Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 49. Donnerstag, den 10 März� 1910 tNachdrua verdolea.) 4� Im I�amen des Gefet2es. Von Hans Hyan. 30. An einem kalten Nebeltage im Dezember kam das Gnadengesuch des zum Tode verurteilten Knopsdrückers Georg Hellwig mit dem Vermerk zurück, der König habe von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht. Der Oberinspektor Häusler saß gerade beim Kaffee, als ihm einer von den Gefangenenschreibern den Brief brachte, jn dem das Justizministerium diese Sache meldete. „Den Deibel auch!" sagte er zu dem Polizeiinspektor, der gerade in seinem Bureau war,„da gibts wieder Metzel- /suppe... der Hellwig, Sie wissen doch, der Große, der die Frau ermordet hat!" „Ach. ich dachte der kleine Kaufmann, der den Juwelier erschossen hat, in Frankfurt... na, der kommt nächstens ran.... Wissen Sie, lieber Kollege, das kann einem den Beruf verekeln... diese nutzlosen, widersinnigen Schlachte- reien!... Und ausgerechnet hier in Plötzensee muß das immer jemacht wer'n!... Warum denn nich in Moabit? ... Ich.. Der Gefangenenschreiber trat wieder ein und sagte, in seiner blauen Leinenjacke vor dem Oberinspektor stramm stehend: „Der Gefangenenwagen von Moabit ist da!" Und un- willkürlich sich vorbeugend und viel leiser sprechend, fügte er hinzu:„Mit dem Verurteilten...." „Ich komme schon," sagte der Oberinspektor;„nich mal seinen Kaffee kann man in Ruhe austrinken!..." Das Hauptportal, durch das der Zellenwagen in den großen Hof gefahren, war noch nicht wieder geschlossen. Die berittenen Schutzleute stiegen ab, erstatteten ihre Meldung bei dem Polizeiinspektor, ihrem Vorgesetzten, um dann wieder aufs Pferd zu steigen und in kurzem Trab den Gefängnishof zu verlassen. Inzwischen hatte sich auch die hintenlicgende Tür des Gefangenenwagens geöffnet, und der alte Ausseher Pflüger nebst einem Schutzmann kletterten heraus. Dann kam mit ganz kleinen Schritten, offenbar seiner Fußfesteln wegen, der auch an den Händen mit einer Stahl- kette gefesselte Hellwig.... Er sah noch größer aus. als er in der Tat war: die blaue Gefängniskleidung schlotterte um seinen erbärmlich ab- gemagerten Körper. Das Geftcht war eingefallen und asch- grau. Er versuchte zu lächeln. „Nehmen Sie mir die Fesseln ab, Herr Oberinspektor!" sagte er. sich instinktiv an den rechten Mann wendend, und feine Stimme hatte etwas, wie über staubige Wege Hin- schlürfendes. „Wir woll'n mal seh'n Hellwig... nachher, wenn Sie brav sind! Aber Sie sollen schon mal'n furchtbarm Exzeß begangen haben, im Gerichtssaal?" Georg Hellwig sagte nichts mehr, er wandte den zum Skelett abgemagerten Kopf und blickte hinauf nach den Fenstern der Gefangenenanstalt. „Wo wohn' ich denn?" fragte er so leise, als stelle er diese Frage nur sich selber. Aber der alte Pflügcr, der zu „seinen Gefangenen" mehr als gefällig war, zeigte nach einem Zellmfenster im Hochparterre hinauf und sagte: „Da oben!...'ne hübsche, große, lustige Zelle haben Sie!..." Dann wandte er sich an die beiden Inspektoren: „Pardon, meine Herren," er gebrauchte oft so ganz nicht- amtliche Wendungen und bei ibm lächelte man darüber,„man könnte sie ihm woll abnehmen!" Er machte mit den eigenen Händen die Gebärde der Fesselung,„ich garantiere for ihm ».. er is wic'n Lamm!" Der Oberinspektor beobachtete dabei scharf Georg Hell- wigs Gesicht, aber in diesem harten, wie aus grauem Stein gemeißelten Gesicht sah man auch nicht die leiseste Bewegung. Er stand, im Rücken oben ein wenig gebeugt, i'e gefesselten Arme schlaff am Körper, neben dem Schutzmann, als ginge ihn die ganze Geschichte nicht das mindeste an. Dem Polizeiinspektor gefiel diese ungewöhnliche Ruhe nicht, er sagte es auch leise dem Oberinspektor; aber der wurde schon wieder durch eine neue Meldung in Anspruch ge- nommen. „Donnerwetter!" sagte er, eine Visitenkarte in der Hand haltend, die ihm der Gefangeuenschreiber gebracht hatte,„wo- her weiß der das überhaupt schon?" Und sich ein wenig mehr von dem Verurteilten entfernend, zeigte er dem Polizeiinspcktor die Karte. „Der Anwalt is es!... Gott, wenn bloß nich zu viel Besuche kommen! Das macht die Leute immer so unruhig." „Aber lieber Kollege, gönnen Sie ihm doch das... das is doch das Letzte, was er hat!... Und wie ich sehe, is die Schwester von ihm auch dabei!..." „Na. ja, ja!... Jedenfalls vorläufig mal rauf in die Zelle!" sagte der Oberinspektor und einem grüßend vorbei- gehenden Aufseher zuwinkend, befahl er: „Sie, Aufseher Schulz! Gehen Sie mal ins Zentral! Die Aufseher Patzig und Mastermann sollen kommen, aber gleich!... Nach der kleinen Pforte.... So," wandte er sich an den alten Pflüger,„nun bringen Sie mal den Hellwig da hinüber!... Sie wissen doch! Da warten Siel Aber die Treppe rauf und über die Galerie recht vorsichtig... bitte! Sie wissen doch!..." Der alte Aufseher wußte, worauf der Oberinspektor an- spielte: er hatte da auch mal einen Gefangenen dieser Art hinaufgebracht in die Mörderzelle. Der war über's Geländer gesprungen, hatte sich die Beine gebrochen, und es war'ne ganze Zeit darüber vergangen, ehe man ihn wieder soweit zu- sammengeflickt hatte, daß man ihn hinrichten konnte.... Aber der hier, den er jetzt unter der Fuchtel hatte, der machte sowas nich... der war viel zu vernünftig!... Die beidewJnspektoren warteten noch so lange, bis Hell- wig zwischen dem Schutzmann und dem alten Pflüger drüben vor der kleinen Pforte in dem riesigen Backsteingebäude mit den vielen vergitterten Fenstern angekommen war. Dort wurde eben die Tür von einem geöffnet, die beiden beorderten Aufseher, zwei starke Leute, nahmen den„Transport" in Empfang. Hinter ihren dunklen Uniformen, auf denen die blanken Messingknöpfe blitzten und die karmoisinrotcn Aermel- aufschlüge und Kragen leuchteten, schloß sich das kleine Tor. Eben machten auch zwei Gefangene hinter dem hinaus- fahrenden grünen Wagen das Haupttor zu. Des Polizei- inspektors Blick erhaschte noch ein bißchen von dem Grün der Tannen da draußen, und der Gedanke quälte ihn. wie cnt» setzlich es doch sein müßte, mitten in Kraft und Jugend dem allen für immer Valet zu sagen.... Er ging hinüber in den Flügel der Jugendlichen, wo er zu tun hatte. Der Oberinspektor begab sich in sein Bureau, in das gleich darauf ein Beamter den Rechtsanwalt Kurt von Solfershausen hineinführte. Mit einer knappen Verbeugung sagte Kurt, der sehr elend aussah: „Ich komme in Angelegenheilen des verurteilten Hcll-wig ... ich bin sein Anwalt." Der Oberinspektor nickte, als wollte er sagen, daß er darüber schon orientiert sei. Dann meinte er: „Sie wollen ihn doch sehen... nicht wahr?... Und die Schwester des Hellwig, wie ich aus der Karte ersehen habe, auch?" „Ja," sagte Kurt rasch,„aber das ist es nicht allein! Ich komme zu Ihnen, Herr Oberinspektor, als zu dem Letzten, der das Unrecht vielleicht noch abwenden kann, das da geschehen soll! Sie sind doch diejenige Instanz hier in Plötzensee. die, foviel ich weiß, in Abwesenheit des Direktors, der ja leider zurzeit nicht hier ist.. Kurt hatte sich in seiner Erregung ein wenig verhaspelt und suchte nach dem Folgesatz.... > Aber der Oberinspektor nahm ihm das kopfschüttelnd ab: „Ich kann in der Sache so gut wie gar nichts machen! Ich habe heute vom Justizminister die Nachricht empfangen und erwarte jeden Augenblick den Herrn Staatsanwalt und den Nachrichter, die den letzten Teil dieser traurigen Pflicht zu erfüllen haben.... Und ich muß Ihnen sagen. Herr Rechtsanwalt ich hin sehr froh, daß es so ist..- Ich wünschte, ich hätte überhaupt nichts mit diesen blutigen Geschichten zu tun, und man würde sie mir ganz und gar abnehmen... Der Rechtsanwalt nickte, ungeduldig über die Ergüsse des Beamten. „Jawohl... ja- aber darum handelt es sich in diesem Falle gar nicht.... Ich komme zu Ihnen mit der Auf- forderung, daß Sie einen Justizmord verhindern sollen, Herr Oberinspektor...." „Na, hören Sie mal, Herr Rechtsanwalt.«." „Jawohl, einen Justizmord, nicht anderes. Der Mann den man da morgen früh in Ihrer Gegenwart hinrichten will, Herr Oberinspektor, der Mann ist wahnsinnig!" lFortsctzung folgt.) (Nachdruck Sertcten.l 81 Der Totengräber. Von Josef Nuederer. Diesmal lachten schon nicht mehr so viele. Der Großvater hatte den Kopf gehoben und stierte ängstlich umher. Mich! aber guckte verächtlich die Achseln und rief: „Sc an Blödsinn! Das sollen nachcr Schnctdahüpsln sein. Da sag' i ja glei. Der Klang der Gitarre unterbrach ihn. Jetzt fing der Toten- gröber wieder zu singen an, stärker und eindringlicher als zuvor: „Beim Leichentrunk heut San fidel alle Leut. Aber i sag's En! g'wiß. Daß der Tod nah uns is, Daß er heut no oan stellt Von der sündigen Welt. Js's bei Bier oder Wein— Auf amal kommt er rein!" Tiefe Stille folgte diesem Gesang. Die Holzknechte rauchten ihre Zigarren, die Burschen rückten näher zusammen, keiner sprach ein Wort. Nur aus der Oienecke kam ein banges Aechzen. Der Großvater hatte sich erhoben und wankte gegen die Tische. Seine Stirne war mit Schweiß bedeckt. Auf einmal hielt er ein und blickte entsetzt nach der Türe, die jetzt langsam aufging, als folge sie der furchtbaren Beschwörung des Totengräbers. Alle saßen wie gebannt auf ihren Plätzen und wagten kaum zu schnaufen, da endlich löste sich der schreckliche Druck in den höhnischen Schrei Michls: „O, mein Jesses! Der heilige Geist!" „Wer is?" riefen andere. „Der Andrcdl halt," lachte Michl,„der sein b'sosjuen Groß- Vater bol'n möcht." Richtig? Da stand der Junge an der Schwelle und blickte schüchtern in die rauchige Stube. Mit zitternden Armen taumelte der Großvater auf ihn zu und zog ihn zu sich in die Ecke. Ter Totengräber aber griff wieder nach dem Instrumente. Sein Gesicht fieberte, und die Hände fuhren mit nervösen Bewegungen über die schrill klingenden Saiten: „Fangt s an, was Ihr möcht, Der Tod hat sei Recht. Wie's alle da seid», Und wenn's a no so schreit's, Ob jung oder alt, Enk alle macht er kalt." „Jawohl!" schrie er plötzlich wie ein Rasender.„Das tut der Herr Meier. Paßt's auf auf ihn. Heut Nacht geht er um. I sag's Enk, i. Euer Totengräber." Er war aufgesprungen und hatte die Gitarre hoch über die Köpfe der Bauern geschwungen. Ein lähmender Schrecken fuhr über die ganze Versammlung, als er io dastand wie der Herr über Tod und Leben, der den zitternden Knechten die furchtbare Geißel zeigt. Michl war der erste, der wieder die Sprache fand: „Jetz wird's uns z' viel," schrie er,„wir lassen uns nct foppen von Dir, daß Du's iveißt. Geht's!" fuhr er seine Freunde an, „machen wir, daß wir weiter koinmen, zehn wir zum Kranzl oder wo anders hin." Wie auf Kommando erhoben sich die anderen und drängten zu der Türe. Man sah eS ihnen an, wie froh sie waren, fortzu- kommen. Ungeduldig stürmten sie lveg, jeher wollte der erste sein. Draußen hörte»lau sie eine Weile noch schimpfen und schreien, dann verlor sich alles in der Ferne. Jetzt legte der Totengräber die Gitarre auf den Tisch und trank sein Glas aus. Daun setzte er sich schwer auf die Bank und bog sich weit in die Lehne zurück. Es war ganz leer um ihn geworden, die Holzkncchte hatten sich auch verzogen, nur hinten in der Ecke saßen Großvater und Enkel, ängstlich aneinander geschmiegt, und nicht weit von ihnen schnarchte der Wirt. Lange blieben sie alle so sitzen. Der Totengräber vcr- änderte seine Stellung nicht, nur dann und wann griff er nach der Gitarre und riß an den Saiten. Jetzt öffnete er den Mund und summte halblaut vor sich hin: .Ob jung oder alt, Enk alle macht er kalt!" Gleich darauf sprang er in die Höhe und sah gespannt zu den beiden hinüber. „Ro, was is?" rief er.„Geht's heut no heim oder net?" Ter Alte hob zitternd den Kopf. Aus seinem Geficht sprach eine namenlose Angst. „Braucht's Enk net fürchten vor'm Herrn Meier," rief der Totengräber.„J begleit Euch, da tut er Euch nix." Immer noch wollten die beiden nicht von der Stelle. „No. wird's bald oder net?" Er ging auf den Alten los. Der zuckte jählings zusammen. „Na... na... mit Dir geh i net." schrie er.„Andrcdl, bleib bei mir und halt mich �xst. Laß mi net los, Andrcdl!" Der Kleine packte ihn eilig beim Arm. „Der Großvater und i, wir gehn zu zweit," sagte er. Friedl sah bald auf den Jungen, bald auf den Alten: „Seid's Ihr verrückt?" Immer heftiger zitterte der Großvater. „Geh Du allein mit dei'm Herrn Meier," ächzte er. Friedl riß ihn in die Höhe: „Marsch'naus! Kei' Wort mehr! Wir wandern alle drei mit anander." Da stürzte das Kind weinend vor ihm auf die Knie und faltete die Hände: „Net, Vater, net! I bitt schön, i bitt gar schön!" Friedl starrte in die gcängstigten Augen des Jungen wie in eine fremde Erscheinung. „Warum willst net mit mir gehn?" fragte er leise und ein- dringlich. Der Junge konnte kaum antworten vor Angst. „Weil... weil,,. i fircht mich,, „Vor wem?" „Vor Dir und vor'm Herrn Meier!" „Hab' i Dir scho''was tan?" „Na... aber heut nacht tust mir was!" Friedl trat einen Schritt zurück, fuhr sich über die Stirn.und warf ein Geldstück auf den Tisch. „Is gut," sagte er dumpf.„Geht's Ihr zwei mit anauder, i geh a mein Weg. Adje beieinand!" Den Kopf auf die Brust gesenkt, weit ausholend mit jedem Schritt, kam er die Straße herabgeschritten zu dem tosenden Gc- Wässer. Jetzt tönte es immer näher, das Donnern und Brausen, und dem Totengräber klang es wie das Gebrüll von Teufeln und Dämonen, so höhnisch und gellend. Recht so! Einem feigen, erbärmlichen Tropf mußte es so in die Ohren kläffen. Ha. ha, ha, ha! Was hatte er ausführen wollen, und wie war alle Berechnung zerstoben vor dem Blick des jammernden Buben! Seine Arme hatte er schon geschwungen, wo- mit er beide hinüberwerfen wollte über den Rand der Brücke; sicher und stark hatte er sich gefühlt wie ein Riese, der die Erde aus ihren Grundfesten cmporreißt und weit hinauswirft in die Unendlichkeit. Und nun hatte er nicht einmal sehen können, wie das Kind ein paar Tränen weinte! Das war der Mörder, der alles hinweg- räumen wollte, was ihm in den Weg trat! Eine rasende Wut gegen sich selbst empfand der Totengräber. Wenn's nicht mehr wert ist, dann fort mit dem erbärmlichen Leben, mochten Großvater und Enkel Hand in Hand über seine Leiche weiter wandern, bis sie der Herrgott, an den sie glaubten, in seinen lachenden Himmel nahm. Immer schneller stürmte der Frtedl durch die Dunkelheit. Wo blieb denn die Brücke, daß er hinunterspringen konnte von der elenden Welt in die Befreiung, in das Nichts? Er hatte alles Gefühl für Zeit und Ort verloren und jagte planlos durch die Nacht dahin. Weit konnte sie ja nicht mehr sein, denn nun brüllten, die Wasser ganz dicht vor ihm, und jetzt auf einmal, ehe er sich besinnen konnte, packten sie ihn mitten auf dem Weg, aus Nacht und Dunkel heraus, mit einer Gewalt, daß es ihn weit in den Strudel hincinschleuderte. Der Friedl stieß einen furchtbaren Schrei aus und bäumte sich auf. So jäh und unerwartet war cS über ibn gekommen, die eisigen Fluten stürmten so wütend an seinen Leib, daß er sofort zur Besinnung kam und mit wahnfinniger Kraft dagegen arbeitete. „I will no net hinwcrden!" schrie er, so laut er konnte, aber das entfesselte Element überbrüllte ihn tausendfach. Verzweifelt kämpfte er an, dreimal richtete er sich auf, aber jedesmal warf es ihn nieder. Wie einen Kreisel riß ihn der Strudel mit fort, und immer, wenn er Fuß zu fassen suchte, schleuderte es ihn weit hinaus von Welle zu Welle. Mit erlöschender Kraft rang der starke Mann. Jetzt wollte er nicht lassen vom Leben; trotzig nahm er zu- sammcn, waö ihm noch an letzter Stärke geblieben war und schlug mit Händen und Füßen um sich. Aber alles vergeblich. In fort- währendem Aus und Nieder peitschte es ihn weiter durch die stürmenden Gewässer. Schon drohten ihm die Sinne zu erschlaffen. da faßte er noch mit letzter Kraft einen festen Gegenstand, einen Baumstamm, der weit über seine Wurzeln vom Wasser über» schwemmt War. Mit bebenden Händen umklammerte ihn der Friedl, und gleich darauf kroch er�ans Land, mehr tot als lebendig. ..Meier, Du Hund Du, Du räudiger!" schrie er wütend, als er noch in derselben Nacht vor das Skelett wankte.„Balft am End mi g'meint hast— i stirb no lang net." Trotz seiner Erschlaffung hatte er sich bei diesen Worten hoch vor ihm aufgerichtet und grimmig die Fäuste geballt. Niemals hatte er starrer am Leben gehangen als in diesem Augenblicke, wo ihm die rasende Erregung und alle Schauer des Todes noch durch Adern und Muskeln tobten. Denn eben war er nach Hause ge- kommen auf einem langen Irrweg über das ganze Dorf, schauernd und triefend von Wsic. ..Du elender Hund, Du," brum.mte er noch einmal. sFortsetzung folgt.)! I�eiie VeUetriMK. Max Brod: Die Erziehung zur Hetäre.(Axel Junckers Verlag, Stuttgart.) Mag man es deplaciert finde», daß der Kritiker den noch relativ unbekannten jungen Oesterreicher Max Brod mit den» beängstigend schnell bekannt uud berühmt gewordenen anderen Oesterreicher Rud. Hans Bartsch zusammenstellt. Jedoch, wenn hinter Brods Erzählungen die Silhouette Prags, von der Moldau umrauscht, aufsteigt, gedenkt man des Dichterwerks Bartschs, hinter dem das grüne, märchenumsponnene Graz hervorleuchtet. Bald stoßen wir auch bei Brod auf ein bißchen VolkerversöhnungS- Propaganda wie bei Bartsch, und gerade wie bei diesem ohne die moralische, die diktatorische oder politische Gebärde. Bleibt der undifferenzierbare Bartsch ohne Abschweifungen der Natur treu, findet Brod gleichfalls zuletzt über alle geheimen Umwege und psycho- logischen Arabesken die Heimkehr zur mütterlichen Erde. Für die Zolasche Kunstdefinition: Kunst ist die Schilderung eines Ausschnittes des Lebens, gesehen durch ein Temperament, geben diese beiden Oesterreicher wieder einmal ein konsequentes Beispiel. Uebersetzen wir Temperament noch weiter mit Lebensanschauung, Stil, Person- lichkeit, so bekommt wiederum der noch im Schatten weilende Brod neben dem bereits in der Sonne stehenden Bartsch um so eher sein spezifisches Gewicht. Vielleicht gibt es keine größeren Gegen- sätze als den frohgemuten, kinderseelischen, wiesenfrischen Bartsch und den reflektierenden, manchmal auch experimentierenden, kultur- gestutzten Brod. Der eine ganz Naturkind, mit Lächeln und Sonnen- schein im Herzen, mit Musik und Waldesrauschen; der andere ein zusammengesetzter Geist, weltmännisch gefärbt, dem ein gewisses Aesthetemum über den Weg läuft. Horcht man aber tiefer, so ent- deckt man auch bei Brod die Sehnsucht nach dem Reinmenschlichen am Ende unter den gelegentlichen Künsteleianfällen, findet einen Menschen mit der Hellfichtigkeit der primitiven Seelen. Und wie Bartsch ist er ein bezauberter Verkünder des Heimatlichen oder sage ich lieber ein bezaubernder Verkünder? Obgleich er noch ringt. zuweilen wie junger Most ungebärdig schäumt, die auSgegorene Klarheit eines Bartsch vor der Hand noch nicht ausweist, hat er doch schon seine eigene Melodie gefunden, besitzt schon ganz und gar, wie rch oben sagte, das spezifische Gewicht der Persönlichkeit. Hat seinen individuellen Stil. Von wieviel Dichtcril läßt sich das sagen? Schauen wir aus den von der öffentlichen Meinung gekrönten Ger- hart Hauptmann, wie er profillos in der Literatur herumgependelt ist. Wer getraut sich ohne Titelblatt einen unbekannte» Haupt- mann als Hauptmann zu erkennen? Nach ein paar Seiten aber schon erkenne ich Bartsch und will auch Max Brod erkennen. Zuweilen können solche Merkmale Manier sein, es ist nicht immer leicht, sie als Wahrzeichen einer starken Natur, einer nnbeirrten Persönlichkeit zu bestimmen. Doch was mir von Brod bis jetzt vorgelegen, deutet darauf hin, daß seine bestimmte kon- turierte Physiognomie echt und keine Modemaske ist. Uni so betrüb- licher muß es ausfallen, daß er das Büchlein»nt der feinen Novelle: Ausflüge ins Dunkelrote nach dem zugkräftigeren Titel der schivächeren Erzählung: Die Erziehung zur Hetäre benannte und damit nach einem ebenso sinnlosen wie geschäftsgcistigen Vor- spicgelungsprinzip Konzessionen niachte, die weiter noch durch die Umschlagzeichnung im ödesten Reznicck- oder Reiselektürestil übcrtroffen wurden. Der Autor müßte seine Bücher selbst höher einschätzen, als sie zur Schaufensterware degradieren und kostiimieren zu lassen. Daß ein Autor von bestimnltcit Themen nicht los koinint, sollte man ihm nicht immer als Armut anrechnen. In dieser Beschränkung vermag sich des Dichter? Tiefstes, das Wesentliche zu kristallisieren. In der ersten Novelle vorliegenden Bandes haben wir wieder wie in Brods großem Roman Schloß Nornepygge den typischen Kreis der„Differenzierten": hier sind die Cerebral-Jünglinge amüsant» ironisch glossiert, die einen DurchschnittSbacksisch zur freuden- spendenden Hetäre erziehen wollen und mit ihrer dionysischen Kur nichts anders erreichen als ein unerwartetes Durch- brennen der moralbefreiten höheren Tochter. Die Geschichte ist von einem liebenswürdigen Humor umspielt, Gedanken- splitter, keine aufregenden, aber hübsche und vernünftige sind da- zwischengestrent. In der zweiten, wertvolleren Novelle taucht aber- mals wie in vorgenannten, Roman der„Indifferente" auf. Aber gar bald weiß inan, wie voll von innerem Erleben dieser kultivierte Gleichmut ist, der mit Gemütswallungen zum Banalen herab- zusteigen meint. Hier wird man an Hamsun erinnert, der die Bäume, die Sterne anspricht und mit dem Mond auf Du und Du steht. Brod nimmt das Leben nicht eigentlich schwer und elnst, doch steht er verwundert davor, bestaunt sie und entdeckt täglich neue Schön- heilen. Oft genug lösen sie sich ihm in Dichterisches, in Musik aus, kleine Paradoxe, Aphorismen funkeln dabei. Man spürt den Atem des Lebendigen und daß der Dichter kein Schreibtischerfinder, sondern ein Schauender, ein Fühlender ist. Das Dnnkelrote, das Purpurne bedeutet ihin unedle Leidenschaft, Pathetik, Trivialität. Die Geschichte zeigt einen Menschen mit Erregungen, Empfindungen„violetter" Farbe, d. h. kühl-unpaihetischen Gefühlen, die nicht das Blut, aber dennoch das Glück steigern und ans dem Trivialen ins Reich ver- geistigter Freuden führen oder hin zum Urquell aller Seligkeit: Natur und Einsamkeit. «. � Lulu von Strauß und Torney: Sieger und Be- siegte, Novellen.(E. Fleische! u. Co., Berlin.) Nietzsche zählt einmal zu den ivertvollsten Existenzen die großen Erleichterer und Vereinfacher des Lebens. Man könnte mit einigem Scherz von tieferer Bedeutung ebenso richtig sagen, die wertvollsten Existenzen (unter den Dichtern und Schriftstellern) sind die großen Erlcichterer und Veremfacher des Lesens. Sollen wir sie wirklich als zu leichte Naturen ansprechen, die zur Erleichterung ihres Selbst und des Lesers ins Glitzernde, ins Spielerische, Tändelnde flüchten? Auch der Weise, der Mensch mit Gedanken kann das Tänzerische (um wieder ein Wort von Nietzsche zu gebrauchen) haben und den Inhalt seiner Seele in die schwingende, zwingende, in die funkelnde, klingende Form der Leichtigkeit gießen. Muß es immer Oberfläche sein, wenn ein Autor in den leichtfüßigen Rhythmus verliebt ist und Blütenflocken streut, statt daß er Quadern wälzt in keuchender Schwerfälligkeit? Aber der Deutsche übersetzt Größe und Gehalt noch immer mit Schwere, und unter den Deutschen will besonders die schreibende Frau ihre Tiefe beweisen, indem sie das Bleigewicht literarischer Worte an die Sätze hängt und das Stoffliche nnt Pathetik und jenen,„Ernst" tränkt. der der Langenweile zum Verwechseln ähnlich ficht. Die Novelle selbst erhält unproportionierte Dimensionen, daß sie ächzt unter der Last von„Geist", der sich als Schwergewicht gibt und doch nur Bc- schwerden verursacht. Lulu von Strauß ist auf dem Wege, die Lese-Verdrossenheit zu stützen, statt die Lese-Freudigkeit zu heben. Wenn sie bäuerliche Novellen schreibt, schivebl über ihr noch das Gesetz der Vereinfachung, aber in ihren historischen Erzählungen verwechselt fie, wie die meisten weiblichen Federn, Kraft»nit Brette. Ideen mit Wortanhäufung. Sie schielt nach Ricarda Huch hinüber und bleibt doch in, Aeußerlichen stecken. Durch ihre letzten Novellen muß man sich buchstäblich durcharbeiten. In Auge um Auge will die Verfasserin einen Auftechten vom Bauernstamm schildern, der unter dem Martyrium der Fraiizosenwirtschaft in Westfalen um t.?<)7 seine Habe, sein Weib und seinen Sohn verliert. Sie überschüttet den Leser dabei mit epischer Mosaik und gelangt doch zu keiner Geschlossenheit, der große Zug und die Motivierung mangelt den Erzählungen, die an, Verlängern,, gstricb kranken. Der Ver- längerungstrieb erstickt bald das Interesse an der Fabel und man kommt ebenso gemartert zu Ende, wie bei der Legende von der Felsenstadt, bei der man abermals nach Verkürzung schmachtet. Die Geschehnisse wirken tot, wie sehr man auch Seite um Seite dein ernsthaften Quelle, lsiudium der Verfasserin begegnet. Aber was nützt alle Stimmigkeit der Chronik, alle rechtgctroffene Milieu- schilderung(der Autorin stärkste Seite), wenn der Nerv, das Herz, kurz das Lebendige unter dem Ballast von Schwerfälligkeit, Gründlichkeit und— Literatentum verschüttet liegt? Eine gewollte Männlichkeit ist'S, die hier ein schönes Talent irreführt. Zurück zur Einfachheit I Meinetwegen auch zun, Weiblichen, wen» es Innerlich- keit bedeutet. In, Tanzliedchen will die Autorin zwischen den beiden „kraftvollen" Novellen das Heitere kultivieren. Doch die leichten Füße fand sie auch hier nicht. Die Historie von dem lleiucn Pariser Mädel, das ihrem ungetreuen Liebsten nach London nachlänst und vor der Königin ihr Recht sucht, ist von einer Psychologie, die ich Kulissenpsychologie nenne. In jedem neuen Akt, hier Phase der Gc» schichte, ist die EntWickelung fix und fertig da. Die Zusamnienhänge sind unterschlagen. Die falsche dichterische Perspektive, die des äußeren Effekts willen an der inneren Wahrheit Vorbeisicht, ist's, die— ich bediene mich deS Stils der Verfasserin—„deß schuld hat". S o p h u s Michaelis: Totentanz. Verlag von Erich Reiß, Berliii-Wcstend. Sophus Michaelis, der erfolgreiche Verfasser der„Revolutionshochzeit", bemüht sich abseits der Viel zu Bielen in, Buchschrciberhandwerk zu wandeln. Es fällt ihm noch etwas ei», er hantiert nicht mit Mätzchen und Finessen wie die Kleinen in, Geiste und Großen im Schaunischlagen, er nährt seinen Ruhn, mit ehrlicher Arbeit und strenger Zucht. Wie ein Gedanke in künstlerische Form gebracht werden kann, zeigt der Zyklus- dieser Novellen. Jede wirkt wie ein Bild. Man kennt die Totentänze in der Malerei, e-S»st nicht allzu schwer, sie ins Poetische, ins Dichterische zn übertragen. Aber Michaelis verrichtet eigene Arbeit. Mit bildnerischer Gewalt gibt er dem Tode Gestalt nach seinem Willen. Nicht als Erlöser und Freund, noch als Richter und Rächer, sondern als das Schicksal selbst, als blinder Vollstrecker erscheint er hier. Ii, jeder der Novellen vom Papst, Kaiser, König, Ritter, Bauern, Ketzer trägt der Knochen- mann ein anderes Gesicht; immer oder wird vor seiner Majestät die Richtigkeit irdischer Größe, die Nichtigkeit allen Erdenkampfe-Z fiihll'ar. Was ist alle Gier nach Besitz, nach Liebe, aller Rachednrst und alles Rachesiillen? Der Sensenmann kommt und mach! seinen Schnitt. Am stärksten offenbart sich Michaelis' Gestaltungskraft in der ersten Novelle: Der Papst. Hier ist alles meisterlich geformt, ein Strick Nenaissance in brennenden Farben hingemalt. Kmistlerisch am nächsten dieser Novelle steht die letzte: Der Ketzer. Giordano Brunos Glalibensmartyriunr und seine Verbrenmmg. Eine kühne Phantasie paart sich mit dem Gluthauch des Seelischen, dabei bleibt eine scharfe Gegenständlichkeit bestehen, die die Gcschehniffe mit Leben tränkt. Hier tut einer wieder einmal einen kühnen Griff ins Aben- teuerliche, ins Romantische alter Form, bei dem das Rüstzeug starker Ritter, Tod und Teufel zu finden sind und Wunder geschehen. Keineswegs die himnielblauen Wunder verzückter Schwärmer, wohl aber die blutroten Wunder des Lebens, die alt und ewig neu sind. Nicht mehr die kleinen Licbesschmerzen, aus denen unsere Generation der erotischen Männlcin und Weiblein ihre.großen" Bücher machen, nicht mehr die unfruchtbare Selbstbeipiegelung, das intime Genießen besonderer Zustände, oder die billige Feld-, Wald- und Wiesen- Verherrlichung. Ein Labebuch unter der Menge der blassen Aesthelen- bücher. Michaelis hat Einfühlungskrafr und Prägnanz des Aus- drucks, er ist voller Gesichte und von bildhafter Anschaulichkeit. Auch wo er reflektiert, kein denkender Geist kann denr entrinnen, rundet sich alles zum Bild. Er hat nicbr zu geben als nur die hypnotischen Griffe der Literatur, er versteht jene Hypnose, die GefühlSüber- tragung ist und Bezivingung und Stärke. Peter Altenberg: Bilderbögen� des klein en Lebens.(Verlag von Erich Reiß, Berlin-Westend.) Wieder ist eine Reihe Altenbcrgscher Gedankensplitter zum Buche vereinigt und wieder schließt sich das Einzelne zum Ganzen, zur Lebensphilosophie eines ZeichendeuterS. ES gibt nichts Unbedeutendes in der Welt, es konmtt nur auf die Anschauungsweise an, dieses Goelhewort hat Altenberg zum Motto genommen. DaS Goethesche:„Greift nur hinein ins volle Menschenleben" hätte ebenso gut gepaßt. Denn für Altenberg, dem Schauenden wird alles Kleine groß, aus Kleinig- leiten tönt ihm die Sinfonie des Lebens„Kleinigkeiten morden" und Kleinigkeiten geben Seligkeiten. So sitzt er über dem Leben, ein Momentphotograph, und malt seine Bilderbögen. Ja, er malt sie aus seine Platten, nicht mir dem Schmuck der Worte, nicht mit den Schnörkelfarben der Phantasie, sondern mit dem Impressionismus eine? erkennenden Geistes. Was die Kurzsichtigen für Manier nehmen, die Bequemen für Spielerei, ist ureigene Natur eines bc- wußten Zusammcndrängcrs, besten Extraktstil sich orakelhaft ins Heilandsmäßige steigert, wenn das„Seherische" über ihn kommt. Mit meinen kleinen Erfahrungen und noch kleinereu Talenten will ich das Leben ausdecken, schreibt er und es kommt ihm nicht darauf an, Salzwaffeln, Kochrezepte, KakeS, Automobile, neben Hungertünstlcrn, Else Wiesenthal, Kine- matographen. Ronacher-Variets und Klimt-Ausstellung ins Bereich seiner Bewachtung zu ziehen. Und so wichtig der Untersuchung wie Ehe, Liebe. Eifersucht, Freundschaft dünkte ihn Klosettpapier aus japanischer Pflanzenfascr und richtig funktionierende Manschettenknöpfe. Von den grotesken, lächerlichen und daher tragischen Dingen der reichen Leute redet er am liebsten und noch lieber mit apostolischem Fanatismus predigt er sein Evangelium von der physiologischen Regeneraj?on. Vom Leibe geht die Kultur aus, nicht vom Geiste sageu alle seine kleinen Kapitel und eS ist um so tragischer, Peter Allenberg mit dem Leitmotiv: Mensch sein heißt Stoff- wechseln jetzt einsam hingestreckt in einem Sanatorium zu wissen. Er hat es mit seinem Glauben an den Sauerstoff imd die Lebeitsencrgien durch diätetische Lebensweise so wenig weit gebracht, wie mit seinen Katechismenbllchern bei der Masse. Wer über Käse, Thlmsisch und Paradeissauce ein Essay mit der gleichen Andacht schreibt wie über Moral und andere erlauchte Dinge, muß ein Charlatan sein. Mit wehmütiger Selbstironie hat er dies in dem Kapitel vom Spazierstock in dem Schlußsatz glossiert:„Er ist ein Stock-Narr, man nutß ihn schonen."— Als Bobemienseele. die im Hundetrabstil ihre Gloffen notiert und sie dann der Welt mit Wurstig- keit präsentiert, wird Peter Allenberg weiter gcwcrtet werden. Das Kindliche und das Philosophische seiner Natur wird verkannt bleiben. kleines feuilleton. Berufswahl und Angc. Die Osterzeit naht. Für viele junge Menschen, welche die Sckinle verlassen, um sich nun in das große Heer der werktätigen Masten einzureihen, bedeutet sie einen, vielleicht den entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens, und viele Väter und Mütter mögen jetzt mit sich und ihren Kindern zu Rate gehen, in welckicin Berufe wohl für ihren Sohn oder ihre Tochter die beste Aussicht auf ein gedeihliches Fortkommen bestände. Leider wird, wie die Erfahrung lehrt, bei Erwägungen dieser Art teils aus Unverstand, teils aus Gedankenlosigkeit ein Um- stand nur zu oft außer Rechnung gelassen, die Frage nämlich, ob auch der Zustand der Augen den Anforderungen des zu erwählenden Berufes entspricht. Und doch rächt sich nichts so bitter, wie die voreilige Entscheidung für einen Beruf, dem man körperlich nicht gewachsen ist. Viele Seelenqualen, Geldopfer, Zerwürfniste und Zeitverluste sind die unausbleibliche Folge solchen Leichtsinns. Darunr ist es vielleicht gerade im gegebenen Zeiwunkte nicht unan- gebracht, daran zu erinnern, daß nicht alle Berufsarten gleichmäßige Anforderungen an die Güte und Tüchtigkeit der Augen stellen, und daß daher bei nicht normalem Zustand der Augen eine weise Aus- wcchl getroffen werden muß. Daß ein Lahmer nicht Seiltänzer werden kann, leuchtet jeder- mann ein. Ist es etwa aber anders zu beurteilen, wenn Schwach- sichtige durchaus in Berufe hineingepreßt werden, die gerade eine große Feinheit des Sehens zur Boraussetzung haben? Da soll vielleicht ein Jüngling mit starker Verbildung der Hornhaut(Astig- malismuS) Lithograph oder ein Mädchen mit trüben Hornhautflecken vor den Pupillen Schneiderin oder Stickerin werden. Der Fehlschlag ist gewiß. Ebenso unzweckmäßig wäre es, einen zu höhergradiger Kurzsichligkeit Neigenden, der vielleicht gar noch erblich be« lastet ist, Berufsorbeilen zuzuführen, die geeignet sind, die Kurz- sichtigkeit noch weiter zu erhöhen und dadurch große Gefahren für die Augen heraufzubeschwören. Andere Berufe find wiederum für stark Uebersichtige wenig geeignet, weil sie bei ihnen zu frühe Er- müdung und mangelnde Ausdauer herbeiführen. Auch gibt es Berufe, die ihrer Eigenart nach eine immerwährende Bedroyung der Augen darstellen und daher niemals von Einäugigen oder solchen Personen ergriffen werden sollten, die nur über ein gutes Auge verfügen. So ist es bekannt, daß bei der Bearbeitung von Eisen fast ständig größere oder kleinere Splitter durch die Luft schwirren und die Augen verletzen können. Lernt nun ein junger Mensch mit nur einem brauchbaren Auge zum Beispiel das Schlofferhandwerk und wird an eben diesem Auge in schwerer Weise verletzt, so bleibt er ein Krüppel sein Leben lang. Daß ein Mensch mit nur einem Auge oder aus anderen Gründen beschränkten Gesichtsfeldes nicht Chauffeur werden sollte, braucht nicht auseinandergesetzt zu werden. Auch Störungen des Farbensinns machen die Wahl ge- wiffer Berufe unmöglich. Man stelle sich die Verwirrung und die Verwechselungen vor. die ein Farbenblinder in einem Seideriband- geschäst oder in der Damenkonfektion anrichten muß I Bei manchen Berufen, zum Beispiel im Eisenbabndienste, wird ja die Zulassung von dem Nachweis eines normalen FarbenerkennungsvermögenS durch ärztliche Untersuchung abhängig gemacht. Ueberaus mannigfaltig sind die Möglichkeiten, wie Mängel des Sehorgans die Erfüllung von Berufspflichien stören oder verhindern. Aber das Gesagte allein wird schon genügen, um allen, die es an- geht, klar zu machen, wie notwendig bei der Entscheidung über den zu ergreifenden Beruf eine Rücksichtnahme auf den Zustand der Augen ist. Möge es. sobald irgendwelche Erkrankungen der Augen oder Abweichungen vom normalen Sehen vorhanden sind, niemand ver- säunren, vor der endgültigen Entscheidung sich mit einein Augenärzte ins Einvernehme» zu setzen. Dr. R. Niger. Kunst. Die Sammlung chinesischer Bilder in London. Die stattliche Sammlung chinesischer Gemälde, die zu Anfang vorigen Jahres auch in den Räumen der Berliner Akademie der Künste ausgestellt worden loor, ist jetzt zu einem erheblichen Teil an das Britifche Museum in London verkauft worden. Frau Olga Julia Wegener, die durch eine dreijährige Tängkeit in China diese einzigartige Sammlung zustande gebracht� hatte, hat damit iir England eine Anerkennung gestmden, die ihr in Deutschland bisher leider vertagt geblieben war. Auch das Britische Museum hatte die Fonds zur Eriverbung der Sammlung nicht bereit, aber die größten Autoritäten sprachen sich mit solchem Gewicht über die Bedeutung der Sammlung aus, daß die nötige Summe wenigstens für die Erwerbung eines Teiles der Gemälde gezeichnet wurde. Unter den Gutachten, die von maßgebe'.. der Seite über die Samm- lung abgegeben wurden, interessiert am meisten wohl daS von Alma Tadeina. dem berühn, testen englischen Maler der Gegenwart. Er schrieb:„Um den großen Flug der japanischen Kunst zu ver- stehen, ist die Kenntnis ihrer Vorläufer in China notwendig und bei der Betrachtung der Sammlung enthüllte sich mir ein Zusammen- hang von Jahrhunderten künstleritcher Entwickelung. und zwar einer solchen von der schönsten Art. Vögel, Blumen, Tiere und mensch- liche Figuren find alle von gleich erstem Range und der künstlerische Wert von dem allen ist so groß, daß es tausendmal schade wäre, wenn der Besitz dieser Sammlung unserem Volke nicht ge- sichert werden würde." Mit noch größerer Bestimmtheit nach derselben Richtung äußerte sich Artur Morrison, der zur- zeit als der größte Kenner chinesischer Gemälde in Eng- land gilt. Mit dein Abschluß des Verkaufs an das Britische Museum ist nun ein Teil der Sammlung, ISO Bilder, für Deutschland endgültig verloren gegangen, und wegen der Erwerbung weiterer steht das Museum noch in Verhandlung. Außerdem sind noch 80 Bilder im Mi, säe Guimet in Paris ausgestellt. DaS Britische Museum besaß übrigen» schon eine kleinere Zahl chinesischer Gemälde, während diese in deutschen Museen noch fast gänzlich fehlen. (Herr Bode hatte in seiner Alllviffenheit die Sammlung al» japanische Kopien abgelehnt; er will sich für daS asiatische Museum, das er plant, wohl lieber mit Hilfe des in vielen Künsten erfahrenen Herrn Gretor das nötige besorgen.)_ Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwarr«lvuch»ruckerei u.Verl«g»anirattPaulS,»gerScEo..!verlmLAi„