Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 37. Dienstag den 22 Februar. 1910 (Jtadtaus vervolea.) 871 Im JVamen des Gesetzes. Von Hans Hyan. „Ick jehe heite Amd nich zu Hause!" stieß Georg plötzlich hervor. „Damit De Dir man ja recht verdächtig machst! lln se Dir, wenn se Dir finden— urt se finden Dir!—, det se Dir fcenn dann erscht rechtinkapseln!... Nee, in Jejenteil, Du jehst nach Hause wie alle Dacze! Un wenn se wat wollen, denn zuckste mit de Achseln. Wahst denn bei? Na also. Du Schlemmer�)! Wat kenn se Dir denn? Det schlimmste is, se spunn' Dir'n paar Dage in! Na, un wat is'n da weiter bei? Da haste Dein eijnet Zimma, Deine scheene saubre Wäsche! Da kannste jleich, wenn De intrittst,'n Bad nehmen un uff Lause wirste ooch untersucht!... Na, Du weetzt det ja besser, wie ick Dir't sagen kann. Du wahst ja schon drin! Hast Dir ja ooch schon uff Staatskosten anehrcn lassen!... Wcch? Uff zwee Monate?... Na sehste, dis janz scheen! Da kann nian schon wat lern', wenn man sich Miehe jibt! Aber ich firchte, dazu bist Tu zu demlich! Du bist jenau so law�) rausjekommen, wie De rinjejang bist!" Georg mußte lachen. Der grüne Heinricht hatte etwas sehr komisches, wenn er mit einer wunderlichen Ruhe seine Ansichten entwickelte, die oft den Kern de? Sache trafen. „Na sehste, nu lachste wieder!" feixte der Grüne,„un ja janz jeb ick ja ooch die Hoffnung noch nich uff mit Dir! Du paßt zu jroßartig dafor, bloß Du hast keene Ruhe nich un willst immer jleich mit'n Kopp durch de Decke! Det jeht nich! In den Berus, da muß man allet Uffsehn vermeiden! Un je dusslicher sich de andern haben, wenn irjent eenen von se mal wat wech kommt, oda et kricht ecna von det Pack mal eens uff de Spitze'), desto ruhijer»n jleichmietiger muß sich unsaeena dabei benchm! De Hauptsache is, det man ranjeht wie Pampe! Denn klappt's ooch un denn.. „Jeht man hoch, det ein angst und bange wird", fuhr Georg fort.„Da kannste nich so ville reden! Un wenn se morgen früh um sechse da sind bei mir, denn hilft mir allet Nachdenken un alle Ruhe nischt, denn muß ick mit!... Un ick will Dir't janz offen sagen, Heinrich: Du weeßt doch, bei mir kann kommen, wer will, aber da helft doch aller Mut un alle Kraft nischt, da muß ick doch mit!.. „Aber se komm' ja ooch noch janich!" „Na, un wenn se komm'?" „Denn schick se man bei mir," meinte der Einbrecher,„ick Wohn in det neie Haus, um de Ecke, jleich links...." Ein gräulicher Lärm brach das Gespräch der beiden ab. Buffalo Bill, ein Zuhälter, der behauptete, schon mal in Texas gewesen zu sein, hatte mit Seidenlenchen, seiner früheren Braut, Streit bekommen. Er hatte ihren jetzigen Liebsten. einen ehemaligen Schlächter,„'n Eisbeenluden" genannt, und sie hatte diese Beleidigung ihres Bräutigams damit er- widert, daß sie ihrem früheren Liebhaber ins Gesicht spie. Der Mann schlug mit dem Stock nach ihr, aber das Mädchen, das vom Lande und sehr kräftig war, stürzte sich auf ihn und biß wie eine Tolle. Stühle fielen um, Gläser klirrten vom Tisch, und in dem Menschenknäuel kreischten die Weiber und schimpften und lachten die Männer. Schließlich langte Kürasfierwilhelm nach Buffalo Bill, ein anderer zog das Mädchen unsanft zurück. Der Geschäftsführer erschien schon' doch nachdem Seidenlenchen von ihren Freundinnen hinaus- gebracht war. lachte der Frieden wieder, als hätte es hier nie eine Uneinigkeit gegeben. Hellwig stand mit dem Grünen in der Nähe der Tür, als die schwarze Adele mit dem anderen Mädchen herankam. ».Na, seid Ihr endlich fertig mit Quatschen!" schmollte sie. Der Grüne lachte. „Dauert Ihn' woll zu lange, Fräulein? Hätten sich ja solange'n andern anschaffen können!" „Ihnen vielleicht, ja? Na, dies wer's letzte!... Aber Du, Jeorch," wandte sie sich an ihren Liebsten,„weißte, was ') Angstmeier, Dummkopf.*) Ebenso wie link, ungeschickt. ')»°pf. die Lisbeth mir eben erzählt hat? In de Königskrone sitzH jetzt jeden Abend'ne jewisse Ella Hellwig... Ob det'ne Verwandte von Mr is? Un weeßte, mit wem se jeht? Mit Schneppern! Du kennst'n doch, den jroßen, mit'n Popo.» scheitel..." „Wa, was?" Georg Hellwig war's, als ob er schwindlig würde, doch riß er sich mit Gewalt zusammen und sagt» stockend: »Ja... ja... die kenn ich... des is'ne Ver- wandte... Das heißt: wenn's die is... un mit Schneppern.... ah," er schrie plötzlich,„der Schwein# Hund!... der Schweinehund!..." Und den Hut, den er in der Hand hielt, aufstülpend, wa» er mit einem Sprung aus dem Zinimer, die Treppe hinunter und in dem Gewühl des Tanzsaales verschwunden. 25. Das Caf6 Königskrone war voller Gäste, als Georg Hellwig aus der Droschke sprang und an dem die Glastür auf- reißenden Portier vorbeistürmte. Sein Auge flog über die Männer und Frauen, die auf den gelben Polsterbänken und Wiener Stühlen um die kleinen und großen Marmortischs saßen und beim Kaffee und anderen Getränken um die Liebe handelten. Aber Georg interessierten sie jetzt nicht, diese bunten Weiber, deren Blusen und Arme, um Käufer anzulocken, sa tief, als es nur irgend ging, dekollettiert waren. Rücksichtslos an die Stühle stoßend, hörte er die Worte und Benierkungen kaum, die ihm nachflogen, und rannte nun schon zum zweiten- mal durch die Tische, ohne die zu finden, die er suchte. Da, in der Nische! Sie verkroch sich hinter einem dicken Menschen, der neben dem kleinen Sofa, das sie einnahm, auf dem Stuhle saß. „Ella!" Er stand bei ihr am Tisch. Sie wollte weinen, aber jetzk, wo er ihr so voller Zärtlichkeit die Hände hinstreckte, begnügte sie sich mit ein paar Tränchen, die in ihren langen blonden Wimpern hängen blieben. „Endlich, endlich Hab' ich Dir jefunden!" rief Georg froh,„wie is es bloß niöchlich, man looft jeden Tag in Berlin rum un sieht sich nich!... Biste denn noch bei de Olle? Aber woll nee. Du hast ja..." Sein Gesicht verdüsterte sich, er sah die Schwester scharf an, die zusammenzuckte, und dann umherspähend:„Wo is denn der Kerl? wo is er denn? Sein Glück, det ick'n nich hier treffe!..." Der dicke Mann an Ellas Seite, wohl schon ein bißchen betrunken, sah ratlos das Mädchen an, blickte auch einmal zaghaft zu Georg hinüber, der ihm offenbar Angst machte. Dann erhob er sich schwerfällig und sagte, mit einem Ver- such zu scherzen: „Wissen Se, Fräulein, Se wissen doch! Ick jeh bloß mal darieber... Ojcnblick!..." Aber er nahm Hut und Paletot vom Haken, nickte noch und ging. Georg sah, wie er im Gang den Mantel anzog und das Eaf6 verließ. Ella lachte. „Wir wollen auch gehn, Jeorch, ja?... bei mir zu Hause oder sonsbvohin..." Daß sie fürchtete, Schnepper könnte sie hier jeden Augenblick aufsuchen, verschwieg sie. Ihr Bruder war gern einverstanden. Er half ihr, die ein weißes, spitzenbesetztes und sehr duftiges Kleid trug, dessen tiefer Ausschnitt und Aermel mit Tautropfen übersätcm Seidentüll bespannt waren, in den hellen, sehr eleganten Mantel hinein und freute sich, wie ihre Eleganz und Schön- heit die hier sitzenden Mädchen überstrahlte. „Bist viel zu schade dazu!" sagte er leise,„und besonders für solchen Strolch!" „Laß doch man!" begütigte. sie ihn.«Es is ja man halö so schlimm!..." „Aber ich will's nich!" „Ja, ja, konim dich man!" Draußen stiegen sie in eine Droschke, und wie sie im Fond saßen, fragte Ella lächelnd: „Aber wohin denn nu? zu mir?" „Na ja!" sagte er,„meinetwegen!" „Also Kutscher, Hedemannstraße El" „Moll, woll!" antworte!« d'er auf dem Bock, noch ein Zimger Mensch, dem der schwarze Lackzylinder schief auf dem Ohr sab, knallte mit der Peitsche und das Pferd zog flott an. „Geht wie'n Automobil!" meinte Ella, nur um etwas zu sagen, weil sie doch mit Angst den unausbleiblichen Er- klärungen entgegensah. „Ja," erwiderte er, der jetzt selbst ctivas wie Scheu davor verspürte,„det jeht besser wie mit'n Omnibus! Aber nu sage mal, Ella, Hab ich mich denn nu jeirrt oda warst Du't doch, damals bei die jroße Blonde in de Langcstraste?" Das blonde Mädchen nickte. Sie weinte schon wieder und schluchzte. „Es war mir zu furchtbar, Jeorch! Ich könnt' es nich! lln wenn ich jleich hätte sterben sollen. Ich konnte Tir nich flnschn, damals!..." „Na," sagte er, durch die Erinnerung an die Misthand- lungen gereizt,„besser wär't aber jewcsen, wenn De dajeblieben Werst I... Se hätten mir beinah dod- jeschlagen!..." Mit gesenktem Kopf nahm sie seine große Hand in ihre kleinen Finger und streichelte fie. Er fühlte ihre Tränen darauf tropfen. Das rührte ihn so, daß er sie umfaßte und küßte. ..Lieber Jeorch!" „Meine kleine Ella!" Auch ihni versagte die Stimme. So liebkosten sie sich gerührt eine Weile, dann sagte er: „Na un wie kam et denn nu?'n Blauer war doch nach- her ooch dabei, wenn ick mir recht entsinne.... T-cnn weeßte, nur is die janze olle Jeschichte wie in Nebel..... Sc haben mir zu sehr unterjehabt, die Bande!" Sie seufzte. Dann sagte sie tiefatmcnd: „Ja, mit uns war's ja nu ooch alle.... Tie Olle hat uns ja nich mehr mitjenomm' in die neue Wohnung. Aber't half ihr alles nischt, se steht unter Anklage." „Na, mir wundert, daß dat jetzt erscht jckommen is!" sagte Georg.„Reif davor war se doch schon lange!" „Ja, aber die Leite, die bei uns vakehrt Harn!... Des is doch'n Unterschied!... Da soll soja'n Minister bei- jewescn sind!" „Ach!... na aber Heere mal, Ella, sowat, det kriejcn se doch ieberall, da brauchen se doch nich erscht bis nach Lange- straße raustürm'!" Das Mädchen schüttelte den Kopf, sie wollte etwas sagen, schien aber noch Bedenken zu haben. „Un wenn Du ooch bei wahst!" fuhr Georg fort,„un ooch sonst redht hibsche Meechens... det jibbt's doch unta de Linden oda in de Friedrichstraßc... Sieh mal da!" Er deutete in das Gewühl, das jetzt um 1 Uhr nachts in dieser großen Lustader Berlins nicht geringer war wie zur gleichen Stunde am Mittag... lFortsetzung folgt.) Eine Lerlmer lUiftfadrt vor hundert Jahren. Bei dem großen Interesse, dn-Z Heute alle Welt der Durchkreuzung der Lust entgegenbringt, mag Hier die fesselnde Schilderung einer „Luftfahrt" aus dem Fahre 1817 Platz finde», in der der Verfasser unter anderem auch der Erscheinung einer Art Fata Morgan« in den Wolken Erwähnung tut. Der Verfasser de>Z Aufsatzes ist Her m a» n V. Puckler- Muskau(1785 bis 1871), der durch seine kapriziöse, geistreiche, süffisante Schriftstellerei(darunter:„Briefe eines Ver- �storbcncn") und mehr noch durch seine Landschastsgärtnerei bekannt geworden ist. Wir finden den Aufsatz in„Tum Frulti, aus den Papieren des Berstorbeucn"(1834). .Ich war", so beginnt er,„kaum von einer schweren Krankheit halb genesen, als Herr Neichhard»ach Berlin kanr und auch »nir seinen Besuch inachte, um sich Empfehlungen zu verschaffen. Herr Neichhard ist ein gebildeter Maiin, und seine Erzählungen erweckten eine große Lust in mir. auch einmal im Reiche der Adler mich umzusehe». Wir wurde» bald einig, er gab seinen Ballon her und i ch trug die Kosten, beiläufig gesagt, eine nicht ganz unbedeutende Ausgabe, dcim sie kam auf 600 Rthlr. zu stehen. Das mir bevorstehende Vergnügen war aber wahrlich nicht zu teuer da- durch bezahlt. Der Tag, den wir wählten, war einer dcr schönsten, kaum ein Wölkchen ani Himmel zu erblicken. Halb Berlin hatte sich auf Plätzen Knid Straßen versammelt, und mitten aus der bunten Menge erhoben wir uns, sobald ich die Gondel bestiegen, langsam gen Himmel. Diese Gondel war freilich nicht größer als eine Wiege, die Netze aber, die fie umgaben, verhrnderien jeden Schwindel, wenigstens kann ich nicht sagen, daß mich, ohngeachtet meiner Schwäche nach eben über- standcner lebensgefährlicher Krankheit, auch nur das mindeste un» angenehme Gefühl angewandelt hätte. Wir stiegen so allmählig auf, daß ich noch vollkommen Zeit hatte. mehreren Damen und Herren meiner Bekanntschaft freundliche Winke und Grüße aus dcr Höhe zuzusenden. Nichts Schöneres kann man sich denken, als den Anblick, wie»ach und nach die Menschenmenge, die Straßen, die Häuser, endlich die höchsten Türme immer kleiner uild kleiner wurden, der frühere Lär», erst in ein leises Gemurmel, zuletzt in lautloses Schtveigen überging, und endlich das Ganze der verlassenen Erde gleich einem Psyfferschcn Relief fich unter uns aus- breitete, die prächtigen Linden nur»och einer grünen Furche, die Spree einem schwachen Faden glich, dagegen die Pappeln der Potsdamer Allee riesenmäßigc, viele Meilen lange Schatten über die weite Fläche warfen. So mochten wir mehrere tausend Fuß gestiegen und einige Stunden sanft fortgeweht worden sehn, als sich ein neueS, noch weit grandioseres Schauspiel vor uns entfaltete. Rund umher am Horizont stiegen nämlich drohende Wolken schnell nacheinander empor, und da man sie hier nicht, wie auf der Erde, bloß an ihrer unteren Fläche, sondern im Profil in ihrer ganzen Höhe sah, so glichen fie weit weniger gewöhnlichen Wolken, als ungeheure», schneeweißen Bergketten von den phantastischsten Formen, die fich alle über uns hinweg stürzen zu wollen schienen. So rückten sie, ein Koloß den andern drängend, von allen Seiten uns umzingelnd, immer näher heran. Wir aber stiegen noch schneller und waren schon hoch über ihnen, als sie endlich in der Tiefe zuiammeirstießcn, und wie ein vom Sturni bewegtes, wogendes Meer, sich über- und durcheinander wälzten und die Erde bald gänz- lich unserem Blick entzogen. Nur zuweilen zeigte sich hier und da ein unergründlicher Schacht, vom Sonnenlichte grell erhellt, wie der Krater eines feuerspeienden Berges und schloß fich dann wieder durch neue Massen, die, in etvigem Gären, bald blendend weiß, bald duulelscknvarz, fort und fort hier sich hoch übereinander türmten, dort bodenlose Spalten und Abgründe bildeten. Nie habe ich aus Bergen etwas AchnlicheS erlebt. Denn aus solchen Standpunkten wird man durch das große Volumen des Berges selbst zu sehr gehindert und kann daher irgend Vergleichbares nur in der Entfernung oder einseitig geivahren, hier aber wird nichts von dem erhabenen Himmelsschauspiel dem Auge entzogen. Höchst seltsam ist anch das Gefühl totaler Einsamkeit in diesen von allem Irdischen scheinbar abgezogenen Regionen. Man könnte fich fast schon auf dem Wege hinüber glauben, als eine Seele, die zmn Jenseits ausflöge. Die 3iatur ist hier ganz laiitloS, selbst den Wind bemerkt man nicht, da man ihm keinen Widerstand leistet und mit dem leisesten Hauche forigetveh: wird. Nur um sich selbst drehte zmveile» die kleine Wiege mit ihrem kolossalen Ball sich, gleich eiucni Bogel Rock, der fich im blauten Aether schaukelt. Böller Entzücken stand ich einmal jählings auf, um noch besser herabznschauen. Da bemerkt« Herr Neichhard kaltblütig, ich möchte das nicht tun, denn bei der Eile, mit der alles gegangen, sei dcr Boden der Gondel nur angeleimt und könne leicht abgehen, wenn nicht behutsam mit ihm verfahren werde. Man kann sich denke», daß ich unter solchen Umständen mich fortan so ruhig als möglich verhielt. Die erwähnte Eile schien auch bei der Füllung obgctvaltet zu haben, sowie bei der Ballast- Provision, denn wir fingen bereits an zu sinken und mußten mehrere Male von dem sparsam tverdenden Ballast auswerfen, um wieder zu steigen. So hatten wir fast unvermerkt uns in da? Wolkenmeer getaucht, das uns nun ringsum wie dichte Schleier umgab, durch welche die Eoune nur wie dcr Mond schien, eine Osfiansche Beleuchtung von seltsamer Wirkung, die eine geraume Zeit anhielt. Endlich zerteilten sich die Wolken und schifften nur noch einzeln am wieder klaren. azurnen Himincl umher. Als sollte nun unserer glücklichen Fahrt anch keinS, selbst der seltensten Ereignisse fehlen, so erblickten wir jetzt erstaunt auf einem dcr größten Wolkengcbirge eine Art Fata- morgana, das treue Abbild unserer Personen und unseres Ballons, aber in den koloffalsten Dimensionen und von bunten Regen- bogcnfarben umgeben. Wohl eine halbe Stunde schwebte uns das gespenstige Spiegelbild fortwährend zur Seite, jeder dünne Bind» saden dcZ uns uingebenden Netzes zum Schiffstau angeschwollen, wir selbst aber gleich zwei unermeßlichen Niesen auf dem Wolken- wagen thronend. Gegen Abend ward eZ wieder trübe in der Höhe. Unser Ballast war verbraucht und wir fielen niit beunruhigender Schnelle, was Herr Neichhard an seinem Barometer wahrnahm, denn dcr Empfindung ward nichts davon kund. Ein dichter Nebel umgab uns eine Weile, und als Ivir nach ivenig Minuten durch ihn herabgesunken waren, lag plötzlich von iieuem die Erde im hellsten Sonnenschein unter uns, und die Türme von Potsdam, die wir schon dentlich unterscheiden konnten, begrüßten uns mit ihrem frr»digen E««ikl»n(Glockenspiel). Unsere Lag« lvar jedoch diesen, sestlichen Empfange gar nicht angemessen. Schon hatten wir beiderseits, um uns leichter zu macheu, unsere Mäntel heronsgeworfen sowie einen gebratenen Fasan und zwei Bon teilen Ehampogner, die wir zum Abendessen mitgenommen, und wir lochten im voraus bei der BorauSfetzung, ivelcheS Erstaunen diese Meteore bei den Landbewohnern erregen würden, wenn etwa einem oder dem andern ans dem Felde Gchlasenden der gebratene Fasan tnS Maul oder der Wein vor die Füße fiele, oder gar auf den Kopf, wo der Champagner, statt heiteren Rausches, als vernichtender Donnerkeil wirken könnte. Wir selbst aber waren, gleich jenen Gegenständen, im voll- kommsten Fallen begriffen und sahen dabei nichts weiter unter u»S als Wasser sdie vielen Arme und Seen der Havel), nur hier und da mit Wald untermischt, auf den wir uns möglichst zu dirigieren suchten. Der Wald erschien mir auß der Höhe nur wie ein niedriges Dickigt, dem wir uns jetzt mit größter Schnelle näherten. Es dauerte auch nicht lange, so hingen wir wirklich in den Aesten eines dieser— Sträucher. Ich machte schon Anstalt zum Aussteigen, als mir Herr R e i ch h a r d zurief: Um Himmels willen I Rühren Sie nicht, wir sitzen fest auf einer groben Fichte! So sehr hatte ich kurzem den gewöhnlichen Maffstab verloren, daß ich mehrerer Sekunden bedurfte, ehe ich mich überzeugen konnte, bah seine Be- Häuptling ganz wahr sei. Wir hingen indes ganz gemächlich in den Arsten de-Z geräumigen Baumes, lvutzten aber durchaus nicht, wie wir herunter kommen sollten. Lange riefen wir vergebens um Hilfe, endlich kam in der schon ein- getretenen Dämmerung ein Offizier auf der nahen Landstraße bcrgerittcn. Er hielt unser Rufen zuerst fiir irgend einen ihm angetanen Schabernack und fluchte gewaltig. Endlich entdeckte er uns. hielt höchst verwundert sein Pferd an, kam näher und schien immer noch seinen Augen nicht trauen zu wollen, noch zu begreifen, wie dies seltsame Nest auf die alte Fichte geraten sei. Wir mußten ziemlich lange von unserer Höhe peroricren,«he er sich entschloß, nach der Stadt zurückzureiten, um Menschen, Leitern und einen Wagen zu holen. Zuletzt ging alles gut von statten, aber in dunkler Nacht erst fuhren wir in Potsdam ein. den wenig beschädigten, nur leeren Ball in unseren Wagen gepackt, und die teuere Gondel zu unseren Füßen. Im Gast- hose zum Einsiedler, der damals nicht der beste war, hatten toir wider reichlich Ursache, den Verlust mlseres mitgenommenen soupö bitter zu beklagen, da wir keine andere Würze des neuen, als den Hunger auftreiben konnten.. f�aturwirktifcbaftUcbe Gebcrficbt. fGeschlechtSdimorphiömus.) In den ältesten Zeiten, als das organische Leben die ersten schüchternen Versuche wagte, sich die Erde zu erobern, gab cS noch kerne männlichen und weiblichen Tiere, keine Trennung der Gc- schlechter. Dieser Gedanke en'cheint dem Laien zuerst fast widersinnig. W,e vermocht« die Tierwelt sich zu erhalten und auszubreiten, wenn es mir ein Geschlecht gab? Daß man sich so schwer an diese Vor- stcllnng gewöhnt, liegt jedoch lediglich daran, daß bei den meisten Tierarten, mit denen wir in» gewöhnlichen Leben zu tun haben— es handelt sich ja fast nur um die höheren und höchsten Vertreter deS Tier- geschlcchtö, um Insekten, Vögel, Säugetiere usw.— bereits cme weitgehende und auffallende Trennung der beiden Geschlechter durchgeführt und die Fortpflanzung an einen Geschlechtsakt geknüpft ist. Dennoch ist die Scheidung in Mann und Weib erst eine ver- hältmsmäßig späte Errnnacnschaft der Lebewesen, ein Ziel, das erst allmählich m langsamer stammesgcschichtlicher Entwickdung erreicht wurde. Auch heute noch leben geschlechtslose Tierarten, und man vermag noch die Spuren zu verfolgen, wie sich die Geschlechts- differenzieruug und die Geschlcchtertrcnnuug vollzogen hat. Wende» wir unL zuerst den einfachsten, einzelligen Lebewesen, den sog. Wcchselticrchen oder Amöben zu. Bei diesen Tieren sind noch alle Individuen gleicher Art. Es find kleine Schleimkliimpchen, die nur der primitivsten LebenSfmtktione» fähig sind. Die Fortpflanzung ist eng mit dem Wachstum verknüpft, ja ma» hat ihre Vermehrung teradezu als ein„Wachstum über das individuelle Maß hinaus" «zeichnet. Durch Umfließen nehmen die Amöben geeignete Nahrungskörper in ihr Inneres auf und wachsen heran. Doch Ivie bei jedem tierischen Lebewesen ist auch die Größenzunahme der Amöben beschränkr. Ist diese»»arürliche Grenze erreicht, dann schnürt sich der Leib in der Mitte ein und daS große Tier teilt sich in zwei Individuen. An diesem Beispiel erkennen wir bereits, daß Fortpflanzung auch ohne eine» vorhergehenden Geschlechtsakt möglich»st, und daß es zum mindesten sehr Ivohl denkbar wäre, daß es überhaupt nur ein Geschlecht gäbe. Doch die Sonderuug in Männchen und Weibchen muß osfcnbar von hohem Nutzen gewesen sein, sonst wäre sie nicht in so allgemeiner Verbreitung in der Tier- Welt und auch bei den Pflanzen zur Ausbildung gelangt. Die ersten Anfänge dieser Geschlechtertremrung finden wir be- reits bei den etwas höher organisierten Verwandten der Amöben, z. B. bei den Wimperinfiisoricn und verschiedenen anderen Einzeller». Auch bei den meisten Wimperinfusorien sind die einzelnen Individuen noch vollkommen gleich gebaut. Wie die Amöben ver- mögen sie fich auch noch ohne vorhergehenden Gcschlcchtsalr zu vermehren. Bisweilen geschieht jedoch etwas sehr Merlwürdigeß, Man sieht nämlich, wie sich immer je zwei Tiere neben- einander legen und teilweise mit ihren» Leibe verschmelzen. Während dieser mehrere Stunden dauernden Vereimgnng erfolgt ein wechselseitiger Austausch eines Teiles der Körperjubstanz. Dann_ trennen sich die Tiere wieder und pflanzen fich in der gewohnten Weise durch iteilnng fort. Ein geuancs Studium dieses Vorganges hat seine writgehenoe Uebereinstimmunz mit dein Befruchtungsprozeß bei den höheren Tieren ergeben. Die beiden Wintperinfuforicn haben einen regelrechten Geschlechtsakt ausgeführt. Da aber die beiden zur Ver» einigling schreitenden Tiere gleich sind, kann man trotz dein keinS al» Männchen oder Weibchen bezeichnen. Doch auch diese zweite Eni» wickelnngSstufe ist von den lirtierchen bereits erreicht. Wenn nian fich die zahlreichen kleinen Krebstierchen ansieht, die zu den häufigste»: Einwohnen» jedes Aquariums zählen, findet man bisweilen ihren Panzer mit einem dichten wolligen Schimmel über- zogen. Bei Lupenvergrößerung entpuppen sich die scheinbaren Schimmelpilzchen als kleine gestielte Wimperinfusorien. Die glocken» förmige Gestalt ihres Körpers hat ihnen den Namen Glocken- t i e r ch e i» eingetragen. Auch diese Tierchen vermehren sich durch einfache Teilung; da bei vielen Arten die Durch- schnürnng keine vollständige ist, die Keimlinge vielmehr mittels eines dünnen Stieles verbunden bleiben, kommt es zu Entstehung individuenrcicher Kolonien. Zu bestimmten Zeiten kann man nun beobachten, wie sich einige Individuen einer solchen Ge- sellschaft rasch hintereinander in je vier kleinere Tiere zerlegen. Diese kleine»: Glocken lösen fich jetzt sogar von ihrem Stiele loS und schwärmen frei umher. Wie lang? dieses vagabtlndicrende Leben dauert, hängt von mancherlei Zufälligleiten ab. Trifft ein solcher Schwärmer bei seinen Streifzügen niit einein der großen norinalen Tiere zusammen, dann heftet er sich sofort an deffeit Seite fest und verschmilzt mit seinen: Partner zu einem einheitlichen Ganzen. Es ist ein ganz entsprechender Vorgang, als wem: der»nännliche Samensaden(Spermatozoon) eines höheren TiereS in das weibliche Ei eindringt und eS befruchtet. Mit vollem Recht dürfen wir daher hier das kleine Glockentierchen als daS Männchen. daS große als Weibchen bezeichnen. Ganz klar erkennt man in diesen» Falle auch den Nutzen des verschiedenen Baues der beiden Geschlechtstiere. Ilm daS jedoch recht zu verstehen, müssen»vir vorher mit wenigen Worten ans die Bedeutung der Befruchtung selbst zn sprechen kommen. Im wesentlichen besteht diese in einer Vernitschnng(.Ämpbimiiis) der Eigenschaften zweier Individuen, wodurch dem Körper der Tiere, wie wir in einer früheren Ueberficht ausführten, eine erheblich größere Variabilität und Anpaffungsfähigkeit verlieben nnrd. Soll aber eine Be- fruchtung erreicht Kerben, so ist die erste Beding, nig, daß die beiden Geschlechtstiere sich finden. Das hat bei festsitzenden Tieren die größten Schivierigkeiten. Es ist daher von Vorteil, daß wenigstens ein Teil der Tiere frei beweglich wird, um feinen geeigneten Partner aufsuchen zu können. Viele gehen natürlich in den» weiten Raum zugrunde, ohne das ersehnte Ziel zu erreichen. Es erscheint daher wieder vorteilhast, wenn eine möglichst große Zahl Männchen erzeugt wird. Das wird durch die rasch mifeinanderfolgeuden Teillmgcn erreicht, und so entstehen die kleinen»nännliche» Schwärmer. Die an» Stocke festhastenden weiblichen Individuen, die träge auf die Männchen warten, konnten ihre ursprüngliche Größe bewahren. Klingt diese Annahme im ersten Augenblick auch etwas ge- zwungen, so findet sie doch in>nai»chen Tatsachen ans der L-bcnS- gefchichte der höhere»» Tiere ein« Bestätigung. Bekanntlich»ft bei diesen der Größcnunterschied zwischen männlichen nud weiblichen Keimzellen noch iveit erheblicher als bei den Elnzellern, übertrifft doch z. B. das Ei eines Seeigels den Samenfaden um- mehr als das 200 000 fache a» Masse. ja bei Tieren mit sehr großen Eier»:. vor allen bei den Vögeln, verschiebt sich dieses Verhältnis noch ganz bedeutend zu Ungunsten des männlichen Keims. Der Leser wird sich vielleicht wundern, daß wir in dem einen Fall von den ganzen Tiere»:, in» andere» nur von den GeschlechtSprodulten sprechen; dieser Vergleich ist jedoch ganz berechtigt, da es bei den emzelligen Lebe- weseu noch keinen Unterschied zwischen Körper- und Keimzelleu gibt. Aehnliche Ursachen wie die, welche die Verschiedenheit im Van der männlichen und weiblichen Glockentierchen dewirkt haben, lassen sich auch für die Entstehung der G e s ch l e ch t S»»»» t e r s ch i e d e bei den höheren und höchsten Tieren uachlveisen. Die Männchen siitd in der Ziegel die Handeludcn, sie müssen das Weibchen aufsuchen, ja oft um seine»» Besitz heftige Kämpfe auSfechten, ehe sie zur Begattung gelangen. Jnfolgedesien finden wir die Männchen häusig mit schärscreu Sinnesorganen, mit Greiflverkzengen, um das sich sträubende Weibchen festzuhalten, mit besonderen Waffen, um Nebenbuhler zu verscheuche», oder endlich mit den verschiedenartigsten Reizmitteln(Duftorganen, leuchtenden Farben usw.) ausgerüstet, die dem iveiblichei» Geschlcchtc fehlci». Im allgemeine» sind jedoch beide Geschlechter einander so ähnlich, daß man auf den ersten Blick die Zugehörigkeit zur gleichen Art erkennt, aber es gibt auch zahlreiche Fälle,»n deueu der GesäflechlSunter- fchied so tiefgreifend ist, daß lein Mensch glauben möchte, Tiere gleicher Art vor sich zu Hadem Eines der bekanntesten Beispiele bietet der soacnannte Fr o st sp a n n e r. DaS Mäimchen ist ein wohl allsgcbildeter kleiner Schmetterling, während das Weibchen als hilfloser kleiner, flügelloser„Wurm" sein Lebe» verbringt. Vertrauter ist den meisten noch das I 0 h a»» n i s w Ü r in ch e n. Zu Hunderten kann man in warmen Juuinächten die Männchen durch die Lust schwebe», sehen, aus der Suche»ach ihren unscheinbarei», an den Boden gebannten Gesährliunen. Doch selbst bei zahlreichen Vogelarten, bei vielen Hühnervögeln, Paradiesvogel» usw., sind die GcschlechtSunterschied« sehr groß, erheblicher als zwischen manche» weit getrennten Arten. Zun» Schluß mochtet» wir noch die berühmte Bouellia viridis erwähnen. Den weiblichen Wurm kamt inan in den Felsgeklüsten»der an dem Sandstraude des Mittel- meeres finden. Der plumpe sackförmige Körper liegt tief zwischen den Steinen versteckt oder im Sande bergraden und nur der fast'/« Meter lange zweigeteilte Rüssel ragt hervor. Lange waren Männchen unbekannt. Da entdeckte man auf dem Körper der Bon-sIIia flehte, etwa zwei Millimeter graste Parasiten. Es war ungewist, was das für seltsame Geschöpfe waren, bis sorgfältige Beobachtungen das Rätsel lösten und die vermeintlichen Schmarotzer sich als die Männchen der LonoUia entpuppten. Zur Zeit der Geschlechtsreife sammeln fich die Zwergmännchen oft in grösterer Zahl unmittelbar in dem äusteren Abschnitt de? weiblichen Genital- apparateS, um die Befruchtung auszuführen. C. T h e s i n g. Kleines femUeton. Astronomisches. Die Jupiter-Kometen. Die graste Zahl der Kometen, von deren Bahn und Wesen man seit dem wissenschaftlichen Betrieb der Himmelslnnde Kenntnis erhalten hat, zerfällt in die zwei grasten Gruppen der periodischen und unperiodischen, je nachdem diese Gestirne einen geschlossenen Lauf um die Sonne vollführen, also in regclmästigen Zeitabschnitten wiederkehren oder nicht. Im ersten Fall hat ihre Bahn die Gestalt einer Ellipse, im zweiten die einer Parabel oder Hyperbel(die Parabeln und Hyperbeln gehören zu den Kurven, die in die Unendlichkeit verlaufen). Wer nun »licht zu glauben vermag, dast ein solcher unperiodischer Komet tatsächlich in die Unendlichkeit hinausgeht, mag sich immerhin vor- stellen, dast seine Bahn dennoch eine geschlossene Kurve ist, die nur ' eine so ungeheure Ausdehnung umspannt, dast der für die mensch- liche Berechnung fastliche Teil als Parabel oder Hyperbel erscheint. Jedenfalls sind die periodischen Kometen ein für unsere Fassung-- kraft behaglicheres Objekt. Einige von ihnen haben freilich noch eine sehr graste Bahn, die sie zeitweise noch über den Bereich des Neptun, des jernsten aller bekannten Planeten, hinausführt. Es gibt aber eine ganze Gruppe von Kometen, die als Jupiterfamilie bezeichnet werden, weil die äusteren Punkte ihrer Bahn in der Nähe der Jupiterbahn gelegen sind. Man kenM jetzt etwa über 30 Kometen, die zu dieser Familie gehören, und O oder S von ihnen kommen jedes Jahr einmal in die Nähe der Sonne. Dast von ihnen so wenig die Rede ist, beweist schon, dast sie sehr lichtschwache Körper sind, die oft sogar der Beobachtung durch daS Fernrohr völlig entgehen. Jetzt ist ihre Zahl durch den Kometen Daniel ver- mehrt worden, der im letzten Dezember entdeckt wurde. Man hielt ihn zunächst für denselben, der im Jahre 1867 gefunden worden war und für den man eine Periode von etwa 42 Jahren aus- gerechnet statte. Es ist nun aber festgestellt worden, dast der Danielsche Komet ein bisher unbekannt gewesenes Gestirn ist. Diese Kometen sind sonst von geringen, Interesse, werden höchstens zur Untersuchung des störenden Einflusses der Planeten benutzt. Phtisikalisches. Die Messung der Meereswellen. Wenn jemand einmal einen tüchtigen Sturm auf dem Meere erlebt hat, so pflegt er nachher von„haushohen" Wellen zu sprechen, die er dabei be- vbachtet habe. Run ist der Begriff eineS Hauses allerdings ein ziemlich unbestimmter, aber deshalb zur Erregung übertriebener Vorstellungen geeignet. Jedenfalls ist es eine Tatsache, dast die Höhe der Mecreswellen in der Regel ganz austerordentlich über- schätzt wird. Eine genaue Messung ist so schwierig, dast zuverlässige Angaben über die größte Höhe, die von Meereswellen überhaupt erreicht, verde» kann, kaum gemacht werden können, und es lästt sich nur ungefähr sagen, dast sie nicht so grost ist, wie sie im allgemeinen angenommen wird. Heber diese Frage und über die Entstehung und Messung der Wellen überhaupt stat ein hervorragender Sach- verständiger, der fich seit langen Jahren fast ausschliestlich mit dem Studium der Wellen des Wassers, de? Sandes, des Schnees usw. beschäftigt hat, Dr. Cornish, vor der Londoner Geographischen Gesellschaft einen umfassenden Vortrag gehalten. Nach der An- ficht dieses Forschers braucht der Vorgang, durch den der Wind auf einer Wasserfläche starke Wellen erzeugt, einen grasten Raum zur Entwickelung. Die so hervorgerufenen Wellen haben die Eigen- tümlichkeit, dast zwischen den benachbarten Wogen ein sehr geringer Unterschied der Äröste besteht, während die Höhe von der ersten, an der dem Wind zugewandten Küste gebildeten Welle sehr all- mählich nach dem offenen Meer hin zunimmt. Er meint, dast diese Höhe von Kamm zu Kamm nur um einen Zoll wächst, bis sie schlieh- lich de» gröstten Betrag erreicht hat, der nach den Verhältnissen des Meerwassers und seiner Umgrenzung in dem betreffenSen MeercS- »eil überhaupt möglich ist. Um zu einer genaueren B-- siimmung der Wcllengröhe zu gelangen, hat es Cornish für er- forderlich gehalten, von kleineren Wasserbecken auszugchen und dann erst die dort gewonnenen Erfahrungen auf den Ozean zu über- tragen. Die Messungen, die er auf dem Genfer See ausgeführt bat, dessen Längenausdehnung 74 Kilometer besitzt, haben ein Höchstmast der Wellen von i) Fust oder rund 2% Meter ergeben. Auf dem gewaltigen Oberen See Nordamerikas sind dagegen Wellen von 90 Meter Länge und fast 7 Meter Höhe beobachtet worden. In aonz eingeschlossenen Meeresteilen, wie im Mittelländischen Meer, Becaiitw. Redakteur: Richard Barth» Berlin.— Druck u. Verlag: oder in teilweise eingeschlossenen, wie dem Chinesischen Meer, ist die höchste Höhe der Wellen noch etwas gröster befunden worden, aber die Höhenzunahme scheint dort weniger schnell zu erfolgen. Be» deutender ist diese Zunahme in den Gebieten, wo ein solches halb» umschlossenes Meeresbecken an den offenen Ozean grenzt und die Wogen von diesem her eindringen. Im Atlantischen Ozean sind Wellen von etwa 130 Meter Länge während starker Stürme in Entfernungen von nicht weniger als 600 Seemeilen von der gegen den Wind gerichteten Küste beobachtet worden. Die Seeoffiziere, die in der Abschätzung der Wellengröste zum mindesten Uebung haben und wohl auch an sich nicht zur Uebertreibung in solche» Dingen neigen, haben Angaben über Wellen gemacht, die 24 bis 30 Meter Höhe gehabt haben sollen. Der deutsche transatlantische Dampfer„Augusta Viktoria" und der englische„Lusitania" haben während der Stürme der letzten Monate Begegnungen mit solchen Riesenwogcn gehabt. Cornish bezweifelt diese Angaben nicht, weist aber darauf hin, dast die Höhe der Wellen, wenn sie sich am Schisfsrumpf brechen, wahrscheinlich bedeutend zunimmt und nicht dem Betrage entspricht, den sie im gewöhnlichen Zustand und in un- gehindertem Lauf erreichen. Sprachwissenschaftliches. Selten frisch. Immer wieder must vor der ganz un- sinnigen Anwendung des Umstandswortes„selten" gewarnt werden. Da wurde kürzlich ein Bericht über einen plötzlichen Todessall mit den Worten begonnen:„Gestern abend starb Herr N. Am Morgen seines Todestages war er selten frisch gewesen"— Aha, sagt man sich, kein Wunder, dast er nachher starb; aber das stimmt nicht. denn es hcistt weiter:„obwohl er in der Nacht vorher sehr wenig geschlafen hatte". Also liegt ein Gegensatz vor: trotz schlechten Schlafens war er„selten frisch", das soll Hoisten„frisch wie selten"» heißt aber gar nicht so, sondern ist falsch und irreführend.— In einem anderen Nachruf stand:„Er war vor allem ein Mensch, ein selten wohltuender Mensch, ein christlicher Mensch." Ist das christ- [ich, nur„selten" wohlzutun?— Oder es steht geschrieben:„Dieses Unternehmen gibt selten gute Dividenden." Also werde ich mich hüten, mich daran zu beteiligen, denkt man. Liest man aber weiter, dann erfährt man, dast so hohe Gewinnanteile ausgezahlt wurden» wie man es selten erlebt.— Ein selten schöner Stil ist keineswegs ein einzig schöner, sondern ein höchst minderwertiger, der nur hier und da einige Lichtblicke zeigt; ein selten reicher Ernteertrag ist etwas sehr Betrübliches, genau wie ein selten fleißiger Schüler und ein fclte.i wohltuender Eindruck. Auch die selten glückliche Ehe, von der man in mancher Todesanzeige liest, sollte doch eigent- lich nicht so öffentlich erwähnt werden; der Anzeigende beleidigt ja den Toten sowohl wie sich selbst aufs seltsamste mit dieser Redensart. Wann werden wir solchen Torheiten seltener begegnen? Technisches. Drahtlose Telegraphie. DaS Hauptanwendungsgebiet der drahtlosen Telegraphie ist und bleibt der Schiffsverkehr. Die drahtlose Telegraphie soll aber in erster Linie der Schiffs- s i ch e r u n g und nicht der Rachrichtennbermittelung zwischen Paffa» gieren von Schiff zu Schiff oder von Schiff zu Land dienen. Leider ist diese Erkenntnis in den Kreisen der Frachtreedereien noch wenig durckigedrungen. Die bekannte rheinische Grostreederci StinneS lästt die Dampfer ihrer neuen Fracht dampterlinien zur besseren Sicherung mit Stationen für drahtlose Telegraphie, die von den Kapitänen be» dient werden, ausrüsten. Die Dampfer sind für den Erz- und Kohlenverkehr zwischen Hamburg und England und zwischen Ham» bürg und dem Mittelmeer bestimmt. Die Reichweite der Stationen, das ist die Strecke, über die sie Nachrichten empfangen oder, waS für die Sicherung wichtiger ist, auch geben können, be- trägt daher nur ISO bis 300 Kilometer. Die Dampfer, die für den Verkehr nach Südamerika bestimmt sind. sollen aber Stationen mit erheblich grösterer Reichweite erhalten Es werden tatsächlich immer größere Strecken auf drahtlosem Wege telegraphisch überbracht. So hatte z. B. der Dampfer„Cap Blanco" der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrlsgesellschast im Ro« vember des vergangenen JahreS einen einwandfreien funken» telegraphischen Verkehr mit dem Dampfer„Corcovado" der Ham« burg-Amerikaliuie auf eine Entfernung von 2440 Kilometer und stand gleichzeitig mit einem zweiten Dampfer der„Hapag" auf eine Entfernung von l9ö0 Kilometer in Verbindung. Dast unter Um» ständen die drahtlose Telegraphie auch für eine normale Nach» richtenübermittlung von Land zu Land von Bedeutung sein kann, zeigt die Nachricht, dast auf einer deutschen Insel im Stillen Ozean, der Insel Angaur, die zur Palaugrnppe der Wcstkarolinen gehört, eine funkeniclegraphische Station ein» gerichtet ist. Auf der Insel Angaur, die nur von wenigen hundert Menschen bewohnt wird, befinden fich reiche Phosphatlager, die von der Deutschen Südsee- Phosphatgesellschaft ausgebeutet werden. Diese Gesellschaft braucht den Anschlutz für ihre sehr umfangreichen dortigen Niederlaffuitgen. Die Insel liutn jetzt nach einer 600 Kilometer entfernten Insel Jap drabtlos Nachrichten geben. Da diese Insel Jap mittels Kabel, das über CclebeS und Shanghai nach San Francisco führt, an da? Welttelegraphennetz angeschlossen ist, so kann man auch vom kleinen Augaur durch die drahtlose Tele» graphie überall hin telegraphieren._ Sth. iorwarl« Buchtruckerei u.