Seimram!«, einer Herrscherin die das ostyrische Reich begründet und halb Asten auf ihren T.oberungS- ziigen unterworfen haben soll. Daß die Erzählungen über sie nicht als beglaubigte Geschichte zu betrachten seien, hat man bei dem romanhaften und zum Teil ganz mythischen Charalter der Uebcr- lieferung schon lange erkannt, ehe die Entzifferung der Keilinschriftcn die wirtlichen Anfänge der assyrisch-babylonischen Geschichte zutage förderte. Für die RcickSgründerin Semiramis findet sich da nirgends ein Raum. Co hätte man die Angaben des Ktesias für völlig märchenhaft halten können. Aber auch diesen Gedanken haben die Astyriologen aufgegeben. Sie erkennen jetzt in der Semiramis- sage einen geschichtlichen Kern. Neber den gegenwärtigen Stand der Frage belehrt ein sehr interessanter Vortrag, den am Sonntag der Berliner Nmverfitätsprofcssor Dr. C. F. Lehmann-Haupt in der Singakademie hielt über das Thema: Die historische Semiramis und ihre Zeit. Sckon in den Anfängen der mcsopotamischen Ausgrabungen Vmrde in Kalach eine Inschrift gefunden, die den Namen Schammu- romat enthielt. Es ergab sich daraus, datz tatsächlich in Asiyricn — freilich nicht in der grauen Vorzeit der Reichsgründung, sondern gegen 800 vor Christi— eine Königin Semiramis regiert hatte. Erst neuerdings ist Klarheit über ihre Bedeutung gewonnen worden. In Assnr ist bei den Ausgrabungen der Deutschen Oricnt-Gesellschaft ein Denkstein gefunden worden von Schammuramat, der Frau des PalaotcS� Die Inschrift der Säule gibt ihre Verwandtschaftsbezichungen zu drei assyrischen Königen an: sie war danach die Mutler Adadnirori? III., Gattin SamsiadadS III., Schwiegertochter Salma- naffar? II. Die Zeitgrenzen, innerhalb deren sie lebte, sind dadurch gegeben! ihr Mann war von 824— 811, ihr Sohn von 811— 782 v. Chr. König von Assyrien. Sie muff einen ungewöhnlichen Einfluß gehabt haben. Dies geht schon aus der bloßen Tatsache hervor, daß sie auf Denksteinen genannt wird, ivas gegen allen sonstigen affyriichen Brauch ist; sonst werden weibliche Anverwandte, auch Gattinnen assyrischer Herrscher in den Königsinschristen niemals genannt. Des- halb hat man schon lange angenommen, daß Schammuramat zeit- weilig. so in den jungen Zeiten ihres Sohnes Adadnirari, faktische Regentin von Assyrien' gewesen sei. Die nene Inschrift bestätigt die Anschauung, daß Semiramis lange Zeit eine große Rolle gespielt haben muß. Die Zeit, in der sie lebte, war an kriegerischen Ver- Wickelungen besonders reich. Die Semiramissage bei Ktesias läßt sie mit Medern und Armeniern Krieg führen. Tatsächlich ist mit den Medern zuerst der Schwiegervater der Semiramis in feindliche Berührung gekomme». Derselbe König führte auch Feldzüge in das Ouellgebict der zwei Ströme, d. b. in die armenischen Berge aus. Zur Zeit der Semiramis hatten dort die Ilrartäer die Rairivölker zu einem mächtigen Reich Urartu vereinigt; ihr Name ist am Berge Ararat haften geblieben. Die Urartäer haben von den Assyrern die Keilschrift übernommen. Wir haben von den urar» täischcn Königen über ihre Beziehungen zu den Affyrern Berichte, die sehr wichiig sind als Gegenstück zu den nichts weniger als ob- jektiven und wahrheitsgetreuen assyrischen Berichten über die näm- lichen Vorgänge. Die Kämpfe zwischen Assyrern und Urartäern rückte der Vortragende in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Reliefs aus der Zeit von Salmanasiar, dem Schwiegervater der Semiramis, stellen die Erstürmung der armenischen Hauptstadt dar, die Wegsührung der Beute usw. Aber der Kraftaufwand Salma- nasiarS war im ganzen doch erfolglos. Die Macht der Urartäer wucks. Der Semiramis Gemahl Samsiadad hatte wieder mit ihnen zu kämpfen. In Wan findet man ihre Feljsingswerke, die nach der Sage von Semiramis herrühren sollten. Die Inschriften dort stammen von den urartäischen Königen. Weiter in den Bergen ist von damals her ein Wasserleituugskanal erhalten, der noch heute funktioniert und den Namen Semiramiskanal führt. Er ist vom Ilrartäerkönig Mcnuas angelegt, wie zahlreiche Inschriften bezeugen. Auf der Paßhöhe in den Bergen steht eine Säule, der sogenannte grüne Pfeiler, der von der Sage auch mit Semiramis in Verbindung gebracht wird. Er trägt eine nrartäische Inschrift und gibt noch heute Kunde aus der Zeit der armenischen Könige McnuaS und Argiotis und ihrer assyrischen Gegnerin Semiramis. Daß damals eine Frau die Geschicke des AffyrcreicheS lenkte mußte überall auffallen und zur Legendenbildung auffordern: zumal, wenn Semiramis ihren Gemahl auf den Kriegszügen begleitete. Den entscbeidenden Wegweiser zur Entstehung der Sage gibt der Umstand, daß Semiramis und ihr Gemahl in der Sage als Begründer des Reiche? erscheinen, während in Wirklichkeit Assyrien damals schon eine lange Geschichte hinter sich hatte. Die Affyrer selbst wußten das sehr Ivohl. Die Legende muß bei einem fremden Volk ent- standen sein. Wenn dies Volk damals zuerst mit dem mächtigen und Ireich.en Assyrien in Berührung kam, so ist begreiflich, daß ein solches Volk die Semiramis als Begründerin der anyrischen Macht ansah. DaS trifft nur zu für die Meder. Mcdischen Gesängen entnahm Ktesias seine Kunde von Semiramis hauptsächlich. Sie verschmolz in der Sage mit der Göttin Jstar. Jslar war gleichzeitig Kriegs- und Liebcsgöttin. Daraus erklären sich die Liebesabenteuer, die in der Sage der Semiramis zu- geschrieben werden. Mit den Jraniern breitete sich die Sage von Semiramis nach Armenien aus. Zu Hause gewesen sein kann die Sage hier nicht, sonst hätte sie bei den geschichtlichen Voraussetzungen andere Züge annehmen muffen. Die alten Armenier waren aber disponiert, von den Jraniern eine solche Sage von einer über- ragenden Franengestalt zu übernehmen. In Armenien hat die Frau überhaupt eine große Rolle gespielt. Die geflügelte Sonnenscheib« zeigt bei den Armenier!» die Züge einer Frau. Wenn dort der Frau in Welt und Leben eine überragende Stellung zuerkannt wurde, so dient das mit zur Erklärung für die Entwickelung der Semiramis« Sage. Man erkennt nun, wie die Sage zustande gekommen ist. Während anderSwo sagenhafte Gestalten, z. B. die griechischen Helden, noch immer im Nebel bleiben, sehen wir in Assyrien eine Sagengestalt in die Geschichte übergeführt. Man sieht hier den Vorgang der Sagenbildung genau, und es erwächst daraus dem Vertrauen auf das Vorhandensein eines geschichtlichen Kerns in den allen Sagen anderer Völker eine bedeutende Stärkung. Aus der Vorzeit. Neueirtdeckte Wild fanggruben der Eiszeit» j ä g e r. Bei Laugerie haute sind neuerdings durch den Schweizer Archäologen O. Hauser nicht weniger als 21 Wildfanggruben ent- deckt worden, die un? neue Fingerzeige für die Jagdiveise der vor- geschichtlichen Jäger der Dordogne in Südwestfrankreich geben. Wir haben hier ein nach allen Seilen steil abfallende? Hochplateau, das einst zur Stcppenzeit während der zweiten Hälfte der letzten Zwischeneiszeit außerordentlich wildreich gewesen sein muß: denn aus den Unmengen von Wildpferd-»ind Büffelknochen, die sich im Wegwurf an den Lagerplätzen der Steppenjäger jener Periode fanden, dürfen wir diesen Schluß ohne Vorbehalt ziehen. Dieses Wild mußte nun, um seinen Durst zu löschen, zlir Tränke, die sich ihm in dem recht trockenen Kreidckalkgebiet einzig an dem Vezörcflusse darbot. Zum Abstiege boten sich ihm zwei Wege: der eine führt durch den Einschnitt der Gorge d'enfer, der aber vom scheuen, durch den Menschen gehetzten Wilde nicht eingeschlagen Ivurde, weil er auf beiden Serien mit den stark riechenden Lager- Plätzen des Menschen eingefaßt war! der andere führt weiter talaufwärts bei Laugerie haute zum ziemlich breiten Flusse, der gerade an dessen Fuß langsam dahin zieht. Dieser war nicht nur der nächste, sondern auch von menschlichen Ansiedelungen mit deren abschreckenden Düften freie. Nur eine Steinwurfweite da» von entfernt befand sich die Niederlaffung von Laugerie haute, deren Bewohner begreiflicherweise auf den Gedanken kommen mußten. diese Durchgangsstelle für das durstige Wild seitlich durch einige niedergeworfene Baumstämme zu sperren und an der frei gelaffenen Passage_ zwei Reihen von Fanggruben in der Weise anzubringen, daß die Tiere, die glücklich die erste Reihe passiert hatten, mit Sicherheit in die zweite fallen mußten. Diese für jene unkultivierten Jäger ganz ingeniöse Idee wurde mit allem Raffinement durchgeführt, obschon sie sich nicht allzu leicht verwirklichen ließ, denn hier bestand die Unterlage aus hartem Kalkstein, in den die Gruben höchst mühsam durch Klopfen mit Feuersteingcräten eingegraben werden mußten. Man kann sich denken, welche Arbeit das für jene nur mit Werkzeugen und Waffen aus Stein und Horn ausgerüsteten Menschen war. ES sind deren 21 an der Zahl mit heute noch trotz der seitherigen starken Ver« Witterung vorhandenen Tiefen von durchschnittlich 1,6 Meter bei einem obersten Durchmesser von 2,3 Meter und einem untersten Durchmesser von 0,6 Meter. Die niedrigste von ihnen ist noch 0,7ö Meter tief bei einem obersten Durchmesser von 1,8 Meter. Selbstverständlich-Ivaren sie bei ihrer Entdeckung ganz mit vom Regen herabgeschwemmter Erde gefüllt; als man sie ausgrub, fanden sich an ihrem Grunde allerlei einst von den Jägern verlorene oder weggeworfene Fcuerstcingeräte, deren Technil sie mit Sicherheit der Solutrvenzeit zuwies. Dadurch sind wir in den Stand gesetzt, das Alter dieser vorgeschichtlichen Wildfanggruben zu bestimmen. Sie gehören der an» Ende der letzten Zwischeneiszeit als direkte Fort- sctzung des Aurignacien währenden Solutröenzeit an und köniren auf ein Alter von wenigstens 100 000 Jahren Anspruch machen, wie ich an anderer Stelle nachgewiesen habe. Nicht minder intereffant ist ein von demselben Forscher ge« machter, allerdings einer sehr viel jüngeren Zeit, nämlich dem Magdalönien der frühen NacheiSzeit, die vor etwa 18 000 Jahren zu Ende ging, angehörender Fund, der uns einen Arbeitsplatz der Mamnillt« und Renntierjäger der hochgewachsenen Cro Magnonraffe vorführt. An der einstigen Wohnstclle jener zur Winterszeit wie die EskimoS in Felle der getöteten Beutetiere gehüllten Jäger in Laugerie baffe. eine Büchsenschußweite von den Wildfanggruben von Laugerie haute entfernt, fand sich bei der Untersuchung der Kulturschichten ganz oberflächlich ein größerer Stein, der den Leuten als gemeinsamer Ambos bei der Arbeit diente. Um ihn herum lagen, wie sie einst bei Seite gelegt wurden, die Klopf- steine und anderen Werkzeuge aus Feuerstein mit den mannigfaltigsten Arbeitsspuren, zusammen mit den damit erzeugten feinsten Knochen« artefakten, die nun eine Zierde des Kölner Prähistorischen Museums bilden. Diese Station bewohnten Spezialisten für die Herstellung von Knochenartefakten, die denn auch eine verblüffende Geschicklichkeit darin erlangt hatten und Erzeugnisse für den Tauschhandel mit den Nachbarn erzeugten, die heute noch unsere Bewunderung erregen. Dr. L. Reinhardt. Rierantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärlS Buchdruckerei u.Verlag»anstatt Paul Singer»Co..Berlin LVt.