Nnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 60. Freitag den 25 März. 1910 MaSdruS versolnl.1 *] JVIuttcra Hände. Zwei Bilder von Björn st jerne Björnson. Sie sagen von uns Frauen, daß wir die, die wir lieben, nicht charakterisieren, sondern nur abstrakt lobpreisen können. Aber er hatte einen Freund, sein bester Freund, der konnte charakterisieren, der Dichter—*). Der war mit auf Karl Manders letzter Versammlung, und er kam von dort zu mir. als Dein Vater tot war. Wir sprachen zusammen von allem, so viel ich da konnte. Er schrieb das Schönste über ihn, was geschrieben worden ist. Ich kann alles auswendig. was mit Hochherzigkeit über Deinen Vater geschrieben worden ist. „Wißt ihr. was er war?" schrieb er.„Wenn die Land- schaft, die ich um mich her sehe, etwas auf Menschenweise sagen wollte; wenn die dunkle, hohe Waldhöhe sich austäte, um dem Strom da draußen zu antworten, und die beiden an- fingen, miteinander über die Häupter des Gestrüpps fort- zureden, so würde das sein, wie der Eindruck, den man emp- fing, wenn Karl Mander so lange gesprochen hatte, daß das Brausen seiner tiefen Stimme und die Gedanken, die sie ausführte, eins geworden waren. Stoßweise und nicht leicht, gleichsam wie tief von innen heraus, unbeholfen, so daß er oft die Worte änderte, kam er von allen Seiten zu demselben. Der Gedanke wurde zuletzt so durchsichtig, wie ein feines Birkenblatt gegen die Sonne." „War es so?" „Nein, unterbrich mich nicht!— Karl Mander erschien mir oft so unähnlich allen andern, als gehörte er nicht der- selben Ordnung an. Er war gewisiermaßen kein einzelner Mann, sondern ein Stück Volk. Er ging an einem vorbei wie der Strom. Je nach Gelegenheit und Landschaft, aber ununterbrochen. Sowohl im Leben wie im Sprechen. Die Stimme war ebenfalls nicht persönlich, sie hatte etwas wie Brausen. Ein melancholisch berückender Wohllaut, aber ein- förmig, unaufhörlich." „Das ist ja der Eindruck des Meeres, Mutter!" Die Mutter war so ganz in ihre Erinnerungen verloren, so eifrig in ihren Bewegungen, so lebhaft in Tonfall und Augen, wie ein junges Mädchen. Jetzt hielt sie inne. „Wie das Meer, sayst Du? Nein, nein. nein, nicht wie das Meer! Das Meer ist ja nur Auge. Nein, liebes Kind, nicht das Meer! Tiefen und heimliche Stellen voll Behagen, die hat das Meer doch nickst. Traulich und warm war es bei ihm; die allergrößte Hingebung war die seine. Hör Wetter:„Karl Mander sei gewählt," schrieb er,„gewählt zum Vorboten, bevor das Volk selbst kommen könne. Gewählt, weil er gut und unschuldig sei; die Sache an die Zukunft lag nickst als unreiner Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele."— „Das ist schön gesagt." „Kind, kannst Du fassen, wie ich mitgerissen wurde! Ich, die ich unklare Empfindungen gehabt hatte, daß das, was mich umgab, unecht sei. Hier war etwas, das echt war! Und er selbst! Wir Frauen lieben das, was hochgeboren ist. nicht nur, weil es hochgeboren ist. Nein, es muß zugleich schwach sein, und es muß etwas haben, dem wir abhelfen können. Wir müssen eine Mission sehen. Und Du kannst Dir nicht denken, wie mächtig er war und wie ohnmächtig." „In welcher Beziehung ohnmächtig. Mutter?" „Nrur,— betrunken dorthin zu kommen— l" „Ja. natürlich!" „Und die Ausdruckswcise? Er fand ja nicht gleich die rechten Worte, änderte mitten im Redestrom!— Hatte er indessen etwas in die Hand bekommen, so hielt er es fest. War es das Wasserglas, und meistens war es das Wasserglas, so hielt er es mit vollem, festem Griff und hielt die Hand des Glases wegen eine Viertelstunde lang unbeweglich. Sein Wesen war so ganz und gar rührend einfältig, oder wie soll ich es nennen? Er war ein Seher, er war kein Ver- künder.— ja, das habe ich Dir wohl schon einmal gesagt. •), Sie nannte natürlich den.Rainen. Aber das sind ganz andre Leute, die Seher. Sie wissen über sich selbst nicht so gut Bescheid, sie sind absolut nicht eitel. Gott, welche Lust ich hatte, zu ihm zu gehen und ihm die Manschetten abzunehmen! Man sah, er war nicht daran gewöhnt. Manschetten zu tragen. Jemand muß ihm gesagt haben, es gehe nicht an. von einem Katheder herab ohne Manschetten zu reden. Nun hatte er sie ganz zerknittert, sie waren losgegangen oder waren gar nicht befesttgt gewesen, sie waren ihm über die Hände gerutscht. Sie machten ihm zu schaffen. Mit seiner Weste war ebenfalls etwas nicht iu Ordnung: schief zugeknöpft, glaube ich, sie schlug an der einen Seite Falten und ließ einen Hosenträger sehen— wenigstens sah ich ihn. denn ich sah Deinen Vater von der Seite, und das Licht fiel auf ihn. Und dieser starke Mann mit dem gebeugten Haupte... Du, mir traten Tränen in die Augen. Denn, von wem hätte er sich nicht mit fortschleppen lasten? So stark, wie man es nur fühlen konnte, fühlte ich, daß ihm geholfen werden mußte- Es war mir nicht klar, daß ich ihm lielfen müsse; ich kam nur so weit, daß man ihn lieben und ihm helfen müsse." Hier stürmten die Erinnerungen so gewaltig auf sie ein, daß sie nicht fortfahren konnte, sondern sich abwenden mußte. Für ihre Tochter war die Mutter eine neue geworden. Das war nickst die. welche zu Hause wirkte und schaffte» nicht die, welche ihr kluge Briefe in ruhigen, wohlerwognen Worten sandte. Welch eine Leidenschaft, und wie schön sie sie machte! „Wie erging es Dir, liebe Mutter?" „So, daß ich nicht von mir wußte. Tags darauf reisten wir ab, und dort, wohin wir kamen, lagen seine beiden Höfe. Soviel verstand ich aber noch, daß ich, da einige von uns auf den Nachbarhöfen schlafen mußten, denjenigen für mich erwählte, der dem seinen am nächsten lag. Und da ich dem Sturm in mir nicht länger Widerstand leisten konnte, schrieb ich ohne Namensunterschrift an ihn. Ich bat ihn um eine Unterredung. Er möge mich auf dem Wege zwischen seinem Hofe und uns erwarten: der führte durch seinen Wald. Den Brief warf ich selbst in seinen Briefkasten am Wege- Du kannst Dir vorstellen, wie ich war. wenn Du hörst. daß ich die Zeit um zehn Uhr abends festsetzte, weil ich glaubte, daß es dann dunkel sei! Ich hatte nicht bedacht. daß es noch hell sei, da wir jetzt so weit nordwärts ge- kommen waren! Die Folge war, daß ich nicht vor elf aus- zugehen wagte und überzeugt war, daß ich niemand mehr treffen würde. Aber da ging er! Schwer und vornübergebeugt, in der Hand den Hut, den er aufgerollt hatte wie einen Ball, kam er so ruckweise, verlegen freundlich und linkisch daher.„Ich wußte, daß Sie es seien," sagte er." „O Gott, Mutter, und was tatest Du?" „Ich begriff mit einem Male nicht, woher ich den Mut genommen hatte! Ja, ich wußte nicht, was ich von ihm wollte! Als ich ihn sah, hätte ich umkehren, davonlaufen mögen. Aber sein seltsamer Gang, diese sichern, langen Schritte, den Hut in der Hand und der krause Kopf,... ich mußte doch hinsehen. Und so sonderbar, daß er sagte:„Ich wußte, daß Sie es seien!" Wie konnte er das wissen? Ich kann mich nicht erinnern, ob ich fragte oder ob er nur meine Verwunderung sah; aber er erzählte, daß er mich gesehen habe, als wir vom Vortrag heimgegangen wären; er habe gehört, wer ich sei. Es war seltsam, jene tiefe Stimme, die für mich das Ungewöhnliche bedeutete, gleichsam aus ferner Zukunft herein, verlegene Entschuldigungen dafür vor» bringen zu hören, daß er gesagt l>abe, was mich beleidigen könne.(Ehe er dazu kam,„Sie beleidigen, Fräulein." sagt, er:„die Königin beleidigen,— ich wollte sagen: die Königir und ihre Damen beleidigen.— ich wollte sagen: Sie be- leidigen, Fräulein!") Er habe so manchen andern Stoff ge- habt, den er hätte wählen können, sagte er, und so viele andere Wege, um dahin zu gelangen- Er hätte so viel Gutes von der Königin sagen können, was er wirklich kannte: nun habe er es vergessen. So fuhr er fort, die Augen dickst vor den meinen. Treuherzige, aber starke Augen, die mich in sich hineinzogen. Wie Brauser durch den stillen Wald ging feine unergründliche, linkische Ehrlichkeit. Die Augen sagten gleichsam beständig: Glauben Sie das nicht auch. Fräulein? — Man sich nicht vorstellen, wie wenig sie von dem wußten, Was sie taten. Er sprach, und ich lauschte, und näher und näher kamen Wir einander. Aber die Wonne, die ich empfand, und die keine Worte bekam— was hätte ich auch sagen sollen?— denk nur, zuletzt konnte ich ihr nicht mehr steüern, sie wurde rebellisch. Mit einem Male hörte ich mich selbst lachen! Da hättest Tu sehen sollen,— ohne irgend welchen Uebergang stimnike er in mein Lachen ein! Lachte so, daß es im Wald« widerhallte! Die Fischer kamen gerade vorüber, um zur Stelle zu sein, wenn die Sonne aufging; sie lehnten sich auf die Ruder und lauschten; sein Lachen kannten alle. Ich kannte «s auch, von damals, als er mit seinen beiden Sklaven daher- kam. Ein Faun steckte in ihm. Natürlich ein nordischer Faun, ein ungeheurer Waldmensch, ein Wilder, ausgelassen, aber unschuldig, der zwei Bären führt, einen unter jedem Arm! Ja, etwas Derartiges- Kein Kobold, verstehst Du, die sind so dumm und böse." „Du sagst„unschuldig" Mutter? Was verstehst Du dar- unter, daß er unschuldig war? Er, der zugleich so wild sein konnte?" „Ach, ihm schadete nichts. Was er erfahren oder gekannt haben mochte,— er war trotzdem ein großes Kind. Ich sage Dir, ebenso zart und ebenso unberührt. Ihm wohnte eine so große Umbildungskraft inne, daß alles, was seiner Natur nicht zusagte, in ihr verschwand. Dann war es nicht wehr da." „Mutter, was wurde daraus?— O, weshalb hast Du das erlebt, und nicht ich?" Kaum hatte sie es gesagt, so war sie fort. Die Mutter ließ sie. Sie selbst setzte sich auf einen Stein und wartete. Es tat wohl, die Gedanken ruhen zu lassen. Sie saß lange allein und hätte gern noch länger gesessen; aber die Wolken begannen sich zusammenzuziehen- Da kam Mague mit einem Bukett zurück, eine Menge der zartesten Waldblumen und feine Gräser, die zierlich um einen Tannen- zweig mit Zapfen dran, geordnet waren, graugrüne, junge Zapfen.„Du, Mutter? So war er wohl?— Nein, liebe Mutter, Du weinst?" „Vor Glück, Kind, vor Glück und schmerzlichem Vermissen zugleich. Dereinst wirst Du verstehen, daß das die wohl- tuendsten Tränen im Leben sind!" �Fortsetzung folgt.]] JVIotorboot- und JVIotorcn- Ausstellung. In den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten findet in diesen Tagen eine internationale Motorboot- und Motoren-AuS- stellung statt, die, abgesehen vom rein sportlichen und»gesellschait- jichen" Interesse, auch für das große Publikum manches Sehens- werte bietet. Die Ausstellimg führt uns vor allem den Triumph der jüngsten Wärmekraftmaschine, des Explosionsmotors vor Augen und zeigt uns, wie dieser Motor allmählich immer weitere Gebiete erobert und auf einzelnen Gebieten, wie z. B. dem der Luftschlffahrt, Alleinherrscher geworden ist. Der Gasmotor, oder richtiger gesagt der Explosionsmotor ist ein Kind der Neuzeil.*) Denn erst im Jayre 1860 wurde von einem Franzosen, L e n o i r, die erste wirklich arbeitende Gasmaschine gebaut. Eine größere praktische Bedeutung erlangten diese Gasmotoren erst, als die deutsche Firma Otto u. Langen auf der Pariser Welt- auSstellung im Jahre 1367 eine neue„atmosphärische" Gasmaschine ausstellte. Die Maschine hieß deshalb„atmosphärisch", weil der Druck der Außenlust die Kraft erzeugte. Von demselben Konstruk- teur Otto wurde elf Jahre später wieder auf einer WeltauSstelliing in Paris im Jahre 1878 ein Gasmotor vorgeführt, der zum ersten Male im„Viertakt" arbeitete. Damit war ein Prinzip ein- aeführt, das noch heute für die meisten Konstruktionen maßgebend »st. Der Grundgedanke, nach dem alle Explosionsmotoren arbeiten, *) Wer sich auf diesem Gebiete etwas näher informieren will, dem feien die beiden vorzüglichen Bändchen aus der Teubnerschen Sammlung„Aus Natur und Geisteswclt" von R. Vater lPreiS geh. 1 M.. geb. 1,25 M.)«Die neueren Wärmekraft- Maschinen" und„Neuere Fortschritte auf dem Gebiete der Wärmekraftmaschinen" empfohlen. Die beiden Bücher bringe» in leichtsaßlichcr Weise einen sehr guten theoretischen und prattischen U.'berblick über Gasmotoren jeder Art, Dieselmotoren und Dampfturbinen. lö«e*» ist der, daß da» Brennmaterial, sei eS ein auf irgend einem Wege hergestelltes Gas oder eine vergaste Flüssigkeit in dem Zylinder deS MororS selbst zur Verbrennung gebracht wird. Die durch diese Verbrennung entstehenden beißen Gase, die unter einem hohen Druck stehen, treiben einen Kolben vorwärts und können so Arbeit an der Welle des Motors leisten. Es ist klar, daß die Ausnutzung der Energie der Brennstoffe bei diesen Maschinen bester sein muß als bei den Dampfmaschinen, wo die Energie des Brennstoffes erst ver- schiedene mit Verlusten verknüpfte Umwege machen muß. bis sie in mechanische Arbeit umgesetzt wird. Es haben auch tatsächlich heute schon kleine Gasmotoren, was die Ausnutzung der zugeführten Wärme betrifft, die besten und größten Dampfmaschinanlagen über- holt. Ein weiterer Vorzug des Explosionsmotors besteht darin, daß er als Kleinkraftmaschine verwendet werden kann, was bei der Dampfmaschine nicht möglich ist. DaS Ideal der Kleinkraftmaschine ist und bleibt zwar der Elektromotor. Wo aber besten Verwendung aus irgend einem Grunde unmöglich oder unwirtschaftlich ist, da kann der Gasmotor, der rasch in Betrieb gesetzt werden kann, keiner großen Wartung und Bedienung bedarf, allein das Feld behaupten. Unbestritten herrscht aber der Explosionsmotor aus den Gebieten des modernen Verkehrswesens, in der Verwendung für das Automobik, für den Lenkballon und die Flugmaschine und zum großen Teil auch für daS Motorboot. Während für stationäre Zivecke diese Explosimisnioioren hauptsächlich mit Gas. sei eS Leuchtgas, sei eS Generator oder Sauggas, betrieben werden, arbeiten die Motoren für die obengenannten Zwecke nur mit vergasten flüssigen Brenn- stoffen, mit Benzin, Spiritus, Benzol und in neuerer Zeit auch mit Petroleum. Dieser letztgenannte Brennstoff kommt allerdings nur für die Dieselmotoren in Betracht, von denen einige große Maschinen, die für große Schiffe als Hauptantriebsinaschinen dienen sollen, ausgestellt sind. Die Ausstellung bietet insofern kein vollständiges Bild von der EntWickelung und Bedeutung de? Explosionsmotors, als die Auto- mobile wegen der AnSstellungsmüdigkeit der Fabriken und Händler vollständig ausgeschaltet wurden. Ein großes Gewicht wurde ferner mit Rücksicht auf die Veranstalter auf den sportlichen Teil gelegt, so daß eine der beiden großen Hallen nur mehr»der weniger große Motorboote oder Jachten enthält, deren Details zwar für den speziellen Fachmann oder den SportSmann mit dem großen Geld- beute! gewiß sehr intereffant sind, dem unbefangenen Beschauer aber nicht sonderlich viel bieten. Um so mehr hat dieser von der zweiten Halle, wo neben einer großen Anzahl von Explosionsmotoren und Zubehörteilen aller Art, Motorballon und Flngmaschine das Feld beherrschen, und zwar nickt nur, wie bisher auf Ausstellungen in Gestalt von Plänen, Modellen oder Abbildungen, sondern in Fahrzeugen, die für den praktischen Betrieb bestimmt sind. Welche Bedeutung der Explosionsmotor für die Avialit hat, ist auch an dieser Stelle schon öfters betont. Die Entwickelung deS Explosionsmotors durch die Anforderungen des Automobils hat erst daS Luftschiff und die Flugmaschine möglich gemacht. Ersteres ist auf der Ausstellung durch den jüngsten Parseval, IPV, letztere durch einen neuen Wrightapparat vertreten. Der ausgestellte Parsevalballon ist ein Sportlustschiff von verhältniSniäßig kleinen Abmesiungen. Seine Hülle schwebt, prall durch einen Ventilator aufgeblasen, unter dem Dach der Halle, während die Gondel, die vier Personen aufnehmen kann, zu ebener Erde untergebracht ist, so daß man alle Details des MotorS, der Steuerung usw. genau betrachten kann. Der Ballon, der 1206 Kubikmeter Gas faßt, hat bei einer Länge von 30 Meter einen größten Durchmesser von 7.7 Meter und zeigt die bekannte Form der Parsevalschiffe mit dem abgestumpften Kopf und der hinten schlank auslaufenden Spitze. Der Ballon hat nur ein Ballonet und wird durch ein Horizontalsteuer gehoben und gesenkt. Der 28 pf.rdige Daimlermotor treibt eine dreiflügelige Schraube von drei Meter Durchmesser an. Im Gegensatz zu den ersten Propellern der Parsevalluftschiffe, bei denen auch die Schraubenflügel vollkommen unstarr waren und im Zu» stand der Ruhe schlaff herunlerhingen, find die Flügel jetzt halbstarr und werden auch bei Stillstand durch eine Feder in ihrer Lage ge« halten. Beachtenswert ist die gedrängte Anordnung der Gondel, die aus Stahlrohren besteht und bei einer Breite von 65— 85 Zentimeter 472 Meter lang ist. Im Borderteil der Gondel, wo der Führer seinen Platz hat, find die beiden Räder für die Steuer und die Zugleinen für die Ventile angeordnet. Im Hinteren Teil der Gondel steht der Motor und die übrige maschinelle Einrichtung. Das Luftschiff hat bereits mehrere erfolgreiche Fahrten ausgeführt und ist auch mit eigener Kraft von Bitterfeld nach Berlin gefahren. Von der F l u g m a s ch i n e Wright G. m. b. H. ist ein neuer tadellos gebauter Wrightapparat hergestellt, der bereits mehrere Kauftiebhaber gefunden hat. Der Apparat zeigt gegenüber den ursprünglichen Apparaten einen prinzipiellen Unterschied darin, daß er auf drei kleinen Rädern ruht, also zum Anflug nicht mehr wie die ersten Apparate Startschiene und Fallgewicht benötigt. Während ferner bei den ersten Apparaten daS Steuern hauptsächlich durch daS Verwinden der Tragflächen ausgeführt wurde, hat dieser Apparat hinten eine drei Meter lange Slabilisierungsfläcke, wodurch vor allem die wellenförmigen Bewegungen während des Fluges vermieden werden sollen. Der Standplatz deS Apparates ist von verschiedenen Propellern und deren Holzteilen als Geländer umfaßt, so daß man den Werdegang eine? solchen Holzpropellers dcrfolgcn kann. Außer der Wright-Gesellschaft ist noch die deutsche Alugmaschinenkaugesellschast mit einem kompletten Eindecker und einem leickten Bambusflugapparat und die Luit- fahraeugbaugesellschaft Rumpler mit einem grohen Eindecker aus Holz vertreten. Fast all« größeren und auch viele kleineren Firmen, die Explosionsmotor« bauen, haben die Aus- stellung mit ihren Fabrikaten, unter denen sich auch fast immer ein Luftschiff- oder Flugmaschincnmotor findet, beschickt. So findet man auf dem Stand der Reuen Automobilgesellschaft einen hundert- pferdigen Luftschiffmotor, wie er für die größeren Parseval-Luft- schiffe verwendet wird, und einen nach den Angaben von Wright gebauten Flugmaschinenmotor, der bei nicht ganz IVO Kilogramm Gewicht 33 Pferdekräfte entwickelt. Dieselbe Firma stellt auch ein Motorboot aus, das fich durch feinen nützlichen Zweck von allen anderen mehr oder minder luxuriös ausgestatteten Renn- und Ver- gnügungSbooten unterscheidet. ES ist dies ein mit einem Benzol- motor von 3S Pferdestärken ausgerüstetes Motorschleppboot von 12 Meter Länge. Das Boot ist außerdem mit einer starken Feuerlösch- und BergungSpumpe versehen, die durch den Bootsmotor angetrieben wird und 12ie Deutzer Motorpfluggesellschaft in ihrem Motor- Pflug vor. Der Pflug wird durch einen Explosionsmotor an- getrieben und kann nicht nur zum Pflügen, sondern auch zu anderen motorischen Zwecken verwendet werden, so daß er gewissermaßen als landwirtschaftliche Ilniversalmaschine dienen kann. Außer den Motoren selbst sind auch die Zubehörteile sowie ver- schiedene Werkzeugmaschinen auf der Ausstellung gut vertreten. Diese Teile haben jedoch mehr für den Techniker als für den Laien Jntcr« esse. Hingegen verdienen die verschiedenen Zusammenstellungen der für den Motorenbau verwendeten Materialien Beachtung. Krupp, die O b e r s ch I e s i s ch e Eisenindustrie u. a. bringen Materialproben, einzelne Maschinenteile, Proben schußfester Panzerblechs u, a. m., die einen Einblick in dieses Gebiet ermöglichen. Der moderne Explosionsmotorenbau verlangt hochwertige Materialien, Nickelstahl, Ehrom-Nickclstahl usw. Und nur dadurch, daß die Hütten« industrie diesem Verlangen entsprechen konnte, ist es möglich ge- wesen, den Explosionsmotor für die verschiedenen Zwecke als Automobil-, Boots- und Flugschiffmotor auf die Höhe zu bringen, auf der ihn uns die Ausstellung zeigt. Ltd. Ortergebacke. Am Osterfest, dessen Grundcharakter, frei von allem reli- giösen Dogmentum, eine Feier der Frühlingsauferstebung war, wurden allerlei symbolische Speisen genossen, die das Wachstum von Mensch. Tier und Pflanze befördern sollten. Unter diesen Speisen tritt uns in mannigfaltigster Verschiedenheit die Zahl der Ostergebäcke entgegen, die sich in vielen Fällen noch unvcr- drängt bis heute erhalten hat. Schon zum Karfreitag wurden solche Gebäcks bereitet. Ein sehr primitives Karfreitags- gebäck sind die in Tölz(Oberbayern) üblichen Karfreitags- häute, hefelose, derbe, kleine Zelten oder Fladen mit blasenartig Abgehobener oberster Rinde, auf der Butter mit Salz oder Kümmel Ausgestrichen wird. Salz und Kümmel galten als Gewürze, die gegen den Zauber der Vegetationsdämone helfen. Auch die Tiroler Oelkuchen, die mit Olivenöl bereitet werden, sind Karfreitags- kuchen. Auf der schwabischen Alp bringt am Karfreitag morgens die Frau dem Manne ein gesottenes Gäuseei an das Ehebett, und bereitet ihm am selben Tag noch einen Eierkuchen. Das erinnert «n den sehr verbreiteten Brauch, am Tage vor Karfreitag ein Ei noch warm aus dem Neste zu nehmen, das„Ant laset". Dieses AntlaSei ist als ein sexuelle Kraft gewährendes Mittel vom Volke hochgeschätzt, und gilt auch als Mittel bei schweren Krankheiten und Seuchen. In Baden verHacken die Mütter die aus Kuchenteig hergestellten Buchstaben des großen und kleinen Alphabets mit einem KarfreitagSei, und geben es am ersten Schultag nach Ostern den Buben vor dem ersten Schulgang zu essen, damit sie leichter kernen. Die Schweizer Bauern glauben, daß, wenn am Kar- sreitag kein brütendes Huhn auf ihrem Hofe vorhanden ist, sie bald um Hab und Gut kommen. Kehren wir vom Antlasei und seinen Abarten wieder zu den Gebacken zurück, die ja auch in stärkeren oder schtvächeren Dosen Eier enthalten. Die gesalzenen Brezeln, die am Karfreitag im Schwäbischen verzehrt werden, sollen gegen Fieber schützen. An den Ostertagen selbst sind neben den auffallend bevorzugten Eierspeisen noch immer bestimmtet Kultgebäcke üblich. So bäckt man in Oberbayern, Elsaß, Angel- und Elbtal und in Oesterreich das Osterlaibl, einen kleinen Brotlaib, den man in Deutschböhmen den Dienstboten zum festlichen Lammbraten gibt. Daneben kommt ein weiß- mehliges, weizenes O sterbrot in verschiedenen Arten und Formen vor. Vielfach sind es Fladen, mit tiefen, rautenförmigen Einkerbungen(Prickelungen). Die letzteren dienen nicht nur als Verzierung des Gebäcks, sondern sollen auch die süße Honigauflage besser festhalten. Dieses geprickelte oder auf seiner oberen Seite gestichelte Brot scheint der uralte, germanische Opferfladen ge- Wesen zu sein, da seine Form unter verschiedenen Namen durch die ganze germanische Welt geht. Ein Vorläufer des geprickelten Brotes war das nur mit den Fingerspitzen gepipte Brot, das die elbischen Dämone scheuen, weil dadurch Böses abwehrende Zeichen fichtbar werden. Nach der Volkssage sollen die Waldweibchen sprechen:„Pst,' kein Brot, schäl' keinen Baum, erzähl' keinen Traum, back' keinen Kümmel ins Brot!" Das sagten sie offenbar zu dem Zweck, die Abwehrmittel gegen ihre bösen Künste zu ver- drängen. Solche Volksweisen beweisen jedenfalls, wie alt der Gebrauch des Brotstichelns ist. So ein gepipter Brotlaib wird in Bayrisch-Ried am längsten aufbewahrt, und zuletzt gegessen. Wie das Neujahrsbrot wird er als letzte Zuflucht bei FeuerS» brünsten gebraucht. In solchen Fällen muß vor allem der gepipte Vorback ins Feuer geworfen werden. In der Oberpfalz heißt es, daß dieser die Verbreitung des Feuers verhindernde Brotlaib nicht selbst mit verbrennen könne. Eine große Verbreitung haben die ungesäuerten Oster- brote.„Der ungesäuerte, in der Asche des Herde? gebackene Brot- kuchen(Aschkuchen) ist in Europa eine uralte, wahrscheinlich über die Eonderexistenz der Einzelvülker hinausgehende Erscheinung", sagt Schräder(Reallexikon 114). Er fährt fort:„In Aegypten geht die häusliche Tätigkeit des Brotherstellens am frühesten über in Gewerbsformen. Hier lernten auch die Juden den Sauerteig kennen." Die Juden, die fich bald über alle Länder des Abend- landes verstreuten, wurden zu Verbreitern des ungesäuerten Brotes. Diese ungesäuerten Brote waren lange Zeit die«lltäg- lichen. Erst sehr spät, in Norddeutschland und Schweden erst im 13. Jahrhundert, kam das mit Bierhefe oder Sauerteig ver- setzte Brot auf. Dies vom zünftigen Sauerbäck hergestellte Brot stand im Gegensatz zum Derbbrot oder Süßbrot. Es war der ehemalige Osterfladen, ohne Zutat von Hefe hergestellt. Die Form dieses ungesäuerten Osterbrotes ist sehr verschieden. Die runden, flachen, geschrüppten und gestichelten Fladen- oder Zeltenformen wechseln ab mit zwei- und dreilappigen Formen, ähnlich dem Blatt des sogenannten„Kuckucksbrotes". Auch die dreilappige Malvenfrucht führt den Namen„Guggerbrot" oder„Laible", weil sie wie ein Osterlaib dreilappig gefächert»st. Im schweige- rischen Fricktal hat das Osterbrot einen Vogelkopf und heißt „GugguSbrot". Das Ansbacher Osterbrot ist ein einfaches Oster- laibl. Andere Osterbrote tragen, wie Dr. Max Höflcr in der Zeit» schrift für österreichische Volkskunde ausführt, S sersymbole verschiedener Art, so z. B. Ei. Eichel. Zierschmuck. Laubschmuck, Opfer. beeren, Osterlamm, Osterhahu, Saathahn usw., als Oberflächen» belag, oder sie sind wie das Osterlamm mit einem Siegesfähnlein ausgestattet. Das oberbayerische„Hahnenbrot" ist das Bild des Vegetationsdämons, ebenso wie der Saathahn, der ei» Frühlings- Vogelgebäck darstellt. Erinnert sei auch an das jetzt nicht mehr gebräuchliche drei» eckige„Schönrogge n". das 1679 im Zunftwappen der H a m- b u r g e r Fastbäcker erschien, und ein ausschließliches Ostergebäck war. Das Hamburger Osterbrot im Zunftwappen ist sehr ähnlich dem Königsberger Zümpelbrötchen oder Knüstchen. Auch in Stralsund, Rostock. Ruppin, Lübeck und Mecklenburg buk man zu Ostern den Schönroggen. DaS in der Pustertaler Volkssage auftretende Lammbrot ist aus einem kurz vor Ostern gemahlenen Mehl mit einer Zutat von frischem Lammblut gebacken. Der Genuß des derart mit Opferblut gemischten Lammbrotes soll den Wilderer das ganze Jahr hindurch schützen. Auch in Böhmen ißt man, um sich kugelfest zu machen, einen Kuchen, der wie das Tiroler Lamplbrot be» reitet ist. Die Farbe des Osterbrotes wird häufig durch Hinzutat von Safran noch tiefer gelb gefärbt, als es durch Eigelb allein möglich ist. Daher haben die schlesischen„Gal-Brutla"(Gelbbrötlein) ihren Namen. Mannhardt berichtet in seinem Waldkult, daß im Erzgebirge die Mädchen fich vom Schmackostern, dem früh» jährlichen Schlagen mit der Lebcnsrute(Weidenrute) durch einen Osterfladen oder einen safrangelben Osterkuchen loskaufen. kleines feuiUeton. Vom Storch und vom Osterhasen. Die Mütter haben ztvel Ge- schöpfe für die kindliche Phantasie erfunden, und nehmen sie nach Bedarf zur Hand, gedankenlos und ohne große Vertiefung. Di« Verantiv. Nedatteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Betiag: Voitsäctiieuchtiuii�rn u.