Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 39. Donnerstag den 24 Februar. 1910 �Nachdruck verSoten.Z 30] Im JVamen des Gefetzes. Von Hans Hyan. Die in Todesangst auf die beiden Männer starrende Blonde wollte leise bitten. „Aber Jeorchl Jeorch!.. Er schrie sie an und wandte sich wieder an den Schwarz- haarigen, der das linke Auge zukneifend, plötzlich sagte: „Aber die blasie Adele, die braucht eenen, was?" Georg lachte. „Die braucht keenen und die hat noch keenen! Wat die braucht, det hat sei Nemlich'n Freund, der ihr bcschitzt vor solche Elemente, wie Du eena bistl Un der nie nich dran denkt, det arme Meechen ooch bloß een roten Pfennich ab- zunehmen. Du Dussel!" „Jeorch," sagte seine Schwester wieder,„laß ihn doch, er hat mir ja nischt jetan! Er war ja jutl..." „Jetan soll er Dir ooch noch wat hab'n? Na, det wer det letzte, denn könnt er wat erleben!... Js et etwa nich jenuch, det er Dir Dein Jeld abnimmt,>vat de Dir uff sonne hundsföttsche Art und Weise vadienen mußt! Js det noch nich jenuch, nee? Na, wat stehste denn da noch imma. Du?" wandte er sich jetzt im auflodernden. Zorn, wie ein gereizter Stier, dumpf aufbrüllend, an den andern, der einen Schritt zur Tür hintrat und die rechte Hand in die Tasche senkte... Doch Georgs Auge wich nicht eine Sekunde von ihm, und unter diesem flammenden Blick fand er die Kurage nicht. die Hand, in der das Messer bereit lag, aus der Tasche zu ziehen. „Raus!" sagte Georg und kam auf ihn los. Retierierend keuchte der andere: „Warte, Du! Det sollste sehn!... De Brieder, die wern Dir schon!"... Damit war er hinaus und Georg warf die Tür hinter ihm zu und riegelte ab. Dann ging er ein paarmal in dem rot erleuchteten Räume hin und her: Ella saß bedrückt auf dem Rande des auf- geschlagenen Bettes. „Nu wern se mir't Leben schwer machen, wie sc kenn'," seufzte sie,„Du hast ja keene Ahnung, wie die zusammen halten, und Du wirst et ooch bald sehn! Wer eenen aus'n Klub was tut, der hat se jleich alle uff'n Hals... lieber Jeorch, Du bist ja gut. aber wall soll ich denn nu machen? Denkste ich kann jetzt noch in'n Caf6 gehn? Un wenn wa ooch janz wo anders hinziehn, die Klubs sind alle einig mit- einander! Was der eene sagt, das muß der andere tun! Du sollst mal sehn, Jeorch, Dich beißen se ja ooch raus!..." Georg lachte sorglos. Zum erstenmal, solange er ihn kannte, dachte er voller Befriedigung an den grünen Heinrich. Die andern konnten ihm sonst was! Und jetzt wußte er auch, was er dem Grünen sagen wollte, morgen, wenn sie sich trafen!... Er beruhigte die Schwester und verstand es in dem langen Gespräch, was die Geschwister in dieser Nacht noch hatten, geschickt in Erfahrung zu bringen, daß Frau Amanda Poppe, weil sie jeden Tag mit ihrer Flucht rechnen mußte, ihr ganzes Geld in einem eisernen Kasten, im Schlaf- zimmer unter ihrem Bett verwahrte. Erst gegen Morgen schliefen Georg und Ella ein. Sie hatte ihm ihr Bett abgetreten und lag selbst auf dem Divan. Und da ruhte sie, nach langer Zeit zum erstenmal wieder mit einem reinen heitern Lächeln auf dem jungen Gesicht, das soviel Böses gesehen und dem das Schlimmste und Schmerz- lichste noch aufgehoben war. 26. „Det hettste nu vielleicht lassen kenn'!" sagte der grüne Heinrich, als er und Georg gegen 16 Uhr abends das Elisabeth- ufer hinuntergingen,„ick weeß nich, wenn ick det vameidcu kann, denn mach ick mir in meinem eijenen Kreis keene Lanzen!.... Na ja." fuhr er auf eine unwillige Bewegung Georgs fort,„ick weß,'t is Deine Schwester. Un Du bist cbent'n Mensch, der zu seine Familie hält... ick for meene Parte, ick kenn sowat janich! Sach' mal. Du kannst da jewiß nich erinnern, det ick da schon mal mit meine Familie belästigt habe... Un dabei leben se... Später, wie ick in Fi«> sorje kam, da Hab ick se wieder mal jesehn... Meine Olle hat denn'n Tischler jeheiratet un da is, soviel ick jehert habe, noch'n ganzet Jeheck Kinda... Na, mein Sejen haben se, aber Sehnsucht, Sehnsucht nach Hause... nee weeßte Jeorch, ick weeß ja nich wie son Ding aussieht. Ick find's ooch Quatsch!... Wenn zwe Menschen zusammen krauchen un machen'n Kind, det is schon schlimm jenuch, det dabei der Wurm nich jefragt wird, ob er will oder nich.... Ick sage Dir, ick hätte nich jewollt!... Denn wat ick vor ne Kindheit durchjcmacht habe— na, weißte, man sollt ja nich jloben, det son kleenet Jeschepf so jequält wern kann.... Die Frau, wo ick zuerst war, wo ick noch so dran denken kann, die hatte allcene viere und jing waschen.... Aber der Mann war zu Hause,'n Saifcr! Der hatte sich nun janz was Besonderes mit mir ausjedacht: Ick mußte'n de Beene hin- halten und denn schmierte er mir de Sohlen mit Faßfcefe in— Stiebel und Strimpfe jab et natürlich nich!— un denn mußt ick loosen. Ratierlich schlug ick immerzu hin un denn wollt er sich dodlacheil... Un wie ick't erscht raus hatte un lief brettbeenig, da schlug und stieß er mit so langen Stock, det ick doch hinplumpste... Na un Keile jab't ieba- Haupt bloß enmal'n Tag! Un zu essen war for mir so jut wie janischt da, die Wauptsache war, det ick fuffzehn Mark brachte... Ratierlich klaute ick schon als kleener Junge wie'n Rabe und denn nachher in Fiersorje...." Er schwieg und lachte tonlos in sich hinein. Georg, immerfort an ihr heutiges Ziel denkend und von einer ent- setzlichen Unruhe gefoltert, glaubte etwas sagen zu müssen. In einem Ton, aus dem man seine Zerstreutheit und die innere Angst heraushörte, sprach er: „Nc, dies kann ick wirklich nich sagen! Meine Eltern haben schön für uns jesorcht... bloß der Alte... na, det is n' Mensch, der sein Leben lang nischt Unrechtes jetan hat .... der kann sich nicht rinfinden in sowat... un denn will er in alles reinreden. Det jeht doch nich, dazu bin ick doch zu alt!..." „Ja, aber't is doch merkwirdig, det ihr denn so janich jeworden seid... Du und Deine Schwester... Dr sagst doch, dat se son anstendjet und nettet Meechen war...' seh mal, Jeorch, wenn sowat passiert, ick weeß nich, denn Hab ick imma de Eltern in Vadacht... aber Dir hab'n se doch wenigstens lieb jehabt, so lange de kleen wahst... bei mir, na Mensch! wenn Du det durchmachen solltest, wat ick in det rote Haus da draußen in Friedrichsberg ausjestanden habet Ne, mit mir hat, solange ick lebe, noch keen Mensch Mitleid jehatt... und darum habe ick ooch keen Mitleid! mit kecnenl ... ob se arm sind oda reich, vor mir sind et meine Feindet Un darum Hab ick ooch keene Angst nicht uff son Weg wie heite... Du hast det imma nich jloben wollen, wenn ick Dir sage, ick arbeete... siehste, det is eben meine Arbeet� un so Wien Arbeiter, wenn er früh rausjeht an seine Arbeits- stelle, so ruhig, wie der dabei is, so ruhig bin ick ooch!... Passiert mir wat, na schcen, damit muß ick eben rechnen... aber eben so leicht kann ooch'n andern wat passieren... de Hauptsache is kalt Blut und warm anjezogen!..." „Aber ängstigste Dir denn nich, det is doch..." Georg stockte, und sein schweres Atmen ließ das, was er von seiner eigenen Furcht und Verzagtheit sagen wollte, erraten.... „Det is bei Dir ooch bloß det erste oder det zwete Mal," meinte der andere mit vollkommenem Gleichmut,„ick sage Dir, man jewehnt sich daran jenau so jut, wie an wat anderes. .... Na, un denn, wat bleibt Dir denn schließlich ooch weiter iebrig?!" „Ja, ja," sagte Georg tonlos," was machen muß ich ja ... hier in Berlin bleiben, nee, det jeht vielleicht noch'n paar Tage, aber denn..�.." „Un Du mecnst wirklich, det se hinter Dir her sind... weeß denn die Olle bestimmt, det's Jeheime waren, die nach Dir jefragt haben?" „Na jewiß!" Georg machte eine ungeduldige Gebärde, „det war ja'n reener Zufall, det ick se in de Rothenburjer Straße in Jemüsekeller getroffen habe..." Er verschwieg, daß er an dem Morgen, wo er aus Ellas Wohnung kam, lange angstvoll und mit Gewißheit den Besuch der Polizei in seiner Wohnung voraussehend, die Straße. in der sein Haus lag. umkreist hatte: bis ihm schließlich die Wirtin, die zum Mittagessen einholen wollte, in den Weg lief. „Hn se haben auch ihre Marken jezeigt?" fragte der Grüne, voll schlechtverhehlter Genugtuung, daß Georg nun vogelfrei und ganz auf ihn angewiesen war... „Aber ja! se sagten auch, se würden wieder kommen, und die Wiemern sollte mir janischt sagen, daß se dajewesen wären, se machte sich sonst straffällig!.. „Hat's Dir aber doch jesagt!... Na, das war wenig- stens anstendig von die Frau... mir wundert bloß, bis se noch nich bei Deine Schwester nach Dir jesucht haben! Denn nu, wo se doch jedenfalls schon wieder da waren, in Deine alte Wohnung, un haben jesehn. Du kommst ieberhaupt nich wieder, nu wissen se doch, wat los is... det war nich klug von Dir. mein Junge!... Hättest machen sollen, wie ick Dir jesagt habe!.. „Ja, Du hast jut reden! Denn sätz ick jetzt wahrscheinlich schon in Moabit nn zuppte Weich oder valeste Appelsinen- schalen!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck derdoteu.1 O K n m a ck t. Von Otto Alscher. Der Nebel hängt schwer im Walde. Zwischen den weitzfleckigen Säulen der Riesenbuchen schiebt er sich bin, verfängt sich hoch oben in den Blätter» und fällt von da in dicken Tropfen nieder. Der Pfad, der durch den Wald führt, immer den Höhenzug entlang, stundenlang nur zwischen Bäumen, konmrt aus dem Tale. wo die Stadt und die reichen Dörfer liegen. Und führt zu den armseligen Bergdörfern hin, die an steinige Hänge, in enge Täler gedrückt sind. Meist nur arnie Leute gehen diesen Pfad. Rumänen, deren Feld zu steinig ist, um sie satt zu machen, Zigeuner, die unter den Rumänen setzhaft, kein Feld haben, nur Axt und Zugsäge, mit denen sie auf Holzarbeit ausgehen. Und immer, Ivenn der Frühling in die Täler kommt, der hohe Schnee auf den Bergen zusammensinkt, drücken sich im Wege auf dem Höhenrücken die ersten menschlichen Fußspuren«in. Aber oft genug finden diese Fußspuren nicht ins Tal hinab, endigen auf halbem Wege, wo dann, wenn nach Wochen auch der zähe Nach- Winter sich verloren hat, andere Wanderer einen Erfrorenen finden oder auch die Anzeichen, daß hier Wölfe einen Menschen zerrissen. Dann fassen sie die Axt fester, sehen scheu um sich, fluchen und beten, bis sich der Hochwald öffnet, und sie den Frühling im Tale unter sich sehen können. Aber eö ist noch Herbst. Immer dicker schleift der Nebel zwischen den Stämmen hin. Und wo die Wipfel einen Ausblick lassen, siebt man die weihen Schwaden aus der Tiefe steigen, Über den Grat wegtreiben und sich drüben zu einem Meer sammeln. An einer Wegbiegung erhebt sich eine Gestalt. Sie richtet sich Verkrümnil auf, streckt sich stöhnend gerade und ladet sich dann einen schweren Sack auf den Rücken.... Und da taumelt Nislure Serakovan erst haltlos hin und her, bis er langsam das Gleichgewicht wieder findet, wieder hinauseilt, vor- gebeugt, als wolle er jeden Augenblick hinstürzen. Die Gestalt des Zigeuners'st klein und unentwickelt. Sein fahl- braunes Gesicht greiienhaft bekümmert. Die Augen angstvoll auf den Weg gerichtet, der mit Stämmen und Steinen querüber voll Von Hindernissen ist. Noch ist aber der Weg eben. Nun aber kommen Senkungen und Steigungen in'jäher Folge zwischen den Felsen empor. Des Zigeuners Schritt wird hart und stampfend, und keuchend geht sein Atem. Wie von Schwindel erfaßt, bleibt er zeitweilig stehen, rückt die Last aus dem Rücken höher, und greift mit der Hand darunter, un, den schmerzenden Druck auf daS Kreuz zu lindern. Oder er verschiebt die Schnüre auf den Schultern weiter hinaus, bis ihm daS ganze Schlüsselbein wie zerschlagen erscheint und er sich nur in stumpfer Ergebenheit hinschleppt. Und dann beginnt er wieder rechts und links zu spähen, nach (edem Felsblock am Wege; jeden Stamm, der einen Sitz bietet, ehnsüchtig betrachtend, um aber immer wieder den Pfad entlang zu schaue», ob nicht bald die erwartete Wiese käme, die ihm sagte, daß er wieder ein gut Stück Weges beendet. Dch ein Schritt hinter ihm. Ein Rumäne isis, der geht leicht und frei, hat den Rock über die Schulter gehängt, die Axt im Arm. Nifture wendet sich um, gibt sich eine strainmere Haltung, um dem anderen nicht merken zu lassen, wie sehr ihn der Straita auf dem Rücken drückt. Und er denkt nach, wer der andere sein kann. Da fragt dieser auch schon:„Wohin gehst Du?' „Nach Prigor." „Ich nach Raduleni, da haben wir beinahe einen Weg. Warst Du auf Arbeit?' „Ja, aber es ist nicht viel zu finden. Und schlecht wird gezahlt, zu viele suchen Geld." „Ist recht, daß viele Arbeit suchen. Ihr glaubt sonst immer, daß man Euch fürs Schlafen bezahlen soll.' „Bin nicht faul J' meinte der Zigeuner erregt.„Aber ich habe eine Woche gearbeitet, Wald ausgerodet, lauter Zwergbuchen, die so viele und zähe Wurzeln haben, und was Hab ich dafür bekommen?— nichts I' Der Rumäne lacht, dann meint er pfiffig:„Kommst Du wirklich ganz ohne Geld nach Hause, he?' „Ganz ohne Geld." beteuert der Kleine.„Nur vierzig Kilo Maismehl hat mir der Bauer gegeben— für eine Woche Arbeit.' „So wenig I Eh, wenn Du so dumm bist, es zu nehmen!' „Was sollt ich machen, Hab' ja dafür Geld verlangt, aber der Bauer sagte, er hätte keins. Und wenn er mir nur so viel Geld gegeben hätte, als das Mehl in seinem Dorf kostet, bei uns hätte ich mir viel mehr dafür kaufen können, denn da ist es billiger. Aber der Bauer hat sein Mehl los werden wollen, denn eS ist vom alten und er hat nun ganz neues... Nun muß ich es auch noch über die Berge schleppen." „Laß eS liegen I" Der Zigeuner schweigt verbissen. Er taumelt hinter dem anderen drein, seinen Blick stier auf dem Boden, den Rücken gekrümmt, die Hände als Däinpfung hinter dem Kreuz. Nach einer Weile erst frägt er aufseufzend:„Was ist die Uhr?" „Schon über Mittag, vielleicht kommen wir doch noch heute heim." „Hab' gewußt, daß es schon spät ist, Hab' noch nichts gegessen.' „Auf der Poiana ursului wollen wir rasten." Sie schauen gleichzeitig auS, ob die Wiese noch weit sei, doch eS dauert fast noch eine Stunde, bis sie anlangen. Der Rumäne fitzt schon da. Axt und Joppe neben sich, als der Zigeuner anlangt. Er müht fich eine Weile vergeblich, die Schnüre feiner Streit« zu lösen, läßt ihn dann zu Boden gleiten. Und taumelt, von der Last befreit, wie aus dem Gleichgewicht gekommen. Der Rumäne hält schon sein MttagSmahl. Er ißt Speck und harte Eier zum Maisbrot, ißt langsam, wie einer, der keinen rechten Hunger hat, dem es aber doch der Speise wegen mundet. Der Zigeunet aber liegt platt ausgestreckt auf dem Rücken, setzt fich dann mühsam auf. dreht die Schultern, streckt den Rücken und beginnt im Straita zu kramen. Aber er hat nur Zwiebel zum Maisbrot, die er in dicke Scheiben schneidet und in den Mund stopft. Und bis zur Unmöglichkeit stovft er sich den Mund, voll Heißhunger ißt er und würgt, so daß ihm die Augen tränen. Als er endlich fertig geworden, seufzt er und schaut verloren hinaus. Der Rumäne dreht sich eine Zigarette. Er hat den Tabak in einem Papier auf den Knien liegen, nmimt vorsichtig die Fäden auf und wickelt sie in das dünne Blättchen. Nisture sitzt unbeweglich da und starrt auf den Tabak. Alle Linien seines bekümmerten Gesichtes haben sich um die Augen ge- sammelt, die auf den Tabak starren. Und als dieser wieder ver- schwindet, werden die Augen noch kleiner, die Linien aber zucken hin und her, verlieren fich um den Mund in tiefen Falten. „Komm, gehen wir I' sagt plötzlich der Rumäne. Der Zigeuner fährt auf, wirft fich den Sack auf den Rücken, macht ein vaar schwankende Schritte und folgt tappend dem andern. Der Rumäne erzählt nun eine lange Geschichte. Er geht leicht und rasch vor dem anderen her, der ihm kauni folgen kann. Wenn er sich dabei erklärend umivendet, macht der Kleine ein paar eilige, halb laufende Schritte, wobei der Sack auf dem Rücken seinen Körper unbehilflich hin und herreißt. Da lacht der Rumäne. Sie haben einen Gipfel überstiegen und eS geht zu Tal. Steil gleitet der Pfad hinab, zwischen Geröll und scharfen Steinen, stellen- weise schlüpfrig durch die Nässe. Und einmal fällt auch Nifture. stürzt zurück, mit dem Rücken auf den Sack schlagen, einen dumpfen Laut ausstoßend. Sein Gefährte ist stehen geblieben und sieht ihm zu, wie er sich schwerfällig wieder aufzurichten sucht.„Warum, zum Teufel, kannst Du nicht acht geben!" sagt er. Aber der Kleine bringt keinen Laut hervor, nur ein Aechzen. Endlich sagt er:„Schwer ist der Straita." „Warum hast Du Dir das Mehl anhängen lassen!" „Was soll ich machen, er hätte mir sonst gar nichts gegeben. Und wie hätte ich mein Recht suchen sollen, ist ja der Dorsvorstand sein Verwandter." „Wer ist es denn, bei dem Du gearbeitet hast?' „Der Mosu Laitin, der an der Brücke wohnt und den großen Hof hat.' Der andere ist herumgefahren, schaut den Zigeuner verblüfft an. Plötzlich verzieht sich sein Gesicht, er schlägt mit den Händen auf die Knie und bricht in ein Lachen aus. Und sagt endlich, noch immer unter Lachen:„Der, daS ist ja meiner Mutter Bruder, von dem ich einst alles bekomm.' „O. oh," staunt Nisture ehrfürchtig,„der ist reich, da wirst Du einst viel haben." Aber der andere protzt:„Glaubst Du, ich brauche eS? I Hab selbst einen schönen Hof, und zwei Häuser in den Bergen und über hundert Schafe. Und Grund in der Zarina, wo der beste Boden ist. Aber wenn mir der alte Laitin seinen Hof läßt, werde ich der reichste Bauer im ganzen Tal sein." Eine ganze Weile geht der Zigeuner still hinter dem anderen her, dann nähert er sich ihm wieder irnt ein paar lausenden Schritten und sagt demütig:„Herr, wenn Du Arbeit hast, denk an mich." „Wenn ich einmal schlechtes Maismehl habe.. lachte der andere zurück. Der Regen wurde stärker. Immer dichter fielen die Tropfen von den Blättern, im Weg lief schon Wasser und in den Opanken begann «s zu quirlen. Beinahe unempfindlich waren dem Zigeuner die Schultern ge- worden. Im Rücken lief ihm ein Kriebeln hinab, die baumelnden Dr-ne waren wie von Blei erfüllt, der Nacken aber schmerzte, als schnitte ihm jemand mit scharfem Messer und kleinen Schnitten die Sehnen entzwei. Doch Nisture fühlte die« kaum mehr, er dachte nur mit Angst daran, daß ihm der Regen das Maismehl verderben könne. Aber dann sagte er fich, daß er, zu Hause angekommen, das Mehl seiner alten Mutter geben werde, die eS ausbreiten werde, um es zu trocknen. Cr aber würde fich aufs Lager werfen und ruhen.. ruhen. 4 Der Rumäne war weit vorausgeeilt, verschwindet endlich ganz. Im Wald wurde es schon düster, der Nebel lag dick und trüb, ver- hängte den Himmel, verhängte alles. Nisture erkannte schon kaum mehr, ob er fich auf richttgem Wege befinde, aber er eilte und eilte. Und als eS schon fast völlig dunkel geworden war, der Zigeuner fich schon niederwerfen wollte, irgendwo, fich wie ein Hund zusainmen zu rollen und zu schlafen, weil es ihm vor der Nacht bangte, vor dem Wege, da sah er einen Feuerschein vorne. Eine hell lodernde Flamme, die aus eine kleine Waldlichtung fiel, auf das von gespalteten Stämmen errichtete Schutzdach von Hirten. Nisture taumelte darauf zu. Sein Denken war wieder erwacht, ihm ward so anheimelnd zumute. Und dann stand er vor dem Feuer, lachte den Hirten, lachte seinen Weggefährten blöde an, streifte den Stteita vom Rücken und liest fich am Feuer nieder. Die anderen lachten über ihn. Sahen ihm belustigt zu, wie er taumelt, fast in die Flamme stolpert und halb befinnungslos zu- sammensinkt. Aber der Zigeuner achtet nicht darauf, er ist nur glücklich, dast vc ruhen kann, schlafen. Schlafen... und langsam fallen ihm die Augen zu. »Bei Deiner Mutter Bruder also hat er gearbeitet?" fragt der Hirte. .Ja, der dumme Kerl I Plagt fich eine Woche in schwerem Boden mit Wurzeln und Steinen— und lästl sich dafür nur Vierzig Zkilo Maismehl geben, das er noch über die Berge schleppen muh." Der Hirte lacht..Hätte ihn? der Alte doch wenigstens ein Pferd dazu gegeben, das ihm den Sack trägt." .Ja, ein Pferd auch noch mit den, verdorbenen Mehl schinden. Kommt er nach Hause, muh er«S doch den Schweinen geben... Wenn sie eS fressen l" Der Hirte schaut auf den Sack, dann rüttelt er den Zigeuner. „He. Du. das Mehl ist ja ganz naß, gib eS her, damit ich davon meinen Hunden koche." Nisture schrickt auf und starrt den Hirten an. Und er erhebt sich rasch, nimmt den Sttaita, um ihn unter das Dach zu hängen, damit er trockne. Die anderen lachen wieder ob der Sorgfalt:„Wie gescheit der Onkel Laitin ist, spart, betrügt die Taglöhner, nur damit ich, wenn er stirbt, genug Geld finde", spöttelt dabei der Rumäne. „Und schafft auch alles Verdorbene weg, dast Du Dich damit nicht zu ärgern brauchst, kommst Du einmal auf den Hof", fällt der Hirte ein. Nisture schaut die beiden verständnislos an und finkt wieder in seinen Halbschlummer. Auch die anderen strecken fich bequem aus. Plötzlich aber fährt der Rumäne auf, wischt fich über das Gesicht und schaut nach oben. Und ruft böse:„Du Zigeuner, bring den Sttaita weg, es tropft da- von gerade auf mich." Nisture schrickt wieder auf:.Wo soll ich ihn hinhängen?" fragt er verzagt. .Warum, zum Teufel, hast Du ihn gerade über mich zuhängen? Häng ihn hinaus." „O, wie soll es trocknen. Eine Woche Hab ich gearbeitet, es acht Stunden über die Berge geschleppt, und nun soll das Mehl verderben?" „Wenn Du nicht willst..." Der Rumäne reistt den Sack herab und wirst ihn in den Regen hinaus. Der Kleine stöstt einen Schrei aus und will dem Sacke nach. Plötzlich aber bleibt er wie erstarrt stehen, fährt keuchend herum und stürzt sich auf den anderen. Und er krallt fich an ihm in mastloser Wut mit den Händen, mit den Zähnen fest. Die Kämpfenden find vor die Hütte getaumelt. Der Groste sucht ärgerlich den Zigeuner abzuschütteln. Aber immer rasender wird dessen Zorn, immer verbisiener seine Wut. Sinnlos zerrt und reistt er an den: Rumänen, sucht ihm ins Gesicht zu schlagen und seine Kehle mit den Zähnen zu fassen. Der Rumäne schreit, flucht: doch er kann den Angreifer nicht abschütteln. Da erholt sich endlich der Hirte von seiner Verblüffung. Er springt herzu, sastt den Wütenden, reistt ihn los und schleudert ihn mit einen» Faustschlag zurück. Schwer schlägt der Wütende zu Boden. Nun stürzt fich der Rumäne auf den Zigeuner, schlägt mit den Fäusten auf ihn los, tritt ihn mit den Füstcn. bis der Hirte sagt: „Nun hat er genug, er ist ja nicht recht klug." „Verflucht sei seine Mutter, sein Gott, waS hat er mich anzu» greifen I" „Spuck' ihn an, den Zigeunerhund, mehr ist er nicht wert." „Hast recht!" Und er geht wieder in die Hütte zurück. Dt« Hirte folgt ihn, und sie schauen nun finster nach dem Reglosen hin. Endlich erhebt fich dieser. Er wischt fich das Blut von dem Geficht, starrt irr auf die zwei, murmelt und schluchzt. Und ächzt gequält, sucht seinen Sack, schwingt ihn auf den Rücken und läuft davon. Ueber eine Wurzel stürzt er, rafft sich wieder auf. findet den Weg und eilt darauf hinaus, in die Nacht hinein, schwankend, den Kopf wieder weit vorgestreckt, die Schultern zurückgerissen. Eine ganze Weile noch hört man sein Murmeln und Schluchzen. Als dies endlich verklungen ist, lassen sich d,e zwei wieder beruhigt und faul beim Feuer nieder. Unwillkürlich scheu fie stch an und beide spucken sie gleichzeitig verächtlich aus, von demselben Gedanken erfastt:„Wie konnte sich dieser verkümmerte Kerl wider uns auflehnen!" Und sie werfen einen spöttischen Mick dorthin, wo er ver« schwunden ist. Amerika imd Hfnfia in Uterarifcbcr Beleuchtung. Tie Literatur über ostasiatische und afrikanische, besonders nord« amerikanische Kulturzustände ist wohl niemals so bereichert worden als wie gerade während des letzten Jahrzehnts. Es hat sich da ein erfreulicher Umschwung zum Besseren vollzogen. An die Stelle oberflächlicher Berichte vom„Hörensagen" find gründliche auf eigenen Erlebnissen, Anschauungen und langjährigen Erfahrungen beruhende Schilderungen getreten, die sich vornehmlich mit der kritischen Dar- legung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnipe, sowie mit der Erklärung ihrer ursächlichen Zusammenhänge befassen. Wir gewinnen nunmehr einen ganz anderen Einblick; und des Lesers Interesse an jenen Ländern wächst mit der Summe positiver Kenntnisse, die er aus diesen Büchern schöpfen kann. Unter den jüngsten Publikationen, die vom„schwarzen" Erdteil handeln, verdient hauptsächlich„Christian Svarres Kongo« fahrt, eine Geschichte ans dem Urwald" von Jürgen Jürgensen(Rütten u. Loening Literarische Anstalt Frank- furt a. M.) unsere Ausmerksainleit. Schon allein mit dem Kongostrom verbinden stch allerlei romantische Vorstellungen. Wie nun erst, wenn wir uns im Geiste plötzlich in diese üppige afrikanische Tropenwelt hinversetzt wähnen, wenn wir die eigentümliche Schönheit der Landschaft und des Urwaldes in allem ihrem schwülen Stimmungszauber zu verspüren, die Be- vöUerung in ihrem„Milieu" lebendig vor unser Auge gerückt ver- meinen! Solche Wirkungen entströmen diesem merkwürdigen Buche. Sieben Jahre hat besten Verfasser im Innern des Kongolandes ge- lebt, fern von allen Enropäeransiedelungen— zumeist allein mit den Eingeborenen. Er kennt ihre Sprache, ihre Sitten, ihre rcli« giösen Vorstellungen und Gebräuche. Das geheimnisvolle Wesen des Urwaldes ist ihm aufgegangen und hat seinen Niederschlag in einer dichterischen, dabei schlichten, knappen Darstellung gefunden, die nun auf den Leser eine magnetische Gewalt ausübt wie seit Multatulis„Max Havelaar" kaum ein anderer Kolonialroman. Denn auch JllrgensenS Buch rollt das Kolon ialvroblem auf. Darin sagt er, waS er als Ergebnis seiner Erfahrungen fest- stellen Ivill: wie ohnmächtig, absurd und brutal zugleich alle Zivilisier ungs-Sy st eme sind; dasi nian über- Haupt nicht daran denken darf, Europa den Afrikanern auf- zudrängen, dast dabei vielmehr beide— sowohl die Eingeborenen wie die europäischen Beamten zugrunde gerichtet werden; und dast eS nur ein gutes System gibt, kein System zu haben, indem einzig blost versucht werden kann, die Urwaldbcivohner unter Respektierung ihrer bestehenden Lebensformen der Kultivierung näher zu bringen. Einen ähnlichen Gedanken verficht übrigens ein anderer Afri« kander, der Deutsche Hubert R o h r m a» n in seinem kolonialen Zeitbild:„Kulturfirnist" sZeitbilder- Verlag, Leipzig). Der Verfasser verfügt bei weitem nicht über Jürgensens poetische und packende Sprachgewalt; eher ist sein Darstellungsstil kaufmännisch nüchtern und trocken. Gleichwohl wirkt er im höchsten Mäste auf- klärend durch die kühne Enthüllung gewisser Missionstreibereien. Rohrmann schildert in semer direkt aus dem Leben in den Kolonial» staaten Afrikas heransgegriffencir und an tragischen Momenten reichen Erzählung: wie ein kurzes Auftreten der dort gegen« wärtig häufigen heidnischen Wanderpricster den Oberhmiptling eines zu dreiviertel der Bevölkerung„getauften" Stammes, der in allen Heimberichren der Missionare jahrelang als„Hauptstütze der Missionsbewegung" bezeichnet worden war, zum Führer eines Auf- standes macht, dem die beiden PatreS und die Miisionsstation selbst zum Opfer fallen. Rohrmann formuliert seine Erfahrungen so: man würde derartige Enttäuschungen nie erleben, sondern im Gegen- teil weiter kommen, wenn die kolonisierenden europäischen Mächte ihre Kolonien auSschliestlich nur kaufmännisch erschlichen würden und alles andere auS dem Spiele liesten. Eme tropische Kolonie sei eben nichts weiter als ein grostcs Geschäft, das seincin Befitzer wirtschaftliche Vorteile einbringen sov.„Ideale' Ziele, die in den Köpfen vieler Leute spuken, ,eieu Luftschlölser— und würden Luft- schlösser bleiben. Die Amerikaner Habens allerdings vor Zeiten ähnlich wie die Europäer gemacht, wie ja die Vernichtung der Indianer, der JukaS und anderer Ureinwohner gezeigt hat. Seit Jahrhunderten bildete die„neue Welt" das Sehnsnchtsziel unzählbarer Menschenscharen von EliropaS und Asiens Gestaden. Kühne Freibeuter, grausame Konquistadoren, brachen sie gleich Sturzfluten in Amerika ein, um besten Märchenschätze dem Erdboden zu entreißen und die seit Ur- zeiten eingesessenen Völkerschaften erbarnmngslos ihrem mählichen Untergänge entgegenzutreiben... Längst ist dieser Eroberer- Wahnsinn verflogen. Auf den Trümmern alter Kulturrciche baute die aus aller Herren Länder hier zusammengeroilete Menichenwelt Neues auf. Dieser Eroberungszug ist nicht zum Stillstand gekommen: mehr denn je schreitet Amerika auf diesem Wege fort. Allenthalben ist das Neue und Zukunfttragende, das Bauende und Erobernde, das u»S trotz alledem immer noch dort entgegentritt. Und gerade dies alles will Ludwig B r i n k ni a n n in seinem Wanderbuche:„Eroberer"(Rülten u. Locning, Frankfurt a. M.) den Altcuröpäern vor Augen führen. Brinkmann erweist sich da als ein merkivürdiger Schönheitswanderer. Wenn man die Amerikaner für seltsam nüchtern und praktisch verschrien hat: Brinkmann ver- sucht das Gegenteil zu bezeugen. Vielleicht täten wir nicht ganz unrecht, seinem Enthusiasmus einigen Skeptizismus entgegenzusetzen. Allein, er reißt den Leser unwillkürlich fori durch den dichterischen Rausch, mit dem er die denkwürdigsten Eindrücke seiner Amerika- jähre zu fein empfundenen Erzählungen und geistreich vor- getragenen Studien verdichtet hat. Er bezweckt, gemäß dem kühnen Titel seine? Buches, den„Eroberungszug eines eisernen Geschlechts" zu schildern: er will aller Welt offenbaren, daß Amerika noch nicht wirklich entdeckt ist, daß hier in Wahrheit eine neue Well ist: ein neues Heldentum und eine neue Schönheit des LebeuS; und daß hier„eine 5rraft verborgen liegt, die uns über uns hinaushelfen kann". Und so erzählt er von den Regionen, die er durchwanderte: von den,„Märcheuland" im nördlichen Gebirge mit seinen Geyscrn und Riesenquellen und von zauberhaften Inseln im Stillen Ozean; von den MittagSglute» der Prärie und den wunderbaren Licht- nächten Mexikos; von Concord, der Heimat des Dichterphilosophen EmersonS, Und von Coneh-JSland. dem Tummelplatz wahnsinnig verwirreiiden Massenvergnügens: von den großen Werken, deren glückliche und wechselvolle Schicksale er miterlebt hat, von dem Wiederaufbau der durch Erdbeben zerstörten Ruinenstadt San Francisco, und von der Arbeit am Panamakanal, dem„Titancnwerk in tropiicher Wildnis": vor allem aber von den kühnen amerikanischen Unternehmern, Helden, Hirten, Indianern, Monnonenfrciuen usw. usw. Wer, sagt er, sich von jenem Sturmwinde dort im fernen Weste», der von den Felsenbergen über die weiten Steppen bis zu den Ozeanen durch alle Herzeit locht, tragen läßt, dem haben sich seine heimlichen feinen Sehnsüchte in jenem Orkane zum Willen der Größe, zur nieder- tretenden, aufbauenden Gier des Eroberers entfacht! So fährt ein anderer heim als jener, der vor Jahren einst fortgezogen. Durch eine neue Rasse ist er gegangen; am Neuen hat er sich genährt, mit neuen Ideen sich erfüllt, neue Werte kennen und erivägen gelernt. Reicher wird er den alten Verhältnissen gegenüber stehen; aber er wird ihnen ein Fremdling geworden sein. Mit kritischeren Augen hat ein anderer Amerikafahrcr diese neue Welt angesehen. Das ist Johannes Gaulke, ein auch unseren Lesern gelegentlich bekannt gewordener Berliner Schriftsteller, der in seinem Buche:„ I in Zwischendeck"(Freier Literarischer Verlag Berlin- Tempechof 1Sl)9> ein Kulturbild miS dem Auswandererleben„entwirst". Gaulke ging einst übers Meer, gleich Millionen anderer, die der deutschen Heimat müde und abtrünnig geworden sind, um im „freien" Amerika für sich ein neues Lebensschifflein z» zimmern. Nicht die Gier des LändererobernS, nicht der Ehrgeiz, dort drüben gewaltige Taten zu verrichten, lockt sie hinaus, wohl aber der Durst nach einem von Freiheit und Schönheit sicher umfriedeten Dasein. Als Träumer von einem Märchenlande wandern sie hin, um dort bald im Zusammenprall mit einer brutalen Wirklichkeit alle Hoff- nungen zerflattern zu sehen. Dann beginnt ein furchtbarer Kampf um die erbärmlichste Existenz, worunter aller„Spiritus" und alles „Pflegma", nicht selten auch jedes Bewußtsein von Menschenwürde zum Teufel' geht. Um sich im gewaltsamen Strudel als Schwimmer behaupten zu können, gilt es, den ganzen Ballast von Bildung und Vorurteilen, den der Europäer vom Mutterlande einer sterilen, tvenn»ran will, reifen Kultur mitgeschleppt hat, resolut abzuwerfen— oder er wird auf den Menschenkehricht amerikanischer Riesenstädte gefegt, um allda elend zu versinken. Anders der Verfasser. Inmitten des sozialen und wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse hatte sich bereits sein Sehblick geschärft. Und sofort, wie er in Amsterdam den Amerika- darnpfer als„Zwischendccker" besteigt, tut sich ihm eine Welt furcht- barster Kontraste auf. Was er da'u», sich her sieht, hört: Lebens- fchicksalc, gebrochene Existenzen, hochfliegende Idealisten. Zynismus, neue Hoffnungslaute in den verschiedensten Sprachen: alles das verdichtet sich ihm in der Seele zu bald düsteren, bald auch tragi- komischen Szenen und Bildern. Drüben, nach der Ausschiffung, be- ginnt nun die Hetze nach Erwerb. Wie fest er sich auch anklammern mag an den Besitz von höherer Bildung, im Wahn, daß e» ihm so ein sehr viel leichteres sein würde, hier eine seiner würdige Existenz zu finden— er sieht sich gs- zwunge». alles über Bord zu werfen, gleichsam den alt- europäischen Adam auszuziehen, sich innerlich und äußerlich mehrfach zu häuteix will er nicht untergehen. In New Jork ist er nacheinander als Kellner, Photographienübcrmaler, Hauslehrer, Reporter usw. tätig, dazwischen wieder mittel- und obdachslos um- herirrend, schließlich kommt er nach Chicago. Hier heißt es Be- schäftigung um jeden Preis suchen. An den Fabriktoren, wo un- zählige Horden Arbeitsloser sich stauen, sieht er diese als entmenschte Tiger sich um die paar vom Portier unter die Menge geworfenen Blechmarken verzweifelt katzbalgen und raufen. Er wird Bau- arbciter, verliert aber bald seine Arbeit, weil er's unterließ, seinen kläglichen Wochenlohn mit dem Bauführer zu teilen. In Chicago, da wird ihm offenbar, wie zwar nicht durch die Arbeit, gerade aber durch deil»keiiie Befriedigung findenden Hunger nach ihr die letzte menschliche Würde verloren geht. Nirgends geistige oder künstlerische Ideale, die der Seele den Traum von Schönheit retten. Nichs als Gelderwerb— auch die Künste sind nur Mittel zu diesem Zweck. Der echte Künstler tvird zum blöden Handwerker erniedrigt. Nichts, als Tretmühle— und wieder Tretmühle... Ja und was alles für Fähigkeiten und Fertigkeiten„drüben" ge- fordert werden. Trotz alledem das lleberangebot von Arbeitsuchcrn. Meistens war die Stelle schon besetzt, oder es waren so viele Be- dingungen daran geknüpft, daß ein Universalgenie nöttg wäre, um ihnen halbwegs gerecht zu werden.„Einmal wurde ein Hauslehrer verlangt, der außer Englisch, Deutfch, Französisch auch die alten Sprachen beherrschen und außerdem mit dem Idiom der Ur- einwohner Amerikas vertraut sein sollte l Honorar: An- ständige Behandlung, gutes Essen und ein wenig Kleingeld... Trotzdem hotten sich Dutzende von Bewerbern gemeldet 1 1 Von einem Agenten für einen neuen Scherzartikel forderte man eine nicht unerhebliche Kaution, gute Umgangsformen und Beziehungen zu„pro- mincntcn" Kreisen. Ein Restaurant verlangte einen Kellner mit Leutnants patent, solche von Adel bevorzugt"... In der Tat: das ist ein brillanter Fingerzeig für alle im Militärstaat Preußen „schulden- und ehrenhalber" weggejagten Gardeoffiziere von Adel. Sie wissen nun, wo sie als Stall- und Stubenreiniger, Stiefel- wichser, Geschirrputzer und Mädchen für alle? ihr Stammbaumwappen wieder blank polieren können— wenn sie arbeiten wollen!... Obgleich der Verfasser in vielen Lebensäußerungen Amerikas nur ein Zerrbild der alten Welt sieht, so verkennt er darüber doch auch nicht, was Amerika groß und mächtig gemacht hat.„Mögen die ärmlichen Krämerseelen auch ihren Spott mit der Freiheit treiben, mögen sie die Neue Welt zu einem Zerrbild der Alten machen:— Amerika, das den lächerlichen Ballast Europas pietätlos beiseite schiebt, fchreitet trotzdem vorwärts auf der Bahn der Freiheit. ES ist doch kein leerer Wahn, daß die Freihett die Welt einst von diesem Lande aus erleuchten wird l" Gaulke ist ein tapferer Vorkämpfer für diesen ErlösungSgedanken und sein Kulturbild„Im Zwischendeck" eilt brillant geschriebenes Buch l kleines Feuilleton. Medizinisches. Eine gelungene Herzoperation gehört noch immer zu den größten Seltenheiten. Wenn man aber bedenkt, daß Ope- rationcn am Herzen früher überhaupt für unmöglich galten, so muß man den Mut und die Geschicklichkeit der Aerzte bewundern, die sich an einen solchen Eingriff wagen und wenigstens zuweilen wirklich die Rettung eines sonst unter allen Umstänoen verlorenen Lebens erzielen. Einen solche» schönen Erfolg konnte Professor Schnitzler der Gesellschaft der Aerzte in Wien vorstellen. Ein Mann war eines Tages, scheinbar in bereits sterbendem Zustande, mit einem selbst zugefügten Stich in der Brust in ein Krankenhaus ein- geliefert worden. Die Wunde befand sich dicht an der linken Brustwarze, war einen Zoll lang und blutete stark. Der Puls in der Hauptschlagader des Handgelenks war unfühlbar. Da es sich sichtlich um einen sonst hoffnungslosen Fall handelte, schritt der Arzt mit der größten Eile zur Operation. Der Befund war derart, daß er nicht viel Aussicht auf einen erfolgreichen Eingriff eröffnete. Nicht nur der Herzbeutel war durchstochen, sondern die Wunde reichte durch die ganze Dicke in die rechte Herzkammer hinein. Trotzdem machte sich der Arzt daran, die Hcrzwunde mit Seiden- fädcn zu vernähe», was äußerst schwierig war, da das Herz bei der Berührung heftige Bewegungen ausführte. Dann wurde auch der Herzbeutel vernäht. Wie zu erwarten war, traten schlimme Folgen ein, namentlich infolge einer Entzündung der rechten Lunge. die wieder noch mehrere Eingriffe und schließlich sogar die Heraus- nähme von zwei Rippen notwendig machte. Dennoch wurde der Mann vollständig wieder geheilt. Professor Schnitzler hatte früher schon zweimal ähnliche Operationen ausgeführt, ober ein günstiges Ergebnis nicht erzielen können. Um so auffälliger ist der Erfolg in diesem Fall, der von vornherein als verzweifelt betrachtet werden mußte. Gerade den mutigen Selbstmördern, die sich nicht eines eklen Giftes oder anderer mehr schleichender Mittel bedienen, wird eben die Erreichung ihres Ziels durch die Kunst der Aerzte immer schwerer gemacht._ Werautw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwarlS Buch»ruck«re, u.Verl-gsanjialtPaul Singer t!lEo..«ertinLAk.