Nnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 59. Donnerstag ven 24. März. 1910 vas andere verdient haben und von dem, was andere verdienen. Was treiben sie denn? Tun sie Geistesarbeit? Nein, sie leben von der Geistesarbeit, die andere getan haben und von der, die andere tun. Wie bringen sie denn den Tagjstn? Im Genuß, im geistigen wie im körperlichen— beständig von dem, was andere getan haben und was andere tun. In Berschtvendung, in Raffinement, in Müßiggang, in Gesell- schalt, in Huldigung, auf Reisen, im Ruhen leben sie. Er änderte hier fortwährend die Worte, und änderte wieder, aber es kam heraus. Ihre höchste Anstrengung, meinte er, sei neue Gesellschaft und immer neue Huldigungen zu empfangen. Ihre höchste Gefahr, meinte er,, sei eine Erkältung oder überlastete Vcr- dauung, Und um sicher zu sein, daß die Frucht der Arbeit anderer ihnen nie genommen werden könne,— was taten sie da? Sie widersetzten sich allem, das mit einer anderen Ord-- nuna draht: ste wiedersetzten sich auch jeder notwendigen Um- igestaltnng. Sie widersetzten sich der Befreiung jener, die nichts erreicht haben. Sie lMndeln, als sei die Gesellschaftsordnung von aller Ewigkeit an für sie gemacht. Bis hierher und nicht weiter. Du begreifst, ich habe alle diese Gedanken aus meinem Zusammenloben mit ihm; ich könnte m>f meine Weise alle seine Reden halten und jedenfalls fließender. Aber ich glaube. daß sein Aendern der Worte und sein fortwährendes Stottern dabei bewirkte, daß das schließlich Gewählte bedeutungsvoller wurde. Ich meinerseits habe es aufgeschrieben; alles in unserem kurzen Zusamenleben habe ich Aufgeschrieben." „Alles?" „Ich sage Dir. alles, was Inhalt hatte. AllcS, alles. Er schrieb ja nicht eine Zeile; er habe keine Zeit, sagte er. Er verachtete es. Als der Tod ihn dann mir und uns allen nahm, was hatte ich da Besseres zu tun?— Nein, sag nichts, jetzt mußt Du mich erzählen lassen!— Er erörterte denselben Gedanken von der religiösen Seite. Es war seine Art, einen Gedanken von allen Seiten zu nehmen. Er sagte, heute sei er bei einer alten Frau gewesen, die klagte, sie könne nicht in die Kirche gehen, sie habe keine Schuhe. Es sei ein endloser Spektakel gewesen, Schuhe für sie zu besorgen, denn die beiden Läden, die fertige Schuhe hatten, wollten am Sonntag nicht verkaufen. Aber sie bekam'Schuhe. Er habe sie später zur Kirche gehen sehen— genau gleichzeitig mit der Königin und ihrem Gefolge. Da habe er gedacht, es sitzen sehr viele in der Kirche mit sehr schlechten Schuhen und viele sind zu Hause, die sich nicht hin wagen; sie haben zu elende Schuhe und sind auch im übrigen zu elend gekleidet. Wer sind denn die, welche be» sonders so schlechte Kleider und Scknihe haben? Die, welche am meisten gearbeitet haben, gcanbeitet, bis sie unheilbar krank geworden sind. Aber die, die nicht gearbeitet haben, die hotban zehn Paar Schuhe, sie könnten tausend Paar haben. Und Kleider eben- falls im größten Ueberfluß. Er sei nicht in der Kirche ge- Wesen, sagte er, aber er wisse, daß gepredigt worden wäre, als sei es die natürlichste Sache von der Welt,, daß die, welche Schuhe hätten, jenen geben sollten, die keine hätten. Es wurde gepredigt, als ob Jesus sie gerade dies gelehrt habe. Jesus sei gekommen, um sie alle glücklich zu machen, und dies sei ja die beste Art.„Er ging einher und tat das Gute," steht geschrieben. Aber aus der Kirche gingen sie alle heim, wie sie in die Kirche gekommen waren; sie tauschten die Schuhe nicht. Der eine ging zurück zu seinem Ueberfluß und seiner Ruhe, der andere zu seiner Armut und feinen Entbehrungen. Die welche nicht gehen konnten, weil die Armut zu groß war. die sitzen noch, wo sie vor dem Gottesdienst gesessen, sind. So ist unser Christentum nämlich, sagte er. Und er hatte ein Recht, darüber zu reden, kann ich Dir sagen, denn er gab von seinem„Ueberfluß". „Aber Ihr lebtet doch ein gewisses Wohlleben?" „Ja, er meinte, das sei das Recht aller Menschen. Wer sich berufen fühle, auch das Wohlleben zu opfern, möge eS tun; aber für die meisten gebildeten Menschen sei das Wohl- leben die Bedingung für Arbeit und Hilfe, die Grundlage für Freude. Es läge auch der Zug zum Schönen darin, und das ist ein seltener Sporn. Nein, was er verlangte, war. daß jeder, der es könne, sich selbst ernähren solle hörst Du, meine Tochter!— und daß jeder, der Ueberfluß habe, ihn in Arbeit umsetzen solle, die fruchtbar für andere. Er nannte die Kirche feige und schamlos, die dies nicht verlange, ohne Ansehen der Person." „Also wie Tolstoi?"— „Rein, ste waren sehr verschieden. Tolstoi ist vom slawischen Volk geboren. Iwan der Grausame und Tolstoi, alle beide; denn sie sind die Gegensätze darin, die einander bedingen. Der eine tat alles mit Gewalt, der andere will nicht einmal Widerstand leisten. Der eine mußte jeden Willen unterjochen, um Platz z» bekommen: der andere will ihm denselben gutwillig geben, stcher, daß dann die Begierde stirbt. Der slawische Tyrannendranm die leidenschaftliche Grenzenlosigkeit nach beiden Seiten. Geboren von demselben Volk und von denselben Verhältnissen. Alle Freiheit, die wir in Westeuropa besitzen, haben wir dadurch errungen, daß wir Grenzen innehalten, nicht für uns selbst allein, sondern für andere. Also indem wir Widerstand leisten. Das Schwache ist grenzenlos; das Starke setzt Grenzen und hält sie." „Aber die Bibel lehrt doch auch—" „Allerdings: aber sie ist ja auch von den Morgenländern. Die Abendländer handeln gegen die Bibel. mm Was ich Dir hier sage, ist von Deinem Vater." „Kannte er Tolstoi?" «Nein; aber er kannte das. was älter ist als die Bibel und als Tolstoi." «Er war also ein großer Redner?" „So wage ich ihn nicht zu nennen: er gehörte nicht unter die Verkünder, sondern unter die Seher. Ja, störe mich nun nicht I— Er meinte, daß nach hundert Jahren die große Menge jene, die im Müßiggang und im Ueberflutz leben, gerade so ansehen wird, wie wir jetzt die Betrüger und die Liederlichen betrachten." „O Mutter,— wie war Dir zumute?" „Tag und Nacht toste und zitterte es gleichsam von seiner Stimme in mir. Ich saß wie mitten in einer Ge- Witterwolke. Nicht, als ob er schrie und lärmte. Nein, seine seine Persönlichkeit war es und etwas in der Stimme. Sie war verschlossen und tief, ja, sie kam wie aus einer Ver- tiefung. Es kam stoßweise, aber es kam ununterbrochen. Ich glaube, er sprach über zwei Stunden. Den, auf welchen er zufällig blickte, sah er an, und wenn er zum Fenster hinaussah, so blieb er dabei. Unbeholfen, verstehst Du. Die Augen füllten sich von innen heraus mit Brand, er stand vornübergebeugt, wie ein Baum am Abhang. Ich dachte, ehrlich gesagt, an den Wald. Später, als ich ihm näher trat, duftete es auch nach Wald von ihm. Und dann war seine Haut so rein. So die Partie am Halfe� die nicht von der Sonne verbrannt war. weil er vornübergebeugt ging— wenn er den Kopf hob— Du kannst Dir nicht denken, wie fein und zart sie war. Ja, wie kam ich doch darauf? Aber das ist gleich- gültig, jetzt bin ich da, und will dort bleiben, bei Deinem Vater I Gott, Magne, wie ich ihn geliebt habe, und wie ich ihn ewig liebe I" Sie brach in Tränen aus, und dann lagen sie Brust an Brust. Von den gedämpften Farben in Wald und Feld in der unsichern Luft und dem harten Stromesbrausen wurden sie abgeschnitten. Die Umgebung stand freilich zu ihrer Stimmung. Um so viel treuer hielten sie sich umschlungen und gaben einander alle ihre Stärke. „Magne, es kommt ungeordnet, alles, was ich Dir hier zu sagen habe. Ich weiß nur, wo ich hinaus will. Ja, es war die Natur hier umher, großartig mit heim- lichen Verstecken drin: mir ahnte dergleichen. Alles war neu für mich, auch die Natur: ich war gereist, aber nicht in Norwegen. lFortsctzung folgt, plackt aufl Von G. Arb ouin. Autor. Uebertragung von H. Hesse. An einem unwirtlichen Abend im Winter sah der Abbö Gran- fteard vor dem prasselnden Holzfener und war ganz in eine Predigt« ammlung vertieft, als er trotz des strömenden Regens das Ge- murmel einer Menschenmenge vernahm und sich erstaunt fragte: „Was kann das nur sein?* Noch niemals hatte er auf seiner stillen Landpiarre bei Nacht etwas Aehnlichcs gehört. Da... heisere, unverständliche, entsetzliche Schreie durchdrangen den Sturm. Daun war es plötzlich, als stürme eine revolutionäre Armee um die Ecke des Gähchens, und schreckens» bleich ließ der Abbe das Predigtbuch sinken und murmelte: «Die Streikenden kommen!" Die Menge war jetzt vor dem Pfarrhanse angelangt und man vernahm keine Schritte mehr, sondern man hörte immer deutlichere Flüche, obgleich sie sofort wieder im Sturme verhallten... Und plötzlich übertönte eine Stimme alle anderen: „Macht auf I" Welch eine herrliche Stimme! Kraftvoll, ernst und doch so weich! Mit einem einzigen Worte rührte sie das Herz, und der Abbö war aufgestanden, ohne recht zu wissen, warum. Er hob den einen Fntz und schritt über das Predigtbuch hinweg, und nun stand er hinter der Tür, erschrocken und bereit, zu öffnen. „Macht aufl" wiederholte die Stimme. Er drehte den Schlüssel iin Schloff um, und sofort peitschte ihm der eisige Regen inS Gesicht. Doch als er so der Menge gegenüber- stand, die vor ihm in der Finsternis winnnclte und' sicher im nächsten Moment bei ihm eindringen und selbst den anheimelnden Salon nicht verschonen würde, in dem die Holzscheite prasselten— als er sich so der Menge gegenüber sah, ließ ihn ein plötzlicher Widerwille auffchreien: „Wer seid Ihr?" „Elende 1" .Bettler I* „Hunde 1* Tausend Stufe erschollen, doch niemand tat einen Schritt vor» wärts, und der Abbö, der sich in dem Regenschauer bückte, wendete den bestürzten Blick auf diese verschwommenen Gestalten, die fich in dem Dunkel bewegten, und hier und da unterschied er ein sahleS Gesicht und eniporgestreckte Anne, und in der ersten Reihe dtcht vor ihm ein Weib, an deren nackten Brust ein kleines Kind bitterlich schluchzte. „Was wollt Ihr?" ftagte er. Die Kehle war ihm trocken vor Angst. „Ein Obdach." „Mein Haus ist nicht groff genug." Ein Augenblick tiefer Stille folgte, und weiter zurück, da, wo der Menschenknäuel am dichtesten war, erhob sich die herrliche Stimme: „Gib den Schlüflel her!" „Den Schlüssel der Kirche? Kein Gedanke! Nachts wird die Kirche nicht geöffnet." „Gott kennt keine Zeit, denn er schuf beides, Licht und Finsternis." „Aber was sind denn das für Menschen?" „Streikende, von Gendarmen verfolgt." „Den Schlüffel der Kirche gebe ich nicht heraus. Ich darf eS nicht." „Willst Du diese Leute denn im Regen stehen lassen? Zwei sind schon nmerwegs gestorben, und die Kleinen liegen wie tot in den Armen ihrer Mütter. Wo hast Du denn gelesen, daff der Herr des NachtS nicht empfängt, als sei die Hilfe an eine wohlanständige Besuchsstunde gebunden? Geh und nimm den Schlüssel von seinem Haken, und diesen Elenden, von der Wohnstütte der Menschen Ber- jagten, schliche Du dann selbst das Gotteshaus auf." „Ich kann es nicht." „Nur weil es einmal nicht Sitte ist!" „Du selbst... wer bist Du denn eigentlich?" Ein Schrei des Entsetzens antwortete ihm— er stieg unten aus dem Dorf herauf, hallte über die Köpfe dahin, und wie der Regen prallte er an die Wand des Pfarrhauses: „Die Polizei kommt I" Es folgt ein ungestümes Drängen den Berg hinauf, em heftiges Klappern von Holzichuden, und die Schwächsten sanken um. Ihre Schmerzcnsichreie pflanzten sich von einer Gasse zur andern fort... wie das Jammern der verlassenen Verwundeten auf dem Schlacht- selbe. Und vom Regen durchnäht, stierend und mit schmerzenden Schläfen hörte der Abbe stupide zu wie ein Bettunkener, als er drei Reiter jäh in dem Dunkel auftauchen sah... es waren die Gendarmen. „Keine Ausschreitungen. Herr Abbö?" fragte der Wachtmeister. „Keine I" antwortete der Abbs, doch ohne Freude. „Sie sind nicht bei Ihnen eingedrungen?" „Nein." „Dann geht alles gut." „Meinen Sie...?" „Gewitz, wir haben ja den Rädelsführer." Und indem sie die Pferde zur Seile zügelten, liehen ihn die Gendarmen in der Finsternis einen Mann sehen, bekleidet mit einem langen, dunklen Mantel. „Hier ist er." „Das ist wirklich der Führer?" „Ohne jeden Zweifel." „Wissen Sie seinen Namen?" „Noch nicht." Und fich zu dem Mann wendend, fragte der Wachtmeister: „Wie beifft Du?" Der Bettler antwortete nicht, doch langsam begann ein mildes Licht aus seinen Schläfen zu strahlen. Es umleuchtete seine hohe Stirn, aus der das regenschtvere Haar tropfte. Die Augenbrauen und die Nase hoben sich in dem Dunkel von dem Antlitz ab. Man ge- wahrte die hohlen, bleichen Wangen, und endlich auch den Bart. Und als der klare Blick seiner Augen den Abbö traf, schrie dieser mit ausgebreiteten Armen aus: „O, was haben wir getan! Du bist ja Jesus, mein Heiland!" Und er wich zurück, immer weiter zurück... er stieff sich den Kopf so heftig an der Wand, daß er im Bett erwachte, schweiff- gebadet, mit klappernden Zähnen... Draußen in der nächtlichen Stille peitschte der Regen die Fenster... frecimans Spiltew. „FredmanS Episteln" ist das klassischste Werk der schwedischen Literatur. In seiner Heimal wahrhaft volkstümlich, das noch heute, und lebendiger als weithin bekaimtere Dichtungen, als etwa die akademischer gewollte„Frithjofssaga" von Tcgnör oder der natio- naler gewollte„Fähnrich Stahl" von Runeberg. Karl Michael Bellman, der Dichter dcS Fredmann, lebte von 1740 bis 1795 »nd zwar— mit Ausnahme eines kurzen, nicht ganz unfreiwilligen Aufenthalts jenseits der norwegischen Grenze— alle diese Jahre in seiner Vaterstadt Stockholm oder in deren nächster Umgebung. Die Familie stammte väterlicherseits aus Deutschland. Des Dichters Urgroh» Vater, ein ans dem Bremischen eingewanderter Schneidermeister. nabm in Stockbolm eine hessische Schneiderstochter zur Frau. Deren Sohn, der Grotzvater, wurde Professor an der Universität Upsala und mackte sich als Dichter einen Namen. Karl Michaels Bater endlich war Sekrelär an der löniglichen Schloßkanzlei und wurde mit der Tochter des Oberpfarrers Hermonius verheiratet, als Oberlandrichter entlassen. Der Dichter selbst amtierte sein lebelang in verschiedenen Kanzlisten- und Sekretärstellungen herum, die er bald aus äuheren Umständen, bald durch eigenes Verschulden wieder verlor. So war er bei der Reichsbank, beim Manusakturkontor, bei der Zolldirettion, bis dem Sechsunddreißigjährigen der König Gustaf lEL. ein persönlicher Verehrer des Bellmanschen GeiaugeS, durch einen Lotterie- sekretärsposten eine Sinekure und auherdem durch eine Pension einen bescheidenen, aber gesicherten Unterhalt für sein Leben und damit für seine Dichtung verschaffte. Erst in seinen letzten drei Jahren, um die Bellman den König überlebte, scheint er wirklich die bittere Rot kennen gelernt zu haben. Der neue König entzog ihm die Pension, und Bellman, der mittlerweile (1777) eine Familie gegründet hatte, vom Trunk und lustigen Leben körperlich und seelisch zerrüttet war, muhte noch wenige Monate vor seinem Tode inS Schuldgefängnis wandern. Durch gute Freunde daraus befreit, wurde er bald von der Scb windsucht aufs Kranken- bett geworfen, von dem er nicht mehr aufstand. In diesen Jahren, ja lange vorher, war aber sein poetisches Gestirn schon im Nieder- gang gewesen. q Diese Angaben stehen auch hier, um der bürgerlich-romantischen Legende entgegenzutreten, die fich gern des Falles Bellman bedient hat und türver bedienen wird: als könnte das künstlerische Genie gewiffermahen vermöge seines überirdischen inneren Reichtums aus der Lust wachsen und von ihr leben. Wir haben gesehen, dah mehrere Generationen w zunehmendem Bürgerwohlstand vorauf- gehen muhten, bevor der Enkel, allerdings auf Kosten eines zerstörten Lebens, seinem Volle daö werden konnte, waS er geworden ist. Er selbst hat zudem an seinen kleinen Aemtern, an gutsituierten Freunden und dem protegierenden König fast fein ganzes Leben einen dauernden, wenn auch nicht starken ökonomischen Rückhalt gehabt. Den Menschen Bellman mit den Gestalten seiner Dichtung, besonders denen von.FredmanS Episteln* zu identifizieren, ist ein unmögliches Verfahren, das auch in der neueren schwedischen Forschung seines Lebens keinen Platz mehr findet. Ein gesellschaftlicher Paria an der untersten Grenze der Existenz» Möglichkeit aus dem Fredmankreise, der seine Tage von Bettelpfennigen fristet, daS Tageslicht nur durch den Flaschenboden sieht und im Rinn- stein Nachtquartier hält, konnte nicht diese vom frischesten Leben erfüllten, von kunstflcherem Gefühl gemeisterten Lieder voll- bringen. Gewih hat Bellman andererseits nie auf die Dauer sich irdischen Ueberfluffes erfreut. Seine eigene Schuld an einer ewigen Geldklemme ist erwiesen: denn er war von seinen ersten selbständigen Tagen an bis zum Grabe ein unverbefferlicher Leicht- fuh. Aber gerade darin, mit den sympathischen wie den ver- hängniSvollen Seiten eines solchen Charakters, war er das echte Kind seiner Zeit, war er überhaupt der echte Sohn des ober- schwedischen BodenS, wie er heute noch lebt und in BellmanS Liedern sich wiedererkennt. Bellmans Auftreten fiel in daS Ende einer Epoche, die die von Gustaf Adolf bis zu Karl XII. reichende.Grohmachts- zeit" ablöste und ihrerseits von dem.aufgeklärten Despotismus* Gustafs III. verdrängt wurde. Diese Zwischenzeit, die merkwürdiger- weise die.Freiheitszeit* hieh, war charakterisiert durch eine völlige Ohnmacht der Krone, eine fast absolute Herrschaft des Stände- reichStags, kriegerische und schutzzöllnerische Politik nach auhen, Parteiwirtschaft im Innern be» völlig zerrüttetem Finanz- und Kreditwesen und gleichzeitiger Korruption der Regierenden durch die ausländischen Höfe. Das GesellschastSleben der oberen Klaffen war dem gleichzeitigen in Frankreich vor der Revolution durchaus verwandt, milde ausgedrückt: ein frivoles Jn-den-Tag- Hineinleben. Bälle und Maskeraden, völlerische Gastereien und schmutzige Liebesaffären bildeten daS ununterbrochene tägliche Amüsement dieser politischen Bankrotteure,— kein Wunder, dah auch schliehlich Bürger und Beamte mit in den Strudel gezogen wurden, dah auch der Sekretär Bellman an dem lustigen Leben seinen Anteil nahm. Der Erfolg war, dah er bereits mit 23 Jahren zu jener Flucht nach Norwegen vor seinen Gläubigern gezwungen war und bis an sein Ende vor diesen, bei seinesgleichen ständigen Plagegeistern keine Rilhe finden sollte. Nichts anderes als die Erlebniffe, genauer: die Beobachtungen feiner allzuvielen wilden Rauschtage geben den Stoff ab zu seinem klassischen Hauptwerk, den Episteln. Es ist nicht unerheblich, dah Bellman aus einem Hause kam, das sich dem herrschenden Zeitgeist, den AufklärungSideen und dem leichtsinnigen Lcbensgennh, durchaus verschloh und vielmehr den düsteren Grundsätzen des Pietismus an- hing. Von einer solchen strengeren Gesinnung zeugen auch die ersten poetischen Versuche Karl Michaels, die bis ins Jahr 17b7 zurück- gehen: etwa Moralsatiren, die er gegen die Welllust der jungen Damen richtet, religiöse Dichtungen, Gelegenheitspoeme im Herr- schendcn akademischen Stile. Aber wie gewöhnlich: gerade die Ab- kehr von der Weltlust, wie sie ihn das Elternhaus lehrte, lieh ihn um so süheren Geschmack an der verbotenen Frucht finden. Aus dem Saiilus wird ein Paulus des Weib-Wcin-Gcsang- Evangeliums. Die bürgerliche Emanzipation bahnte sich dainals allenthalben in Europa durch Stiftung geheimer humanitärer Ordens- gesellschaften, nach dem Vorbilde der Freimaurer an, hier wird ein fiarodissischer Bacchusorden gegründet, dessen Seele Bellman ist, der eine Ordenskapitel abhält und Ritterschläge an bewährte Bacchus- diener erteilt. Patriarchen des alten Testaments werden mit wohl» wollendem Spott als Vorbilder der Trinkseligkeit, ihre Damen alS solche der Fleischeslust besungen. Und der Apostel deS neuen Sauf» und Buhlevangeliums richtet, gleich Paulus, an feine lieben Brüder und Schwestern lebhafte Episteln umer der Maske des.berühmten Uhrmachers ohne Uhr, Werkstatt und Geschäft* Fredman. Wie der Apostel und Wortführer Fredman, so find auch die anderen Figuren der.Episteln* rettungslos gescheiterte Existenzen. Da marschieren an der Spitze der Korporal Mollberg, ein letzter Nachläufer der stolzen Grohmachtszeit, der einst.ein HouS belaß, dann eine Zeillang Fabrikant war, dann Reiter ohne Haus, Pferd und Schabracke und schliehlich Tanzmeister* und der Artillerie- konstabler Movitz, ein weiches Gemüt, mit echten mufika- lischen und malerischen Fertigkeiten. Da find die Stadtmufizi Berg und Bergström, Winkeladvokaten und Trödler, Zoll- und Steuerbeamte, emgleiste Handwerker und Bummler recht und ichlecht— alle finden sie sich beim Branntwein und beim Hopser zusammen. Und um sie wogt das Heer der Krugwirte und Wirtinnen mit ihren gefälligen Mädchen, den.Nymphen*, deren am meisten umworbene die urwüchsig reizvolle Ulla Winblad ist. Eine ganze Ortskunde des alten Stockholm wird uns gegeben, namentlich im Hinblick auf die zahlreichen Belustigungsstellen: die schmutzige, winklige Altstadtinscl mit ihrem Hafengetriebe und dem Seemanns- voll, die hochgelegene felsige Südstadt sauf der auch Bell- manS Geburtshaus stand), die anwachsende Nordttadt. landeinwärts den Mälarftrom hinauf die ländlichen Ausflugsplätze und nach der Seeseite hin der idyllische Tiergarten, das eigentliche Bellman- Paradies, in dem noch heute alljährlich mit Sang und Aufzügen das Bellmanfest gefeiert wird. Und in den Schicksalen dieser von Not und Lebenslust zusammengewürfelten Schar spiegelt sich ein ganze? grohes Dasein, zwischen Geburt und Tod und allem Auf und Ab. Ulla, die Nymphe, genest eines KindeS. Mollberg bieret zum Kindelbier auf und zum TotenfchmauS, oder er führt feinem Kameraden die Leichenparade. Einer nach dem anderen wankt dem Grabe zu. Movitz ist von der Schwindsucht ergriffen, zwei seiner Liebsten muh er verlieren, die braven Krugmütter müssen dran glauben wie die unseligen Zechkumpane selbst. Nach Ulla, die die Srromsahrten der Bande, als Venus auf den Wellen, verschönt, strecken die Büttel ihre Arme aus und spedieren sie ins Spinnhaus. Im Dirnenquarner bricht ein nächtlicher Brand ans. Mollberg steht auf Posten, Movitz wird von Ulla im Artillerielager besucht, Gerichts- fitzungen und Bierbankpolitik, Kegel- und Kartenspiel. Schlitten» und Slromfahrten werden nun nacheinander vorgeführt. Den Hauptameil der Episteln bestreitet jedoch das Krugleben mit wildem t ecken, Musik und Tanz, feiler Liebe und den unvermeidlichen -chlägereien. Aber über diesen Menschen und ihren engen Schick- salen leuchten eine freie Natur und eine idyllische Landschaft alS Erlösung. Bellmans ursprünglicher Plan, dieses sein Evangelium einer sorglos-unbekümmerten Lebensbejahung in Form von parodierten Bibelepisteln zu verkünden, ist nur in den ersten Stücken der 82 umfassenden Sammlung durchgeführt. Mag man die übrigen Gedichte als lyrisch, episch oder auch dramatisch be- zeichnen, es trifft doch nicht ihren Kern, wenn eS auch wiederum nicht immer ganz unrichtig ist. Die Form ist eben Bellmans und darin so einzigartig, wie seine Erscheinung selbst in der Weltliteratur. Er hat dem Ganzen, wie einem Drama, ein Personenverzeichnis voraufgesetzt, jedoch ein spahhast kommentierendes, und deutet damit eigentlich nur an. dah die Figuren— besonders Mollbcrg, Movitz, Vaier Berg und Ulla als Schauspieler— durch daS ganze Buch gehen. Fredman aber, BellmanS zweites Ich, ist eS, der in fast allen Liedern das Wort führt. Bald spricht er, stets Zither und Glas zur Hand, zu allen, bald führt er mit einigen Wechselrede oder berichtet von ihren Abenteuern: seltener kommen die anderen auSschliehtich zu Wort. Man ist also eigentlich stetS, dank einer direkten Rede, mitten in der Situation. Zur Betracht- samkeit findet Fredman wenig Zeit und Gelegenheit, obwohl gerade dieser Gattung einige der schönsten Stücke angehören(.Selbstgespräch, als Fredman vorm Kruge Krieckbinein lag, in einer Sommernacht 1768" oder seinen„Letzten Gedanken"), wie auch die schwärmenden LiebeSclegien spärlicher sind, als die zupackenden Verherrlichungen des Augenblicks. Bellman ist seinerzeit kein Jdcenkünder gewesen. Er eignete sich vorhandene Formen und Inhalte an und bildete sie aus, seinem eigenen überschäumenden Temperamente gemäh, um. Ebenso wie er parteilos zwischen den alleSbewegenden Kämpfen der ReichStagSparteien. der sogenannten.Hüte" und„Mützen* stand, so konnte er, der Sohn des Mittelstandes, seine poetischen Stoffe in der Tiefe des Volkes suchen und andererseits für seine Dichtungen bei Hofe und in angesehenen Bürgerhäusern die be- geistertste Verehrung finden. Bellmans dichterische Kraft und Be- dcutung, sowohl für seine Zeit wie für die Gegenwart, liegt in einem grandiosen Dar st ellungsver mögen, und zwar erzielt er feine stärksten Wirkungen durch einen blutvollen Realismus und das Instrument einer biegsamen Sprache, daS den leisesten Intentionen seines Meisters gehorcht und über jeden Ton menschlichen Gefühls mit gleichem Wohlklange verfügt. Nicht das allein aber ist sein Realismus, daß Bellman nur Stockholm und Umgebung darstellt, weil er diesen Fleck Erde einzig miS eigener Anschauung kannte, daß d,e Figuren der Episteln, von Fredman angefangen, in damaligen Stockholmer Originalen leibhaftig und unter denselben Name» existierten: sondern vor allem da», dah er seine Figuren, ihre Freuden und Röte, selbst in den wildesten und gewagtesten Augenblicken ernst nimmt(was eine humoristische Behandlung nicht anZschlieht), so ernst wie Realitäten von Fleisch und Blut, daß er mit ihnen, in ihnen lebt und stets mitten in der lebendigsten Siiution mit ihnen ist, das; er mit der sversifizierten) Sprache de» Alltags so tiefe dichterische Wirkung zu üben vermag und twtz er schlichlich in den Schicksalen dieser Schiffbrüchigen so viel von allgemein menschlichen Geschicken aufzudecken und zu besingen weiß, daß die ganze Ration seiner Zither lauscht. Denn BellmanS Gedichte werden gesungen. Melodien, die ihm aus französischen Chansons, aus deutschen oder schwedischen Liedern, auS Opern und Operelten zuflatterrcn, bat er geschickt zurechlgestutzt und mit bewundernswertem Stilgefühl seinen Texten uniergeleat. Und er selbst ist auch der erste und vielleicht glänzendste Dolmetsch seiner Lieder gewesen, die er mit Zitherdeglcitung vortrug. Er soll gleichzeitig große mimische Fähigkeiten besessen babcn, die ihn, für die Wiedergabe der in den Episteln durchcinanderwirdelnden Stintnien und Gestalten zugute kanien, und sogar mit der Stintme die verschiedenen Musilinstruinente tätlschend nachgeahmt haben. Dagegen ist die oft verbreitete Mit- teiluug, er habe die meisten seiner Lieder im frohen Kreise i m- provisiert, mit großer Vorsicht autzuiiebuien: daß er eins oder das andere in einer ersten Fassung improvisiert hat, iväre möglich, daß es aber, wie alle andere», die letzte Feile am Schreiblisch er- halten hat, ergibt sich bei genauerer Betrachtung dieser polierten und kunstvoll durchgeführten Gebilde sofort. BellmanS Lieder wurden bei ihrem Bekanntwerden sofort in unzähligen von Flugblättern überall im Lande verbreitet und ge- lesen. ÄlS Buch erschienen„Fredmans Episteln' aber erst 1700. Jetzt hat— nach mißlungene» Versuchen trüberer— H a n« von Gumppenberg eine Uebertragung Bellmanscher Gedichte gewagt. Die Zahl der in seiner sedr bcachreiiswcrlen„Schwedischen Lyrik" sMünchen, Etzold u. Co.) zuerst gedruckte» Bellman-Uebcr« setzungcn au» den„Episteln" und aus der weniger wertvollen Sammlung„Fredmans Liedern" hat er jetzt mehr als verdreifacht i.Bellnian-Brevier", München, Albert Langen) und man mutz au« erkennen, daß er bei höchstem Respekt vor dem Original Resultate erzielt hat, die auch als deutsche sprachschöpferische Leistungen ihren selbständigen Wert beweisen. De», gegenüber hat die gleichzeitige Arbeit Felix Riedner e CFred- man? Episteln". Jena 1900, Eugen DiederiM) lediglich den Borzug der Vollständigkeit, indem sie sämtliche 82 Episteln verdeutscht. Sonst charakterisiert dieser Uedertragungsversuch seinen Autor cbenio wie eS schon seine Bellmanbiographie von l90S als einen fleißigen und pietätvollen Gelehrten, bct dem aber ein größeres kiinstleriicheS Gefühl in Auffassung und Wiedergabe zumeist vergeblich gesucht wird. kleines fcinlleton. Physiologisches. Gesunder und krankhafter Fettansatz. Sin gc- tvisser Grad von Fettansatz gehört von Natur zu einem gesunden Körper, während ein Zuviel davon nicht nur mit Recht als unschön betrachtet wird, sondern auch die Gesundheit beeinträchtigt. Gesondert zu betrachten sind die unmittelbar als krankhaft erscheinenden Fett» ansammlungen in der For,«. von Geschwulsten, die in der Wissen» schaff alS Lipome bezeichnet werden und zuweilen eine ungeheuere Größe erreichen. Sie können dann dem ganzen übrigen Körper das Fett entziehen, so daß dieser gerade» zu einem Zustand der Abzehrung und Erschöpfung ver« fällt. Da noch manche Frage über die Entstehung und Bedeutung solcher Gebilde ungelöst geblieben ist, kann ein Ver- gleich mit ähnlichen Erscheinungen im Tierreich als belehrend heran- gezogen werden. ES gibt viele Tiere, die in ganz normalem Zu» stände örtliche Fettansammlungen besitzen, die ober gewissermaßen alS Reserve herangezogen werden, wenn der übrige Körper an Fett- Mangel zu leiden beginnt. DaS bekannteste Bei'piel ist der Höcker des Kamels, der durchaus dem entspricht. waS mau bei einem Menschen krankhafte Fettgeschwulst nennen würde, nur daß ergeben zu den, gewöhnlichen Bestände des Körper« jene» Tieres gebort. Hat ein Kamel eine lange und anstrengende Wüsteiireise hinter sich, so ist der Höcker schlaff geworden, weil er eben den übrigen Körper zum Teil hat ernähren müssen. Der Höcker des Kamel« besteht au?» schließlich auS Fett, der kleinere der indischen Rinder oder ZcbuS an« Fett und WuSkeln. Auch in diesem zweiten Fall dient der Höcker zur Aufspeicherung von Nährstoffen für den Bedarf in der Not. Dasselbe ist von der sclffam-n, der Form nach als Mißbildung erscheinenden Eigentümlichkeit_ der Fettschwanzschafe zu sagen lind auch von den Fettansammlungen anderer Schafe, die sich auf den hinleren Teil deS Rumpfe? erstrecken. Diese haben übrigens geradezu eine Parallele bei einigen Menschenraffen. Die unschönen und für Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: unseren Geschmack fast unanständig erscheinenden Figuren der Busch« leute und Hottentotten find aus Bildern und Schaustellungen bekannt genug. Es geht diesen Naturmenschen mit ihren Fettpolstern ganz ebenso wie dem Kamel mit seinem Höcker, indem auch bei jenen die betreffenden Körperteile erschlaffen, wenn da» Ganze Hunger leidet. Die Erscheinung mutz auch im Menschengeschlecht noch viel weiter verbreitet gewesen sein. denn schon in der ältesten ägyptischen 5tunst finden sich Darstellungen von Leuten, die eine ähnliche unglückliche Fioirr machen wie die heutigen Buschmänner. Man hat daraus den für die Geschichte der Bcfiedclung der Erde wichtigen Swllitz gezogen, daß die Vorfahren der Buschmänner auS dem Niltal bis nach dem äußersten Süden von Afrika gewandert dezirhuilgsweife gedrängt worden sind. Ein weiterer bedeutsamer Umstand liegt in der Tatsache, daß viele Tiere vor der Winterszeit Fettansammlungen gewinnen, die sich nament» lich in der Gegend des NacksnS bilden und während der ungünstigen Jahreszeit zugunsten de» ganzen Körpers auf- gebraucht werden. Eine dcmentsprcchende Erfcheimmg beim Menschen ist zweifellos krankhaft und findet sich namentlich häufig bei CrettnS. Eine intereffanke Eigenheit stellen endlich die Paus» backen der Säuglinge dar. die ohne Zweifel eine besondere Auf« gäbe zu erfülle» haben. Sie verhmdern nämlich, daß beim Saugen die Backe zwischen die Kinnladen gerät. Bei gesunden Kindern verschwinden sie denn auch bald nach Beendigung deS SäugiingS- alrerS. � Astronomisches. Der Hallehsche Kon, et an der Lick-Sternivarte. Die berühmte Lick-Sternwarte, die mit den größten und schärfsten Instrumenten in der klaren Luft des westamenkanischen Gebirge» arbeitet, hat begreiflicherweise besonders günstige Gelegenheiten zur Beobachtung der Kometen gehabt und pflichtmäßig ausgenutzt. Dabei sind einige einffgartige Erfolge erzielt worden. Nach dem jetzt erstatteten Bericht wurde der Halleysche Komet dort zum ersten Male am 11. Dezember auf einer photographistben Platte erbaicht. Auf den Platten von diesen und den beiden folgenden Tagen erschienen die sogenannte Koma(die den Kern umgebende glänzende Hülle) und schwache Spuren eines kegel- förmigen Schweifes. Wenn in Rechnung gezogen wird, daß die gegenseitig« Stellung von Sonn«, Erde und Komet damals reckt ungünstig war, so muß der Schweif schon in jener Zeit eine beträchtliche Läng« besessen haben. Auf einer Photographie vom 28. Januar halte er eine Länge von fast einem Grad gewonnen. Eine weitere schöne Anfiiahine wurde dam, durch Bcrmittelung deS gewaltigen Spiegelfernrohrs am 5. Februar erzielt. Sie zeigte einen lehr schönen, scharten, stern ähnlichen Kern, dessen Durchmesser freilich weniger als fünf Bogenielunden betrug, und den Schweif al» «inen schmalen Kegel von scharfer Begrenzung. Am 10. und 11. Fe« bruar offenbarte sich eine ganz andere Form des Schweif«. Statt des mit seiner Spitze auf dem Kern stehenden Kegels stellt« sich nun ein Schweif niil mehreren zarten Streifen dar, die von dem Kopf au« strahlten. Die beiden längsten Streifen, die bis auf 20 Minuten vom Kern awS verfolgt werden konnten, hatten einen geraden Ver- lauf, der südlichste war gebogen. Dieselben Veränderungen des Schweifs wurden auch durch die Photographien mit anderen In- slrumenteu festgestellt, wo die Länge der Streifen sogar bi» zu 40 Minuten sichtbar wurde. Ohne Zweifel hat demnach der Hallryiche Komet während der ersten Woche des Februar einen plötzliche» Ausbruch in der Strahlung de« Kerne» erfahren. Auch dem sogenannten TagcSlichtkometeu, dem überraschenden Himmelsgeschent des Januar, hat die Sick- Sternwarte selbstverständlich eine sorgsame Pflege zugewandt. Von besonderem Interesse find ihre Aufnahmen de« Kometenspekttum», die allem überlegen zu sein schciuen, wa» auf anderen Sternwarten in dieier Beziehung geleistet wurde. Da« Spektrum konnte bei vollem Tageslicht beobachtet werden. Sein rote» Ende war erbeblich heller und stärker ausgeprägt al» das vom Himmelsgewölbe wiedergestrahlte Sonnenspektrum. Im übrigen war die Uebercin- stimmuug beider vollkommen, woran« mit Sicherheit hervorgeht, daß der Komet nur das empfangene Sonnenlicht zurückwirft und kein eigenes Licht besitzt. In dem Kopf de« Kometen wurden die berüchtigten Streifen gefunden, die auf die Anwesenheit von Cyan Verbindungen deuten. Im Schweif aber fehlten diese vollkommen. Eine ganz einzigartige Wahrnehmung, die bisber noch niemals gemacht worden ist, bestand in dem Versuch, die Geschwindigkeit in der Verschiebung der dunkeln Linien des Sp«rmm,S zu messen. Dazu eignete sich nur die besonder» starke Ratrinmlwie. Eine solche Messung ist deswegen von hervor- ragender Bedeutling, weil sie die Möglichkeit gibt, die Geschwindigkeit de» Kometen unmittelbar festzustellen. Man hat auf dieiem Wege jetzt zum ersten Male durch direkte Beobachtung ermittelt, daß sich der Komet in jener Zeit mit einer Geschwindigkeit von 88 Kilometern in der Sekunde von der Erde entfentte. Die Genauigkeit dieser Zahl ist so groß, daß ein Fehler von höchsten» 2 oder 3 Kilon, etern möglich ist. Allerdings brückt sie nicht die Bewegung de» Kometen in seiner Bahn allein an?, sondern gleich« zeitig die Geschwindigkeit, mir der die Natriumdämpfe von dem Kern de» Kvmeten ausgeschlendert iverden. Vorivarrs Buchdrucker«, u.Vert«g«anjtsU tziaut Singer Sito..Berlin