Hlnterhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 44. Donnerstag den 3 März. 1910 (Nachdruck verdol«n.1 44] Im l�amen des Gefetzcs, Von Hans Hyan. Damit wandte sich Georg um... Also der glaubte, er sei in einer Schlägerei gewesen!... Das war ja brillant!... Das konnte er doch auch Ella sagen!... klebte sich nachher'n bißchen Heftpflaster auf den Kopf, oben in die Haare rein, da kann man sowieso nicht viel sehen... Das war also gar nicht so schlimm... Und er brauchte sich gar nicht so sehr zu ängstigen!... Ach! und hier, wo er gar nicht gemeldet war— kam ja gar keiner drauf, ihn hier zu suchen, vorläufig! Die Entreetür hatte er aufgelassen. Vorsichtig schlich er über den Korridor bis zu der kleinen Kammer, die Ella von der Wirtin für ihn abgemietet hatte... Darin stand eine Feldbettstelle, der Raum selbst war nicht breiter als das Bett, auch ganz dunkel. Georg wollte sich zuerst ausziehen... Aber irgend etwas hinderte ihn daran... Dann sank er aufs Bett und versuchte nachzudenken... Aber der Schlaf kam wie ein Tuch, das man schnell über flatternde Vögel wirft— Georg fiel zur Seite, sein röchelnder Atem erfüllte die finstere Kammer---- Auf einmal träumte er, der grüne Heinrich stände lauschend neben ihm in der Wohnung der Poppe. Und die Frau, der das Messer noch in der blutenden Halswunde stak, die aber trotzdem vollkommen stark und gesund schien, die rannte den Korridor entlang, sie drohte ihm und rief fort- während seinen Namen... Das war ihnen beiden unange- nehm, dem Grünen und ihm. und der ging drohend auf die Frau los... Sie riß eine Tür auf, Georg hörte das ganz deutlich... und dann griff sie nach ihm und schrie mit ganz tiefer Stimme... Er murrte im Schlaf und drehte sich... Plötzlich fuhr er hoch. Die Tür zur Kammer war aufgerissen worden. „Hier is er!... hier!..." Georg sprang, noch halb im Schlaf vom Bett nach vorn. Im selben Augenblick packten ihn kräftige Fäüste... Er drängte, die beiden Männer, die gleich Hetzhunden an ihm hingen, mitreißend vorwärts. Da sah er durch eine offene Tür einen fremden Mann sich hastig ankleiden und seine Schwester, noch unangekleidet, laut weinend auf sich zueilen. Indem kam ihm jener Morgen in den Sinn in seiner Eltern Wohnung, wo er auch verhaftet worden... einer wertlosen Uhr wegen... Das kam ihm, der noch nicht klar dachte, wie heute vor. Aber plötzlich fiel ihm das ein!... Die Frau!!... DaS Blut an seinem Jackett!!... Er sah wieder alles! II Schon zog der eine Beamte, trotz seines Hin- und Her- drängens, Fesseln hervor.... Da, mit einem Ruck, der die Kraft eines Menschen weit überstieg, riß Georg sich los.... Ein wütender Hieb schleuderte den vorderen Beamten gegen den anderen, sie taumelten beide.... Und der große Mensch, wie ein Eber, die Wirtin, die im Korridor lamentierte, überrennend und die Tür fast aus den Angeln reißend, war hinaus auf die Treppe!... Nur einen Bruchteil einer Sekunde stutzte er: unten waren Stimmen, hinter ihm gellte die Notpseife— er mußte rauf, die Treppe rauf, deren Stufen seine Füße kaum be- rührten!... Die Bodentreppe! Die Bodentreppe! War die Tür offen?— Ja! Rauf! Rauf! ' Wo ist die Luke? Die Luke!... ' Da!... eine Leiterl Ran! Ran! Ab... verschlossen!... ein Schloß vor!... Mit den Kräften von zehn Starken rüttelte der Mörder an der eisernen Haspe.... umsonst!... Hinter ihm prasselte es heran, wie ein Heer von Wut und Rache! Zehn Fäuste zugleich griffen nach ihm, risien ihn herab! zu Boden! Er kam wieder auf! Sckstug um sich! Wurde wieder gefaßt! An den Armen und Beinen! Am Hals! Ins Gesicht! Wo es traf, schlugen, packten und stießen die Fäuste der empörten Häscher!... Und wie sie ihn dann festhatten, da röchelte der Mann, fast erwürgt, vorwärts zur Treppe hingeschoben und sich noch immer gegen die Uebermacht stemmend. „Ich war's doch nich!... Ich hyb die Frau nich tot« gemacht! Der Grüne is's jewesen!.. 28. An einem sehr heißen Julitage ging Kurt von Golfers« Hausen die Friedrichstraße hinab nach dem Halleschen Tor zu. Er war verreist gewesen, kam direkt vom Bahnhof und hatte nur einmal in sein Bureau hinaufgesehen, wo nicht viel Neues vorlag. Wie sollte es auch! Erst zu Ostern hatte er den Assessor gemacht und sich dann, wie es längst seine Absicht gewesen war, sofort als Rechtsanwalt in Berlin nieder- gelassen.... Die Sonne brannte so, daß die Leute mit matten Be« tvegungen, schweißtriefend über die Straße schlichen. Aber Kurt von Colfershausen merkte kaum etwas von der Glut... Sein Geist ivar zu beschäftigt mit dem, was er vorhatte.... Von einer kurzen Erholungsreise hatte diese Nachricht ihn aus dem Heim seiner Mutter zurückgerissen, mit unwider- stehlicher Gewalt in die Stadt, wo er lebte und arbeitete.... In der ersten Aufwallung iiber diese Botschaft, die ihn mit Trauer erfüllte, hatte er seiner Mutter alles gesagt, was er an schönen und trüben Stunden alles erlebt hatte mit dem armen Mädchen, dessen Name jetzt, mit der Schandfarbe eine Dirne und Mörder-Schwcstcr bemalt, durch alle Zeitungen geschleift wurde. Die kluge und großherzige Frau, die diesen Sohn er- zogen, hatte ihm selbst sofort geraten, nach Berlin zu fahren und seiner richtigen Liebe beizustehen in ihren schweren Nöten.... Vielleicht sah die Mutter auch voraus, daß dieser Prozeß, der großes Aufsehen machen würde, für ihren Sohn die erste Staffel zu Ruhm und Ansehen bedeuten könne.... Kurt hatte in der Zeitung gelesen: Ella sc! als der Mit- täterschaft verdächtig ebenfalls verhaftet worden. Aber er sagte sich, nach dem ganzen Charakter des Mädchens sei ein solcher Verdacht absurd. Und da die Entfernung von EllaS Wohnung bis zu seinem Bureau gering ivar, wollte er zuerst bei ihr selbst nachfragen.... Die Wirtin, die ihm in der Hedemannstraße im ersten Stockwerk des pompösen Hauses mit der großen Toreinfahrt öffnete, machte einen so üblen Eindruck, daß der junge An- walt, der vor menschlicher Niedrigkeit einen für seinen Beruf allzu ausgeprägten Abscheu hatte, sich förmlich zurückbog. Im blauen Morgenrock, der das schlaffe Fleisch ihres fetten Körpers nicht zusammenhielt, die Haube mit Seidenbändern auf dem ergrauten Haar und dabei geschminkt und gepudert, zeigte dieses Weib nur allzu deutlich die ehemalige Dirne, die sich jetzt damit beschäftigte, ihre früheren Kolleginnen auszupowern.... Und bei so einer wohnte die arme Ella!?... Kurt von Solfershausen konnte sich noch immer nicht dazu verstehen, in der ehemals so heiß Geliebten ein Objekt der Unzucht, der Schande zu sehen, das um Geld für jeden feil war.... „Fräulein Hellwig hat Besuch!" sagte das Weib mit widerwärtigem Lächeln. Aber als Kurt, aufs peinlichste überrascht, murmelte: „Dann komme ich noch einmal wieder!" Da setzte sie mit einer verletzenden Lustigkeit hinzu: „Nee, nee,'s is bloß'ne Dame...'ne Frau... ich glaube, ihre Mutter...." Kurt überlegte: Ellas Familie kennen zu lernen, hatte er nie Verlangen getragen: dazu konnte ihm das wenige. was er von Ella über den Vater und Georg gehört hatte, ja auch wirklich keine Stimmung machen.... Aber jetzt. jetzt waren diese Leute in Not, in der bittersten Not, die Eltern nur treffen kann! Das Gesetz hatte eines von ihren Kindern, den ältesten Sohn, aus ihrer Mitte gerissen, mit der fernen Drohung, ihn aufs Schaffott zu schleppen!... Da entschied das Mitgefühl, das größer war im jungen Herzen des Rechtsanwaltes als alle, alle persönlichen Empfindungen. Mit kaltem Blick und harter Stimme sagte er zu der Frau: „Melden Sie michl.. Und gleich danach hörte er den Aufschrei einer Stimme, die selbst jetzt sein Herz noch schneller schlagen machte... Wie würde sie aussehen? und wie würde sie ihn ansehen?... wie ihn nennen?... Ein heftiges Stimmengewirr drinnen im Zimmer, Schluchzen und Weinen ließ schnell den Entschluß in ihm ent- stehen: Ich gehe hinein II Zitternd, niit bangem Atem, aber festen Schrittes trat er ins Zimmer.... Da lag eine Mädchengestalt, bei deren Anblick sich sein Herz krampfte, über dem Bett. Und der seine Körper in weißer Mullbluse und schwarzem Seidenrock, den er so oft in seinen Armen gehalten hatte, flog von der ungeheuren Erregung, wie vom Sturm geschüttelt. In einem Plüschsessel saß eine ältere Frau, deren Haare schlohweiß waren, mit dickverweintem Gesicht, ratlos und angstvoll zu dem jungen Anwalt aufblickend. Kurt sah an der Aehnlichkeit dieses früh gealterten Gesichtes, über dem das weiße Greisenhaar doch überraschend wirkte, daß er Ellas Mutter gegenüberstehe... Er grüßte respektvoll und wandte sich an die Wirtin: „Sie sind wohl so freundlich und lassen uns allein!!!" In den Zügen dieses Weibes war nichts als ordinäre Neu- gier. Aber es kam etwas Drohendes hinein, als Kurt sie aus dem Zimmer wies. Und mit bösem Blick auf ihre Mieterin verließ sie murrend den Raum. (Fortsetzung solgt.1 (Nachdruck derdoten.1 3] Der Totengräber. Von Josef N u e d e r e r. Den Fricdl kümmerte das sehr wenig. Immer eifriger schleppte er von den« verrückten Zeug herein, immer lebhafter beschäftigte er sich mit dem Skelette, an das er gelungen- Gespräche hielt, und er rieb sich heimlich die Hände,. als er merkte, daß bald darauf das ganze Dorf eine Heidenangst, v«".- dem Totengerippe empfand, das er mit grotzcj; Mitzr? getauft hatte. Mit dem gleichen Spottnamen war nämlich vor vielen Jahren ein armer, alter. wardon,-. der aus Böhmen zugewandert war Und hucch H�sfeullinqe� fetn elendes Dasein fristete. Nach seinem 1satse?nmu rhir auch im stillen Winkel beerdigt, weil er nie in die'WrDi ging und angeblich mit Teufeln und Hexen im Bunde stand. Friedl besann sich seiner noch sehr lebhaft. Als Knabe hatte er oft mit ihm gesprochen und seltsame Eindrücke von den wunderbaren Erzählungen des alten Burschen empfangen. Nun ehrte er ihn noch im Tode und erzielte damit im Dorfe eine treffliche Wirkung. „Der Herr Meier geht um," hieß eS allenthalben, wenn jemand dem Tode nahe war, viele sahen das Skelett in den Gassen spazieren gehen, manchem war es gar auf freiem Felde begegnet, und nachts wich ein jeder dem Hause des Totengräbers auf Nuf- weite aus, weil man meinte, der Herr Meier könnte den Schädel zum Fenster herausstrecken. Das paßte dem Fried! vortrefflich in seinen Kram. Wenn sich diese blödsinnige Menschheit nur fürchtete, wenn sie nur Angst hatte, die dumme, abergläubische Masse mit Gebetbuch und Rosen- kränz. Ungestört konnte er sie dem Gelächter preisgeben, denn die Geistlichkeit duldete stillschweigend den Unfug mit den Toten- schädeln und den Gerippen. Anfangs zwar, da hatte sich der Pfarrer, wie immer, wenn er um etwas im Dorfe nicht gefragt wurde, sofort eingemischt und mit funkelnden Augen und auf- geblähten Backen seine Autorität zu wahren gesucht, als er aber mit der Zeit merkte, welch wohltätigen Aberglauben das Skelett in die Menge trug, da kam es ihm nicht einmal so ungelegen, und er tat so, als wüßte er nichts davon. Das setzte nun allem Spaß noch die Krone auf! Der pfiffige � Totengräber durchschaute die Politik des Pfaffen und wollte sich. schief lachen, als er dahinterkam, daß die hohe Geistlichkeit Arm in Arm mit ihm marschierte. Jetzt trieb er den Spuk nur um so verwegener. Er drohte den Leuten mit dem Herrn Meier im Wirtshaus oder bei der Arbeit und konnte ziemlich sicher sein, daß jeder Streit kurzweg abgebrochen wurde, wenn er seinem Gegner in Aussicht stellte, er wolle ihm das grausige Skelett auf den Hals hetzen. So wurde der Herr Meier eine ganz bekannte Persönlichkeit, in der man schließlich nichts anderes nichr als den wirklichen Tod erblickte, der bei Meister Friedl Quartier genommen hatte und je nach Belieben seine schaurigen Wanderungen unternahm. Dem Totengräber war's recht. Was er selbst glaubte, behielt er für sich allein oder er redete es manchmal an seinen knöchernen Freund hin. „Haben wir wieder ein'n?" fragte er oft, wenn er die Werk- zeuge an ihm vorbei in die Ecke trug. Oder er stierte ihm lang in die hohlen Augen, Kenn einer i« Dorf zwischen Leben und Tod schwebte. „Holst ihn?" fragte er.„Gehst bald wieder fort?" Und als einmal der hochmütige Landrichter ganz elend im Bette stöhnte und sein Ende nahe glaubte, suchte der Friedl den Herrn Meier hinter dem Ofen hervorzulocken wie einen bissigen Hofhund. „Pack ihn, pack ihn, den Schuften! Js net schad d'ruml" Solches Vertrauen hatte er zu seinem einzigen Freunde, denn das war der Herr Meier. Andere besaß der Friedl nicht im Dorfe, und das verstand sich auch ganz von selbst. Die Leute über- trugen die Angst vor seiner unheimlichen Umgebung auf ihn selbst. obwohl der einfache Mann mit den klaren, sicheren Augen nichts weniger als abschreckend aussah. Aber eben diese durchdringenden Blicke und seinen Spott, den er stets auf den Lippen trug, den scheuten die Dörfler. Der Friedl konnte einen so kerzengerade an- schauen, daß jeder den Kopf nach der Seite wandte. „Wart, i krieg di' scho noch!" rief er dann drohend. „Wann kriegst mi?" „Balst stirbst, da mußt d' nacher stillhalten." Und wenn dann der andere entsetzt abwehrte freute er sich königlich. Alle mußten ja zu ihm kommen. Daß es ihn selbst auch ein- mal treffen könnte, das wollte ihm gar nicht einleuchten. Mit dem Skelett glaubte er den Tod wirklich in seiner Gewalt zu haben. und der durfte ihn erst dann hinausführen in den einsamen Fried- Hof, wenn er selbst einmal sein Haupt zur Ruhe legen wollte. Die Zeit war aber noch fern. Der Totengräber dachte nicht gern daran, denn sein ganzes Dasein war auf diese Welt gestellt. Hier muhte er die letzte Minute auskosten, denn drüben— da gab's nichts mehr. Spaßig mochte es freilich werden, wenn sie ihn einschalten. das Dorf seinen Totengräber! Da ruhte er auch dort unten in einem finsteren Loch wie der Mödlinger, den er heute an dem lachenden Frühlingstag zudecken sollte. Kränze und Blumen mit Atlasschleif-n und Bändern bekäme er wohl nicht wie der alte Gauner, auch keinen so schönen, schwarzpolierten Sarg mit Silber- beschlag, sondern eine rotgestrichene, fichtene Truhe, auf der ein weißes Wachskerzlein brannte als Symbol der Leuchte in der Ewigkeit. Auch mit der Predigt und den Leichenfeierlichkeiten möchte es hapern, denn so etwas kostete mehr Geld als im Hause des Totengräbers vorhanden war. Aber eines bliebe das gleiche: die Erde, die auf seinen Sarg herabflog! Stein und Sand vom Hoch- gebirge deckte sie alle zu— da gab's keinen Unterschied. Und auf ihn, den Totengräber, schleuderte sie wohl sein eigener Bub, der Andredll Sonderbar, daß ihm heute wieder dieser Gedanke kommen mußte! Es war nicht das erstemal. Oftmals schon war er ihm aufgetaucht, ganz schnell und unvermutet, und dann ließ er ihn auch so bald nicht wieder los, sondern verfolgte ihn mehrere Stun- den. Friedl wurde sehr nachdenklich. Er trat ganz dicht vor die offene Grube und stieß die Schaufel in die Erde. Wuchtig stützte er sich auf den derben Stiel und wiegte den Kopf leicht nach vorne. Dann verkniff er die Lippen uno schloß die Augen. Deutlich konnte er jetzt gewahren, wie sich dereinst alles abspielte. Das ganze Dorf sah er vor seinem Sarge stehen, und jeder rieb sich freudig die Hände. Denn nun hatten sie den hinuntergelassen, der sie sein Lebtag mit Hohn und Spott Übergossen hatte. Drum wollten sie heute aber auch eine Extramaß trinkejr zu Ehren des frohen Er- eignisses. Und als sie lachend ins Wirtshaus abschoben, da blieb nur einer zurück, der Andredl, und der ging ungesäumt an die Arbeit. Einen Stein nach dem andern warf er herab auf den Sarg des Vaters, bis die Last immer drückender wurde und schließ- lich den Deckel mit lautem Krach auseinandersprengte. Wie ein Schwindel durchfuhr es da mit einem Schlag den Totengräber, und heftig riß er die Augen auf. „Na, na," schrie er laut,„so weit sind wir no net." Hoch schwang er die Schaufel in der Luft herum und reckte die Brust heraus. Der Bub sollte ihn nach lange nicht unter die Erde kriegen, noch lange nicht! Zuerst wollte Friedl den eigenen Vater eingraben, der doch der Grube am nächsten war. Freilich, wann traf es den Alten einmal? Der war von eiserner Konstitution, und der unmäßige Schnapsgenuß schien ihn förmlich abzuhärten gegen alle Anfechtungen von Alter und Wetter. Wie lange noch? fragte sich der Friedl und starrte auf den Sarg � des alten Mödlinger hinab. Wie lange? Sollte der immer be- trunkene, geifernde Greis noch zwanzig Jahre im Haus herum- lungern oder gar so alt werden wie Methusalem oder Jakob? Ohne daß er es merkte, war Friedl wieder in seine vorige Stellung zurückgesunken und starrte ins Leere. Tiefe Ruhe spann sich in den klaren Frühlingslüftcn über dem Kirchhof, auch unten zwischen den Gräbern und Kreuzen regte sich kein Ton, nur manchmal knisterte es geheimnisvoll in der lockeren Erde, wenn sich der aufgestemmte Spaten unter der Last des starken Mannes etwas tiefer in den Boden grub. Plötzlich aber riß es den Träumer in die Höhe. Er hatte deutlich gefühlt, daß sich von rückwärts etwas an ihn heranschlich, und nun war er erschrocken wie ein Mensch, den man auf bösen Gedanken ertappt. Hastig drehte er sich um. Richtig, da stand einer! Und warum mußte es gerade der Mödlinger Michl sein, der verdammte, heimtückische Geselle? Wie der Kerl nur drein- schaute, so de- und wehmütig wie ein frommer Vü�er, H.uH< ler, der elendel In Friedl kochte es auf.»hin widerwärtiger in diesem Augenblick. „Was suchst VT schrie er ihn cm.„Willst schiurtn. oTS er scho" eingraben is, d«i' Vater?" Der Mr emeät Augenblick sprachlos. „Ahe'b.FüM. WaS stillt Dir denn ein?" brachte er endlich hervor. �'.„.-j--8�' »Brauchst kei' Angst net haben," lachte der Totengräber.»Der kommt nimmer'rauf." Der Mödlinger Michl war totenbleich geworden. »Tu mi net derbleckn." sagte er, mühsam an sich haltend.„I komm'raus weg'n'm Grabstein, und Hab di frag'n woll'n, ob..." »Schwindel, Schwindel," rief der Totengräber, indem er eine abwehrende Bewegung mit der Hand machte. Der Michl bebte vor Wut. „Du," sagte er,»hör auf mit Deine sündigen Redensarten." Da lachte Friedl hell auf. »Sündige Redensarten, des machst gut," rief er und packte den Burschen am Arm.„Da geh her." fuhr er fort.„Jetzt tu mir aus'm G'sicht'rausleugnen, daß Du bloß nachschauen willst, ob Dei' Vater nimmer'rauf kommt aus der Gruben." Michl suchte sich vergebens seinem Druck zu entwinden. „Das riskierst Du mir z'sagen," schrie er wütend. „Jawohl," antwortete Friedl.„Weil Du ihn'nunter g'wünscht hast. Du Tropf Du, ha, ha, Hai" Damit packte er ihn noch fester und riß ihn wütend an den Rand der Grube. Jetzt wurde es dem Angegriffenen aber zu viel. Er ballte die freie Faust und hielt sie dem Friedl unter die Nase. „Latz mi' aus," schrie er.„Bist Du vielleicht der Pfarrer, der mir d' Leviten lesen will? Du Schuft!" Und als der Totengräber noch nicht nachgab, suchte er ihn an der Gurgel zu packen. Der Friedl aber ließ ihn einen Augenblick los, machte eine kurze, schnelle Wendung und jetzt, wo er weit aus- holen konnte, schlug er dem Michel mit der flachen Hand eins über den Schädel, daß er kopfüber zu seinem Vater in die Grube hinabflog. Im ersten Augenblick war der Totengräber selbst erschrocken, als der Bursche wie weggeblasen war, aber er faßte sich schnell, und seine Bestürzung löste sich in eine unbändige Lustigkect, als er jetzt näher trat und das grause Entsetzen gewahrte, das sich in Michls Zügen malte. Er hatte sich auf dem Sarg seines Vaters wieder aufgerichtet und versuchte an den steilen Wänden in die Höhe zu klettern. Dabei schlugen ihm aber die Zähne zusammen, und die Augen traten aus ihren Höhlen. sFortsetzung folgt.! R.aäium im kteuskalt der JSatur. Bei der Feinheit und Geringfügigkeit der radioaktiven Erschei- nungen hätte man wohl vermuten sollen, sie würden ewig ins Labo- ratorium der Forscher verbannt bleiben. Doch geschah eS hier, wie e? häufig in der Nawrerkcnntnis zu geschehen pflegt: nachdem erst einmal das Augenmerk auf die neuartigen Stoffe hingelenkt war, wurden bald allerorten ihre Spuren und Wirkungen angetroffen. Gleich, nachdem man sich auch in Deutschland mit diesem Gegenstand z» beschäftigen angefangen hatte, brachten die Untersuchungen von Elster und Beitel über die Radioaktivität der Atmosphäre unerwartete Ueberraschungen. Ein Draht, in der Luft ausgespannt und vom»egattven Pol einer Elektrisiermaschine auf ein Potential von mehreren tausend Volt geladen, wurde nach einigen Tagen ab- genommen und geprüft: er erwies sich als aktiv I Es schien sich aus der Luft ein Erreger auf ihm niedergeschlagen zu haben, der mit einem Lappen abgewischt werden konnte. In manchen Fällen war die Wirkung so stark, daß der Lappen auf einem Zinliulfidschirm deutlich vernehmbare Fluoreszenz erregte! Die Anwesenheit des Radiums wird, wegen der nahen Beziehung zu elektrischen Vorgängen, auch neue Aufschlüsse über die Gewitterbildung bringen.— Man pumpte die.Bodenluft" aus tiefen Brunnen, Kellern und Erdlöchern herauf und durchs Elektroskop hindurch: es klappte zusammen, an verschiedene» Orten verschieden schnell, was einen Rückschluß auf die aktiven Beimengungen gestattete. Seitdem hat man Urgesteine, Gebirgsschichlen, vulkanische Auswürflinge, ja selbst das Meerwasser, vor allen, aber die Heilquellen auf ihre Radioaktivität hin geprüft und überall diese wunderbare Eigen- schaft, wenn auch nieist nur recht schwach, vertreten gesunden. Rüther« ford plazierte Meßapparate nutten in ein Salzbergwerk, versenkte sie, um Störungen abzuhalten, unter dem Spiegel eines Sees, und gewisse äußerst feine Anzeichen scheinen zu verraten, daß der gesamte Erdkörper Sitz einer böchst durchdringungssähigen StrahlungsaN ist. vor der Mauern und Kellergewölbe keinen Schutz gewähren, die alles umspült und unser eigenes Innere durchflutet. Die Frage ist: Sind alle Stoffe aus eigener Kraft aktiv oder rührt ihr« Wirkung von Radiunfftäubchen her, die in Gesteinen ein« gesprengt sich finden, im Meerwasser sich lösen und in die dem Boden benachbarten Luftschichten hinüberwehen? Es wurde sogar ausgesprochen, daß die Elemente Uran und Thor, Jonium und Aktinium samt ihren zahlreichen Zwischenprodukten nur durch Radium AÄlte? Doch geht diese V-rnuck�U��"»e>u. .venQ-«s„uch bisher mcht gelungen ,st, für dtese Stoffe, wie eS für das' Radium geschehen, ein charakteristisches Spektrum zu fixieren, so sind doch ihre sorgsam gemessenen elektrischen und photographischen Eigenschaften deutlich unterschieden, was nicht gut möglich wäre, wenn eingesprengtes Radium überall den heimlichen Erreger spielte. Man hat Theorien aufgestellt, die dem Radium eine ganz be» deutende Rolle im Haushalt der Natur anweisen, ja, es zum eigent- lichen Weltbeweger stempeln. Die vorliegenden Tatsachen sind aber doch noch viel zu lückenhaft, um derartig weittragende Schlüsse zu rechtfertigen. Ebenso verkehrt wäre es freilich, verächtlich über die wenigen Gramm Radium zu lächeln, die sich, in dicken Blei- kapseln verschlossen, in den Händen der Forscher befinden. Denn das Imposante ist ja gerade, daß diese geringen Menge» trotzdem so gewaltige Machtfaktoren darstellen; wäre doch ein einziges Kilo- granim Radiumemanation imstande, etwa zwanzigtausend Pferdelräfte an Energie zu entwickeln I Da ist es natürlich, daß größere„Nester", Ansammlungen von Radium im Innern der Erde, aus Gestalt und Umbildung der Kruste einen gelvattigen Einfluß ausgeübt haben müßten. Und diese Annahme ist nicht absurd. Denn die mittlere Erddichte ist bedeutend größer als die der Gesteine an der Oberfläche, und man hat von jeher vermutet, daß Metallmassen im Erdinnern daran schuld seien. Sollte das schwere Radium zu ihnen gehören? Setzt man den Fall, daß auch die tieferen Boden- schichten einen Radiumgehalt aufweisen, so müßte im Erdinnern ein sortwährendeS Ausströmen von Alphateilchen stattfinden, die, mit großer Gewalt entweichend, im umgebenden Gestein bald stecken bleiben und durch ihren Anprall ungeheuere Wärmemengen freimachen würden. Damit fände eine auffällige Erscheinung ihre Erkläruno, nämlich die Eigen temperalur der Erde, die mit je fünfundzwanzig Metern ungefähr um einen Grad wächst. Der mittlere Gehalt der Gesteine an Radium ist verschwindend gering� Trotzdem müßten sich, nach neueren Messungen des Geologen Struth_ aus dem gesamten Erdball mehrere Millionen Tonnen extrahieren lassen! Diese würden aber eine Hitze erzeugen, die die Verluste durch Ausstrahlung an der Erdoberfläche vielmals übertrifft. Der Erdlörper brauchte also nur von einem.Mantel" aus aktiven Ge- steinen unihüllt zu sein; eine Steigerung nach dem Erdkern hin, oder ganze„Rester" wären nicht erforderlich. Aber vielleicht könnten die vulkanischen Erscheinungen. Krater und heiße Quellen, durch solche Ansammlungen größerer Radiummaffen an einzelnen Stellen unter der Erdoberfläche verursacht sein? Es hielt sowieso immer schwer, für die hier erforderlichen plutonischeit Kräfte eine Quelle anzugeben. Dann wäre zu erwarten, daß die Eruptivgesteine durch ganz besonders reiche Aktivität sich auszeichneten. Die Unter« suchuitgen haben freilich diese Erwartung nicht gerechtfertigt. Da- gegen fanden sich hohe Beträge in der Kohlensäure, die in vulkanischen Gegenden vielerorts dem Boden entströmt, und alles zusommengcnommc» scheint die Annahme nicht ungereimt, daß die Wärmeproduktion die Verluste dijrch Strahlung in den kalten Welt- rauni wirklich übertrifft, was eine Erhöhung der mittleren Jahres» temperatur zur Folge haben würde I Man hat davon gesprochen, das Radium werde den gold- inachenden Stein der Weisen ersetzen, worum die VUchinüsten d«S Mittelalters sich abmühten. Auch wenn man diese Phaittafie auf das Tatsächliche reduziert, bleibt noch genug des Merkwürdigen: die Lehre vom Zerfall der Elemente. Danach erfährt ein Atom des Urans eine Umwandlung derart, daß es in Radium übergeht. Und dieses bleibt samt allen anderen radioaktiven Substanzen auf einer Stufe ebenso ivenig stehen: sie verwandeln sich'.veiter, äußerst langsam ftcilich, unter Absonderung von Helium! Die Geologen Strutt und Joly haben viele Gesteine geprüft und gefunden, daß in der Tat die ältesten Gesteine das meiste Helium eingeschloffen enthalten, weil in ihnen eben der Zerfallprozeh am längsten andauert. Ist damit in einer der radioaktiven Substanzen die seit den jonischen Naturphilosophen ae- suchte Urmaterie gefunden? Bauen die Atome des Heliums die aller anderen Elemente auf, bis zum Uran, dem schwersten; und zerfällt dieses wieder langsam zu Helium, Stufe für Stufe, durch Jahrmillivnen hindurch? Das Helium ist nach der Sonne benannt, wo es früher als aus Erden entdeckt wurde. Ob der Kern der Sonne aus zerfallenden radioalttven Substanzen besteht und Licht und Wärme dieses Gestirns, von dem der Zustand eines ganzen Planeten- systems, vor allem die Leben zeugende Kraft unserer Mutter Erde, abhängen, eigentlich ein Geschenk des Radiums sind? Merkwürdigerweise hat man bisher das Sonnenspektrum vergebens nach Radiunilinien durchsucht; auch das Uran scheint dort nur in geringen Mengen vorhanden zu sein, was schon deswegen befremdet, weil doch vermutlich die Stoffe unserer Erde aus der Sonnenmaffe entsprungen sind. Sollten jene schweren Elemente sich im Innern verborgen hatten, von dort nach außen wirkend? Das ist wieder nach den Erfahrungen auf der Erde nicht sehr wahrscheinlich, wo ja die ralioaktiven Substanzen sich auf einen„Mantel" beschränken sollen. Arrhenius will diese widersprechenden Umstände aber gerade für die ZersallStheorie ausnutzen. Nach feiner Ansicht findet ein Zerfall d«S Radiums, also eine Strahlung, nur bei verhältnismäßig niedrigen Temperaturen statt. Bei derartigen Hitzegraden aber, wie wir sie auf der Sonne und auch im Erdinuer» voraussetzen müssen, verläuft der Vorgang gerade umgekehrt: dort bildet fich aus den Zerfalls- Produkte»? unter Aufwendung ungeLenrer Energiemengen� Radium: und da dtt�seL selbst eine Zwischenstufe ist, aus dem Rndmtm da» Uran. So würde eS erklärlich, daß auf der Sonns kein Radium dauernd Gestehen kann. Wohl aber werden, von unserer wie von allen ffirstcrn-Sonnen radioaktive Strahlungen in den kalten Weltraum und zu den dunkeln Weltkörpeni hin ausgesandt. weshalb Radium, wie auch die Untersuchung niedergefallener Meteorsteine beweist, überall sich findet. In der Kälte zersetzt es sich wieder»nid macht die gebundenen Wärmeinengen frei, im ewigen Austausch des Weltgeschehens Ivechselnd. Die emanierten Alpha- teilchen aber erfüllen als Helium in großen Quantitäten die höheren Schichten der Atmosphäre unserer Sonne und vieler Fix- sternc. Wir dürfen uns ruhig gedulden, bis die Wissenschaft genauere Auskunft auf diese Frage gebe» wird, soweit das überhaupt im Bereich deS Möglichen liegt. Recht wertvoll erscheint schon, daß die Tatsachen der Radioaktivität uns zugleich eine trostreiche Ausficht eröffnen und eine heilsame Lehre erteilt haben: daß wir nämlich noch lange nicht alle Hilfsquellen der Natur kannten I Auf Grund der Wärnietheorie würde sich ein Vorgang, den jeder kennt, das Ueberfließcn der Wärme von wärmeren und kälteren Bezirken� auf da? ganze Weltall erstrecken. Die Temperaturunterschiede zwischen allen Sonnen, den dunklen Weltkörpern»nid dem kalten Himmelsranm würden sich, freilich erst im Laufe endloser Zeit- räunie. ausgleichen. Das wäre da-Z trostlose Ende, den das„Entropie- gesetz" dem All prophezeit, der sogenannte„Wärmetod", der in Wirk« lichkeit eine Kältetod wäre. Alles würde in starrer Ruhe neben- einander liegen— wenn nicht eben die Natur über geheime Schatz- kammern, die Radiumatome, verfiigte, aus denen bei ihrem Zerfall neue Energie und junges Leben entströmen."VV. B. Kleines feuilleton. Literarisches. Josef Hofmiller: Zeitgenossen.(Verlag der„Süd- deutschen Monatshefte", München.) Es ist leider Mode geworden, daß Journalisten ihre in Presse und Zeitschriften verstreuten Aufsätze sammeln und als Buch herausgeben. Sie berufen sich da- bei auf ihren seligen Kollegen Lessing. Ich muß angesicht der hier zum Buch vereinigten, bereits in der vornehmsten bayerischen Revue, den„Süddeutschen Monatsheften", erschienenen Efiays von vornherein eine Feststellung machen. Ihr Verfasser Josef Hofmiller ist von der Gilde der unproduktiven Soldschreiber in weite Distanz zu rücken. Jeitschriftenartikel haben eine kurze Blütezeit und sinken bald wie Laub von den Bäumen. Man schreitet darüber hinweg, denn schon trägt der Blätterwald neue Blüten. Aber Hofmillers Arbeiten erheben sich hoch über den flüchtigen TageSwcrt. Sie vor Ver- gefienheit zu bewahren nnrd zur Wnstlerifchen Forderung. Und Geist verpflichtet! Also war es»mbedingte Pflicht deS Autors, seine feinsinnigen durchdachten Dichtcranalyscn in die Schöpfung emeö Buches umzusetzen. Das Geschrei vom Schöpferischen, besten sich die Romanverfertiger und Dramcnfabrikanten bedienen, wenn e? gilt, ihre Schwachhirnigkeit und festgenagelte Impotenz gegen den Esprit und das Können eines Essayisten zu verteidigen— wie bricht eS sich an diesen in Jdeenfülle strotzenden, künstlerisch gc- bildeten, ans dem höheren und verfeinerten Geschmack eines enzhklopädistischen Kopfes herausaeborenen Aufsätzen, der gleich- zeitig ein logischer Selbstdcnker ist mit geniehasten Erleuchtungen »md deni geschliffenen Stil eines rhythniischen Fühlens. Wird' die VordergrundSstellnng der fingerfertigen Schaffens- Männer nicht glänzend geschlagen durch die Betrachtnngskunst eines Georg Brandes, eines Hofniiller, die in ihren analytischen Unter- suchungen Erschöpfer und Schöpser sind? Geschwätzigkeit macht zumeist den Umfang der handwerksmäßigen Dichtererzengniste aus; Hof« »nillerS kurze Arbeiten haben nicht die rednerffchen Dimensionen, aber den Wesensgchalt, das geisfige Format. Sein prägender, konzen- trierter Stil gibt den Gedanken Gestalt, seinen literarischen Porträts Plastik, Leuchtkraft und Leben. Darum ist er ein Gestalter und als ob D'Alemberts Wort auf ihn gemünzt wäre, ein Anreger, ein Ent- decker und Erwecker. Ein federnder Geist, aber kein Fcdergeist, toie die Kritikusse, denen, den Wienern gleich, die Kritik Selbstzweck wird, feuilletonistisches Feuer- und Blendwerk. Obwohl von kontrollierendem Gcwiffen fällt er auch nicht in die andere Unart, in das Obcrlehrerhafte der akademischen Gründlichkeit, davor bewahrt ihn sein kultivierter Sliel und seine gesiebte Denkart. Daß er nicht das indifferente Philologen- �emüt hat und die Objektivität der Langweiler, daß er ei» Feuergeist »st und die Kraft des MiterlcbenS besitzt, die Bcgeisterungsfähigkeit aber auch den anständigen Haß— wer wollte das verurteilen? Man lese die Kapitel über Hauptmann und man wird inne werden, »vie ein anständiger Hasser die Schleuder führt. Diese losen Blätter offenbaren das Schaffen Hauptmanns treffender als ein Dutzend dickleibiger Monographien mit pedantischer Weitschweifigkeit. Wie viele der heuigen Literarästhctiker vermögen den In- halt dichterischer Werke in der präzisen und dennoch mit eminenter Gcistigkeit zergliedernden Form wiederzugeben, wie Hof- miller? In der Art, wie Hofmiller den Inhalt erzählt, ist schon die ganze Kritik gegeben, das Wesentliche ausgelöst und freigeworden, Pkrantw. Lledakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Perlag: Die Jcine. Analyse über den Dänen Pontopiddan: zugleich ein Abriß-de$ Grvndtvigianismus. Die Skizze über den Schweizer MdmÄii trotz oNtilyrischer Sachlichkeit ein poetisches Gebilde. Und die Abhandlung.über Wilhelm Busch, in der er die Spaßmacher« legende zerstört, wenn der Vergleich»ficht so abgeschmackt wäre, man könnte sagen: die Busch-Seele mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Wtan»miß sich hüten, bei Hosmiller? Bildkunst der Gleichnisse in Gleichnissen zu reden. Indessen ist der»nusikgerränkte Arifsatz über Bartsch nicht ein Harfenlchlagen? Wie weiß der Autor eS klarzu« inachen, daß Wedekinds Knebel sein um daS eigene Ich kreisender Standpunkt ist; gelegentliche BrutaliSmen können der Kultur des sprühenden Stils nichts anhaben, wem» sie so zweckdienlich sind, wie im Kapitel Wedekind. Nur die Seiten über Ibsen wollen sich mir nicht ganz in die Kunstform und Gedankenhöhe der übrigen Auffätze einfügen, Ihr innerer Umfang scheint mirzuklem. Bei Hofmannsthal hätte ich auch einen stärkeren Hinweis auf Goethe gern gesehen. Denn Hofmairnsthal ist kein Goethekopicrer wie viele seiner hohlen Epigonen, er hat Gocthesches Gefühl. Die letzte Abhandlung über Schröder geht wohl nur die artffnschen Genießer»räher an. Schröders Lyrik ist vor der Hand noch eine verrankte und verschüttete Welt. Aber was Hofmiller dabei von der Lyrik im allgemeinen sagt, ist eine Literaturgeschichte in nuoo, J. V. Aus der Vorzeit. Ein neuer st e i n z e i t l i ch e r Mensch. In der französischen Landschaft Dordogne wurde bei dem Orte Ferrassie, der schon durch frühere Ausgrabungen eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, Ende vorigen Jahres von Dr. Capitan der wichtige Fund eines mensch- lichen Skeletts gemacht, der jetzt in der„Nature" näher beschrieben ivird. Es haben sicki an jener Stelle fünf scharf geschiedene Schichten erkennen lassen. deren jede menschliche Geräte»md Tierreste geliefert haben. Zwischen der ersten und zweiten Schicht, von unten an gerechnet, wurde das Skelett entdeckt. Da die darüber liegenden Schichten vollkominen ungestört waren, war ein Zweifel an dem hohen Alter dieser menschlichen Knochen nicht möglich. Zunächst kam ein Oberschenkelknochen und ein Schien- bein zutage. Dann»vnrde mit der größten Vorsicht weiter gegraben, und so konnte ein ganzes Skelett in seiner»irsprllnglichen Lage auf- gedeckt werden. Es lag auf dem Rücken, den Rumpf etwas auf die linke Seite geneigt. Die Beine waren stark gebogen, die Knie nach rechts gedreht.- Der linke Arm war an der Seite ausgestteckt, die Hand lag aus der Hüfte. Der rechte Arm war gebogen, so daß sich seine Hand in der Nähe der Schulter befand. Der Kopf war nach links gewandt, der Mund offen. Ter Fund eines Menschenskeletts von solcher Vollständigkeit und Un- berührtheit gehört zu den allergrößten Seltenheiten. Um ihn zu erhalten, wurden die Knochen zunächst ansS peinlichste mit Staniol überzogen, dann mit Gips umgössen und erst in diesem Zustand fortgeschafft, nachdem selbstver- stündlich zuvor eii»e genaue photographische Aufnahme der ursprllng- lichen Lage gemacht worden war. I» der Uingebung des Skeletts wurde eine große Menge von Knochen und Zähnen von Bison, Rentier, Ziegen und anderen Tieren ausgegraben, die steinzeitliche Menschen zerschlagen hatten, um das Mark als Nahrung zu benutzen. Außer- dem fanden sich Steinspitzen. Schabmeffer, Hämmer und andere Ge- räte. DaS Alter des Skeletts wird auf zwanzigtausend Jahre geschätzt. Medizinisches. Die Einpflanzung von Zähnen. DaS Vollkommenste, Iva? sich für die Zahnheilkunde überhaupt denken läßt, wäre die Mög- lichkeit, einen ausgezogenen Zahn nach geeigneter Behandlung der etwa erkrankten Wurzelhöhle und nach Vornahme der etwa sonst noch notwendigen Reparaturen den» Menschen wieder einpflanzen zu können oder auch einen fremden Zahn zu gleichem Zweck zn benutzen. DaS Streben nach diesem Ziel ist heute mehr als eine Utopie, wenn eS sich auch noch nicht sagen läßt, wie weit die Kunst des Zahnarztes in Zukunft damit kommen»vird. Einige Erfolge dieser Art hat Dr. Reinmöller dem Aerztlichen Verein in Rostock vorgeführt. Dieser Fachmann hat Versuche mit Einpflanzung von Zähnen in etwa 60 Fällen gemacht, darunter sünftnal mit fremden Zähnen. Bei der häufigsten Art des Verfahrens»vird der Zahn gezogen, desinfiziert und in einer Kochsalzlösung bis zum Wieder- gebrauch aufbewahrt. Unterdes muß auch die Wurzelhöhle sorg- sültig desinfiziert und in geeigneter Weise behandelt werden. Dann wird der Zahn wieder eingepflanzt, muß aber mehrere Wochen lang künstlich an seiner Stelle befestigt werden, damit er Zeit hat, seinen natürlichen Halt in der Höhle wiederzugewinnen. Wenigstens in einem Teil der Fälle ist es auf diesem Wege gelungen, einen ausgezogenen Zahn an Ort»md Stelle wieder vollkommen gebrauchsfähig zn machen. Die Behandlung ist sowohl»nit Vorder- wie mit Backzähnen erprobt worden. Die Untersuchung des Gebisses nfit Röntgen- strahlen liefert dabei wichtige Anhaltspunkte für die Möglichkeit und für den Erfolg dieser eigenartigen Behandlung. Auch künstliche Wurzeln aus Porzellan, Elfenbein oder Gold können in die sorg- fältig keimfrei gemachte Zahnhöhle eingepflanzt und dann künsttiche Kronen darauf gesetzt werden. Um der künstlichen Wurzel einen sicheren Halt zu geben, kann sie mit der Füllung der Nachbarzähne verbunden werden. Auch dies Verfahren scheint in letzter Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht zu haben._ � Porwarl« Buchtzruttecei u.PeriagsanjlattPaut Smger&to.,£eilm SW.