Wnterhaltungsblatt des vorwärts A?r. 55. Freitag den 18 März. 1910 4] Em Machdruit verbslen.Z Von M. Arzybaschew. Deutsch von AdolfHeß. (Schlich.) Eisige Kälte lief durch ArsenjewS Körper. Vorn und weiterhin überaS logen Tote. Sie waren nackt, die Körper glänzten bloß und schrecklich. Arsenjew schritt vor und sah in das erste Gesicht. Es war ein riesiger, dicker Mensch mit der massiven gewölbten Brust eines schönen starken Tieres. Der Mann mußte schreckliche Kraft besessen haben. Auf seiner Brust war ein kleiner, dunkelroter akkurater Fleck. „Weiter nichts..." dachte Arsenjew ironisch, ohne seinen Gedanken»u bemerken. Unter der Bank floß eine dunkle Blutlache. Arsenjew blickte stumpfsinnig darauf, stand einen Augenblick still, ging dann weiter und sah jedem Toten ins Gesicht. Sein Blick hatte bereits krankhafte Schärfe gewonnen, das ganze Zimmer schon überflogen und sich die Reihen nackter unbeweglicher Körper mit zurückgeworfenen Köpfen und toten, trüben. weißen Augen ins Gehirn geprägt. Sonderbar, daß sie trotz ihrer Nacktheit so ruhig und unbeweglich lagen, obwohl man sie ansah und Wer sie redete. „Hier ist sie auch nicht," sagte Arsenjew mit demselben dumpfen Ausdruck und verschluckte dabei etwas Schmerz- hastes, das ihm in der Kehle aufstieg. Hierauf führte man ihn aus dem Zimmer hinaus. Das elektrische Licht erlosch, und wieder verschlang Finsternis die nackten Toten, als wenn sie in der schwarzen Leere zer- schmolzen. ES war ganz unbegreiflich, wie dieses blendend Nackte, Fürchterliche. Unnennbare, das selbst nach seinem Ver» schwinden noch vor den Augen stand, so schnell hatte ent- weirhcn können. Arsenjew wurde über den Hof geführt. Der war leer, dunkel und kalt. Dunkle, sargähnliche Gebäude. in deren schwarzer Masse nur hier und da gleichgültige, ver- schlasene Lichter blinzelten, umringten den riesigen finsteren Raum. Der Schnee schimmerte bläulich: hoch, hoch oben flimmerten die Sterne. Bei einem Schuppen mit offener Tür sah man Menschen. Dunkel und hastig hutschten sie hin und her. Aus der Tür schlug Arsenjew ein sanderbarer, widerwärtiger Geruch von geschmolzenem Schnee, Mist und noch etwas Scharfem-Süß» lichen entgegen und erfüllte ihn mit Schrecken. In, Schuppen schwalgte eine Lampe, und ans hölzernen Pritschen lagen Leichen. Zuerst kam es Arsenjew so vor, als wenn es ein Haufen Lumpen wäre. Aber aus diesem Haufen ragten un- bewegliche, schwarze, aufwärtsgekehrte Füße hervor. „Gleich sehe ich siel" schlug plötzlich etwas krampfhaft sicher in Arsenjews Kopf. In den Ohren klang Unheil ver- kündendes Toben und Sausen, als wenn irgendwo tausende entfernter Glocken summten und läuteten. In den Beinen zog qualvolle Schwäche, in der Brust bohrte feiner Schmerz. Arsenjew schwankte, schritt aber doch auf die andere Seite und ging an einem Haufen Toter vorüber, die wie Brennholz aufgeschichtet lagen. Die Arme mit geballten Fäusten ver- sperrten ihm den Weg, er bog ab und ging stumpf vor sich hinblickend weiter: schmutzige Gehirnmasse, die aus einem augenlosen, wie ein Topf leeren Kops geflosien war, fesselte kurze Zeit seinen schreckensweiten Blick: dann sah er langes aufgelöstos Haar: ihm wurde trübe vor den Augen, und er packte mit krampfhaft klammernden Fingern den neben ihm gehenden Aufseher plötzlich mit so umnenschlicher Kraft, daß der erschreckt aufstöhnte. „Das ist sie nicht... Sie nicht... Das ist Kruglikowa, die ist rekognosziert!" schrie eine durchdringende Stimme un- glaublich laut an seinem Ohr, und er sah schon selbst ein unbekountes Toten glicht mit dicken blauen Lippen. Sein Herz schlug entsetzlich heftig, die Augen drangen aus den Höhlen und aus den trockenen, offenen Lippen kam kein Atem. „Das ist sie nicht... die Kruglikowa, sage ich," wieder- holte der Aufseher. Ringsum drängten sich Mensches, die Arsenjew mit blassen, nutleidigen Gesichtern anstarrten. Er kam mit einem Male zur Besinnung, lächelte kramps» hast, und da er fühlte, wie ihm langsam Blut vom Kopf floß, beugte er sich dicht über die Tote. Sie lag friedlich da, hatte die Hände auf der Brust in ihren armseligen Lammfellmuff geschoben. Die Lammfellmütze lag neben ihr: jemand hatte die lange, feine, stachelähnliche Nadel darauf gelegt. „Ach, mein Gott, mein Gottl" stöhnte jemand schüchtern und bebend. Arsenjew sah mit glänzenden Augen den Men- schen an, wandte sich um und ging hinaus. Auf dem Hof empfingen ihn Kälte und der Glanz der reinen, schönen Sterne. Ihr Licht drang aber nicht mehr in sein Gehirn, in dem ein alles erdrückendes und erfüllendes Chaos von blutigen Leichnamen, zusammengekrallten Händen und schrecklich entblößten Zähnen herrschte. In dieser Um» gebung ruhte mit mildem Schrecken das junge, schöne Gesicht mit aufgelöstem Haar und friedlich in den Lammfellmuff ge- schobeuen Händen. Dann bewegten sich wieder gelbe Laternenreihen und hohe Häuser aus ihn zu. die ihn schweigend mit ihren dunklen Augen ansahen. Die Nacht rückte vor und näherte sich dem Morgen, und der Zeit und dem Raum entrückt, gleichsam losgerissen von der ganzen Welt und andererseits von der blutigen Hand deS Todes und Leidens mit fürchterlicher Kraft in ihre Schrecken hineingeMängt, fuhr Arsenjew von einem Krankenhause in das andere. Vor seinen starren Augen, die schon keine Hoff- nung und keinen anderen Ausdruck als tödlichen Schrecken zeigten, zogen ganze Reihen von Leichen, Köpfen mit blauen Lippen, entblößten Zähnen vorüber, die mit Lumpen bedeckt oder in weißes, mit roten Kreuzen versehenes Leinen gehüllt waren, unter dem die Ecken und Vorsprünge der toten Körper sich entsetzlich deutlich abhoben. Es war ein Chaos von Tod und Qual, das ein lebender Mensch nicht verstehen und nicht begreifen kann. Wenn Arsen» Kw die Augen schloß, tanzte vor ihnen in fürchterlicher Geschwindigkeit etwas unnennbar Trauriges, Entsetzliches von entstellten Gesichtern, knochigen Händen, Blut und Schmutz Erfülltes. Es war, als wenn eine unerhörte mächtige Stimme mit unglaublicher Kraft über sie hinschrie, sie rief, bis die armen, entstellten, schrecklich-traurigen, schweigenden Leichen sich wie Blätter im Herbstwind drehten und in ihrem Kummer stumpf die weißen, unbeweglichen Augen in etwas einbohrten und zu einer Tat aufforderten. Ihre Gesichter änderten sich, wechselten unaufhörlich: bald drang ein kleines, schwaches Kindergeschrei, bald ein in die Schultern gesunkener Kopf, der mit scharfen, weißen Zähnen die Lippen biß: bald der blonde Bart eines einfachen, noch im Tode gutmütigen Gesichts: bald runde, nackte, mit leb- losem Haar überschüttete Schultern und eine runde, noch im Tode schamlose Brust in tollem, rasendem Wirbel ins Ge- dächtnis. Aller Glaube, alle Kraft, alle Freude wichen aus Arsen- jcws Innern, und in seinem leeren Herzen war nur stummer, dunkler, grabcskalter Tod. 3. Ein blauer Tag stand hinter den Häusern auf; die hohen Wände schimmerten grau, und die Fensterscheiben glänzten matt. Was Arsenjew sich mit seiner reinen, träumerischen, sanften Seele vorstellte, nämlich ein zerschlagenes, blut- und schmutzbedecktes Wesen, das widerwärtigen, scharfsüßlichen Totcngeruch mit sich brachte,— dieses entkräftete, kleine, nich- tige Ding gelangte kaum bis zu seiner Wohnung. Die hohe Doppeltür tauchte wie mit geschlossenen Augen rätselhaft vor ihm aus. Ein schwaches Klingelzeichen stöhnte, dann verging eine Minute in Sdjweigen und die Tür wurde geöffnet. Hinter ihr gähnte eine Reihe bläulich leerer, noch nicht er- wachter Zimmer mit kaltglänzendem Parkettfußboden. „Fräulein ist zurück," sagte eine bekannte Stimme hastig. „Ahl" Arsenjew schwankte ins Zimmer und stieß stumpf gegen den Tisch. Er legte den Kopf auf die gefalteten, zitternden Hände, fühlte, wie leise Schwäche seine Füße durch- zog und schloß die Augen. Da stieg sofort vor ihm trüber kalter Nebel auf. in dem ein unendlich langer, formloser Totenreigen jagte. -.Waltsr, Teurer, Liebster 1 Wo warst Du?" rief ilzn eine' warme, unendlich liebliche Stimme.„Ich Hab' mich so gequält ... War verhaftet... und Du?" Arsenjew stand schnell auf, faste Sascha mit leiöenschaft- licher Freude an der Hand und blieb plötzlich stehen. Seine Freude starb ohnmächtig. Er hatte das Gefühl, als wenn alles einerlei wäre. Sascha war zurück, aber die frühere Ruhe, das frühere, glückliche, helle Leben würde nicht wieder- kehren. In seine Seele war etwas Neues, Kaltes Entsetz- liches eingezogen, neben den für die früheren stillen Freuden rein Platz mehr war. Graues Licht stahl sich in die Fenster; es war trübe und kalt. Saschas große, dunkle Augen blickten betrübt und mit ganz neuem Ausdruck drein. Und plötzlich ballte Arsenjew mit schrecklicher Kraft die Fäuste, rollte in unaussprechlicher Wut und im Haß wie rasend die Augen und schrie keuchend: „Mein Gott, was ist das nurl... Sascha, liebste Sascha, ich vergesse diese Nacht mein ganzes Leben lang nicht I... Was haben sie getan!... Die verdammten Tiere!" Und er weinte und schüttelte sich ganz zusammenge- 'chrumpft. Alle stolzen, schönen Träume verschwanden aus seiner Seele, die freien, reinen Gedanken stockten. „Mein Liebster, Teurer!" sagte Sascha, weinend, über seinem Kopf.„Was sollen wir tun... Sieh, diese Opfer sind nötig für die Zukunft... die andern haben es dann leichter!..." „Die anderen!..." schrie Arsenjew mit schrecklichem Spott.„Wird denen etwa besser, die jetzt tot sind?... Sie sind doch einmal tot... Und geht es denen schlecht, die das getan haben?..." „Was willst Du?" meinte Sascha, ihm unruhig in die Augen blickend.„Sie kommen auch an die Reihe..." „Ich weiß.. i" erwiderte er, plötzlich lachend, mit eisiger Zurückhaltung. In seinem Gesicht ging eine sonderbare, schreckliche Ver- änderung vor: der schreckliche, ohnmächtig-würgende Ausdruck verschwand. Die Augen wurden groß und rund, und schielten in die Ecke, die Lippen wurden zusammengepreßt, auf den Wangen erschienen rote Flecke. „Walter, was hast Du?" schrie Sascha erschreckt und schüttelte ihn am Arm. Er antwortete nicht, schielte zur Seite und lachte fein. Er schwieg, weil die Raserei der Verzweiflung sein Inneres erfüllte. Er schwieg, obgleich alles in ihm schreien, sie zu Boden werfen, schlagen, alle Menschen vernichten und unaufhörlich schreien und schreien wollte, damit die ganze Welt diese dumpfe, drohende Stimme der Rache und Ver- zweiflung hörte. (Nachdruck drrdoken.I 141 Der Totengräber. Von Josef Ruederer. (Schluß.) Ehe er in den Kirchhof getreten war, hatte der Fried! die tleine Leiche noch einmal betrachtet, und da war es ihm mit der entsetzlichen Frage wieder so heiß durch das Hirn gegangen: Warum? warum? Denn alles war ja umsonst. Der Großvater lebte noch so sicher, als der Andredl nie wieder erwachte. Jede Stunde konnte er wiederkommen, der schreckliche Greis, unter lautem Jammergebrüll nach dem Kinde verlangen und seinem Sohne zum Trotz, Tag aus und Tag ein, wieder die Gräber durchwandern, bis sie selbst auf- sprangen am Tage des Gerichtes. Ein« furchtbare Verzweiflung bemächtigte sich des Totengräbers. Mit geballter Faust schlug er sich an die Brust und stöhnte laut. Hier ruhte sein Erstgeborener, dort im Hause sein letzter aus dem Totenbette, ein unsichtbares Gespenst schlich der Alte über die Erde, und da stand der Vater, der die Grube aufreißen sollte, wo sieben seiner Kinder ihm vorangegangen waren, während drüben die stöhnende Mutter ein neues zur Welt brachte. Das war das Lebenl Dafür hat man sich durchgerungen, dafür hat man ge- graben und gegraben, einundzwanzig Jahr die Schaufel ge- schwungen und in modernder Fäulnis gelebt, für nichts und wie- der nichts. „Andredll" rief der Totengräber und ließ die Schaufel fallen, „Andredll oh, wenn ich dich lebendig mackien könnt!" Dan sank er aus die Knie und schluchzte, daß es ihm fast die Brust zerriß. Aber kein Jammer, kein Bitten gab ihm das Kind zurück. Das wußte der Fried! schon. Er konnte keine Wunder wirken, und von Gott, der dort oben wohnen sollte und Leichen auferstehen ließ, hatte er kein Recht etwas zu»»erlangen. An ihm war er ver» zweifelt. Der kleine Hügel im stillen Winkel, vor dem er immer noch kniete, war das Erinnerungsdenimal jenes Tages und seines ganzen Lebens überhaupt. Ein teurer Platz war es ihm geworden, heiliger als jede andere Stätte des Friedhofs, die der Pfarrer mit Weihwasser besprengte. Mochten sie ihn auch einst an der gleichen Stelle einscharren, er verlangte für sich nichts Besseres. Dort unten ruhte das Wenige, was er geliebt hatte auf der Welt, nur der Andredl nicht. Warum nicht? Warum sollte er den Buben nicht gerade so gut hier eingraben können wie da drüben? Ein jäher Entschluß ließ den Fried! die Haue ergreifen. Andredl gehörte auch da hinunter in den stillen Winkel, mochte der Pfarrer mit dem versammelten Dorfe ein Wehgeschrei erheben, daß die Berge zu zittern begannen. Friedls ganzer Trotz erwachte wieder. Keiner durfte ihm wehren, sein Kind zu begraban, wo er wollte, und müßte er gegen die ganze Welt ankämpfen. Mit wuchtigen Hieben schlug er in die Erde. So dachte er niederzuhauen auf die Köpfe der Bauern, wenn sie morgen den kleinen Sarg hinwcgreitzen wollten von der verrufenen Stätte. Die Leiche war sein Eigentum, und wer sie anrührte, dem wollte er eine Erinnerung mitgeben, daß er nimmer den Tag vergäße, an dem der Friedl sein letztes Kind begrub. Das letzte? Er setzte aus in der Arbeit. War das nicht ein Hilfeschrei gewesen, der bange Laut, der eben an sein Ohr gedrungen war? Gespannt horchte der Friedl. Da— jetzt tönte es wieder und gleich darauf noch einmal vom Hause herüber, bang und schmerzzerrisien. Der Totengräber kannte es, es war die Stimme seiner Frau. Wütend tobte es ihm in den Schläfen. Andredl blieb nicht sein letztes Kind, das neue Leben rang sich herauf ins elende Dasein, und der es gezeugt hatte, legte ihm als ersten Willkommgruß Fluch und Verderben auf den dornigen Weg, noch ehe es geboren ward. Mit rasenden Hieben fuhr er wieder in die aufgewühlte Erde, als gelte es ein Grab für die ganze Menschheit zu schaffen. Weg! Weg mit dem Kinde! Andredl mußte der Letzte sein, was jetzt noch kam, gehörte unter den Boden. Friedl hatte die Hacke beiseite geschleudert und war in die Grube hineingesprungen. Dort schwang er die Schaufel und warf Scholle auf Scholle empor, daß die Steine nach allen Seiten flogen. Immer weiter öffnete sich das Grab, immer tiefer kam der Friedl hinunter, immer wütender arbeitete er, um nichts hören zu müssen, was dort oben vorging auf der furchtbaren Erde. Aber jetzt, wo er einen Augenblick aussetzte, drang wieder ein Schrei zu ihm und gleich darauf noch einer. Das kam nickt vom Hause herüber, ganz nah bei dem stillen Winkel hatte es geklungen, zweimal kurz nach- einander. Hastig kletterte der Totengräber aus der Grube heraus und horchte. Dort, den Kirchhof kam etwas herauf mit polternden Schritten, immer näher und näher. Jetzt rief eS wieder, halb er- regt, halb spöttisch seinen Namen. War das nickt der Mödlinger Michl? Der Totengräber glaubte die freche Stimme zu erkennen. „Wer is da? Gieb a Antwort, Du Schuft, Du!" brüllte er rasend. Ein lautes Gelächter antwortete ihm. Gleich darauf stürzte der Michl auf ihn zu. „Bist da, Friedl? schrie er.„No, weil wir Di nur haben." Mechanisch griff der Friedl in seine Tasche. Da steckte noch das Messer, das er damals in der Nacht zu sich genommen hatte. „Was wollt Ihr von mir?" Michl klopfte ihn auf die Schulter. „Mußt kei' Angst hab'n, mei Lieber, i ru Dir nix, und die, die da hinten kommen, tun Dir a nix." Er deutete gegen den Eingang des Friedhofs. Ein wüstes Geschrei von vielen Menschen drang an FriedlS Ohr. Dorthin, zum Hause hinüber, schien sich der schauerliche Zug zu bewegen. „Hörst Du's?" lackte der Michl.„Und weißt auch, wen die bringen? Dein' Vater!" Friedl stand einen Augenblick wie erstarrt. So fest er geglaubt hatte, daß der Alte noch am Leben war. jetzt, wo man ihn lebendig wieder brachte, schien ihm alles ein wüstes Gaukelspiel, das der Satan vor ihm aufführte, um ihn zu narre». „Du lügst. Du Lump, Du verkommener", schrie er. „Wirft's ja gleich selber sehen", lachte der Michl.»Sie kommen ja schon alleweil näher'rauf. UebrigenS halt.... da, mach Deine Ohren auf, jetzt kannst ihn ja schon selber hören." Er packte ihn beim Arm und sah ihm fest in die Augen. Friedl hielt den Atem an. Ja, das waren sie, diese langgezogenen schauer- lichen Laute, die immer das Haus durchtönten. Er kannte sie nur zu gut. „Hörst ihn?" höhnte der Michl.„Jetzt kommt er. Im Hu- bertuswald haben's ihn g'funden, halb verhungert, weil er fi' nimmer heimtraut hat zu sei'm zärtlichen Herrn Sohn." Jedes Wort traf den Friedl wie mit Keulenschlägen. Er griff sich an die Stirne, ob er noch bei Sinnen sei, und gleich darauf war es ihm, als mrsse er zu Boden schlagen. Mit letzter Gewalt riß er die Latcr« Mpor. Nun taumelte er den Ankommenden entgegen und leuchtete hinein in die schwarze Menge. Lauter aufgeregte, wilde Gesichter, eines neben dem andern, und da... da... in der Mitte ein entstelltes, gelbes Antlitz, das ihn anstarrte so gräßlich wie ein verfaulender Leichnam, den man wieder aus der Erde gegraben hatte. Der Friedl glotzte es an wie eine Erscheinung des Jenseits. Das war sein Vater, dem ein ewiges Leben beschieden war, der immer wieder kam und die Erde zersprengte, wenn er ihn hundertmal zugedeckt hatte. Als Sieger stand er vor ihm, der röchelnde Greis, Jahre und Geschlechter über- dauernd, trotzig und unverwundbar, denn jeden Streich, der gegen ihn geführt ward, hatte er zurückgelenkt aufs Haupt des Gegners, der nun entwaffnet zusammenbrach. Mit einem wahnsinnigen Schrei hieb der Totengräber die Laterne zu Boden und rannte hinweg. In rasender Flucht stürzte er zu seinem Hause. Hinter ihm kamen die andern, der Alte an der Spitze. Der Totengräber warf eilig die Türe zu und ver« riegelte sie dreifach. „So lang i noch leb', kommt er mir net'rein", schrie er. Dann fuchtelte er mit den Armen in der Luft herum, als mühte er tausend Feinde bekämpfen und lief zum Herrn Meier hinein. Wie ein Raubtier packte er das Gerippe und schleuderte es auf die Erde, daß Schädel und Knochen umherflogen. In weitem Satze sprang er mit den eisenbeschlagenen Schuhen auf den krachenden Brustkorb und zertrat ihn in Stücke. „Fahr zum Teufel", sagte er,„Du Hundsfott, der mi mein Lebtag belogen hat." Als er aber den Schädel noch ganz sah, riß er eines der eisernen Grabornamente von der Wand und hieb ihn mit einem Schlag in tausend Splitter. Gleich darauf hielt er keuchend ein. Von der oberen Kammer drang es auf einmal durch die dünne Decke mit einem heiseren, kläglichen Schrei. Der Friedl riß Augen und Ohren auf und ließ seine Waffe fallen. Das war nicht mehr das Wehklagen der ringenden Mutter, ein neues Leben begrüßte die Welt, und in den ersten Schrei des eben Geborenen mischte sich jetzt das gellende Hohngelächter deS verzweifelnden Baters. „Freu dich, Großvater", schrie er.„Freu dich, Alter. Der Andredl iS kaum tot, und da is schon wieder einer, der mi 'nunterdrucken möcht in die Erden. Aber, jetzt is's'rum. Plagt's euch nimmer, ich geb's auf." Draußen pochte es mit furchtbarer Wucht an die Türe. Glei' darfst'rein. Großvater", schrie der Friedl. Er warf einen letzten Blick auf Andredl, dann eilte er über den Flur hinaus in den Stall und stürzte durch den Schuppen fort zum Gießbach hinunter. Am andern Abend humpelte ein alter Mann im Gottesacker zwischen zwei frischen Gräbern herum. Dort, inmitten der leuch- tenden Kreuze hatte man heute seinen Enkel und ganz hinten im stillen Winkel seinen Sohn begraben, der sich selbst das Leben ge- nommen hatte. Der Alte aber schien gar nicht traurig zu sein. Er ging ganz vergnügt in der warmen Abendsonne herum, und in den Armen trug er ein großes, leinenes Bündel, das einen Säug« ling barg. Mit blödsinnigem Lachen beugte er sich zu dem Kinde herab und liebkoste es. „Bist a Mordskerl", lallte er dabei,„a Mordskerl! Du mußt «mal a Totengräber wcrd'n. Wart nur, balst groß bist, derfst mi abhol'n beim Godingcr."_ franzöfircbe CKablrechtöhämpfe. Im Wahlrcchtskompf erinnert der 18. März das preußische Volk daran, daß die Berliner Stratzenscklacht das allgemeine, gleiche Wahlrecht erobert hat, dessen Ersetzung durch die Dreiklassenschmach dann das Werk eines reaktionären Gewaltstreichs war. So wurde auch sür die Wahlen zur deulschen Nationalversammlung das allge« meine Stimmrecht angenommen, und vom Anbeginn der 43 er Be» wegung fand sich diese demokratische Grundsorderung in all den Srurmpetitionen, die in den verschiedenen deutschen Vaterländern den regierenden Herren vorgelegt wurden. Die besitzenden Klassen hätten lieber ein Gcldsackwahlrecht gehabt, mußte» aber ihren Herzenswunsch zunächst vertagen, angesichts des UmstandeS, daß die Revolution in Deutschland zum Ausbruch gckonimen war insolge einer französischen Volkserhebung, die als WablrechtSbewegung be« gönnen hone und an die Stelle des Bourgeoisköniglums mit dem Geldsackwahlrecht die demokratische Republik mit dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht setzte. Die Früblingsstürme des JahreS 1848 kamen von Frankreich nach Deutschland herüber, und wenn der Völkerfrühlina bei uns erst im März begann, so setzte er im west- lichen Nachbarlande schon vor Ende Februar ein. Der deutschen Märzrevolution ging die französische Februar« revolution vorauf, von deren Sieg Lassalle an einer be- rühmten Stelle seines Arbeiterprogramms die erste Morgenröte einer neuen Geschichtsperiode datiert, weil fie das allgemeine Stimmrecht proklamierte. Wenn unsere herrschenden Kreise nicht für die Lehren der Ge- schichte ebenso blind wären, wie für die Zeichen der Zeit, so könnte bei der Erinnerung an 1848 gerade der französische Anfang der Be- wegung fie daraus stoßen, ein wie gewagtes Spiel der Versuch ist. mit dem Polizeisäbel und dem Schießprügel den Ruf nach mehr Bolksrechte zu unterdrücken, wenn er von einer großen VollSbewegung getragen wird. Tiefes Spiel haben der fron- zösische Bourgeoiskönig LouiS Philippe und seine Staats- weisen gegen die Wahlrechtskämpfer jener Zeit gewagt und haben es verloren, mit dem Erfolg, daß noch viel mehr in die Brüche ging, als bloß das GeldsackSwadlrecht, das seit der Julirevolution von 1830 den Kreis der Slimniberechtigten auf die 200 000 Bourgeois, rund 2 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung, beschränkte, die mindestens 200 Franken Steuern jährlich bezahlten. Unter diesem Wahlsystem beherrschte die Schicht der besitzenden Klassen, die man die hohe Finanz neimt, das Land und beulete die polirische Gewalt rücksichls- und schamlos zu ih, m materiellen Vorteil aus. Di« wüsteste Korruption herrschte be den Wahlen, wie in der Kammer und in den amtlichen Kreisen, und wurde durch die einander jagen» den Skandalprozesse den weitesten Kreisen vor Augen geführt. Di« Alleinherrschaft des Spekulanientums wurde schon seit etwa dem Ausgang der 30« Jahre von den außerhalb des regierenden Klüngels stehenden Schichten der besitzenden Klassen lebhaft bekämpft und eine Wahlreform als das Mittel erkannt, um die Machtverhält- nisse im Parlament zu verschieben. Der Bourgeoisliberalismus, zu dem sich die große Mehrzahl der Opposition in der Kammer bekannte, forderte aber keineswegs das allgemeine Stimmrecht, sondern bloß die Herabsetzung deS Zensus auf 100 Franken, wodurch ein Teil des Kleinbürgertums wahlberechtigt geworden, die Zahl der Wähler aber bloß verdoppelt worden wäre, während neun Zehntel der Bevölkerung nach wie vor politisch recht- los geblieben wären. Daneben aber machte sich auch gleich die demokratische Forderung des allgemeinen Wahlrechts geltend, die von kleinbürgerlich-radikaler, wie von proletarisch-kommunistischer Seite erhoben wurde. Im Jahre 1340 machte sich unter den Pariser Arbeitern eine lebhafte Bewegung sür bessere Arbeitsbedingungen geltend, und da fand auch die politische Forderung des allgemeinen Stimmrechts unter ihnen als Mittel zur Verbesserung ihrer Lage Anklang. Während die gemäßigte Opposition in der Kammer mit liberaler Halbheit nur die Herabsetzung des Zensus verlangte, wurde von radikaler Seite eine Petition für allgemeines Stimmrecht vorgelegt, die 240 000 Unterschriften trug. Von der Regierung und der Kammermehrheit wurde jede, auch die kleinste Reform von der Hand gewiesen. Man verließ sich auf die bewaffnete Macht. Und wie gegen die Arbeiterbewegung dieses Jahres 1840 mit brutalster Polizei« und Militärgewalt vorgegangen wurde, so ging man auch gegen eine große Demonswation für Wahl- reform, die am 14. Juli 1840, am Jahrestag des Bqstillen- sturms, in dem Pariser Arbeiterquarlier St. A n t o i n e staltsinden sollte, mit einem polizeilichen Verbot vor. Unbequemen Unglücksprvphcten von der Feder ging man mit dem Staatsanwalt zu Leibe, so dem berühmten christlichen Sozialisten LamennaiS, von dem im Oktober 1840 eine Flugschrift für die Wahlreform herauskam. Darin hieß es u. a.:„Reform I Reform I Das ist der Ruf, der widerhallen mutz von einem Ende des Landes zum anderen, von Brest nach Straßburg, von Bayonne bis Dünkirchen. Die Re- form, eine vollständige Reform wird uns befreien von der selbst« süchtigen Rasse der Feiglinge und Verräter, der Aussauger, die in dem Volke nur eine zu verzehrende Beute sehen. Frankreich kann nicht untergehen, die Welt bedarf seiner. Wenn ihr darum, ich sage eS den Furchtsamen, wenn ihr keine friedliche Reform haben wollt, so werdet ihr eine gewaltsame haben. Wählt." Dafür mußte LainennaiS ein Jahr brummen, und doch hatte er nur wahr gesprochen: kaum sieden Jahre später gaben die Ereignisse feiner Prophezeiung recht. Soviel Zeit blieb dem König, dem leitenden Minister Guizot und ihren Konsorten noch, um in sich zu gehen. Sie dachten nicht daran, obwohl sie oft genug an die Notwendigkeit von Reformen, vor allem der grundlegenden Reform, der Wahlreform gemahnt wurden. Für alle parlamentarischen Reformanträge und für alle Resormpetitionen aus dem Lande hatten die Regierenden nur taube Obren: sür sie war alles aufs beste bestellt in der besten der möglichen Welten. Das Spekulanteinum machte glänzende Geschäfte in den Jahren deS Eifenbabnfiebcrs, die gleichzeitig auf allen Gebieten deS Wirtschaftslebens mächtige Fortschritte des Kapitalismus brachten, aber auch einen enormen Schwindel blühen sahen. Und dann kam das Jahr, in dem die Schwindel- blase platzte; der Fehlernte von 1843 folgten die Teuerung von 1847, die industrielle KrisiS, Arbeitslosigkeit, Massenelend, massenhafte Bankerotte, und auch eine Massenbewegung setzte nun «in. Wie das hungernde Proletariat, in dem der Sozialismus großen Anhang gefunden hatte, die Bourgeoisregierung und das Geldiackswahlrecht mit steigendem Ingrimm ansah, so war auch in den Herzen deS Bürgertum» die Empörung über das bestehende System groß, über dieses korrupte Regimen: der Börsenwölfe, von denen man gerupft worden war. Auch aus diesen Kreisen fand nun der Ruf lauten Widerhall: Nieder mit der Korruption I Hoch die Re» form I Das Verlangen nach einer Wahlresorm, die der Herrschaft der regierenden Clique ein Ende machen sollte, griff im Jahr 1847 immer weiter um sich— in der bourgeoiS- liberalen, wie in der radikalen Form. In der Kammer stellte im Frühjahr 1847 ein konservativer Abgeordneter, der sich gleich einer Anzahl von Gesinnungsgenossen zu der Notwendigkeit bekehrt hatte, eine Wablreform vorzunehmen, wenn die Lage nicht sehr gefährlich werden sollte. Duvergier de Hauranne, den Antrag, den ZeniuS für die Wahlberechtigung von 200 auf 100 Frank herab- zusetzen. Aber die Mehrheit und die Regierung wollten von nichts hören. Die geringfügigsten Verbesserungsanrräge lehnte der leitende Minister Guizot ab. Die Erwädnung deS allgemeinen Stimmrechts nahm er überhaupt nicht ernst; für.diese« absurde System" hane er nur ganz verächtliche Worte übrig. Auf den Zuruf eines — 220- radikalen Abgeordneten, der Tag deS allgemeinen Stimmrechts werde kommen, erwiderte Guizot:„Für das allgemeine Stimmrecht gibt « keinen Tag T Dies Wort sollte durch die Talsachen Lügen gel straft werden, ehe noch ein Jahr verging. In der Erkenntnis, dab sie in der Kammer mit ihrer kompakten Regierungsmehrheit tauben Ohren predigte, entschloß sich die Opposition dazu, die Fenster zu öffnen, wie einer ihrer Ab- ?-ordneten eS ausdrückte, d. h. drausien eine Wahlrechts» ewegung zu entfallen. Ueberall wurden nun lluterschriflen zu Maffenpetitionen um Reform gesammelt, und weiter setzte sie so- genannte Reformbankette ein, politische Zweckesien, bei denen Tisch- reden über die Wahlrechtsfrage gehalten wurden. Das erste Re- formbankett fand am S. Juli 1847 im Pariser Chüteau- Rouge statt. Ueber tausend Gäste nahmen daran teil, die durch- weg dem befitzenden Bürgertum angehörten; das Volk sah draußen zu und bildete den Chorus, der die Marseillaise mit- sang. So trugen auch zahlreiche andere Reformbanketts im Lande einen durchaus bürgerlichen und gemäßigten Charakter und wollten Weiler nichts als ein« Herabsetzung des Zensus. Daneben aber gab eS bald radikale Reformbankette, die dem allgemeinen Stimmrecht galten nnd die gemäßigten immer mehr überwogen und verdrängten; die Stellung dieser radikalen zu der gemäßigten Reformbewegung sprach damals F l o c o n mit den Worten aus:„Jeder für feine Fahne I Jeder für seinen Glauben I Die Demokratie mit ihren 26 Millionen Proletariern will diese befteren und sie als Bürger, Brüder, Gleiche und Freie begrüßen I Die Bastardoppofition mit ihrer Geldaristokratie dagegen spricht von Reform, vom Hundert- Frank-Zensus I Wir verlange» mehr, wir verlangen die Menschen- und Bürgerrechte für ullel' Berühmt geworden ist auch «in Reformbankett in MS c o n, wo der Abgeordnete Lamartine fRr allgemeines Stimmrecht und andere radikale Reformen sprach und dem Bürgerkönigtum, wenn eS sich auch weiterhin mit einer Wählerarisiokralie umgebe und Frankreich der Korruption überliefere, den Sturz in Aussicht stellte, den Sturz durch eine Revolution, die Revolution aus Verachtung." Diese Rede fand in ganz Frankreich ungeheuren Anklang, wie denn überhaupt der Reformruf von immer größeren Massen mit immer größerem Nachdruck aufgenommen wurde. Aber die Re- gierenden mit dem König und Gmzol an der Spitze, verachteten alle Warmmgen. die an sie gerichtet wurden; ein solcher Kasiaudraruf kam in der nächsten Kammerfefsion auch von einem Abgeordneten der Regierungspartei, der auf die Ausbreitung deS Sozialismus in der Arbeiterklasie hinwies und seine Rede mit dem Wort schloß:.Wir schlafen auf einem Vulkan." Die Masse der Regierungspartei und ihreö Anhanges glaubte aber an keine Gefahr. Eine Revolution galt für unmöglich bei der großen Stärk« der bewaffneten Macht in Paris. Auch unter radikalen Politikern war diese Meinung der- breitet. Man dachte an die fehlgeschlagenen republikanischen Auf- stände der Sver Jahre, die in Strömen von Blut erstickt worden waren. Aber damals fanden Polizei und Militär eine Stütze an der Nationalgarde, dieser Bürgerwehr, deren große Mehrzahl ans dem Pariser Krämertum bestaild. Diese Klasse war jetzt auch miß- vergnügt und verlangte nach Reformen, weshalb dann, als eS hart auf hart ging, die Nationalgarde versagte. Damit rechnete die Regierung aber nicht. Sie glaubte vielmehr, die Reformbewegung mit Gewalt niederwerfen zu können, und nahm deshalb die provozierendste Haltung an. Als Ende Dezember 1847 die Kamrnern zusammentraicu, fand sich in der Thronred« ein Passus, der jede Aendmrng der bestehenden Verfassung rundweg ablehnte und obendrein die Reform« kämpfer grob beleidigte: eS umrde da behauptet, daß die herrschende Aufregung von feindselige» und blinden Leidenschaften angestiftet worden sei. Nach heftigen Adreßdebattcn betete die Mehrheit der Kammer in ihrer Ldreffe an den König diese Behauptung der Thronrede nach. Wo die Verblendung zu finde« war, sollte sich nun bald genug zeigen. Die Opposition der Kanuner beschloß, zum Protest gegen die auf sie geschleuderten Beleidigungen an einem großen Reform- bankett teilzunehmen, das in Paris am 22. Februar 1848 stattfinden sollte. Im Zusammenhang mit diesem Bankett kamen nun die Dinge zum Kiappen, weil die Regierung nun ihre wäbrend der Adreßbalte ausgesprochene Drohung wahrmacheu wollte, daß sie keine Reformbankette mehr dulden werde. Sie wollte gegen das für den 22. Februar geplante um so mehr einschreiten, als ihm eine große Straßen demonstratio« der Pariser Bevölkerung programmäßig vorausgehen sollte. Bankett ivie Umzug wurden vom Polizeipräfekten»erboten und sollten nach den Ankündigungen dieses Herrn mit allen Mitteln verhindert werde». Daraufhin zog sich die parlamentarische Opposition von der Sache zurück. Das Bankett wurde abgejagt. Auch radikale Blätter warnten die Be- völkerung davor, der Regierung die gewünschte Möglichkeit zum An- richten eines Blutbades zu geben. Aber die Stimmung war in Paris so, daß am 22. Februar trotz alledem ungeheure Menschen- Waffen an dem Treffpunkt zusanmtenlamen und unter Hoch-> rufen auf die Reform demonstrierend umherzogen. Bald fiel die wegen �ihrer Grausamkeit allgemein verhaßte berittene Polizei über Demottstranten aus da« brutalste ?« r, stieß aber auf heftigen Widerstand. Und änßerle sich ieser aufangs bloß in Steiitwürsen. so kam es im Lauf de» Tages- schon zu regelrechten Straßenkämpfeu zwischen der siewaff» neten Macht und Arbeitern, die sich hinter Barrikaden verschanzt und mit Gewehren von Nationalgardisten und auS den Waffenläden ausgerüstet hatten. Die Regierung hielt die Lage aber für unbedenklich im Vertrauen auf ihre 30(XX) Mann Militär. Jndeß am 23. Fe« bruar wurden die Kämpfe häufiger und heftiger, und eS zeigte sich, daß die Nationalgarde zwar nicht auf seilen deS Volke» kämpfte, aber auch nicht für die Regierung, sondern sich neutral hielt und mitunter Angriffe des Militärs aufS Volk verhinderte. Diese Haltung der Bürgergarde erregte nun an allerhöchster Stelle Besorgnis. Guizot wurde zum Opfer gebracht und durch den nicht ganz io konservativen Grafen Molö ersetzt. Es war eine bloße Scheinkonzesfion; denn gleichzeitig wurde Marschall Buoeaud, ein brutaler Haudegen, mtt dem Oberbefehl über die bewaffnete Macht betraut: er übernahm sein Amt mit dem Vorsatz, möglichst viele von der Kanaille niederknallen zu lasten. Ein gräuliches Blutbad, das am Abend von Soldaten unter Demonstranten angerichtet wurde, verhinderte, daß die.Konzesston" der Berufung Molos irgendwo ernst genommen wurde, und rief allgemeines Verlangen nach Rache hervor: der Hochruf auf die Reform wurde durch Hochrufe auf die Republik ersetzt. Ueber 1200 Barrikaden wuchsen in der Nacht zum 24. Februar aus dem Boden, und in dem entbrennenden Kampfe waren all« Anstrengungen BugeaudS vergeblich; auch versagten die erschöpften Truppen angesichts der Haltung der Nationalgarde mehr und mehr den Dienst. Nun hätte Louis Philippe gern ernstlich eingelenkt. Aber jetzt hieß eS: zu spät. Auch die Abdankung des Königs konnte nun den Thron nicht mehr retten. Das Volk von Paris verlangte gebieterisch die Republik, und angesichts der Tatsache, daß das arbeitende Volk den Sieg erfochten hatte, mußte es die demokratische Republik sein; die Wahlresorm trat mit der Republik zugleich ins Leben in Gestalt deS allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimm- reckits. Es waren überraschende, überwältigende Nachrichten, die da- mal« der Telegraph nach Deutschland brachte, wo sie wirkten, wie der Funke aus» Pulverfaß, und die Märzrevolution im Gefolge hatten, besonders auch die Berliner Mäczrevolution, deren glorreichem Andenken der heutige Tag gehört.«t. o. Kleines Feuilleton. Astronomisches. Robert Henseling: Sternbüchlein für 1V10. Mit 12 Sternkarten und zahlreichen Abbildungen. Herausgegeben vom Kosmos sSiuttgart, Franckhsche Verlag? Handlung). Kartoniert 72 Pf. Das vorliegende Bändchen stellt im wesentlichen eine Ueber- ficht der Himmelserscheinungen dar. die während der einzelnen Monat« zu beobachten sind. Viele Tageszeitungen bringen bereits Monatsberichte, denen leider bloß die kleinen Kärtchen fehlen, die das vorliegende Buch hat. Solche Karten sind wegen de? stets der- änderten Laufes der Planeten und des Mondes erforderlich. In dieser Beziehung erfüllt da» Büchlein seinen Zweck. Die Erläute- rungen find nicht so einwandfrei. Sie wollen von allem etwas geben, geben aber viel zu wenig. Es muß daher auf die kleine Literaturzulammenstellung am Schluß verwiesen werden, die unsere Leser auch schon anS einem zusammenfassenden Referate kennen. Vielleicht verzichtet eine neue Auslage de? BättScheuL auf die meisten Erläuterungen, dann wird's billiger und werlvoller. Hoffentlich zeigen dann die Bahnen Jupiters und SoturnS auf den kleinen Sonder- kärtchen auch nicht wieder so völlig planetenbahncnwidrige Ecken. Technisches. Drahtlose Telegrapbie auf Frachtschiffen. Die drahtlose Telegraphie ist noch tnnntt eine ziemlich kostspielige Sache, und daS ist wohl der Gnind, weshalb bisher nur Kriegs« schiffe, bei denen es ja auf die Kosten einer wichsigen Neuerung gar nickt ankommt, und große überseeische Luxusdampfer mit den dazu gehörigen Apparaten ausgerüstet worden sind. Eigentlich ist eS aber dock nicht einzusehen, warum die Frachtsckiffe zurückstehen sollten, da sie doch oft Ladungen von ganz außerordent- lickem Wert mit sich führen. Da sich nun aber herausgestellt bat, daß die drahtlose Telegraphie durchaus nicht nur zum Vergnügen, wie zum Herstellen hockseeiscker Zeitungen oder zum Luxus, wie zum Absenden von Privattelegrammen der Passagiere, brauckbar ist, sondern unter Umständen auch ganzen Schiffen und ihrer Besatzung die Existenz zu retten vermag, wird man wobl mehr und mehr zu dem Schluß kommen, daß sie auch für Frachtdampfer eine Neuerung von gelegentlich höchstem Wert sein kann. Demzu- folge ist jetzt eine Anzahl großer deutscher Fracktdampser, die zum Verkehr zwischen Hamburg und England, dem Mtttelmeer und vtelleickt auch Südamerika bestimmt find, mit Apparaten kür drahtlose Telegraphie versehen tvorden. Die Kapitäne der Schiffe erhalten zuvor eine besonder« Unterweisung in der Bediemtng der Apparate. Die Drähte werden zwischen den Masten in� einer Höbe von ungefähr 30 Metern über dem Wasserspiegel ausgespannt. Die Atisnahniesähtgkeit des Empfängers ist je nach der Größe der Schiffe auf 120—300 Kilometer im Umkreis bemesien worden. Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Vucvirulteret u.VertigtaustaUPaut Smget&to..B«tltnSW.