Unlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 33. Mittwoch den 16 Februar. 1910 lNaibdrus verdolen.) m Im JVamcn äes Gcfctzes. Von Hans Hyan. 23. Es tvar eben Mittag, als Georg Hellwig die Sanitäts- wache verließ, wo man über ein paar Hautrisse und Schmarren Streifen von englischem Pflaster geklebt und nach längcrem Befühlen und Gelenkbiegen festgestellt hatte, daß wenigstens nichts gebrochen sei. Auch innerlich sei wohl kaum etwas der- letzt, und die heftigen Schmerzen, die der Geschlagene empfand, würden sich bald verlieren. Er könne von Glück sagen: wahr- scheinlich hätte er früher viel mit schwerem Gewicht gearbeitet oder trainiert, sonst hätten besonders die Bauch- muskeln den Tritten und Hieben nicht so standgehalten!... Georg antwortete nur mit einem rauhen Lachen. Da war der Athletcnsport doch zu was nütze gewesen I Aber im Grunde wär's besser, so schien es ihm, wenn sie ihn tot- geschlagen hätten!.., Er hatte doch kein Glück auf der Welt!... Der junge Arzt, dem, schon dieser ungewöhnlich bcmuskelte Körper aufgefallen war, interessierte sich, wie er den jetzt mehr traurigen als wütenden Ausdruck des harten Gesichtes sah, auch für den Menschen, dessen elende, nun auch noch überall zerrissene Kleidung ihm des Trägers Not verriet. Er fragte ihn nach seinem Handwerk, erhielt aber so einsilbige und widerwilligc Antwort, daß er den Versuch aufgab, diesem mürrischen Sinn näher zu kommen. Es hätte vielleicht auch nur noch weniger Worte und «einer kleinen'Hilfe bedurft, um diesen Mißlmndclten zu trösten, um ihn nicht gar so tief in die Dornen seines Hasses hineingeraten zu lassen.... So ging der ehemals io freudige, lebcns- und arbeitslustige Mensch von bannen, mit einem ihn fast erstickenden Grimm in der Brust.... Die einzige Liebe, die ihm die Sonne gegeben hatte, war in einem Krankenhauszimmer am Erlöschen. Von allen Seiten starrte ihm Gleichgültigkeit, Verachtung und Haß entgegen; er kam sich vor wie ein Tier, das alle verfolgen und das nirgends Schutz findet. Und bei dieser Empfindung knirschte der Trotz in ihm. Seine Wunden und Schmerzen konnten das Gefühl feiner körperlichen Ueberlegenheit nicht unterdrücken: er fühlte sich stark genug, den Kampf aufzunehmen— den Kampf gegen die Gesellschaft. Aber vorläufig war er ratlos, er irrte in den Straßen bin und her und fand schließlich nichts anderes, als nach dem Norden hinauszupilgern, wo er in Schlafstelle lag bei einer Witwe, die selbst nichts hatte. Mit Schrecken sah sie, wie man ihren Mieter zugerichtet hatte. Sie bedauerte ihn, flickte seine ärmlichen Kleider und wagte gar nicht, ihn zu fragen, wie es denn nun mit den fechs Mark Schlafgeld werden sollte, die er ihr schuldete. Georg selbst hatte seine Schuld nicht eine Minute der- gessen. „Vermieten Se man morgen anderweitig, Frau Wiemerl" sagte er,„wenn ich heute das Geld nicht kriege, komm ich nicht tvieder her!" „Aber, Herr Hellwig. Sie wern mir schon bezahlen I... Da Hab ich keine Angst!... wo Se doch auch nicht könn' wie Se mochten!... Nee, da komm' Se man ruhig und schlafen hier!... Natürlich janz umsonst, bis kann ich ja ooch nich! Aber Sie wer'n schon! Sind doch'n kräftiger Mann un wenn Se nun ooch mal Pech jehatt Hain I..." „Ja. ja." lmterbrach sie Georg, der das lange Herum- reden von Menschen, die im Grunde anders denken, nie hatte leiden mögen,„auf Wiedersehen, Frau Wremer!... hoffent- lich heute abend!... Atjöh!"... Und er ging, obwohl er wütenden Hunger hatte und die Frau am liebsten um ein Stück Brot und ein bißchen Kaffee gebeten hätte. Wo er aber hinwollte, das tvar ihm erklär. Die einzigen Bekannten, an die er denken durste, waren die Brüder im Klub. Und vor denei hatte er eine große Scheu. Es war, als stemme sich in ihm zu guter Letzt noch etwas mit zäher Hartnäckigkeit gegen sein Verderben.... Doch der Hunger ist bitter und aufreizend. Und der einzige Gegengrund, den er anerkennt, heißt Essen! � Es war nach drei. Um diese Zeit saßen die Brüder zu- meist in einem kleinen Caf6 in der Müllerstraße, das den Namen„Lustige Sieben", wenn auch nick t auf dem Firmen- schild, führte und ihn durchaus verdiente. Georg ging lange auf der gegenüberliegenden Straßen- feite auf und nieder, ehe er den Mut hatte, einzutreten. In der Nähe des Fensters, dessen gelbe Vorhänge zu- gezogen waren, saßen in dem schmalen, sich tief nach hinten ziehenden Raun: der„bayerische Franz",„Fliegenfuß" und noch einer, den Georg nicht kannte. Georg sah wohl, wie ihn die Zuhälter, die sich übrigens recht taktvoll seiner Armut gcgeniiber benahmen, verstohlen musterten; er hätte vor Scham in die Erde sinken mögen. Aber er war doch froh, daß er wenigstens das Schwerste überwunden und sich herein- gewagt hatte.... „No." meinte der Bayer, ein schwarzhaariger, hagerer Gesell mit dunkelblitzcnden Augen,„wo warst denn solange?" „Och," sagte Georg,„ich... ich habe jearbeitl" Da lächelten die drei: wenn die Arbeit nicht mehr ein- brachte, wie solch ein Aussehen, dann lohnte sich's wahrlich nicht, erst damit anzufangen!... Aber Fliegenfuß brach die für Georg peinliche Situation ab, indem er den Kellner rief: „Du, Theo, bring mal'n Jlas Bier her für unfern Freind und... jefriehstückt haste wohl ooch nich, Jcorch?.., ooch jleich die Speisekarte, Theo!" Nach kurzer Zeit hatte Georg ein Beafstcak vor sich, in dessen Sauce er ein Brötchen nach dem andern eintunkte, bis Flicgenfuß und die beiden anderen lachend sagten, er solle sich doch gar nicht genieren und so viel essen, wie nur in ihn reinginge! Denn daß er schrecklich in Bruch wäre, das sähe doch jeder;'s wär ja Unsinn, sich gegenseitig was vormachen zu wollen! Dazu existierte ja der Klub gerade, um einem. der ins Schlamassel geraten wäre, wieder auf die Beine zu helfen! Und im übrigen käm's auch gar nicht so drauf an: Der grüne Heinrich bezahlte beute sowieso alles I... Da sah sich Georg den ihm zur Linken Sitzenden erst richtig an... der grüne Heinrich? Er dachte angestrengt nach: Der grüne Heinrich?... wo und wann hatte er doch den Namen schon mal gehört?... Der grüne Heinrich hielt die Hand iiber den Mund, daß die breite, eingedrückte Nase hervortrat und sah den Nachbar aus kleinen, lauernden Augen scharf an. Die graue Farbe gab diesem Gesicht, dessen Haar in kurzer Bürste über den runden Kopf stand, nichts Anheimelndes, und wie der Grüne jetzt die Hand vom Mund nahm, sah Georg einen sich brutal vorschiebenden Unterkiefer mit stopplig blondem Vollbart. „Eintlich müßt ick Dir ja böse sin!" sagte der Grüne, nach seinem Bierglas langend,„aber schließlich, wat kannst Du'n davor... un haben tuste ihr ja ooch nich mehr..." Ganz betroffen starrte ihn Hellwig an. Der meinte doch nicht etwa die Emma?... Ach, nun fiel es ihm ein. Der grüne Heinrich, das war danials Emmas Bräutigam ge- wcscn, damals, ehe er sie nock kannte... Und eine Flut von Gedanken stürmte auf ihn ein... Jener kalte Oktobcrtag lebte wieder auf in seiner Erinnerung, wo er aus Tegel kam, aus dem griincn Baum, wo er seine erste ungerechte Strafe erlitten hatte... Sein Auge brannte und die Lippen preßten sich hart auseinander. Der andere hatte ihn nicht aus dem Auge gelassen, die Veränderung in Georgs Zügen konnte ihm nicht entgehen. „Biste am Ende noch mietend uff mir?" Der Mann mit dem starken Kops, der ein wenig vornüber auf einem massigen Genick saß, lachte kurz auf,„i ck mißte doch eigentlich ärgerlich sein! Wenn de se mir nich weggeschnappt hättst, denn hätte ick jctz' mein Spinde(Liebste) un brauchte nich erst uff Flanell spannen")... aber wer weeß, ob ick mir det nicht übahaupt een für allemal cbjewehne... vor mein Ge- schäft paßt det nich recht wehr..." Georg verstand den Mann nicht. Er hörte auch nur halb zu. Seine Gedanken weilten bei der kranken Emma. Aber er sah sie jetzt gesund und in der vollen brennenden Blüte •) Was Weibliches f«chcn. ihrer jungen Schönheit vor sich; er dachte an jene ersten Zart- lichkeiten im Lokal der Mutter Ratzke, und die Erinnerung übermannte ihn so, daß ihm eine Träne an der Wimper hing... Der grüne Heinrich, der viel älter aussah als seine dreißig Jahre, nickte nachdenklich und sagte: „Hast se woll lieb jehabt, wah? ja, ja, ooch'n nettes Meechen war se ja! Aba wat hilft det alles! Unsaeena muß weita! Vorwärts, heeßt et! Besonders, wenn man so lange jesessen hat, wie ich!" Georg blickte überrascht auf. „Du hast ooch jesessen? wie lange?" Die anderen lachten über die hastige Frage. Und Fliegen- fuß, einer jener Juden, die den Ruf der Feigheit und Körper- schwäche, der seiner Rasse anhaftet, zur Fabel machen, sagte mit überlegener Miene: „Du fragst gerade, wie wenn de ebent aus de Schule kommst!... Wer in unfern Klub is un besonders son ollet Ehrenmitjlied, wie unser Freund Heinrich, der hat sein Ding wech! Oder ooch'n paar, wie't jerade kommt! Un det muß eener ooch. wenn er zimftig sein will! Denn wie soll ena'ne Uffassung von sonne Sachen ham, wenn a se nicht selbst durch- gemacht hat! Wir können keene Achelkassen") brauchen, vastehste..(Forts, folgt.) (Nachdruck verdolen.) Der ßarcnjager. Von Björn st jerne B j ö r n s o n. In der ganzen Bygde(Kirchspiel) gab es kaum einen, der so saftig zu lügen verstand, wie der älteste Sohn des Pfarrers; auch lesen tat er recht eifrig; daran fehlte es durchaus nicht, und das, waS er las, wollten die Bauern eben gern erzählt haben, aber wenn er merkte, daß die Bauern Gefallen an etwas fanden, dann log er gern auf eigene Faust noch von derselben Sorte oben drauf, so viel er glaubte daß sie haben wollten; am liebsten etwas von starken Männern und Liebe mit tödtlichem Ausgang. Bald stel es dem Pastor auf, daß das Klopfen der Dresch- siege! oben auf der Tenne immer unregelmäßiger wurde; und als er nachsah, stand Thorvald da und erzählte Geschichten. Ein an- deres Mal wurde so merkwürdig wenig Holz aus dem Walde ein- gefahren; der Pfarrer ging hin, um nachzusehen, und da stand wieder mein Thorvald und erzählte. DaS muß ein Ende haben, dachte der Pastor und brachte den Jungen in eine feste Schule. In diese Schule gingen zwar nur Bauernkinder, aber der Pastor fand, es sei zu teuer, nur um des einen Jungen willen einen Hauslehrer zu halten. Doch Thorvald war noch keine acht Tage auf der Schule, als einer seiner Schulkameraden leichenblaß ereingestürzt kam, er sei eben auf dem Wege einem Gespenst egegnet—, ein anderer noch bleicher und behauptete, er habe einen Mann ohne Kopf leibhaftig unten am Landungsplatz zwischen den Boten umherwirtschaften sehen,— und was das Schlimmste von allen war: der kleine Knut Pladsen und sein Schwesterchen kamen eines Abends, als sie nach Hau? gehen wollten, halb von Sinnen vor Schreck wieder angestürzt und sagten weinend, sie hätten oben in den Pfarrklippen den Bären gehört, ja. Klein- Marit hatte sogar seine grauen Augen Funken sprühen sehen. Nein, da wurde aber der Herr Schulmeister fuchswild, klopfte mit dem Lineal auf den Tisch und fragte— was zum Teufel— Gott verzeih mir die Sünde— denn eigentlich mit den Rangen loS sei. „Der eine ist närrischer im Kopf als der andere." sagte er; „in jedem Busch krabbelt eine Huldin,— unter jedem Boot nickt eine Wassernix— und der Bär geht am Mittwintertag draußen spazieren? Glaubt ihr denn nicht mehr an Gott und Christentum." sagte er.„glaubt ihr denn allerlei Teufelsspuk und der Finsternis Schauermächte und den Bären draußen am Mittwintertag?" Dann aber, nachdem er sich ausgetobt hatte, milderte sich sein Zorn, und er fragte Klein-Marit, ob sie sich denn wirklich nicht allein heim- zugehen getraute. Das kleine Ding schluchzte und weinte und sagte, es sei einfach menschenunmöglich; da sagte der Schulmeister zu Thorvald, er solle als der älteste der Anwesenden sie durch den Wald nach Hause begleiten.„Ach nein, der hat ja grad' den Bären gesehen," schluchzte Klein-Marit,„er hat es ja selbst erzählt." Thorvald wurde auf seinem Platz ganz klein, besonders als der Schulmeister ihn nun ansah und das Lineal liebkosend durch seine Hand gleiten ließ.„So. also Du hast den Bären gesehen?" fragte er ruhig.—„Ja, aber es ist doch wirklich und wahrhaftig wahr, daß der Großknecht oben in den Psarrklippen, als er auf der Rypenjagd war. eine Bärenhöhle gefunden hat," sagte Thorvald.— „Hast Du den Bären gesehen, mein Junge?"—„Es war nicht etwa bloß einer, nein, es waren zwei große, und ich glaube, auch noch zwei kleinere, denn die alten Bären haben doch immer ihr vorjähriges und diesjähriges Junges bei sich."—„Hast Du die *) Leute, die so tun, als könnten sie waS, die aber im Grunde »kink" sind. Bären gesehen, mein Junge?" wiederholte der Schulmeister«och sanfter und ließ in einem fort das Lineal durch die Hand gleiten. Thorvald zögerte ein wenig:„Ich Hab' aber doch den Bären gesehen, den der Schützen-Lars voriges Jahr totgeschossen hat, ganz sicher." Nun ging der Schulmeister einen Schritt vor und fragte so sanft« daß dem Knaben angst und bange wurde:„Hast Du die Bären oben in den Pfarrklippen gesehen, frage ich?"— Jetzt sagte Thor- vald nichts mehr.„Vielleicht hat Dich diesmal Dein Gedächtnis sozusagen ein wenig getäuscht, nicht wahr?" fragte der Schul- meister, packte ihn am Rockkragen und schlug sich mit dem Lineal auf die Seite. Thorvald sagte keinen Muck, und keiner der anderen wagte hinzusehen. Dann sagte der Schulmeister ernst- Haft:„Wie häßlich von einem Pfarrersfohn, zu lügen; und noch häßlicher, es armen Bauernkindern beizubringen." Und damit kam er für diesmal davon. Am nächsten Tag aber in der Schule(der Lehrer war zum Pastor gerufen worden, und die Kinder waren sich selbst über- lassen) war Klein-Marit die erste, die Thorvald bat. doch wieder etwas vom Bären zu erzählen.—„Ach, Du bist ja so ein Hasen- fuß," sagte er.—„Nein, diesmal will ich mich zusammennehmen." sagte sie und rückte dichter an ihren Bruder heran.—„Na, jeht wird er aber mausetot geschossen." sagte Thorvald und nickte mit dem Kopf.„Jetzt ist nämlich endlich der rechte Kerl dafür ge- kommen, der Schützen-LarsI Sowie der von der Bärenhohle da oben gehört hat, ist er über sieben Kirchspiele angesetzt gekommen mit einer Büchse, so schwer wie der oberste Mühlstein, und so lang, wie von hier bis zum Haus Volden dahinten."„Herrjeh," schrieen alle Kinder.—„So lang?" wiederholte Thorvald,„was sage ich denn— sie ist sicher so lang wie von hier bis zum Stuhl." —„Hast Du sie gesehen?" fragte Ole Böen.—„Na, und ob! Ich habe ja selbst mitgeholfen, sie zu putzen, denn Ihr könnt Euch denken, dazu kann er nicht jeden xbeliebigen gebrauchen. Ich konnte sie natürlich nicht heben, das versteht sich; aber daS war ja auch einerlei— ich habe doch das Schloß geputzt, und das war nicht die leichteste Arbeit, sage ich Euch."—„Ich habe aber ge- hört, die Büchse soll in letzter Zeit nicht mehr so gut treffen." sagte Hans Volden. indem er sich hintenüber legte und beide Beine gegen das Pult stemmte.—„Nein, feit der Lars damals oben in Osmarken auf den schlafenden Bären geschossen hat. versagt sie zweimal und schießt das drittemal fehl."—„Na ja," sagten die Mädchen,„wie ran» man auch auf einen schlafenden Bären schießen."—„So'n Schafskopf," fügten die Jungens hinzu. „Es gibt nur ein Mittel, dem abzuhelfen," sagte Ole Böen, „man muß nämlich eine lebendige Schlange in den Lauf hinein- treiben."—„Ach. das wissen wir schon lange," sagten die Mäd- chen; sie wollten etwas neues hören.—„Jetzt ist doch Winter, und da gibt's keine Schlangen, drum wird sich der Lars auch wohl nicht so ganz sicher auf seine Büchse verlassen," sagte Hans Volden bedenklich.—„Er will ja den Niels Böen mitnehmen," fragte Thorvald.—„Ja." sagte der Junge von Böen, der darüber wohl am besten Bescheid wissen mußte,„aber der Niels darf nicht, Seine Mutter und seine Schwester erlauben's ihm nicht. Sein Zater ist ganz sicher an dem Kampf mit dem Bären voriges Jahr auf der Alm gestorben; und jetzt.haben sie keinen weiter als den Niels."—„Ist es denn wirklich so gefährlich?" fragte ein kleiner Junge.—„Gefährlich?" sagte Thorvald;„der Bär hat Ver- stand für zehne und Kraft für zwölfe.—„Ach. das wrssen wir schon," sagten die Mädchen wieder; sie wollten doch zu gern etwaS neues hören."—„Aber der Niels ist gerad wie sein Vater; der geht doch mit."—„Ja. freilich geht er mit." sagte Ole Böen; „heute ganz früh, ehe noch jemand auf dem Hof wach war, Hab ich den Niels Böen und den Schützen-Lars und noch einen hinauf- ziehen sehen, jeden mit einer Büchse; ich möchte wetten, daß eS in die Pfarrklippen hinaufging."— „War es früh?" fragten die Kinder im Chor.—„Heidenmäßig früh! Ich war schon auf, ehe die Mutter Feuer anmachte." —„Hatte denn der Lars seine lange Büchse?" fragte HanS.— „Ja. das weiß ich nicht; aber die; die er hatte, war so lang wie von hier bis zum Stuhl."—„Au, wie Du lügen kannst," sagte Thorvald.—„Du hast eS doch selbst erst gesagt." wandte der an- dere ein.—„Nein, die lange Büchse, die ich gesehen habe, gebraucht der Lars kaum noch."—„Na ja. jedenfalls war die hier so lang. so lang, wie— wie von hier bis beinahe zum Stuhl."—„So? dann hatte er sie vielleicht doch mit." „Denkt mal." sagte Marit,„jetzt sind sie oben bei den Bären." —„Grade jetzt geht vielleicht der Kampf los." sagte Thorvald.— Es trat eine tiefe Stille ein; eS war fast feierlich. „Wißt Ihr was? ich gehe." sagte Thorvald und nahm seine Mütze.—„Ach, ja, geh. dann kriegst Du was zu hören," schrien alle, und es kam wieder Leben in die Bude.—„Aber der Schul- meister," sagte er und blieb stehen.—„Bah, Du bist doch dem Pastor sein Bub'," sagte Ole Böen.„Ja, wagt er's, Hand an mich zu legen— dann— sagte Thorvald und nickte in fürchter- lichem Schweigen mit dem Kopf.—„Haust Du wieder?" fragten sie erwartungsvoll.„Wer weiß," sagte er, nickte und ging. Tie Kinder hielten es für das beste zu lesen, während er fort war; aber keines war dazu imstande,— sie mußten immer vom Bären sprechen. Sie rieten hin und her, wie es wohl gegangen sein mochte; Hans wettete mit Ole, daß Lars' Büchse versagt habe, und der Bär ihm auf den Leib gerückt sei. Der kleine Knut Pladsen meinte, es sei sicher mit allem schief gegangen, und die � 1 Mädchen schlugen sich auf seine Partei. Aber da kam Thorvald zurück. »Kinder, kommt mit." rief er. kaum fähig zu sprechen, indem er die Tür aufritz.„Aber der Schulmeister?" fragten einige.— „Zum Teufel mit ihm! Der Bär, der Bär— und er konnte nicht mehr.—„Ist er tot." fragte einer ganz leise, und die anderen wagten nicht zu atmen. Thorvgld leuchte hörbar, dann sprang er auf. kletterte auf die Bank und schwenkte seine Mütze.«Wik gehen,. sage ich; ich nehme alles auf mich."—„Aber wohin denn?" fragte HanS.—„Den grötzten Bären haben sie schon mit her- untergebracht, die anderen liegen noch oben. Niels Böen ist mächtig verwundet, denn dem LarS seine Büchse hat wirklich nicht ge- troffen, und die Bären find ihnen auf den Leib gerückt. Der Junge, der mit dabei war. hat sich nur dadurch gerettet, datz er sichl platt auf die Erde geworfen und tot gestellt hat, und da hat rtji?. der Bär nicht angerührt; sowie der Lars und der Niels ihren Baven untergekriegt hatten, schoflen sie dem Jungen seinen auch tot: Hurra!"—„Hurrai" riefen alle Mädels und Buben, und nun sprangen alle von den Bänken auf, zur Tür hinaus, und heidi über Feld und Wald nach Böen, als gäbe es in der ganzen Welt deinen Schulmeister. Die Mädchen beklagten sich bald, datz sie nicht mit könnten, aber die Jungens nahmen sie zwischen sich, und fort ging'S.„Hütet Euch aber ja, ihn anzurühren," sagte Thorvald,„es kommt manch- mal vor. datz der Bär wieder auslebt."„Wirklich?" fragte Marit.—„Ja. er steht dann in einer neuen Gestalt wieder auf, also nehmt Euch ja in acht."— Und sie liefen weiter.„Auf den grötzten hat der LarS zehn Schüfle abgeknallt, ehe er liegen blieb."—„Denkt Euch nur. zehn Schüfle," und sie liefen weiter.— „Und der Niels hat ihm achtzehn Messerstiche versetzt, ehe er fiel."— „O je, was für'n Bär!" Und die Kinder liefen, datz der Schweitz troff. Und nun waren sie dal Ole Böen ritz die Tür auf und war der erste drin;„nimm Dich in acht!" rief Hans ihm nach. Marli und ein kleines Mädel, das Thorvald und Hans zwischen sich ge- habt hatten, waren die nächsten, dann Thorvald, der nicht weit vorging, sondern stehen blieb, um alles in Augenschein zu nehmen. „Guck mal, das viele Blut," sagte er zu HanS. Die anderen mutzten nicht recht, ob sie sich hineinwagen sollten.„Kannst Du ihn sehen?" fragte ein Mädchen den Jungen, der neben ihr draußen an der Tür stand.„Ja. er ist so grotz, wie das große Pferd bei Hauptmanns drüben," antwortete er und fuhr fort zu erzählen:„Er ist mit eisernen Ketten gebunden." sagte er,„aber die an den Vorderbeinen hat er doch durchgeriffen." er könne ganz deutlich sehen, datz noch Leben in ihm sei, und das Blut ströme wie ein Waflerfall auS ihm heraus. Gelogen war das freilich, aber das vergaßen sie, als sie den Bären zu sehen bekamen, und die Büchse und den Niels, dem die Wv»den von der Balgerei mit dem Meister Petz verbunden waren. Und erst recht, als sie dann den alten Schützen-Lars er- zählen hörten, wie alles zugegangen. Sie hörten und sahen und verschlangen den Erzähler mit den Augen vor lauter Begehrlich- keit, und dabei merkten sie nicht, datz plötzlich hinter ihnen einer stand, der-anch zu erzählen anfing, und zwar folgendermaßen: „Ich ward« Euch lehren, Ihr nichtsnutzigen Rangen, ohne Er- laubniS- ait»! t,!r Schule zu laufen, Bande!"— Ein Schreckens- geheul erhob jifh unter der Bande, und heidi ging's hinaus aus der Tür über dz:«! Diele, durch den Hof und auf und davon.— bald sah man lote einen Haufen schwarzer Knäuel über das schneeweiße Feld ch.«kugeln, eins nach dem anderen, und als der Schulmeister endliche auf seinen alten Beinen nachgehumpelt kam, hörte er sie schon vor weitem aus der Schule her ihre Aufgaben hersagen, datz die Wände dröhnten. Ja, es war ein Festtag, dieser Tag, als die Börenjägcr heimkamen. In Sonnenschein ging er auf, im Regen ging er unter, aber solche Tage pflegen ja die fruchtbarsten zu sein. Vie franzöfifchc Malerei im i8« Jahrhundert. (Ausstellung der Akademie.) II. Watteau(1684— 1727), jener Träumer und Maler, der die Vergnügungen der eleganten Welt,«ix Schäfersviele und die Theaterszenen und die Maskeraden mit so entzückenden, leichten Farben malte, stand dem Leben seiner Feit fern. Er war ein kranker Mensch und seine Zeil schätzte dc« derberen Werke des Boucher höher. Watteau sehnte sich nach,.ds�ser vermeintlichen Schönheitswelt, er träumte von ihr. So, havsiiz seine Bilder etwas Träumerisches, Sehnsuchtsvolles, ja. trotz aller Heiterkeit Melau- cholisches. Es ist, als ob man ferne Musik hött, aber man ist selbst nicht mit dabei beim Fest. Watteaus Vorbstd�x sind die Flämen, und erst allmählich findet er sich aus der Schwae der vlämischen Kunst zu seiner eigenen, graziösen, leichten Art.. Sein Bat er war Dachdeckermeister; seine Heimat eine vlämische Stadt. Er sollte Zimmermann werden. Eines Tages entflieht er. mittellos, nach Paris. Schließlich wird er Theatermaler und hilft der dekora- tiven Arbeiten. Die elegante Welt war ihm' ftenkd, datstm hatte er für ihre Reize Sinn. Er selbst lebte zurückgezogen, war tölpel« Haft, hätzlich und krank und so malte er auS der Sehnsucht heraus diese zarten Dinge, die nicht Wirklichkeit sein wollen. Dies« Schäfer und Schäferinnen, diese Komödianten, diese Landschaften, sie alle haben etwas Erträumtes; es ist ein Dust m ihnen, dessen Zauber noch jetzt ganz wirkt und mit der ganz persönlichen Art seiner leichten, lichten Gestaltung hat er der Folgezeit noch jetzt ein Borbild reinkünstlerischer Tendenz aufgestellt. Aber, wie gesagt. Boucher und seine Nuditäten waren dem matzgebenden Publikum schließlich lieber. Wvtteau starb mit 36 Jahren, und er hat nicht viel Nachfolger, Lancrc t, Pater sieht man hier noch; aber sie sind schon nüchterner im Ton, sie kränkeln nicht mehr, sie geben Wirklichkeit, die Poesie fehlt ihnen. Watteau, dieser Fremde in Paris, liebte die silbergrauen Dämmerungen der Seine, er liebt« die träumerischen Stunden in den alten Gärten der Stadt. Da? ist das Moderne in Watteau. Fragonard(1732—1866) kommt von Boucher her. Aber er übertrifft seinen Lehrmeister. Er hat etwas von Sonne und Licht in seinen Bildern, die ihnen Größe geben, die Größe einer reiw aufs Malerische, ohne Absicht auf Neoeneffekte. gerichteten deko-i rativen Anschauung. Hier hat der Gegenstand, das Dargestellte, nichts mehr zu sagen und keine Berechnung stört. Fragonard pharv tasiert in Farben und löst alles Feste, allen Inhalt auf in schwel- gerische Farben, die aber alles überflüssige, Breite vermeiden, die m ganz leichter, freier Manier Flächen füllen, Wände schmücken. Auch hier spüren wir eine ganz andere Note. DaS kommt speziell bei seiner freien Behandlung des Landschaftlichen heraus. Wohl hat auch er der Zeit feinen Tribut gezollt. Er malte Stück für Stück die Szenen, die seit Boucher Mode waren. Aber er verstand es, daS> Künstlerische mehr zu betonen, er stand dennoch über dem Stoff. Mit C ha r d i n(1698— 1776) meldet sich schon eine neue Zeit, Chardin hat keine Schäferszenen und keine Entkleidungsreize ge- nialt. Es berührt ungeme.n sympathisch, plötzlich in diesem losen Reigen jenen schlechten freien Bildern zu begegnen, in denen Char- die ,n stillebenhafter Manier Jnnenräume, Menschen, Früchte malt. Deutlich verrät sich die Abstammung von den Holländern, den Pie- ter de Hooch, den Terborch. Aber er ist nervöser, sensibler. Noch differenzierter behandelt er die Farben. Die Schönheit und Ruhe der Farben gibt seinen Schöpfungen Größe, obwohl sie ganz klein sind. Das steht alles mit einer Selbstverständlichkeit da, als sei es nur so abgemalt, und nur der schärfer Zublickende empfindet die freie Kunst, auf der die Farben fleckenartig und breit auf dev Fläche verteilt sind lind doch das Ganze in feinster Harmonie zu- sammensteht. Hier ist kein Blenden, kein Spielen. Es beginnt eine neue Zeit: die bürgerliche Aera. Mit Greuzc(172S— 1805) klopft diese noch energischer an die Pforten. Rousseau trat auf, und die Natur trat der Kultur entgegen. Seine Bücher enthüllten schonungslos die frechen Reize der überfeinerten und haltlos gewordenen Kultur, der gegenüber Umkehr das einzige Heilmittel war. Diderot fing an, mit feinen, sentimentalen Rührstücken die Bühne zu beherrschen. Man hörte mit neuem Interesse auf diese neuen tugendhaften Töne. Boucher. gegen den sich Diderots heftige Kritik mit Recht wandte, den er als Typus der Verkommenheit an den Pranger stellte, ihm erging es nun schlecht. Seine Bilder zahlte man nicht mehr, sein Glanz war dahin, und die Gegenwart kann dieses strenge Urteil nur billigen, wenn auch ein Boucher immer noch hoch über dem Durch- schnitt unserer akademischen Hofmaler steht, weil er Teil hatte an der allgemeinen malerischen Kultur jener Tage, und weil er jedenfalls Temperament besaß. Grenze ist der Maler dieser Zeit, die mit unaufhaltsamen Schritten heranschreitet. Er malt die belohnte Tugend, die ge» rührte Schöne. Daneben hat er allerdings auch noch recht lüsterne Sächelchen gemalt, in denen er Sentimentalität und Koketterie, geschickt und äußerlich vereinte. Er stand noch mitten in einer Zeit, die sich erst entwickeln sollte. In dieser Zeit begann man auch, einfache Sujets, Familienszencn, Genrebilder, zu behandeln; das höfische, das Theaterkostüm schwand, der Mensch in seiner ein- fachen Kleidung trat hervor. Und Grenze nahm daran teil. Er unterstrich die Tugend. Was sich im Schoß der Familie begab, wurde in die Oeffentlichkeit gezerrt und so aller Traulichkeit bc- raubt. Intimität wurde Berechnung. Unzweifelhaft war das nur eine andere Maske, die man sich vorband. Der eigentliche Sturm« wind, der die Luft reinigen sollte, mutzte erst kommen. Aber jeden» falls war jetzt schon, in der veränderten Stellungnahme dem Leben und dem Alltag gegenüber, das Anbrechen einer neuen Zeit be- merkbar. Die Bilderbezeichnungen:„Der bestrafte Sohn",„Der väterliche Fluch",„Die Verlobung auf dem Lande",„Das Milch- mädchen"— sie lennzeichnen schon das Genre. Immer noch steckte hinter dieser Pose der Natürlichkeit eine perverse Berechnung. Die Natürlichkeit war ein neues Reizmittel. Man malte, wie Grenze, das Leben eines Mörders in 26 Bildern, recht moralisch, mit der Cndverurteilung, und man konnte dann an pikanten Situationen das Unmoralische erläutern. Die Menschheit befand sich in einer Krise. Erst die Revolution brachte die Klärung. Diderot begrüßte diesen Vater der Genremalerei mit enthusiastischen aber uniünst- lerischen Worten.„Bleibe moralisch", rief er dem ZNaler zu, „Glückauf". Im letzten Grunde spielte auch diese Zeit noch Komödie. Marie Antoinette kokettierte mit Ländlichkeit und Unschuld und baute sich Klein-Trianon, dessen kleine Häuschen wie Bauernwohnungcn aus- — 132— en. Und die Prinzessinnen untcrlsielten sich mit Wäscherinnen I eine Salzplatte von 6 Meter Dicke ergeöen würden. Das Mittelländische > Fischerinnen. Das war das Zeitalter Ludwig XVI. Man Meer ericheint in erdgeschichtlichem Sinne als eine riesige Lagune, vnd suchte sich der Einfachheit des Volkes zu nähern; aber der Hof' staat kostete nach wie vor 43 Millionen; Marie Antoinettc kaufte für Unsummen Diamanten und Kostbarkeiten und man fuhr in Wagen mit goldenen Rädern. Aber man darf auch hier nicht vergessen: Kultur und Kraft hängen nicht so unmittelbar und zwingend zusammen wie man denkt. Selbst ein Grcuze hütete noch die Tradition einer Mal ikulrur, die ihm überkommen war. Er versteht noch, in seinen Por- träte Charaktere zu zeichnen, die Tonschönheitcn der Stoffe, die wechselnden Nuaneen der Haut weiß er in schönen Uebergängen gu geben. Und während die Kultur ihrem Ende entgegenging, be- wahrte die Kunst ihre Tradition und gab sie weiter. i- Diese Reaktion gegen den Geist des Rokoko trat nach einem Mcnschcnaster ein. Der gesunde Menschenverstand wollte seine Herrschaft antreten. Man suchte in der Wiederaufnahme der An- tijfe sein Heil. Hier sah man Wahrheit, Größe, Strenge. Dieses Zeitalter nennen wir das Zeitalter des Klassizismus. In der Innendekoration trat an die Stelle des lebhaft flatternden Schmucke? die gerade Linie, an Stelle der Schwingung das Vier- eckige. So hatte die französische Kunst in einem Jahrhundert drei Stile geschaffen. Ludwig XlV.— Barock, Ludwig XV.— Rokoko, Ludwig XVI.— Klassizismus. Die Pose, da» Spiel, die Antike. Aber schon mit diesem letzten Zeitalter stieg ein Wetterleuchten auf und als das Jahrhundert endete, kam die Revolution. Da erst setzte etwas ganz Neues ein. Leben und Kunst wurden eins, und eine neue Welt brach an. Da mutzte alles flüchten, was Spiel und Laune schien. Diese Menschen lebten die Antike. ES spricht auch hier wieder für die Unerschöpflichkeit der künstle- rischen Begabung dieses Volkes, daß auch inmitten der Stürme die Kunst ihren Platz behauptete. Auch die Revolution gebar große Künstler, die im Malen die Tradition weitergaben. Von dieser Epoche sehen wir bezeichnenderweise hier nichts. Diese organische Entwickclung der französischen Kunst begrei- fen wir nun und bewundern sie. Nicht nur, daß jede Generation einen ausgeprägten Stil schuf, nicht nur, daß auch jeder Stil Meister hervorbringt, die über der Zeit und ihrer Vergänglichkeit stehen, ist das Große, sondern daß selbst da, wo alle Götter und Throne stürzen, die Kunst lebendig weiter wirkt, das ist das Bc- wunderungSwürdige. Und wenn wir von diesem Standpunkt aus die EntWickelung betrachten, befreien wir uns von allem Engen, Kleinen und sehen das Wirken einer vorwärtsdrängenden Kultur. Ja. wir erleben hier, in der französischen Kunst, daS eigentümliche Schauspiel, daß die Gegenwart noch dieselben Vorzüge besitzt, wie sie die Meister der Vergangenheit hatten. Wenn mr an die Landschaften Corots und der Fontaineblaucr denken, sehen wir Wattcaus silberne Hintergründe. Diaz lebt in Watteau, Renoir hat sich von Tragonard anregen lassen, Manct hat Watteauschcs Raffinement der Farben, Chardin lätzt an Cezanne denken. Und so geht es fort. Diese Kunst, die so eng mit dem Klima, dem Temperament heL Volkes zusammenhängt, hat eine Tradition, einen Stil. Ganz erlebt man das nur in Paris, wo alles einem greifbar nahekommt und man an der Luft über der Seine merkt, warum die Maler hier so silbergrau malten. Aber eine Ahnung davon bekommt man auch hier, in diesen fremden Räumen. Wenn man das weiter- verfolgen will, dann gehe man nach der Nationalgalcrie und lasse ine schönen Werke der modernen Franzosen, die Tschudi sam- melte und deretwcgen er gehen mutzte, auf sich wirken. Man findet da dieselbe leichte, feine, graziöse Schönheit der Farben, den- selben Geschmack. Nur ist es hier nicht mehr Rokoko, nicht mehr �Klassizismus, die herrschen, sondern dieLiatur. Li. E. VV. Kleines f eullleton. Geologisches. Die Entstehung der Kalisalzlager. Die Diskussion über das wirtschaftliche Schicksal der deutschen Kalisalzlager, die be- lanntlich auf der Well die allein existierenden sind, ist immer noch nicht zu einem Abschluß gekommen. Preußische Synditatspolilik nutzt die Monopolstellung gründlich au? zu Ungunsten der Weltlandwirischast, die die Düngesalze so notwendig braucht. Wie find nun eigentlich diese gewaltigen Kalisalzlager cnstandcn? Salzlager hat man in den verschiedensten Ländern der Erde, aber überall, außer in Deutschland, fehlen die Kalisalze, die vor nickt allzu langer Zeit noch al» Abraumsalze verächtlich beiseite geworfen wurden. Die einfache Annahme, die für die reinen Steinsalzlagcr heute noch gilt, daß die Salzschichten einfach durch AuStrocknung von Binnenseen, und vom Meere abgeschlossener Lagunen entstanden seien, reicht da nicht mehr auS. Einmal spricht die ungeheuerliche Mächtigkeit der deutschen Kalisalzlager dagegen. Selbst die tiefsten Meere würden durch Austrocknung nicht imstande sein, ein 1000 Meter mächtiges Salzlager wie bei Staßfnrt zu schaffen. Ueberdies soll das Lager von Spcrcnberg bei Berlin noch um 400 Meter mächtiger fein. ES ist berechnet worden, daß die großen Welt- Nleere bei ihrem Salzgehalt von 2— 3 Proz. durch völlige Eintrockung erst die nach dem Ozean zu noch Verbindung hat. Dieses Mittelmeer würde bei völliger AuStrocknung erst eine Schicht von 27 Meter er- geben. Eö müßte also eine 40— övmalige Austrocknung durchmachen, ebe es die genannten Salzlagerschichten bei Staßfurt und Speren» berg ungefähr erreicht. Die Salzschicht der Kalilager besteht nicht aus einer einheitlichen Masse, sondern fegt sich aus Ablagerungen verschiedener Art zusammen.■ Daß alle Schichten sich auS dem Meereswasser gebildet I darüber besteht kein Zweifel mehr. DaS Meer enthält alle I erforderlichen Elemente. Wie sich außerordentlich mächtige Sa bilden können, darüber gibt ein Vorgang der Jetztzeit Au Er vollzieht sich in einem Nebensee des Kaspifchen MecrcS. Nebensee. der Kaxabugas, bildet ein 18 000 Quadratkilometer gr Haff, daS durch einen 100 Meter breiten und nur 1,6 Meter ti Arm mit dem Hauptsee in Verbindung steht. Infolge der adö. Trockenheit verdunstet daS Wasser so rasch, daß eine stete Stp» in die Nehrung hinein statstindet, um die Höhendiffereuz.c zugleichen. Da kein Waffer zurückströmt, so win' See trotz seines geringen Salzgehaltes, der 1,2 Proz. Wtträ immer salzhaltiger. ES ist berechnet worden, daß in dieser gcwaV.,,.. Verdunstungspfanne täglich rund 00 000 Zentner Salz oder jährlich 22 Millionen abgeschieden werden. Sehnliche Verhältniffe mllffen auch einmal in Deutschland geherrscht haben, als sich die Kalisalz- lager bildeten. Wahrscheinlich trat durch eine plötzliche Senkung deS norddeutschen Tieflandes eine Verbindung mit dem Meere ein. durch eine spätere Hebung bildete sich dann ein Gebirgszug zwischen Meer und Tiefebene. Es mag so eine ganz ähnliche schwache aber ständige Strömung entstanden sein, wie bei dem Rcbensee de? KaSpiscben Meeres. ES kann nun auch so gewesen sein, daß die Barre nur bei großen Stürmen Waffer nach der Lagune zuließ, oder auch lo, daß nur zu Flutzeitcn das salzhaltige Wasser nach dem Binnensee einlief. Die verschiedenen Schichten entstanden dann so, daß sich erst die schwersten Bestandteile des WasierS absetzten, wenn dadurch ein gewiffer chemischer Umwandlungsprozeß bollzogen war, setzten sich weitere Bestandteile deS Wassers ab. So entstanden Schichten, die durch die Wissenschaft teilweise direkt als„AahreS- ringe", ähnlich wie bei den Bäumen gedeutet werden. Freilich ganz klar ist damit die Entstehung der Kalisalzlaacr noch nicht geworden. Besonders fehlt immer noch die plausible Erklärung dafür, warum gerade nur im jetzigen Deutschland aus der aus dem MeereSwasser verbleibenden Mutterlauge sich kalihaltige Salze ab- schieden. Im Laboratorium läßt sich dieser Vorgang nur unter Siedehitze ermöglichen. Der über den Laugenrest hinwehende Staub verwandelte dann den letzten Rest de? ehemaligen SeeS in Salzton, in die oberste Schicht der Salzlager, an der heute da? Vorhanden- sein von Salzlagcrn mit erkannr wird. Der Vorgang mag sich in einem Zeilraum von zebntausenden von Jahren abgespielt haben. Allem Anschein hat der Ozean später noch einmal die Barn;. durchs brachen, und so über dem primären, dem ersten, noch ein sekundäre», ein zweite» Salzlager geschaffen. DaS zweite Lager besitzt keine 5kalisalze. nignoläst Technisches. Zugsichernng auf der Hoch- und Unterariund- bahn. Bekanntlich soll die furchtbare Katastrophe am Gleisdreieck der Berliner Hoch- und Untergrundbahn in der Houtztsache-darauf zurückzuführen sein, daß wahrscheinlich ein auf„Halt" gestelltes Signal nicht beachtet wurde. Sofort nach dem Uagtück wurde von verschiedenen technischen Seiten die Einführung von Einrichtungen gefordert, die ein Ueberfahren eines gesperrten Signals a u t o- m a tisch unmöglich machen. Seit dem 13. Oktober vorigen Jahres sind nun im Gleisdreieck selbsttätige Zugficherungen eingeführt, die dieser Forderung entsprechen. Die Vorrichtung be- steht aus einer senkrechten mit einem 5iontakt in Verbindung stehenden Metallstange, die auf dem ersten Wagen eines jeden Zuges angebracht ist. Die Signale sind mit einem Balken verbunden, der so angeordnet ist, daß der Wagen mit der Kvntaklstange ungehindert ourchfahren kann, wenn das Signal auf„freie Fahrt" gestellt ist. Wird jedoch das Signal auf „Halt" gestellt, so legt sich der Balken in eine wagerechte Lage. Wird daS Signal nicht beachtet und versucht der Führer, den Zug weiter laufen zu lassen, so wird die Stange auf dem ersten Wagen des Zuges von dem Balken durchschlagen und der Zug durch elektrische Einrichtungen unmittelbar zum Stehen gebracht dadurch, daß die Bremsen automatisch in Tätialeit gesetzt werden. Mit der Einrichtung ist eine automatische Konlrollvorrichtnng Verbund, n, die ein Ueberfahren des Halt- signaleS auf jeden Fall anzeigt. Diese neue Sicherungs- einrichtung kann gleichzeitig als Notbremse vom Zugbegleiter be- tätigt werden. Damil dtteten lasten. c» u.Vertagsanjmlr Paul Smgec&£o,. Berlin SW. Merantw. Redakieur: Richard Barth» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärl» Puch»