Hlnterhalwngsblatt des vorwärts ?kr. 64. Donnerstag den 17. März. 1910 (Nachdruck verbal«».) 81 Cm Hag. Bon M. Arzybaschew. Deutsch von AdolfHeß. „Untersteht Euch nicht, zuzuhauen 1" schrie der große Mensch weiter. Plötzlich stürzten dicke, schwarze Menschen, lauter riesige, massive Gestalten in Polizeimäntelnt geschickt hinter den Pferden hervor, und ehe Arsenjew etwas begreifen konnte, traf ihn ein schwerer, stumpfer Schlag ins Gesicht und warf ihn nieder. Vor seinen Augen schwammen gelbe Feuerkreise. „Was tust Du?" rief er kurz, schlug mit dem Hinterkopf gegen die feste Wand und setzte sich auf den Schnee. Er sah schon nichts mehr, weil eine rote, kalte, nasse Fahne ihm über den Kopf schlug. Arsenjew wußte später nicht, wie und wann er wieder auf die Beine gekommen war: er erinnerte sich aber an ein schreckliches Geschrei, kurzes Pfeifen und Schneiden und einen über und über blutigen Kopf, mit dem er zusammenstieß. Ueber sei eigenes Gesicht rann Blut, die Kinnlade juckte schmerzhaft, und der Kops war schwer wie Stein. Er befand sich in einer kalten Oede, vor ihm dehnte sich der ebene, weiße, mit Mützen, Lumpen und Galoschen besäte Straßenraum. Weit vorne, dicht an der Wand des hohen, gelben Palais schimmerten unbeweglich zusammengeballte kleine Haufen, deren Bedeutung Arsenjew begriff. „Ah, ah, ahl" schrien unzählige heisere Stimmen, die vor Wut barsten. „Was ist das nur? Warum?..." drehte sich alles in Arsenjews Kopf. Seine Lippen zuckten kraftlos, iiber die Wangen flössen Tränen und Blut: er beschmierte sich hilflos mit seinen nassen, zitternden Händen. „Halt, Leute, nicht bange sein!" ertönte eine Stimme aus dem allgemeinen Wirrwarr, und anfangs einzeln, dann in dichten Massen kamen wieder Menschen an Arsenjew vorüber- gerannt, die ihn mit fortrisien. Scharfe Wut packte Arsenjew: ihm war unerträglich weh, er wollte schreien und vorwärtslaufen. Weit vorne stand quer auf der Straße, schwarz auf dem bläulichen Schnee schimmernd, ein unbeweglicher Streifen von Feinden. „Brüder, schießt nicht, Brüder I... Ihr gehört doch zu uns!" schrien die Leute, die vor Arsenjew voraufliefen, durchdringend und ermunternd, und dann stockte alles so plötzlich, daß Arsenjew auf einen breiten, schwarzen Rücken hinaufflog. „Gleich wird geschossen," sagte jemand neben ihm ganz ruhig. Arsenjew wandte sein blutbeflecktes, entsetztes Gesicht um und wollte etwas erwidern so sonderbar und abge- schmackt kam ihm diese Bemerkung vor— ober in diesem Augenblick zerriß ein trockenes, mächtiges Knattern die Lust. Irgendwo vorne zuckten lange, gelbe Blitze auf und nicht in den Ohren, sondern gleichsam im Herzen ertönten sonderbare Töne, als wenn etwas mit Klatschen und Pfeifen wirbelnd über den Köpfen dahinflog. Vielstimmiges wüstes, erstauntes Geschrei ertönte, dann folgte langgcdehntes, lautes, müh- sames Stöhnen. Der große Mensch im Paletot mit Lammfellkragen, der neben Arsenjew stand, zuckte sonderbar mit beiden Schultern und setzte sich plötzlich schwer in den Schnee. Seine Mütze rollte Arsenjew unter die Füße. Hinter ihm packte jemand kurz und fest seinen Arm. ließ ihn los und fiel dann schwer und stöhnend nieder. Vorne schlug ein Weib erstaunt die Hände zusammen und fiel dann der Länge nach vorn über. Ringsum wurde mit einemmal alles licht und senkte sich unförmlich und schrecklich nieder. Alle diese Eindrücke schnitten mit unerträglicher Ge- schwindigkeit in Arsenjews Hirn, als wenn ihm jemand ein scharfes Melier in den Kopf stieße und. darin umdrehte. Aber da war noch etwas, offenbar die Hauprtsache, die er nicht der- stand. Das war so unsinnig schrecklich und abscheulich, daß es nicht in das Bewußtsein hineinwollte. Und das war das Ent- setzlichstc. Vor den Augen schwankte ein qualvoll roter Nebel. Sofort wurde die Luft zum zweiten- und drittenmal von betäubendem Krachen zerrisien, vorn zuckten wieder gelbe Blitze auf, jemand ergriff Arsenjew an der Hand, warf sich mst dem Gesicht auf die Erde und riß ihn ebenfalls nieder. Arsenjew fiel mit dem Kops auf den Schnee und verlor wahr- scheinlich lange das Bewußtsein. Sein Gehör registrierte im Gedächtnis noch schwach ein entferntes Krachen, Pfeifen, Schreien und Niederfallen. Dann trat kalte, öde Stille ein... Als Arsenjew den Kopf erhob, sah er gerade vor sich eine große, rote Blutlache und ein klebriges, blutiges Knäuel, aus dem Haar und Knochen hervorragten. Ringsum herrschte Leere. Einzelne schwarze Gestalten liefen noch schreiend und mit den Armen fuchtelnd irgend wo hin. man konnte aber schon nicht mehr unterscheiden, ob sie vor- oder rückwärts liefen: Arsenjew hatte den Eindruck, als wären sie verrückt. Ueberall war festgestampfter weißer Schnee, unbewegliche schwarze Flecke und Blut. Hier stöhnte jemand abgerissen und schrecklich: dort kroch jemand, zerfetzt und zusammengeballt, wie eine zerquetschte Fliege, die einen blutigen Schmutzstreifen hinterläßt, über den Schnee. Was weiter, vorne und rückwärts war, sah Arsenjew nicht. Tödlicher Schrecken und entsetzlicher Jammer ergriffen ihn. Mit krampfhafter Anstrengung stürzte er dem Menschen nach, der iiber den Schnee kroch, holte ihn ein, packte ihn unter die Achseln und begann ihn aufzurichten. Jetzt kamen von allen Seiten andere Leute gelaufen, und einer von ihnen begann, Schulter an Schulter mit Arsenjew, den Verwundeten zu stützen und fortzuschleppen. Der zer- schlagene, blutüberströmte Mensch stöhnte leise, zuckte fort- während zusammen und sah sie schon mit ganz sinnlosen Blicken an. Arsenjew wußte nicht, ob die Menge sich ihnen entgegenbewegte, oder ob sie zur Menge gingen, aber in der nächsten Minute faßten schon viele, hilfsbereite Hände zu, und der Verwundere wurde als eine schwere gewichtige Masse auf einen kleinen kurzen Droschkenschlitten gelegt. „Der ist tot," sagte jemand. Arsenjew ließ die Hand des Menschen fahren, sie sank hilflos herab und blieb unbeweglich. „Gleich verliere ich den Verstand!" wuchs in seinem Ge- Hirn ein kristallklarer, warnender Gedanke, und gleichzeitig fühlte Arsenjew. daß in der Tiefe seiner Seele etwas Riesiges, Ewiges, Festes entstand, nachdem etwas anders für immer gestorben war. „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher!" hörte er. Und sofort ertönten zahlreiche, heisere, rohe, schreckliche Stimmen, die ihren feierlichen, verzweifelten Kummer immer höher und höher in die Luft sandten. Der Schlitten kroch langsam über den weißen Schnee, und der bläuliche Totenkopf mit zugeklebten, trüben Augen schwankte ernst und traurig, während ringsum der disharmo- nische, halb lächerliche, halb unaussprechlich schreckliche viel- stimmige Gesang erscholl:„Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!..." Ein schreckliches, unverständliches Gefühl schnürte Arsen- jew die Kehle zusammen: er konnte nicht mit all den andern gehen und lehnte sich schwankend gegen die Wand. Schon brach die Dämmerung herein, die schwarze Menge wogte langsam von ihm fort, floß mit der traurigen blauen Dämmerung zusammen, und durch die Abendluft hallte über der unabsehbaren wirbelnden Menge der drohende, geheimnis- voll traurige Gesang... Arsenjew ging nach Hause. Er ging ohne Mütze, murmelte etwas vor sich hin, schritt ungleichmäßig, langsam vorwärts. Licht blitzte auf, Menschen rannten schreiend und trampelnd vorüber, wandten ihm ihr blasses, erschrecktes Gesicht zu und verschwanden in der Abenddämmerung. II. Nachts fuhr Arsenjew in einem Schlitten, der schnell iiber den unebenen Schneeboden dahinglitt, wieder durch die Straßen der lautlosen Stadt. Die gelben Laternen zogen sich als goldene Kette in eine unbekannte Ferne, und die Finsternis hing dicht über ihnen. Hinter Arsenjew blieb das öde. dunkle Stadtviertel, in bas Sascha nicht zurückgekehrt war. Vorne erwartete ihn unentrinnbarer Jammer und schwerer dichter Schrecken. Wenn man Arsenjews Seele hätte öffnen können, würde sein Kummer, sein Schrecken und ferne Verzweiflung vielleicht die ganze Welt erfüllt haben' in Wirklichkeit sah er ruhig, friedlich auf dem Rande der Schlittenbank und blickte un- verwandt auf den vorüberflkgenden Schnee: so ungeheuer war die Leere ringsum und so wenig Platz nahm seiner Mei- nung nach seine dunkle, schweigende, ohnmächtige Gestalt in dieser Leere ein. Ein berghohes, riesiges Gebäude, das Krankenhaus. tauchte hinter einer Stratzenbiegung vor ihni auf und rückte schnell näher. Der Schlitten hielt. In den Krankenhauskorridoren herrschten Leere und Helligkeit. Ein erstickender Krankengeruch lag in der Luft, und man traf überall Menschen in weißen, sauberen Kitteln. Einer gab Arsenjew ein Blatt Papier mit den Namen der Verwundetem Er überflog es blitzgeschwind mit den Augen, konnte aber nichts fassen, als ob er das Lesen verlernt hätte. Neben ihm stand der Mensch in weißem Kittel und wartete bekümmert. «Hier ist sie nicht.. sagte Arsenjew endlich dumpf. „Nein." Arsenjew schüttelte den Kopf, der so schwer war, das er das llcbergewicht bekam und den ganzen Körper in Schwanken brachte. Sprechen konnte er nicht, weil ein dicker, runder Kloß in feiner Kehle saß. Hieraus führte man ihn in den Korridor zwischen toten elektrischen Bogenlampen hindurch und öffnete eine Tür. In dem schwarzen Türviereck stand Finsternis. Jemand ging an ihm vorüber, strich mit der Hand an die Wand und die Finsternis verschwand mit schwachem Knacken. «Schluß folgt., (J!a<5Snitf»«tofenj 131 Der Totengräber. Bon Josef Ruederer. Friedl zuckte zusammen. Zehn llhrl Und immer noch nicht hatten sie ihn heimgebracht! Jetzt mußte er sich selbst überzeugen. was mit dem Alten war. Länger duldete es ihn nicht mehr im Haufe. Er ging zum Godinger. Wie ihm das Sonnenlicht auf die Finsternis der Nacht so blendend in die Augen stach, als er die Dorfstraße entlang schritt! Jedem Menschen, dem er begegnete. sah er fragend in? Geficht, denn er meinte, man müßte es ihm Von allen Seiten zurufen: „Du, Dein' Bater haben's'rauszogen drunten am ersten Wehr!" Aber alle gingen teilnahmslos an ihm vorüber und brummten «ur ei» verdrießliches„Grüß Gottl" Auf der Brücke hielt der Friedl ein und sah auf die stürnienden Wasser hinab. Gelb und schmutzig kamen sie her, und weit hinaus verloren sie sich in die überschwemmten Ufer. Wohin mochten sie den Großvater getragen haben? Vielleicht konnte ihm der Godinger doch etwas mitteilen. „War mei Bater gestern da?" fragte er. als er in die schmutzige Spelunke trat. „Ja, dei Vater war da," brummte er. „Wann is er denn fort?" forschte der Friedl weiter. Der Wirt dachte nach. „Des wird so um a eise g'wesen sein", meinte er endlich. „So lang is er blieben?" „Der Andredl is ja net kommen, auf den hat er alleweil g'wart't." Friedl atmete schwer. „Der Andredl hat sich derfalln heut Nacht." «So? Wie hat er denn des ang'fangt?" „Des sag i Dir a anders Mal. Jetzt will i wissen, wo der Baier is.'� Der Wirt zuckte die Achseln und deutete auf den Ofen. „Da hat er g'hockt, und alleweil brummt und«'schimpft hat er." „Hat er stark g'laden gchabt?"" fragte der Friedl. „Er hat scho g'rad g'nug g'habt." „Drum!" „Is er net heimkommen mehr?" „Na, eben net." „No, nacher wird's'n scho'nuntcrg'haut haben in' Bach", meinte der Wirt, ohne eine Miene zu verziehen. Das glaubte der Friedl jetzt selbst. Nachdenklich scharrte er mit dem Fuß auf dem schmierigen Boden. Der Wirt betrachtete ihn von der Seite. Ein höhnischer Zug spielte um seinen Mund. „Mußt Dir'S net z' stark z' Herzen nehmen." Friedl fuhr auf. „Was geht Dich des an, wie i über mein Bater denk. Du alter Esel. Du." Godinger lachte spöttisch. „Mi geht'S nix an", meinte er sehr ruhig. Aber deö kann i Dir sagen, Totengräber: I bin fünfasechz'g Jahr alt und bin froh, daß mei Letzter, der mi no blieben is, im Zuchthaus hockt. Sonst tat er mi a'nunterdrucken in die Gruben, wie jeder andere im Dorf sein Bater. Aber da hat's gute Weg! Der tragt sichre Eisen an die Füg und kann net'raus. Erst in fünf Jahr lassen'S'n laufen, und bis dahin hat's mi scho lang fort gTjolt. Da is mir's nacher Wurscht." Er zog seine Dose und nahm eine gehörige Prise. Friedl er- widerte nichts mehr. Er hatte den Godinger groß und verwundert angeschaut, wie einen Prediger, der einen Satz aus dem Evan- gelinm dem staunenden Volke verkündet. Einer Antwort war er nicht fähig gewesen. Nun schlich er mit dem Bewußtsein von dminen, daß ihn der alte Mann, der seinen Sohn lieber im Zucht- haus wußte, um freier atmen zu können, bis ins innerste durch- schaut hatw. Unruhig wanderte er den Dach auf und nieder und blickte unter die Wcidenbüschc— vom Großvater keine Spur. Er ging an daS obere Wehr, wo eine Sögemühle stand und fragte die Arbeiter— er schritt am Fluß entlang eine ganze Stunde ins freie Feld hinaus. Alles umsonst. Wo war der Alt«? Bon nagenden Gedanken verfolgt, bewegte sich der Friedl ein paarmal im Kreise herum. Dann ging er inS Dorf zurück und erstattete Anzeige beim Ortsvorftand. Dort bekam er Unterstützung von mehreren Holzknechten, und nun begann die Suche wieder von vorn«. Eine Menge Dörfler begleitete sie. Der Abgang des Alten war bekannt geworden, und in kurzer Zeit eilten Manner. Weiber und Kinder stromauf-- und stromabwärts vom Mittag vis zum Abend. Da gab man die vergeblich« Mühe auf und suchte nicht weiter. Langsam ging Friedl nach Haus« und setzte sich mit stieren Augen in die Eckstube an die Leiche des KindeS. Wo war der Alte? Wo war er? Die Wellen des Gießbachö mußten ihn ja unfehlbar zu Boden geschleudert und in der nächsten Sekunde erstickt haben, aber die Leiche, wo war die Leiche? DaS schnell treibende Wasser ging nicht tief— es hatte ihn entweder zum Wehr getrieben oder ans Ufer gespült. Und doch war er nir- gends zu finden. Die ganze Nacht blieb der Friedl an dem offenen Sarge, der einzigen Stelle, wo er noch«in bißchen Ruhe finden konnte. Einmal hatte er beim Schein des Totenlichts fragend zum Herrn Meier emporgesehen, aber da war ihm ein furchtbares Grauen angekommen vor dem knöchernen Freunde. Schnell hatte er wieder die Augen gesenkt und den Schatten des Baters verfolgt. Wo war der Alte? So schrie es immer lauter in ihm. Alle Wege des Dorfes, alle Winkel und Büsche ging er im Geiste noch einmal ab, und überall meinte er. müßte der Alt« liegen. Aber nirgends war er zu sehen. Friedl klopfte mit beiden Fäusten gegen den Schädel und rang nach Luft. Plötzlich fühlte er. daß er den Gedanken nicht mehr zurück- halten konnte, der ihm gleich aufgestiegen war, als man die Leiche am Wehr nicht finden tonnte. Damals hatte er ihn mit aller Entschiedenheit zurückgedrängt, aber jetzt kam er wieder und bohrte sich tiefer von Stunde zu Stunde. Der Alte lebte noch! Und als ihn das übermannte wie mit einer felsenfesten Sicher- heit, an der es nichts zu rütteln gibt, da konnte er sein wteS Kind nicht mehr anblicken, sondern krampfte die Hände vor das Gesicht. Wenn alles umsonst wäre, wenn sich der gräßliche Traum erfüllte und der Alte etwa zurückkehrte? Den Friedl litt es nicht mehr tm Zimmer. Er stand auf und rannte eilends hinaus in den dämmernden Morgen. Noch einmal lief er den Bach ab. Die Gewässer waren ein Weniges zurückgegangen, aber immer noch tobten sie mit heftigen Wellenschlägen durch die Brücke. Friedl wollte sich die Augen heraussehen. Es war das verzweifelte Suchen eines leicktsinnigen Spielers, der das Letzte darangegeben hatte, um wenigstens den Einsatz zu retten. Aber, wie er auch suchte, der Alte zeigte sich nicht. Dafür stieg eS immer schrecklicher, immer deutlicher in Friedl empor: Er lebt noch, er lebt noch! Gut denn, so wollte er die umliegenden Dörfer abfragen. Hatte es den Großvater wirklich verschont, und war er die Straße hinausgewandert, dann mußte man ihn doch noch erfragen können. Und wieder suchte der Friedl einen ganzen, langen T-g. Stumpf und müde kam er am Abend von seiner Wanderung wieder zurück. „Nix is, weit und breit nix", sagte er, als er zu seiner Frau ins Zimmer trat. Sie lag ganz erschöpft auf ihrem Bett. «Hast nix g'hört?" „Kein Mensch hat'n g'sehn." „Also is er tot." „Na, der Vater lebt", sagte er fest. „Um Gotteswillen, wo soll er denn sein?" „Ja, des weih kei' Mensch." Er trat an das offene Fenster und blickte hinaus in die nun mächtig einfallende Dunkelheit. Die Frau unterbrach die tiefe Stille. »Der Herr Pfarrer war ba*. sagte sie zögerend,»und morgen MU sieben Uhr is die Beerdigung." Der Fried! stierte sie blöd an. „ikmn Vater?" fragte er. „Vom Vater?— Vom Andredl!«..Mutzt scho bald an d'Arbeit gehen", fügte sie bei. Also das stand ihm noch bevor. Das Grab für den Jungen zu graben! Er hatte sich'S leider gedacht. Mit schweren Schritten ging er zur Türe. Sie hielt ihn mit einer matten Geberde zurück. „Du", sagte sie ängstlich,„es dauert nimmer lang mit mir." Friedl seufzte. „Latz das Fenster offen. Und wenn d'Schmerzen kriegst, rufst mir! Dann lauf i ins Dorf nunter." Er ging in seine Stube hinab, holte Hacke und Spaten hervor und zündete eine Laterne an. Dann ging er hinaus in die kalte, sternklare Nacht. Aber er trat nicht mehr auf wie vor wenigen Tagen, wo er den alten Mödlinger zugedeckt hatte, ein gebrochener Mann wankte durch die Gräberreihen. Mechanisch schleifte er die herabhängenden Werkzeuge nach, und jeden zweiten Schritt stolperte er über Steine und Ecken. Das Licht der baumelnden Laterne huschte unsicher über den Jrrgang der Kreuze und Steine hinweg. einen Weg wies es ihm nicht. Allmählich ward es dem Friedl, als ginge er in einem ungeheuren Wald, wo er nicht mehr vor und nicht mehr zurück wuhte. Planlos wanderte er weiter, immer im Kreise herum, ohne Ziel, ohne Ende. Grabhügel trat er zusammen, Kreuze ritz er nieder, Weihwasserkessel stieß er um, und endlich rannte er mit aller Wucht an einen Zaun, daß es laut krachte in dem dürren, verwitterten Holz. Da kam er zur Besinnung und sah sich um. Das war ja der stille Winkel! Wahrhaftig! Dort unten ruhte sein erstes Kind und der alte Hafenbindcr Der Friedl leuchtete hinein in den öden Platz und wollte wieder von bannen gehen. Heut brauchte er ja nicht ungeweihte Erde auf- zureihen, o nein, der Andredl durfte drüben bestattet werden im Familiengrab des Totengräbers unter Gebeten und Grabgesang, er war ja christlich gestorben, der arme Tölpel! (Schluß folgt.) Mnterenäe und frübUngaanfang. Von Dr. Richard Hennig. Wann fängt eigentlich im deutschen Tiefland der Frühling normalerweise an? ES ist seltsam genug, datz man auf diese Frage durchaus keine klare, einheitliche Antwort zu geben ver° mag. sondern nur eine solche, die mit allerhand Wenn und Aber verbrämt und verklausuliert ist. Als Frühlingsanfang gilt im bürgerlichen Leben bekanntlich zumeist der 21. März, d. h. der astronomische Frühlingsanfang, der dadurch gekennzeichnet ist, datz die Sonne den Aequator passiert und ins Tierkreiszeichen des Widders eintritt. Aber die astronomischen Jahreszeiten brauchen bekanntlich mit den meteorologischen durchaus nicht über- einzustimmen, wie ja allein schon daraus hervorgeht, datz der Höhepunkt de? Sommers und deS Winters ganz und gar nicht mit dem höchsten bezw. tiefsten Stande der Sonne an, 21. Juni und 21. Dezember zusammenfällt. So hat auch die Wissenschaft der Wetterkunde und der Lehre vom Klima eine von der astronomischen Einteilung der Jahreszeiten beträchtlich abweichende Definition de? Jahreszeitenbegriffes geschaffen, und zwar pflegt man die drei kältesten Monate Dezember. Januar und Februar als Winter. die drei heitzesten Juni. Juli und August als Sommer und die verbleibenden Monate März, April und Mai als Frühling, Sep- tember, Oktober und November als Herbst zu bezeichnen. Diese Einteilung ist für die Gliederung unserer klimattschen Vorgänge im Jahresoerlauf im allgemeinen auch ungleich treffender und brauchbarer als die astronomische, die lediglich von gewissen, prak« tisch ziemlich belanglosen Vorgängen am Himmel ausgeht. Wenn somit der Astronom uns erklärt, der Frühling beginne am 21. März, wird der Meteorologe mit nicht geringerem Recht uns darüber belehren, daß der Winter am 28. bzw. 29. Februar aufhört und der Frühling am 1. März anfängt. Für die rein praktischen Be- dürfnisse wird die meteorologische Einteilung der Jahreszeiten unbedingt vorzuziehen sein, wenn gleich die astronomische, die auf ein sehr viel ehrwürdigeres Alter als jene zurückblickt, sich un- gleich mehr im Publikum eingebürgert hat. Immerhin find diese theoretisch abgeleiteten Jahreszeit- einteilungen nur in beschränktem Matze praktisch brauchbar. In arktischen Regionen oder auch in den deutschen Gebirgen wo viel- leicht noch regclmätzig bis tief in den Mai hinein eine tiefe Schnee- decke liegt und Temperaturen unter Null Grad beinahe die Regel darstellen, kann man nicht wohl davon sprechen, datz im März, wenn lO und 20 Grad Kälte die normale Temperatur darstellen. „Frühlingslüfte" wehen, obwohl die astronomische und meteoro- logische Einteilung der Jahreszeiten auch für diese Gegenden ihre volle Berechtigung hat. Und ebenso hat sie Geltung für die tropi- scheu und subtropischen Länder, in denen die kälteste Jahreszeit es noch immer mit dem Hochsommer unserer Zonen aufnehmen kann, obwohl unser Begriff der„F- ihlingslüfte" für«ine Gegend ewigen Sommers auch wenig passend erscheint. Wenn wir also die Frage aufwerfen, wann hier bei tmS im deutschen Tiefland der Frühling normalerweise seinen Einzug hält, so müssen wir von der jahreszeitlichen Einteilung, wie sie die Gelehrten festgelegt haben und die für alle Länder der Erde gleichmäßig Geltung hat, vollkommen absehen. Vielleicht empfiehlt es sich daher, die Frage für unser Klima etwas präziser zu formulieren: wann beginnen in Deutschland in der Regel die wohlbekannten, vielgepriesenen„Frühlingslüfte" zu wehen? Ge- schieht dies schon zumeist vor dem„offiziellen" Frühlingsanfang, am 21. März, oder erst später oder etwa gerade gleichzeitig? Wenn man die Frage in dieser Form stellt, so begreift man, datz die Antwort völlig anders lauten kann— denn die milden, wohltuenden Lenzlüfte sind in ihrer Eigenheit zu unverkennbar, als datz man über den Sinn der Frage im Zweifel sein könnte.— Tatsächlich wird auch jeder eine Antwort zu geben versuchen, aber der Inhalt dieser verschiedenartigen Antworten scheint ungemein stark zu wechseln. Manche Leute, die sich ärgerlich daran erinnern, wie sie oft genug gezwungen waren, bis in den April und sogar noch in den Mai hinein ihre Oefen zu heizen, werden erklären, datz man vor Mai kaum auf die„linden Lüfte" rechnen könne. die llhland so schön besungen hat. Andere wiederum werden eS als selbstverständlich betrachten, datz sie spätestens von Mitte Februar an Anspruch auf die sogenannten Frühlingslüfte haben, also etwa von der Zeit an, wo die Zunahme der Tageslänge am meisten sinnfällig ist und die Wiederannäherung der warmen Jahreszeit ankündigt. Wann ist nun aber in Wirklichkeit auf das erste Auftreten der linden Lenzlüfte zu rechnen? Run, eS braucht wohl kaum besonders betont zu werden, daß in den einzelnen Jahren dieser Zeitpunkt außerordentlich stark variiert. Es kommen Jahre vor. in denen schon der Februar. meist erst in seiner zweiten, aber gelegentlich, z. B. im Jahre 1899, auch schon in seiner ersten Hälfte, ausgesprochen frühlings- warme Tage bringt. So war eL in den letzten 25 Jahren, z. B. 1835, 1899, 1903 und ebenso jetzt 1910. Freilich darf man in der» artigen Fällen, auch wenn die Witterung noch so warm und schön ist, kaum jemals darauf rechnen, datz sie nunmehr auch bis in den Sommer hinein unverändert mit gleich hohen Tempera» turen anhalten wird, sondern auf die sehr zeitig austretenden Frühlingslüfte folgt fast ohne Ausnahme noch einmal ein sehr energischer Rückfall in die Winterkälte. An den ungewöhnlich warmen und prachtvoll schönen Frühlingsmonat im Februar 1899 schloß sich ein zeitweilig empfindlicher März an, der sogar meist erst die tiefsten Frostgrade des im übrigen recht milden Winter? brachte. Und den warmen Februartagen 1903 reihte sich zwar ein noch herrlicherer und wärmerer Märzmonat an, aber dann, als man schon mitten im Sommer zu sein glaubte, gab es im April einen nochmaligen, höchst lästigen Vorstoh deS Winters, und am 19. April tobte in Norddeutschland einer der heftigsten Schnee» stürme, die daselbst seit langer Zeit vorgekommen waren. Im März ist ein ausgesprochenes FrühlingSwetter natürlich wesentlich häufiger zu verzeichnen, als im Februar, immerhin doch auch noch keineswegs so regelmäßig, wie man wohl vielfach an» nehmen wird. Die Fälle, datz der März im ganzen oder doch im größeren Teil seines Verlaufes ein wirklich schöner Frühling?» monat ist, sind keineswegs die Regel, während allerdings einige wenige Frühlingstage nahezu in jedem März hier und da vor» kommen. Datz aber der März in seinem Verlauf größtenteils frühlingswarmeS Wetter brachte, hat sich doch in den letzten fünf» zig Jahren nur vereinzelt gezeigt, 1861. 1862, 1871, 1872, 1882, 1890. 1896, 1903. Umgekehrt find die Fälle kaum minder zahlreich, in denen der März noch als ausgesprochener Wintermonat zu be» zeichnen war. Es brauchte hier za nur auf den schlimmen März des Jahres 1888 hingewiesen zu werden: war auch dieser Monat nicht ganz so kalt, wie er in der gern übertreibenden Legende mit Vorliebe dargestellt wird, so war er doch bösartig genug: lag doch am Tage des astronomischen Frühlingsanfangs in Norddeutsch» land noch fast überall eine ungewöhnlich dicke Schneedeckel ES hat aber auch noch kältere Märzmonate in Deutschland gegeben als 1888: die Jahre 1883, 1853 und ganz besonders 1845 bescherten Mitteleuropa noch wesentlich kältere Märzmonatc. Der letzt- genannte März insbesondere brachte in Rorddeutschland Mittel» temperaturen, wie sie einem schon recht strengen Dezember oder Januar angemessen sind, das Thermometer sank bis unter 20 Grad Kälte, und die Schneedecke lag ohne Unterbrechung bis zum 23. März, worauf ein plötzlich einbrechendes Tauwetter ungeheure Ueberschwemmungen hervorrief. Auch 1886 brachte noch ein paar ungemein kalte Märztage, mit denen sich die berühmt kalten Tage im März 1888 nicht vergleichen konnten. In derartigen Jahren kann natürlich von Frühlingslüften im März noch nicht wfffjl die Rede sein, wenngleich gerade der berüchtigte März 1888 insofern eine Ausnahme machte, als er gegen Monatsschlutz ein paar sehr warmr und schöne Tage, am 29. sogar ausgedehnte und kräftige Hitzegewitter heraufführte. Im April find dann jedoch die Frühlingßlüfte selbstverständ« lich eine normale und kaum jemals völlig fehlende Erscheinung, wenngleich die Frühlingswärme sich noch nicht gerade durch große Beständigkeit auszeichnet: der bekannte Ausdruck Aprilwetter be- sagt zur Genüge, daß die Frühlingsfreuden noch oft genug durch hätzlich kalte Regen-, Graupel» und selbst Schneeböen unterbrochen zu werden pflegen, an denen in sehr zahlreichen Jahren selbst der Monat Mai noch empfindlich zu kranken pflegt. Sind doch leider selbst ausgesprochene winterliche Witterung?. Vorgänge im Mai noch ziemlich häufig zu. verzeichnen. 1864, 1880 (am 19. Mail), 1888, 1892 sank z. B. das Thermometer noch an den meisten Stellen Rorddeutlchlands im Mai mehrere Grade unter den Gefrierpunkt, und Schneefälle im Mai find eine nur noch gar zu häufige Erscheinung; ja, selbst in der zweiten Hälfte des Mai sind sie noch nicht endgültig und sicher verschwunden; so schneite es in der Mark Brandenburg im Jahre 1908 noch am 19. Mai, 1867 am 24., 1864 am 23. Mai, 1837 am 2. Juni und 1821 sogar noch am 21. Juni, am Tage des astronomischen Sommeranfangs! Faßt man das Gesagte zusammen, so ergibt sich ohne weite- reS das außerordentlich verschiedene Verhalten der einzelnen Jahre in bezug auf Winterende und Frühlingsanfang. Einen-An- spruch" auf das Eintreten der Frühlingswitterung kann man dem- nach eigentlich zu gar keiner Zeit geltend machen: man hat ebenso» gut ein Recht, sie schon zu Anfang Februar zu erwarten, wie man sich nicht über eine Ungerechtigkeit des Schicksals beklagen darf, wenn sie bis Ende April und selbst noch zu Anfang Mai aus- bleiben. Jedenfalls tut man gut, seine Erwartungen auf Früh- lingsanfang in Deutschland nicht zu hoch zu spannen und sich auf jede nur denkbare Form der Enttäuschung gefaßt zu machen. Immerhin belehren uns die Tagesmitteltemperaturen, daß man im allgemeinen etwa in der zweiten Hälfte März, also zufälliger- weise etwa gerade zur Zeit des astronomischen Frühlingsanfangs, auf einen besonders raschen Anstieg der Tagestemperaturcn zu hoffen ein Recht hat. Beträgt doch z. B. in Berlin der normale, aus langjährigen Beobachtungen berechnete Durchschnitt der Tagcstemperaturmittel am 15. März noch erst 8 Grad Celsius, am 1. April hingegen schon 7 Grad Celsius. Das ist ein deutliches Kennzeichen, daß um diese Jahreszeit zumeist der Winter seine Herrschaft an den siegreich vordringenden Frühling abzutreten Pflegt! kleines f cuilleton. Rotes Wasser. Der-Kosmoshandweiser" schreibt: Jedermann weiß, daß das lange, schmale Meer zwischen Arabien und Afrika das .rote" Meer heißt. Die große Mebrzahl der 2— 300 000 Neisenden, die alljährlich diesen Weg na» Ostindien und Ostasicn zurück- legen, wird aber diese Bezeichnung für ganz unbegründet erklären. Nichtsdestoweniger ereignet es sich bei ganz stillem Welier, daß große Strecken dieses Meeres niit einer röt« licken oder gelbliche» Farbenichicht überzogen werden, so daß man den Eindruck hat. als fahre das Schiff durch Blut. Wer diesen eigenartigen Anblick einmal gehabt bat, vergißt ihn so leicht nickt wieder. Dicht an der Küste, namentlich in den geschützten Buchten, ist die rötliche Farbe ganz allgemein. Diese seltsame Erscheinung rührt von einer mikroskopischen Alge her, die im Wasser oft in ungeheueren Mengen vorkommt, vielfach in aufgelöstem oder schon vcriaultem Zustande. Auch an der indischen Küste bat man diese Rotfärbung schon beobachtet, und ebenso vor einigen Jahren an einem ganz entgegengesetzten Punkt der Erde, nämlich bei Rbode Island in Nordamerika. Die Algen traten dort in solchen Mengen auf, daß das Wasser undurchsichtig wurde, und die verfaulten Pflanzenmengen verbreiteten einen wider- lichen Geruch, während zugleich viele Fische abstarben, eine Er- scheinung, die auch im Roien Meere schon öfters beobachtet wurde. Der Gedanke, daß die erste der ägyptischen Plagen, von der im zweiten Buch Mose? die Rede ist, derselben Ursache entsprach, liegt nahe. Anthropologisches. Da? Hirn wachst» m im Kindesalter. Da? edelste Organ des menschlichen Körpers, das Gehirn, verhält sich hinsichtlich seines Wachstums auffallend anders als unsere übrigen Organe. Sein HauplwachStum ist schon sehr früh, schon bald nach Vollendung des vierten Lebensjahres beendet, während unter übriger Körper be- kanntlich ziemlich gleichmäßig noch bis zlim 20. bis 25. Lebensjahre an Größe zuzunehmen pflegt. Nach dem vierten Jahr nimnit das Gehirn nur noch um etwa 60 Gramm an Gewicht zu: sein gröberes Wachstum ist also schon in frühester Kindheit beendet, während danach die feinere Ausgestaltung statthat, die gleichzeitig mit der Jntelligeiizentwicklung einhergebr. Durchschnittlich wiegt beim er- wachscnen Manne das Gehirn 1375 Gramm, beim erwachsenen Weibe 1245 Gramm. Für den Neugeborenen wurden folgende Mittelzahlen sestgestelll: daS Gehirn des Knaben wiegt bei Geburt 340 Gramm, das des Mädchens 330 Gramm. Danach beginnt ein unverhältnismäßig schnelles WachStum, indem schon bis zlmr neunten Monat eine Gewichtszunahme des GehiruS um 300 Gramm beim Mädchen, um 350 Gramm beim Knaben erfolgt. Mir zwei Jahren wiegt das kindliche Hirir schon gut 1000 Gramm und mit vier Jahren schon etwa 1200 Gramm mit geringen Unterschieden beim männlichen und weiblichen Geschlecht. Danach wächst es noch sehr langsam mit einer Gewichttzunahine von insgesamt 60 Gramm und erreicht gegen Ende des 20. Jahres in beiden Geschlechtern seine Marimalichivere. Bis zum 60. Jahre bleibt daS Gehirn auf diesem Höhepunkt und nimmt mit zunehmendem Alter dann meist um 80—90 Gramm an Gewicht ab insolge der Altersatrophie. In charakteristischer Weise macht sich das eigenartige Wachstum deS Gehirns bei der Schädel» enrwickelung gellend. Für den normalen Menschen sind folgende Zahlen, die jeweils den größten Schädelumfang bestimmen, maß» gebend: Ende des 1 Monats beträgt der größte Schädelumfang 36 cm m»!■ Jahres»»»». »»2.»»•»»• �8» Nach dem 5. Lebensjahr vergrößert sich der Schädelumfang nur noch sebr wenig in jedem Jahr entsprechend der geringen quantt» tativen Zunahme des Gehirnes und erreicht in späteren Jahren eine Ausdehnung von 52— 52'/» Zentimeter. In wieviel höherem Maße der übrige Körper in späteren Jahren wächst als daS schon früh zur Enlwickelung gekommene Hirn, geht am deutlichsten daraus her- vor, daß das Gehirn des Neugeborenen 14.34 Prozent des Gesamt« gewichtes beträgr, wäbrend beim Erwachsenen das Hirngewicht nur 2,37 Proz. des Gesamlkörpers ausmacht. Je älter das Individuum ivird, desto mehr bleibt das Hirnwachstuin im Verhältnis zum übrigen Körper zurück. Aus diesen eigentümlichen Wachsrumsverbältnisien des Gehirns lassen sich nun leicht gewisse, durch die Tatsachen be- stängte Schlüsse ziehen. Wenn ein Krankheitsprozeß das Gehirn be» fällt zu einer Zeit, da sein Wachstum schon größtenteils beendet ist, und Hirniubstanz zerstört hat, so läßt sich dieser Verlust nicht wieder ersetzen, und hat darum meist eine Schädigung der imelleltuellen Fähigkeiten des Individuums zur Folge. Dies ist namentlich häufig beim erworbenen Wasserkopf, der eine Begleiterscheinung mancher Hirnkrankheiten ist, der Fall. Ist wirklich Wasser an Stelle der Hirniubstanz gerreren, so muß es, wie leicht verständlich ist. zu einer irreparablen Schädigung deS Ge» birnS und damit unserer Verstandeslätigkeit kommen; denn daS Gehirn, namentlich seine graue Substanz ist der Sitz unserer intellektuellen Fähigkeiten. Alle Eiudrücke, die wir von außen empfangen und verinöge unserer Sinnesorgane aufnehmen, werden im Gehirn zu Empfindungen und Vorstellungen erst ver» arbeitet, durch deren Kombination dann unsere Verstandestätigkeit zustande kommt. Ist hingegen ein Krankheitsprozeß in sehr früher Zeil, noch vor dem 4. Lebensjahr, am Gehirn aufgetreten, so ist die Aussicht auf Erfolg durch richtige und rechtzeitige Behandlung, zum Beispiel durch frühzeitiges Entfernen des angesammelten WafferS beim Wafferkopf, noch relativ gut, da zu dieser Zeil das Gehirn noch nicht ausgewachsen und eine Regeneration deshalb noch möglich ist. Nach Vollendung des gröberen HirnwachStums im 5. Jahr findet natürlich erst die feinere Ausgestaltung statt, die einhergebt mit der Entwickelnng unteres Gefühls- und Verstondeslcbens. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß mit jedem Denkprozeß auch äußerst subtile chemische Vorgänge in unserem Gehirn stattfinden, die allmählich die feinste Struktur unseres SeclenorganeS bestimmen. W, Aus dem Gebiete der Chemie. Die Schau mhaltigkeit deS BiereS. Wenn von einem GlaS Bier gesagt wird, es sei schätz so ist die» Urteil gleich» bedeutend mit einer Zurückweisung oder zum tvenigsten mit einer starken Herabminderung des Geichinacks. Die künstliche Ergänzung der Kohlensäure hat zur Vermeidung diese? Mangels auch nicht den gewünschten Erfolg, weil sie verhältnismäßig schnell verfliegt und das Bier dann doch in dem Übeln Znstand zurückläßt, der durch jenes Wort bezeichnet wird. Ein gutes Bier muß eben die Eigenschaft haben, die man in der Brauerei als Schaum» haltigkeit benennt. Sie ist am leichtesten bei stark eingebrouten Bieren zu erzeugen. Da aber die Abnehmer jetzt leichtere Biere zu bevorzugen pflegen und dieser Wunsch mit einem Vorteil der Brauerei übereinstimmt, so werden die Biere im allgemeinen jetzt schwächer gebraur, und damit ist die Schwierigkeit, ihnen eine gute Schaum- haltigkeit zu erteilen, größer geworden. Die Wissenschaft hat durch neue Forschungen festgestellt, warum nach dieser Richlung der Kohlen» iäuregehalt nicht allein bestimmend ist. Es sind dabei noch andere außerordentlich sein im Bier verteilte Stoffe im Spiel, die zu der Gattung der sogenannten Kolloide gehören. Diese stammen nach einer Uebcrsicht, die Bcrry im Journal des englischen Braiierciinstitulö gegeben hat, teils aus dem Malz, teils aus dem Hopfen und sind hauptsächlich Eiweißstoffe. Die Koblenjäure wirkt nur dadurch mit, daß sie die Bildung eines dauerhaften Schaum? durch jene Bestandteile befördert. Dr. Berry hat aus Hühnereiweiß gewisse Präparate hergestellt, die noch in einer starken Ber« dünnung eine» sehr dickiren und dauerhaften Schaum zu bilden vermochten. Auch im Weizen ist ein schaumbildender Stoff ent» ballen, ebenso im Reis. Auf der anderen Seite sind nun auch die Bestandteile des Bieres studiert worden, die der Schaumhaltigkeit enlgegcnlvirken. Sie sind sämtlich von öliger Beschaffenheit und stammen aus dem Fettgehalt der Getreidclörner, während da? flüchtige Ocl des Hopfens keinen nngünstigen Einfluß zu haben scheint. Uebcrschreitet der Säuregehalt des Bieres eine bestimmte Höhe, so wird er gleichfalls für die Schaumhaltigkeit nachteilig. Ebenso kommt es auf den Salzgehalt des zum Brauen benutzten Waffers an. Verantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verragsanstau xarn«mger ür>