Zlnterhaltungsblatt des Donvürts Nr. 31. Sminabend den 12 Februar. 1910 ütaSdniC tJKEoten.J 81] Im JVatncn des Gefetzte* Von Hans Hyan. Der Kumpan hatte seine Schnapsflasche hervorgezogen, quietschte, als wollte er den Genossen damit aus seinem Hin- brüten aufwecken, mit dem Pfropfen auf dem Glase, trank dann hustend und sagte, indem er nun Georg die Flasche hinhielt: „Na, denn nimm man ooch eenen. Du!... wir sind gleich dal" Der junge Hellwig griff instinktiv nach der Flasche. Wie er sie ansetzte und ihm der Fnselgeruch in die Nase stieg, hatte er für einen Moment das Gefühl des Widerwillens, das der Schnaps stets zuerst in ihm aussteigen ließ. Wie wenn er Ekelhaftes, Verderbliches in diesem Getränk witterte, etwas, vor dem er sich hüten und von dem er sich fernhalten müsse. Aber die Gleichgültigkeit gegen das Schicksal, die den, der scheinbar so gar nichts zu verlieren hat, noch weit mehr abstumpft, als den sozial Höherstehenden, ja eine Art unbewußten Trotzes gegen jede Warnung seines geheimen Selbst ließ Georg nun erst recht trinken! Als er die Flasche leer zurück gab, sagte der andere wütend: „Na weeste, Du. det war ooch nich jrade nötichl Nu kann ick Rooch schnappen! Und mir durscht immerzu! Un Jeld Hab ick ooch nich!" Georg lachte. „Laß man, Fronze! Wir kriegen ja da wat!... Un sind ooch jleich dal Da hast doch ebent jesagtl Langestraße l Na, da is doch schon!... da drieben!" Der Wogen bog jetzt, schwerfällig umlenkend, um die Ecke und hiett gleich darauf vor einer Einfahrt, die den Blick in eine Reihe hintereinander liegender Höfe freigab. „Aber det is es ja noch ja nich," schrie der kleine Breit- schulterige, von dem Wagen abspringend und nach vorn zum Kutscher eilend, neben dem noch zwei Ziehleute saßen,„et is doch Numma dreizehn, da, een Haus weiter, bei Poppe!.. Georg und seine drei Kollegen gingen in eine Destillation. während der Kutscher seine Ankunft bei den Leuten meldete, die umziehen.wollten. Und Hellwig hörte mit Erstaunen. wie der Kleine, der doch noch eben kein Geld zu haben vor- gegeben hatte, ein Eisbein,-ue kleine Weiße und einen Schnaps bestellte. Dadurch angefeuert, ließ er sich auch zu essen und zu trinken geben: denn, sagte er sich, wenn der nachher nicht bezahlt, kann ich ja auch auf Kredit leben! Indem kam der Kutscher ebenfalls ins Lokal und sagte, an den Tisch zu seinen Leuten tretend: „Kinder, det is ja janz wat Feines!" Er ließ die Brauen in seinem faltigen Gesicht auf und nieder spielen. „Da wert Ihr Maul und Reese aufreißen, lauta kleene Meechensl" Er schmatzte mit den Lippen, wie nach einem guten Happen. Einer von den vieren, ein verhältnismäßig schwach- gebauter, magerer I ensch, dem niemand seine Stärke zu- getraut hätte, tranig gerade Weißbier und verschluckerte sich vor Lachen: „Det is grade wat scheenet! Da wart ick schon seit 8 Dage druff...." Und er machte eine Bemerkung von nicht wiederzugebender Deutlichkeit. Das gefiel allen und der größte, ein langer Kerl mit fuchsigem Reiterschnurrbart, den er zwischen den Fingern rollte, meinte laut: „Na uff die Weise wer ick doch mal zu ne Braut kommen! Wat is et denn. Edewanß, Halbseide oder Kattun?" „Hm!" Der Kutscher machte, die linke Hand schüttelnd. eine Geste der höchsten Würdigung,„det is janz wat Feines! Mlens in Seide un Samt!... Ooch die Olle selbst;'n janz schnudliger Happen!"... „Na, denn nehme ick die Olle uff mir!" sagte der Kleine mit den breiten Schultern,„ick bin vor wat Jediejenesl Un was thu ick mit den janze Schönheit, wenn keene Platten (Geld) dahinter sind. Ick will Minzen sehen!.. „Na, Franze, Du brauchst ihr doch nich jleich zu heiraten!" meinte der Große,„aber Du bist schlau: Du denkst, wenn Du de Klucke erscht hast, denn könn' da' de Kiekels ooch nich mehr wechloofen!" Unter solchen heiteren Gesprächen brachen die Männer auf und Georg sah mit erschrecktem Staunen, daß Franz, sein Wagennachbar, trotz seiner Versicherung, kein Geld zu besitzen. jetzt seine Zeche bar bezahlte... Er wandte sich heim» lich an ihn mit der Bitte, ihm etwas zu borgen; doch der ging achselzuckend rasch zur Tür hinaus. Und dem jungen Hellwig blieb nichts übrig, als an den Wirt heranzugehen und ihn um Stundung zu bitten, bis nachher, wo er ihn von seiner Trinkgeldeinnahme bezahlen würde. Der Wirt brummte, war aber schließlich einverstanden, und Georg eilte mit einem Ingrimm, den er sich doch nicht merken lasse» durste, den andern nach. Am liebsten hätte er die Kameraden laufen lassen, die er für seine Kalamität verantwortlich machte: aber der Möbelspediteur hatte ja seine Bücherl Und dann brauchte er den Verdienst auch so dringend I Seine Schlafftellenwirttn, der er für mehrere Wochen die Miete sihuldete, hatte ihn auf diese Arbeit aufmerksam gemacht und im Transportkontor hatte sein athletischer Körperbau vollkommen als Empfehlung genügt Er sah die andern gerade noch ins Haus treten und kam eben zurecht, als ein Parterre geöffnet wurde. Wie in allen Wohnungen, die gewechselt werden, sah man verpackte und unverpackte Möbel im Korridor und durch die offenen Türen in den Zimmern umherstchen. Aber was sofort den Wiederschein des Frühlings auf alle diese Männer- gesichter zauberte, das war das Gelächter und die scherzenden Stimmen der Mädchen, die von der eben in einer Tür sichtbar gewordenen Frau angetrieben wurden, sie möchten sich beeilen und endlich mit ihrer Toilette fertig werden I Dann sah man in den hellen Lichtbreite» der Türausschnitte Gestalten in Korsett und Unterrock vorbeihuschen, geschminkte und fahle Gesichterchen mit flatterndem Haar und schöngeordnetem Lockenbau kamen zum Votschein und verschwanden wieder. Und selbst diese einfachen Männer genügten als Ziel für feurige, aufmunternde und schmachtende Blicke aus den kaum erst wachen Augen der jungen Mädchen. Die Wirtin dieses bezahlter Liebe gewechten Tempels. die als Rentiere im Berliner Adreßbuß verzeichnet stand, war eine Wattürenfigur. Hochblond, wenn die Farbe echt war, und mit den Augen eines preußischen Offiziers, dessen Witwe sie in der Tat war, stand sie ihrem umfangreichen Betriebe gewiß mit Energie und Umsicht vor. Jetzt äugte sie, mit dem Kutscher unterhandelnd, voller Interesse zu dem langen Ziehmann mit dem fuchsroten Schnurrbart hinüber, der sie an vergangene Stunden ihres Eheglückes gemahnen mochte.: „Also Du, mit de Wirtin is es nischtl" flüsterte Georg Hellwig dem Kleinen zu, der vorhin nicht für ihn bezahlt hatte, die hat sich schon Karln ausjesucht! Die liebt det Große I Na, findste wat unter die andern, wah?" Der Kleine wollte gerade eine giftige Antwort geben, als die Dame, Frau Cusinier— wie das Schild an der Türe besagte— sich an ihm wandte: „Werden Sie denn auch den schweren Flügel tragen können?" „Ho!" Der Kleine warf sich in die breite Brust,„da ham wa schon janz andre Dinge jeschlcppt, wcnnt weiter nischt isl" „Und außerdem sind wir ja ooch noch da, jnädige Frau!" mischte sich Georg jetzt ein, der vortrat und die stattliche Blondine, die trotzdem zu ihm aufsehen mußte, mit dem vollen Blick seiner scharfen, blaugrauen Augen maß. Die Frau blickte ihn mit Interesse an, ein wohlgefälliges Lächeln zog über ihren vollen Mund. Sie verglich am Ende die Männergestalten aus ihren Kreisen mit diesen Söhnen des Volkes, denen die Kraft so etwas Selbstverständliches war, daß selbst ihr vermeintlicher Mangel bei dem einen den Hohn der übriger: weckte. „Aber was haben Sie denn?" sagte Frau Cusinier rasch vortretend,„Sie tverden ja ganz blaß!" Georg atmete Kef, seine Augen hafteten noch immer, an !>er Gestalt der Hausfrau vorbeigleitend, im gegenüber- liegenden Türrahmen— war's ein Geist gewesen, der da plötzlich erschienen? Aber nein, er hatte das Gesicht zu gut erkannt'. Und hätte sie unter einer Menge von Tausenden gestanden, er hätte sich nicht irren können! Die sich da für eine Sekunde nur gezeigt hatte, und bei seinem Anblick selbst Zurückgewichen war. wie vor etwas Entsetzlichem— war seine Schwester. 22. Frau Amanda Poppe wäre nicht die routinierte Der- Mieterin gewesen, wenn sie den Grund der plötzlichen Der- önderung des jungen Möbelträgers nicht gesucht, und— rasch den blonden, hochtoupierten Kops zurückwendend— auch gefunden hätte. Äe sah noch eben ihre beste Mieterin mit einer Bewegung des Schreckens sich zurückziehen, und kombinierte auf der Stelle einen innigen Zusammenhang zwischen den beiden. Die Aehnlichkeit zwischen Ella und Georg war zu gering, als daß sie ein Geschwisterpaar in ihnen hätte vermuten sollen, sie glaubte vielmehr an einen Liebhaber, der von ihrer Mieterin verraten und verlassen, hier möglicherweise eine Szene provozieren konnte, die sie, die überhaupt jedem Aufsehen gern aus dem Wege ging, heute am Ziehtage am allermeisten vermieden sehen wollte. Sie gab das Quartier hier in der Langenstraße ja nur auf, weil der fast schon ausgesprochene Brodellbetrieb, obwohl sie ihn klugerweise auf die Tagesstunden beschränkte. Auf- sehen zu erregen begann. Und sie verzog nach dem Süden der Stadt, wieder in eine abgelegene Gegend, weil sie wußte. daß ihre gute und reiche Kundschaft sie überall aufsuchen würde. Gewohnt, jede Schwierigkeit im Geschäft mit Geld aus- zugleichen, wandte sie sich freundlich lächelnd an Georg und bot ihm ein Zweimarkstück mit den Worten: „Sie sind gewiß durstig? Da, gehen Sie und holen Sie ein paar Weißen für sich und ihre Kameraden!". Der junge Mann stand unschlüssig. Die ruhige Sicher- heit der Frau, die Gegenwart seiner Arbeitskollegen, die ihn schmunzelnd nickten, er solle gehen und das Getränk besorgen und das drückende Gefühl der eigenen Schande, eme solche Schwester sein zu nennen, das verschloß ihm vorläufig die Lippen. Mit finsterer Miene ging er hinunter. Als er aber über die Straße ging, nach der Budike, da kochte der Zorn in ihm.... Also diese verdammte Komment- mutier hatte die Ella in der Mache? Natürlich um sie in Grund und Boden zu verderben, um sie auszupressen, wie ein Zitrone, und, wenn sie krank wurde, oder sonst nicht mehr genug verdiente, fortzuwerfen.... Na, das war ja ein Glück, daß er gerade hierher kam.... Er würde ihr schon den Standpunkt klar machen, der alten Kupplerin, uftd wenn es mit Gewalt wäre! Seine Schwester wollte er raus haben aus dem Hurennest, das die Polizei..., ach was, Polizei! Die standen ja mit solchen Weibern direkt in Der- bindung und ließen sich bezahlen dafür, daß sie nicht hin- sahen! Nee, er war selber Manns genug, er brauchte keine Hilfe!... In dem Lokal ließ er sich Schnaps geben und Weißbier und trank am Tisch stehend, aus der Flasche, ohne daß ihm der Fusel jetzt noch Unbehagen verursachte. Nur seine zornige Energie steigerte sich dadurch. (Fortsetzung folgt.) Oer englifcbe Maklreformkampf von i8zo bis 1832. n. Der Schneckengang der UnterhauZvcrhandlnngen über die Rc- formbill hatte draußen schon beträchtliches Mißvergnügen erregt. Petitionen waren aus dem Lande eingegangen, die nichts weniger als untertänig waren, und so hatte auch die reformfreundliche Presse gegenüber den konservativen Verzvgerungsinanövern eine drohende Sprache angenommen, für die ein Artikel dcS„Morning Chronicle" charakteristisch ist, der kür den Fall, daß die Rechte die Freiheiten und die Wohlfahrt des Volkes einer niederträchtigen, übermütigen, tyrannischen und habsüchtigen Aristokratie aufzuopfern versuchen sollte, an- kündigte, daß Hunderttausende in den Ruf ausbrechen würden: Nieder mit der Aristokratie;.jetzt ist die Alternative: Reform oder Revolution"! Das galt nicht nur dem Unterhause und der Regierung, sondern besonders dem konservativen Rückhalt, dein Oberhauie, wo ganz zweifellos eine starke reformfeindliche Mehrheit existierte. Es mußte fich nun zeigen, ob di:s« Mehrheit der englischen Granden es wagen würde, dem ausgesprochenen Willen der Gemeinen sich entgegenzustemmen. Lord Grey unterließ nicht, in der Rede, womit er die Resormbill am 3. Oktober 1831 bei den Lords befürwortete, dem Oberhause die Gefährlichkeit eines hart- tiäckigcn SträubenS vor Augen zu führen. Aber auf die Wortführer der Konservativen im Herrenhause war kein Eindruck zu machen. Sie erklärten die Bill für einen Angriff auf die alte Verfassung, der diese zerstören müsse und der Demokratie den Weg bahne. Denen, die davon sprachen, daß nur der Pöbel Reform verlange, hielt der Lordkanzler Brougham eindringlich vor, daß die Mittel- klaffen an der Spitze der Bewegung ständen. Auf deren ökonomische Macht, ihr wirtschaftliches Uebergewicht gegenüber der Aristokratie der LandlordS wies Brougham mit den Worten hin:.Ihr, die ihr so leichthin von diesen Klassen sprecht, bringt alle eure Schlöffer, Paläste, Landsitze und Güter herbei und verkauft sie; ihr werdet sehen, daß alles dies nichts ist im Vergleich zu dem Reichtum, den die Mittelklassen Englands besitzen". Aber all« Vernunstgründe prallten jbon. den hatten Schädeln der Oberhausjunker ab. Einer von ihren Heißspornen, Graf Bttstol, behauptete sogar, lieber seinen Kopf auf den Block legen zu wollen, als für ein so heilloses Machwerk zu stiminen. Das Ende vom Liede war nach wenigen Tagen, am 3. Oktober 1831 die Ablehnmtg der Rekormbill durch die Lords. Unter der Mehrheit waren auch fast alle Bischöfe; weltliche und geistliche Anstokratie standen zu» samnien. Sie waren fich offenbar über die Unwiderstehlichkeit der Macht, die Himer der UnterhauSmehrhcit stand, nicht klar. Die Aufnahme, die der Entscheidung deS Oberhauses im Lande wurde, ließ über die wahre Meinung des Landes nicht den ge- ringsten Zweifel. Lord Grey ward mit Deputationen bestürmt, die ihn aufforderten, einen Pairschub zu bewirken, daS heißt beim König die Ernennung einer Anzahl neuer LordS durchzusetzen, die hinreichte, um die konservative Mehrheit in eine Minderheit zu verwandeln. Es damit zu versuchen, hatten die aristo- kratischcn Minister wenig Neigung. Freilich wagten fie auch nicht, die Flinte inS Korn zu werfen. Gemäß einem Vertrauens- Votum der Gemeinen, der sie aufforderte, im Amt zu bleiben und an der Reformbill festzuhalten, hielten fie aus. Bon allen Seiten kamen Rachrichten, die den Ernst der Lage augenscheinlicher machten. Einige der verhaßtesten Reformgegner mußten an ihrer eigenen Person oder wenigstens an ihrem Besitz spüren, welchen Ingrimm sie durch ihre Haltung auf sich gezogen hatten. So wurden etliche Lords mit Steinen beworfen, ihre Paläste demo- l i e r t. Wellington ließ sein Wohnbaus verbarrikadieren, und mehrere Lords rüsteten demnächst ihre Landsitze sogar mit Geschütz aus. weil sie einem regelrechten Angriff entgegensahen. An mehreren Stellen kam es zu heftigen Zusammenstößen von Volksmengen mit der bewaffneten Macht, überall aber zu großen Demon» st r a t i 0 n e n, teils in Gestalt von Massenversammlungen, teils von Straßenumzügen. In zahlreichen Städten wurden auf Stangen Plakate herumgetragen mit der Inschrift:.Keine Steuern mehr l Nieder mit den Pairs I Nieder mit der Kirche l" Der Steuer» Verweigerungsbeschluß wurde vielerorts gefaßt, so von einer 30 000 Köpfe starken VersaDmlung in Glasgow, die auf die Zeiten der Bürgerkriege hinwies, wo das Land fich schon einmal ohne Lords beholfcn habe. Zum Schluß wurde eine Resolution an- genommen: Das Unterhaus habe, weil korrupt konstituiett, kein ae» tetzliches Recht mehr, die Nation zu besteuern; folglich sei auch niemand, bevor die Wahlrewrm durchgesetzt, mehr ver- pflichtet, Steuen, zu zahlen. In Manchester, wo auch eine un- geheuere Demonstratton für allgemeines Wahlrecht stattfand, las man überall öffentliche Anschläge, wonach niemand die den Mit- bürgern wegen Steuerverweigerung weggenommenen Effekten kaufen solle, weil die vom Unterhause in seiner jetzigen Gestalt be» schlossenen Steuern ungesetzlich wären. Auch m London waren an zahlreichen Stellen Aufforderungen zur Steuerverweigerung an- geschlagen. Eine Londoner Straßendemonsttation zählte über 40000 Teilnehmer, obwohl vorher ein königliches Verbot ergangen war. Gelesene Zeitungen riefen die Mitglieder der Reformvereine auf, sich zu bewaffnen, im Gebrauch der Waffen zu üben und Offiziere zu wählen. Angesehene Führer der Reformbewegung sprachen in öffentlichen Reden von der Notwendigkeit, eine Reform- armee aufzustellen. In Canterbury las man an allen Ecken: „Reform oder Revolution— die Entscheidung ist da. Wollt ihr, Mitbürger, es dulden, daß zweihundert verknöchette Aristokraten euch zu Sklaven machen?!" Daß jene Alternative kein Spaß war, zeigte sich Ende Oktober in Bristol, als einer der eifrigsten Reform- gegner, We lh erell, in amtlicher Eigenschaft dott seinen Einzug hielt. Eine ungeheure Menge begrüßte ihn mit einem Regen von Steinen und faulen Eiern. Er rettete sich mit Mühe und Not ins Rathaus. Die Volksmenge erstürmte dieses trotz verzweifelten Widerstandes der Konstabler und schlug alles kurz und klein. Wetberell flüchtete über die Dächer und verließ bei Nacht und Nebel die Stadt. Anderen Tages waren die Volksmaffcn noch zahlreicher, und eS kam zu Zusammenstößen mit der Kavallerie. Die Dragoner gaben Feuer. Aber nun stürzte fich die Menge auf sie und trieb fie auS der Stadt. wo demnächst die Gefängnisse in Flammen aufgingen, das Zollhaus und der Bischofspalast zerstört wurden. Am folgenden Tage rückten größere Truppenmengen mit schwerer Artillerie«in und stellten nach hartnackigem Kampfe durch Gewehr« und Geschützfeuer die »Ruhe" her: mehrere Hundert Menschen waren tot oder verwundet. Aehnliche blutige Vorgänge in Nottingham, Derby. Loughborough zeigten, daß beim Volk der Geduldsfaden zu reihen drohte und dah es höchste Zeit war. wenn die Reformfrage noch auf parlamentarischem Wege erledigt werden sollte. Nach dem Wiederzusammentritt des Parlaments im Dezember 1831 brachte Lord Russell eine neue Reformbill ein, die im wesentlichen mit der alten übereinstimmte. Infolge konservativer Verzögerungsanträge zog fich die Erledigung der Vorlage im Unterhaus bis über die Mitte des Monats März 1832 hinaus, unter zahlreichen Kund- gedungen zunehmender Ungeduld des Landes. In der dritten Lesung wies der Abgeordnete' M a c a u l a y, der bekannte Geschichts- schreiber. die Lords eindringlich darauf hin, daß es hier heißen müsse: Vogel, friß oder stirb. Es gebe nur noch die Alternative: Die Bill oder die Anarchie. Daß es ficki hier um kein Kinderspiel andle, war inzwischen wieder verschiedentlick klar geworden, so in ondon selbst, wo es bei einer großen Straßendemonstration zu den heftigsten Zusammenstößen mit der Polizei kam. deren Brutalitäten die Teilnehmer der Kundgebung keineswegs ohne Widerstand über fich ergehen ließen, sondern mit einem Steinhagel erwiderten. Ganz ohne Eindruck war die fieberhaft erregte Stimmung des Landes wohl auch auf einen Teil der konservativen Lords nicht geblieben. Darauf ließ wenigstens die veränderte Taktik schließen, zu der ihre Führer griffen, als die Reformbill nach der endgültigen Annahme durch die Gemeinen<22. März 1832) anS Oberhaus gelangte. Sie wiesen fie nicht wie zuvor ohne weiteres von der Hand, sondern ließen sie zur zweiten Lesung und zur Komiteeberatung kommen, um hier erst ihre Künste spielen zu lassen, den Ministern mit Verbesserungsanträgen zuzusetzen, auf die fie fich nicht ein- lassen konnten. Schon ehe diese neue Kampsart der konservativen Führer des Oberhauses{offen in die Erscheinung trat, schon in den Osterferien, bekamen die LordS wieder aus dem ganzen Lande maffenhafte Winke mit dem Zaunpfahl. Riefige Ver- sammlungen unter freiem Himmel wurden abgehalten. An dem großen Reformmeeting in Birmingham nahmen nicht weniger als 150 000 Menscben teil, die allesamt den Eid leisteten, für die Reform- fache einzutreten„mit ganzer Treue, durch jede Gefahr und Eni- behrung hindurch für uns und unsere Kinder". DaS war am 7. Mai 1832. Am gleichen Tage begannen die Komiteeberatungcn der Lords und brachten alsbald die vorläufige Entscheidung. Gleich die erste Abstimmung nämlich fiel zuungunsten der Regierung auö, worauf Lord Grey sofort Aussetzung der Verhandlungen auf drei Tage verlangte. Die Regierung entschloß fich nun zu dem. waS ihr als äußerstes Mittel vorschwebte, den König um Vornahme des PairSschubes an- zugehen. Am 9. Mai traten fie in diesem Sinne an den König heran und erhalten zunächst nicht eben ungünstigen Bescheid. Uebcr Nacht aber kam es ganz anders. Der König, der immer nur mit halbem Herzen bei der Reformbewegung gewesen war, unterlag über Nacht reaktionären Einflüsterungen, die seine Frau geltend machte, lehnte am nächsten Morgen daS Verlangen des Pairs- schubs ab und gab den Ministern ihre Entlassung. Das nächste, was daS Land von den königlichen Entschließungen vernahm, war die fast unglaubliche Tatsache, daß kein anderer als der Herzog von Wellington, der geschworene Gegner jeder Reform, mit der Bildung eines neuen Kabinetts betraut war. DaS bedeutete nichts Geringeres als eine reaktionäre Kriegserklärung nicht allein an die Reformbewegung, sondern überhaupt an die bis- herige Regierungsform, an das anerkannte Uebergewicht des Unter- hauseS. Daß man in den reaktionären Kreisen tatsächlich daran dachte, eS mit einer Politik der militärischen Gewalt zu versuchen, zeigte die Tatsache, daß Wellington Schreiben an die Offiziere des Beurlaubtenstandes ergehen ließ, fich zum Dienstantritt bereit zu halten. Die Truppen wurden in den Kasernen niarsch- bereit gehalten; allerdings bestanden starke Zweifel, ob sie auch durchweg bereit sein würden, gegen das Volk zu marschieren. Wie dem auch sein mochte, darüber ließ die Austiahine der konservativen Schilderhebung durch das Land keinen Zweifel, daß das Volk entschlossen sei, der Gewalt die Gewalt entgegen- zusetzen. Neberall fanden Massenversammlungen statt, die be- schloffen, nun die Steuerverweigerung ins Werk zu setzen. In Birmingham beschlossen 100 000 Mann, sich zu bewaffnen, um nötigenfalls die Gewalt mit der Gewalt vertreiben zu können. Die Arbeitermassen des Nordens bekundeten ihre Entschlossenheit, auf London zu marschieren. In London selbst herrschte die gleiche Erregung bis hinauf zu den Aldermen und dem Lord-Mayor. Diese städtischen Würdenträger verlangten vom Parlament, was überall die Losung deS Tages war, Steuerverweigerung, und im Unterhaus trat der Abgeordnete Hume mit einem Antrage in diesem Sinne hervor, der den Beifall der Mehrheit fand. Gleichzeitig begann bereits das be- fitzende Bürgertum, der Bank von England ihre Noten in Masse zurückzuaehen und fie dadurch au den Rand des Bankerotts zu treiben. Für die Reaktionäre war es nicht mehr sicher, fich auf den Straßen blicken zu lassen. Der König selber wurde mit Zurufen begrüßt, die alles andere als liebenswürdig waren, und es fehlte sogar nicht an Kotwürsen gegen seinen Wagen. Kein Zweifel, wenn die Reaktionäre fest blieben und ernstlich versuchten, mit Gewalt das Wahlrecht der verfaulten Flecken und die Alleinherrschaft der Junker und Jobbers aufrecht zu erhalten, so kam es zur Revolution. Aber eben, weil die Tories dies mehr und mehr merken mußten, kamen fie zur besseren Einsicht. Hein« meinte damals, ob die Tories vielleicht unter den Steinen, womit man ihnen die Fenster einwarf, zufällig den Stein der Weisen ge- funden hätten. Jedenfalls, sie wichen vor dem beginnenden Sturm zurück und unterwarfen sich dem Willen des Unterhauses oder viel« mehr des Volkes, von dem daS Unterhaus geschoben wurde. Am 15. Mai 1832 schon erklärte Wellington dem König, daß seine Ver- suche, ein Kabinett zu bilden, gescheitert seien. DaS Reformministerium trat alsbald wieder ins Amt, diesmal mit der königlichen Ein» willigung zu einem Pairsschub, wenn ein solcher nötig sein sollte. So weit ließ es nun aber die konservative Mehrheit des Oberhauses nicht kommen; sie verzichtete jetzt selbst auf den Widerstand gegen die Reform. Mehr als hundert LordS, mit Wellington an der Spttze, blieben den weiteren Verhandlungen in der Resormfrage fern, und so kam es, daß auch ohne Pairsschub im Oberhaus eine Majorität für die Wahlreform vorhanden war. Die Bill passierte ohne weitere Schwierigkeiten die letzten Stadien der parlamentarischen Beratung und am 7. Juni 1832 wurde die Reformvorlage durch die königliche Genehmigung Gesetz. Auf solche Art setzten die Engländer die erste Wahlreform durch, dieselben Engländer, die das preußische Ministerium samt seinen reaktionären Myrnudonen dem ums Wahlrecht kämpfen« den Proletariat als Muster vorhält. A. Conrad#. Die Entstellung der familien» namen.*) Als die Menschen anfingen, sich in der Welt einzurichten, da gaben sie den Gegenständen, die sie um sich sahen, Namen, und ebenso bezeichneten sie sich auch gegenseitig mit bestimmten Worten, um die Personen, zu denen oder von denen sie sprachen, zu unter- scheiden. Aber während bei den Tieren und leblosen Dingen ein Wort immer zur Bezeichnung einer Menge gleichartiger Gegen- stände diente, wie Löwe, Baum, Haus. Stein, die Gattungs- namen, und während hier nur einzelne große Gegenstände ihre besonderen Namen erhielten wie die Berge, Flüffc, Ansiedelungen, erhielt von den Menschen jeder seinen besonderen Namen, der ihm allein eigentümlich sein sollte. Das ist der Begriff, den wir noch heute mit dem Worte Eigenname verbinden, daß dieser näm- lich einer Person oder einem Dinge allein gehören soll. Wie es nur eine Dongu, nur einen Sinai, nur ein Hamburg gibt, so sollte auch bei den Menschen jeder Name nur eine ganz bestimmte Person bezeichnen und keine andere. Bekommen auch die den Menschen umgebenden Tiere, die Hunde und Pferde, Einzelnamen, zuweilen auch leblose Dinge wie Schiffe, berühmte Waffen, so werden auch sie eben dadurch aus der Gattung heraus und gewissermaßen zu Personen erhoben. Ein Name genügt in der ältesten Zeit zur zweifelsfreien Bezeichnung der Personen: bei allen Völkern tragen die Menschen zunächst nur einen Namen. Ein Name genügt, denn die Zahl der Menschen, die miteinander in Berkehr stehen. ,ft klein, so daß man im ganzen nicht allzuvieler Namen bedarf, und andererseits ist die Sprache noch schöpferisch und bringt eine Fülle von Namen hervor. Sinnvoll wird für das neugeborene Kind der Name ge» bildet. Im Alten Testament wird fast bei jedem Namen Herleitung und Bedeutung angegeben. Ebenso schafft man in Teutschland sinnvoll die Namen: Das zeigen uns die in derselben Familie ver» einigten Siegmund, Siegclind, Siegfried; Heribra itd, Hildebrand, Hadubrand. Auch hier bot die Zusammensetzung zahlreiche Möglich» leiten der Abwechselung. Viele deutsche Namen beginnen oder schließen mit dem Worte hild Kampf: Hildebrand. Hildegunde« Kriemhild, Brunhild. Sinnvoll wird der Name gebildet, ein Ge- schenk fürs Leben soll das 51ind mit ihm erhalten, all das Gute und Schöne, was z. B. der Name Siegfried enthält, soll der Knabe, der den Namen erhält, dereinst als Mann an sich tragen.„Schöne Namen reizen auch zu schönen Taten", diesen Grundsatz, den Fischart so im Gargantua ausspricht, haben zu allen Zeiten die Eltern bei der Namengebung bewußt oder unbewußt befolgt. Im Gegensatz zu der Einnamigkeit der alten Zeit führt nun der Mensch heute im wesentlichen zwei Namen. Wir nennen den ersten den Vornamen, den zweiten den Familiennamen. Und zwar sind unsere Familiennamen im wesentlichen von vierfacher Art: Es ist entweder noch ein zweiter Vorname *) Wir entnehmen obcnstehende Ausführungen dem 290. Bänd« chen der Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt":„Die deut» scheu Personenname n". Von Professor Alfred Bähnisch in Kreuzburg sO.--D.)(Verlag von B. G. Tcubuer in Leipzig. Preis geh. i Mk., in Leinwand gebunden 1,25 Mf.), das, aus, gehend von einer Schilderung der ursprünglichen Zeit der Ein« namigkcit und der Entstehung der Familiennamen im Beginn de» Mittelalters, und einer Erörterung über die ursprünglichen Einzel» namen und ihre Verwendung als Familiennamen, eine durch eine Fülle von Beispielen belebte, erklärende Uebersicht über das ge». amtc Gebiet der deutschen Vor- und Familiennamen gibt, ein- chließlich der aus fremden Sprachen übernommenen, — 124 fttgcfüjt, häufig der des Waters: Konrad(der Sohn de?) Martin. ob« der zweite Name ist von der Herkunft od« Wohirstätte her- flcnonnncn: Konrad der Bayer, Konrad der Wiesner(der sein HauS an der Wiese hat), od« er bezeichnet eine Eigenschaft: Sonrad der Lange, oder Stand oder Gewerbe: Konrad der Schmied. Es sind dieselben Zusätze, die wir auch bei anderen Völkern wie Siegmund, Sieglinde, Siegfried, oder denselben Anlaut haben, wie Gunther, Gernot, Giselhrr. oder beides wie Heribrand, Hildo» brand, Hadubrand. In anderen Fällen scheint d« Name deS Stammvaters Jahrhunderte hindurch in der Familie periodisch wiederholt worden zu sein, so dast er zu einer Art von Stamm- namen wurde. In vielen Familien„besteht von der ältesten Zeit her eine Tradition, wenigsten» bei Leuten von Stande" finden, dieselben, die man zu allen Zeiten bei Regentennamen, Um 1100 treten all diese«amen nun starker hervor; eS wird «mgewcn�ct hat, und die wir noch heute an Stelle des RamenS! jetzt ein Brauch und eine Sitte, was bisher mehr veteiitzelt vor- frei«finden, wenn wir Personen bezeichnen wolle», deren Namen gekommen war. Socin sagt darüber: Die Annahm« eines zweiten wir nicht kennen oder vergessen haben. Wir nennen einen aus NamenS„scheint nicht sowohl auf einem Bedürfnis des praktischen d« Ferne zugezogenen Handwerk« nach seiner Heimat den Lebens, als vielmehr auf d« Standes«, kette, dem Familienstolz Kadern, einen Pastor oder Gutsbesitzer nach seinem Dorfe den beruht zu haben".„Nicht sowohl da» Bedürfnis praktisch« Unter- Hermsdorfer. einen Arbeiter den Stelzfuß. Besond«s oft machen! scheidung. als die Sucht sich auszuzeichnen, schuf die neuen Namen.' wir eö so ans Reisen, wo wir mit vielen Leuten zusammenkommen,! Und zwar scheint d« Brauch nach Deutschland aus Italien ge» ....- � �-- m---—:•------»•—------"• f-!- wir schon einige Jahrhunderte früher oft täglich, deren Namen wir nicht kennen oder nicht behalten; da sprechen wir von den Berlinern im zweiten Stock oder dem langen Jungen im Nebenhause. Wie diese Bezeichnungen sich immer nur auf den einzelnen de- ziehen, so haben auch unsere Familiennamen zuerst meist nur einen einzelnen bezeichnet, der aus Bayern kommen zu fein, wo Familiennamen finden, kommen oder lang gewachsen war oder daS Schmiedehandw«? trieb. Aber sie sind nachher auch zur Bezeichnung sein« Nach» kommen geworden. Und zwar ist das merkwürdig schnell gegangen. Bald nachdem überhaupt Familiennamen entstehen, bezeichnen sie vielfach sofort nicht den einzelnen, sondern die Familie. Man ver- wandte die Bezeichnungen auch für Personen, für die sie offen» bar nichi paßten, und so entfernen sich diese Namen jetzt von dem ursprünglichen Zweck aller Namen, dem Wesen des Menschen zu entsprechen. Das Hinzutreten solch« Zunamen und ihr Festwerden tritt in Deutschland etwa seit 10ö0 ein. Welckes war nun der Grund, daß man zu dem«inen Namen, der Jahrhunderte hindurch der einzige gewesen war, noch einen zweiten hinzufügte? Früher erklärte man es ausschließlich so. daß die schöpferische Kraft der Sprache allmählich erlahmte und man nicht mehr so viel Namen frei zu erfinden vermochte. Durch Abschleifung wurden zugleich Namen, die ursprünglich verschieden waren, einander ahn- lich oder ganz gleich. Während so Zahl und Mannigfaltigkeit der Namen abnahm, kamen gleichzeitig durch die Steigerung dcß Ver- kehrs die Menschen mehr als früher miteinander in Berührung, und die verminderte Zahl der Namen genügte nicht mehr zur auS- reichenden Unterscheidung der größeren Menge d« Menschen. Man ist heute nicht mehr der Ansicht, daß die Familiennamen hauptsäch- lich aus- diesem Grunde hinzugefügt worden sind; aber diese Um- stände haben, wenn nicht zu ihrer Entstehung, dock zu ihrer AuS- brestung sicherlich beigetragen. Dvnn bei allen Völkern finden wir auf einer entwickelteren Kulturstufe und bei g e- steigert em Verkehr,.daß derselbe Name von vielen getragen wird und Zusätze erhaltest m u ß. um den einzelnen bestimmter zu bezeichnen. In Deutschland macht sich ein Verfall d« alten Namen- fülle und ein Zusammen schmelzen des NamcnschatzeS seit 1050 geltend und nimmt bis 1150 langsam, von da ab rasch, zu. Jedoch hat da? feinen Grund offenbar nickt in einer Abnahme der Scköpfcrkcaft der Sprache, für die wir sonst in dieser Zeit zahl- reiche Belrv-se haben, sondern das Aufkommen gewisser Lieblings- namen ist eine Modesachc, die bei den höheren Ständen anfängt und oft so weit getrieben wird, daß sogar Brüder denselben Namen erhalten. Das; aber diese Umstände allein oder auch nur vorzugsweise zur Schaffimg eines zweiten Ramens geführt hätten, dagegen sprechen doch mancherlei Gründe. Die Familiennamen treten in id« Gegend von Basel, die Socin im besonderen zum Gegenstand seiner Untersuchung gemacht hat, zuerst beim öockadel auf. etwa um 1050. Später nehmen die ritterlichen Dienstleute, die Ministe- .malen, sticke an, ungefähr seit 1150 Tann folgen die Bürg«, erst nach 1200 die Hörigen. Dasselbe, daß„ämlicb der zweite Name zuerst bei den höheren Schickten der Gesellschaft austritt und erst allmählich in die niederen hinabsteigt, berichtet Reichert für Bres- sau. Wäre es daS Bedürfnis der Unterscheidung gewesen, was den zweiten Namen hervorgerufen hat. so hätte der Verlauf offenbar gerade umgekehrt sein muffen, die Namen hätten bei den Bürgern, vie am meisten mitten im Berkehr standen, anfangen muffen. Der Hochadcl bedurfte der Unterscheidung am wenigsten, zumal damals »ine heute seltene Vornamen in den Kreisen gewisser Adclsfamilicn üblich waren. Sodann müßten die Namen, wenn sie der Unter- scheidung dienen sollten, zunächst nur am einzelnen haften und erst ganz allmählich, zu Familiennamen werden. Aber das ist nicht______ der Fall. Diese Zunamen werden entweder sebr schnell aus Einzel- 1 Aber auch namen Familiennamen oder sie sind es sofort bei ihrem ersten Auf. awa. wie treten. ausgaben, auf Äeformieruug der bürgerlichen Gesellschaft au» ist. Offenbar handelt es sich bei der Entstehung der Familien- j Enragicrte Frauenrechtlerinnen kämpfeti da mit zornigem Pathos namcn nicht um etivas völlig Neues, sondern um die allerdings um tue Freibeil der Liebe und des Sackjacketts, und der Leier wird mit einem Male hervortretende Fortbildung bereits früher vor-' unausbleiblich davon überzeugt, daß wir so kümmerlich durch die Händen« Verhältnisse. Schon früh finden wir nämlich das Bc-. Welt schreiten, weil un? tatsächlich der Schuh drückt. A. K. streben, mit dem Namcn nicht nur den einzelnen zu besrichnru, l sondern auch seine Zugehörigkeit zu einem Geschlecht anzugeben. DaS geschieht durch Namen, die die gleiche» Bestandteile enthalten,' Bxrantw. Redaiteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u.' Verlag: Vorwärts Bnchtruckerei u.Berl»g«aniial:Paul Surger ürlto..B«l,aL�, kleines feuilleton. Schönheit. Als Julius Cäsar semen Versuch wider die Freiheit d« Republik mit 23 gut bürgerlichen Mefferstichcn quittiert bekam, soll er niedersinkend noch seine Toga zurechlgezupft haben, um wenigstens in Schönheil zu sterben. In Schönheit zu leben ist ab« immer das Feldgeschrei jener Arbeitslosen gewesen, die vor laut« Möglichkeiren in der Wahl einer standesgemäßen Unterhaltung gar nichi Zeit zur Arbeit übrig behalten. UeberdieS sind sie sich darüber klar: sie wollen keine„Herdenmenschen" sem. H«denmenschen arbeiten, und Arbeit ist„häßlich". So haben sie sich wenigstens üb« die negative Seite der Schönheit geeinigt. Die positive ist etwas schwierig« und bis dato kann hier von einer Einigung der Parteien nicht die Rede sein. Zwar haben etzliche Professoren die Sache in ein System gebracht— man nennt's Aesthetik— und jed« Backfisch schwatzt nach diesem Rezepi so geläufig. wie der erste Kunstkritiker des„Generalanzeigers" von Hinlerquatschlingen. Aber eS ist eitel Schlagiahne, und diese Feuilleton« Konditorei d« un» politischen Presie verschleimt den Abonnenten noch das letzte Quentchen geistigen Magensaftes. das sie etwan besitzen. Denn wohlgemcrtt: der Arbeiter, der nach deS TageS Mühsal um seine Bildung ringt und die Bildung überhaupt hochachtet, er mag sich büken. daS vornehm tuende GesaireS über ästhetischen Bowel für„Bildung" zu hallen. Nichts ist leichter, auch für den Arbeiter, alS da mitzureden, wenn er wollte; man braucht sich nur die Stichworte und ihre kombinierbare Stellung in der ästhetischen Figura zu merken. Denn das ganze System wird ohne Stütze und ohne inneren Austrieb nur von den Händen der gefälligen Helfershelfer in der Lust schwebend erhalten. Das Naturwisieitschafislose der Aesthetik hat eine kleine Gruppe von Schönhenstüchern veranlaßt, sich nach einem weniger abstrakten Anbemngsobjelt umzusehen. Man entdeckte„daS Weib", da» schon so oft entdeckt worden und noch nie in vergeffeitheit geraten ist. Herr Sttay in Holland hat diese Bewegung eigentlich inauguriert. Er ist von Natur Arzt und wollte die Kunst von der Krankheit bc- fieieir. Er nahm uns also die Binde von den Augen, und wir erkannten, daß Botticelli seine Venus, nicht weil eß damals Mode war, mit flachen Sckultern malle, sondern weil sein Modell offenbar zur Lungenschwind- suchtneigle. Die Malerei war demnach noch zu retten, wofern nur die Maler künftig fleißiger die Klinik besuchten oder, noch bester, wenn nur A«ztr matten. Str, �ens Bilderbücher mit den Akt- und Nackt» aufnahmen international« Weiblichkeiten fanden reißende» Absatz. Die Staatsanwälte waren verdrießlich, weil sich von wegen des immerhin medizinisch- wissenschaftlichen Standpunktes des Bersaffers nichts mit dem gebencdeiten§ 184 unternehmen ließ und allein die Königliche Bibliothek in Berlin, die in punolx, puuott nur Unter- boten vom dicksten Leder gestaltel,„sekretierte" jeden neu erscheinenden Band in der Verschwiegenheit ihres reich affottierten ge» Heimen Kabinetts. Unter den vielen, die nach und mit Strotz auf den Pfaden nackter Schönheit wandeln, zeichnet sich Karl VanselowS Zeitschrift„Die Schönheit", aus d«en drei eisten Jahrgängen jetzt auch ein stattlich« Auswahlband vorliegt(Verlag der„Schönheit", Berlin LW. 11, geb. 12,50), durch geschmackvolle typographische Aufmachung auS. Der Text ist von sanftem Buchschmuck umflossen, die Lyrik gibt fich melancholisch in die Stirn gekämmt, und die Mädchenakte wandeln in paradiesischem Freilicht üb« das glänzend satinierte Papier. Ihr lächelndes Unvekleidetfein hat sogar preußische Strafiicht« schließlich entwafsnel. wie weiland PhrynenS enthüllt« Busen die Anklage wegen Kirchenlästerung widerlegte. Reformer kommen in den Spalten der„Schönheit" zu die Zeitschrift überhaupt, besonders in ihren Neben»