Nnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 42. Dienstag, den 1. März. 1910 KKaAbnut McDotes.! 421 Im JVamen cles Gefctzcd. Von HanS Hyan. Vor Georgs schreckhast erweiterten Pupillen lag die sehr große Frau fast nackt. In den konvulsivischen Zuckungen, die bei ihrer großen Widerstandskraft vorangegangen sein mußten, hatte sie Decken und Hemd fortgeschoben: ihre starken Beine und die schön gemeißelten Arme waren, wie in einer Extase gekrümmt und so von der betäubenden Kraft festgehalten. Das elektrische Licht fiel voll auf diesen schamlosen Körper, der wie ein Bild des Lasters selbst dalag und dessen Gesicht, bleich und umschattet, gleichsam in einem frechen Grinsen das blanke Gebiß zeigte... „Na haste sie da nu jenuch anjekiekt?" fragte der Grüne den Genossen, der noch wie erstarrt vor diesem zügellosen Bilde stand. „Wir haben keene Zeit, Dul... Hier!..." Er drückte ihm das Heft eines langen, scharfgeschliffenen Messers in die Hand, das Georg vorher nicht bei ihm gesehen hatte.„Im Fall det se ustwachtl Denn zeigste ihr det solange, bis ick vorn bin... Ick drück ihr denn schon wieder das Pflaster uff die Reese l" Georgs ratloser Blick irrte zum Stuhl hin, der neben dem Bett stand: dort lagen über Korsett, Unterröcken und Frauenhosen zwei lange buntgeringelte Strümpfe... und darauf ein Weißes, zusammengefaltetes Tuch... Ah! davon ging der scharfe Geruch aus, der das ganze Zimmer mit be» täubender Wvlke füllte...„Aether," hatte der Grüne vorhin gesagt... Wie fest die Frau schlief und wie die kolossalen Brüste zur Seite fielen, gleich überreichen Früchten... Georgs Augen glitten darüber hin... Eine furchtbare körperliche Erregung bemächtigte sich seiner, die es ihm schwer machte, hier Wache zu halten. Er sah, wie von einem schnell sich steigernden Rausch be- fangen, so teilnahmslos, als sei er selbst daran gar nicht be- teiligt, wie der Grüne sich an der unterm Bett hervorgezogenen eisernen Kasiette zu schaffen machte. Er hörte jenen unver- ständliche Worte brummen, während er mit den aus der Hand- tasche genommenen Instrumenten an dem Eisenbehälter bohrte, bog und brach... Aber das interessierte den Großen mit dem krampfhast gespannten Gesicht kaum. Mit schmerzenden Leib- und Len- denmuskeln stand er am Kopfende des Bettes, hielt krampf- Haft das lange, glänzende Messer stoßbereit in der Rechten und sog diese lasterhafte Nacktheit, obwohl sie ihn abstieß, mtt gierigen Atemzügen ein... Allmählich aber, während es neben ihm am Boden klirrte, klapperte und krachte, hoben sich aus dem Chaos der rein sinnlichen Vorstellungen in Georgs Innern klar bewußt die Gedanken... Lag da nicht das Mensch, auf dessen Veranlassung er damals wie ein Hund ge- schlagen worden war? Hatte sie nicht die Ella auf dem Ge- wissen, die ein so gutes reines Kind gewesen, auf die er so stolz gewesen war als Junge?... Das war ja kein Weib, das war eine Bestie, die um Geld zu verdienen, sich nicht einen Augenblick bedachte, die Ehre und selbst das Leben der anderen zu verkaufen... Die verdient doch kein Mitleid... Ah, sie sollte nur aufwachen... Abscheu und Wut, aus verhaltener Begier geboren, machten, daß Georgs harte Augen zu lodern begannen und seine Faust den Griff des Messers noch fester umklammerte... Am Boden fluchte der Grüne, die Kassette hielt seinen mangelhaften Instrumenten immer noch Stand, er schaffte nichts. Und noch scheute er sich, des enormen Krachs wegen, der dabei nicht zu vermeiden war, den Deckel mit Hebelkraft nach außen zu sprengen... „Hahl" machte Georg. Der Grüne war empor. „Was denn?" „Dal..." Der Busen des Weibes hob sich unmerklich, dann lag sie wieder wie eine Tote. Sie starrten beide darauf hin, die Männer.. � Der grüne Heinrich machte eine ärgerliche Bewegung.- h „Ach, die schläft!... paß man uff!..." Georg tat der Arm weh, dessen Hand das Messer hielt, er ließ ihn ein bißchen sinken... Da knallte eine zurückspringend« Feder wie ein Pistolenschuß unter der Faust des Grünen. Georg mußte hinsehen... Und als er zurückblickte, schaute er in die weitgeöffneten Augen der Frau... Er sagte nichts, nur seine Kinnlade schob sich vor und die Zähne preßten wie Eisen aufeinander. Ein Seufzer kam aus der Brust der Liegenden, der Mund» öffnete sich in qualvollem Entsetzen, die Todesangst riß die Lieder noch weiter auf und die weißen Glieder schienen zitternd zu erwachen... Georg hielt den Atem an, seine Augen glühten, er kam nicht dazu, den Grünen anzurufen, ihn zu warnen... Ihre Totenstarre hatte die Frau beschützt. Nun sie zu leben an- fing, erwachte das Tier in dem Manne und hob in sinnlosem Haß, in lüsterner Grausamkeit die niörderischen Klauen Da gellte sie auf. „Haaaah.. Der Schrei zerbrach an dem Messer, das wie ein Blitz ihr ins Leben schnitt... Schluchzendes Gurgeln, aus den Arterien aufsprudelndes Blut, Hände, die in letzter Wehe nach dem Mörder krallten... Der weiße Bauch ging, einer Woge gleich hin und her, die Beine mit den aufgestützten Knien ebbten zu links und zu rechts und bei jedem Stoß, den das starke Herz der Frau noch tat, spie die Wunde, in der der Stahl noch steckte, rote gräßliche Wellen... „Ziehs Messer raus," sagte dumpf der Grüne, der hinter Georg stand... Von dessen Lippen kam ein blöder, dumpfer Laut... Mit losen Händen, vorgerecktem Kopf, in dem der Mund breit offen war, starrte er auf sein Opfer. „Ziehs Messer raus!" sagte der grüne Heinrich nochmal, „wir müssen wech!..." Da sah sich Georg um. „Ta... ta... ta..." keine Worte kamen, nur haltlose Silben,„... ich... ich.. „Ja Du.. sagte der Grüne,„nette Sachen machstel Aber nu laß man... Um det olle Aas is nich schade... bloß... zieh doch erst's Messer raus, Mensch... Dis kann doch nich hier bleiben!.. Er drängte den anderen wieder ans Bett heran. Und Georg, in dem der eigene Wille mit dieser grauenvollen Tat wie vernichtet schien, griff hin, besudelte sich tastend mit dem Blut der Ermordeten und faßte nach dem Messer. Wie die Klinge hervorkam, folgte von neuem dickes schwarzes Blut, das schon überall Bett und Kissen färbte.... „Du siehst nett aus!" murrte der Grüne, der Georgs rat- losen Augen, in denen es feucht schimmerte, auswich.„Nette Nummer!... Wenn de mir dis vorher jesagt hättest!..." „Ja," sagte Georg schwer schluckend----„ja"... „Na die Hauptsache is, daß nichts hierbleibt!... Ich mach schon... und Du...1 Da is Wasser! Mach da sauba!... janz waschen!... Ja, aber ja kerne Handabdrücke in't Handtuch, sonst haben se Dir jleich wech!... So... na ja, mach doch, Mensch! Wat stehste'n da, wie son Affe!... Denkste, ick wer ma die Hände ooch noch rot machen!... Man bloß los!..." Georg ging schwerfällig an das große Waschbecken, dessen Blumenmuster er genau betrachtete. Dann wusch er sich sehr gründlich, mit einem müden gleichgültigen Ausdruck auf den schlaffen, farblosen Zügen.— Und als ihn der Grüne er- mahnte:„Nochmall is noch nich jenug!" Da wiederholte er die Prozedur genau in der automatenhaften Weise, ehe er sich die Hände und das Gesicht am Handtuch trocknete... Der grüne Heinrich suchte wieder und wieder das Ge- mach ab, er suchte auf allen Möbeln, auf dem Teppich und selbst in den Dielenritzen nach irgend einem noch so kleinen Gegenstand, der hier liegen geblieben sein könnte. Nur um das Bett beschrieb er jedesmal einen großen Bogen, offenbar von der größten Scheu erfüllt, es könnte ein Tropfen jenes gefährlichen, verräterischen roten Saftes an seine Kleider kommen, mit dem der Frauenleichnam dort so verschwende- risch alles färbte, was in seine Nähe kam. Die fiel Georg, der mitten im Zimmer wie geistesgestört stand, etwas ein. «Geld.. sagte er,... Geld!" ..Hab ich!" nickte der Grüne,„ja... komm bloß" Und sich nochmals nach irgendeinem Indizium um- Klickend, ging der Zuchthäusler voran, zur Tür. Er drehte die Beleuchtung aus und horchte, vorsichtig öfsnend. lange Zeit hinaus. „Jut... komm!" Sie gingen durch die Entreetllr, die Treppe hinab.... Der Grüne zog einen Dietrich aus der Tasche, den er extrg angefertigt hatte— das Schloß parierte sofort. Vorsichtig blieben sie noch im Sckjattcn des Torweges. Da sagte Georg mit Weinen in der Stimme: „Du hast et ja bloß jewollt... darum haste mir's Messer jejeben!" „Stille!" raunte der Grüne,„biste verrickt!.. Sie liefen über den Tamm, in den Schatten der Bäume... die Laternen waren verlöscht... der Mond schien... Aber in den Bäumen war es wie ein erschrecktes Flüstern von vergossenem Menschenblut... (Fortsetzung folgt., (Nachdruck»«rdote»., 11 Der Totengräber. von Josef Ruederer. Der Vorfrühling war mit leisen Tönen über das Hochgebirge gezogen. Auf der breiten Talfläche regte sich's schüchtern mit matten Farben unter den gelben, verkrüppelten Halmen der schneebefreiten Wiesen. Nur die Berge waren noch eingehüllt in grelles Weiß von den Gipfeln an bis zu den sanftgeneigten Matten und Triften. Weit hinaus leuchteten sie in den stillen Märztag im Glanz einer harten, blendenden Mittagssonne, wie unbewegliche, starre Eis. Massen. Aber unter der schimmernden Decke tropfte und rieselte es in fortwährender Auflösung und schäumte �tiefer hinab in die angeschwollenen Gießbäche, um Gehöfte und Dämme. Die schmale Straße entlang durch das weitgezogene Dorf wan- derte ein Mann, der so an die fünfzig sein mochte. Er trug einen schäbigen Filzhut, graufarbene Beinkleider mit breiten, grünen Streifen an den Nähten und derbe Rindslederstiefel. Auf seiner braunen Lodenjoppe war das Feldzugszeichen des deutsch-fran- zösischen Krieges festgenäht. Gleich neben den ganz erloschenen Farben des zerfaserten Bandes blickte ein Pfeifenstiel hervor, den schwarzseidene Quasten verzierten. Beide Hände hielt der Mann in den Hosentaschen verborgen, und tief in den linken Mund- Winkel hatte er eine Zigarre gesteckt. So schritt er gemächlich das Dorf hinan. Manchmal blieb er stehen und blickte die Richtung zurück, die er hergekommen war. Dann schüttelte er immer den Kopf und lachte leise vor sich hin. Jedesmal zog es da höhnisch über das breite, bartlose Gesicht mit den tiefen Falten. Die klugen Augen leuchteten auf. und die hochgeschwungencn Flügel der derben Habichtsnase setzten sich in leichte Bewegung. Doch das ging schnell vorüber. Bald nahm das Gesicht wieder einen Aus- druck seltener Gutmütigkeit an, wenn er weiterschritt und eine Melodie halblaut bor sich hinsummte. Jetzt war er am Ende des Dorfes angelangt. Keinen Men- schen hatte er begegnet auf der verlassenen Straße, die sich in weiten Windungen auf die Felder hinauszog. Noch einmal blickte er um. Alles still und öd wie an einem Feiertag. Nur dort, wo die umliegenden Berge einen klotzigen Absenker mitten in das Dorf gekeilt hatten, tönte ein gleichmäßiges Raufchen und Brausen. Aus zerrissenen Schluchten klang es herüber von den stürzenden Wassern. Langsam bog der Wanderer am letzten Gehöfte vorbei und schlug einen Seitenpfad ein..Zwischen Bäumchen und Strauchwerk ging es dahin, einen feuchten, dunstigen Weg, ohne Licht, ohne Wärme. Die graue, niedere Mauer, die bald hinter den kahlen Gebüschen hervorwuchs, zeigte triefende Flecken, und auf ihren verblaßten Ziegeln wucherte grünes Moos. Kreuze und Marmorsleine mit verdorrten Kränzen ragten drüber hinaus und zogen sich fort bis zu dem Torgitter, dem Eingang des Kirchhofs. Mit einem schrillen Ton öffnete sich das Schloß und krachend flog es wieder hinter dem Eintretenden zu. Von den verwitterten Eiscnstäben fiel Rost in Menge zur Erde und aufgescheucht huschte ein Dohlenpaar über die Kreuze hinweg zur Höhe. Der Mann blickte ihnen nach, so spöttisch, wie er auf der Dorfstraße drein- geschaut hatte, dann schritt er weiter zwischen den Grabhügeln, wie er gekommen war, rauchend und summend. So durchmaß er den ganzen Gottesacker von einem Ende zum anderen. Dort unten, gleich neben der alten Kapelle, stand ein HauS mit hohem, braunem Giebel, das hart an die Friedhofsmauer ge- baut war. Grau und feucht war's wie die ganze Umgebung. Nur die blumenumstellten Fenster der Vorderfront, die direkt in den Friedhof hineinblickten, milderten etwas den düsteren Eindruck deS wenig einladenden Gebäudes. Um so blanker und weißer war der breite Flur, den die Sonne durchflutete. Der Ankommende schritt ihn zweimal auf und nieder, dann hängte er Rock und Weste an den Nagel und horchte. Das ganze HauS schien wie avSge- starben. „Loni," rief der Mann und sah sich um. „Da bin i," kam es gleichgültig aus der Eckstubc. Hastig strich der Mann die struppigen, schwarzen Haare ttu9 der Stirne und ging über die Schwelle. Ein seltsamer Raum war es, den er da betrat, niedrig und finster, nicht sehr wohnlich, und in der närrischen, fast abenteuer- lichen Einrichtung mehr an die Trödelbude eines Raritätenhänd- lers als an das Zimmer eines Gebirgsbauern erinnernd. Die breite Wand der Türe gegenüber mochte noch angehen. Sie war verziert mit zwei übcreinandergelcgten Kavalleriesäbeln und Wer- dergewehren. Dazwischen blickte ein ganz zerschundener Helm her- vor mit einer Raupe, die die Motten halb abgefressen hatten, und unter ihm war eine große Reiterpistole an die Mauer genagelt. Aber was sonst noch herumhing, stimmte schon düsterer, verrostete Weihwasserkessel und eiserne Grabkreuze, durchlöcherte Blechtafeln mit erloschenen Inschriften, zerbrochene Zinkornamente, an denen noch ein letzter Rest der ehemaligen Vergoldung schimmert«— das alles war an Wand und Kreuzftock kunstgerecht befestigt und da- zwischen grinsten, wohlverteilt im ganzen Zimmer, von grün« gestrichenen Wandgesimsen gelbe Totenschädel herab, die gar sonder« baren Schmuck trugen. Der eine von ihnen hatte ein kokettes Jägerhütl auf, der am dere ein verdorrtes Kränz! oder einen verrosteten Trichter, einer auch hielt einen ausgetrockneten Lederapfel zwischen den weitaus- gesperrten Zähnen, einem besonders großen Schädel waren rote Rüben in die Augenhöhlen gesteckt, und so ging es fort bis in die Ecke zu dem mächtigen Kachelofen, wo sich das Tollste von allem befand. DaS war ein ganzes Skelett auf einem Sockel von roh- gezimmertem Fichtenholz, ein närrisch anzusehender Bursche. Auf dem Kopfe saß ihm so halb und halb nach der Seite gerückt ein ganz zerrissener Zylinder, an den Händen trug er Glacehandschuhe, die einmal weiß gewesen sein mochten, und auf dem Leib einen zerfetzten Großvatersrack. der ihm bis über die Knie herabfiel. „Der Herr Meier." so wurde daL Skelett im Hause deS Totengräbers genannt, und unter diesem Namen kannte man es im ganzen Dorfe. Wem eS gehörte? Das hätte der Totengräber selbst nicht sagen können. AuS allen möglichen Winkeln und Schutthaufen hatte er's einmal zusammengesucht, als man den uralten Zigeunerfriedhof in der Mitte des Dorfes aufhob, um einer neuen Straße Platz zu machen. Nun stand es seit Jahren dahinten mit der gleichen Bekleidung und starrte den Eintretenden an als eine grausige Spottverzerrung des TodeS. Ohne sich umzusehen, ging der Mann zu dem Skelette unk» sperrte ihm den Mund auf, waS eine einfache Feder ermöglichte. Dann steckte er den Rest seiner qualmenden Zigarre zwischen die Zähne des knöchernen Burschen und nickte ihm freundlich zu wie einem treuen Kameraden. „Lang bist ausblieben." tönte es aus der Fensternische. ES klang wieder so fad wie zuvor. Der Totengräber drehte sich um und sah sich seiner Frau gegenüber. Breit und aufgedunsen saß sie an dem großen Tisch und blickte mit müden, schläfrigen Augen auf die Kartoffeln, die sie langsam in eine irdene Schüssel schnitt. Er nickte: „Kannst recht haben, hat laug gedauert. Aber i bin no der Erste g'wesen, der fortgangen is." Damit schloß er ein kleines Wandschränkchen auf, holte ein Päckchen Tabak heraus und stopfte feine Pfeife. „Wo is der Vater?" fragte er. Fast schüchtern war das heraus« gekommen. Sie hörte zu arbeiten auf und blickte ihn erstaunt an. „Der Vater? das machst fcho gut." Er wurde etwas unsicher. „No ja. i frag halt." sagte er zögernd. In ihren Zügen malte sich eine gewiss« spöttische Uebcr, legenheit. „Hast am End Angst um ihn?" fragte sie lauernd. .Red' net so blödsinnig daher," fuhr er sie an.„Wo er iS, will i wissen." „Der werd wohl no im Wirtshaus hocken," entgegnete sie. „Bei so was iS er doch alleweil der Letzte. den'S nausschmeißen." Es folgte eine lange Pause. Der Totengräber bearbeitete seine Pfeife und sah zum Herrn Meier hinüber, dem der Rauch der Zigarre durch Augen und Nase stieg.- Endlich begann die Frau wieder: .Hast'n denn Du net g'sehn,'n Vater?" „Ich...'n Vater?" .Ja, Du!" „Soll i vielleicht sei' Kindsmagd machen?" fragte er barsch. „No, i mein ja nur, weil d' selber vom Kranzlwirt kommst." Er beruhigte sich wieder. „J hab'n net g'sehn," sagte er gleichgültig. „Nacher weiß i's net. Uebrigens, der Andredl werd'n scho holen." Das Gesicht des Totengräbers verzog sich in Falten. „Versteht si," sagte er höhnisch,„'n Andredl hätt' i ja bald vergessen. A Mordsbual I glaub', der bringt uns'n Großvater no hoam, wenn er scho halb verfault is!" Eilig zog er ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete die Pfeife an. Dann griff er hinter den Ofen und holte Schaufel und Hacke hervor. Als et sich wieder umdrehte, hatte die Frau in der Arbeit ausgesetzt. ..Wie iS denn g'wesen beim Kränzt?" fragte sie ohne aufzusehen. Er zuckte die Achseln. »Wie wird's g'wesen sein? A Mordsgaudi war's, wie jedeS- Mal, wenn einer eingrab'n wird, der a Geld g'habt hat." „Und daran hat's ja dem Mödlinger nie g'fehlt." meinte die Frau. „J glaubS a," lachte der Totengräber.„Der alte Gauner hat g'nug z'sammg'stohlen in seim Leben und iS als reicher Protz g'storben. Drum hat ihm aber a der Hochwürden a Red g'haltcn, -daß man den alten Lumpen fast schon'rumflieg'n hat sehn als Engel im Himmel droben.... und beim Kranzlwirt's Dir'ß nacher hergangen, so hoch wie scho lang nimma... Dabei is dem Mödlinger sei Bub dag'hockt beim Leichenschmaus mit so an trau- rigen Mutzschädel, als ob's ihm'S Herz abdrucket I Derweil hat er fi kaum halten können, datz er net laut aufg'lacht hat mit de Gäst vor lauter Freud, datz den Alten der Teufel gcholt hat." Er hatte sich bei seiner Erzählung oft unterbrochen und einige behagliche Züge aus seiner Pfeife getan. ,.Js also fidel g wesn?" fragte sie Er nickte: „All's war b'soffn, vom Bürgermeister an bis zum letzten 'runter." Sie seufzte: „Wie wird da der Vater wieder heimkommen?" Bei dieser Erinnerung fatzte eS den Totengräber wieder seit- fam an. Seine Fröhlichkeit verflog im Augenblick, er unterdrückte einen Fluch und stietz mit dem Spaten auf den Boden. »Gehst scho'?" fragte die Frau. „Freili." sagte er,„jetz' komm i' an d' Reih beim alten Möd- lingcr, sonst fangt er mir no z' stinken an." „Hör auf," wehrte sie ab. „Is ja wahr." rief er lustig.„Solche Spitzbuben wie der, die hat's am ersten. DaS weitz i auS Erfahrung." Die Tür flog hinter ihm ins Schlotz, und gleich darauf trat er ins Frei«/ (Fortsetzung folgt.]) Der Laubcnkoloirift als Gärtner und Kleintierzüchter. Rassegeflügel. In den letzten Wochen hat in der Riesenhalle am Zoologischen Garten, den der Berliner so geschmacklos„Zoo" nennt, die grotze deutsche nationale Geflügelausstellung stattgefunden. Deutsch und national war sie insofern, als sie nur Aussteller aus Deutschland und Ocsterreich-Ungarn zuließ, international aber ihren Insassen nach, die sich aus allen möglichen Geflügelrasien zusammen- setzten, deren ursprüngliche Heimat in fast allen Ländern der Welt zu suchen ist. So eine Ausstellung mit etwa 9000 verschiedenen Konkurrenzmimmern, die also von einer Reichhaltigkeit war, wie man sie nie zuvor in Deutschland, fondern höchsten» auf den Kristallpalast-Ausstellungen in London zu sehen bekam, mutzte natürlich auch Prietzke beaugenscheinigen. Der erste Tag war ihm zu teuer, am dritten Tag, der auf einen Sonntag fiel, schien es ihm zu voll zu werden, und so ging er denn am zweiten hin. aber nicht allein, sondern mit seiner Frau, die ? gerade etwas schwach auf den Beinen ist, aber trotzdem überall dabei ein mutz. Das Konzert, das beide empfing, das Gekrähe, Ge- gackere, Schnattern und Geruckse, ist nicht zu beschreiben: es geht PrietzkeS noch heute im Kopfe herum, wenn sie an die Susstellungs- stunden zurückdenken. Prietzke hatte sich einige harte Taler ein» gesteckt, um womöglich etwas EchteS zu kaufen, denn er schwärmt für Tauben und Hühner, wenn sie„Raste" haben. Ein Blick in den umfangreichen Katalog belehrte ihn aber bald, datz da nichts zu machen fei. Ein Guckclhahn kostete 100, 500, 1000 oder löOO M., je nachdem er von seinem glücklichen Besitzer eingeschätzt wurde, und mit 500—1000 M. bewertete Tauben konnte man zu Hunderten kaufen, wenn man dumm und reich genug war. Frau Prietzke schien sprachlos über diese Preise. In der Halle, sagte sie, kaufe ich das schönste Brattäubchcn für SO Pf., den schwersten Suppenbahn für einen Taler. und dabei ist er noch am Bauch Und am Rücken ge- rupft. Die Hühner aus der Halle, meinte er aber, find ganz ge- wöhnliche Mistkratzer, die Hühner der Ausstellung, die alle blitzblank gewaschen und geputzt waren, dagegen vornehme Rastetiere, mit denen sich gelegentlich Staat machen laste. Da satzen und standen fie, Stück sür Stück in einem besonderen Käfig, mit einer Nummer versehen, an den Fützen blitzende Futzringe, gleichgültig ließen sie sich betrachten und sorgten nach Kräften für ihr leibliches Wohl. Hähne mit 2'/, bis 3 Meter langen Schwänzen in hohen Drabtkäfigen auf einer hoch angebrachten Stange sitzend, von wo die Schwanzfedern in langen Strähnen bis zum Boden herunter- fielen, waren Prietzke bis dahin noch nicht vorgekommen. Ein Hahn dieser Art prangte auch auf dem Plakat der Ausstellung. Dief« verhältniSnrätzig kleinen Tiere find sogenannte japanische Phönixhühner, die man in gold- mtd filberhalfigen Varietäten kennt. Wie alle unsere Hähnerrasten, find es Kunst- Produkte, und zwar solche der Japaner, deren ZüchwngSkunst wir auch eine Reihe kurioser Zwerghühner, die sogenannten S h a b o S verdanken, auch die kleinen, als Käfigvögel be« liebten Mövchen, die verrückten Tanzmäuse sowie den Goldfisch nebst seinen sonderbaren Varietäten, wie Schleierschwanz, Teleskop- fisch, Eierfisch und Himmelsgucker. In Japan mutz so ein unglücklicher Phönixhahn sein ganze? Leben auf einer zwischen Himmel und Erde angebrachten Sitzstange vertrauern, damit sein kostbarer Schweif vor allem Unrat bewahrt bleibt. Datz sich seine Henne nicht als Mistkratzer, sondern als vornehme Hofdame fühlt und sich deshalb mit Eierlegen nur selten und ausnahmsweise ab- gibt, ist selbstverständlich. In dieser ihrer vornehmen Zurückhaltung inag auch der hohe Preis für die Raste teilweise mit begründet sein. So eine Art Zweikindersystem, ins hühnermätzige übenragen, VU» hütet Verbreitung und Entwertung. Nach englischem Vorbild hat sich die Geflügelzucht, mit der an und sür sich im Hinblick aus die enorm gestiegenen Futterpreise nicht ein Grosiben zu verdienen ist, auch bei unS zu einem vornehmen Sport herausgebildet. Gewiß gibt es auch Tausende sogenannter Neiner Leute, d. h. Liebhaber, die ihr Geld durch harte Arbeit sauer ver- dienen müsten, die diesem Sport huldigen, der weit verbreitete Berliner Flugtaubensport niag dafür als Beweis gelten, aber diese sind natürlich nicht in der Lage, sich ideale Rastetiere zu hohen Preisen zu beschaffen und aus Ausstellungen, wie der jährlich in einer anderen Stadt veranstalteten nationalen, als erfolgreiche Mit- bewerber um die hohen Prämien aufzutreten. Preise von 1000 und 1500 M.. wie man sie in den Katalogen dieser Ausstellungen fordert, find freilich für Deutschland glücklicherweise noch Phantasiepreise, die selbst ein der Geflügelzucht huldigender Kommerzienral nichl zahlen wird. Da aber aus den nationalen Ausstellungen jedes ausgestellte Tier verkäuflich sein mutz, so setzen viele Liebhaber die Preise in einer Höhe fest, die ihnen die Garantie dafür bielet, datz die ausgestellten Tiere trotz ihrer Verkäuflichkcit unverkauft wieder nach Hause kommen. Trotz alledem wurden vielfach solche Luruspreise gezahlt und so über 30000 M. auf dem Altar des GestügelsporteS geopfert, aber nicht von mir. Bei allem Sport, den die Geflügelzucht heute darstellt, geht aber doch auch ein praktischer Zug durch die Sache. Bei dem Studium einer solchen Ausstellung findet man, datz die praktischen Nutz- r a s s e n die eigentlichen LuxuSrassen ganz erheblich über» wiegen; so standen z. B. aus der hiesigen AuSitellung den ins- gesamt 22 japanischen Phönixhühnern 736 WyandotteS und 420 OrpingtonS gegenüber. Diese beiden Rasten sind zurzeit die besten Nutzhühner. Diese und andere schwere Rassen sind au? niannigfqchen Kreuzungen hervorgegangen, zu deren Enlstehung die Cochins, eine asiatische Raste, wesentlich beigetragen haben. In allen schweren Hühnerrassen stellt der Kenner sofortdasCochinblut fest. Auch die riesigen sederfützigen Vrahmahühner find Abkömmlinge der Cochins. Die Hauptfehler der Cochin und Brahma sind ihre stark befiederten Fütze, die sie an jeder praktischen Arbeit, d.h. am Scharren verhindern, die unbezähmte Brullust, die sicb meist schon nach dem Legen von 20—30 Eiern einstellt, und die Ungeschicklichkeit, die fie zur Brut und Aufzucht der Küken unfähig macht. Aber auch als Flcischhühner sind sie ihres starken Knochenbaues und der mageren Brust halber minderwertig, und dann steht die geringe Größe der Eier dieser Rassen zu ihrer Körpergröße in einem schreienden Mißverhältnis. Wenn ein praktische? Ehepaar, wie da? Prietzke'sche— fie ist natürlich noch viel praktischer als er— eine solche Aus» stellung betritt, um Zuchthühner zu kaufen, oder sich doch, falls die hohen AuSstellungspreise einen solchen Kauf ausschlietzen, über die geeignetsten Rasten zu unterrichten, so scheiden zunächst alle Rasten mit Z e b e n b e f i e d e r u n g. die sich gewöhnlich bis auf die Mittel» zehe erstreckt, von vornherein aus, dann aber auch die sogenannten H a u b e n h ü h n er. Diese letzteren waren auf der Berliner AuS- stellung in großartiger Weise durch Paduaner, besonders aber durch die schwarzen mit blendend weißen Hauben geschmückten Holländer Hühner vertreten; auch verschiedene französische Rasten haben mehr oder weniger entwickelte Hauben. Auf einer Ausstellung sehen ja die frisch gewaschenen Hauben propper und schmuck aus; wie die Frauen durch die moderne Turbanfrisur und den Riesenhut, so werden die zierlichen Köpfe der Hühner dieser Rassen durch die Hauben unnütz beschwert. Auch verhindern diese Hauben gleich den Riesenhüten daS Sehen, namentlich im beschmutzten Zustande, die Tiere können deshalb kein Futter selbst suchen und leiden häufig an mehr oder weniger bös- artigen Augenkrankheiten. Auch Hühner mit großen Kämmen, wie Italiener, Minorka und Spanier, find als Nutzhühner in unserem nordischen Klima minderwertig, trotz sonstiger vorzüg» licher Eigenschaften, weil die Kämme durch Frostwetter stark in Mit» leidenschaft gezogen werden. Trotz der Milde dieses Winters konnte man bei vielen der ausgestellten grotzkämmigen Nassen mehr oder weniger erhebliche Frostschäden an Kämmen und Ohrlappen fest- stellen. Unsere besten Nutzhühner sind nnbestreitbar immer noch die sogenannten deutschen Landrassen, die richtig betrachtet, aber nichts weniger als deutsch find, da sie wohl alle — 168— Mit Hilfe fremden Blutes üerauSgezflKtet. baS heiht zur ? gegenwärtigen Vollkommenheit gebrachl worden sind. Da ahen wir auf der Ausstellung die prächtigen Hamburger t ähner, unter denen sich namentlich die Silbersprenkel, Goldsprenkel, ilber- und Goldlack« und der schwarze Schlag mit dem grünlich schillernden Gefieder durch besondere Schönheit auszeichnen, die Säbichen Lakenfelder, die Bergischen Kräher. oder iräher über den Berg, deren Hähne gewaltige Stimmittel besitzen, die Thüringer PauSbäck chen und die W e st s ä l i s ch e n K r ü p e r, denen Kurzbeinigkeit ein ganz kurioses Aussehen der- leiht. Eine weitere neue deutsche Raffe war das sogenannte R e i ch s h u h n, daS ich aber trotz seinem schönen Namen nicht als Rasie anerkennen kann; schon auf hundert Schritt Entfernung sah man den Tieren daS in ihren Adern fließende Wyandottesblut an. Mit den neuen Rasien ist eS überhaupt so eine Sache. Die Neuheit besteht bei vielen im neuen Namen, im übrigen find sie kaum von bestehenden Rassen zu unterscheiden. Wirklich schön sind die gestreiften Plymouth-Rocks; früher nannte man diesen Farbenschlag aesperbert, da aber die Zeichnung der hübschen Tiere eine mehr gestreifte ist, mag der neue Name Berechtigung haben. Wer den Hühnern ausgedehnte Laufplätze bieten kann und keine bösen Nachbarn hat, der gebe einer der oben genannten deutschen Rassen den Vorzug. Die Zucht lohnt sich, wenn die Tiere weit auf Oedländereien umherstreifen können. Für beschränkte Laufplätzc unter lleinen Verhältnissen find immer die schweren, nicht flugfähigen Rassen vorzuziehen, die sich schließlich auch mit einem Lausplatze von 2 bis 3 Ouadratruten begnügen und trotzdem fleißig legen. WhandotteS, OrpingtonS, Plymouth-Rocks und Langschans sind die besten dieser Rassen. Frau Prietzke imponierten ganz besonders die Gänse, nicht nur ihreS furchtbaren Schnatternd halber, das gar kein Ende nehmen wollte— es ging in der Gänse- und Entenabteilung toller als in einem Kaffeekränzchen zu—, s-»dern namentlich infolge ihrer im- posanten Größe. In bezug au� diese steht die T o u l o u s e r GanS an der Spitze. Ich bin sicher, wenn ein Toulouser Gänserich der Frau Prietzke auf der Straße begegnet und sie kräftig anschnattert, daß sie sofort Reißaus nimmt. Feuer und Mord schreit. Als Zucht- ganS ist diese Rosse aber nichts für unser rauhes Klima, für das sich mehr die die p o m m e r s ch e Riescngans, die E m d e n e r oder die italienische Gans empfiehlt. Wem es nur auf einen guten Braten und weniger auf reichlich Schmalz ankommt, der halte sich an die italienische Gans, die mehr Fleisch und dafür weniger Fett liefert. Prietzke hat ja einen kleinen Teich, aber Gänse will er trotzdem nicht züchten, denn einmal fressen sie ihm zu viel, daß sich schließlich das Pfund Braten auf zwei Mark stellt, und dann ver- stehen sie auch zu fischen. Wenn einmal einige Gänse und Enten acht Tage im Prietzkeschen Teich wären, dann hätte Frau Prietzke den letzten grünen Hecht in der Küche gehabt. Auch unter den Enten raffen find die französischen rein äußerlich betrachtet, die imponierendsten; die R o u e n ente liefert unbedingt den größten und zugleich auch den saftigsten Braten, dann kommt die englische AyleSbury ente und die Peking ente, beide schnee- weiß. Die kleinste unter den Nutzenten ist die indische Lauf- ente; aber nicht nur laufen kann sie, sie ist auch eine vorzügliche Eierlegerin. Bei mir haben es einzelne Enten dieser Rasse auf 120—150 Eier im Jahr gebracht. Die Eier übertreffen noch die schönsten Minorka- und Jtaliener-Eier an Größe. Gewöhnlich sind diese Enten rehfarbig, meist mit weißer Zeichnung, jetzt hat man aber auch einen rein weißen Farbenschlag. Auch die neuere Orpingtonente, eine englische Züchtung stammt von der indischen Laufente ab. Mit der Riesengröße der Gänse, mit der ihre sprichwörtliche Dummheit gleichen Schritt hält, konnten die Puten erfolgreich in Mitbewerb treten. Den amerikanischen Bronzeputen und auch den dirginischen Schneeputen gegenüber sind unsere Truthühner die reinsten Waisenknaben. Wenn aber einer bei uns auf den Gedanken käme, die bei Feinschmeckern so berühmte„Brüsseler Pute' des Erwerbs halber zu züchten, dann müßte er furchtbar Haare dabei laffen. Mit solchen Vielfressern ist nicht viel anzufangen. Aber die Truthennen sind gewissermaßen lebende Brutmaschinen. Einer gewöhnlichen Landpute kann man ruhig 2ö Hühnereier zum Bebrüten unterlegen, einer Bronzepute deren 40. Dabei braucht man durchaus nicht abzuwarten, bis die Gnädige Frau Brutlust zeigt, also gluckt, man setzt sie einfach in ein Nest, in daS man einige Porzellaneier gelegt hat. stülpt einen Korb darüber und wartet ab, bis sie fest sitzt. Ist dieses der Fall, so nimmt man die Porzellaneier weg und legt dafür 25—40 der wertvolleren Bruteier unter. Man kann dann tiberzeugt sein, daß diese gewissenhaft ausgebrütet werden, und daß die dicke Pute die ausschlüpfenden„Wechselbälge" mit Liebe groß ziehen wird. Will man das selbst besorgen, so kann man der dunimen Pute, nachdem die erste Brut ausgeschlüpft ist, noch ein zweites Mal, unter Umständen auch noch ein drittes Mal eine Portion Eier zum Ausbrüten unterlegen. Sie wird das ohne Murren leisten, natürlich aber rappeldürr dabei werden, denn das Brüten ist zwar eine ruhige, aber trotzdem am Fleische zehrende Beschäftigung. Daß es im Deutschen Reiche Gflügclzüchtervereine gibt, die das samte Gebiet der Nutz- und Sport-Geflügelzucht beackern, war Prietzke bekannt, daß aber, abgesehen hiervon, fast jede Spezial» raffe, ja fast jeder Farbenschlag einer beliebten Raffe auch seinen Spezialverem hat, das war ihm entschieden neu, sodaß er für Vereine, wie den Klub der Weißkopfzüchter. den Haubenzüchter- klub, den Nackthalszüchterverein, die Vereinigung der Mövchenzücbter, den Galizier Silberelsterzüchterklub, die Vereinigung der Puten- züchter, den Kröpferzüchterverband für Süddeutschland, die Kräher« züchlervereinigung, den Jtalienerzüchterklub und den Klub der Perückenzüchrer, der gegenwärtig von allen entschieden die meiste Be- rechligung hat, nur ein energisches Kopfschütteln übrig hatte, dem Frau Prietzke kräftig beistimmte. Die fortgeschrittensten Vereine find freilich die der Bantams und der silberhalsigen Italiener, denn in diesen haben sich die Hühner scheinbar selbständig zur Wahrung ihrer durch das größte Raubtier den Menschen bedrohten Jntereffen zusammengeschloffen. HeL Kleines f eirilleton* Astronomisches. Der Hallehsche Komet und daS Rhinozeros, Einer der geistvollsten und fedcrgewandtesten englischen Gelehrten. der bekannte Astronom Roberl Ball, hat sich in einer drastischen Weise über die Furcht der Leute vor dem Weltuntergang aus« gesprochen. Weil er zu den volkstümlichsten Himmelssorschern Eng- lands gehört, wurde er mit Hunderten von Briefen bombardiert, die angstvoll um Auskunst über den Halleyschen Kometen und das der Erde von ihm drohende Schicksal baten. Er hat infolgedeffen eine Flucht in die Oeffentlichkeit unternommen und der„Times" eine geharnischte Erklärung in Form eine? offenen Briefe? eingesandt, der folgenden Wortlaut trägt:„Mein Verehrter— Ein Rhinozeros in vollem Lauf würde den Zusammenstoß mit einem Spinnweb nicht fürchten, und die Erde hat eS ebensowenig nötig, den Zusammenstoß mit einem Kometen zu fürchten. Im Fahr 1861 reisten wir durch den Schweif eines Kometen und niemand hat damals irgendetwas davon gemerkt. Für etwa hundert Millionen Jahre hat das Leben auf dieser Erde ohne Unterbrechung bestanden, obgleich unser Weltkörper in diefer Zeit wohl von mindestens fünf Kometen in jedem Jahre Besuch empfangen bat. Wenn Kometen der Erde überhaupt Schaden zufügen könnten, so würde daS wohl schon vor langer Zeit einmal geschehen sein, und Sie und ich würden uns dann weder über Kometen noch über etwas anderes zu unter« halten Gelegenheit haben. Ich hoffe, dieser Brief wird Ihnen die Beruhigung geben, die Sie brauchen. Soweit ich es über« sehen kann, werden wir uns um den 12. Mai in dem Schweife des Halleyschen Kometen befinden, und ich hoffe sehr. daß wir es werden. Ich erinnere mich, daß der berühmte John Herschel irgendwo einmal gesagt hat, ein ganzer Komet könne zusammen- gequetscht in einer Manteltasche untergebracht werden. Ein anderer Astronom kommt dem Gedächtnis seines Kollegen zu Hilfe und ver- weist auf die Stelle in den Schriften Herschels, wo dieser Astronom tatsächlich jenen Ausspruch getan und noch die Worte hinzugesetzt hat: Der Schweif eines großen Kometen kann, soweit wir wiffen, nur aus sehr wenigen Pfunden Materie bestehen." Völkerkunde. Die Uhr der Naturvölker. Zuweilen finden sich bei Naturvölkern, die noch niemals mit Euryväern oder mit den Ver- tretern anderer Kulturländer in engere Berührung gekommen sind, Einrichtungen, die auf verhältnismäßig hohe geistige Bedürfniffe und auch auf eine erhebliche Erfindungskrast deuten. Das lehrt auch der Bericht, den Dr. Hose über einen Besuch bei dem kriegerischen Stamm der M a d a n g in B o r n e o er« stattet hat. Die Madang bewohnen eine Gegend im Innern jener größten Insel der Erde> die bisher von Weißen über» Haupt noch niemals betreten worden war. Dieser Umstand, der heute, abgesehen von den Polargebieten, schon als eine Seltenheit gellen kann, erklärt sich in der Hauptsache daraus, daß die Madang bei den benachbarten Völkern in dem Ruf von Räubern stehen und sehr gefürchtet sind. Dr. Hose muß entweder viel Glück oder viel Geschick oder beides gehabt haben, denn es ist ihm gelungen, mit dem Madang nicht nur selbst steundschaftlich zu verkehren, sondern auch Beziehungen zwischen ihnen und den Nachbarvölkern anzubahnen. Das Merkwürdigste an seinem Bericht ist die Bekundung, daß die Madang eine sonderbare Art von Zeit- meffnng erfunden haben, die man wohl mit einer Sonnenuhr ver- gleichen kann. Sie besteht in einem etwa 2 Meter hohem Pfosten, der in den Boden gerammt wird. Zuerst wird mittels einer Schnur, die an jedem Ende ein Gewicht trägt und über die Spitze des Pfostens herübergelegt wird, sorgfältig fest- gestellt, ob der Pfahl ganz senkrecht steht. Dann wird die Länge des Schattens dieses PtostenS mit einem Stock gemeffen, der eine Einteilung besitzt. Die Marken an dem Stock sind um so weiter von einander entfernt, je größer ihr Abstand von dem Pfosten ist. Die ganze Anordnung entspricht also genau einer Sonnenuhr, und die Madang würden diese vielleicht auch selbst erfunden haben, wenn nicht die beschriebene Vorrichtung für ein Land in der unmittelbaren Nähe deS Aequators noch zweckmäßiger wäre._ >erantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerer u-VerlagSausuiUPaul«mger kdEo..BerllnS>äii.