Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 32. Dienstag, den 15 Februar. 1910 lNaSdru« WtCoten.) 82] Im jVamen dee Gcfctzca, Von Hans Hyan. Frau Poppe hatte Hellwigs Abwesenheit benutzt, um rasch hinter zu gehen in Ellas Zimmer, wo das Mädchen in haltlosem Schluchzen auf dem Bettrande saß. ..Aber, was is Ihnen denn, Kleinchen?" Die Blonde, deren reiner Teint schon gelitten hatte unter den täglich angewandten Schönheitsmitteln, antwortete nicht. Sie weinte so sehr, daß ihr zarter Körper wie im Krämpfe flog. „Knnnten Sie den jungen Mann vielleicht früher?" fragte Frau Amanda vorsichtig. „Es is... es is... mein Bruder!" brachte Ella stoß- weise heraus. Das energische Gesicht der Frau spannte sich noch mehr. „Ihr Bruder... hm... wollen Sie mit ihm reden? Und ohne die Antwort des Mädchens abzuwarten, fuhr sie fort: „Das heißt, das hat jetzt gar keinen Zweck! DaS würde nur Aerger geben.. „Ich will auch nichl" schluchzte Ella dazwischen. „Ziehen Sie sich schnell an!" sagte Frau Poppe be� stimmt,„Huldine wird Ihnen helfen!... Ich werde sie gleich rufen!... Und dann, liebes Kind, sofort weg! Sie gehen die Hintertreppe runter, zu Frau Sternheim. Da bleiben Sie bis heute abend und kommen erst, wenn das Haus geschlossen wird, nach der neuen Wohnung. Sollte er mich fragen nach Ihnen, Ihr Bruder, da sag ich ihm einfach, er hat sich geirrt! Es laufen mehr bunte Hunde in der Welt ruml" Sie trat einen Schritt ins Nebenzimmer,: „Huldine l" Eine Schwarzhaarige kam mit gewaltigen Brüsten, über denen die glänzenden, eben geflochtenen Zöpfe lagen." „Sie sind wohl so freundlich und helfen Fräulein Ella ein bißchen, Dinchen, ja? Unsere arme Kleine!" Sie strich ihr, die, mit geröteten Augen vor sich hin starrend, auf dem Bett saß, über das goldige Haar,„sie hat Kummer gehabt! Aber Kopf hoch. Ellachen!... Das is alles nicht so schlimm!... Drin sind wir nu mal und durch müssen wir!" Mit dieser ihrer Lieblingsredensart ging die Walküre wieder nach vorn, wo gleich darauf Georg mit den Getränken erschien, den sie von nun an nicht mehr aus den Augen ließ. Die anderen Männer waren schon emsig bei der Arbeit, die sie für einen Moment unterbrachen, um sich zu stärken. Georgs romantische Phantasie hatte sich in der kurzen Zeit immer tiefer hineingegraben in das Unrecht, das ihm und den Seinen auch hier wieder angetan wurde. Er hatte- sich all die harten drohenden Worte zurecht gelegt, mit denen er der blonden Dame jetzt entgegentreten und seine Schwester herausverlangen wollte. Er selbst war der erste gewesen, der Ellas Beziehungen nachspürte und ihr Unmoral vorwarf. Von der Mutter hatte er später erfahren, daß seine Schwester einige Zeit bei Wietze Blankenstein gewohnt hatte, und was das auf sich hatte, darüber war er sich vollkommen klar. Und trotzdem sträubte sich sein ganzes Ehrgefühl dagegen, seine Sc�vester hier als öffentliche Dirne wiederzufinden. Er selbst war ja auch von dem bürgerlichen Gleise der Wohl- anständigkeit abgeglitten, aber seine Großmannssucht war fest überzeugt, daß er trotz aller Fchlschläge nur zu wollen brauche, um wieder vollständig rehabilitiert zu sein: ja um die, die ihn jetzt noch über die Achsel ansahen, zu übertrumpfen und auszulachen. Daß man seine Schwester zur Prostituier- ten gewacht hatte— denn Ellas eigenes Verschulden stellte sein Trotz jetzt entschieden in Abrede—, das brachte ihn in Wut und stachelte seinen Haß gegen die„andern", diese große, nebelhafte Gestaltenmasse, die er wie ein feindliches Heer sich gegenüber stehen fühlte.... Als er jedoch oben war, in der großen, schon geräumten Wohnung, im Hin und Her seiner Mitarbeiter, die einzeln und zu zweien die schweren Möbelstücke hinausschleppten, wie er sich so der ihn mit großen, heiteren Augen anblickenden Frau gegenüberfand, die fortwährend kommandierte, mahnte und sprach— da kriegte er kem Wort heraus! Er verschob seine Absicht von einer Minute zur anderen, trank, soviel er nur bekam und wurde dadurch innerlich immer erregter. Eben wollte er sich von dem Kleinen. Breitschultrigen eine ziemlich sckMere Bücherkiste auf die Achsel hinaufhelfen lassen, als wieder zwei Mädchen eintraten, schon fertig zum Ausgehen/ in langen Pelzstolas über den dunklen Schneider- kleidern und mit mächtigen Federhüten auf deg frisierten Köpfen. Georg hatte sie nur von der Seite gesehen. Die eine war von zartem Wuchs und hochblond wie Ella, und im festen Glauben, er habe seine Schwester vor sich, warf der ehemalige Knopfdrücker, förmlich aufbrllllend,, die Kiste von sich. Auf den fürchterlichen Krach flog Frau Amanda vom Korridor ins Zimmer: „Was is denn?... Was is denn los?!" Der junge Hellwig hatte sich schon von seinem Irrtum überzeugt. Aber den Damm aus Zagheit und Respekt hatte seine Wut durchbrochen. Vor die Frau hinspringend, brüllte er und drohte mit der zur Faust geballten Linken: „Wo is meine Schwester!... Augenblicklich lassen Se se raus aus die verfluchte Hurenbude l... Raus, sag ich!... Her mit ihr!... Oder ick schlag Ihnen Ihren janzen Krempel kurz un kleene!..." Und aus dem Paroxismus seines Zornes, der sich in Worten gar nicht austoben konnte, schrie er fortwährend: „Ella!... Ella!... Ella!..." Die Frau zitterte leise, wie wenn sie ein heftiger Schlag getroffen hätte. Sie wußte genau, was jetzt für sie auf dem Spiele stand, und gerade das half der Vielerfahrenen ihre Besonnenheit bewahren. „Ich verstehe Sie nicht!" sagte sie mit lauter Stimme, aber scheinbar ohne jede Unruhe. „Denn wer'n Se mir dastehen lernen!... Jleich, sag ick Ihnen! Passen Se mal uff!,.. Sie altes Sticke Modder!" Er stürzte an ihr vorbei, in die hinteren Räume, um selbst nach seiner Schwester zu suchen, die längst die Hinter- treppe hinunter zu jener Frau Sternheim geeilt war, die der Poppe als Zutreiberin diente und die eines schönen Nach- mittags so auch die gänzlich verzweifelte Ella Hellwig ge- troffen und sie überredet hatte, bei Frau Amanda Wohnung zu nehmen. Die Frau rannte bis an die Korridortür, winkte die Möbelleute herein und schloß die Entreetür hinter ihnen. Und schon wieder hielt sie das Zaubermittcl in ihrer großen. schöngepflegtcn weißen Hand, dieses„Sesam, öffne dich!", vor dem die Herzen der Armen so selten verschlossen bleiben. Was kam es ihr auf ein paar Mark mehr oder weniger an, wenn es nur gelang, diesen schändlichen Lärm zu stillen, ohne daß etwa gar die Polizei sich einmischte!... Und die Ziehleute, rabiate Brüder, die auch dem Neuen nicht sehr grün waren, traten sofort auf die Seite der Frau. „Wenn Sie sagen, et is so, junge Frau," meinte der Große mit dem fuchsigen Schnurrbart,„det jenicgt uns voll- kommen!"...„Wat hat'n der Kerl ieberhaupt hier rum- zuschrcienl! Steckt kaum erst de Reese rin in det Geschäft un wird hier gleich'ne Lippe riskieren! Det wer ja noch scheener! nich wah, Eduat?!" Der Kutscher, etwas wortkarger Natur, fragte bloß: „Wo is er denn?" Die Frau zeigte nach hinten, wo man sich näherndes Stimmengewirr vernahm. „Jetzt schimpft er mit den armen Mädchen!" Das war geschickt! Die Ritterlichkeit dieser durchweg angeheiterten Kraftmeier brauchte sie nur noch anzurufen! Alle fielen sie da iiber den Kameraden Herl Und der Breit- schultrige schrie: „Na, wirste jefällichst rauskommen. Du? Wat hceßt denn det, sich hier in fremde Wohnungen rumzudreiben!.., Nachher fehlt wat!,, „Iewiß, Franzel" mischte sich nun der Vierte ein, der Äen erst vom Wagen herauf nachgekommen war,„det is schon ofte dagewesen!... Jerade mit sonne Neuen! Un nachher könn' wir vor jeradesteh'n, wenn der lvat jeklaut hat!" Das letzte hörte Georg noch. Er war nicht im geringsten beruhigt oder eingeschüchtert dadurch, daß er seine Schwester nicht gefunden hatte. Einen begangenen Irrtum einzusehen, war überhaupt seine Sache nicht hier hätte ihn kein Gort überzeugen können, daß er falsch gesehen habe. Wie ein Racheengel kam er daher auf die Poppe zu: „Wo is meine Schwester!... Wo is se.... Ich verlange se von Ihnen!... Sie... Sie...! Er drang wieder auf die Frau ein, die sich hinter die Ziehlcute flüchtete. Der Kutscher, ein selbst unter diesen Starken wegen seiner Riesenstärke gefürchteter Mann, trat ihm. ruhig ent- gegen. „Laß det!" sagte er einfach,„wat haste hier rumzu- stänkern. Wir Hain hier den Umzug zu besorgen, weiter ja- nischt, vastehstc!" Weiter kam er nicht, Georg warf sich auf ihn, flog aber wie von einer Feder geschnellt zurück!... Heulend, die Lippen von den Zähnen zurückgezogen, wie ein Raubtier, das seinen Bändiger annimmt, sprang er zum zwcitenmale drauf- los! Aber der Kutscher hatte sich seiner kaum zu erwehren, alle packten sie zu, und Georg lag, ehe er sich versah, am Boden, wurde getreten und mit Fäusten bearbeitet, bis er, wie ein Berserker tobend, sich hochrang und sein Klappmesser ous der Tasche riß.... Die Frau rannte weinend und bittend umher, die in Wut geratenen Männer, denen der Alkohol rote Schleier vors Äuge zog, hörten sie gar nicht.... Die Mädchen, die noch in der großen Wohnung waren, hatten sich im Tür- rahmen wie geängstigte Schafe zusammengedrängt, sie kreisch- ten und riefen um Hilfe.... Und sie flohen schreiend zurück, als sich jetzt Georg Hellwig mit geschwungenem Messer auf die anderen Ziehleute stürzte. Der Lange mit dem roten Schnurrbart bekam einen Stich in die Wange und dem Brnstbrciten wurde der Hemd- Lrmel aufgeschlitzt, dann hatten sie den Tobenden unter! Und hätte Frau Poppe nicht in ihrer gräßlichen Angst die Korridor- tür geöffnet, an die längst die Hausbewohner Einlaß bs- gehrend pochten, dann hätte Georg Hellwigs Lebenslauf hier vielleicht ein schreckliches Ende genommen. So drangen eine Anzahl Männer und ein Polizcibeamter in die Wohnung. Mit großer Mühe riß man die Möbelträger von ihrem Opfer. Und Georg, halbtot, mit blutüberströmtem Gesicht und schwankend von den fürchterlichen Hieben, die seinen Schädel getroffen hatten, verließ, von dem Schutzmann gestützt, keuchend und unzusammenhängende Worte ausstoßend, die Wohnung. lFortsetzung folgt.) Wochbruct dcrdcien.1 k)ornung. Vo» Karl Schilling. Für gewisse Tiere unserer Heinmt ist der Februar ein bedeutungsvoller Monat, nämlich für die männlichen Hirsche. Bekannt- lich beginnt im Hornimg bei ihnen der Wechsel der Geweihe, der einen der merkwürdigsten Borgänjze im Haushalt der Tiere bildet. Heber die Entstehung und EntWickelung des Geweihe» sind nicht nur in Laienlrcifcn, sondern auch bei Jagdlicbhabern mitunter so tuunderliche Ansichten verbreitet, daß es nicht unaugcbracht ist, einmal näber auf dieses Thema einzugehen. Die Rotwildkölbcr werden Ende Mai und Anfang Juni gesetzt. Schon in ihrem achten oder neunten Lebensmonat beginnt bei den männlichen Hirschen die Bildung der Roscnstöckc, jener Wucherungen des Stirnbeins, aus dem sich nach zweieinhalb bis drei Atonalen durch die behaarte Körpcrhaut, weidmännisch Bast genannt, das erste Geweih entwickelt; nach weiteren zwciundcinhalb Monaten ist es vcreckt, d. h. vollständig ausgebildet und abermals nach 2 bis 3 Wochen wird es„gefegt". Ein das Erstlingsgeweih tragendes Tier wird vom Weidmann„Spießer" genannt. Im nächsten Jahre wird dieses Getveih abgeworfen und ein neues gebildet. Die Haupt- stange wird länger und bildet nicht weit von ihrer Ansatzstell« eine nach vorn gerichtete Sprosse, die„Augcnsprosse". Der Hirsch heißt jetzt„Gabler". Nicht selten aber wird diese Stufe übersprungen und der Hirsch setzt anstatt des Gabelgeweihes ein Scchsergewcih auf. Im dritten Jahre erscheint bei normaler Geweihbildung zwi- fchen Spieß und Augeusprosse die»Mittelsprosse", Tritt diese nur einseitig, d. Ts. an einer Geweihstange auf, so wird das Geweih wie in allen folgenden analogen Fällen als„ungerade' angesprochen Wiederum wird das Geweih abgeworfen, und ein neues, das Achter- geweih. aufgesetzt, dessen jederseits um eins vermehrte Endenzahl durch Teilung der Stangenspitze entstanden ist. Das Geweih des Zehnenders, der wie die Träger aller nachfolgenden Geweihstufen im Gegensatz zu den vorhergehenden �geringen" als„jagdbarer" Hirsch bezeichnet wird, desitzt über der Mittelsprosse die sogenannte ..Eissprosse". In späteren Jahren erscheinen die drei untersten Sprossen, die Grundsprossen, in derselben Weise; jede kann sich eventuell mehrfach teilen. Vom Zehnergeweih ab wird indessen die Regelmäßigkeit in der Geweihbildung häufig unterbrochen, indem das nächstfolgende Geweih nicht das gesetzmäßige Ende mehr trägt, sondern weniger Enden zählt, als es haben müßte: der Hirsch hat „zurückgesetzt". Da das Geweih in jedem Jahre abgeworfen und neu gebildet wird, so ist es irrtümlicherweise als Epidermoidalgcbilde angesehen worden, d. h. ein Gebilde der Epidermis oder Oberhaut. Ein solches ist aber nur der sich bildende und das Geweih bekleidende, also schützende Bast, die knöcherne Grundlage besteht im wesentlichen aus einer Verknöcherung der Lederhaut. Das entstehende Gehörn ist weich und wird von zahlreichen Blutgefäßen durchzogen. Der Bast ist ebenfalls höchst empfindlich, weshalb der Hirsch während oer Zeit, da er das..Bastgeweih" trägt, niedriges Gebüsch meidet. Später tritt der Säftezufluß nach dem Geweih zurück und das Gc- weih wird vereckt. Kurz nach dem Abfallen des alten Geweihes vom Rosenstock beginnen die Adern, die rings um diesen enden, sich zu verlängern und zu verzweigen. Die stetigen Wallungen des Schweißes drängen nach dem Kopfe, der gesamte Organismus ist stark in Mitleiden- schaft gezogen und es beginnt die Ausscheidung des neuen Geweihes. dessen Grundform ein abgerundeter Zapfen ist. Die Oberfläche ist mit einer dünnen Haut bedeckt, die aus einem dichten Gewebe von Blutgefäßen besteht, deren Spuren man in den Rinnen und Für- cken des reifen Geweihes wiederfindet. Nach innen wird aus dem Schweiße eine weiche, gallertartige Masse abgesondert und in gleichem Maße, wie das Gcroeih höher und schwerer wird, scheidet sich in seinen unteven Partien phosphorsaurer Kalk aus, und die Gallertmassx. wandelt sich allmählich in feste Knochensubstanz um. Ist die Ausbildung des Geweihes vollendet, und sind die Enden vereckt, so nehmen die Knochcnpcrlen am Grunde der Stange an Umfang zu. Diese Knochenpcrlen bilden um die Stangenbafis einen Kranz unregelmäßiger Erhöhungen, die„Perlenlrone" oder die ..Rose". Zwischen ihnen verlaufen die Hauptodern. Durch das Stärker- oder Größerwerden der Perlen werden die Blutadern allmählich abgeschnürt, der Zufluß des Schweißes in das Geweih wird geringer und versiegt allmählich ganz. Adergeflecht und Bast werden nunmehr vom Organismus nicht mehr versorgt und vcr- trocknen. Wie die Borke vom Baumstamm, so löst sich der Bast von seiner knöchernen Unterlage los und der Hirsch entledigt sich desselben durch Reiben an Baumstämmen und Äesten, welcher Pro- zetz weidmännisch das„Fegen" genannt wird. Der hirschgerechte Jäger vermag aus der Höhe der„Fcgestcllen", die wohl auch „Hrmmclsspuren" genannt werden, Größe und Alter des Hirsches festzustellen und„spricht ihn darauf«r.". Das neue Geweih crsckeint als unbekleideter, brauner Knochen. dessen Spitzen sich allmählich weiß färben, da der Hirsch damit gern in das Erdreich, namentlich in Kies und Saird sticht. Da> aber zwischen Geweih und Etirnzapfen, beziehungsweise dem Ol» gamsmuS eine Kommunikation nickt mehr vorhanden ist, so ist das Geweih zn einem toten Teil des Körpers geworden, und lockert fich nach Monaten an seiner Ansatzstelle derart, daß eS von selbst abfällt oder doch leicht abgestoßen werden kann. D« Trennung findet an der Stelle statt, wo die Stangenbafis auf dem Stirnzapfen steht und wird veranlaßt durch einen stärkeren Zufluß von Schweiß. Diese Vorgänge erzeugen aller Wahrscheinlichkeit nach ein juckendes Gefühl, so daß das Tier den Drang in sich fühlt, das Geweih los- zuwerden. ES schlägt damit gegen Aeste und Baumstämme, bis die Stangen abbrechen— natürlich immer nur an der Ansatzstelle— oder sie fallen infolge ihrer Sckwcre ab. Die Stelle, an der sich das Geweih abgejöst hat, schweißt zunächst, bedeckt fich aber bald mit Schorf. Kurze Zeit nach dem Verlust beginnt die EntWickelung des neuen Geweihes, das größer und stärker ist als das vorjährige. Nur„kapitale" Hirsche werfen im Februar ab, geringere folgen später. Nach den„Abivurffiangen" wird vom Jäger eifrig gesucht und sie werden zumeist auch gefunden, denn wer nicht nur Schießer ist, sondern wirtlicher Jäger, der kerint den Bestand seines Reviers ganz genau; er weiß wo die Hirsche stehen und kennt ihre Wechsel, also muß er auch das Geweih finden. Sollte trotzdem einmal die eine oder andere Stange verloren gehen, etwa im Moorboden, unter Laub oder Schnee zu liegen kommen, dann bleibt sie auch verloren, denn so fest das Geweih auch ist, solange es auf dem Kopfe des Hirsches fitzt, so widerstandslos ist es, sobald es abgeworfen. Den Witterungscinflüsscn vermag es nur wenig standzuhalten; dazu kommt, das gewisse Waldbewohner, wie Eichhörnchen, Mäuse, Füchse, Sauen, die Stangen benage» und anfressen, welcher Umstand na- türlich auch dazu beitragen hilft, daß nicht alle abgeworfenen Stangen gefunden werden. Der Gcweihwechscl als solcher könnte etwa in Parallele gezogen werden mit der Be« und Entlaubung unserer Bäume. Der Säfte» zufluß nach der betreffenden Gefügeftelle(dem Blattpolstcr bei der Pflanze) wird hier wie dort zu einer gewissen Zeit verringert und schliesslich ganz unterbrochen, was zur Folge hat, dass die in der Zeit der Kraft und Fülle erzeugten Gebilde absterben und abfallen. Die fran�öllfcke Malerei im 18. Jahrhundert. (Ausstellung der Akademie.) L Diese Ausstellung ist in, Grunde eine TendenzauSstellung. Es handelt sich letzten EndeS nicht um die Schönheiten und Feinheiten der französischen Kunst, wie sie sich auS den Schöpfungen der Künstler des XVIII. Jahrhunderts darstellt, sondern um die Elorifizierung einer höfischen, akademischen Kraft, und dieser Versuch ist in derselben Absicht nniernommen wie im Vorfahre die englische Ausstellung. Die Vertreter der modernen, engliichen Malerei find nur ungern in der Nationalgalerie geduldet; ihretwegen musste Tschudi gehen. Wäre Watteau«nser Zeitgenosse, so wäre er ver- pönt. So aber macht ihn die Vergangenheit geduldet. Aber Watteau, dieser Geistvolle, dieser Träumer, dieser Farbentrunkene, um ihn handelt es sich hier nicht. Im Vordergnmd steht die repräsentative Kunst eines Ludwig XIV., die die vorderen, grossen Säle stillt, von der aus willkommene Verbindung sowohl zur offiziellen wie zur akademischen Kunst unserer Tage geht. » Der Barockstil hatte in Italien die Renaifsance abgelöst. Wohllaut der Linien, edle, ruhige, grosse Komposttion— fie schwanden. Ins Ucbergcwaltige Pcigerten sich die Ansdrucksformen der Kunst. Dieser Stil, der seinen Ausgang von Ron, nimmt und zwei Jahr- hunderte eigeutlich ivon 1580—1780) geherrscht hat und noch jetzt unter uns seine Geltung hat, wie wir a« der Mehrzahl von bom- lmstischeu Gegenwartsbauten sehen, eroberte schon damals die ganze Welt und riss selbst Völler mit(z. B. Spanien), die bis dahin im Dunkel verharrt hatten. Kulturgeschichtlich sind folgende Umstände bemerkenswert. Die Gegenreformation setzte ein. Das Heidentmn, die Freude an der Antike Mllsstcn weichen. Das Papsttum konzentrierte fich zu neuer Macht. Die Kunst sollte als Mittel dienen, imponierenden Pomp machtvoll zu entfallen, und der Ausdruck, die Formen der Kunst wurden damit immer mehr ins Wuchtige, Ueberlriebene gesteigert, um die Gemüter zu erregen, die Augen zu blenden. In dieser Form eignete sich die Kunst speziell für den Hof. Es ist kein Zufall, dass Ludwig XIV. gerade auf den Barockstil verfiel. Damals, als dos StaatSwefen aufblühte, das fich aber noch ganz auf den Hof, auf den König konzentrierte, trat der König als Auftraggeber der Kunst an die Stelle der Kirche. Eiire bis dahin unerhörte RePräsentatio ns sucht griff um fich und viele Fürsten stürzten, um eS dem Vorbild Ludwig XIV., dem„Sonnen- könig" gleichzutun, ihr Land in tiefe Schulden. Die meisten deutschen Schlossbautcn. die Parks, die innere Gestalttmg der Räume zeigen noch heule diesen übernommenen Charakter. Diese Note wurde eben für die ganze Zeit massgebend. Macht« «ntfallung galt eS. Und noch jetzt ist daö Nachwirken in der höfischen und in der akademischen Kunst unserer Tage zu spüren, die fich damit als Nachahmerin, als unfruchtbar erweist, da sie schon einmal Gesagtes nur zu wiederholen sucht. Von diesen, Geist find die repräsentativen Bildnisse der Hyacinthe R i g a u d(1659— 17S4), derLargilliöre(1656—1746). die plastischen Schöpfungen der Coyzevox, der C o u st o u. Pathetischer Schwung der Darstellung, Prunk der Farben, Posen,'die an die Bühne, an Heldendarsteller erinnern, goldene Panzer, wolkige Hintergründe, Hallen mit Säulen, Borhänge, flimmernde Pelze und leuchtende Seiden, wallende Perücke». In dieser Zeit kam das K u n st g e w e r b c zu erhöhter Geltung. Der Baumeister, der das Veriailler Sckloss errichtet hatte, war auch hierfür der Leiter: Lebrun. Werkstätten für alle Gebieie des Handwerks und der technischen Künste wurden gegründet. Tischler, Goldschmiede, Graveure werden beschäftig,. Di« Seiden von Lyon, die Tücher der Norinandie, die Spitzen von Alen?on werden be- rühml. Bor allem erfuhr die Gobelin teckmik jede raffinierte Ausbildung, deren Erzeugnisse so sehr dem Geschmack der Zeit entgegenkamen, da fie grotze Wände dekorativ schmücken konnre. Noch jetzt besucht man mit Interesse die alte Gobelinmanuiakmr in Paris, wo die Arbeiter, diese lechnisch eingebildeten Künstler, fitzen und steht mit Staunen zu, wie sie langsam Faden an Faden legen, biö nach Jahr und Tag ein Werk dasteht, über dessen Preis man sich nicht wundern kann, da Generationen daran arbeiteten, wie fich auch das Handwerk meist in bestlmmicn Familien feit Jahrhunderten vererbt. Von diesen Gobelins find sieben Prachtstücke bier zu sehen. Es find die sogenaniiten Est Hergobelins des deTroy; mächtigen Wandbildern gleich hängen sie in den, grossen Eingangssaal und stimmen das Milieu hell uub festlich. Natürlich habe» sie auch den Stil, von dem oben erzählt wurde. Man darf aber nicht annehmen, dass dies der Gobelinstil an fich ist. Im Gegenteil, eS ist eigentlich ein falscher Gobelinstil, der nicht für diesen Zweck und diese Technik passt. Der Gobelin will Flächenstil, dies hier täuscht Raum und Perspektive vor. Der Gobelin will breite Behandlung der Farbe. Koinpositton und Auswahl der Farben, hier ist ein durchaus malerischer Eindruck in tausend Nuancen erstrebt. Es fft ein Ge« mälde, kein Gobelin. Dennoch hindert der Geschmack der Franzosen den Künstler, ins Bunte zu verfallen. Im ganzen Herrichen Rot, Gelb, Grün vor. Das Ganze hat etwas ZerflatterndeS. Mit«n- leugbaren, Geschick ist alles Steife, alle Grandezza WS Bewegte übersetzt und ein feiner Schimmer der Lust, die mit graugelben Schleiern de» Hüllergrund ganz leicht und duftig macht, zeigt die Höhe des künstlerffchen Geschinackö. Wenn man aber die schönen. alten Gobelins ü„ Cluny-Museum in Paris und die Sammlung der Gobelinmanufaktur gesehen hat, weiss man, dass diese Art, die dem Gobelin den dekorativen Flächencharakter nimmt, nur«in Zwischenspiel war. » Ueberhaupt zeigt sich in dieser Vorliebe für das Bewegte, Leichte, Graziöse schon eine Wandlung des Geschmacks. Die Largilliöre, Rigand waren Hofmaler geweien. Aber fie hatten noch eine gewisse, wundervolle Strenge. Bor allem: ihr Können war immer bewundernswert. Wie sie die kostbaren Stoffe zu malen wussten, nrie sie mit Linien der Zeichnung einen Charakter, einen Gesichts- misdruck, die Form der Hände festhielten, das beruht auf ernstester Schulung. Run ahmt mm, diese Meister nach, wird glätter, konventioneller und die hohle Pose ist das Ende. Nattier(1685— 1766) ist dafür ein Beispiel. Auch er malt noch Fürsten und Hofleuie. Aber fie scheinen ihrer Posen müde zu sein. Des Patbettschen ist man über- drüsfig. Antoine P e S n e S, der von 1711—1757 in Berlin als Hof- maler tätig war, derbere Bildnisse haben beinahe schon etwa? Bürger- liches. Ja, man ist mit Fleiss daran, dem Bombastischen an, Zeuge zu flicken. Das Theater, für dessen AugenblickSreize man sich lebhaft mteresfiert. bevorzugt die myrhologiichen Darstellungen. Aber man fiebr die Götter gern in prekären, heiklen, allzumenschlichcn Situationen. Typisch als Maler für dieie Zeitströmnug, die immer mehr zum Durchbruch kam, ist B o u ch e r<1703—1770), der mit kecker Frech» heit, dabei kaltschnäuzig auf die Sinnlichkeit des Beschauers mit koketten Bildchen fpekulierie. EL ist bezeichnend für diese Zeit, daß die Mäimerbildnisse verschwinden. Man huldigt der Frau. Und diese Frauen find nicht steif und würdevoll. Sie lächeln und |mb voller Anmut. Die Mätressen ziehen vorbei. Auch hier bildet fich bald ein Schema in der Art der Darstellung. Die Aehnlichkrit ist nicht so erfordert. Huldigung verlangt man, Idealisierung, diele Pompadours und wie fie sonst heissen, möchten gern huldvolle Göttinnen sein. Aber auch bier ist noch als unzerstörbarer Rest jene malerische Kultur vorhanden, die den französischen Künstlern als ein Geschenk in die Wiege gelegt wurde. Es ist nicht leicht, über die Aensscrlichkeiten dieser süssen, konventionellen Posen hinwegzukommen; aber wenn eS einem gelungen ist, steht man, wie delikat noch hier die Farben behandelt sind, wie schön auch hier das Bild als Ganzes zusammenklingt, das so raffiniert in den Einzelheiten durchgebildet ifi. « So kommt allmälich der zweite Stil herauf, der unter Ludwig XV. zur Herrschaft gelangt: das Rokoko. Ganz der Kon- traft zu de», Geist der vorigen Periode. Alle« Steife ist überwunden. Man will leichtlebig, lustig und guter Dinge sein. Die Grazie deS französischen Geschmackes setzt fich durch. Alle« Schwer« und Mächtige des Barock ist geschwunden und macht«itieii» losen Spiel Platz. Ornamente, Vögel, Pflanzen, Blumen in naturalistisch ge» treuer Nachbildung beherrschen die Flächen, lösen fich auf, alles Architektonisch-Strenge, Feierliche schwindet. Weich schmiegen stch alle Linien der Innenarchitektur. Alles ist überstreut mit Blumen. Bändern, und die Farbenwahl(Hellgelb, Silber, Hellgrün. Rosa) entspricht in der Zartheit diese,» flatternden, fich auflösenden Eindruck. War Frankreich im Barock mehr Italien gefolgt, so zeigt fich in der intimeren Art des Rokoko der Einfluh der Niederlande und Hollands. Es hat aber verstanden, im Fremden, Uebernommenen eigene Art zu geben. In dem Mass. wie Holland näher zu Frankreich lag als Italien, kann man sagen, dass im leichten, schönen Spiel des Rokoko französische Art sinnfälliger, bezeichnender zum Ausdruck kam. Drei Meister hat diese Zeit hervorgebracht, die alle in ihrer Art Persönlichkeiten waren. Sie heben fich über die Zeit und ihre tändelnde Kultur hinaus. Ein Bo, icher, der auf grobe Effekte spekulierte und mit ihm die ganze Schar der Stecher und Zeichner, die nicht mehr ihre auf die finnlichen Instinkte de? Publikum« berechneten Effekte in verhüllter, mythologischer Gestalt, sondern am liebsten recht deutlich im Zeitkostüm, nicht mehr in der Natur, sondern im Salon oder im Schlafzimmer zeigten, stehen weit hinter ihnen. Sie künden den Niedergang an und zeigen, daß eine Kultur reis zum Unlergehen sei. Sie aber, die Meister, geben etwas lln- vergängliches; aus dem Sumpfe der Kultur zaubern sie Blumen; sie geben reine, echte Kunst. Dies sind: Watteau, Chardw, Fragonard. Kleines feuiUetom Kulturgeschichtliches. Die Hohenzollern und die Gold» und P o rzellan- fabrikation. Die Markgrafen und späteren Kurfürsten von Brandenburg besahen im Mittelalter auch die fränkischen Fürsten- tümer Ansbach und Bayreuth. Auch das Bergregal besahen sie im Fichtelgebirge, zum Teil gemeinsam mit den sächsischen Herzögen und Kurfürsten. So hatten die Markgrafen Albrecht und Georg von Brandenburg mit dem Herzog Heiniich von Sachsen und dem Kur- fürsten Johann Friedrich von Sachsen verschiedene Gold- und Erz- zechen gemeinsam, aus denen die Herren ansehnliche Beträge bezogen. Die»vichligsten von diesen Gold- und Erzgruben waren die Fürsten- zeche bei Goldkronach, das auch davon seinen Namen hatte. Aber der Ertrag aus diesen Goldkionalber Goldzechen nahm nach einiger Zeit sehr ab und wurde ganz geringfügig. Da wollten die Herren, wie damals viele andere ihrer SiandeSgenossen, zum Gold- machen übergehen. Denn Kurfürst Johann Georg brauchte sebr viel Geld. Seine Vorgänger hallen eine arge Mih- Wirtschaft geführt und seine eigene Hofhaltung war auch nicht billig, hatte er doch von seinen drei Eben 23 Kinder. Zuerst erbot sich der jüdische Münzmcister Lippold dem Kurfürsten Gold zu machen. Aber bald kanr man dahinter, dah er nur ein Falsch- münzer war, und der darüber erzürnte Kurfürst lieh ihn 1592 zu Tode martern. Dann tauchte im Jahre 1597 ein Strahburger Namens Franz Brunner am Bayreulher Hofe auf, der aber bald wieder vom Schauplätze verschwand, als er die erwarteten Vor- schüsse nicht erhielt. 1377 kain ein anderer Goldmacher nach Bayreuth, der sich Baron Christian Wilhelm von Krahne- mann nannte und sich für einen livländischen Arzt ausgab. Er wuhte das Vertrauen dcS damaligen Markgrafen Christian Ernst und die Gunst der Markgräfin Sophie Luise zu gewinnen. So stieg er bis zur Würde eines Oberpräsidenlen und Geheimen Rates. Der Fürst� räumte ihm im Bayreulher Schloh Zimnier als Laboratorium ei»! allein, da er sich dorr unter der Kontrolle nicht wohl fühlte, verzog er in das Dorf Heinersreuth, wo ihm seine Gönnerin, die Mark- gräfin ein„ladoratorinm chj-rnicum" einrichten lieh. ES enthielt nach einem im oberfränkischcn Kreisarchiv vorhandenen Verzeichnisse, das der„Erzbergbau" von 1999, Band 5, Seite 403 mitteilt, nicht weniger als 1059 Gegenstände, darunter 92 gläserne Retorten, 143 Kolben, überhaupt 415 Gefähe von Glas, dann eine reiche Aus- Wahl eiserner Geräte, ferner Sanduhren, Siebe usw. Die lange Liste dieser Gegenstände, die nach Krohncmanns Ende versteigert wurden, gibt eine Idee von der Einrichtung und dem Hokuspokus solcher Goldmachwerkstättcn. Interessant ist auch das Verzeicbnis der vor- bandenen Materialien. Es waren vorbanden: 2 Fähchen Bleierz, 29 Zentner metallisches Blei. 5 Lot Achulstein, 3 Zentner 53 Pfund Antimon, 28'/, Pfund Quecksilber, 2 Lot Borax, 2 Pfund Aurivigment sSchwefelarsenik), 17 Pfund Asbest, 3 Lot Perl- mutter, 9 Pfund Hansenblase, ebensoviel Korallenabfälle und Salmiak, 29 Pfund Galmei, ferner WiSmnterz, Schwefel, Magneteisenstein, Eisenvitriol. Blutstein und 17 Pfund geschlagenes Messing. Letzteres gab er vielleicht für Gold aus: allein der Bayreuther Münzmeister Junge wurde mihtrauiich und brachte Krohnemann auf die mark- gräfliche Burg Plattenburg bei Kulmbach. Dort erbrach dieser die Silberkammer und sandte das geraubte und umgeschinolzene Metall dem Hofe als sein Produkt. Die Sache kam aber bald heraus! Krohnemann floh in das Kloster Maricnweiher nnd wurde dorr rasch katholisch; er wurde aber lroydem bald von den Soldaten des Markgrafen herausgeholt und am 27. April lS8S gehängt. Das Begnadigungsdekret, das ihm die Markgräsin ausgewirkt hatte, traf zu spät ein. Ein weniger schlimmes Ende nahm ein späterer Goldmacher, der alS Erfinder des Meihener Porzellans bekannte I o h. F r i e d r. B ö t t g e r. Er war Lehrling in der Zornschen Apotheke in Berlin. Er beschäftigte sich dort viel mit metallurgischen Versuchen und machte Andeutungen, dah er die Kunst Gold zu machen, entdeckt habe. Als der Kurfürst davon erfuhr, lieh er ihn sofort verhaften: aber da man kein Gold bei ihm fand, lieh man ihn wieder frei. Er begab sich darauf nach Dresden. Hier lieh ihm der Fürst zu Fürftenberg in seinem Palais ein schönes Laboratorium einrichten und verpflegte ihn aufs beste. Aber da« erwünschte Gold bekam er nicht zustande. Schon wurde ihm der Boden in Dresden heih und er versuchte nach Wien zu entfliehen, aber er wurde zurückgebracht und sollte sein alchimistisches Geheimnis schriftlich niederlegen. Böttger verfahle ein langes Schrisistück, das noch heute im königlichen Archiv in Dresden aufbewahrt wird, aber nur mystischen Unsinn entbält und nicbts nutzte. Aber man verlangte, dah er seine Versuche fortsetze. Er arbeitete auch weiter und entdeckte dabei zwar kein Gold, aber ein Verfahren, Porzellan herzustellen, also doch etwas in Europa Neues und Werlvolles. Da? befriedigte den sächsischen Hof. Mau überhäufte ihn mit Geschenken, in Mcihen wurde ihm ein herrlicher Garten zur Verfügung gestellt und eine schöne Fabrik ein- gerichtet, wo er sein bekannte? braunes Porzellan herstellte; aber auf freien Fuh lieh man ihn nicht mehr, damit er sein Verfahren nicht anderen mitteilen könne. Trotzdem wurden ihm vom Berliner Hofe Anerbietungen gemacht, aber der sächsische Hof erfuhr davon und lieh ihn nun, da er auch die Herstellung des weihen Porzellans entdeckt hatte, nur noch Verautw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: strenger bewachen. So wurde auch er, obwohl man ihm sonst alle Annehmlichkeiten bot, seines Lebens nicht recht froh. Als Sachsen seinerzeit von den Schweden bedroht war, wurde er auch einige Zeit mit einem Gesellschafter zusammen nach dem Königstein ge- bracht. Nack, seinem am 13. März 1719 in Dresden erfolgten Tode konnte die sächsische Regierung doch nicht verhindern, dag von den Fabrikationsgeheimnissen so viel nach Verlin nnd Versailles drang, daß man nach einiger Zeit hier wie dort auch Porzellanmanufakturen in Betrieb setzen konnte. Hygienisches. Schutz den Zähnen! Vor noch gar nicht langer Zeit war es Sitte, bei jedem heftigen Zahnschmerz den Uebeltäter, den kariösen langefrcsienens Zahn radikal entfernen zu lassen entweder durcki den Zahnarzt oder wohl noch häufiger durch den kundigen Heilgehilsen in Gestalt des Friseurs, der seine Kräfte an der Festigkeit des Ge- bifies seines Kunden erproben konnte. Es ist wohl der größte Fort- schritt der Zahnbeilkiuide, daß man in sachverständigen Kreisen immer mehr davon abgekommen ist, schmerzende Zähne kritiklos zu ent- fernen, und daß man in viel ausgiebigerer Weise als früher die Zähne zu erhalten sucht. Diese Talsache sollte jedoch in den großen Kreisen deS Publikums noch viel weitere Verbreitung finden. Durch die entwickelte Technik des Zahnersatzes, der Plombierung Hobler Zähne durch Zement, Amalgame sOuecksilber« Verbindungen). Gold, Porzellan usw. ist man heute in, stände, auch sehr weit vorgeschrittene Zahnkaries mit dauerndem Erfolge zu behandeln und nicht sofort schmerzende Zähne mit der Zange zu eiitierneir. Natürlich muß ein gewisser Bestand des Zahnes noch vorhanden sein, sonst kann auch der geschickteste Zahnkünstler keinen Ersatz mehr schaffen. Man kann beobachten, daß in vielen Kreisen die Zahnpflege in geradezu strafwürdiger Weise vernachlässigt wird. Beginnen dann die erkrankten Zähne zu schmerzen, so versucht man es mit allen möglichen„zahnschmerzstillendcn" Mitteln, mit Wallen, Tropfen usw.. die viel weniger dem Patienten als dem Fabrikanten nützen. Diese Manöverchen werden in der Regel alle paar Tage wiederholt, bis eS glücklich dahin gekonimen ist, daß nicht« weiter übrig bleibt, als die Zähne der Zange zum Opfer fallen zu lassen. Wenn wir aucki eine ganz reichliche Anzahl von Zähnen besitzen— bekanntlich hat der Erwachsene 32 Zähne—, so kann bei dauernder Vernachlässigung auch daS beste Gebiß nicht erkalten werden. Ein Blick in die Münder der meisten Menschen belehrt übrigens darüber, wie jammer- voll es zumeist damit bestellt ist. Wenn nun die Eltern, die in zahl- reichen Fällen soziale Umstände daran hindern, Obacht auf die Zähne ihrer Kinder zu geben, ans irgendwelchen Gründen die Wichtigkeit gesunder Zähne nicht zu schätzen vermögen, so sollten die Schularzte in erhöhtem Maße ihre Aufmerksamkeit auf die Zähne der ihnen an- vertranken Schuljugend richten. Die Schulärzte sind dazu berufen, höchst segensreich zu wirken, viel mehr durch rechtzeitige Prophylaxe. durcki Verhütung von Krankheiten, als durch deren Heilung, die oft genug Stückwerk bleiben muß. Zweifellos zu den wichtigsten prophylaktischen Maßnahmen gekört es, schon während der Schul- zeit die Zähne dauernd zu beaufsichtigen und gegebenenfalls für deren Behandlung Sorge zu tragen. In der Mehrzahl der Fälle wird dann eine Plombierung und damit eine Erhaltung der Zähne zu weiterer Gebrauchsfähigkeit möglich fein, wo deute dank der be- dauerlichen Vernachlässigung der Zahnpflege nur noch Radikal- entsernung helfe» kann. Auch für die llebertragung infektiöser Krankheiten ist Zahnkaries nickt gleichgültig. Es ist nachgeioiesen, daß Eitererreger, Diphtherieerreger, Tuberkelbazillen gar nicht selten in großer Menge in hoblen Zählen ihren dauernden Aufenthalt aufschlagen. Diese Tatsache ist der Grund, der die Sanitätsverwaltungen veranlaßt hat, zu Schwestern, Krankenpflegern usw. nur solche Personen zuzulassen, die im Besitz tadelloser eigener oder künstlicher Zähne sind. Gerade Personen, die täglich mit den verschiedensten Kranken in Berührung kommen, dürfen nicht die erhöhte Möglichkeit bieten, selbst als Jnfeklionslräger zu dienen. Nicht jeder besitzt den Mut, seine kariösen Zähne, von denen er oft genug zehn nnd mehr sein eigen nennen darf, lediglich aus Berufsrücksichten ziehen und durch künstliche ersetzen zu laffen. Es hat demnach eine außerordentliche praktische Bedeutung, größtmögliche Sorgfalt auf gute Zahnpflege zu legen. Das Elfenbein unserer Zähne in möglichst gutem Zustande zu erhalten oder durch geeignete Mittel frühzeitig wiederherstellen zu laffen. ist zum Lebensgenuß nicht weniger wichtig als die tadellose Funktion unserer übrigen Organe. Der modenie Zahnarzt ist beute in viel geringerein Maße damit beschäftigt, Zähne zu ziehen als zu plombiere». Er entwickelt also eine mehr konservierende Tätigkeit im Gegenteil zu vielen Pfuschern und Quacksalbern, die gleich mit der Zange zur Hand sind. Wie man in der Chirurgie immer mehr bestrebt ist, nur in äußersten Fällen Glieder zu amputieren, so wird auch der Zahnarzt dazu erzogen, verstümmelnde Operationen, zu denen schließlich auch Zahnexlraktionen gehöre», zu vermeiden und nach Möglichkeit durch schonendere Methoden zu ersetzen. BorwärrS Buch»cuckcre> u.Beu«gia» jtalr Paul Singer ärEo.. Berlin LAi»