Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 34. Donnerstag � den 17 Februar. 1910 Nachdruck cccDoisn.) 84] Im Warnen des Gefetzes. Von Hans Hya n. Georg lächelte ein bißchen verlegen, diese Denüveise, deren Logik er wohl erkannte, war ihm noch zu neu. ,;9Jo, wie jehts ihr denn, die Emma?" sagte der Grüne nun wieder,„macht se sich denn schon'n bisken?" Georg zuckte unbehaglich die Achseln. Er war seit vier Tagen nicht mehr draußen gewesen im Krankenhaus; nicht weil es ihm an Interesse mangelte, sondern aus der Un° fchlüssigkeit, der Tatenlosigkeit des Darbenden heraus, der sich schämt, einem anderen, der noch schwerer leidet, mit seiner Not zu quälen. „Na denn wird et woll am Ende janich wieder mit ihr werden? Det sollte ma aber wirklich leid dun! Sonne kräftje jesunde Person! Wie kam denn det eijentlich? ach so ja, Fliegcnfuß hat ma schon jesagt: ne Fehljeburt... hat woll wat jemacht, wah.. ,.Ne, ick hatte ihr jestoßen, aus Versehen!..." Georg war glühend rot geworden. Die beiden anderen Zuhälter, die an jenem Abend ja auch im Varict6 gewesen waren, und Wohl wußten, wie sich alles zugetragen hatte, sahen sich einen Augenblick an und blickten dann gleichgültig vor sich hin. Aber Georg hatte ihre rasche Verständigung Wohl bemerkt und Scham und Zorn machten ihn ganz unsicher, wie er sagte: „Na ja, unsaena, wenn der mal wat in de Krone hat un se kommt ein in Weg!... Absichtlich Hab ick't doch nich ge- tan! Un ick würde Jott wees wat dnnn jeben, wenn ick se wieder jesund machen könnte!... Denn die, die war so jut zu mir. wie keen anderer!..." Er hatte den runden Marmortisch mit den Händen ge- faßt, der unter des Mannes tiefinncrstcr Bcivegung zitterte. Dann sagte Georg: ,.T' is ooch besser, ick jehc wieder! Ick passe nich unter Menschen... vielleicht wenn se wiederkommt!... sonst... na, schließlich ecn Ausweg findt ja jeder!" Er wollte aufstehen und fort, aber der grüne Heinrich faßte ihn fest beim Arm. „Du machst een ja ordentlich jranlich, Mensch!... Aber die trieben Jedanken, die laß man fahren, dafor biste noch vifle zu jung!... die laß man fahren. Hier steck da'n an- ftändje Zigarre an und denn trinkste cn Konjack l... pst, Du, Theo! bring uns mal ne Lage Konjacken, aber jlcich na doppelte. damitS Jerenne nich inimcr is! � So, nu weßte, tvat wa nu machen. Nun bleib'n wa erst hibsch noch'n bisken fitzen»rnd schmettern ne Schale Schustcrpunsch und denn machen wa uns beede uff und pilgern raus nach'n Friedrichs- Hain zu Emmaken I... Wat meenste, wat die vor Oogcn machen wird! Is na ne olle jute Beere! Ick habe mir nie ieber ihr zu beklagen jehattl Ratierlich hat sie bei mir manchmal ooch'n Dings gekriegt! Det ist nich anders! Det jehert zu! Und bat det mal schif ablost, jrade wo se in andre Umstände war, na davor kann man nich!" Der Kellner brachte die acht Gläser Kognak und den schon vorher bestellten Kaffee und der grüne Heinrich zahlte mit splendidem Trinkgeld. „Det muß erst alle wern!" lachte er,„tvat'n anständjer Jaiuief is, der hält nischt von die Z-Minze!"*) ,.S is nemlich sein Arbeitervcrdienst aus de Lehrter Straße," sagte Flicgenfuß,„wo er die letzten drei Jahre Stühle jeflochten hat!" „Nee.zuletzt wa ik bei de Tischler," korrigierte ihn der Grüne ,..ick sage Eich, ich hau'ne Kommode zusammen, det es mau sonne Art hat!" „Ja un det nachher keen Kasten mehr heile von is!" lachte Flicgenfuß, ihn absichtlich mißverstehend. Als der Kaffee getrunken war, drängte der Grüne selbst zum Fortgehen. Hatte ihn auch die Sehnsucht nach der che- maligen Liebsten so gepackt oder trieben ihn andere Absichten aus der„Knutigcn Sieben" hinaus auf die Straße? *) Das im Zuchthaus verdiente Geld. Georg dachte nur an das arme Mädchen, das die Mutter seines Kindes und sein Weib hatte werden sollen und das ihm jetzt so not war wie nie vorher. Der grüne Heinrich tat alles, um ihn von dem Hinstieren auf diese traurigen Dinge abzulenken. Doch all seine Er» zählungcn aus dem Leben im Zuchthaus, denen Georg sonst mit dem größten Interesse gelauscht, die er verglichen und ausgetauscht hätte mit seinen eigenen Schicksalen im Ge- fängnis, des Grünen noch so farbcne und übertriebene Schilderungen konnten heute keine Teilnahme bei Georg er» wecken... So ging der Verbrecher, der gut beobachtete, otne Weile schweigend neben Georg her und dachte nach... Er wollte den da haben, für sich und seine dunklen Pläne! Sein schwacher Instinkt witterte in dem starken, jungen Menschen einen Komplizen, wie er ihn brauchte. Und ohne vorläufig etwas von seinen Absichten preiszugeben, suchte und grübelte er, wie er den Verschlossenen, dessen harte Schweigsamkeit ihn am meisten imponierte, beizukommen sei. „Is doch eintlich mcrkwirdig." fing er nach einer Weile an, als hätte er so lange über das Problem nachgedacht,„daß jrade die stärksten und brauchbarsten Menschen in de Welt rumloofen, ohne Arbeet und ohne Jeld!... Ick»veeß nich. Du bist doch nu eener, der Baime ausreißen kennte, un hast doch nischt! Und's nimmt Dir och keener! Kannst machen. wat de willst!... Denn daß Du Dir alle Mihe jibbst, daß de von frih bis spät rumloofst, um wat zu kriejen. det wecß ickt Det seh ick Dir an de Reese an! Aber Du krichst nischt! Dir will keener«n warum?... Fliejcnfuß hat ma schon davon jeflistert. Du hast ooch Dein Knast wech, wie tvir alle!" „Ja un unjerecht!" schrie Georg laut auf, ohne Rücksicht auf die Passanten in der belebten Straße,„absolut un- jerecht!" „Jott ja!" sagte der andere mit gutmütigem Spott,..na» türlich unjerecht... unjerecht is allens! Wat heeßt über» Haupt unjerecht?... Der eene hat was und der andere l>at nischt. Un wer nischt hat, na der nimmt sich eben wat! Un wen er dabei jekappt wird, denn saust er rin und jeht hoch. is dat etwa jerecht? Det is Quatsch, sage ick Dir! Wenn ick so scblau bin, det ick en andern wat wechnehme un er merkt et nich, oda ick bin stärka wie er, na, davor kann ick doch nischt! Laß'n doch Vesser uffpassen... Is doch seine Sache und nicht meine!..." „Rein, nein!" beharrte Georg mit einem ärgerlichen Kopfschütteln,„davon is ja ja keene Rede! Ick bin zu Un- recht rinjekommcnl Denn ick habe nischt jemacht! Nich so» viel!" Und nun erzählte der ehemalige Knopfdrücker dem Aufhorchenden an seiner Seite jene fast lächerliche Geschichte von der Talmiuhr, die aber doch sein Leben zerstört und ihn für immer aus der Bahn geworfen hatte. Der Grüne ging mit schlenkernden Armen, den dicktn Kopf leicht gesenkt, neben dem eifrig Redenden her. Und die Maske eines verwunderten Interesses verbarg seine Freude, daß er nun endlich heraus hatte, an welcher Stelle Georg an- zufassen sei und wie er ihn am besten in das Netz seiner per» brccherischcn Pläne verstricken könnte. „Da is't Dir ja ebenso jcjang' wie mir!" sagte er schließ- lich und erzählte, im Handumdrehen erfindend, eine Räuber» geschichte, in der er selbst als reiner Unschuldengel zum ersten» mal seiner Freiheit beraubt wurde. „Wie alt warste denn da?" fragte Georg. „Vierzehn," sagte der Grüne etwas unvorsichtig, merkte aber sofort, daß Georg diesen allzu frühen Konflikt mit dem Strafgesetzbuch stutzig machte. „Seh mal," sagte der ehemalige Förster, und jetzt sprach er die Wahrheit,„wenn eener. wie ich, als unchclichct Kind bei fremde Leute for fuffzehn Mark uffgczogen wird und krischt nischt als Keile, denn is dock, ooch keen Wunda, wenn man sich dajcjen emvcert. wenn man jroß wird, un zahlt se det heim, wat se een jesindicht ham! Ick bin'n janz juter Mensch, aber ick will auch meine Pochtzjohn ham aus den jroßen Topp, wo de Reichen dransitzen und dun nischt un machen siebenmal in de Woche Fettlebe! Ick bin nich etwa vor die alljcmeine Teilung, ih Jott bewahre! Laß jeder sehn wie er fertig wird! slber det Jcquak von Sinde un Verbrechen. Wenn ick heute Fabrikbesitzer bin, denn schind ick meine Arbeiter un saug' se det Mark aus de Knochen! Un wenn ick Heinrich Stackelmann bin, dann schind ick'n Fabrik- besitzer, wenn ick'n unter de Finger krieje, un zwar janich, wiet Mode isi Js det etwa unjerecht? Nee im Jejenteil, det is ne ausjleichende Jerechtigkeit, is detl Weiter janischt! Bloß natierlich wenn se unsaeenen bei'n Aasch kriegen, denn is man Onkel I Un so eener, der Frauen un klecne Kinder machulle macht, durch die merderische Akkordarbeit un auch seine Hungerlehne, der vadient Millionen un heeßt Kom- merzienrat un kriegt monatlich noch'n Orden, vor Vadienste um'u Staat— det is Jerechtigkeit!!" (Fortsetzung folgt.)! ffriie vorgcfchicbtUcbe funde aus Südweftfranfemch. Von Dr. L. Reinhardt. Das an Relikten(Ueberrcsten) aus der ältesten für uns nach- weisbaren Menichheitsgeschicdle so einzig reiche Gebiet der Dordogn« (Südfrankreich) hat uns wiederum einige hochwichtige Dokumente des Eiszeitmenschen geschenkt, die eS verdienen, in weiteren Kreisen be- kannl gemacht zu werden. Der wichtigste ist ein neuer Skelettfund, der vom rührigen Schweizer Archäologen O. Hauser gemacht wurde, und zwar aus einer weil jüngeren Zeil als sein vorjähriger, aus der dem Ende der vorletzten ZwischeneiSzeii angehörenden Scheuläenzeit"j stammender jugendlicher Homo Mousteriensis, d. h. Mensch von Le Moustier. Sein neuer Skelettfund gehört der zwischen der Moustvrien- und der Soluträenzeit gelegenen Äiirignacieuperiode an, die der Mitte der letzten Zwischeneiszeit emipricht. In ihr war an Stelle der ausgedehnten Tundren oder Moossteppen mit einer källeliebenden Tierwelt, wie sie für das Mouftärien kennzeichnend ist, ein wärmeres Klima mit Grassteppen und weiten Wiisieiistreclen dazwischen getreten. Damals wurde der die fruchtbarsten Gegenden Miireleuropas bedingende Löh abgelagert, in dem wir die unier freiem Himmel gelegenen Lagerplätze des„Löszmenschen* finden. Sie sind von kalkreickem Flugsand üderweht und uns so erhalten. Er jagte damals hauptsächlich das in kleinen Rudeln unter Führung eines LeitheugsteS die Steppengebiete durchziehende gedrungene, derb- knochige Wildpferd uiid den in größeren Herden äsenden und zur Tränke ziehenden Büffel, deren Knochen wir vorzugsweise im Speise- wegwurf seiner einstigen Lagerstätten finden zusammen mit ver- einzelten Knochen des Löwen, des Höhlenbären, von Wolf, Fuchs- Hyäne, Riesenbirich, aber auch Rennrier, Mammut und wollhaarigem Nashorn, die sich immer noch im Lande herumtrieben. Seine mit grohem Ge'chick aus Feuerstein zugeschlagenen Werk» zeuge und Waffen— die aus Holz sind begreiflicherweise nicht auf uns gekommen— sind durch eine ausgiebige Bearbeitung der Ränder durch zuerst gröbere und dann feinere Abschläge gekenn- zeichnet, wie sie zu keiner anderen diluvialen Zeit gebräuchlich waren. Buher Messern, Schabern. Pfriemen und Wurfipeeripitzen sind für dieie Menschheitsperiode besonders nuklousd die Bearbeitung eine feinere. Neue Formen stellen sich ein, wie die pyramidenförmigen Arattoirs(Schober) Tarto und hübsche viereckige Doppelkratzer mit bogenförmigen Schmalkanten und sehr sorgfältig ausgeführten Randretouchen. Noch weiter differenziert ist das Steingeröt in der dritten Schicht, dem Aurignacien supörieur, in der uns zum erstenmal die fem retouchierten poiates k cran entgegentreten neben feinerem 5knochengerät und allerlei Amulettschmuck aus Knochen oder Renngeweih. In der vierten Schicht endlich, die bereits einem reinen Solntröen angehört, erreicht diese Kultur der letzten Zwischeneiszeit ihre höchste Entwickclung, in- dem zu den nunmehr mit erstaunlicher Kunstfertigkeit gearbeiteten poiutos k cran mit zierlichem Hals wundervolle Lorbeerblattspitzen, prächtige Schaber. Bohrer und Stichel hinzutreten. Dag man be- stimmte Gerätetypen meist nesterweise beisammen findet, scheint darauf hinzuweisen, datz die Technik der Steinbearbeituug schon einigermaßen spezialisiert war und bestimmte Individuen in der Herstellung gewiffer SpezialWerkzeuge eine besondere Hebung besaßen, wie überhaupt nicht jedes Mitglied der Horde dieselbe Kunstfertigkeit in der Sleinbearbeitung besaß, waS ja bei einiger Ueberlegung ganz selbstverständlich ist. In der untersten, weitaus primitivsten Aurignacienschicht lag in einer völlig unberührten, breccienarngen, aus zahlreichen Feuerstein- gerate» und Knochenresten bestehenden, mit Sand und Kalk zu- lammengekitteten Schicht der um den Hals mit einem Kollier von durchbohrten Schneckengehäusen geschmückte Lößmensch aus dem kräftigsten ManneSalter mit tadellos gesundem Gebiß. Der Körper lag, etwas nach rechts gewendet und die Beine ziemlich stark gegen den Leib angezogen, in einer zweifellos künstlich hergestellten Bodenvertiefung bestattet mit allerlei Werkzeugen und Knochen alS Grab- beigaben. Das einst an letzteren befindliche Fleisch sollte dem zu- näctist in der Nähe des Leichnams hausend gedachten Geiste als Nah- rung dienen. Wenn sich unter den typischen Aurignaciengeräten auch solche deS älteren Moustärien befanden, so erklärt sich das einfach dadurch, daß man bei der Anlegung deS Grabes zufällig in die alte Kulturschichi gelangte und die darin befindlichen Steinwerkzeuge dabei auftührte. Im Gegensatz zum NcanderwlertypuS deS älteren Paläolithicnms (ältere Steinzeit), wie er uns noch im Moiistörien entgegentritt, weist der Schädel auf das Vorhandensein einer neuen Rasse in Europa hin, die nicht mehr die niedere, nach unten zu von kräfligen Augen» wülsten begrenzte Snrne, sondern eine viel bester gewölbte, schmale Stirne mit nur wenig angedeuteten Augenwülsten auswies. Die Rasenwurzel ist zwar noch recht breit, doch nicht mehr so breit wie bei jenem, auch war die Nase schmäler gebaut als bei jenem. Der Unterliefer ist kürzer, der Gelenkfortsatz steiler, daS Kinn, wenn auch nicht zurücktretend, so doch noch im rechten Winkel abfallend, statt wie beim heutigen Europäer einen nach vorne gerichteten Fort- satz zu bilden. Die Prognathie(Vorstehen der Kinnladen) ist nur noch schwach angedeutet, die Augenböhlen find als altertümliches Merkmal noch recht groß und das Gesicht noch breit, mit kräftig entwickelten Jochbögen. Im Verhältnis zum Rumpfe find die Extremitäten länger als beim Neonderthaler, insbesondere find Vorderarm und Unterschenkel gestreckter und erreichen fast dieselbe Länge wie Oberarm und Oberschenkel, alles neue, fortschrittliche Momente. Diese neue Menschenraste, die dann später die hochgewachsenen, noch weiter entwickelten Vertreter der Cro Magnonraste, die Träger der Magdalänienkultur der frühen NacheiSzeit. hervorgehen ließ, soll nach Klaatsch mit den heutigen Australiern m engerer verwandtschaftlicher Beziehung gestanden haben, WaS wir dahingestellt sein lasten. Sie brachte die Freude am Schmuck mit nach ihrem neuen Befiedelungsgebiet. scheint die Narbentätowierung ausgeübt zu haben, behing sich zum ersten Male für und nach- weisbar mit Muschelschmuck und begann die im Soluttäen, und dann beionderS im Magdalönien zu so hoher Vollendung gebrachte Höhlenkunst, anfänglich allerdings hilflos genug, auszuüben. Bei meinem Besuch der Dordogne im vergangenen Sommer war ich mit Herrn Hauser Zeuge, wie unter dem einstigen Felsenschutzdache von Fongal im Wzeretal, einige Kilometer flust» aufwärts von Le Moustier, das ausschließlich WerkzeugSlypen des Surignacien zutage förderte, in nächster Nähe von alten Herdstellen merkwürdige gravierte Steine gefunden wurden. Auf dem einen. der 2.08 Meter tief in einer starken Kohlenschicht lag, ist sehr un- deutlich eine Saigaantilope dargestellt. Auf den beiden anderen unweit davon gefundenen von 1,08 und 0,97 Meter Größe und 120 bezw. 140 Kilogramm Gewicht find die dargestellten, einander vielfach durchkreuzenden Figuren überhaupt nicht zu ent- rätseln. Was aber diese beiden letzteren Stücke besonders merkwürdig macht, find zwei mühsam in den harten Kreidekalkstein gebohrte Durch- lochungen, deren Zweck unerfindlich ist, vermutlich aber mit irgend- welchen Zauberkünsten, denen wohl auch die Zeichnungen gedient haben werden, in Zusammenhang stand. Diese Skulpturen sind weit- aus die ältesten der Menschheit und können auf ein Aller von etwa 150 000 Jahren geschätzt werden. Als diese aus Asien eingewanderten Lößmenschen sich nach und nach über Europa verbreiteten, fanden sie die Vertreter der älteren Neandertalrafie vor, die als in der Kultur niedriger stehend, von ihnen verdrängt wurden. Vielfach fanden aber auch Rasienmischungen statt, indem die Aurignacienleute na-v der Tötung der Männer annektierte Weiber der Neandertalrafie zu Frauen nahmen, so daß dieser Typus sich noch längere Zeit neben dem neu eingewanderten erhielt, wie verschiedene Funde beweisen. Schon vor diesem neuesten Funde von Combe Capelle find in Aurignacienschichten verschiedene nicht mit der Neander- talraffe in Einklang zu bringende Skeleltreste gefunden worden, so im unteren Aurignacien von Engis in Belgien, dann im mittleren Aurignacien von Cro Magnon bei Les Eyzies in der Dordogne. Auch die zeitlich nicht zu Ästimmenden Schädel von Galley Hill in Südengland und von Brünn und Brüx in Mähren find in der Bildung diesem Vertreter der Aurignacienrafie von Combe Capelle sehr nahestehend. Der letztere ist aber nicht nur da- durch bemerkenswert, daß er in genau fixierbarer, völlig unberührter Schicht gefunden wurde, sondern ganz besonders dadurch, daß das ganze Skelett in selten schöner Erhaltung auf uns gekommen ist, was bei der sonstigen Mürbheit so alter Knochen geradezu als ein Wunder bezeichnet werden darf. In der Regel find die Skeletteile so überaus brüchig, daß sie trotz aller Sorgfalt bei der Aufdeckung zu Staub zerfallen. Dies ist leider auch zum größten Teil mit dem Skelett geschehen, das bald nach dieser letzten bedeutenden Entdeckung von Hauser etwa 12 Kilometer westlich von Les Eyzies bei Le Bugue durch den Schullehrer Peyreny gefunden wurde. Trotz aller Sorgfalt beim Ausheben und der sofortigen Einbettung des Schädels in eine erhärtende Masse konnte nur ein kleiner Bruchteil de« Skeletts für die Wissenschaft gerettet werden. Es wurde dem Fund» berichte nach ebenfalls in Aurignarenschichten gefunden, doch ist noch nichts über feine Rassenzugebörigleit publiziert worden. Jene inter» efiante paläolithitche Fundstelle, die unter einem wenig hohen Felsen dicht an der nach Perigueux führenden Straße liegt und teilweise von ihr durchschnitten wird, hat mir bei meinem Besuche im ver- gangeneu Sommer in Begleitung des Besitzers Peyreny im Laufe eines Vormittags reiche Beute an Aurignacienwerkzeugen von aller» dings etwas roher Technik ergeben. Als ich in jenen, in verschiedenen Horizonten mit Kohlen- und Aschenschichren durchsetzten Aurignacienlaaen herumstocherte, hatte ich allerdings keine Ahnung davon, daß so dicht unter der reich mit aufgeschlagenen Knocken besonders deS Büffels durchsetzten Arbeitsschicht das wohl ebenfalls hier begrabene Skelett eines Eiszeitjägers liege. (Die beiden Funde O. Hausers. sowohl der vom Jahre 1908 wie der hier beschriebene sind zurzeit im Berliner Museum für Völkerkunde ausgestellt. Die Red.) (Na«!r.lct dcrvot«»1 IftinftUcKe Bdclftnnc. Von Dr. Ludwig Karell. Caecilia Vulpia war eine römische Kokotte. Cajus Gnaeus, einer ihrer Verehrer, wollte sich ihre Gunst durch einen Diamant- schmuck erkaufen. Da sich dieser aber als falsch erwies als ihn die schöne Caecilia auf dem klassischen Versatzamte belehnen laffen wollte, flog der listige Cajus beim nächsten Besuche zur Tür hinaus. An dieser Geschichte könnte alles wahr sein, denn es gab schon zu Vulpias und Gnaeus Zeiten— falsche Edelsteine. Der alte Se- neca erzählt, daß ein gewisser Demokritos Smaragde fast täuschend nachgeahmt habe. Herachius und Tehophilus berichten, daß in Italien zu ihren Zeiten schon Bleiglas zur Herstellung künstlicher Edelsteine verwendet wurde. Im Mittelalter konnte man bei jüdischen Juwelieren billig falschen Schmuck kaufen. Eine neue Etappe in dieser Jmitattonskunst bedeutet die Er- findung des Wiener Juweliers Josef Strasser, dem gegen Ende des 13. Jahrhunderts gelang, einen geeigneten GlaS- fluß hierfür zu finden, der nach ihm heute noch den Namen.Straß" oder.Pierre de Straß" führt. Dieser Straß ist ein Glas, das viel Blei enthält und diesem feine Schwere und sein Lichtbrechungs- vermögen verdankt. Sein hoher Glanz macht ihn zur Herstellung künstlicher Edelsteine geeignet, aber er ist zu weich und kann nicht längere Zeit der Abnützung widerstehen. Er wird genau so wie gc- wohnliches Glas hergestellt, aber die Materialien müssen zum Un- terschiede von unserem Fensterglas im reinsten Zustande verwendet werden. Sie müssen ferner mit großer Sorgfalt gemengt und ge- schmolzen werden. Der Straß muß vollkommen klar und homogen sein, wenn aus ihm ein richtiger falscher Edelstein gemacht werden soll. A mbesten macht man ihn aus Bergkristall, weil fast jede an» dere Ouarzart Spuren von Eisen enthält, die das Glas bei der Schmelze färben würden. Auch das kohlensaure Kali und die Mennige müssen chemisch rein sein. Werden alle erfahrungsmäßigen Kunstgriffe— die Reinheit des Materials, das feine Pulverisieren, das langsame Erkalten des Schmelzflusses(behufs Verhütung von Luftblafenbildung)— angewendet, dann entsteht ein Glas, dessen Farbenspiel mit dem des Diamanten wetteifern kann. Wird das kohlensaure Kai» durch das seltene Element Thallium ersetzt, so kann der Glanz den manches Diamanten sogar übertreffen. Solchen Straß braucht der Steinschneider nur zu spalten, zu polieren und zu schleifen und der falsche Edelstein ist fertig. Mit ihm kann der Cazus von heute die moderne Caecilia detrügen. Handelt es sich aber um die Herstellung eines farbigen Edel- steines. so muß dieser Straß nochmals pulverisiert und mit dem Färb- stoff neuerdings eingeschmolzen werden. Das Gelb im Stein des heiligen Gral, im Topas, macht man mit chlorsaurem Silber. Ter Smaragd, die zu Stein gewordene grüne Meeresivoge, er- heischt den Zusatz von Kupferoxyd. Dem Saphir gleicht das Auge Gretchens, es spiegelt in jenem lichten Blau, das der Himmel an sonnigen Sommertagen zeigt. eS ist der Stein der Bräute, denen er Tage ohne Schatten und einen Himmel ohne Wolken verheißt und um diesen ganzen Zauber herzustellen, bedarf eS nur— einer Mischung von Kobalt- und Kupferoxyd. Dem Veilchen ent- lehnte der Amethyst seine Farbe, der Chemiker dem Kobalwxyd mit etwas Braunstein. DaS feurige Rot des Rubin leiht er sich vom Chlorgold aus. Diese Stoffe haben große färbende Kraft. Ein Teilchen Chlorgold genügt z. B., um 10 000 Teile Straß m Rubin zu verwandeln. Nur ein gewiegter Kenner vermag solche Imitation von echten Steinen zu unterscheiden, so lange jene frisch sind. Solche falschen Steine nützen sich aber bald ab. werden»blind", verlieren Farbe und Feuer. Der Schmuck des Orients, der den HaremSdamcn eigenste Stein, ist der Türkis. Er ziert die Stirne der Sultaninncn und seine Farbe, süß und verschwiegen wie der azurblaue Spiegel des Bosporus, soll sich verdunkeln, wenn sie ihre Herren betrügen. Diese Probe hält natürlich der imitierte Türkis aus durch Zink- oxyd unsichtbar gemachten Straß, der mit Kupferoxyd und Kobalt gefärbt ist, nicht aus. Aehnlich werden Opal und Chalzedon her- gestellt. Neuerdings macht man sogar Imitationen, die nicht nur die äußerlichen Eigenschaften ihrer Vorbilder aufweisen, sondern sogar die charakteristischen Bestandteile der nachgeahmten Steine be- sitzen, so daß eine oberflächliche chemische Untersuchung den Anschein der Echtheit ergeben kann. So kommen aus Straß hergestellte grüne Steine in den Handel, die nicht nur dem Smaragd äußerlich gleichen, sondern die auch tatsächlich etwas von der dem Smaragd eigentümlichen Bcryllerde enthalten. Außer solchen Steinen wer- den noch»dublierte Steine" hergestellt, die mit einer feinen Schicht von geschmolzenem Granat überzogen werden, um die den Jmi- tationen eigene Weichheit zu verdecken. Andere„Dubletten" sind aus einem falschen und einem echten Steine zusammengesetzt. So legt man z. B. unter einen echten Diamanten ein Stück Berg- knstall, unter einen Rubin oder Saphir ein Stück Straß. Wer- den diese als Dubletten billiger verkauft, so wird niemand daran Anstoß nehmen. Ein Betrug ist es jedoch, wenn diese künstlich vergrößerten Steine so teuer wie durchaus echte verkauft werden. Woran erkennt man nun, daß man es mit einer Imitation zu tun hat? Das einfachste Mittel ist schon angedeutet worden. Imita- tionen sind weicher als die echten Steine, darum sind sie auch weniger widerstandsfähig; der Schweiß der Haut, die Seife beim Waschen, ja sogar die Kieselsplitterchcn im Staub schaden solchen Falsifikaten, machen sie wie schon gesagt,„blind", beeinträchtigen mit der Zeit Glanz und Feuer. Mit einer harten Stahlspitze kann man fast jede Imitation ritzen, aber keinen echten Edelstein. Auf diesem hinterläßt auch ein Aluminiumstift keine silberige Spur wie auf dem Falsifikat. Unter der Lupe zeigt dieses gewisse Un- rcgelmäßigkeiten, die sogenannten„Schlieren", der echte Stein nicht. Ferner brechen alle edlen Steine— mit Ausnahmen des Diamanten— das Licht doppelt, was die künstlichen Glasflüsse nicht tun. Die Zeit ist nicht mehr allzu fern, in der mcnr. solche GlaS- flüssc überhaupt nicht mehr machen wird, vielmehr hat die Zau- berin Chemie uns von dem Wesen der so heiß begehrten funkeln- den und gleißenden Mineralien schon so vieles verraten, daß ihre Herstellung im Laboratorium nur eine Frage der Zeit ist, nämlich die Darstellung von Rubinen, Saphiren, Smaragden. Diamanten usw.. selbst mit allen ihren Reizen, ihrem Farbenspiel, ihrem Glanz, ihrer Härte und Jhrer Zusammensetzung. Heute schon hat die Fabrikation der Schmucksteine, namentlich in Deutschland, einen solchen Aufschwung genommen, daß sie bereits die Edelsleinindustrie und den Juwclcnhandel merklich bedroht, zumal in jenen Län- dern, wo große Kapitalien in diesen Luxusgegenständen inoeskiert sind, wie in Frankreich, England und Amerika. Die auf chemischem Wege hergestellten künsilichen Ru- Ibine und Savhirc sind den natürlichen vollkommen ähnlich, manche Laboratoriums-Rubinc sind sogar schöner als die ausgegrabenen. Sie lassen sich von den letzteren nur durch die nlikroskopischc Un- tcrsuchung, oder durch Röntgenstrahlen unterscheiden. Rubine und Saphire können ihr feuriges Rot und ihr leuchtendes Blau nicht behaupten, wenn sie von Radium bestrahlt werden, die modernen künstlichen Rubine und Saphire behalten hingegen bei Radium- bestrablung ihre Farben. E b e I in a n n und F r e m y, zwei Pariser Chemiker, stellten zuerst künstliche Rubine her, indem sie Tonerde und chromsaures stali schmolzen und dann kristallisieren liehen. Im großen sabrik- mäßig betrieb erst der Mitarbeiter Fremys, Vcrncuil(1890), diese Kunst, indem er hierbei das Knallgasgcbläse anwandte. Ihm ge- lang es, ein Kilogramm Rubin zu erzeugen. Das ist wohl mehr als die Rubinwäschercicn Indiens und Ceylons in einem Jahr- hundert lieferten, und mehr als das waS hundert Juweliere be- zahlen könnten, wenn cS sich um Steine von Birma, Siam oder Ceylon handeln würde. Sind doch schon für schöne, fünfkaratige Rubine 80 000 M. bezahlt worden! Vcrneuil konnte sogar Rubine herstellen, die in Saphire übergehen und umgekehrt. Rubin und Saphir sind näinlich beide Abarten eines und desselben Minerals, des Korunds. Wer noch nicht alles verschwitzt hat, was er von der Mineralogie hätten lernen sollen, weiß, daß Korund den neun- ten.Härtegrad hat. Nur Diamant ist härter. Unter den heutigen wissenschaftlichen Edelsteincrzcugern sieht Professor Micthe in Berlin in erster Reihe. Nach seinem Ver- fahren arbeitet die„Deutsche E d e l st e i n- G c s e l l s ch a f t" in Idar. Die schon vorhin genannten Ingredienzien(Tonerde und chromsaures Kali, oder auch Chromoxyd) werden bei der Hitze des elektrischen Flammenbogenofens geschmolzen, um Rubine zu machen. Für diese und Saphire sind etwa L000 Grad Hitze er- forderlich. Das Blau des Saphirs wird auch hier, so wie bei den alten Straß-Steincn, noch mit Kobalt gemacht. Schwieriger als Rubine und toaphirc ist der Smaragd zu fabrizieren. Doch gelang es den beiden französischen Chemikern Haiitefeuille und Percy durch Zusammenschmelzen von Beryll- erde(14 Prozent), Tonerde(19 Prozent) und Kieselerde(07 Pro- zenti Kristallchen von Smaragd zu erhalten. Dieser Erwcrbszwcig »oäre auch sehr lohnend, da man für einen dreikaratigen reinen Smaragd 3000 M. und für einen ebensolchen sechskaratigcn sogar 10 000 M. bezahlt. Eines der wichtigsten Erfordernisse der modernen Edelstein- industrie ist die enorme Hitze. Erst seitdem H. G o l d s ch in i d t in Essen mittels seines Thermits Temperaturen von 3000 Graden lieferte, nahm die Edelsteinfabrikation den großen Auf- sebwung. Goldschmidt selbst erzeugte ja auch große Stücke reinen Korunds. Bis heute ist es noch nicht gelungen, den König der Edel- sieine. den Diamanten, in größeren Stücken herzustellen. Wandelt man den Spuren der Natur nach, so dürften oultanische Kräfle den Diamanten hervorbringen, denn man findet ihn unter anderem im vulkanischen Tuff, dem sogenannten„blauen Grund", in Kimberley und JagerSfontain, ferner auch im zersetzten Olivin- felö und in Meteoriten. Künstliche Diamanten zu erzeugen, ist oft versucht worden, man erzielte aber im besten Falle so winzige Dwlvrantensplittcrchen, daß sie für die Praxis gar nicht in Be- tracht kommen. Zuerst war es Moissan in Paris, dann Fried- länder in Berlin und Haßlingcr in Prag, die solche mikroskopische Brillantchen erzeugten. Zu diesem Zweck ließen sie den Kohlen- fioff, aus dem bekanntlich der Tianiant besteht, auL kieselsaurer Magnesia auskristallisieren. Der Diamant kristallisiert aber lieber in Form von Graphit als in seiner eigenen aus. Graphit ist ja auck eine Form des Kohlenstoffs. Daß sie künstliche Herstellung des Diamanten des Sckweißcs der Chemitcr wert ist. dafür sei aus der großen Zahl von Bei- spielen nur das dcS„Imperial", des größten Brillanten auf der Pariser Ausstellung von 1889, angeführt. Er stammte aus der Jagersfontain-Minc und gehörte einem englischen Syndikat. Ter Ruf von seiner außerordentlichen Größe und Schönheit(er wog 180 Karat) um bis zum Nyzam(indischen Fürsten) von Öhderabad gedrungen. Vor dem„Imperial" war der größte Diamant der des Maharadscha von Baroda. Ein Armenier. namens Jacobs, setzte dem Nyzam von Hyderabad auseinander, daß er. der einen viel größeren Staat als Baroda regiere, auch ein größeres äußeres Emblem seiner Macht zur Schau tragen müsse. Jacobs erhielt auch tatsächlich den Auftrag, den Stein zur Ansicht zu bringen. Das Londoner Syndikat verlangte vor- licrigc Deponierung des vollen Wertes(viereinhalb Millionen Frank) und 00 000 Frank Entschädigung samt Vergütung aller sonstigen Kosten, wenn der Brillant nicht gekauft würde. Es wurde ein Tag bestinimt, bis zu dem der Diamant zurückgestellt werden müsse, anderenfalls er als verkauft anzusehen ist. Der Tag verstrich ohne ein Zeichen seitens des Nyzam, weshalb daö Syndikat die Summe einstrich. Einige Tage später erschien aller- dingS ein Vertreter des indischen Fürsten mit dem„Imperial" in der Tasche, um die 44h Millionen Frank zurückzunebmen, allein das Geschäft war nicht mehr rückgängig zu machen. Es kam sogar zu einer Klage und der Nyzam erließ eine Proklamation an seine Völker, in der er ihnen den Vorgang nach seiner Auffassung er- zählte, warum er sich veranlaßt sähe, von seinem hohen Thron bcrab in den Gerichtssaal zu treten. Allein auch diese Herab- lassung nützte ihm bei den europäischen Gerichten nichts. Nachher hat er sich mit dem„Imperial" und sogar mit dem Armenier Jacobs ausgesöhnt, ob ihm aber nicht der noch um 60 Karat schwerere„Jubile". der Clou unter den Juwelen der Pariser Ausstellung von 1900. schlaflose Nächte verursachte, ist nicht bekannt. Jeden Tag müssen wir gewärtigen, daß dank der Fortschritte aus chemischem Gebiete der künstlich hergestellte Diamant auf dem Markte erscheint, dann können der Nyzam von Hyderabad, der Mabaradscba von Baroda und noch andere indische und nicht- indische Fürsten, die Epigonen der Caecilia Vulpia und noch viele. viele andere sick� um andere Embleme ihrer Macht und der Be- Wertung ihrer Schönheit umsehen. kleines Feuilleton. Literarisches. Wolf gang Kirchbach in seiner Zeit. Briefwechsel und Essays aus dem Rachlaß herausgegeben von Marie Luise Becker und Karl von Levetzo w(Georg D. W. Callwey. München 1910). Der namentlich durch seinen viel verbreiteten Roman:„ D a S Leben auf der Walze"(1893) auch gerade in Arbeiterkreisen bekannt gewordene Dichter starb 1906 inmitten seines reichsten Schaffens, kurz ehe er das fünfzigste Lebensjahr erreicht hatte. Äirchback entstammte einer regsamen Künstlerfamilie. Er wurde als Sobn des Historienmalers und Professors Ernst Kirchbach am 18. September 1857 zu London geboren. Dort, sodann in Dresden, Paris, München verbrachic er längere Zeiten seines Lebens und weilte zuletzt in Groß-Lichtcrselde. Nach alledem, was er dichter- künstlcrisch anstrebte und als Strebender gab, wie er sich kampffroh inmitten des Weltgetriebeö stellte und doch wieder einsam blieb— war Kirchbach eine der Genialität des überreich Schaffenden keinesfalls cntratende Persönlichkeit. Die unruhvolle Art seines Lebens und seiner Betätigung, der ewige Kampf um alle möglichen EntwicklungSformcn der Menschheit, die er er- strebte, die vielen Ziele, die er und seine Freunde zu erreichen trachteten, lassen sein Lebe» unruhig, viel- gestaltig und wechselnd erscheinen, urteilt sebr zutreffend Kirchbachs Witwe, die Schriftstellerin Marie Luise Becker. Rasten und Ausruhen war nicht seine Sache. Er hatte einen scharfen Blick für allen Kasten- und Cliqnengeist; und schon der eine Umstand, daß er weder hierfür noch für irgend eine literarische Richtung zu haben war. macht ibn uns als Charakter shmtzathisch. Er hatte stark Teil an der„Revolution der Literatur", die in den achtziger Jahren ein- setzte, gegen die Epigonen Front machte und die realistisch« Veoboch- tung, das Frcilicht an Stelle aller Schönfärberei setzte. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten und rücksichtslosesten Stürmern und Drängern in der Sturm- und Drangperiode unserer Literatur, ohne indessen jemals den glatten Realismus anzubeten, der nur die Beobachtung und nicht den Sinn der Dinge als künstlerische Not- wcndigkeit betrachtete. Hier war die Grenze für sein Ver« stäiidnis der Jüngsten und Allcrjüngsien. Er, der mit Michael Georg Conrad in München die nachmals so berühmte als fanatisch bekämpfte Zeitschrift„Die Gesellschaft" gründete, in deren ersten Jahrgängen er eine Neige ausgezeichneter literar» ästhetischer und pbilosophischer Beiträge veröffentlichte, ivar doch nicht mit seinem Namen als Mitherausgeber zn gewinnen, wie aus dem hier erstmalig publizjerwn Briefwechsel ersichtlich wird. Er wahrte sich seine Unabhängigkeit selbst auf die Gefahr, später als Abtrünniger befehdet zu werden. Aber wer möchte Kirchbach auS der jüngstdcutschen Literaturbewegung missen wollen, missen können? Neben Conrckd war er der stärkste Anreger: zweifellos zugleich der wissenschaftlich und philosophisch tiefste und disziplinierteste Denker- geisl von allen. Schon ans diesem Grunde ist zu wünschen, daß sein GednckitniS der Nachwelt nicht verloren gehe. Und nocb wünschenswerter erscheint die Neuherausgabe seiner Werke. Das soll nunmehr gescbeyen. Der hier angezeigte Band bezweckt gemäß seinem Titel.Kirchbach in seiner Zeit" zu zeigen. Darin wird über des Dichters Leben, über sein Verbätmis zur Musik, zur modernen Literatur, zu Tbcatcr, bildender Kunst, Volks- erzichung sowie endlich über seine Weltanschauung reichlicher Ausschluß gegeben. Diesem werbenden Bucbe sollen sich KirchbacbS „Gesammelte poetische Werke" in ächt starken Bänden von je 30—40 Bogen Umfang anschließen. Freilich, der Preis von 40 M. broschiert und 48 M. gebunden schließt eine Anschaffimg in un- bemittelten VolkSkrcisen an?. Nichtsdestoweniger ist eine Gesamtausgabe dieser Kirchbachschen Schöpfungen, die ein Bild der Ent- Wickelung des Dichters gibt und den inneren Zusammenhang Kcr- stellt, anS dem heraus und in dem sie entstanden, eine Pflicht. Von diesem Gesichtspunkt aus soll denn der von verschiedenen Schrift- steller-Persönlichkeitcn erlassene Aufruf zur Subskription gern und bereitwilligst unterstützt sein.__«?. k. Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwarisBuchdruckerei u.Vertag«aiiiiatl'xaulSmgerücEo..!vertinLVV7