NnlerhallungsAatt des Horwärts Nr. 29. Donnerstag, den 10 Februar. 1910 (Sla&btuS eetBoun.) 29} Im JVanicn des Gcfetzes» Von Hans Hyan. 20. Der„Kristallpalast" war bis auf den letzten Platz aus- verkauft. Die Menschen drängten sich in diesem überhitzten. von Rauch und schlechten Parfüms erfüllten Saal, der in der Gründerzeit erbaut, damals den Berliner Kokotten zum Tummelplatz gedient hatte. Aber die Zeit hatte den Teil der Berliner Halbwelt, der überhaupt Ballsäle frequentierte, immer mehr nach den eleganteren Teilen der Stadt, nach dem Zentrum und der Fricdrichstraße, hingedrängt. Nun war der Kristallpalast, sowie manch ähnliches Lokal im Osten und Süden der Trikotmuse dienstbar gemacht worden. Achl und wie einfache und billige, oft wohl auch gestopfte Trikots trug diese Musel... Das Publikum, durchweg dem Arbeiter- und Kleinbürgerstande angehörig, nahm das nicht so genau! Die Kuplets durften dreist schon ein wenig abgesungen sein und niemand verlangte hier, daß eine im Automobil festgebundene Dame kopfunter an der Saaldecke entlang sausen sollte. Als Musik genügte ein Klavier, das ein mähnetragender Konzertlöwe tu spe meisterte, der hier seine Studiengelder verdiente. Und die Pärchen, diese häufigen und treuesten Besucher des„Kristallpalast", sahen sich schmachtend in die Augen, wenn unter den Händen des Künstlers die neuesten Schlager girrend hervorseufzten oder prasselnd dahinstoben.... Heute hatte der Komiker, der wohl auf dieser kleinen, in die Wand des Saales eingebauten Bühne die beliebteste Figur war, sein Benefiz. Und gleichzeitig verkündete der Zettel das Debüt des Athleten Mr. Georges, von dem es in der Ankündigung bescheiden hieß, er sei einer von den stärksten Männern Deutschlands.... Vorn die erste und zweite Reihe nahm der Athleten- verein„N. O." ein, natürlich hatte jeder Herr feine Dame bei sich. Und es war eine durch ihre Toiletten und Anzüge jedenfalls imponierende Gesellschaft, die sich, wie besonders die Männer solcher Kreise meistens an öffentlichen Orten, durchaus wohlanständig benahm. Die Damen hatten viel Rot aufgelegt und bildeten durch die Lebhaftigkeit der ge- wählten Kleidfarben, die in den ein wenig extravaganten Hüten ihre Ergänzung fanden, einen heiteren Gegensatz zu den Kavalieren, die durchweg im Gehrock und Zylinder er- schienen waren. Nur eine in dieser bunten Schar stach durch ihre beinahe ärmliche Einfachheit v m den übrigen ab, sie saß ganz vorn und ein glückliches Leitchten lag auf ihrem hübschen, wangen- roten Gesicht. Es»var Emma, die schwarze Emma, die neben Schnepper saß, dessen Mädchen, eine schlanke, hochblonde, fast schon ein bißchen ärgerlich war über die Aufmerksamkeit, mit der ihr Bräutigem die Schwangere behandelte. Der Klavierspieler hatte ein paar Märsche und das neue Tanzlied:„Ach Astal Ach Asta. Du kleines, süßes Lasta" heruntergerappelt. Jetzt ging die Gardine hoch und eine Dame erschien im Diavoletta-Kostüm, das sehr viel schwarzes Trikot und ganz niedliche Formen aus dem leichten Schleier des Tüllkleides sehen ließ. Sie sang das Lied von der Maus, die sich schließlich, weil man sie von allen Seiten verfolgt, unter den Röcken einer Dame verkriecht.... Man gab ihr wohlwollend zu verstehen, daß sie ihre Sache ganz hübsch gemacht habe. Es folgte ein Schlangenmensch, ein armer Bedauerns- werter, dem man seine verderbliche Leidenschaft für den Alkohol ansah und der gewiß nicht mehr lange imstande war, dm Schlangen ihre Tricks nachzumachen. Die Dame, die ihm folgte, hatte kein Glück. Ihre seriösen Lieder konnten sich ebenso wenig wie ihre allzu starken Reize in Gunst setzen bei diesem Publikum, das mit natürlichem Instinkt den Widerspruch herausfand zwischen dm oft recht schrillen Liebesklagen und Seufzern, und der mehr als gesättigten, von heller, schon etwas fleckiger Seide llmspanuten Form der Säugerin. n Aber dann kam der Komikerl... Oh, er hatte nur nötig, seinen wulstigen Mund zu spitzen und die Amglein unter der lohfarbenen Perücke zu schließen, um den Jubel, die tollste Heiterkeit bei seinen Zuschauern zu entfesseln. Er unterstrich seine Pointen wie mit einem Besen, aber jede schlug ein! Und jedem Blitz dieses die feineren Nüancen ganz verschmähenden Talents folgten donnernde Lachsalven im Auditorium. Die Mitglieder des Vereins„N. O." lachten wie die Besessenen, ihre Damen bogen sich in hysterischem Kreischen, nur die schwarze Emma blieb leise bei ihrer Heiterkeit: wemx schon soviel Applaus auf diesen da verschwendet wurde, blieb dann noch etwas übrig für ihren Georg, der die nächste Nummer haben sollte? „Du lachst doch janich!" wandte sich Schnepper an sie, als der Komiker nach mehrfachen Zugaben endlich hinter der herabrollenden Gardine verschwunden war,„jefällt et Dir denn nich?... Der Kerl is doch jottvoll!... Einzig!" . Und er wieherte von neuem, sich mit beiden Händen auf die Schenkel schlagend. Die Unterhaltung war jetzt allgemein und wurde be- sonders auf den beiden ersten Bänken sehr laut und unge- niert geführt. Aber schon ertönte das Klingelzeichen und die noch nicht befriedigte Redelust der Damen brachten laute „Pst!" und„Ruhig!... ruhig da vorne!" zum Schweigen. Der Vorhang rollte hoch und Georg betrat etwas linkisch, aber doch schon mit einem gewisien Applomb das Podium. Sein wirklich schöner Wuchs wurde jetzt in den prallsitzcnden, fleischfarbenen Trikots erst recht sichtbar. Mit einem Seufzer heimlicher Seligkeit heftete Emma fest und unverrückbar ihre Augen auf ihn. Er sah sie auch und lächelte. Ihr aber kamen die Tränen, weil sie daran dachte, wie und womit sie die Trikots und die weißen Lein- wand�buhe bezahlt hatte... Und eine Ahnung, daß� sis ihn nicht behalten würde,-daß irgendetwas, das hier in ihrer Nähe war, ihn ihr rauben sollte, kam dem Mädchen, dessen Zustand solche wehmütigen Gedanken heraufbeschwor, und fast unbesieglich machte... Georg hatte sich mit dem Talkumlappen die Hände ge- wischt. Er hob ein Zentnergewicht, als sei's ein Pfund und stemmte es mehrmals. Dann nahm er in die andere Hand ebenfalls eins und brachte nun beide Zentner langsam zur Seite, so daß seine Arme wie im Kreuz standen... Aber das war nur ein Anfang. Jetzt hob er mit scheinbar spielen- der Leichtigkeit die drei Zentner schwere Gewichtsstange, brachte sie mehrmals über seinen glattgcscheitelten Kopf, dessen Kinnlade bei dieser Anstrengung mächtig hervortrat, während die Augen starr und wie verglast blickten. Er selbst sah, während er das Eisen so hielt, nichts wie ein rötliches Flimmern des lichterhellen Saales, die unten Kopf bei Kopf sitzenden Menschen verschwanden zu einer brutalen Masse, von der jener Dunst aufstieg, der Anfänger auf der Bühne leicht schwindlig machen kann. Georgs Nerven waren wie das Eisen in seinen harten Fingern. Den Anfall von Lampenfieber, den er gehabt hatte. während der Komiker auftrat, verschwand mit dem Augenblick, wo er seine geliebten Werkzeuge schwang. Jetzt ließ er die Gewichtsstange fallen, die mit dumpfem Krach auf das Podium stürzte und von den zitternden Brettern eine Staubwolke aufsteigen ließ. Wie ein König fühlte er sich, als nun, einem knatternden und zur hallenden Salve anwachsenden Gewehrfeuer gleich, der Beifall kam..., Und ohne im geringsten aus der Fassung gebracht zu sein, verbeugte er sich lächelnd wie ein alter routinierter Artist. nahm das Tuch, wischte umständlich seine Handslächen und faßte dann eine schwere eiserne Kugel, die er mit der rechten auf die linke Hand legte, um sie von dort mit verblüffender Geschicklichkeit über den Arm, hinter den gebeugten.Kopf vorbei, über den Nacken und dann den rechten Arm hinab, bis auf den Rücken der Hand rollen zu lassen. Und alsbald, gleichsam mitten durch den Jubel der Zuschauer ihren Weg nehmend, kam die schwarze Kugel zurück und rollte dies- mal auf dem zurückgebogenen Oberkörper über die Halsmuskeln des Athleten. Das war zu viel, man tobte und schrie beim Anblick dieses auf dem mensch fchen Fleisch hin und her rollenden Zentners, und Mr. Georges mnßte seine Piece immer mid immer wiederholen. Dah zu diesem seltenen Erfolg der Klub ,.N. O." sei» gutes Teil beigetragen hatte, darüber wurden sich Georg und seine jetzt vor Glück weinende Emma erit am nächsten Abend klar, als frenide, an ihrem Schicksal unmtcrcssiecte Menschen auf den beiden ersten Bänken saßen. Heute war alles eitel Jubel. Und Georgs Freunde konnten kaum den Schluß der Vorstellung erwarten, an die sich, wie in diesem Lokal fast jeden Abend, ein Tanzkränzchen anschloß. tltatürlich hatte Georg seine sämtlichen Kollegen zu der nachfolgenden Feier seines Tebüts eingeladen. Er hatte ja noch Geld, und er wie auch Emma fanden es selbstverständ- lich, daß er sich nicht lumpen ließ, bei einer Gelegenheit, die über sein ferneres Schicksal mit so glänzenden Aussichten ent- schieden hatte. In der Ecke neben der Bühne wurden Tische zusammen- gesetzt, und eine bunte Gesellschaft ließ sich dort nieder. lFortsctzung folgt.) (Zlachdruck ttrbslcn.) KlacKen/) von Björn st jerne Björnson. Björgan war vormaleinst Pfarrhof der Gemeinde Kvikne im Tovregebirge. Das Gehöft liegt hoch oben, ganz für sich allein; da stand ich als kleines Bübchen im Wohnzimmer auf dem Tische und sah sehnsüchtig ins Tal hinunter, wie sie da im Winter auf ihren Schlittschuhen den Fluß entlang liefen oder im Sommer auf den Wiesen spielten. Björgan lag so hoch, daß kein Korn dort gc- dieh, weshalb man das Gehöft jetzt auch an einen Schweizer vcr- kauft und einen Pfarrhof im Tale angekauft hat, wo es doch ein bißchen angcnebmcr ist. Der Winter stellte sich auf Björgan. gräßlich früh ein! Ein Acker, den mein Vater in einem warmen und frühen Frühling Ucrsuchsweise bebaut hatte, lag eines Morgens unterm Schnee begraben. Das gemähte Heu kriegte oft statt eines Regen- schauer» ein Schneegestöber, und wenn der Winter nun gar erst wuchs..! Die Kälte war so arg, daß ich die Klinke der Haustür nicht anzufassen wagte, weil mir oie Finger am Eisen festfrorcn. Mein Vater, der aus Land am Randsfjord stammte und also tüchtig abgehärtet war, muhte nach der entlegenen Filiale doch oft mit der Maske vorm Gesicht fahren. Wenn jemand daherkam, knarrte und knirschte es auf dem Wege, und kamen mehrere, so machte es einen Höllenlärm. Der Schnee lag oft bis zum ersten Stockwerke des mächtigen Hauses hinauf, kleinere Nebengebäude schneiten ganz ein, Hügel, Büsche und Hecken wurden nivelliert, und ein Schnecmccr dehnte sich aus, auf dem die Spitzen der Birken schwammen und wogten nach dem Sturm, der hier aufgetürmt, dort ausgehöhlt hatte. Da stand ich also auf dem Tische und sah die Skiläufer von uns ins Tal hinabgleiten, ich sah die Finnen aus den Roröswäldcrn niit ihren Renntiercn die Berghänge hinab und wieder zu uns herauf sausen. Die Pulke**) schlenkerten hin und her, und nie werde ich den Anblick vergessen, wenn dann der Zug endlich auf dem Hofe hielt und aus jedem Pulk eine Pclzball herauskrabbelte und sich als kleine» trcuzfidelcs, geschäftiges Menschlein entpuppte, das Renntierfleisch verkaufen wollte. Die Kviknetaler sollen sich in spätere» Zeiten zu einem intelli- gcnten und kräftigen Völkchen entwickelt haben, allein zu jener Zeit war die Pfarrei Kvikne eine der berüchtigsten im ganzen Lande. Noch vor ganz kurzer Zeit hatte ein Pfarrer immer Pistolen mit sich in die Kirche nehmen müssen; ein anderer kam von der Kirche nach Hause und fand all sein Hab und Gut zerstört und vernichtet von Männern mit geschwärzten Gesichtern, die die Frau Pfarrerin, die allein zu Hause gewesen war, fast zu Tode erschreckt hatten. Der letzte Psarrer war geflohen und hatte sich aufs energischste geweigert, zurückzukehren. Lange Jahre war das Amt ohne Pfarrer geblieben, als mein Vater«— vielleicht gerade deshalb— es erhielt; denn man traute ihm zu, daß er imstande sei, ein Boot gegen Sturm und Strömung zu steuern. Ich entsinne mich noch ganz deutlich, wie ich an einem Sonn- abcndrnorgen eben im Begriff war, auf allen Vieren die Treppe zur Studierstube hinaufzukrabbeln, die nach dem..Sonnabendrein- machen" ganz cisbcdcckt war; ich war noch nicht viele Stufen empor- gekommen, als mich plötzlich von der Studicrstube her ein Krachen und Poltern schleunigst und entsetzt wieder hinunterjagte. Tort oben hatte nämlich der Hüne der Bvgde ldcs Kirchspiels) dem widerhaarigen Pfarrer die Volkssittcn beibringen lvöllcu, fand aber zu seiner größten Ucbcrraschung, daß der Herr Pastor ihm *) Diese Erzählung des nordischen Dichters, die im Jahre 1SC8 geschrieben wurde, gibt ein anschauliche» Bild seiner Jugend und eine plastische Schilderung seiner Heimat.— Das Dovregcbirgc ist ein hohes, kahles unfruchtbares Gebirge im südlichen Norwegen. Blocken heißt übersetzt der Falbe ■**) Pult— ginncnschlitten erst mal seine eigenen Sitten beibringen wollte. Er flog so zur Tür heraus, daß er sich die ganze Treppe herabkollern ließ, unten seine verschiedenen Gliedmaßen zusammensuchte und in vier Sätzen die Haustür erreichte. Die Leute in Kvikne wußten es nicht besser, als daß die Gesetze, die vom Storthing ausgingen, ihnen vom Pfarrer gegeben würden. So wollten sie ihm zum Beispiel die Ausführung des Schulgesetzes versalzen; sie boten meinenk Bater Trotz, sie versammelten sich vollzählig im Schulratszimmer, um die Geschichte mit Gewalt zu hintertreiben. Trotz Mutters in- ständigen Flehens war Vater doch hingegangen, und da stjm niemand bei der Einteilung der Schulbezirke und den anderen Arbeiten zu helfen wagte, tat er es selbst nach bestem Wissen unter dem drohen- den Murren der Menge; aber als er mit dem Protokolle unterur Arme hinausging, wichen sie alle zur Seite, und keiner tastete ihn an. Man denke sich Mutters Jubel, als sie ihn, ruhig wie immer, wieder auf den Hof zufahren sah. In diesen Verhältnissen und Umgebungen wurde Blackcn gc- boren! Seine Mutter war eine große Fuchsstute aus dem Gud- brandsdal, die Wonne aller, die sie sahen; sein Vater war ein Wildfang von einem schwarzen Fjordhengst, der an einem ganz fremden Ort, als man sorglos mit der Stute vorüberzog, wiehernd auS dem Walde hervorgebrochen, über Hecken und Gräben gefetzt kam und es mit dem Recht der Liebe nahm, was sein war. Von Blacken wurde schon früh gesagt: das wird das stärkste Pferd werden, das je ein Mensch hier im Norden gesehen hat, und ich. der ich mit Geschichten von Riesen und Schlägereien aufgezogen war, betrachtete das kleine Fohlen wie einen begabten Kameraden. Er war übrigens gar nicht imme.r lieb gegen mich; ich trage noch heute eine Narbe von seinem Huf über dem rechten Auge; aber: trotzdem begleitete ich Stute und Füllen getreulich überall hin, schlief mit ihnen auf dem Felde und wälzte mich zwischen den Beinen der Stute umher, wenn sie graste. Aber einmal war ich zu weit mitgelaufen. Der Tag war warm gewesen, ich war in einer offenen Waldscheuer, in der wir wohl alle drei Schatten gesucht hatten, eingeschlafen; Stute und Füllen waren weiter gegangen, ich aber war liegen geblieben. Es war schon spät am Tage, als die Leute, die mich vergebens gerufen und gesucht hatien, mit der Nachricht heimkehrten, ich sei nirgends zu finden. Man denke sich den Schrecken meiner Eltern— nun mußte alles hinaus auf die Suche, Feld und Wald wurden durchrusen, Bäche und Ab- gründe durchsucht, bis endlich jemand aus der Scheune heraus ein Kind weinen hört und mich im Heu sitzend entdeckt. Ich war so verängstigt, daß ich lange nicht reden konnte, denn ein großes Tier war dagewesen und hatte mich mit feurigen Augen angeblickt. Ob ich das nun geträumt oder wirklich erlebt hatte, ist nicht fcstHustellcn, aber sicher ist, daß ich noch bis vor wenigen Jahren im«schlaf auf- schrak, wenn ich dieses Tier über mir stehen sah. Blacken und ich, wir bekamen bald Kameraden: erst ein Hündchen, das mich Zucker stehlen lehrte, dann eine Katze, die eines Tages unerwartet in der Küche eintrat. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Katze gesehen; leichenblaß stürzte ich ins Zimmer hinein und schrie, aus dem Keller sei eine riesige Maus heraufgekommen. Im nächsten Frühling wurden wir unser noch mehr, denn da gesellte sich ein Schweinchen hinzu,— und wenn Blacken mit seiner Mutter zur Arbeit hinaus mußte, hielten wir, Hund, Katze, Ferkel und ich, stets zusammen. Wir vertrieben uns die Zeit ganz nett, besonders mit gemeinsamem Schlafen. Ich gab diesen Kameraden ja alles, was ich selbst gern hatte; so brachte ich dem Schwein einmal meinen silbernen Eßlöffel mit hinaus. damit es hübscher essen lernte; es versuchte auch wirklich zu essen, — das heißt den silbernen Löffel selbst. Wenn ich mit meinen Eltern ins Tal hinunter durfte, kamen Hund, Katze und Ferkel auch mit. Die beiden ersten durften mit in die Fähre hinein, die uns über den Fluß setzen sollte; das Schweinchen grunzte ein bißchen und schwamm dann hinterher. Dann wurden wir mit allerlei Gutem bewirtet, jede» nach seinem Geschmack, und abend» zogen wir in demselben Aufzuge wieder heim. Doch bald sollte ich diese Kameraden verlieren und nur Blocken behalten, denn mein Vater bekam das Amt Nessct im RomSdal. Es war ein merkwürdiger Tag, als wir fortzogen, wir Kinder mit dem Kindermädchen in einem kleinen Hanse, da» auf einen Lang- schlitten gesetzt war, so daß weder Wind noch Schnee uns etwas an- haben konnten, Vater und Mutter voraus in einem Brcitschlittcn; und ringsum standen alle, die uns wieder und wieder Lebewohl sagen wollten. Ich kann nicht behaupten, daß mir sonderlich traurig zumute gewesen wqre, ich war ja erst sechs Jahre alt, und außerdem wußte ich, daß in Trondhjem ein neuer Hut, ein Rock und neue Hosen für mich gekauft waren, was ich alles anziehen sollte bei unserer Ankunft. Und dort, in der neuen Heimat, sollte ich zun» erstenmal das Meer sehen! Und außerdem— Blocken war ja bei uns! Hier ans dem Pfarrhofe von Neffet, einem der schönsten Gehöfte im Lande, das breitbrüstig zwischen zioci sich vereinenden Meeres- armen daliegt, über sich das grüne Gebirge, am anderen Ufer Wasierfälle und Gehöfte, unten im Talgrund wogende Felder und rege» Leben, und weit hinaus den Fjord entlang Berge, die sich Zunge an Zunge ins Meer hineinschieben, jede mit einem großen GeHöst auf ihrer äußersten Spitze,— hier auf dem Psarrhofe von Ncsiet, wo ich des Abends am Fenster stand und dem Spiele der Sonnenstrahlen auf Fjord und Bergen zuschauen konnte, solange, bis mir die Tränen kamen, als ob ich etwas Böses getan hätte, unfc wo ich auf meinen Schneeschuhen tief unten in irgend einem Tale plötzlich stehenbleiben konnte, wie verzaubert von einer Schönheit, einer Sehnsucht, die ich mir nicht zu erklären vermochte, die aber so grotz war, daß ich mitten in der höchsten Freude tiefste Trauer und eine seltsame Beklommenheit fühlte,— hier auf dem Pfarrhofe von Nesset wuchsen meine Eindrücke, aber die lebhaftesten waren die, die ich von Blacken empfing, denn hier wuchs auch er, wurde ein Held und verrichtete Heldentaten (Nachdruck kccEottn.} Schwangerfchaft und(Wochenbett* Von Dr. R. Steininger. Die Schwangerschaft ist kein krankhafter Zustand, doch fordern die zahlreichen Veränderungen, die die wachsende Frucht am Körper der Frau hervorruft, Aufmerksamkeit und machen eine besondere Diätetik und Hygiene in der Schwangerschaft wünschenswert. Gewiß können die Beschwerden der Schwangerschaft bei ganz gesunden Frauen fehlen, ihre Organe passen sich den erhöhten Anforderungen an; relativ häufig jedoch siebt man bei Frauen mit schwacher und zarter Gesamtkonstitution Störungen auftreten, die an der Grenze des Normalen und Phhfiologischen stehen und deren Nichtbeachtung und Vernachlässigung Komplikationen verursachen kann. So ist eine richtige Ernährung, eine vernunftgemäße Bekleidung, eine sorgfältige Hautpflege von der größten Wichtigkeit für die werdende Mutler und ihr Wohlbefinden. Zunächst die Kleidung. Schwangere find gegen Tempe- ratureinflüsie empfindlicher als sonst, und diesem Umstände muß in der Kleidung Rechnung getragen werden, wobei die Mittelstraße zwischen Verweichlichung und weitgehender Abhärtung gewählt werden soll. Besonders zu empfehlen sind die geschlossenen Beinkleider, je nach Jahreszeit sind sie aus leichteren oder dichteren Stoffen anzufertigen. An Stelle des Korsetts, desien Schädlichkeiten besonders für die schwangere Frau auf der Hand liegen, tritt ein Leibchen mit Vorrichtungen zum Anknöpfen der Strumpfhalter und der übrigen Unterkleidung. Sehr anzuraten ist auch das Tragen einer Leibbinde vom fünften bis sechsten Monat an. Diese stützt den Unterleib, verhindert eine zu starke Ausdehnung der Bauchwand und sichert die Lage der Gebärmutter. Dabei ist die Haltung der Frau eine bessere und die häufigen Schmerzen in den Lcndengegenden werden gemildert. Neuerdings werden vielerlei Leibbinden in den Handel gebracht, am meisten zu empfehlen sind solche, die nirgends eine stärkere Einlage aus Stahl oder Fischbein besitzen. Ber- schwinden aus der Kleidung der schwangeren Frau müssen auch die besonders in den Arbeiterkrcffen gern getragenen, runden, clasti- scheu Guinmistrumpfbänder. Sie hindern* den Blutabfluß, hemmen die Blutzirkulation und begünstigen daher das Auf- trete» von Kranipfadern(Kindsadern). Sie Iverden am besten durch Strumpfhalter ersetzt, die an der Untertaille befestigt werden. Freilich läßt sich das Auftreten der Kindsadern nicht immer verhüten, da viele Frauen eine besondere Anlage für diese Krankheit haben. Etwas jedoch kann das Leiden gemildert und in seiner Ausdehnung ein- geschränkt werden, indem man die Beine des TageS mit Flanell- binden bandagiert und des Nachts hochlagert. Eine sorgfältige Hautpflege steigert entschieden das Wohl- befinden. Außer der täglichen Waschung deS ganzen Körpers werden bei Schwangeren warme Vollbäder besonders angenehm empfunden. Sie beruhigen da? Nervensystem und fördern den Schlaf. Scheiden- ausspülungc» sind bei gesunden Frauen nicht nötig. Sind sie bei Ausflüssen besonderer Art angezeigt, so genügt zur einfachen Reinigung abgekochtes Wasser mit geringem Zusatz von Kochsalz. Dabei ist die peinlichste Sauberkeit zu beobachten, um nicht mehr zu schaden als zu nützen und Krankheitsbime einzuführen, die dann im Wochen- bctt, wenn die Gebärmuttcy eine große Wundfläche darstellt, ihre Wirksamkeit entfalten und Fuöer verursachen. Stets ist das gläserne Ansatzrohr vor dem Gebrauche auszukochen und der Irrigator, in ein sauberes Tuch geschlagen, aufzubewahren. Beim Spülen lasse man das Wasser aus geringer Fallhöhe einfließen. Die Ernährung und die Koftordnung soll während der Schwangerschaft die gewohnte sein. Alkohol schadet mehr als sonst wegen des leichter erregbaren Nervensystems der schwangeren Frau. Den häufig im Anfange der Schwangerschaft bestehenden besonderen Gelüsten kann, wenn sie sich nicht auf schädliche oder ganz absondcr- liche Dinge erstrecken, nachgegeben werden. Da in den letzten Monaten die Gebärmutter durcb ihre Größe den Magen beengt, sind häufigere und kleinere Mahlzeiten vorteilhaft. Zahlreich sind auch die Störungen in den Bcrdauungsorganen während der Schwanger- schaft. Viele leiden an morgendlichem Erbrechen und an Trägheit des Stuhlganges. Gegen einfache Ucbelkeit leisten kalte, kohlen- säurehaltige Wässer gute Dienste, da§ morgendliche Erbrechen wird gemildert durch Einnehmen deS Frühstücks im Bctt und etivas tpätereS Aufstehen. Jedenfalls besteht dabei meist kejne eigentliche Magcnerkrankung; es wird angenommen, daß es sich um einen vom Nervensystem ausgehenden Vorgang handelt. Besteht Verstopfung, so ist sie zn bekämpfen, da eine tägliche anSgicbige Stuhlentleerung entschieden das Wohlbefinden fördert und viele Beschwerden, wie Kopfschmerzen und Uebclkeiten beseitigt. In erster Linie ist der Stuhl durch diätische Maßregeln zu regeln. Dabei ist eine regelmäßige Angetvöhnnng ber Entleerung zur ganz bestimmten Stunde. z.B. früh morgens nach dem Aufstehen, auch wenn das Bedürfnis nicht vorhanden, von der größten Bedeutung. Ebenso hat der Genuß von Obst(Apfelsinen, Feigen), ein GlaS Wasser morgen?, abends ein solches mit Zucker eine anregende Wirkung aus die Darmtötigkeit. Neichen diese diätischen Maßregeln nicht auS, so sind Bitterwässer, Einlaufe mit lauwarmem Wasser mit oder ohne Zusatz von l'/z Eßlöffel Rizinus zu versuchen. Leider tritt nur zu bald Gewöhnung an all diese Mittel ein, und manche Frau leitet mit Recht ihre chronische Verstopfung von einer Schwangerschaft her. Schwangere, die�auf ihre Arbeit angewiesen sind, müssen sich leider oft schweren Schädlichkeiten aussetzen. Die bedenklichsten Ge- werbsschädigungen werden durch chronische Vergiftungen hervor- gerufen. Wichtig sind Bleivergiftungen, sie führen häufig zu Unter- brechung der Schwangerschaft. In gleicher Weise wie Blei- sind auch Tabakarbeiterinnen gefährdet. Die schwangere Frau kann von manchen Krankheiten befallen werden. Eine schlimme Komplikation ist die Tuberkulose oder Schwindsucht. Cornet, ein hervorragender Forscher auf dem Gebiete der Tuberkulose, schreibt„Bei schwindsüchtigen Frauen ist die Befruchtung dringend zu tviderraten, sie vertragen eine Schwangerschaft schlecht. Die Krankheit nimmt sehr oft»ach dem Wochenbett die akuteste Form an und führt sehr rasch zum Tode. In weit vorgeschrittenen Fällen bedeutet die Schwangerschaft fast den sicheren Tod". Um die Verschlimmerung deS Leidens zu ver- hüten, ist bei Z.'uberkulöscn eine künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft, ain besten schon in den ersten Monaten oft an- gezeigt. Weiß nun eine Frau, bei der die Schwangerschaft sichergestellt ist, daß sie tuberkulös war oder ist, so bcAbt sie sich am besten an eine der Lu»genfürsorgeslellcn>tLuisenstrahe) zwecks genauer Aufnahme ihres LungenbcfundeS. Ist die Unterbrechung der Schwangerschaft im Interesse ihrer Gesundheit, so erhält sie ein entsprechendes Attest, mit dem sie sich zu einem Arzte oder in eine Klinik begibt. Zur Hygiene der Schwangerschaft gehört auch die Vor- bereitung zur Geburt. Da nicht vorauszusehen ist. ob diese nicht schon früher erfolgt, ist es wünschenswert, daß die Frau schon vom siebenten Schwangerschastsmonat an das Nötige bereit hält, um allen Zufällen gegenüber gerüstet zu sein. Die Ausstattung eines Kindes sollte enthalten: ö Henidchen. 6 Jäckchen, 3 schmale, leinene Nabelbinden, 12 Windeln, v Barchentunterlagen(als zweite Lage), 1 kleine Gummiunterlage(zwischen Barchentmiterlage und Windel zu legen), 3 Wickeltücher ans Flanell. DaS Kind inuß aus Gründen der Sauberkeit seine eigenen Handtücher und ein Badetuch besitzen. Weiter sind erforderlich ein Bett, bestehend aus Matratze, Kopfkissen»»d Fcdcrnobcrbett, eine Wärmflasche, eine Badewanne. eine Milchflasche mit Gummisauger für den Fall, daß die Mutter nicht stillen kau». Streupuder, Borvaseline. Für die Mutter find 3 Hemden und 3 Bettjacken, einige Unterlagen, wenn möglich zum Schutze der Betten eine Gumminnterlage wünschenswert. Ein Stech- becken, ein Paket steriler Watte, Seife, zwei Waschbecken(unter Um- ständen, wenn ärztliche Hilfe gerufen, zur Desinfektion nötig) und eine Sorte des beliebten Volkstecs(Kamillen-, Wollblumen-, Fcncheltee) vervollständigen die Ausstattung. Wir kommen nun zur Betrachtung des Wochenbettes, das ebensowenig wie die Schwangerschaft einen krankhafte» Zustand dar- stellt. Wöchueriiinen bedürfen deshalb auch keiner Behandlung in dem Sinne, wie man es früher für notwendig hielt, Ivo man die Wöchnerin hungern ließ und ohne Medikamente und Teeaufgüsfe einen richtigen Ablauf des Wochenbettes für undenkbar hielt. Was der Wöchnerin not tut, ist Pflege, Schonung und peinlichste Sauber- keit. Besonders letztere stellt ein wichtiges Moment in der Wochen- bettspflcge dar. Denn die Wöchnerin ist in gewisser Hinsicht als eine Verwundete zu betrachten, ihre Gebärmutter ist eine einzige große Wundhöhle, die infolge ihre? Reichtums an Säfte» und Blut einen überaus günstigen Nährboden für KrankheitSkeime aller Art ist. Ge- witz wie Tansende von Verletzungen im täglichen Leben un- beachtet bleiben und trotzdem anstandslos heilen, so gebaren auch Tausende von Frauen in tiberfüllten Wohnungen und aus schmutzigem Lager ohne Schaden zu nehmen. Aber dann und lvann zeigt doch wieder ein Fall von Kindbettfiebcr, welche Gefahren auch die normal verlaufene Geburt mit sich bringen kann. Vor allem sind die wunden Geschlechtsteile vor dem Staub der Luft und vor Berührung zu schützen. Am einfachsten und sichersten erreicht man Meö durch Vorlegen einer Lage steriler Watte. Da diese die abfließenden Wundsclrete aufnimmt, wird sie öfters durch ftische ersetzt und verbrannt. Im übrigen begnügt man sich im weiteren Verlans de 3 Wochenbettes mit einer öfteren Reinigung dnrch Abspülen mit abgekochtem Wasser. Der Strom des Wassers entfernt am schonendsten die anhaftenden Sekrete, znm Abtrocknen wird wieder reine Walte benutzt und jedes unnötige Berühren dabei tunlichst vermieden. Ebenso dürfen Schcidcnspiilungen nur auf ärzt- liche Verordnung hin vorgenommen werden, bei gesunden Wöchne- rinnen sind sie zwecklos und habe» der damit verbundenen Gefahren wegen zn unterbleiben. Bezüglich der Diät stehen wir heute auf dem Standpunkte, die Wöchnerin nicht hungern zu lasten. Gut und reichlich ernährte Frauen erholen sich viel rascher und sondern früher und reichlicher Milch ab, als solche, die sich im Wochenbett nur migenügend ernähren. Im allgemeinen ist eS üblich, der Wöchnerin in den ersten zwei Tagen»»r flüssige Kost zu verabreichen, doch steht ein Teil der Geburtshelfer auf dem Standpunkte, schon am ersten Tag mit einer ausgiebigen festen Ernährung zu beginnen, um die Frau zum Stillen fähig zu machen. Man gibt in der Hauspraxis nach Belieben Milch, Milchsuppe, eingekochte Suppen. Eier, leicbren Kaffee und Kakao. Sind die ersten zwei bis drei Tage vorüber und ist der erste Stuhl- gang erzielt, so geht man zu einer festeren Nahrung über und gibt Fleiich,"etwas Gemüse und Kompots. Die Frage, wie lange die gesunde Wöchnerin Bettruhe einhalten soll, wird keineswegs übereinstimmend beantwortet, doch neigt die Mehrzahl der Geburtshelfer dem jahrdundertelang überlieferten Standpunkte zu. die Wöchnerin mindestens eine Woche liegen zu lasten. Neuere Bestrebungen wollen dagegen diese Zeil auf zwei bis drei Tage abkürzen. Das frühe Verlanen des Bettes hat den Vorteil. dah die Rückbildungsvorgänge besonders an der Gebärmutter sich rascher vollziehen. Diesem Vorteile stehen jedoch viele Nachteile gegenüber und Frauen, die erst am achten bis zehnten Tage des Wochenbettes aufstehen, haben jedenfalls mehr Aussicht und Garantie. den mit der Mutterschaft so häufig verknüpften Schädigungen der Fortpflanzungsorgane(Vorfall. Verlagerung der Gebärmutter» zu entgehen, als solche, die gezwungen sind, sich schon in den ersten Tagen zu erheben. Endlich soll die Wöchnerin der Rückbildung der Bauchdecken einige Fürsorge widmen. Unter den Muteln zur Bekämpfung des überdehnten und erschlafften Leibes ist die Bandagierung während der ersten vier Wochen nach der Geburt am meisten zu empfehlen. Es ist nur zu bedauern, dah diese Sitte noch so wenig eingebürgert ist. Die Frauen empfinden das Gefühl einer sicheren Stütze wohltuend, Hängebauch, plumpe Taille werden vermieden. Darmträgheit erfolgreich bekämpft. Am besten eignet sich zur Einwickelung eine zirka 15 Zcnlimeter breite und 6—7 Meter lange Gurunri- oder Flanellbinde, die von der Hüfte bis zum Brllstkorb in mehrfachen Touren um den Leib gewickelt wird. Zur 5lräftigilng der Bauchmuskeln köniren paffende BewegungS- Übungen zur Hilfe genommen werden. Eine entsprechende Gymnastik besteht darin, inehrmals täglich de» Oberkörper aus der Rückenlage ohne jede Hilfe(auch nicht der Arme) in die sitzende Stellung zu er- heben und ebenso wieder langsam zurücksinken zu lassen. Wir kommen nun zur Pflege der Neugeborenen. Nach dem ersten Bade wird ihm die etwas vorgewärmte Wäsche an- gezogen. Dabei ist sorgfältig darauf zu ochren, daff die Atmung nicht behindert und die Beinchea nicht zu sehr eingezwängt werden. Diese Bedingungen erfüllt am einfachsten die amerikanische Sitte, dem Kinde sofort nach der Geburl die Kleidung anzulegen, die bei uns die Kinder etwa erst vom dritten Monat an erhalten. Sie besteht aus dem Hemdckcn, einem Leibchen, einem Höschen(das an das Leibchen angelnöpfl wird», Strümpfen und einem Oberkleid. In Deutschland wird das Neugeborene mit einem Hemdchen und Jäckchen bekleidet und dann in Windeln und Wickeltücher gehüllt. Um diese zu befestigen, wickelt man um Brust und Bauch das so» genannte Wickelband. Es ist jedoch offenbor. dast bei dieser Art der Kleidung die Atembewegungen leicht gebemml werden. Man kommt deshalb immer mehr vom Wickelband ab. Eine Haube ist im Zimmer unnötig, sondern kann durch Erhitzung des KopfeS sogar schaden. Nicht ganz einwandfrei ist auch das übliche Tragkissen, besonders tvcnn das Kind auf diesem anbatidagiert und so in seinen Bewegungen behindert wird. Das Lager des Neugeborenen darf nie in dem Bette der Mutter. sondern muß in einem Korb« oder besonderem Bellgestell bereitet werden. Es wird mit Ausnadme der beigen Jahreszeit angeivärmt und auch weiter durch Wärmeflaschen otls einer augenchnien Temperatur erhalten. Als Decke dient ein Federbett. Nichts ist irrationellcr als schon beim Neugeborenen und Säugling das Ab- härte» beginnen zu wollen. Das althergebrachte tägliche Baden des Neugeborenen hat während der ersten 8— 10 Tage beachtenswerte Nachteile. Es wird dadurch das Austrocknen und Absallen des Nodelschnurrestes ver- zögert, und eS besteht die Gefahr, dast die Nabelschnur durch daS Badewasser verunreinigt wird und sich entzündet. In Rücksicht auf die Nabelmunde empfiehlt es sich daher, nach dem eriten ReinigungL- bade, die Säuglinge erst nach Abfall des Rabelichnurrestes täglich zu baden. Bis dahin werden nur das Gesicht, die Händchen und zwischen den Bcinchen gereinigt. Das Aussetzen des Badcö hat (Ulster dem erwähnten Borreil noch den Erfolg, dast eine beffcre GewichtSztrnahme in den ersten LcbenSwochen erzielt wird. Die melste Sorgfalt erfordert die Ernährung deS Kindes. Am zuträglichsten ist die Ernäbnuig an der Brust, die nur aus gewichtigen Gründen unter lassen werden sollte. Dabei trägt die Mutter nicht nur zum Gedeihen ihres Kindes bei, sie nützt sich auch selbst. Denn durch den Reiz des Stillens werden Zusammeiizlebungen der Gebärmutter angeregt, die seine rasche und vollständige Zurückbildung austerordeutlich be- günstigen. Zu einer erfolgreichen Durchführung sowohl der natür- lichcn wie der künstlichen Ernährung des Kindes gehört eine bis ius kleinste gehende und streng cingebaltene Ordnung. Diese Ordnung bezieht sich in erster Linie auf die Verteilung der Mahlzeiten, die unter olle» Unständcn genau eingcbalten werden must. Vor allem rnust der Magen deS Säuglings genügende Rubepauien zwischen den einzelnen Mahlzeiten habe», damit selne Funktionslrast nicht erschöpft wird und der Magen bereits leer ist, wenn ihm ivieder neue Nahrung geboten wird. Physiologisch berechtigt ist nur ein sechsmaliges An- legen in Pausen von drei Stunden und mit einer sechsstündigen Nachtpause. Je älter der Säugling, um so gröster werden die Zwischenräume und die Nachtpause, so dast schon nach der dienen Lebenswoche ein viermaliges Anlegen mit achtstündiger Nacht» pause genügt. Eine Ausnahme machen hiervon nur Frühgeburten und sehr schwächliche Kinder, die wenig Saugkraft befitzen. Wichtig bei der natürlichen Ernährung ist auch die Beherrschung der S t i l l l e ch n i k. Die Mutter hat darauf zu achten, dast die Rase des Kindes frei bleibt und der Kopf nicht nach rückwärts ge- beugt ist; die Warze must genügend tief in den Mund eingedrückt werden. Schließlich noch eine kurze Bemerkung über die Dauer der einzelnen Mahlzeit. Es hat gar keinen Sinn, ein Kind länger als 20— 30 Minuten an der Brust zu lasten, denn der Hauptterl der Mahlzeiten wird in den ersten 10 Minuten eingenommen und waS nachher noch getrunken wird, ist kaum noch der Rede wert. Wenn die Mutter aus irgend einem Grunde nicht stillen kann, muß zur künstlichen Ernährung des Kindes geschritten werden. Dabei wird allerdings ein Säugling selten prächtig ge« deihen, und eS besteht immer die Gefahr einer Erkrankung deS Magendarmkanales. Säugtinge, die an der Brust trinken, erhalten die Milch frisch, ohne Kranchcitskeime und in der Zusammensetzung, wie es für das Kind am rationellsten ist. Auch die Kuhmilch ist, wenn sie das Euter verläßt, zunächst keimfrei, erst durch den Transport und die Berührung der Luft und der Gefäße wird sie bald kcimhaltig und zersetzt. Selbst die noch relativ sriiche Milch enthält bereits in ganz kleinen Mengen Millionen von Keimen, die nur zu oft abnorme Zersetzungsvorgänge und Brechdurchsall im Darme des Kindes veranlanen. Nur durch peinlichste Reinlichkeit ist dieser Gefahr zu begegne». ES empfiehlt sich daher, die frisch inS Haus gelieferte Milch sofort zu kochen und kühl aufzubewahren. Die Reste der Milch in der Flasche sowie über Nacht gestandene, kann nicht weiter verwendet werden. Alle Zulpe und Schnuller sind zu ver- werfen: ihre Reinhaltung macht Schwierigkeit und wird auch meist nicht mit genügender Sorgfall durchgeführt. Da die Kuhmilch reicher an Enveist, Fett und Salzen ist als die Frauenmilch, must sie verdünnt werden und wird dadurch grob chemisch betrachtei der Muttermilch ähnlicher. Nie aber ist die feinere Zusammensetzung, die das Gedeihen deS Säuglings so sehr fördert, zu erreichen, noch viel weniger können wir die Schuystoffe herslellen, die dem Kinde durch die Muttermilch geboten werden. Als bestes Verdünnungsmittel find die schleimigen Abkochungen von Reis und Hafer erprobt. Man gibt im ersten Monal drei Teile Schleim aus einen Teil Milch, im zweiten Monat zwei Teile Schleim auf einen Teil Milch, im dritten Monat gleiche Teile und im vierten Monal unverdünnt I Dabei sind alle Surrogate, die Stärkemehl enthalten, in den ersten fünf Monaten zu vermeiden. kleines feiillkton* Wirtschaftsges<�ichte. Nomaden und Ackerbauer. In älteren ethnologisch- kulturgeschichtlichen Werken begegnet man noch öfter der Ansicht, daß die Kulturstufe des Ackerbaues sich erst aus der des Nomaden heraus» gebildet haben. Selbst Forscher wie Hahn und Schurtz sind der Meinung, dast das Noinadenlum eine Verwilderung der Kultur bedeute. Dast diese Hypothese kaum zutreffend ist. ergibt sich mehr und»nehr aus dem ethnologischen Material, das durch die letzten Forlchungsrersen ans Acht gefördert worden ist. So weist Prof. L c o FrobcniuS in einem Aussatz in der.Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde": .Kulturgeograpdische Betrachtung Rordivestasrilas" darauf Hrn. dast daselbst die Steppeimoinaden rm Gegensatz zu dem äußeren Eindruck, den sie machen, eine höhere Kultur befitzen als die Hack- und Garren« bau treibenden Stämme, die in den Lichtungen der Wälder ivohnen. Diese Plantagenbauer find wohl materiell vielleicht höherstehend, aber diese materielle Kultur ist mehr ererbt, überkommene Ueber- liefernng. die, cm der Scholle haftend, von Generalion zu Generation kleine Verbesserungen erfährt. Sie wirft bei dem einzelnen Individuum, so lange es in der gewohnten Umgebung bleibt, sozusagen automatisch. Wenn aber ein solches uraltes Waldvolk in seinem Versteck auf» gespürt wird, wenn widrige Umstände zu seiner Zersplitterung führen, und der Stamm hier und dorthin zerstreut wird und feine Mitglieder in neue, ungewohnte Verhältnisse kommen, dann versagt selbst der wunderbarste Kulturreichrum. Das Volk verkommt und verschwindet allmählich, weil die seither gepflogenen Gewohnheiten versagen. Während hier die Kultur in der Umgebung und der Tra« dftion ruht, lebt sie bei dem Steppen- und Wüstenmcusch im Kopse; sie beruht aus dem Wiffen, den Erfahrungen, die jeder neue Tag mit seine» wechselnden Eindrücken dem Verstände einprägt. So steht der Romade jedem neuen ungcivohnten Moment, das in seinen Gesichtskreis eintritt, gleich gewappnet gegenüber und vermag sich allen Verhältnissen schnell anzupassen. Das führt bei den Nomaden- Völkern auch sehr früh zu einer intellektuellen Arbeitsteilung mit weitgehender Spezialisierung der einzelnen WiffenSzweige, wie unter anderem das Beispiel der alten Araber beweist. «verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckcrei u.Vcrlagsanitall Paul Smger chä.o..BerIm S W.