NnterhaltungsSlatt des Horwärls Nr. 67. Dienstag, den 22. März. 1910 2] Cj;a«ttu3 üec&eun.l JVIutterö köänäe. Ztvel Bilder von Björn st jerne BjörNsokl. Sicherlich gab es Leute, die in ihr, hol mich der Teufel, Las feinste Vollbluttier in Norwegen sahen. Es gab auch andre, die, weiß es Gott, ihrer Seelen Seligkeit gegeben hätten für— ich darf nicht sagen, für was. Aber es gab auch solche, die an die Dame der Ritterzeit dachten und im Geiste die Schleife sahen, die sie zur Weihe auf der Brust ihres Ritters befestigte. Ein Blick, ein Wort von ihr. ein Tanz mit ihr war die Schleife. Sie fühlten sich wie an- gestrahlt, es war dann etwas Höh res und Schönres in ihnen. Wie viele versuchten es nicht, sie nach Gedächtnis zu malen: sie wollte sich nämlich nicht photographieren lasten. Es wurde ein allgemeiner Sport, ihr Profil zu zeichnen: einige erreichten die größte Fertigkeit darin. Mit dem Peitschenstiel im Schnee, mit einem Streichholz in Zigarren- asche, mit Schlittschuhen auf dem Eise. Im ganzen genommen war es zu Ehren der Kavallerie, Käß sie so allgemein und so einzig dastehend gefeiert wurde. Ihr Onkel glaubte natürlich, er sei schuld daran, aber die Wahrheit war die: seine Reklame würde für jede andre alles ruiniert haben. Sie hielt die Reklame aus. Nun war er hinaus geraten, er wußte selbst nicht wie. Er, der heute diese ganze Versammlung angeordnet hatte, er stand hier und zitterte vor Begierde danach, auf der Höhe der Situation gu sein, aber er konnte nicht. Sie Sache ging vor sich, wie Über ihm, in der zweiten Etage. Seine Frau ergötzte sich dranl Anfangs war sie ja er- schrecken gewesen, als dieses Wunder von einer Nichte ins Haus gebracht wurde. Seine prahlende, verliebte Ausstellung. Parade mit ihr nahm indcsten gleich Formen an, die seine Ahnung übertrafen. Der Zug wurde immer größer und dichter: nach der Anwesenheit des Königs hatte die Teilnahme eine Weile den Charakter von Besestenheit. Die Eile wuchs mit der Schnelligkeit, der Oberst trabte mit wie ein zu- schänden gerittenes Pferd. Er kitzelte sich selbst mit über- triebener Munterkeit, mit ungewöhnlichem Eifer auf: aber er blieb zurück, wurde überflussig, ja, er war geradezu im Wege. Er, der im Auslande seinen Ehering in die Tasche gesteckt hatte und zu jeder Zeit bereit war, es wieder zu tun, wurde jetzt selbst wie ein leeres Zigarrenetui in die Tasche gesteckt. Zweites Läuten, Bewegung in der Schar, Säbelklirren Und Sporrenklingen, Aufheben der Hände, lautes Grüßen. Die Gefeierte grüßte zum tausendstenmal, es fielen lustige Worte, Lächeln und Verbeugung wurden mit muntrer Anmut mit schnellem Takt verteilt: sie war vollkommen auf der Höhe! Das großkarierte Reisekleid, das helle Haar mit dem Schleier darüber, der wieder herabfiel und wieder hinauf- geschlagen wurde, ein stolzer Nacken, eine vollkommne Figur, — das alles im Sonnenschein der Huldigung... stieg sie uicht in einen Goldwagen mit weißen Tauben davor? Vor- läufig nicht höher, als bis zu dem Platz der Mutter in der geöffneten Coupstür. Von hier aus lächelte sie hinab auf den Obersten an der einen Seite, den General an der andern, auf die sie umgebenden Damen. Hinter diesen wiederum traf sie auf alle die erhobenen Schnurrbärte, alle die hellen, alle die braunen, alle die gefärbten, alle die schwarzen: mit ihren Augen begrüßte sie die dünnen Schnurrbärte, die dicken, langgeschwungnen und dummen, die schwermütigen und hängenden, die geckenhaft ausgedrehten. Zwischen dieser hrünstigen Zottigkeit nahmen ein paar Bartlose sich aus wie „schwedische Tenöre". „Hoffentlich werden Sie eine angenehme Reise haben, gnädiges Fräulein," sagte der alte General. Der ehrliche Pferdedrücker war zu bescheiden, um etwas Hervorragendes sagen zu wollen.„Ich danke Dir schön für den Winter, mestl Mädel I" Das war der Oberst mit lauter Stimme. Der Anhang sollte zeigen, wie väterlich kameradschaftlich er sein durfte.„Ja, Du hast mir im Winter oft leid getan, Onkel," bekam er zur Antwort«„nun kannst Du Dich im Sommep schön ausruhen I" Die Oberstin lachte, und dies w'trde zum Signal, daß alle zu lachen wagten. � Die Gesichter zu ihr erhoben— die meisten ehrlich, gut« mütig,— fast jedes einzige erinnerte an fröhliche Augen- blicke: an einen gemeinschaftlichen Herbst und Winter mit Kavalkaden, Schlittschuhlaufen, Skilausen, Wagenpartian, Bällen, Mittagessen, Konzerten— ein Rundtanz hin über blinkendes Eis und stiebenden Schnee, oder ein Strassen» meer in Tönen, in Gläserklang, in Lachen und warmen Gesprächen. Nicht eine einzige Erinnerung mit etwas Häßlichem dran, frei und ferm wie eine Neiterparade. Ein paar Versuche— unter andern seitens ihres würdigen Onkels— waren zerstoben wie eine Wolke von Flaum. Sie empfand! die Wonne der Dankbarkeit für das, was sie erlebt hatte, für aller Güte bis zum letzten Augenblick. Diese über- wältigte sie, sie funkelte in ihren Augen, sie eiferte in ihrem Wesen, sie gab sie aus an alle dort unten und an die Blumen, die sie hielt. Aber ein Gefühl des Zuviel, des All- zuviel lief die ganze Zeit mit unter. Dadurch eine Angst vor etwas Leerem, die einen unerträglichen Schmerz verur« sachte. Wäre es nur erst vorbei! Die Billetts waren coupiert, die Türen geschlossen, suü kam wieder an das herabgelastene Fenster. Sie hielt die Blumen in der einen Hand, das Taschentuch in der andern? sie weinte. Ihre frische Büste stand im Fenster, wie in einem Rahmen: der Kopf mit dem hellen Hut und dem Schleier, beugte sich daraus hervor. Warum in aller Welt wird der« gleichen nicht gemalt? Die Disziplin verbot, daß jemand sich vordrängte, so« lange der General, der Oberst und die Damen einen Ring bildete,:: man stand, wo man stand. Da die Zunächststehen« den nicht sprachen, wurde es still. Man sah sie weinen, s» daß ihr Busen sich bewegte. Sie sah sie in einem Nebel, und das Ganze wurde zur Qual. Konnte das alles echt sein?! Sofort versiegten die Tränen. Eine barmherzige Seele, die unten stand und ebenfalls Qual empfand, fragte, ob sie noch heute nach Hause kämen, was sie begehrlich bejahte. Er- inncrte sich dabei ihrer Mutter und machte ihr Platz: aber die Mutter wollte nicht vorkommen. Es war sogar etwas in den Augen der Mutter, was wehe tat. oder ängstigte— sie vergaß es, denn das Pfeifen schnitt den Zug von dem Gefolge ab: der ganze Ring zog sich einen Schritt oder zwei zurück- Das Grüßen fing wieder an, vermehrte sich, ihr Taschentuch flatterte, die Wärme in ihren Augen kehrte wieder, jetzt flammten si» auf, alles, was von ihr sichtbar war, rief ihnen zu und jene ihr, sie gingen hinterher. Denn jetzt waren die Leutnants, alle die Jungen die ersten geworden! Jetzt(jabeni Empfindungen andrer Art den Ausschlag, sie grüßten, riefen, grüßten wieder und strömten mit. Das Klirren der Säbel und Sporen, die Farben, die ArmschwenkungM, das Ge- wimmel von Füßen machte sie schwindlig. Mit vorgebeugtev Büste winkte sie ihnen zu, wie sie ihr— aber die Geschwindigkeit wurde zu groß, einige unbesonnene Lyriker liefen dennoch mit, die übrigen blieben stehen— blieben im Lokomotivrauch stehen und wieherten. Ihr Taschentuch war noch zu sehen, wie eine Taube in einer dunklen Wolke. Als sie sich zurückzog, hatte sie Verlangen nach jemand": aber da fielen ihr die Augen der Mutter wieder ein: waren es noch dieselben? Ja. Da stellte sie sich, als sei sie nicht in Hitze oder Erregung- Sie nahm den Hut ab und legte ihn ins Netz. Aber Muttcrs Augen hatten die Reaktion geweckt, die schon in ihr ge- schlummert hatte. Widerstreitende Gefühle brachen hervor; sie wollte es verdecken, sie wollte versuchen, sich selbst wieder« zusinden; darum ließ sie sich auf den Sitz fallen, abgewendet. und gleich darauf lag sie ihrer ganzen Länge nach. Bald, hörte die Mutter sie weinen: sie sah es auch an den Be« wegungen des Rückens. Etwas später fühlte die Tochter die unbehandschuhka Hand der Mutter unter ihrem Kopfe. Sie schob ihr ein Kisten unter. Das tat wohl: fühlen, daß die Mutter wollte. sie solle schlafen.— schon das tat wohl. Ja. sie brauchte den Schlaf gap sehr, llnh ejn paar Minuten daraus schlief fie. 2. Der Fluh dräugie sich in langen Windungen durch. Vom ßNdlichen Bogenfenster des Hotels aus verfolgten Mutter und Ztochter ihn durch das Gestrüpp und den Birkenwald: an einigen Stellen verschwand er. blitzte dann aber wieder auf und kam schließlich ganz hervor. Der Fall war scharf, der Larm davon drang bis zu ihnen hinauf. Drüben auf der Station zog man die Lastwagen. Hinter dem Hotel waren die Mühle, die Fabrik, die Sägemühle, ge- dämpfte Stöße imd Schläge waren vernehmbar, und schwach sogar der Wasserfall: alles übertönte der schneidende Laut der Bretter jedesmal, wenn sie durch die Säge gingen. Es war einer der großen Waldbezirke: die Tanne verdunkelte die Höheit, soweit die beiden sehen konnten, und das war weit: denn das Tal war breit und geradlinig. lgortsttzung folgt. Z Oer StraKlungsärucK.� Co nahe unser großer Johannes Kepler auch daran war. seine gewaltige Lebensarbeit zu dem schönen Abschlüsse zu bringen, wo- mit Isaak Newton erst daS große Lehrgebäude der neuen Astro- nomie, Keplers ureigenste Leistung, krönte, blieb dieser Abschluß ihm selbst doch versagt. Der berühmte Brite aber fand in seinem Gravitationsgesetze, dem Gesetze der allgemeinen Massenanziehung, einen allgemeinen Ausdruck für die Beziehungen, welche die Himmelskörper miteinander verknüpfen. Der zur Erde fallende Stein, das nach seiner Erhebung in die Lust zur Erde zurück- kehrende Geschoß sind Beispiele gewöhnlichster Art für Newtons große Entdeckung. Sie besagt, daß alle Körper schwer sind, daß olle Körper von der Erde mit einer gewissen Kraft angezogen werden, die man die allgemeine Schwere nennt. Wie aber die Erde nur ein Körper irgend welcher Art ist, der sich seiner Größe nach vor andren uns gewöhnlich entgegentretenden auszeichnet, so hat sie vor diesen anderen Körpern auch nur das eine voraus, daß nämlich die Kraft, mit welcher fie andere Körper anzieht, besonders groß ist. Man ersteht schon aus dieser Ueberlegung, daß auch alle anderen kleineren Körper diese Kraft besitzen, und Newton war es. der ganz klar erkannte, daß alle Körper einander anziehen, ganz gleich, wie groß sie sind. Er gab auch das Gesetz an, nach welchem Diese Anziehung vor sich geht. Dieses Gesetz ist sehr anschaulich, denn nach ihm ist die Stärke der Anziehung abhängig von der Masse des Körpers, die man für irdische Verhältnisse ihrem Gewichte gleichsetzen kann. Ein Kilogramm Eisen hat nur eine halb so starke Anzichungsraft wie zwei Kilogramm(Eisen oder Holz oder irgend ein Körper). Wir sehen ohne weiteres ein, daß es nicht gut anders sein kann. Natürlich ist die Anziehung verschieden Part, je nachdem sich die Körper von einander entfernt stehen. In einem Meter Entfernung zieht ein Körper einen anderen stärker on als in zwei Metern Entfernung, und je näher man dem Körper kommt, desto stärker wirkt seine anziehende Kraft. Das ist auch ganz einleuchtend. Aber hier ist die Sache nicht mehr so, daß etwa die Krakt in zwei Metern Entfernung nur halb so groß ist wie in einem Meter. Die Kraft nimmt umgekehrt zu oder ab wie das Otiadrat der Entfernung. Dieses Gesetz— denn es ist ein richtiges Gesetz— herrscht unbeschränkt im ganzen Weltall, und die Astronomen rechnen mit ihm und stellen bis auf die Zehntelseiunde fest, wann ein Himmels- körpcr, wie z. B. der Mond, an einer bestimmten Stell« des Raumes ankommt. Newtons großes Verdienst war es, banal gesagt: die alltägliche Erfahrung des fallenden Steines auf den Himmel an- gewendet und ihm seine Bcwegungsgesetze nachgerechnet zu haben. Das ist alles prachtvoll und gut. wenn die Sache nicht einen Haken hätte. Nicht etwa, daß Newtons Gesetz sich bisher als nicht streng richtig erwiesen hätte. Davon ist ganz und gar keine Rede. Soviel auch bisher versucht wurde daran zu rütteln: immer erwies sich die Mühe vergebens. Und wenn scheinbare Unstimmigkeiten sich herausstellten, so lag das immer an irgend welchen anderen Fehlern, oder es war noch ein übriges vorhanden, das man bis dahin nicht berücksichtigt hatte. Durch die stets kritische Betrachtung des Newtonschen Gesetzes hat man große Entdeckungen gemacht, die erwiesen haben, daß man mit der Naturwissenschaft doch schon einiges zu leisten vermag. Um nur einen Fall anzuführen: Es ist mit seiner Hilfe gelungen, einen wichtigen Himmelskörper, den inan bis dahin noch nicht kannte, im Studierzimmer auf dem *) Unser Mitarbeiter Felix Linke hat in den Vcröfsent- Ilchungcn der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ein« Populäre Einführung in die moderne Weltentwickelungslehre unter dem Titel„Das Werden im Weltall" erscheinen lassen.(Verlag von Theod. Thomas, Leipzig. Preis brosch. 1 M., geb. 1,G0 M.) Das vorzüglich illustrierte Büchlein bietet eine all- gemein verständliche toearbeitunz der Lehren des schwedischen Forschers ArrheniuS. Wir gebe» eine charakteristische Probe tetauS, Papier zu errechnen, buchstäblich gu errechnenk KlS man dann an der betreffenden Stelle des Himmels mit dem Fernrohr nachsah, fand man ihn tatsächlich. ES ist die Entdeckung des die Sonne nach unserer jetzigen Kenntnis zu äußerst umkreisenden Planeten Neptun. Nur bei einer gewissen Sorte von Himmelskörpern, die sich schon lange durch ihr Unwesen verhaßt gemacht haben, die man gewissermaßen als„unruhige Elemente" bezeichnen könnte, hatte die Sache einen Haken, und das find die Kometen. Diese merk- würdigen Himmelskörper bewegten sich zwar immer Newtons Gesetz entsprechend, aber sie zeigten zumeist ei« eigentümlich Er- scheinung. die man sonst nirgends beobachtet hatte, fie hakten nämlich einen Schweif. Es ist bemerkenswert, daß Newton ganz dicht daran ge- Wesen ist, eine richtige Erklärung zu geben, eine Erklärung, wie sie direkt aus seiner Anschauung über die Natur des Lichtes floß. Er glaubte, wie schon vor ihm Kepler, daß das Licht körperlicher Art sei, daß jeder lichtaussendende Körper winzig kleine Partikelchen (Stofftcilchen) aussendet, die uns eben als Licht in die Erschei- nung treten. Je mehr ein Körper solche Teilchen auswirst, desto heller erscheint er. Man nannte daher seine Anschauung die Emissionstheorie(vom lateinischen einittere— aussenden). Wandte man diese Anschauung auf die Kometen an, so erklärten sich die Kometenschweife ganz einfach so, daß die Staubpartikelchen, aus denen der Schweif besteht, von dem Sonnenlicht bestrahlt und von den kleinen Lichtteilchen mit fortgerissen werden. Damit wurde auch gleich einleuchtend, warum der Schweif der Kometen stets von der Sonne weggerichtet und gebogen ist. Diese Erklärung wollte aber Newton nicht gelten lassen, und feine gewaltige Autorität beeinflußte auch die Meinung der Astronomen. Erst der große Mathematiker Leonhard E u l e r kam wieder auf die An- schauungSweise zurück, daß daS Sonnenlicht selbst die Ursache der Kometenschweife sei. Inzwischen hatte der geniale holländische Physiker H u y g e n s die Undulationstheorie entwickelt, wonach die Fortpflanzung deS Lichtes in Wellenform vor sich geht, und Euler meinte nun, daß die Lichtwellen auf die Körpcr, welche sie treffen, einen Druck ausüben. Damit würde die Erscheinung der Kometen» schweife ganz ungezwungen erklärt werden können. Die Zeit E u l e r s war aber noch nicht so weit, um den Nachweis für seine Lehrmeinung erbringen zu können, und erst im Jahre 1873 bewies der hervorragende englische PhysÄer Max- well in einer berühmt gewordenen theoretischen Arbeit über die Natur der Elektrizität und des Lichtes, daß Euler in der Tat recht gehabt müsse. Er entwickelte theoretisch, auf dem Papier, daß die Lichtstrahlung wie jede andere Strahlung— also auch die Wärmestrahlung, die elektrische Strahlung usw.— einen Druck aus die getroffenen Körper ausüben müsse, dessen Größe genau bestimmbar ist. Er berechnete diese Druckwirkung; fie ergab sich aber als so klein, daß es unmöglich war, sie durch den Versuch zu erweisen. Die letzten Jahrzehnte des verflossenen Jahrhunderts »ber brachten durch emsige Kleinarbeit vieler fleißiger Physiker eine große Vervollkommnung der experimentellen Mittel und Apparate, so daß es dem Russen Lebedesf und den Amerikanern Nichols und Hull 1000/1901 gelang, im lustverdünnten Räume auch den Maxwcllschen Druck zu messen. Sie fanden, daß er der Größe nach von Maxwell ganz richtig berechnet worden war. ES ist nun das Verdienst des schwedischen Forschers Arrhc- n i n s, die Lehre vom Lichtdruck auf astronomische Fragen an- gewandt und dazu beigetragen zu haben, daß die reine Theorie Fleisch und Bein bekam. Er benutzte sie zur Erklärung der Er- scheinung der Kometenschweife, die den Forschern schon fo viel Kopfzerbrechen verursacht hat. Arrhensirs kam auf den Geoanken, die Kometenschweife könnten aus kleinen Körperchen bestehen, die von dem Lichtdruck abgestoßen werden, welchen die Sonnenstrahlung auf sie ausübt. Wenn die Kometenschweife überhaupt aus Stoff bestehen, so muß dieser Stoff in ganz feiner Verteilung dort vor- Händen sein. Denn man hat beobachtet, daß, wenn Kometen- schweife vor Sternen vorübergehen, dann diese Sterne durch den Schweif hindurch sichtbar sind und meist so wenig Einbuße ihrer Helligkeit erfahren, daß das für uns kaum merklich wird. Die Schlveife müssen also aus ganz fein verteiltem Stoff bestehen, den nun Arrhenius einer rechnerischen Untersuchung unterzog. Wir wollen ihm hier darin folgen, indem wir seine Ergebnisse mitteilen. Der Druck der Sonnenstrahlung an der Sonnenober- fläche beträgt, wenn er senkrecht auf einen Körper fällt, auf jedciH Olladratzctimeter Oberfläche 2% Milligramm. Dabei muß dee Körper aber ein sogenannter„schwarzer Körper" sein, worunter man einen solchen versteht, der alle auf ihn fallenden Strahlen vollkommen aussaugt, so daß er auch kein Licht zurückwirft.— Solch ein Körper ist infolgedessen naturgemäß auch nicht sichtbar. — Arrhenius fragte sich nun, wie groß ein in der Nähe der Sonne schwebender Körper sein müsse, der ebenso schwer ist wie Wasser und durch die gemeinsame Wirkung der Anziehung der Sonne und der Abstoßung durch den von ihr ausgehenden Lichtdruck im Gleich» gewicht gehalten wird. Er fand, daß ein Wassertröpfchen vo» 0,0015 Millimeter Durchmesser(unsichtbar klein) durch beide Kräfte in der Schwebe gehalten würde. Natürlich ist dabei vorausgeseyt. daß das Tröpfchen alle auf es fallenden Strahlen zurückwirft, wie ein vollkommener Spiegel. Ist der Durchmesser des TröpfckenS kleiner, so überwiegt der Sirahlungsdruck, und es folgt ihm. o. hk wird ton der Sonne abgestoßen; ist der Durchmesser dagegen «ro�er. so zieht di« Sonne stär!cr an«nd Set Tropfen muß zu ihr hinfallen. Es ist nun aber auch bekannt, daß sich das Licht wie jede andere Strahlung um die Ecken herumbeugt. Man kann das beobachten, wenn man ein Lichtbündel durch einen sehr engen Spalt gehen läßt. Dann breitet sich das Licht hinter dem Spalt fächerförmig aus. Wird nun unser Tropfen sehr klein, so kann es sein, daß sich auch um ihn das Licht herumbeugt. Dann kann das Licht keinen Druck mehr darauf ausüben und die Schwere- Wirkung, die Anziehung der Sonne, tritt wieder in den Vorder- grund. Auch für diese untere Größe des Körperchens gibt es eine bestimmte Größe. Man weiß, daß die Fortpflanzung des Lichtes in Wellenform erfolgt, also in Linien mit gleichmäßig aufeinander- folgenden Bergen und Tälern. Ein Berg und ein Tal machen eine Wellenlänge aus. Wenn nun die Größe des Körperchcns so ist, daß sein Umfang drei Zehntel der Wellenlänge der auftreffen- den Lichtstrahlung ausmacht, dann ist die Grenze da. bei deren Unterschreiten Beugung eintritt. Wird der Tropfen kleiner, dann biegt sich das Licht um ihn herum und er entgeht der abstoßenden Wirkung der Lichtstrahlung. Es ist also ein verhältnismäßig enger Spielraum für die abstoßende Wirkung der Lichtstrahlung gegeben; die Tröpfchen dürfen eine gewisse Grenze nicht über- und eine andere gewisse nicht unterschreiten. Dazwischen gibt es immer einen Wert, bei welchen, die Abstoßung am stärksten ist. DaS ist der Fall, wenn der Umfang des Tropfens genau gleich der Wellenlänge der Strah- lung ist. Dann übertrifft die Abstoßung durch den Lichtdruck die Anziehung der sonne 19mal. Aus mehreren Gründen, die die Erscheinung noch komplizierter machen, tritt dieses starke Ueber- wiegen nie ein, sondern die Abstoßung übertrifft die Anziehung nickt mehr als lOmal. Die Tröpfchen haben dann einen Durch- Messer von IL Hunderttauscndstel Millimetern{0,00016 Millimetern?. Ein Kubikzentimeter Waffer{noch nicht mal ein halber Fingerhut voll) enthält nicht weniger als 470.000 000.000 000(470 Billionen) solcher Tropfen. Die kleinsten Stofsteilchen, aus denen ein Körper besteht, sind aber noch viel kleiner, denn jedes unserer Tröpfchen vorgenannter Größe enthält noch immer W Millionen Waffermolekülel Die Gase bestehen nun bekanntlich aus solchen Molekülen, die frei voneinander find, jedes besteht einzeln und für sich. Diese Stofsteilchen sind also zu klein, an ihnen kann der Lichtdruck gcwissernmhen nicht mehr angreifen, so daß fke seiner Einwirkung nicht mehr unterliegen. Die die Sonne umgebenden Gase werden also nicht von ihr weggestoßen. Sonst würde die Sonne schon den größten Teil ihrer Gesamtmasse in den um- gebenden Weltenraum hinausgeschleudert haben. Diese Erscheinung des Lichtdruckes also ist es, welche Arrhc- nius zur Erklärung der Kometenschweife benutzte. Zwar ist die vom Lichtdruck ausgeübte Kraft nicht groß, aber auf einen so großen Körper wie die Erde gleicht sie doch schon immerhin einem gewaltigen Druck. Wenn jeder Komet der Sonne näher kommk, so werden die flüchtigen Bestandteile seiner Außenfläche ver- dampfen, weil ja die Sonnenwärme unaufhörlich auf sie einstrahlt und der Körper sich stark erhitzen kann. Es tritt eine Art Wolken- bildung ein, und die seinen Teilchen werden durch den Strahlungs- druck von der Sonne fortgestoßen. Man erkennt, wie der Komet beginnt, in der Rahe der Sonne einen schwachen Schweif zu ent- wickeln, der von der Sonne weggerichtet ist. wie wir es immer beobachten. Das aber ist nicht das einzige Material, aus dem die Kometen ihre Schweife aufbauen. Wir wissen, daß die Sonne immer- während eine große Menge kosmischen Staubes von sich aussendet, die sie in einer großen Scheide umschwebt und also vornehmlich in der Ebene der Planetenbahnen und auch der der Ebene vor- Händen ist, in die die meisten Kometen die Sonne umlaufen. Die Himmelskörper, die selbst nicht oder nur in erborgtem Lichte leuchten und infolgedessen selbst keinen Lichtdruck ausüben, ziehen diese Staubmasse» natürlich an und gliedern sie sich selber an. Auch die Kometen ziehen solchen Staub in ihren Bereich. Ihre Anziehung aber ist wegen ihrer eigenen geringen Masse so schwach, daß sie ihn nicht immer festzuhalten vermögen, daß der von der Sonne kommende Lichtdruck die Kometenanziehung überwiegt. Dann wird dies« Materie als Schweif ausgestoßen. Daß diese Vorgänge so vor sich gehen, haben Nichols und H u I l mit einem Versuche nachgewiesen. Sie füllten den oberen Teil eines Glases mit einem ganz seinen Pulver bestimmter Art, das aus ganz kleinen kugelförmigen Körnchen von etwa 0,002 Milkt- meter im Durchmesser besteht, nachdem sie es zuvor bis zur Rotglut erhitzt und dadurch schwammige leichte Kügelchcn aus Kohle er- halten hatten. Dieses Pulver wurde noch mit etwas Schmirgel- Pulver vermischt. Das Glas war. soweit es nur anging, von Luft befreit. Sie drehten dann daS Glas um. so daß das Pulver in feinem Strahl durch die mittlere enge Verbindung floß. Diesen Strahl beleuchteten sie mit dem durch eine Linse vereinigten Licht einer Bogenlampe. Dann fiel das grobe Schmirgclpulvcr senkrecht herab, das feine Kohlepulver dagegen wurde durch den von der Bogenlampe ausgehenden Lichtdruck zur Seite gedrängt, wie die Kometenschweife durch die Sonne. Sie haben damit die Kometen- schweife künstlich nachgemacht.-'' Polizeihund 16. Von Robert Grötzsch Cr hieß Nero und diente als Polizeihund. Vorher war er«sll anständiger Kerl gewesen wie andere gewöhnliche Hunde.• DaS war in den Tagen seiner Kindheit, als ihm das Fell bequem an» Leibe hing, überreichlich, wie ein aus Wachstum berechneter Anzug; als sich Nero mit Seinesgleichen balgte, gutmütig spielend nach ihren Ohren schnappte, sich zur Unterhaltung in die Ohren beißen» ließ, Unfug trieb und andere zum Unfugtreiben aufhetzte. Leider verlor Nero diese anmutig-harmlose Munterkeit, je mehr» seine Fugend blaßte. Das Hundefell rundete sich strammer und strammer um den Pinscherleib, die Ohren horchten steif umher, di« hellgelben Augen blickten forschend: Nero sammelte Erfahrungen> Der Geriebenste schleppte den größten Knochen vom Freßnapfe, Das wußte Nero aus den ersten Tagen seiner Kindheit. Die andere große Lebensweisheit erfaßte er allmählicher: sein Leben wurde von Mächten beherrscht, die ihn belohnen, strafen oder ignoriere?» konnten, je nachdem er sich benahm. Hundebesitzer Rribeholz diktierte dem Nero drei Tage Kettenstrafe,»venn Nero im Garten forschungslustig Maulwurfshügel aufwühlte oder in übermütigen» Krastgefühl halblederne Hausschuhe zerbiß. Aber Herr Reibeholz tätschelte den Nero, nannte ihn ein braves Tierlc, gab ihm Zucker« wenn Nero einen zwei Zoll dicken Knüttel im Gebiß herbeischleppte. Oder»venn er, den Korb im Maul, zum Fleischer tänzelte, nicht rechts noch links schnupperte, wenn er den Korb heimschleppte und daS Fleisch darin mit erzwungener Gleichgültigkeit ignorierte.. Neros Fell wurde praller, seine Augen strahlten Erfahrung; er hatte kapiert, was andere Köter in den Wind schlugen: wenn der Gehorsam am größten, ist der Zucker am nächsten., Er bestand darum die Probe, die seine Kameraden nicht he» stehen wollten. Nämlich: eines Tages tauchten uniformierte Herr» schaften in Reibeholzcns Garten auf. Nero und seine Wilchbrüder mußten in Reih und Glied antreten, mußten auf jiommandl, springen, mußten im Garten vergrabene Stänker crschnüffeln. Stöcke apporticrcn, auf den Pfiff hin strammstehen, auf den Pfiff hin umfallen, auf den Pfiff hin hochspringen. Alles auf Pfiff und Kommando. Nero bewegte sich wie ein gut gedrillter Soldat, die anderen tanzten einher Wie Zigeuner. Nicht, weil sie etwa düinmer gcwesei» Wären. Bewahre! Keiner stöberte die Hasen fünf Kilometer in» Umkreise so sicher auf wie zum Beispiel der Manne. Aver was cv auf Kommando tat, geschah umständlich, ohne Lust, ohne Gehorsam« Ter Ehrgeiz fehlte ihm und den anderen Pinschcrjünglingcn, nu« dem Nero nicht., Darum avancierte nur der, schied aus der Reihe der gewöhn» lichcn Hunde, wurde ein Beamter, der im Hauptpolizciamt freis Station, freie Kost und ein Halsband bekam. Aus dem Nickel« bcschlag war zu lesen: Nr. 16. Wenn der Gehorsam am größten, ist der Zucker am nächstenl — eine Hundeweisheit, die zu Neros Leibspruch wurde. Jetzt mehv denn je. Hätte man den Nero von früher erkannt, wenn er in dev Dämmerung mit dem Polizist Kuhlke bald an dieser, bald an jene« Straßenecke auftauchte, und ins laute, lärmende Leben hinein» schnüffelte? Nein, niemand hätte ihn erkannt. Mit angedrilltev Steife stand er neben seinem uniformierten Herrn, setzte sich auf seinen Wink, sprang auf seinen Wink hin empor. Von so gelehrigem Gehorsam war der Nero, daß er sich balL nur noch durch sein hundemäßiges Aeußere vom Schutzmann Kuhlke unterschied. Wenn sich die Nacht herniedersenkte, sah man Nero mit gesträubtein Pinscherbart neben der Uniform straßab stolzieren. Nero knurrte leise,»venn ein Passant in Hörweite sang, pfiff oder mit dem Spazierstock an Gartenzäunen entlang prcllerte. Nero knurrte laut und ließ das Gebiß sehen, wenn der sidele Passant abgerissen cinherging. Nero war eben kein gewöhnlicher Hund»nehr— er War Beamter. Ein richtiger, lustiger Hund wurde »hin ebenso unverständlich und zulvidcr. wie ein nicht nach der Ver- kehrsordnung marschierender Mensch. Keim da so ein sidclcr Terriev angetrippelt, Zäune kontrollierend und Laterncnpfähle auShmd» schaftend, dann nahm Nero Haltung an, wie sie ihm noch ein Jährchen vorher niemand zugetraut hätte: Seine Nase skkeg empor, sein gelbes Auge lauerte, sein Pinscherbart stach in die Luft. Und die gewöhnliche Hundeseele beschrieb regelmäßig einen weiten Bogen um die unnahbare Pinscherfigur. So viel Gespreiztheit hätten sich schließlich Menschen und Hunde als gute Untertanen ohne Murren bieten lassen. Aber Neros Bcamtcnbeivußtsein erhielt an einem Abend eine unerträgliche Steigerung. An diese»»» Abend strampelte Radier Mehltcuer hurtig die Straße entlang. Kein Licht schimmerte an der Lenkstange. Das sah Kuhlke---- „Steigen Sic mal ab!" Rrrrrsssl surrte das Rad weiter. „Nero, faß!" Pinscherpfotcn trommelten pflichteifrig über den Kies, ein H»indeleib flog gegen den Radlerbuckel.— darauf ein dumpfev Knall, wie wenn ein Menschenkörper ausschlägt.--- Radler Mchlteucr erhob sich mi» Mutenden HCnden; seine wuk» sprühenden Augen brannten in die gelben des sprungbereiten Polizeihundes Nr. 16.-- Und plotz.ich drangen Klagclaute zum, Himmel; Nero hockte winselnl» im/ Schnittgerinne, KuhlkeS breit» Sohlen kraöpien heran. Dann tvurds NeroS Winseln bon heftigem Wortwechsel übertönt, und dann— dann kam der große Augenblick, der Nero» Wlnseln verstummen ließ und sein Selbstbewußtsein so unerträglich erhöhte: der Mensch mit blutenden Händen, de» Mensch, den Nero zu Boden gesprungen, der Mensch, der Nero in den Bauch gestoßen,— dieser Mensch wurde angeschnauzt und abgeführt. Seinen Jackcnärmcl umkrallte Kuhlkes klobige Faust. Ein Pfiff, dann trollte Nero hinter den beiden einher, die Augen mit lauerndem Schieleblick auf die blutende Radfahrerhand ge- xichtet und die Nase höher ,n der Luft denn je. In dieser Höhe ungefähr blieb Neros Nase. Er war ein Be- Vinter, konnte Menschen anschnauzen, konnte Menschen zu Boden werfen und durfte nicht angetastet werden. Seine Augen flimmer- tcn die Menschen beleidigend an: gelb, dreist, gebieterisch. Jeder Blick eine Hüftandrohung. Und die Menschen sahen schamrot zur Seite, murrten in den Bart, wollten keinen Grund zum Einschreiten geben. Nero war nun mal eiii Beamter, und sein kurz gestutztes Schwanzstück pendelte im Namen des Gesetzes. Die Hunde versuchte er nur noch mit einem seitwärts gerich- leten Auge so nebenbei zu bemerken. Leider gelang ihm dies Nebenbei nicht immer derart vollkommen, wie Borgesetzter Kuhlke wünschte. Leider zog den Nero eine heiße Leidenschaft zu seinen ewig schnuppernden Geschlechtsgenossen hin. Da aber gewöhnliche Hunde sich auf der Straße immer polizeiwidrig benehmen, kämpften Hund und Beamter in Nero meist nur einen.urzen Kampf. Ter Beamte siegte regelmäßig. Irgendein Flizzi oder Waldmann brauchte nur mit flott eingezogener Haxe auf drei Beinen vahln- zutrippeln— und schon rumorte ein Knurren in Neros Pinscher- kehle. Er mißbilligte diese dreibcinige Ulkerei. Es gehörte zur Ordnung, daß die Menschen gleichmäßig auf zweien, die Hunde auf vieren liefen! Aber hinter Uniform und Eisenhaube lauerte der Mensch Kuhlke und hinter der Nr. 16 und den andrcssierten Beamten. Manieren der Hund Nero. Das stellte sich immer nachts heraus, wenn die Ocffentlichkeit schlummernd träumte, wenn die Dunkel- heit düsterer war denn ein Beamtenkleid. Dann kamS vor, daß Kuhlke in stiller Straße ein menschlich Gesicht schnitt, sich seitlich wandte, eine Minute, zwei Minuten.... Und Nero? Er tat um diese Zeit, was sein Herr nicht lassen konnte. Der Hund in Nero rang den Beamten nieder. Eine tief eingewurzelte Begierde riß ihn von Laternenpfahl zu Laternen- Pfahl, bon Baum zu Baum, zwang die Hundehaxe empor, zum vierten Mal, zum fünften Mal, unaufhörlich. Seine Nase lief witternd um die Kandelaber in hurtigem Kreislauf. Und die spürende Nase vermittelte NeroS schmutziger Phantasie wüste Wilder.... Bilder jener Lords und Waldmänncr, wie sie" leibten, lebten und liebten, und wie sie der Polizeihund Nr. 16 tagsüber ignorieren mußte So jagte ihn die Leidenschaft nächtens von Pfahl zu Pfahl, bon Ecke zu Ecke, die Nase unten, ein Bein oben. Bis ihm sein uniformierter Vorgesetzter bei Tagcsgrauen die Würde gebot, ohne die hienieden ein Beamter nun einmal nichts ist. „Nero! Hierherl Stramm!" Und Nero hob die Nase in die Luft, setzte die vier Pfoten nach Vorschrift, spürte drohend in die Nacht hinaus— von der schwarzen Nasenspitze bis zur gelben Schwanzkuppe ein Beamter. Das war der Nero, der Polizeihund Nr. 16. Und so blieb er, und so sicherte� er sich das Wohlwollen seiner Vorgesetzten bis inö graue Aller. Liemes Feuilleton. Aus dem Gebiete der Chemie. Wird aus dem Polonium Blei? Das Polonium ist zurzeit berühmter als das Radium und ganz mit Recht, denn nach den neuesten Forschungen von Frau Eurie ist das Polonium gewisser- maßen der letzte Auszug auS dem Radium und bringt uns daher an die Schwelle des großen Rätsels, das diese Stoffe uns aufgebe». Bei ihrer ungeheuren Kostbarkeit, die weit über der des Goldes steht, eröffnet sich zwar durchaus keine Ausficht auf eine erfolgreiche Fort- seyung der alchimistischen Bestrebungen deS Mittelalters. Der Sache nach aber kommt eS darauf hinaus, denn es ist für die Wissenschaft gleich wichtig, ob man aus Gold Blei machen kann oder aus Blei Gold. Eine von diesen beiden Verwandlungen steht nun vorläufig noch nicht in Frage, aber eine andere, die für die Wissenschaft gleich bedeutend und gleich erstaunlich wäre. ES besteht nämlich nach den neuesten Untersuchungen der Verdacht, daß daS Polonium schließlich in Blei übergeht. Ist die alte Lehre von der Unwandelbarkeit der Elemente schon durch den Nachweis der Berwandlmig von Radium in Helium umgestürzt worden, so wäre die Erhärtung der neuen Vermutungen bis zum Range einer Tatsache ei» neuer außerordenl- licher Schritt auf dem Wege einer vollkoinmeneit Revolution der naturwissenschaftlichen Grundlehren. Die Forschungen von Frau Curie haben übrigens einen Vorläufer in den Arbeiten von Marchwald gehabst der aus fünfzehn Tonnen Pech- blende drei Milligramm eines Stoffs erhielt, den er als Rabiotelkur bezeichnete, der aber wahrscheinlich nichts anderes war als das Polonium von Frau Curie. Dieser Körper war um ein Vielfaches stärker strahlend als das Radium. Es hat nun den Anschein, als ob sich daS ganze Rätsel deS Polonium schließlich durch die Feststellung lösen wird, das Polonium bestehe auS Helium und Blei. Damit würde zum ersten Mal der in seiner Tragweite nicbt zu überschätzende Nachweis geglückt sein, daß ein Atom eines Elements auS je einem Atom von zwei anderen Ele» menten besteht. Man kann sich die Spannung vorstellen, mit der die Forscher und namentlich Frau Curie die Zeit erwarten, nach deren Ablauf der Zerfall ihres Poloniums soweit fortgeschritten sein wird, daß man untersuchen kann, ob eS sich tatsächlich in Helium und Blei zersetzt hat. Ans dem Pflanzenreich. Blaudeilchen. Unter allen Sendboten dcS LenzeS ist keiner begehrter als Blauveilchen, auch Märzveilchen oder Märzviole ge» nannt. Nach keinem Blümchen wird emsiger gesucht als nach dem »bescheiden im Verborgenen blühenden". Den WaldeSboden hat daS Veilchen sich als Standort erkoren, und noch bevor der Wald mit seinem Blätterdach den Boden in düstere Dämmerung kleidest öffnet Blauveilchen seine Blüten. Im Lichte will die Blume baden, darum muß sie zeitig im Jahre erscheinen: aber dennoch verfehlen gar viele ihren Lebenszweck: für die Erhaltung der Art zu sorgen. Blauveilchen ist aus Fremdbestäubung angewiesen, wenn keimfähiger Samen erstehen soll, d. h. die weibliche Narbe einer Blume will mit dem männlichen Pollen von einer anderen Blume bestäubt werden. Nun find aber zur MärzenSzeit, wenn daS Veilchen blühst der Insekten, die diese Fremdbestäubung herbeiführen können, noch wenige, und so bleibt die Bestäubung recht oft auS. Fast scheint eS, als ob daS Veilchen drum wüßte, daß die Aussichten für die Erzeugung eines Keimes für die Nachkommenschaft im März noch recht trübe sind, denn einmal verzichtet das Veilchen darauf, die ganze Blumenichar fruchtbar zu machen, zum anderen aber hat eS die fruchtbaren Blumen ganz raffi« niert ausgestattet, damit nur ja die Fremdbestäubung ermöglicht und die Selbstbestäubung verhindert wird, und endlich bringt das Veilchen — im Sommer— eigenartige Blumen zum Borschein, die aus- schließlich dem Fortpflanzungsakt dienen. So viele Menschen die herrlich duftenden Blümlein im blauen Kleide kennen, so wenige werden die Sommerblumen des Beilchen» beobachtet haben. Diese sind auch nur kleine unscheinbare grüne Gebilde, die gar nicht so ausschauen wie Blumen, die sich auch nicht öffnen, ja es oft nicht einmal sür nötig halten, ihre Köpfchen in die Dämmerung des Waldgrundes zu erheben, sondern vielinehr unter Moder des Bodens verborgen bleiben. Die Sommerblumen de? Veilchens find die sonderbarsten Geschöpfe im Pflanzenreiche, der Botaniker spricht von kleistogamen Blumen und will damit auS- gedrückt haben, daß in solcher Blume eine Selbstbefruchtung erfolgst ohne daß die Blume sich öffnest Dergleichen kleistogame Blüten sind auch bei einigen anderen Pflanzen noch zu finden. Bei den fruchibarcn Märzblüten des Veilchens sehen wir, daß da? größte der fünf Blumenblätter, da? zugleich das unterste ist, nach hinten zu in einen geräumigen Behälter ausläuft, Sporn ge- heißen. Dieser Sporn ist ein reichlich gefülltes Nektargefäß. Schauen wir von vorn in eine solche Blüte hinein, so fällt zunächst auf, daß beim Eingang zum Blüteninnern das Violettblau der Blumenblätter ins Weißliche übergeht und daß auf dem großen unteren Kernblatte dnnkelviolette Adern nach dem Blüteninnern weisen. DaS find die Wegweiser zu den Honiglöpfen, die Saftmale, sie sollen dem Insekt andeuten, wo der süße Nektar zu holen isst Weiter erblicken wir die grüne hakenförmige Narbe, das weibliche Organ, und dahinter die Vertreter des männlichen Geschlechts, fünf orangerote Läppchen zu einem Ring zusammengestellst Diese Läppchen sind Anbängsel der eigentlichen Staubbeutel, deren hellgelbe Färbung wir erst beim Zerpflücken der Blume gewahren. Die Läppchen bilden einen Be- hälter. in dem der leicht auS den Staubbeuteln herausfallende Pollen gesammelt wird. Ain vorderen Ende der Narbe hängt ein kleine» Läppchen herab unter einer mit Feuchtigkeit gefüllten Vertiefung. Dies Narbenende liegt hart über dem Zugang zum Honigtopfe. Kommt nun ein nach Honig lüsternes Insekt, das schon in einer anderen Veilchenblume naschte, von wo eS auf seinem Rüffel Blütenstaub mitbringt, so wird dieser Blütenstaub, sobald der Rüsiel in den Honigtops hineingesteckt wird, von dem Narbenläppchen abgefegst Hat der Rüffel dieses Läppchen passiert, so nimmt er neuen Blüten» staub aus dieser Blume auf. Beim Zurückziehen des Rüssels wird das Narbenläppchen, auf dem kurz zuvor der Blütenstaub aus einer anderen Blume abgeladen wurde, an die Narbe gedrückt: die Fremdbestäubung ist vollendet. Zugleich verhindert das Narben- läppchen, daß der Pollen, den das Jnselt auS der Blume mit heraus- bringt, auf die empfängnisfähige Stelle der Narbe gelangen kann, denn eben diese Stelle wird jetzt durch das nach oben gedrückte Läppchen verdeckt. Warum Blauveilchen sich den Luxus erlaubt, zwei verschiedene Arten von Blumen zutreiben, und bei der einen das anwendet, da» bei der anderen sorgsam ausgeschaltet wird— da? ist eines der Blüteiigeheimnisse aus Floras Reich. Lassen wir dem Veilchen sei» Geheimnis, aber von seinen blauen Blümlein wollen wir ihm rauben, auf daß wir mit dem Duft derselben Lenzesfreude in unser Heim tragen.__ Werantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.~ Druck u. Verlag: Vorwaii« Buctzirucieret u.BerlagSanLatt Kaul Ämger lstTo..BerUn SVtz,