Hlnterhaltmigsbiatt des vorwärts Nr. 38. Mittwoch den 23 Februar. 1910 >- l-in M H Nachdruck MtBoten.I 883 Im JVamen des Gefctzes. Von Hans Hyan. Ella, die seinem Blick folgte, sah in der sich schiebenden, drängenden und durcheinander windenden Menge nur die Geschöpfe, die wie sie selbst ihre Leiber in diesem Tumult zur Schau stellten: die die Männer lockten mit ihren rotbepinselten Wangen und den schwarz untermalten Augen, deren Glanz Liebe heucheln sollte, wo doch nur Not und Habgier sie leuchten machten. Und die Blonde, der so lange niemand nahe gewesen war, dem sie aufrichtig vertrauen, auf dessen Uneigennützigkeit sie sich wirklich verlassen konnte, die sah, wenigstens auf Augen- blicke befreit von ihrem Weh, die im Schattenriß wimmelnde Straße an, als wenn sie aus sicherer Höhe ein Untier be- trachtete, dessen Klauen das Leben zerreißen, machtlos in un- ablässiger Blutgier.... Sie dachte an die Nächte im Hause der Poppe und hörte das unterdrückte Geschrei und Gewimmer der armen Mädchen, die die alte Jüdin aus dem Hinterhaus, die Sternheim, von der Straße heraufholte: die viel zu arm und zu elend und häßlich waren, um den Kunden der Poppe zu gefallen. Aber wenn man sie oben hatte, in der Wohnung, dann sagte man ihnen, was sie hier eigentlich sollten. Und ob sie auch zurück- bebte vor den blutigen Wünschen der Perversen, das Gold lockte und gleißte, und ihr eigenes Elend trieb sie dem Moloch in die Arme.... Die Poppe selbst gehörte zu den herrischen Frauen, sie beteiligte sich oft an den Scheußlichkeiten, deren arme Opfer zerstochen, aus tiefen Wunden blutend und bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, sich ganze Tage in der Woh- nung aufhalten mußten, ehe sie Kraft genug besaßen, um wieder fortzugehen.... Es war da ein Raum in der Woh- nung. den nur die Frau selbst betrat: dort pflegte sie diese im Dienst einer verrückt gewordenen Leidenschaft Blessierten. Aber auch dann noch hörte man oft einen Schrei oder ein Stöhnen— Beweise für die zweifelhafte Barmherzigkeit dieses schrecklichen Weibes!... Ella selbst und ihre bei der Walküre wohnenden Kol- beginnen hatte die Poppe nie zu solchen Scheußlichkeiten zu bestimmen versucht. Ihre Mieterinnen kniff sie nur manchmal und drückte sie plötzlich, daß sie laut aufschrien. Dann brach die Frau in ein Lachen aus, in ein lautes, gellendes Gelächter, das wie eine Fanfare klang, wie Jauchzen über den Schmerz der anderen und die Angst. „Was denkste denn. Ellachen? Haste Angst vor dem Kerl?" Sie schüttelte den unter einem großen Rosenhut doppelt reizenden Kopf. „Nein.,., ich denke wieder an die Poppe»,. das alte Biest!" Und mutiger, ein Gefühl der Sicherheit, von einem Athleten, der obendrein ihr Bruder war, beschützt zu werden, konnte sie den Zorn auf jene Megäre nicht mehr in ihrem Herzen bergen. Sie swckte im Anfang ein bißchen, besonders wenn sie selbst an die Reihe kam und ihre Worte an der eigenen Er- niedrigung rühren mußten, aber sie verschwieg Georg nichts. Von wachsender Empörung, wie von einer starken Gewalt ge- trieben, sagte sie ihm alles, was sie erlitten und gesehen hatte.... Die Mißhandlungen ihres ganzen Geschlechtes kamen wie in einem einzigen langschallenden Schrei der Wut über die Lippen dieses kleinen Mädchens, das ohne die Bru- talität der anderen noch jetzt harmlos und kindlich durch ein Leben der Arbeit und Einfachheit gegangen wäre. Sie hatten längst die Fahrt zurückgelegt und waren ausgestiegen. Kaum das Bezahlen des Fahrpreises konnte den Strom des Unwillens, der gerechten Klage unterbrechen, der von den Lippen des blonden Mädchens floß und im Herzen ihres Bruders brausend weiterrauschte. Auf der Treppe sprach sie flüsternd weiter, als sie in ihrem Zimmer waren, diesem mit dem Komfort, den die Hingabe braucht, aus- gestatteten Dirnenzimmer, in dem die Lampe unter rotem Schirm brannte und ein starkes Parfüm wehte, brachte Ella ihrem Bruder Bier und Zigarren. Aber sie redete weites und hörte nicht auf, bis sie zu Ende war und in den erregten Ruf ausbrach: „Solch Schwein! Zuletzt hat se uns noch alle unter Sitte jebracht!" „Na war't Ihr denn vorher nich?� «Aber nein! Nich eine einzige von uns'!,-. Se hatte uns ja als Schneiderinnen jemcld't un als Putzmacherinnen! War ja'ne jroße Arbeitsstube da, un die Sachen, die wurden weiterjejeb'n! Manchmal haben wir ooch was jemacht, wenn wa jrade wollten! Dies war ja eben ihr Trick!„Ich dulde keine Straßenmädels!" sagte sie immer.„Meine Damen arbeiten!---" Ja, jearbeit ham wa ooch, aber wie!... Ach wenn ich die was antun könnte, Jeorch, so'n verdammtes Mensch!... Beinah nischt hat se uns jejeb'n mißer Essen und Kleider! Alles nimmt se uns weg! De Kleider hat se durchjesucht un unsere Kästen, un sowie eine nich bei ihr bleiben wollte, denn drohte se mit de Polizei!... Das alte Vieh!... Und jetzt, jetzt hat sie's Jeld un wir ham nischt!... Wir stehn unter Kontrolle!" Die kleinen Fäuste geballt, sprühende Flammen in den blauen Augen, den feinen Kopf mit dem goldigen hoch'- frisierten Haar zurückgeworfen, stand Ella vor dem Bruder. Der saß im Sessel und starrte hinauf zu ihr, mit seinem haß- erfüllten Gesicht, das alle Farbe verloren und einen gesähr- lichen Ausdruck angenommen hatte, mit seinen aufeinander- gepreßten Lippen, den geblähten Nüstern und den von Wut und Rachsucht lodernden Blicken.... „Na, Du sagst doch, se steht unter Anklage!" preßte er hervor. „Haha!" Ella lachte.„Wen die alles kennt!... Meinste, die wcr'n sich selbst mit so'ne Sachen bezicht'jen lassen!... Sonst was! Unter Anklage steht se, ja. Aber wenn's dazu kommt, denn sind keene Zeugen dabeijewesen. Die Meechens, die sich dazu herjejeb'n ham, die wird der Mund jestoppt mit Jeld! Denn des hat die Bande ja, da kommt's doch nich druff an, bei die! Un wir? na, wat wisien wir denn! Zukuken ham se uns doch nich lassen! Un denn sind wir doch ooch Prostituierte! Da jibbt's doch nischt druff, was so'ne vor Jericht aussagt! Des is doch eben! Die Reichen, die haben immer ihre Mittel, wie sie ihre Jemein- Heiken nich rauskommen lassen! Da kann's komm', wie's will!..." Georg, in dessen Innern es brodelte und kochte, Georg dachte an das, was ihm der grüne Heinrich noch heute abend gesagt hatte und zwang sich äußerlich wenigstens zur Ruhe. „Na, so janz leer kann se ja ooch nich ausjehn, die Poppe," sagte er,„denn det se mit sich da'n richt jen Puff anjefang' hat, jrade wie se in Hamburg sind un sonstwo, det is doch nich zu leugnen! Also wejen Kuppelei, da fällt se uff jeden Fall rein!" Ella, die unbekümmert um den Bruder ihr Kleid aus- gezogen hatte und eben in ein Matinee aus blauem Stoff schlüpfen wollte, hielt damit inne und sagte, das Kleidungs» stück vor den Leib haltend: „Ach, det is ooch man soso!... Un wenn schon, wenn se wirklich verurteilt wird, zu'n paar Monate!... Daß die ihre Strafe abbüßt, des jloobste doch alleene nich, Jeorch!... Die sitzt doch nich! Die kommt doch nich in Untasuchungl Un wenn, denn stellt se Kaution und kommt jleich wieder raus! Das haben mir die Mädels ja so oft er- zählt: se war ja schon mal angeklagt vor fünf Jahre! „9!a un da?" „Un da, da war janischt... ich weeß nich mal, ob se verurteilt war, aber jesessen hat se janz sicher nich!... Un wenn ooch, so eene kricht selbst in't Jefängnis noch Sekt un Austern!..." „Wir wcrn ihr schon!" sagte Georg,„se wird sich wundern, sag ick Dir!" „Aber lieber Jeorrich, Du willst doch nich etwa noch mal? Du weißt doch, wie se Dir damals zujerichtet ham! Um Jotteswillen, bloß nich!..." „Beruhje Dir man!... Diesmal... ha!" Ein grim- miges Lächeln umspielte den breiten Mund des Mannes. „Aber nu sage mal Ella, wat is dis mit dem Schnepper, wie kamste zu den Kerl? Det is doch'n Lude!" Ella sah den Bruder angstlich an, dann meinte sie schüchtern: ..Na ja, sieh mal Jeorch. so darf man doch auch nich denken? Was is denn mit mir? Was bin ich denn heute? Und Du," sie»vurde ganz rot,„sei man nich böse, lieber Jeorch, aber»äs ich so jehört habe... «Na, was haste denn jehert?" er bist sich auf die Lippe, «sage doch mal, was de jehört hast?!" Sie schluckte und kam nicht mit der Sprache heraus. Endlich sagte sie leise: „Na, Du verkehrst doch auch mit die... mit die Briedel ... nn arbeiten tuste doch, soviel ich weiß, auch nich!..." Er lächelte halb verlegen und meinte kopfschüttelnd: „Wat Du nich alles weestl.... Na, da mußte mir doch schon sehr lange int Ooge behalten haben! Un da kommst nich und sagtest mir, wo de doch wissen müßtest, wie sehr ich inich freue, det ick Dir mal zu sehen kriege!... Tet Vastch ick nich, Ella, det vasteh ick nich!..." Sie kam auf ihn zu, drückte ihre Wange an sein Gesicht und streichelte ihn zärtliche „Ach Du, sieh mal, lange weist ich's doch auch noch nichl Weberklcirchen hat's mir gesagt, und die weiß es wieder von de Brillantmanuna, die früher nial mit den Flicjenfust jejang' ist...." „Mit Fliejenfust, mit den Juden?" „Ja, mit den!... Na sichstc, un da dacht ich. weil Tu doch auch mit die vakehrst un auch'n Mädel hast..... hachl!____" Sie war zur Seite geprallt. In der vorsichtig ge- öffneten Tür wurde Schnepper sichtbar, der Georg, den er nicht erkannte, sah und sich wie bei ähnlichen Gelegenheiten, wohl schon öfter heiinlich zurückziehen wollte. Aber Georg war zu fix. Er sah ihn noch und war im Nu an der Tür, die er aufriß. „Komm man rein Du!" sagte er mit drohender Stimme. „Na ja, wat is denn?" erwiderte der andere, korrekt gescheitelt wie immer und mit demselben verlebten und ver- lästerten Gesicht, dessen sich Georg schon vom ersten Sehen her, in Mutter Ratzkes Kaschemme, erinnerte. �Dabei trat er ins Zimmer und sah Georg tückisch von der Seite her an. Der frühere Knopfdrücker gab sich Mühe, ganz ruhig zu sein. „Also, wat ick Dir sagen wollte, Du, Dein Verhältnis mit nieine Schwester, det hert uff!... Darum haste mir ooch damals so ansjeforscht.!vie ick Dir erzählte, von die Poppe un so.... wo se hinjezogcn wäre un ob se da noch wohnte .... mit die Mächens und meine Schwester ooch!... Da- drum!... Un denn biste dahinjejang'n un hast det arme Meechen nsf'n Schmus jenomm'n un hast womöchlich noch jesagt, Tu kömmst von mir... Du... det kennte Dir so passen, wat. Dich von meine Schwester crn ehren lassen, Wahl .... Ne, wir wem dir sonst wat!... Meine Schwester, die braucht keen Luden!! Un so eencn, wie Dir am aller- wenigstens, vastehste?..." sFortsctzung folgt.) frau fjafcl. Wenn wir einen schönen VorfrühlingZtog nutzen zu einem Spaziergang ins Freie, dann fällt uns unter dein vielen kahle» Gesträuch, das den Bach umsäumt, sich a, den weiten der Heer» straße entlang zieht und in den Wald hineinleitet, allemal ein all- bekannter Strauch von»cuem auf, dem wir. eben seiner allgemeinen Bckannthcit wegen, aber doch nur wenige Blicke tvidmeti. Es ist der Haselstrnnch, mit dem gelehrten Namen Corylus Avollana. Schon aus der Kinderstube her ist er nn? bekannt: Wie hingen unsere Äugen an GrohmnttcrS Lippen, wenn Grohn, üt'.erchen uns vom Aschenputtel erzählte, das hinaus in den Wald zog, zum Bä'.imchcn rief: Bäumchen riittel dich und Bäumchen fchüttel dich, Wirf Gold und Silber ans mich! Wir wollcnS dem Aschenputtel einmal nachmachen und trete» näher zmn Strauch, den mir leise schiitteln. Siehe dal Goldig riesclts nieder ans uns. Nun ein paar kräftige Stöße und im Augen- blick sind unsere Kleider mit goldigem Staube überdeckt. Das ist zwar kein pures Gold, das wir in die Münze tragen können, un, schnöde» Manimon daraus prägen zu lassen, aber dennoch ist es Gold. Gold für unser Wisicii 1 Der prosaische Namen dieses GoldeS lautet Blütenstaub. Woher stammt er? Wir brechen einen Zweig des Hasclftrmicho?. um ihn näher in Augenschein z» nehmen. DaS anffälligftc sind' die langgestreckten Kätzchen von gelbbrauner Farbe, die bei leisester Bewegung des Zweiges hin und her schwanken. Um einen zierlichen Stiel sitzen dicht im Kreise gedrängt lleine braune Schuppen, Ring fügt fich über Ring; mid unter jedem Schuppchen sitzt eine Menge des goldigen StaubeS. Wenn wir denn noch ge- nauer hinsehen, finden wir hart am Stengel andere noch dichter gedrängte Schuppen von mehr schwarzbrauner Farbe, aus denen heraus ein purpurroter Haarschopf gebrochen ist. Dieser zierliche Haarschopf und die goldigen Staubkörner bilde» die Mittel, aus denen heraus Frau Hasel jene Produkte zaubert, die wir unter keinem Weibnachrsbaum misten mögen: die Rüste. Jedes kleine Staubkörnchen bedeutet eine Nußmöglichkeit. Wohl- gemerkt: eine Möglichkeit! Dem, würde jedes Körnchen eine Nutz erzeugen können, so müßte ein einziger Haielstrauch in einem Jahre so viel Rüste tragen, daß diese den Bedarf eines MenschenalterS decken oder wohl gar noch darüber hinaus reichen würden. Allein ein Strauch trägt im Jahre nicht mehr Rüste, als Goldkörnchen in einem einzigen Kätzchen oder vielleicht in zwei cnthallen find. Aber wozu dem, nur diese Verschwendung? Eine Beobachtung soll uns Auf- schluß geben. Zunächst, wie entsteht aus Haarschopf und Goldstaub die Ruß? Der Haarschopf ist die Mutter, die den Keim in fich trägt, daraus eine Ruß entstehen kann. Der Goldstaub ist der Vater, dem die Fähigkeit innewohnt, auS dem Keim die Ruß erstehen zu lasten. Eine innige Verbindung beider erst erzeugt die Nuß. Diesen Vor- gang vermöge» wir aber nur unter dem Mikroskop zu verfolgen. Wir wollen für unser Wissen uns damit begnügen, zu erkennen, daß eine Nuß erst dann entstehen kann, wenn ein? der Goldkörnchen in einen Haarschovf hineingerät. Nun sind der Haarschöpfe am Strauche aber nur verhältnismäßig wenige. Unser Rütteln und Schütteln an, Strauche hat nnS schon gezeigt, daß nicht nur eine Menge des Staubes an unserer Kleidung haften blieb, sondern daß noch weil größere Mengen um uns zu Boden fielen und datz andere vom Winde fortgetragen wurden. Nicht nach Tausenden, nach Millionen sind die Nußmöglichkeiten in alle Himmelsrichtungen zerstoben. Nun denken wir uns einmal, der Haselstrauch trüge nicht mehr Blütenstaub, als zur Befruchtung der Haarschöpfe nötig wäre — für jede weibliche Blüte genügt ein Körnchen—, wo sollten da lvohl all die Nüst« bcrloinmen, deren wir allein zu Weihnachten bc- dürfen, wenn der Wind von diesem Blütenstaub einen Teil forttragen wollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es dann überhaupt keine Nüsse mehr geben. Dami,„un Rüste erstehen können, erzeugt Frau Hasel den Blütenstaub in so verschwenderischer Menge. Der Haseistranch ist ein. W i n d b l ü t l« r", so sagt uns die Wistenschaft. Damit ist angedeutet, daß der Wind die Vertmidung zwischen Bat?» und Mutter herbeisllhren soll. Da nun Frau Hasel wohl weife, daß auf dem Wind wenig Verlaß ist, so zwingt fie den Wind durch die große Menge von Blütenstaub, ihr doch zu Willen zu sein. Ist das im Pflanzenreich überall so, ist eS immer so gewesen? Das sind ein paar Fragen, die durch den Goldstaub auf unserem Rockärmel ausgelöst werden. Vorfrühling ist's zurzeit— die blumigen Schönheiten sollen erst auf de», Plan erscheinen. Vorfrühling war es einst in der Geschichte der Pflanzenentwickelniig. Diese Zeit liegt nun mehr Jahrmillioncn zurück als nnscr Hoselstrauch einzelne Sloubkörnchci, trägt— wer wollte sie zählen? Und dennoch, für die Geschichte der Erde bedeutet dieö erst ein Gestern! Vorsnihling in der Pflanzenentwickelung— da schaute eS im ganzen Pflanzenreich nickst anders aus, als es im heurigen Vorfrühling umer Haselstranch lehrt. Windblütler nur laimte Mutter Erde als schinückendeS Kleid. Die Erde hat in ihrem Geschichtsbiiche hierfür sctdst die untrüglichsten Zeugniste nieder- gelegt. Die Lehre von den Acrstcii,eru»gcii hat unS diese Zengnisse verständlich gemacht. Und selbst lebende Zeugei» hat die Natur auS den längst verschollenen Zeiten auf die Gegenwart hinüber gerettet: die Nadelhölzer, Tanne, Fichte. Eibe, Mammntbaum nnd andere. Dermalen zwangen Zweckmäßigkeit die Natur alle Pflanze» als Windblütler auszugestalten: es gab keine andere Möglichkeit, die Vereinigung der Geschlechter herbeizusühren. Die gaukelnden Falter und das gewaltige Heer summender oder still- kriechender Jistcktc», die in der Gegenwart im Frühling und im Sommer im Blumenreiche den Liebesdienst besorgen— sie alle sehten. Lautlos war der Wald der Urzeit, nur der Wind sorgte für Bewegung. Nichts war vorhanden, was die Pflanze durch Schönheit und sonstige bestrickende Reize anzulocken vermochte. Wozu sollte die Pflanze sicki deshalb denn schmücken? So trug sie den bestim- inenden Verhältnissen Nechmwg. sie erging fich nicht in Prunksucht, sondern äußerte ihr« voll« Kraft darin, viele, unendlich viele Mög- lichkeiten zur Fruchterzeugimg z» schaffe». Darum finden wir bei allen Windblütlern diese Berschtoendung von Blütenstaub, eine Berschivendüiig, die wir mtr un, derentwillen so bezeichnen, weil nnS der Sinn der Einrichtung nicht sogleich augenfällig wird; eS ist gar kein« Verschwendung, sondern nur reine Zweckmäßigkeit. So lehrt uns der Goldstaub deS HaselstrancheS auss neue, wie wir die Natur verstehen sollen, und so wird der Blütenstaub zu puren» Golde für unser Wiste,,. Wenn wir nach ein paar Wochen zu unserem Hasclstrauch zurück- kehren, im Mai etwa, dann schaut er wesentlich anders miS. Licht- graue Vlaltgebilde bedecken ihn, von den Kätzchen ist nicht viel mehr zu verspüren, nur hier und da sitzt noch ein verschrninpsteS Ding zwischen den Blättern, andere hängen über den Zweigen, wo sie im Herunterfallen vorübergehend Halt fanden, das meiste aber liegt am Boden im Moder,»im hier noch ein letztes Mal in den Dienst des Naturwerdens zu treten: die organischen Uebcrreste lösen sich in mineralische Bestandteile auf, die ausS neue der Pflanzenwelt zur Nabrung dienen. Jetzt können wir schütteln und rütteln, so viel wir wollen— kein Gold strömt herab, nur noch ein paar abgelebte Kätzchen fallen herunter. Aber zu späterer Jahreszeit, wenn der Herbst sich anschickt, unsere Lande zu verlassen, da lohnt das Schütteln wieder. WaS dann herabkomint, hat an der Menge zwar verloren, aber im einzelnen ist es gewachsen— Nüsse regncts. Gemeinhin werden die Nüsse zwar nicht geschüttelt, sondern sie werden, noch„in der Schale", vom Strauch gepflückt, oder nach dein Abfallen einfach auf- gelesen. Um der Nüsie wegen wird der Haselstrauch nicht nur gehegt, sondern auch gepflegt. In großen Plantagen wird Nußbau bc- trieben, denn die Nüsse bilden einen bedeutenden Handelsartikel. Deutschland kennt den Nußbau allerdings nur in geringem Maße. In Norddentschland beginnt man wieder neuerdings niit der Hasel- mißzucht, während in Süddentschland bereits größere Strecken mit dieser Pflanze bestellt find. Der Haselstrauch ist weit weniger an- spruchsvoll als andere Obstarten; er findet dort, wo andere Obst- arten gar-nicht oder doch nur schlecht gedeihen, immer noch sein gnteS Fortkommen. An Feld- und Wieienrändern, an Graben- böschungen, an Dämmen, in Schutzpflanzungen für Obst- anlagen, an nördlichen und westlichen Bergabhängen, die für sonstigen Plantagenbau unbrauchbar sind— dort ist die Haselnuß imstande, Werte aus den, Boden zu locken. Größer als bei uns und auch wesentlich älter ist die Haselnußkultur in England. Deutschland befriedigt seinen Bedarf zum größten Teil durch die Einsuhr ans Italien, Oesterreich, Serbien, Rumänien und Spanien. Im Jahre ISO? wurden in Deutschland nahezu 82 Tausend Doppelzentner Nüsse im Werte von annähernd 10 Millionen Mark eingeführt. DaS folgende Jahr brachte sogar über 97 Tausend Doppelzcmncr Nüsse nach hier. Etwa die Hälfte davon stammt aus Italien. Im Hafen von Gijon in Australien werden alljährlich etwa 50 englische Schiffe mit Hasel- nüssen beladen. Durch eine rationelle Kultur könnte Deutschland seiner Einfuhr nicht geringen Abbruch tu». Die Nuß kommt frisch und getrocknet als Tafelfrucht in Betracht. Im ersteren Falle sind die Nüsse Ende August und September mit dem noch grünen Becker vom Strauche gepflückt; im anderen wurden die vom Strauche abgefallenen vollständig reifen Nüsse vom Boden aufgelesen. Weitere Wertung findet die Haselnuß in der Konditorei und Bäckerei. Oel wird aus ihr gewonnen und noch manches andere dazu. So trägt die Haselnuß ihr Teil bei zu jenen Mitteln, die den niondbeschicnenen Scheiteln vieler Menschcnkindcr wieder zu dichtem Schatten verhelfen sollen.— Allein der Wert des HaselsttaiicheS gipfelt nur in der Verwertung der Nuß, keineswegs ist er darin erschöpft. Für seine schlanken Nuten und für sein Holz hat findiger Mcnschcngeist mancherlei Nutzung ersonnen. Was würden nianche Pädagogen beginnen, wenn der Haselstrauch nicht wäre? Der Korbflechter weiß die Haselrute nicht weniger zu würdigen wie Faß- bind« und Siebmach«. Der Bast liefert ein gnteS Bindemittel und starke Knebel lassen sich aus Hnseltricbcn drehen. Färber und Gerber wissen die Rinde zu schätzen. Der Mvbclbaucr stellt au? Aestcn und Zweigen allerlei Naturmöbcl zusammen. Das glutzcrstörte Holz liefert eine vorzügliche ReiSkohle und jene Mordinstrinnente, so man Gewehr nennt, verpuffen manches Ständchen Hasclholzkohlc. Der fürsorgende Schweizer sammelt die Blätter der Sträuchcr für seine Haustiere. Kurzum am Haselstrauch ist alles dem Menschen nutzbar. Die Haselnuß birgt in der Regel mir einen Kern, und doch waren in der Blüte die Anlagen für zwei Kerne vorhanden. Als Ausnahm« kommen bei der Haselnuß beide Samenanlagen zu? Aus- bildnng. Wir finden dann zwei Kerne in einer Schale: das Volks- tnmliche Vielliebchen oder richtiger Filibchen. Dieö Wort ist aus Littauen zu«nS gekommen. Dort heißen Filibas die Pärchen. Beim HockizeitSschinanS werfen Burschen und Mädchen einander Haselnüsse zu. Ist darunter eine Nuß mit ztvci Kernen, so werden Werfer»md Geworfene Brautlente, FikibaS, ein Pärchen. Heute kennen wir diesen Brailch nur noch als Bielliebchenesien in ver- feinerter Art. Der Nuß— und damit kann immer mir die Haselnuß gemeint sein, nie die„welsche" Nuß oder Wallnuß oder andere exotische Nüsse— kommt im Volksglauben Überhaupt große Bedeutung zu, vornehmlich in erotischer Beziehung.„In die Haseln gehen" heißt km Harz und im Vogtlmide da-Z Eingehen einer Liebschaft. Lieder und Sagen geben weitere Belege. So hält ein Mädchen Zwiesprache mit dem Haselstrauch und dieser äußert neben anderem: „lind hau'n sie mich im Winter ab, Im Sommer grün' ich wieder; Verliert ein Mädchen seinen Kranz, Den find't es nie mehr wieder." MS LieböSorakel muß die Nuß vielfach in Oesterreich dienen: am Andreaötage Imsen die Mädchen Stäb« in den Nußbaum, bleibt ein solcher gleich das erstemal hängen, so gibt's«ine baldige, glück- sich« Ehe. AndcrortS werfen Brautleute am Christabend Nüsse ins sfeucr, verbrennen die Nüsse still, so wird die Ehe eine ftiedliche; sie wird um so weniger glücklich, je mehr die Nüsse im Feuer krachen. »aß Hcrade die Nuß vielfach als LiebeSorakel benutzt wird und noch viel mehr benutzt wurde, wird nicht so von imgefähr sein, ist doch die Nuß da? Symbol geheimnisvoll verschlossener Fruchtbarkeit. Die alten Germanen gaben, wie die Aufdeckung mancher Grab- stätten gezeigt hat, den Toten Nüffe mit ins Grab. Dabei wird die Nuß aber wohl als Totenspeise anzusprechen sein. Bei der Bloß- legung von Pfahlbauten sind unter den Nahrungsarten vielfach große Nußvorräte gefunden worden; der Pfahlbauer hat also jedenfalls gewußt, seine Wintcrvorräte mit Nüssen zu versehen. Beim alt- germanische» Julferst durfte die Nuß nicht unter den Festgaben fehlen. Aber auch als Berkünderin des nahen Todes galt die Nuß: Wer im neuen Jahre als erste Nuß eine solche mit taubem Inhalt aufbrach, dessen Tage sollten gezählt sein. Unzertrennlich vom Volksglauben ist der Wunderglaube. So wurden dem Haselstrauch auch mancherlei Kräfte zugeschrieben, an die männiglich noch heutigen Tages glaubt. St. Lambertus ist der Schutzpatron der Hasel, und ein Teil seiner Weissagekunst, die der Landmann noch heute vielfach rühmt, wurde auf Frau Hasel über» tragen. Die Magier und Fahrenden des Mittelalters holten ihre Wünschelrute(virgula mercurialis) vom Haselstrauch, wollten sie Quellen oder Silber suchen.„Dann die rutcn von Haselstauden ge- niachet, gebrauchen sie zu den sylber gängcn"— so belehrt unS Agricola. Der geheimnisvolle Geist, der in die Wünschelrute ge- fahren war, machte sich durch Ausschlagen der Gabeläste bei dem Träger der Wünschelrute bemerkbar, sobald dieser sich über der ge» suchten Silberader befindet— so weiß uns die Ileberlieferung zu meldeik. Auch.gegen die Stillung deS Blutes wußte man unter bestimmten Bedingungen gebrochene Haselzweige anzuwenden. Von all den Bräuchen, denen der Haselstrauch einst diente, ist nur»venig auf die Gegeuivart überkommen, und dieses auch nur selten in der ursprünglichen Form; nur einer kehrt alljährlicki getreu wieder: die Festgabe zur Feier der Wintersonncmvende. ES sind zwar bei weitem nicht immer die Nüsse deS deutschen Waldes, und noch seltener sind es sclbstgesainmelte, allein es sind doch Nüsse. Frau Hasel gibt sie reichlich, schlechte Erntejahre koinmcu Ivcnig vor. lind»oenn cS uns zum Herbste möglich ist, dann wolle»»»vir selbst„in die Haseln gehen", das heißt Nüsse holen. Wem»»vir dann unseren Haselstrauch genau betrachte»», »venn ivir auch noch Auge haben für anderes als was Nuß heißt, dann können»vir im Haselbusch auch schon die An- sänge der für nächstes Jahr bestinmiten Kätzchen beinerkcn. Klein sind sie noch und grün und fade. Da haben»vir dann gleich eine neue Eigentümlichkeit der Frau Hasel: die Vorsorge bei Zeiten. Die Vorfriihlingstage sind kurz, schnell sind die iv-, bliche» Blüten am Haselstrauch verblüht; wollte Frau Hasel ihre Männer erst jetzt alle erschaffen— die Mütter müßten liebeleer ihr Dasein verträumen und keine Nüsse würde eS im kommenden Herbste geben. Dann»? nutzt Frau Hasel die letzten Tage ihrer jährlichen Vegetationsperiode und läßt ihre Männer so weit als möglich heramvachscn, daß diese den Winter überleben können und doch bei den ersten AorsiihlingS- sonncnstrahlcn bereit sind, ihres Annes zu walten. Seine uövtge Ausbiidnng erfährt der goldige Blütenstaub erst beim Aufbrechen des Kätzchens. Her m. Kr a ist. lAachtrnS«:«!«*.> Älie� pivatcnauguft Spiritist wurde. Ich interessiere mich sehr für Geister und Gespenster und ich bin ein überzeugter Anhänger des Spiritismus. Früher hielt ich zwar alle diese Dinge für Unsinn und Mumpitz, bis mich ein Freund, der, als er noch seinem Beruf oblag, den Namen Piraien- august führte, zur besseren Einsicht brachte. Er war früher ein geschätzter Taschendieb gewesen, der sich in den Kreisen der Kriminalbeamten einer besonderen Beachtung erfreute. Es gab Beamten, die ihm stundenlang folgten, nur um ihn arbeiten zu sehen. Aber heute ist er Spiritist, Ehrenmitglied der Christian Science Eneietv, Ehrendoktor zweier- amerikanischen Universitäten und bei allen spiritistischen Prozessen gerichtlich vereidigter Sach- verständiger. Er erzählte mir selbst.>vic er dazu kam. Nur aus Ulk war er eigentlich hingegangen, und während auf einer kleinen holprigen Bühne der Geist des seligen Cicero mit einem Bettlaken umwickelt und in einem naturwüchsigen Pommer- scheu Landdialekt Dienstmädchen, Flickschustern, Staatsbeamten und Rentnersgattiunen Aufklärungen über Vergangenheit� Gegen- wart und Zukunft gab, dachte mein Freund,»vic schön es doch »värc, wenn man überhaupt alle menschlichen Zusammenkünfte und Vercinssitzungen in künstlich verdunkelten Räumen abhielte, und er beschloß, rein der Wissenschaft halber, aus Interesse a» seinem Beruf, einmal zu versuchen, wieviel er»vohl in diesem kleinen Kreise erbeuten könnte. Während also auf der Bühne ein Geist den anderen jagte,»vährend das Gruseln allgemein wurde und sich jedes Haar im Saale einzeln sträubte,»vähcend hysterische Frauen in wilde Schreie ausbrachen und ein dicker und sündenschiverer Gastwirt innerlich das Gelübde tat, zur Heilsarmee überzutreten, nahm Piratenaogust sich ruhig und unpacteiffch die Zuschauer einen nach dem anderen vor und entledigte sie«hrer Uhren, Ketten. Portemonnaies und airberer eitlen, irdischen Schätze. Er ver- Lchmähke nichts, weder daS Halsband der Witwe noch die Brillant- Emsennadel des Schlächtermeisters, und sogar den Geist eines blut- ißicngcn Raubmörders bestrafte er noch jetzt, zehn Jahre nach seiner Hinrichtung, indem er ihm eine wohlgespickte Börse aus seiner iUnterrocktasche entwendete— der Geist trug nämlich unter seinem Leichenhemd merkwürdigerweise Frauenkleider. Mein Freund August gehörte nicht zu den Menschen, die sich in eitler Weise an dem Eindruck ihrer Tätigkeit ergötzen. Still, ja fast geräuschlos «erlies; er wie immer bei solchen Gelegenheiten den Schauplatz Feiner Tätigkeit, und erst am nächsten Morgen erfuhr er aus dem Jntelligcnzanzeiger, daß die mediumistischen Fähigkeiten der be- Zäunten Frau Hanna Oter nunmehr über jeden Zweifel erhaben Feien. Besonders in verblüffenden Dematerialisationen hätten die Geister gestern großartiges geleistet, und die Begeisterung des Publikums habe keine Grenzen gekannt. Seit der Zeit war Piratenaugust überzeugter Spiritist, er �entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit, und jede Seance, die er be- Füchte, hatte eine verblüffende und für die verbohrten Anhänger der rückständigen Wiffenschaft unerklärlichen Erfolg. Während Früher die Geister im Jenseits in armseligen Leichentüchern herum- liefen, erfreuen sie sich heute, dank der segensreichen Tätigkeit meines Freundes, man darf wohl sagen, in ihrer großen Mehrzahl eines blendenden Goldschmuckes, sie sind mit Geldmitteln reich ver- .sehen, und eine Uhr mit goldener Kette trägt wohl jetzt jeder im Jenseits. Das ist ein Trost für uns, wenn wir einmal sterben müssen. Aber eine spiritistische Autorität wurde August erst, als er sich mit einer Freundin zusammentat, die in den Bouillonkellern unter dem Namen der sicbenfingrigcn Ida bekannt und allgemein lbclicbt war, und als er sie als Medium entdeckte. Er machte mit ihr eine Tournee durch Nordamerika und mußte, als er zwei Jahre später in das deutsche Vaterland zurückkehrte, allein an Juwelen einen Einfuhrzoll von über hunderttausend Mark bezahlen. Aber er bezahlte diese Summe anstandslos, denn er war viel zu vor- «ehiii, um etwa zu schmuggeln und so den Staat zu betrügen. Seit dieser Zeit lebt er, abgesehen von kurzen Gastreisen, die er auf Einladungen hervorragender psychologischer Vereine unter- nimmt, in Berlin und genießt eine unbegrenzte Wertschätzung selbst in den höchsten Gesellschaftskreisen. Er hat auch ein Lehrbuch der okkulten Wissenschaft geschrieben, ein stsncksrckvorlc von internationaler Bedeutung, und er wartet nur noch auf den Nobel- preis, der ihm nicht ausbleiben kann. W. Crem er. kleines Feuilleton. Völkerkunde. Unter den Buschmännern. Am Sonnabend sprach in der Berliner Anthropologischen Gesellschaft Herr Dr. Rudolf Pöch aus Wien über die Ergebnisse seiner Reisen in Süd- a f r i k a zum Studium der Buschmänner(1907/09). Die ausgezeichneten Licht- und Bcwegungsbilder gaben einen lebendigen Eindruck von den Dascinsbedingungen dieser aussterbenden Rasse und von der trostlosen Natur der gewaltigen Strecken an der sandigen Kalahari-Steppc, neben denen die berüchtigsten„Gegen- den" der Mark noch wie freundliche Oasen erscheinen. Auf Karren, Gespannt mit endlosen Ochsenreihen, zog Pöch Tausende von Kilo- meiern im Zickzack hin und her, um eine Handvoll Buschmänner überhaupt nur aufzutreiben. Sonst findet man bloß noch einige Exemplare dieser seltsamen Menschen, die mit Schnalzlauten reden, in den Gefängnissen der Kapkolonie. WaS der Bur nicht abgeknallt hat, steckt der Engländer als Vagabunden ins Loch. Run, der Buschmann ist vielleicht der elendste Mensch, den die Welt kennt. Nackt watet er durch die Wüste; er errichtet keine Hütte, sondern bloß eine Art halboffenen Windschirms, und wenn ihn in den Wintecnächtcn der Frost schüttelt, wälzt er sich im Schlaf so dicht ans Feuer, daß er sich den Leib mit Brandwunden übersät. Glückt es ihm nach Wochen, ein Wild zu fangen, so frißt er sich bis zum Platzen den mißhandelten Leib voll. Im übrigen gräbt er mit einem Stöckche» nach Wurzeln, und wenn die Pfannen hBodeiwertiefungen mit Regenwasser) austrocknen und die wild- wachsenden Melonen sich nicht mehr finden lassen, so fällt er eben .irgendwo um und bleicht bald zum Gerippe. Und diese Jammer- wcscn sind aus sich selbst heraus Künstler von eigenartig sezessio- .nistischem Charakter! Wenn sie im Steingeröll hocken und geduldig einer Antilope auflauern, führt ein sicherer Kunstinstinkt ihre Hand und sie bedecken die Felstrümmer mit Umrißgravierungen von Tieren, Jagd- und Kampfszenen, die zum Teil überraschend realistisch wirken und bei ihrem Bekanntwerden berechtigtes Staunen hervorriefen. Aus solchem Musterbeispiel dürfte sich doch wohl der Schluß ziehen lassen, daß Kunstempsmdung und Kunst- Übung nicht erst eine Frucht höherer Bildung oder ein besonderes Vorrecht der genießenden Klassen ist. Es gibt immer noch sonder- bare Schwärmer, die behaupten, wahre und im Elcmentar-Mensch- Eichen wurzelnde Kunst gedeihe bloß in der Sonne höfischer Luxus- baunc. Sie werden durch solche ethnologischen Tatsachen schlagend wiedcrlcgt.___ A. K. Aerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Physikalisches. Ein Radiumtoast von Professor Ramsah. Der berühmte Chemiker, der zwar nicht das Radium, aber so viele an» dere wichtige Elemente entdeckt und in seinen letzten Arbeiten auch eine der größten Autoritäten für die Eigenschaften des Radiums geworden ist, Professor Ramsay, hat sich über den Stand der ganzen an diesen eigenartigen Stoff geknüpften Frage aus- gesprochen. In England besteht nicht nur für Politiker, sondern auch für Gelehrte die Gelegenheit, zuweilen in zwangloser Weise ihre Anschauungen auseinandersetzen zu können. So war Sir William Ramsay in den Londoner„Autoren-Klub" eingeladen, wo man von ihm einen„Radiumtoast" erwartete. Das Haupt- sächliche Thema, das Ramsay in seinen Ausführungen behandelte, war die Konzentration der E n e r g i e. Er sagte, daß der ganze materielle Fortschritt der Menschheit auf der Fähigkeit beruhe, erstens Energie zu konzentrieren und zweitens das zu steigern, was man den wirtschaftlichen Koeffizienten genannt habe. Für die wunderbarste 5ionzentration von Energie sei das neue Wort Radioaktivität geschaffen worden. Von dem Radium gehen drei Sorten von Strahlen aus, die man nach den ersten Buchstaben deS griechischen Alphabets als Alpha-, Beta- und Gammastrahlen be- zeichnet hat. Die Alphastrahlen können leicht„auf Flaschen ge» zogen" werden, denn sie sind an ein Gas gebunden, das aus einer verschlossenen Flasche nicht entweichen kann. Die Betastrahlen bestehen aus sehr kleinen Teilchen, die mit ungeheurer Geschwindig- keit sich bewegen; die Gammastrahlen aber bestehen nach der jetzi- gen Annahme überhaupt nicht aus körperlichen Teilchen, sondern sind lediglich Wellen in dem uns umgebenden Aether und ent- sprechen in dieser Hinsicht dem Licht. Mehrere hervorragende Radiumforschcr vertreten die Annahme, daß sich das Radium in ganz andere Stoffe verwandelt, während es in den verschiedenen Stadien seiner Zersetzung die Alphastrahlen aussendet. Die Zu- standsänderung scheint die eines festen Körpers in ein Gas zn sein. Die Frage, wie lange das Radium bestehen würde, wenn eS sich dauernd in dieses Gas verwandelte, beantwortete Ramsay mit den Worten:„Für immer", die abgegebene Gasmenge entspricht nämlich immer der vorhandenen Radiummenge. Man kann aber eine bestimmtere Antwort auf die andere Frage geben, in welcher Zeit die halbe Verwandlung des Radiums in seine Ausstrahlungen erfolgt. Diese Zeit hat Ramsah in allerneuester Zeit in seinem Laboratorium zu 1759 Jahren festgestellt. Der Gelehrte er- wähnte dann, daß die österreichische Regierung ihm ein« kleine Menge Radium im Werte von 189 999 M. geliehen habe. Er habe versucht, diesen Wcrtgegenstand zu versichern, doch sei ihm das nicht gelungen. Das Radium könnte übrigens in eine Röhre gepreßt werden, die noch viel enger ist als die feinste Thermometer- röhre. Seine Ausstrahlungen verwandeln sich weiter in andere Stoffe, die wieder ihre besonderen Bezeichnungen erhalten haben. Da ist zunächst das Radium A, das nur eine Viertelstunde„lebt" und sich dann in das Radium B verwandelt, dessen Lebenszeit drei Viertelstunden beträgt. Radium C lebt eine halbe Stunde. Dann kommt das Radium V, daS sich in dieser Hinsicht ungefähr mit einem gesunden Menschen vergleichen läßt, denn nach den bis- herigen Erfahrungen hat eS in 49 Jahren erst die Hälfte seiner Lebenszeit zurückgelegt. Ramsay hat es einmal gesehen, und zwar als eine bleiähnlichc Masse mit metallischem Glanz. Dann gibt es weiter noch ein Radium Ol und ein Radium E2 und schließlich ein Radium F, das wahrscheinlich mit dem Polonium identisch ist, das von Frau Curie entdeckt und jetzt in so überraschender Weise weiter erforscht worden ist. Diese Stoffe stellen die größte bekannte Konzentration von Energie dar, und Ramsay bezweifelt, ob eine größere überhaupt jemals entdeckt lverden wird.�„Die Naturforscher aber befinden sich." sagte Ramsah,„immer im Zu» stände de? Zweifels und ich bezweifle daher auch meine eigenen Annahmen." Zum Schluß berührte der Physiker auch die Frage, inwieweit das Radiuiil zu Heilzwecken werde Verwendung finden können. Er hält es für ganz ungewiß, ob man damit je- mals die Krebskrankheit werde heilen können. Dagegen bezeichnete er es jetzt schon als sicher, daß die Heilung von fressenden Ge- schwüren auf diesem Wege möglich ist und wünschte die allgemeine Aufmerksamkeit nachdrücklich auf diese außerordentliche Tatsache hinzulenken. Zur Behandlung von KrebS werden gegenwärtig gewöhnlich die Kristalle von Bromradium gebraucht, die in eine versiegelte Glasröhre oder in einen mit einem dünnen Deckel von Glas, Aluminium oder Glimmer bedeckten Knopf eingeschlossen werden, damit sie in das Innere von Geschwülsten oder in Oeff- uungen des Körpers eingeführt werden können. Nach der jetzigen Ausfafsung haben nur die Gammastrahlen die Fähigkeit, die Krebs- zcllen zu zerstören, ohne den gesunden Zellen des Körpergewcbes zu schaden, während die Alpha- und Betastrahlen bekanntlich alle Zellen vernichten und schwere Wunden verursachen. Es muß daher Sorge getragen werden, diese schädlichen Strahlen so auszu- scheiden, daß sie den Körper nicht erreichen. Dies- �Schwierigkeit wird vielleicht nie in genügender Weise zu überwinden sein. Der bekannte Arzt Läuder Brunton hat eben erst die praktischen Er- fabrungen mit dieser Art von Krebsbehandlung zu)ammengiistellt. Tie Ergebnisse sind nach den Berichten leider recht widersprechend und geben daher der Skepsis des Physikers recht.— Vorwärc» Buchpruckcre, u.«erl«g»anstalt Paul Singer ScCo.. Berlin