Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 45. Freitag> den 4 März. 1910 (Nachdrua verboten.) 45] Im JVamen des Gcfctzeo. Von Hans Hyan. Es wurde Kurt von Solfershausen sehr, sehr schwer, an das Bett heranzugehen, in dessen rote Atlasdecke Ella ihr träilenüberströmtes Gesicht vergrub. Er hatte so gar kein Recht mehr an sie, und ihr großer Schmerz war ihm, der sie ja so gilt kannte, der beste Beweis, wie wenig würdig sie sich seiner fühlte. Die Ungewißheit, wie er sich selbst da benehmen sollte, machte ihn ganz linkisch..., denn da wieder anknüpfen, wo ihr Verkehr am Tage jener fürchterlichen Gerichtsszene mit Mieze Blankenstein aufgehört hatte, das fühlte er— ging nicht. Und wenn seine Zärtlichkeit und Güte forderte, er sollte die Aermste mit„Du" anreden und sie behandeln wie damals, so sprach dagegen ein starkes Empfinden des Los- gelöstseins von dieser Frau, die, mochte auch alles ihr zur Entschuldigung dienen, doch seither ein Geschäft aus ihrer Liebe gemacht und ihren Körper für Geld hingegeben hatte. Die Situation war peinvoll, da sagte die Mutter mit ihrer vom vielen Weinen heiseren Stimme: „Ach. Herr Rechtsanwalt, Sie kommen, als wenn der liebe Gott Sie geschickt hätte.... deswegen war ich ja gerade bei meiner Tochter!... Aber die Ella wollte partuh nich! So gut se auch is, denn davor, daß nu alles so jekomm is, davor kann se ja nichts!... un da sagte ich, weil se mir früher er- zählt hatte von Ihn', se sollte Hingehn, denn sehn Se mal, wir haben doch nu keen Menschen mehr auf de janze Jottes- Welt!... Alle jehn se von uns wech, wie wenn wa de Pest hätten... selbst de Kinder unten uff de Straße!... Ich habe so'n Kleenen, der is erst sechs Jahre, und denn ham wa ooch'ne kleene Pflejetochter... denken se, mit die spielt noch em Kind?... je schreien:„Au, die ihr Bruder det is'n Mörder!" un denn renn' se wech..." Frau Hellwig schluchzte wieder so sehr, daß ihre Worte kaum verständlich waren... Kurt von Solfershausen war, unschlüssig hin- und her- gehend, an die Gramgebeugte herangetreten und hatte, seine eigene Bewegung mühsam niederzwingend, ihr die Hand auf die magere Schulter gelegt. ..... un ich kann es nich jlaubenl", schrie die Frau auf. „er kann des nich jetan haben... ich kenn' doch von kleen uff j Un nie nich hat er was Böses jemacht!... Er war ja ojte trotzig un hat nich jehert, aber mein Mann... sehn se mein Mann, des is sone Beamtennatur l Der kann sich da nich reinfinden, des die Kinder jrößer wern und nich mehr so parieren wollen wie die janz kleenen... davon is ja bis mit unse arme Ella auch jekomm!..." Sie sahen beide zu der auf dem Bett Liegenden hin, deren Brust und Schultern heftiger zuckten, als sie ihren Namen nennen hörte... Kurt machte der Frau ein Zeichen und die begriff ihn... »Ja ja." sie schluckte und suchte ihren Faden mühsam wieder anzuknüpfen. „Für'ne Mutter is es schlimm... sehr schlimm..." Sie weinte und Kurt verstand nicht, was sie weiter sagte. Er näherte sich wieder dem Bett und flüsterte:„Ella!..." Ihn rührte es so sehr, daß sie selbst in dieser tiefen, in der bittersten Verlassenheit und Not, wo er vielleicht der ein- zige und nächste war, ihr und ihrer Familie zu helfen— daß sie selbst da zu schamhaft und zu scheu war, ihn wieder auf- zusuchen... „Ella!..." Sie wandte ihm ihr rotverweintes, von Schmerzen entstelltes Gesicht zu. Er erschrak: war die kurze Zeit des Lasters wirklich so deutlich zu lesen auf diesem Antlitz, das ihm noch vor so kurzer Zeit das Liebste und Schönste gewesen war? Sie aber hatte seine Bewegung bemerkt. Sie richtete sich auf und sah ihn mit einem unter den Tränen doppelt bitterem Lächeln an. als wollte sie sagen:„Sieh, das haben sie aus mir gemacht!" Und in überströmendem Mitleid trat er heran, nahm ihre Hände und zog sie empor... Mit gesenktem Kopf und weggewandtem Gesicht stand sie vor ihm und murmelte Worte, die er nicht verstand... Die Frau in seinem Rücken, der die Nachricht von dem blutigen Verdacht, unter dem ihr Sohn stand, in einer Nacht das Haupt mit Schnee bestreut hatte, erhob sich. „Ich jehe jetzt...", sagte sie, wie um Entschuldigung bittend, daß sie die beiden, die sich so traurig und verändert wiederfanden, störte...„ich muß wech... mein Mann.. und sie schluchzte wieder,„mein Mann hat'n Schlaganfalk jehabt..." „Um Gotteswillen, das ist ja entsetzlich!" Kurt hatte Ellas Hände losgelassen und griff in die Brusttasche. Aber das Mädchen trat zwischen ihn und die Mutter. „Nein, das will ich nich!... Ich habe ihr schon jejeben, nicht wahr, Mutter... un jebe Dir auch wieder!... nu jeh man, Mutter... jeh man!... un jrüß die Kinder!'s wird schon alles noch gut werden!... wenn.. sie sah Kurt an, „wenn Herr Rechtsanwalt..." Er machte eine unwillige Bewegung, aber sie fuhr köpf- nickend fort:„Wenn Herr von Solfershausen uns hilft... denn wird Jeorch jewiß nich..." „Nein, nein." schrie die Mutter auf. Und sich vor Kurt auf die Knie werfend, sagte sie mit einer eigentümlich lauten, gellenden, überhasteten Stimme, der das Ohr kaum zu folgen vermochte: „Bloß das nich, Herr Rechtsanwalt! Alles, bloß das nich! Er war ja doch so jut! Sie jlauben janich! Un unsere beiden Kleenen, die ham sich reenewech umjebracht nach ihn!... Un fragen jeden Tag!... Un mein Mann... un ich!... ach, Herr Rechtsanwalt, bloß das eine nich! Um Jottes Barmherzigkeit willen! Bloß das nich!..." Kurt, der Mühe hatte, seine Tränen zurückzuhalten, hob die Frau auf und versuchte, ihr Trost zusprechend, sie wieder zum Sessel hinzuführen... Aber sie wollte nicht bleiben... Sie könnte nicht... die Kinder hätten noch kein Mittag und ihr Mann läge ganz hilflos in der Wohnung...„Es is de rechte Seite, Herr Rechtsanwalt... un wird ja auch woll wieder werden... wenn bloß das... das mit Jeorch... ach, Sie jlauben ja janich!... Wenn er ooch oft so jeredet hat, er war ja doch so stolz uff'n!... Mein Gott!... mein Gott!..." Sie schien ganz wirr im Kopfe, ging schnell auf ihre Tochter zu und schloß sie in die Arme. So weinten die beiden Frauen dann noch eine Weile, dann machte sich die Mutter los und ging. Kurt von Solfershausen begleitete sie zur Tür hinaus auf den Korridor. Er hatte das Gefühl, die Wirtin würde aus irgendeinem Grunde der Frau auflauern und hatte sich auch nicht getäuscht. Draußen steckte er Ellas Mutter, nachdem das Weib im blauen Schlafrock sich bei seinem Anblick zurückgezogen hatte, trotz ihres Widerstrcbens einen Hundertmarkschein in die Hand. „Für die Kinder!" sagte er leise, dann schob er die ihn mit feuchten Augen anblickende Frau zur Tür hinaus. Ella saß, als er wieder ins Zimmer trat, auf der Kante des Sessels und hatte den blonden Kopf zwischen die auf der rotsamtenen Tischdecke verschränkten Arme gelegt. Kurt streichelte leise ihr Haar... er hätte sie küssen wollen, aber fein Gefühl sträubte sich zu heftig dagegen. Sie schaute ihn an, mit demselben trostlosen Blick wie vorhin, und sagte mit tränenumflorter Stimme: „Ich kann Sie gar nich ansehen!... Wenn ich so dran denke, wie früher alles war, denn... ach!... mit einem wilden Aufschluchzen,„es ist zu schrecklich!..." „Aber es handelt sich jetzt nur um Ihren Bruder!", sagte er leise mit ernster Stimme... „Ja, ja, aber ich bin doch noch so jung... und nu... nu is alles vorbei!..." „Nein, Ella, keineswegs!... Ihr Leben ist noch lang... Sie können und werden es ncch mal anfangen! Und ich helfe Ihnen dabei!..." Da griff sie nach seinen schönen, schlanken Händen und preßte sie an ihre fiebernden Lippen, daß es Kurt schmerzlich durchfuhr... „Nicht doch!", flüsterte er.„nicht doch!" und streichelte, sich freimachend, ihre erhitzten Wangen...„Wir dürfen jetzt noch nicht an uns denken!... Erzählen Sie mir. bitte. alles, was Sie von der Sache Ihres Bruders wissen!.." „Ich?", sagte Ella und starrte Kurt ratlos an,„ja, ich bin ja auch erst gestern wieder rausgekommen... sie haben mich ja auch verhaftet!.. „Das weist ich, das heistt, ich hatte es in der Zeitung ge- lesen!", verbesserte er sich,„und das liest mich heute, wo ich zurückkam von meinar Reise, natürlich sofort zu Ihnen kommen." «ie haschte wieder nach seiner Hand, die er ihr lassen mußte. „Ja, und über die Sache selbst wissen Sie gar nichts, liebe Ella?" „Nein, bloß was in de Zeitungen steht..." „Das ist meistens sehr unzutreffend, in solchen Dingen wenigstens... die Zeitungen werden von den Kriminal- kommissaren informiert, und die stellen natürlich die Sache so dar, wie sie ihnen zu sein scheint, oder wie sie sie gerne haben möchten.. «Denn is es also am Ende gar nich so schlimm mit Jeorch?" Kurt wiegte leise seinen dunkcllockigen Kopf, nur zögernd sagte er: „Ich weist nicht... aber an der Tatsache des Ver- brechens"— er drückte sich absichtlich um das schlimme Wort herum—„daran scheint wohl kaum noch ein Zweifel zu sein... Uebrigens ist er doch hier im Hause verhaftet worden! Das müßten Sie doch wissen!..." Jedesmal machte es ihm Pein, sie anzureden. Das„Sie" erschien ihm wie eine ungerechte Kränkung für die einst Ge- liebte und zum„Tu" konnte er sein Fühlen nicht zwingen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) i] Der'Totengräber. Von Josef Ruederer. Darüber wollte sich der Fried! halb zu Tode lachen. Eilig packte er seine Schaufel, und nun warf er eine Schicht auf den Brüllenden hinab, der er schnell eine zweite, dritte und vierte folgen liest. „Kannst drunt bleiben," schrie er.„I pack Di gleich noch dazu!" Dem in der Grube verging Hören und Sehen. Wo er hin- fahte, gab das brüchige Erdreich nach, und die herabsausendcn Steine schlugen ihm Schädel und Hände blutig. Er Mutzte nicht mehr, was er anfangen sollte. In seiner Verzweiflung begann er alle Heiligen anzurufen und ein Vaterunser zu stottern. Und dieses letzte Mittel versagte nicht. Auf einmal hörte der Stein- Hagel auf, und der Totengräber verschwand von dem Rande der Grube. Diesen Augenblick benutzte der Michl, sich mit äusterster Kraft in die Höhe zu arbeiten. Endlich gelang es, er kam wieder an die Oberfläche und richtete sich mit schlotternden Knien auf. Da bemerkte er etwas Seltsames. Der Totengräber hatte ihm den Rücken gewandt und sah die Gräber hinab. Dort kam etwas näher mit schwerfälliger Bewegung und grunzenden Lauten. Erst konnte man nicht unterscheiden, ob es ein Tier oder ein Mensch war, aber nun tappte es hervor hinter den Kreuzen und schlich zum Grab des Mödlinger. Ein alter, verkrüppelter Mann war es mit blöden, entzündeten Triefaugen, runzligen Backen und zusammen- gefallenem Munde. Ihn führte ein hochgeschossener Knabe von zehn Jahren, der mit ängstlichen Augen bald auf den Totengräber, bald auf den Alten blickte. Michl schlich auf die Seite und lugte hinter einem Grabstein hervor, der Totengräber beachtete ihn nicht mehr, sondern sah mit zusammengezogenen Brauen auf den Greis herab, der jetzt tau- melnd einhielt und ein stumpfsinniges Lachen hervorstietz. „Hast wieder ein'n?" fragte der Fried! kurz. Wie schwer verhaltener Groll lag es in seinen Worten. Der Alte stierte ihn an und kicherte leise: „Freili,'s hat ja heut nix kost. Der alte Mödlinger hat's zahlt." „So? Und Du schämst Di net, dast Du Dir auf Kosten von der Sippschaft an Rausch antrinkst?" «Na— a— a," gröhlte der Gefragte,«i schäm mi net, i trink wo— wo i's herkricg, i trink'n ganzen Tag." „Bis's Di amal umhaut," rief der Totengräber heftig. Da ritz der Alte seine entzündeten Augen auf, so weit er konnte, und sah zu seinem Sohn gar spöttisch empor. Sein ganzer Rausch schien verschwunden, und die lallende Stimme bekani eine merkwürdige Festigkeit, als er jetzt den zahnlückigen Mund öffnete: „Na, mi haut's net um," sagte er,„mi net, g'wist net. Da brauchst kei' Angst net haben. Schau nur. dast's Di selber net um- haut, mei Lieber.— Mi packt's net, i überleb Enk alle!" Das war herausgekommen wie eine Prophezeiung, so klar und pcher. In dem Totengräber arbeitete eS mächtig. „Führ ihn weg." fuhr er seinen Buben an.„Er hat mx z' suchen da herausteu." Der Kleine fastte den Großvater beim Arme und setzte ihn langsam in Bewegung. Hustend und grunzend torkelte der Alte drei Schritte weiter, dann schien er sich auf etwas zu besinnen. Er blieb wieder stehen, drehte sich um und sah höhnisch zu seinem Sohn zurück. „Mi gräbst net ein," lallte er.„Des sag i Dir, mi net. Eher grab i Di selber ein, Di und's ganze Dorf, alle miteinander� W'e's da seid's!" Da legte sich Andredl ins Mittel. Fester packte er den Alten der Hand und sagte bittend und kläglich: „Na, net eingraben, Großvater, uns net eingraben." Wie ein bezähmtes, wildes Tier wandte sich der Alte zu dem Kinde. Mit täppischer Zärtlichkeit klopfte er seine Wange, während gurgelnde Laute aus seiner Brust kamen. „Raa, naa," gröhlte er,„gut sein. Andredl, gut sein. Dir tu i nix. Dir net. Dir net, mei Buberl." lind während er den Jungen liebkosend an sich drückte, enk-, fernte er sich und wankte dem Hause zu. Eine Weile hörte man ihn noch brummen, dann sank der Friedhof in seine Ruhe zurück. Der Totengräber blickte den beiden nach, bis sie hinter den Grabsteinen verschwunden waren. In seinem Blick iag etwas von tötlichem Hast und mastloser Wut. „Mutzt net so bös drcinschaun," tönte es plötzlich. War dieser Lump noch immer da? Fried! fuhr beim Klang von Michls Stimme heftig zusammen. „Pack Dich zum Teufel." schrie er ihm hinüber. Der hielt sich in vorsichtiger Entfernung und sagte spöttisch: „Geh schon," rief er.«Freut mi bloß, weil i des no verlebt Hab." Der Totengräber hob einen Stein vom Boden und warf ihn zu dem Lästermaul hinüber. Der Bursche aber bückte sich und sprang eilig von bannen. „Weist scho, wie gut Du'S meinst," rief er zurück,„aber unter- steh Di, und halt mir noch amal a Predigt, wie man sein Vater auf Erden behandeln soll. Du schlechter Kerl, der den seinigcn selbst ins Grab wünscht." Fried! bebte am ganzen Körper. Er fastte mit beiden Armen in die Luft, als wollte er etwas greifen, was gar nicht da war. Dann rannte er wie besessen um das Grab herum, und als er jetzt die breiten Fußspuren seines Vaters gewahrte, da packte er seine Schaufel und stürzte sich mit einer sinnlosen Wut auf das lockere Erdreich. Da hatte er gestanden, der Alte. Fort, fort damit! Weit im Bogen sandte er alles dem Mödlinger ins Grab nach, als fürchtete er, der da unten könnte wieder heraufkommen. Und als der letzte Stein hinabgeworfen war, sprang er in weitem Satze auf die Erdmassen und stampfte sie ächzend zu- sammen, bei jedem Tritte immer weiter ausholend, wie der Riesen- Hammer, der im nächsten Augenblick auf das funkensprühende Eisen herniedersaust. „Geh'raus, wenn d' kannst." murmelte er grimmig.„Geh 'raus!" Der unten regte sich nicht mehr. So war's recht, so muhte es kommen, so gehörte sich's. Mit höhnischem Gesichte sah Friedl auf das glattgestrichene Erdreich herab und trocknete sich den Schweiß. Ihm war es, als hätte er ein gutes Werk vollbracht, mit dem er zufrieden sein konnte. Aber plötzlich kam er sich wie genarrt vor. Was war denn dort an dem schmalen Steig? Dort fingen die Fußspuren ja wieder an, als wäre der, den er eben bestattet hatte, unter dem Grabe hervorgekrochcn und hätte aufs neue die Wanderung fort- gesetzt auf der frühlingsdunstigen Erde. Nicht allein war er ge- gangen. Hart an seine Ferse hatte sich Andredls nackter Fuß gesetzt, wie die Spur eines getreuen Hundes, der den Herrn nicht verlaßt. Ein bitteres Lachen entrang sich Friedls Brust. Er stürzte auf den Weg, und mit blinder Zerstörungswut stampfte er das letzte hinweg, was von den beiden noch sichtbar war. So trat er Schritt für Schritt die Wanderung nach Hause an. Er wutzte es ja, dast er nur die Türe zu öffnen brauchte, um Großvater und Enkel beisammen zu finden, dort, wo sie immer fasten, im Stalle draußen, einträchtig. Arm in Arm. Und der Junge hörte mit offenem Munde, was ibm der Alte vorschwätzte. blödfinniges Zeug, Heiligenlegenden, und zur rechten Zeit eine gepfefferte Bosheit gegen seinen Vater. Das zeigte das scheue Benehmen des Kindes und nicht minder das triumphierende Gesicht des Alten, der sich in dem Buben ein Weiterleben sichern wollte, seitdem man ihn ins Austragsstübchen gesetzt hatte. ..Jetz' leb i erst recht lang," hatte er damals gesagt.«Erst recht lang." Und am selben Abend gab er den Kühen zu fressen, dast zwei davon krepierten, und trank sich im Wirtshaus einen Rausch an. der ihn fast das Leben gekostet hätte. In der Dunkelheit war er nämlich in den Gictzbach geraten, der das Dorf in zwei Hälften teilte, und hätte ihn nicht zufällig ein Bauer bemerkt, er wäre elendiglich umgekommen. DaS hatte sich ihm gut eingeprägt, weil er leben wollte um jeden Preis, schon aus Trotz gegen seine Fa- milie, und so traf er seine Maßregeln. Den Trunk stellte er zwar nicht ein, den mußte ja sein Sohn bezahlen, wohl aber ließ er sich immer vom Wirtshaus nach Hause führen, und als Andredl heranwuchs, durfte er dieses Amt übernehmen. So sah man denn in der Dämmerung dieses seltsame Paar durch die Straßen ziehen, den betrunkenen alten Mann mit dem blassen Kinde, das verlegen zu Boden blickte. Erst schimpfte das Dorf, dann gewöhnte es fich daran, und schließlich machte es fich lustig. Bekam doch der heim- tückische Totengräber etwas ab, das freute jeden. Friedl, dem sparsamen, nüchternen Mann, war dieser Lebenswandel seines Vaters auch durchaus nicht gleichgültig. Anfangs versuchte er sich dagegen aufzulehnen, indem er kein Geld mehr herausrückte, aber er gab bald nach, als der Alte hierauf ganz boshaft wurde und in seiner Wut abermals eine Kuh zu Tode fütterte. Nun trieb der Großvater, was er mochte. Der erste auf im Hause, der letzte im Bette, befand er sich auf einer steten Wände- rung zwischen Kirche, Wirtshaus und Stall. Eins aber mied er ängstlich: die Eckstube, wo der Herr Meier stand, denn er sah in ihm den leibhaftigen Tod, wie die anderen Dörfler. Ging es gar nicht mehr mit ihm, dann rief man den Herrn Meier zu Hilfe oder den Andredl. Das waren die einzigen, die das alte Tier noch ein bißchen im Zaum halten konnten. Sobald er den Jungen erblickte, verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, und wenn der Kleine in der Kneipe erschien, um ihn zu holen, mußte er erst auf seinen Schoß klettern. Dort bekam er dann ein Glas Schnaps hinuntergegossen, ob er wollte oder nicht. Auch der Wirt mußte ihn bewundern. „Da schau her, Godinger," lallte er und lachte, daß er den Auswurf bekam.„Da schau ihn an. den Hallodri, den patscheten. Gelt, der g'fallt Dir?" lgortsetzung folgt.)] Die deutlche Sprache» Bon Dr. R. Franz. II. Wir verlassen die älteste Epoche, die der Nomaden» und Jägerwirtschaft, und kommen zu der des Ackerbaues, der die erste Stufe deS seßhaflen Lebens darstellt. Das Wort Acker hatte einst nur die Bedeutung von Trist, das auf treiben zurückgeht, wie das lateinische»gor(Ader) auf agere. Jetzt wird Acker der bebame Boden genannt, auf dem neben Hafer, Hirse und Weizen td. h. weitzmehligem Getreide) vor allem Roggen gebaut wird. Das Wort„Arbeit" bezeichnet zeitweilig geradezu die Feldbestellung. Der„Morgen" ist das Stück Land, das man an einem Morgen pflügen kann. Der Haufen(—Schock) und das Häuflein(—Mandel) wurden allmählich Maße stir allerlei Gegenstände. Gemahlen wurde auf der Handmühle, die althochdeutsch guirs heißt(vergleiche Kirn- bach, Ouerfurt und andere Ortsnamen). Erst von den Römern übernahm man die Wassermühle(althochdeutsch mulln, lateinisch molina), die zuerst an der Mosel auftauchte. Zur Ansiedelung wählte man natürlich einen Platz beim Wasser. Alle Ortsnainen auf-ach,-au,-a,-äff,-eff,«ep gehen zurück auf gotiiches ahwa, lateinisches aqua, althochdeutsches ouwa usw., das Fluß oder Wasser bezeichnet. Zunächst wohnte man viel- fach unterirdisch. Das Wort Dung, althochdeutsch tuoo, bezeichnet eine tiefliegende, mit Dünger bedeckte Winterwohnung und wird noch heute in Augsburg, Nürnberg usw. für eine kellerartige Weber- Werkstatt gebraucht. Später schritt man zu einfachen Holzhäusern fort. Die ausschließliche Benutzung hölzernen Materials spiegeln zahlreiche echt deutsche Ausdrücke und Benennungen wieder, wie Dach und Fach, Stockwerk, Zimmern, Zimmer, in leinen vier Pfählen, Balken, Brett; wie denn alle elementaren Bestandteile und Möbel deutsche Namen tragen: Wand, Säule, Tür, Diele, Schwelle, Bank, Swbl, Bett. Aber allmählich drang der Einfluß deS Handels und Verkehrs mit den römischen Kaufleuten und Soldaten immer tiefer inS Land und damit in die Sprache ein. Das Holzhaus wich dem Steingebäude, das Lustloch(gotisch: augadaurö— Augentor) verschwand aus der Wand und aus der Sprache; eS wich dem steinummauerten Fenster (lateinisch: konostra), und fo kamen Dutzende von neuen Bestand- teilen und Gegenständen samt ihren den. Lateinischen entlehnten Benennungen zu uns: Kammer, Söller, Keller, Pfeiler, Pforte, Speicher, Kerker, Ziegel, Estrich, Schindel, wie Straßen, Plätze, Weiler, Schleusen und Tische, Tafeln. Spiegel, Schüsseln, Pfannen, Trichter oder Socke, Sohle, Schürze usw. Der Waren- ouStausch schuf ferner kaufmännische Fachausdrücke(kaufen, eichen, Meile. Markt. Münze, Pfund, Kosten, Zoll, Zins, Sack, Korb. Kiste, Schrein) oder vielmehr, er brachte sie aus dem Lateinischen, wie ein Vergleich auch den Laien er- kennen läßt(oauponari, asquars, milia, mercatus, moneta, pondo, eoastare, telonium. census, eaccus, corbis, cista, scrinium). Deutsche Gänse wurde» viel nach Rom verhandelt, die Deutschen tauschten die Wörter Flaum, Kiffen und Pfühl dafür ein. Auch lernte man römische Kochkunst, man lernte überhaupt erst kochen (ooquers) und speisen(eipensa), während man vorher nur zu sieden und zu effen verstand. Aber der römische Einfluß brachte auch andere und weniger materielle Neuerungeit. Heilkunst und Schreibkunst(Fieber, Arzt, Büchse, Plaster, Brief. Tinte. Siegel, schreiben find Wörter lateinl» schen Ursprungs), sowie Ausdrücke aus einem organischen Staats» wesen(sicher, Kaiser. Pacht) wurden entlehnt. Und die größte Bedeutung gewann auch in sprachlicher Hinficht die Ausbreitung des Christentums. Wenn wir in jener Zeil, die der feudalen vorausgeht, von einer herrschenden Klasse reden können, so ist es die Geistlichkeit. Ihre Macht nimmt in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahr- tausendS unserer Zeitrechnung und in den ersten deS zweiten Jahr» tausends beständig zu, und diese Macht konnte sich ans keinem Ge» biete stärker äußern als auf dem der Sprache. Denn sprach- und vor allem schreibkundig waren fast nur die Mönche. Da aber ihre Sprache schlechlhin das Lateinische war, so ist die Herrschaft dieser Klaffe in sprachlicher Hinsicht gleichbedeutend mit einer Ueber- flutung des Deutschen durch lateinische Lehnwörter. Die Kirch« vollendete im Laufe des ersten Jahrtausends, waS die Kaufleute und Soldaten in seinem Anfang begonnen hatten: die Latcinisierung eines großen Teiles des deutschen Sprachschatzes. Bei der Ueber-- tragung solcher Begriffe aus dem Lateinischen, die dem Deutschen bisher fehlten, handelte es sich natürlich vor» wiegend um kirchliche und eigentümlich christliche, für die sich im besten Falle hier und da durch wörtliche Ucbersetzung der lateinischen Bestandteile ein deutsches Wort bilden ließ. So geslbah es bei den Begriffen Gewissen(consclsmia), Gevatter (compater), barmherzig(allhochdeutsch armhärzi, lateinisch misericora) usw. Aber eine große Fülle von Ausdrücken mußte deni Lateinischen entnommen werden, weil man im Deutschen keine Wörter fand, aus denen man Gleichwertiges hätte bilden können. So entlehnte man Pein, Plage, Marter, verdammen, opfern, predigen, Segen, Vesper» teier, Meffe, Kreuz, Orgel. Mönch, Abt, Priester, Propst, Münster, loster, Klause, Tenipel, Kanzel, Altar. Auf dem Gipfel ihrer Herrschaft kommandierte die Geistlichkeit das Rittertum in die Kreuzzüge. Da gingen den Rittern in fernen Ländern die Augen auf, und sie brachten von den Reisen ins Morgenland Anregung und Stoffe mit, die fio alsbald zu verarbeiten begannen, zumal als die Heldcnepik Frank» reichs besonders auf dem Wege über die Niederlande nach Deutsch« land gelangte. Wenn so ein angehender Dichter nicht schreiben konnte0 gelangte jetzt die weltliche, die ritterliche Poefie zur Blüte, die durch Dichter wie jenen Wolfram und Walter von der Logcllveid«, durch das Gudrun- und das Nibelungenlied bezeichnet wird. Ohno daß man bestimmt sagen könnte, die aus so verschiedenen Land» schaften(Franken, Schwaben, Bayern usw.) stammenden mittelhoch» deutschen Dichter hätten sich zu einer einheitlichen Schriftsprache durch» gerungen, darf man doch vielfache Beeinflussungen unter den einzelnen und insbesondere die Tendenz, Mundartliches einzuschränken, für festgestellt erachten. Wieder muffen wir von den tieferen Ursachen absehen, die zu den lautlichen Versicherungen der Sprache geführt haben. Die Wiffen- schaft hat wohl, wie schon ausgeführt, systematisch die Uebcrgänge ans dem Althochdeutschen(etwa bis 1100 dauernd) ins Rittelhoch- deutsche(etwa bis 1450) festgestellt, aber allgemeine und zwingende Gründe hat sie stir die großen Umwälzungen nicht herausgefunden. Doch lehren uns die genannten Jahreszahlen in Verbindung mit dem oben über die Klaffenbewegungen Ausgeführten, daß auch hier die Methode de§ historischen Materialismus eine Lücke wird aus» znfüllen haben. Und klar sehe» wir wieder die Wirkung der zur Herrschaft gelangten Klasse auf Sprachschatz und Sprachsorm. Hatten die Geistlichen als Handlanger lateinischen Einflusses auf die Sprache gewirkt, so vermittelte das Rittertum mit französl- schen Sitten und Gebräuchen auch französische Wörter und Worlbilder in großer Zahl. Hatten die Neuschöpfnngen und Eni- lehmmgen der Mönche das religiöse und überhaupt das geistige Ge- biet des Sprachschatzes bereichert, so lieferten die ritterlichen Dichter Beiträge zur kriegerischen, höfischen, gesellschaftlichen Terminologie. Die Fülle der neuen Busdrücke ermißt man etwa an den jruZ dem Turnierleben übernommenen Wendungen, wie: in die schranken treten, die Spitze bieten, den Fehdehandschuh hinwerfen, eine Lanze brechen, aus dem Sattel heben, ausstechen, im Stich(liegen) lassen, in allen Sätteln gerecht(gerichtet) sein, Stich(Stand) halten, die Stange halten, sich erholen(d. h. sich nach dem Falle wieder aufraffen) usw. Der Einfluß fr nizösischer Vorbilder offen« bart sich auch in zahlreichen Lehnwörtern aus dem Ge» biete des Waffendienstes, wie Lanze. Harnisch, Koller, Aben« teuer. Banner, Sold, Rotte, und auf dem der Geselligkeit, wie Flöte. Schalmei, Posaune, AS, Taus, Tanz, Hirschen, Koppel, Turnier. Plan, Preis, hurtig, fehlen. Charakteristisch für die Ver- feincrung der Lebensweise, daß das älteste dieser Lehnwörter„fein" französisch flu) ist. Es versteht sich, daß es bei der Entlehnung neuer Ausdrücke nicht sein Bewenden harte. Vielmehr beobachten wir bei der jeweils herrschenden Klasse, soweit sie sich unter ausländischeni�Einslutz be» indet, auch eine A u s l ä n d e r e i der Sprache, ein Schivelgen in Fremdwörtern. Selbst ein Wolfram von Eschenbach und ein Gott» rieb von Straßburg huldigen dieser Sitte, die schon 1250 der Tannhäuser verspottete:„Ein riv> ors(Fluß) ich dü gesach(sah), durch ein kö rss(Wald) gieng ein dach zetal(zu Tal) über ein »laniul'o(Ebene)/ Stand da-Z Althochdeutsche unter geistlichem Einfluß, das Mittelhochdeutsche unter ritterlichem, so bereitet das erste Erwachen des Bürgertums im Ausblühen der Städte die Emwickelnng des Neuhochdeutschen bor. Auf die religiöse und ritterliche Lite« ratur folgte die bürgerliche, auf die fromme und heroische die lehr- hafte, nüchterne. Wie das Althochdeutsche mit seinem lautlichen Wohlklang schon im Mittelbochdeulschen einen farbloseren Nachfolger gefunden hatte, so folgte diesem jetzt(immer ist die Beziehung zum Lebens- und Literaturinhalt der jeweiligen Epoche erkennbar) das lonsonantenreiche, immer spröder und rauher werdende Neuhoch« deutsch. Die Zentralisierung der Dialekte wurde, soweit sie etwa Vorhanden war, aufs neue durch wunderliche Einflüsse durchbrochen, die Bedürfnisse des praktischen Lebens der neu erstehenden Klasse schufen eine umfangreiche Prosaliteratur in Urkunden, Rechts- hüchern usw. Die Erfindung des Buchdrucks und die Aus- breitung deS Verkehrs bewirkten eine gewaltige Demokratisierung der Kunst des LesenS und Schreibens. Aber wie ein Kind, nachdem es fließend lesen gelernt hat. meist in wahlloser Lesewut Aber alles Gedruckte herfällt, so verschlang auch das Bürgertum in seiner Kinderzeit die vorhandene Literatur, reizte damit zu immer neuer Produktion an und führte eine grenzenlose Oberflächlichkeit und Inhaltslosigkeit der Geistesbildung herbei. Freilich setzte seit dem Ende des 14. Jahrhunderts die Renaiflance des Altertums ein und brachte die Kenntnis großer Literaturerzeuguisse. Aber die Gelehrten schlössen sich in die lateinische Welt ein und von der Gegenwart ab. Sie schoben die deutsche Sprache verächtlich beiseite, und wo sie sich mit ihr befaßten, da geschah es, um, zum zweiten- mal, dem Deutschen ungezählte lateinische Reiser aufzupfropfen. Ein gewisser Sim. Rothe konnte 1572 ein Verzeichnis von etwa 2000 lateinischen Wörtern der deutschen Sprache ausstellen. Das römische Recht brachte außer solchen Wörtern, die dem Fachmann vorbehalten blieben, auch Ausdrücke wie Familie, Prozeß, Klient, Adoption, Magistrat, Majorität, legal, Advokat usw.. die wir gar nicht mehr entbehren können. Aebnlich ging es auf anderen Gebieten der Wifienschafi: Katarrh, Reformation. Kommissar, Exzellenz, nicht zu vergesse» die von Karl V. eingeführte Majestät....(Dieser Kaiser erklärte bekanntlich, die deutscke Sprache sei nur gut für Pferde und Knechte!s ferner Regent, Monarch, grammatische Bezeichnungen, Aula, Katheder, Podium, Autor, Kommentar, Disziplin, Autorität, Zensur, Karzer, Examen, Prädikat usw.— alles das sind nur die gebräuchlichsten der übrig gebliebenen Fremdwörter jener Zeit, ganz zu schweigen von der Fülle der später wieder aufgegebenen. Man ging so weit, die deutschen Namen zu übersetzen und schuf so unter anderem Faber(Schmied), Sartor(Schneider). Molitor(Müller). Als Vorname» wählte man gleichfalls fremde statt der heimischen. Während das Verhältnis der deutschen zu den fremden Vornamen im 13. Jahrhundert noch wie 4 zu 1 war, ist eS im 16. Jahrhundert auf 1 zu 3 gefallen, d. h. die Häufigkeit der deutschen Namen sank auf ein Zwölftel herab. Dem entspricht die Tatsache, daß z. B. im Jahre 1570 etwa 70 Proz. aller Druckschriften lateinisch abgefaßt wurden, und noch 1730 waren es 30 Proz. und erst am Ende des 18. Jahrhunderts nur mehr 5 Proz. Zum Glück aber waren es eben nur die Gelehrten, die solcher- S estalt das Deutsche lateinisiertcn. In der gelehrten Literatur, die Vilich die größte überhaupt war, staute sich die Ausländerei ab. Im übrigen jedoch war das Lateinische schon seit dem 13. Jahr« hundert zurückgedrängt worden. Das Bürgertum brauchte eine Kolkssprache, die der Ausbreitung von Handel und Verkehr dienlich fein konnte. Zweierlei Hindernisse standen einer solchen Gemein- spräche im Wege. Das eine, die lateinische Sprache, war mehr äußerer Art und durch Vermeidung zu bekämpfen. Das andere aber tvaren die Dialekte, die Mundarten. Eine von ihnen oder ein Produkt au» ihnen mußte zur allgemeinen Verkehrssprache werden. kleines feuiUeton. Korallenindnstrie. Seit den ältesten Zeiten hat man die Korallen zu schätzen gewußt. Die Tiergruppe der Korallen hat eine gewalttge Verbreitung in den Meeren früherer Epochen der Erdgeschichte ge« habt und verfügt noch jetzt über eine große Zahl von Vertretern in den Räumen des WellmeereS. Von diesen vielen Korallenarten sind nur wenige von praktischer Bedeutung für den Menschen. Am meisten trifft dies selbstverständlich für diejenigen unter diesen Tieren zu, die durch Zusammenrottung in ungeheuerer Zahl ganze Inseln im Ozean aufzubauen vermögen. In anderem Sinne wertvoll »st die Edelkoralle, die schon den alten Römern wohlbekannt war und als ein Lieblingsstoff für Schmuckstücke galt. Der Hauptbegehr nach Korallen lag aber in anderen Ländern, ganz besonders in Indien, wohin zu Beginn unserer Zeitrechnung so große Mengen eingeführt wurden, daß selbst in den Gebieten, an deren Küsten die Edelkorallen gewonnen wurden, diese selten waren und nur zu hohen Preisen gekauft werden konnten. Heute werden besonders viele Korallen im Mittelländischen Meer gefischt. Ueber den Ertrag dieses Gewerbes hat Professor Mackintosh im„Zoologist' einen lehr- reichen Aufsatz veröffentlicht. Die Haupttnärkte für Edelkorallen sind danach Messina, Neapel, Genua, Livorno nnd Mar« tverantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: seille. Die Korallen von der algerischen Küste gehen bor- zugsweise nach Pisa und Trapani. Die Menge von Korallen. die durchschnittlich in jedem Jahr nach Italien zum Verkauf gebracht wird, beläuft sich auf ungefähr 160 Tonnen, und die daraus verfertigten Gegenstände haben einen Wert von etwa 10 Millionen Mark. Der Gesamtwert der jährlich gewonnenen Korallen in rohem Zustand wird jedoch auf 40 Millionen geschätzt und die aus diesem Gesamtertrag hergestellten Waren werden sogar auf die außerordentlich hohe Summe von 200 Millionen Mark be« wertet. Als feinste Qualität gilt bekanntlich ein zartes Rosa oder eine Fleischfarbe, die ganz gleichmäßig über große Stücke verteilt sein muß. Im Orient sind übrigens sogar Korallen verkäuflich, die von Würmern angefressen sind, weil manche Eingeborrene glauben, daß in diesen Hohlräumen Götter wohnen. Völkerkunde. Soziologisches aus dem westlichen Sudan. Nach einem Bericht des Forschungsreisenden Leo Frobenius ist die auffallendste Erscheinung, die er im Kulturkrcife deS Mandeplateaus vorfand, das Kastenwesen. Es erscheint für jeden, der sich ein- gehender mit den heutigen afrikanischen Kulturen beschäftigt hat, durchaus uuafrikanisch; es ist dabei so ausgesprochen und so streng durchgeführt, daß ihm ei» sehr hohes Alter zngefprochen werden muß. Die Fulbe, Mande und Wollof sind die Völker, die die Ein« richttmg am klarsten bewahrt haben. Man unterscheidet hier: I.Die Horro oder Ritter; es sind die Adligen und die herrschende Rasse. 2. Die Ulusu oder Hörigen; es sind unterworfene Stämme, ein Bauern- und Arbeitervolk, das im Dienst der Horro lebt. 3. Die Dialli oder Barden; es sind Sänger, Bewahrer der Traditionen, Boten der Könige und Knappen im Kampfe. 4. Die Numu oder Alteingesessenen; dies sind Bauern, die sowohl mit der Eisen« wie mit der Holzindustrie ver- traut sind, der Uebcrlieferung nach die ältesten Bewohner des Landes, vor allem aber die Träger der religiösen Institutionen und Leiter der heiligen Bundbildungen. 6. Die Dion oder Sklaven: es sind kriegsgesangene oder verschuldete Leute, gelten feinfach als Sache und Kaufgut und für so niedrig stehend, daß man sie kaum als andern Menschen gleichberechtigte Individuen ansieht. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese scharfe, selbst für Afrika rückständige Kastentrennung ein Bild sehr alter Zeit widerspiegelt; eS ist sozusagen der Konservativismus in Reinkultur. Die alten Horro haben wohl stets nur eine geringe Kopfzahl gehabt. Als Gros der Bevölkerung find die hörigen Ulusu anzusehen. Diese dürfen nicht ge- oder verkauft werden, müssen einige Tage in der Woche für ihren Herrn arbeiten, dürfen heiraten und sich auch ein kleines eigenes Vermögen erwerben. Verbindet sich ein Horro mit einem Mädchen der Hörigcnklasse, so werden die Kinder Ulusu, falls der Vater nicht mit Einwilligung der Familienältesten die junge Frau rechtzeitig freikauft. Eine derartige Verbindung ist die einzige Durchbrechung des KastensystenrS, die vorkommt. Im übrigen dürfen Schmiede nur mit Schmieden, Barden nur mit Barden, Horro nur mit Horro eine Ehe schließen. Eine andersartige geschlechtliche Ver- bindung gilt als schwere religiöse Versündigung. Die epischen Lieder der Barden sind für die historische Erforschung der Völker- stürme in jener Ecke Afrikas von großer Wichtigkeit. Doch ist un- verkennbar, daß diese patriotischen Dichter, ganz wie bei uns, brav Geschichte fälschen, weil die Herrschaft sich bedeutend frei- gebiger erweist, wenn der höfische Poet e» zum Beispiel versteht, ihren Stanlmbaum noch um einiges zu verlängern. Bei den Völkern deS Mosfi-Plateaus stellt das Kaisertum ein System feudaler Nawr dar. Der Kaiser gebietet über einen Stab erblicher Beamter, die in der Hauptstadt leben. Alle Provinzstädte sind mit Prinzen ans kaiserlichem Geblüt besetzt, die wieder einen ähnlichen tzofftaat haben. Auf diese Weise herrscht ein Rittergeschlecht über alteingesessene Bauernstämme. Haust einer der Unterkönige allzu.ritterlich', d. h. führt er unsinnig Krieg, so lädt ihn der Kaiser zur Verantwortung vor sich. Die„Ehre" des Unterkönigs verlangt nun, daß er in solchem Fall stolz bleibe nnd nicht Order pariere. Gemäß der weiteren Vorschrift des Ehrenkodcx übersendet der Kaiser dann nach einiger Zeit dem Unbotmäßigen ein Messerchen, welcher Wink be« deutet: entleibe dich gefälligst. Nachdem dies geschehen, ist man allerseits vom Verlauf der Affäre befriedigt; die Untertanen bejubeln den ritterlichen Sinn des zu seinen Vätern ver» sammelten Unterkönigs und empfangen freudig einen Nachfolger vom gleichen Ritterkaliber. Auch der Kaiser ist nur insoweit absolut, als er den Willen des Adels tut. Andernfalls wird er erst mal ehrerbietigst.erinnert", und wenn das nicht Hilst, wird ihm ebenso ehrerbietig der Wunsch vorgetragen, er möge ab- kratzen. Dies soll er dann auch tun. Alles in allem ist der west- liche Sudan in politischer Hinsicht ein so patriarchalisches Paradies, daß die preußischen Agrarier(mit der preußischen Regierung an der Tete) sich eines Tages unzweifelhaft zur Abwanderung in jene Gefilde entschließen werden, wo ihrem Tatendrange bedeutend weniger demonstrativer Widerstand geleistet werden wird. Aber auch die Pfaffen wären dort vortrefflich aufgehoben. Kein Nörgler denkt dort daran, die Schamanenpriester, die das gesamte Wirtschafts-. leben beeinflussen, irgendwie zu krittsieren. Im Gegenteil, wenn sie sich in Krämpfen der Verzückung auf der Erde wälzen, singen die Dichter bewundernd von ihnen: dieser befitzt.2000 magische Kräfte", jener besitzt„5000 magische Kräfte' usw._ A. K. sorwärr» Buchdrucker«« u.Vert«g»anstattPaulSinacr«r£o..Beriur31ch>