Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 61. Mittwoch den 30 März. 1910 �Nachdruck scrtcienj, 6J JVIuttcra r>ände. Mer Bilder von Björn st jerne Björnsott- Aber Magne legte sich ins Gras neben die Mutter. Mutter. Du weißt nicht, wie glücklich Du mich heute ge- »nacht hast!" „Ich sehe es, liebes Kind. Ich tat recht, als ich wartete! Es hat mich viel gekostet, das kannst Du glauben: aber ich tat recht." ..Mutter, liebe Mutter! Laß uns wieder heim in unfern Wald ziehen, über die Straße durch unfern Wald! Laß mich mehr hören! Dort war es also! Mutter, erzähle! Wie erging es Dir, süße Mutter! Gott, wie schön Du bist! In Dir entdeckt man doch beständig etwas Neues." Die Mutter strich ihr übers Haar und wurde still. „Mutter, ich kenne den Waldweg in der Sommernacht. Laura ging ihn mit mir, als sie sich verlobt hatte und erzählte, wie es gekommen sei. Die Fischer ruderten auch damals vorüber, gerade als wir an eine Oeffnung kamen. Wir versteckten uns hinter einem großen Stein. Und die Singdrossel begann zu zwitschern und eine Menge anderer Vögel: was mich aber am meisten bezauberte, war der Duft-" „Nicht wahr? Und daher war es wohl, daß es mir später beständig schien, als dufte Karl nach Wald.— Nein. ich muß Dir erzählen, wie„unbewußt" er war,— ja, welches andre Wort soll ich brauchen? Wir standen still und sahen über die See hinaus.„O. welche Sehnsucht das weckt." sagte ich.„Ja, nach dem Baden, nicht wahr?" sagte er." Magne brach in das hellste Gelächter aus: die Mutter lächelte.„Jetzt ist es mir nicht mehr so wunderlich. Für ihn war das Wasser mehr als für uns. Ins Bad stürzte er sich zu den unvernünftigsten Zeiten: wenn er nicht auf den Feldern oder im Bureau war, so war er dort. Für ihn war es das stärkste Naturgefühl: er wolle sich kalt fühlen durch die Umarmung der Erde, sagte er." „Du kannst Dir übrigens denken, daß er selbst lachte. Ja, wir lachten, daß es ein Konzert wurde-" „Aber Mutter, wie wurde es dann? Jetzt kann ich nicht länger warten!" „Ich kam nach Hause, als die Leute aufstehen wollten. Und wie in dieser Nacht auch in der nächsten und dann in der nächstfolgenden. Während einer Nacht regnete es, wir gingen zusammen unter einem Regenschirm. Das war es wohl, was dann den Ausschlag gab." „Den Ausschlag—? Wie das?" „Freilich, wir waren nun einmal Arm in Arm gegangen, und da blieb es dann später beim Arm im Arm gehn." „Aber die andern, Mutter? Habt ihr den die andern nicht gefürchtet?" „Nein, die andern eristierten nicht für uns. Was ich sonst erlebte, weiß ich nicht mehr. Es kam so, daß wir uns eines Nachts hingesetzt hatten.. „Ach, jetzt kommt es!" v„Ich bat, mich setzen zu dürfen: ich konnte gleichsam nicht mehr- Die Nacht war herrlich, die Stille, und wir beide— er sprach mir beständig gerade in die Augen, und er wußte selbst nicht, wie diese Augen nun vor Glück strahlten. Ich hatte keine Worte, zuletzt keinen Atem mehr, ich mußte ausruhen. Und es vergingen nicht viele Stunden, da saß ich auf seinem Schöße." „War er es, der—V „Daran erinnre ich mich nicht genau: ich besinne mich nur noch, wie ich das erstemal die Arme um seinen Hals geschlungen und das Gesicht an seinen Bart geschmiegt hatte ... die Wollust, etwas absolut Neues, selig bis ins innerste Innre. Diese Riesenarme um mich zu fühlen, ich wurde weit, weit fortgetragen. Aber wir saßen auf dem Stein." „Warst Du wie außer Dir?" „Ja, sieh, das ist es! Man nennt es nämlich so: aber ihn Gegenteil, es ist das, daß man mit seinem ganzen Ver- stand in eine höhre Ordnung kommt. Bei ihm war ich doppelt -ich selbst. Das ist die Liebe, alles andre ist nicht Liebe-" „Mutter. Mutter, so warst Du es, die sich auf seinen Schoß setzte? Du warst es!" „Ich fürchte, ich war es. Cr war gewiß zu bescheiden und scheu zu einem solchen Beginnen. Ich war es gewiß. Ja, eigentlich weiß ich, daß ich es gewesen bin. Denn sein Leben muß man bergen. Und weniger galt es nicht. Ihm helfen dürfen, ihm folgen, ihn anbeten, mich ihm ganz hingeben, das oder nichts mehr. Ich glaube sicher, daß ich etwas Derartiges sagte, wenn ich ein einziges Wort sprach." „Ah, Du weißt, daß Du es gesagt hast!" „Ich glaube, ich habe es gesagt. Aber aus solchen Stunden weiß man nicht zu unterscheiden, was man sagt/ und was man fühlt." Sie blickte hin über den langen Talweg- Sie stand dch wie jemand, der im Begriff ist, zu singen. Mit empor- gehobnem Kopf, offnem Mund, auf die Töne lauschend, bevor sie kommen. Aber dem war nicht so: sie hörte die Töne wieder, die verklungen. Bald darauf sagte sie ganz leise— die Tochter mußte näher an sie herantreten, das Stromesbrausen trug einzelne Worte fort—:„Jetzt sollst Du etwas erfahren, Magne,-- Du hast es nie von mir gehört, und andre haben es Die wohl auch nicht gesagt--" „Was ist es, Mutter? Du machst mir beinahe Angst." „Als ich damals Deinem Vater begegnete,-- war ich verlobt." „Was sagst Du?— Du, Mutter?" „Verlobt und sollte heiraten: ja, es war mein letzter Monat bei der Königin. Die Verlobung war geschehen und sollte unter höchster Protektion vollzogen werden." „Mit wem—?" „Das ist es!-- Habe ich Dir vorhin gesagt, daß ich mich, als ich damals Deinen Vater traf, eigentlich selbst aufgegeben hatte?" „Du, Mutter?— Nein." „Ich glaube nicht, daß das Leben etwas zu bieten, oder das ich etwas zu erwarten habe. Die meisten Mädchen, die achtundzwanzig Jahre alt werden, ohne daß etwas geschieht, — ja, daß etwas geschieht, was wert ist, daß man sich darum ermannt,— die glauben, es sei alles gleich- Jenes Alter, oder die Jahre um jenes Alter her, sind die gefährlichsten." „Was sagst Du?" „Da geben die meisten Mädchen es auf." Sie nahm den Arm der Tochter, drückte ihn, und dann gingen sie. „Ich muß es Dir also gestehen." Wer darauf schwieg sie. „Wer war es, Mutter?" Sie sagte es so leise, daß die Mutter es nicht hörte, aber sie wußte, was es galt. „Es war einer, vor dem Du wenig Achtung hegst, mein Kind. Und mit Recht." „Onkel!"-- „Wie kommst Du darauf?" „Ich weiß nicht.—— Doch, war er es?" „Er war es. Ja, ich sehe. Du begreifst es nicht. Ich selbst habe es auch niemals begriffen. Denk nur, Dein Vater— und er! Und ungefähr gleichzeitig!— Was dünkt Dir von mir? Aber nimm Dich in acht, mein Kind!"— „Mutter!" „Nun, nun,— Du hast eine Mutter: die hatte ich nicht. Und dann war ich bei Hofe. Und in dem gefährlichen Alter: das sagte ich Dir. Da einem so ungefähr alles gleichgültig geworden ist. Ich hatte ja auch das Spiel gespielt, dem wir heule zugesehen haben. Nicht mit Deinen Anlagen. Ja, wende Dich ab!— Ich hatte auch viel Ekel im Leben empfunden, unter anderm vor mir selbst. Und ging dann umher und verschmähte, bis es spät am Tage wurde." „Aber— mit Onkel!" rief Magne wieder aus. „Damals sahen wir ihn mit andern Augen an. Aber ich mag es jetzt nicht aufwühlen: ich gebe nur zu, daß es widerlich war. Nun magst Du darüber denken, was Du willst: ich meine über den Grund, daß es dazu kam." Die Tochter ließ den Arm der Mutter los und blickte sie an. „Ja, Magne, wir handeln nicht immer so, wie wir rechen. Ich sagte Dir ja, ich war in dem gefährlichen Alter. ann begreifst Du auch, was ich fühlte, als ich Deinen Vater iah. Denn es ist doch auch nicht nur lauter kleine Münze in mir." „Aber die andern, Mutter? Wie hast Tu Dich von den andern losgemacht,— vom Hofe, von unfern Verwandten, von Onkel und allen den Seinen? Das mutz ja ein Auf- sehen und ein Skandal gewesen sein, dem Tu die Stirn bieten mutztest!" „Weitzt Du, Magne,— alles das wollen wir bis später ruhen lassen. Es gab gar keine„andern" I— Einige Fischer hatten uns gesehen, und die gingen darauf aus, zu erfahren, wer ich sei. Aber ehe es bekannt wurde, war ich abgereist, und vor Ablauf eines Monats war ich seine Frau. Ich war in die Hände des Mannes gekommen, der alles ganz tat und es sofort tat. Er war allzu unbeholfen, um anders als geradeaus zu begreifen. Es ging ohne Hindernisse." „Aber was sagten die Leute! Tu guter Gott! Half es Vater,— ich meine im Urteil der Menschen— datz Di» die Seine wurdest?" „Du meinst, datz er eine Hofdame geheiratet hat?" Sie lächelte. „Weitzt Tu, wie es hietz? Karl Mander habe auf einer Versammlung die Königin verleumdet; eine Hofdame habe es mit angehört, und einen Monat später sei sie mit Karl Mander auf und davon gelaufen. So ungefähr. Den rohesten Mann des Landes habe sie vorgezogen. So hietz es." „Natürlich. Die haben immer recht." „Im Jahre darauf schrieb ein Tourist in einer Zeitung, er habe die falsche Hofdame an einem Waschfatz gesehen. Ha, ha! Es war übrigens wahr. Du warst gekommen, und es war in der geschäftigsten Zeit; ich mutzte schon zu- greifen. Das taten wir beide." (Schluß folgt.) DorfmuliK. Von Leo N. Tolstoi. (AuZ dein russischen Manuskript übersetzt von Adolf Heß.) Die Stimmen und die Harmonika erklangen ganz in der Nähe; bei dem Nebel war aber niemand zu erkennen. Des Werktags wegen lvunderte ich mich anfangs über den Gesang am frühen Morgen. Da ziehen wahrscheinlich Rekruten fort— fiel mir ein. War doch kürzlich davon die Rede gewesen, daß fünf Mann aus unserem Dorfe ausgehoben seien; so schritt ich denn in der Richtung des lustigen Gesanges, der einen unwillkürlich anzog, vorwärts. Als ich zu den Sängern trat, verstummte der Gesang und die Har- inonita. Die Sänger, d. h. die ausgehobenen Rekruten, gingen in ein aus zwei Wohnungen bestehendes, steinernes Bauernhaus, zum Vater eines der zum Militär einberufenen Burschen. Vor der Tür stand ein kleiner Haufen von Weibern, Mädchen und Kindern. Als ich die Weiber fragte, was denn das für Burschen wären, die da hinzögen, und weshalb fie in das HauS gegangen wären, traten, von Müttern und Schwestern begleitet, aus der Tür die jungen Burschen selbst. Es waren fünf: vier ledige, einer verheiratet. Unser Dorf liegt in der Nähe der Stadt. Fast alle Rekruten arbeiteten bis dahin in der Stadt und trugen städtische Kleidung; hatten offenbar ihr bestes Zeug an: Jacketts, neue Mützen, chicke, hohe Stiefel. Natürlich fiel am meisten der eine mittelgroße. stattliche Bursche mit nettem, freundlichen?, ausdrucksvollen» Ge- ficht, kaum sprießendem Schnurr- und Kinnbart und glänzenden, braunen Augen auf. Sobald der auS der Tür trat, nahm er die über die Schulter gehängte, teure Harmonika, und nachdem er mich bc- grüßt, spielte er, indem seine Finger geschwind über die Klaviatur Uesen, die lustige„Frau"") und zog genau im Takt, kurz und forsch auftretend, die Straße entlang. Neben ihm ging ein ebenfalls mittelgroßer, stämmiger, hell- blonder, junger Bursche, der fleh lebhaft nach allen Seiten umsah und»»unter mit der zweiten Stimnie einfiel, wenn der Vorsänger die erste anstimmte. Das war der verheiratete. Diese beiden schritten vorauf. Die übrigen drei, in ebcnso feinen Anzügen, gingen hinterher und zeichneten sich höchstens dadurch aus, daß einer von ihnen besonders groß war. Ich zog mit der Menge hinter den Burschen her. Die Lieder waren alle fröhlich, und während des Umzuges war von Kummer nichts zu merken. Sobald die Burschen aber zum nächsten Hos kamen, in dem ebenfalls Station gemacht und ein Imbiß genommen werde» sollte, begann das Geheul der Weiber. Es war schwer zu *) Ein von den städtischen Arbeitern aufs Land gebrachtes Volkslied.(D. Ü.) verstehen, worüber sie eigentlich jaminerten. Man hörte nur einzelne Worte wie:„Der liebe Tod... Vater der Mutter... Heimat..." Und nach jedem Ausruf holte die Jaminernde tief Atein und brach zunächst in langgedehntes Stöhnen und dann in hysterisches Ge- läckuer aus. Das waren die Mütter und Schwestern der Fort« ziehenden. Außer den Klagen der Verwandten vernahm man noch das Zureden Fremder:«Hör' doch auf, Matrjona; bin schon ganz matt." Die Burschen gingen in die Hütte. Ich blieb auf der Straße und unterhielt mich mit einem bekannten Bauern Wassili Orjechew, meinem früheren Schüler. Sein Sohn war einer von den gGrif, der verheiratete Bursche, der die zweite Stimme sang. „Ja... traurig", sagte ich. „'Soll man machen; traurig oder nicht— dienen muß man." Und er erzählte mir seine ganzen häuslichen Verbältnisse. Er hatte drei Söhne; einer war z» Hause, der andere dieser Rekrut; der dritte war ebenso wie der zweite in Stellung und schickte brav Geld nach Hause. Der Einberufene dagegen unterstützte die Familie augenscheinlich schlecht.„Hat'ne Frau aus der Stadt; die paßt nicht zu uns. Abgerissener Kram. Wenn er stch wenigstens selbst durchschlagen könnte. Traurig genug. Wer waS soll man machen." Während wir sprachen, traten die Burschen auS dem Hause auf die Straße. Wieder begann das Geschrei. Gekreisch, daS hysterische Lachen und Zureden. Nachdem man filnf Mnuten bei dem Hofe gestanden, bewegte der Zug sich weiter, und wieder erNangen die Harmonika und die Lieder. Erstaunlich waren die Energie und die Sicherheit des Spielers, der ganz genau das Tempo angab, dazu mit den Füßen aufstampfte, stehen blieb, inne hielt und dann genau zur rechten Zeit mit seiner lustigen Stimme einsetzte, wobei die freundlichen Augen ringsum blickien. Er hatte augenscheinlich bedeutendes, müsitalisches Talent. Ich schaute ihn an, und als unsere Blicke sich begegnete»— wenigstens schien eS mir so— geriet er in Verwirrung, bewegte die Brauen, wandle fich ab, und begann dann erst recht laut zu spielen und zu fingen. Als man aber zum fünften und letzten Hof kam und die Burichen ins Haus gingen, folgte ich ihnen. Alle fünf Rekruten mußten an einein weiß gedeckten Tisch mit Brot und Schnaps Platz nehme»». Der Hausherr, eben der, mit den, ich gesprochen hatte, und der seinem verheirateten Sohn das Geleit gab, schenkte Schnaps ein und machte die Honneurs. Die Burschen genossen fast gar nichts, wanken höchstens ein Viertel GlaS oder nippten nur daran und gaben eS weiter. Die Hausfrau schnitt einen Knacken Brot als In» biß ab. Der Wirt schenkte nach und bot wieder Schnaps an... Während ich den Burschen zusah, kletterte dicht neben mir ein Weib in ganz überraschender, sonderbarer Kleidung vom Ofen. Sic wug em hellgrünes, anscheinend seidenes Kleid mit modernem Besatz; an den Füßen Stiefeletten mit hoben Absätzen; ihr hellblondes Haar war ganz modern, wie ein großer Turban, frisiert, und in den Ohren hingen große, goldene Ohrringe. Dieses Weib sah nicht waurig und nicht lustig, aber unzufrieden aus. Sie ließ sich auf den Boden herab und schritt,»nit den hohen Absätzen an den neue»» Stiefeletten fest aufklopfend, in den Flur. Alles an diesem Frauenzimmer: ihre Kleidung wie die beleidigte Miene und besonders die Ohrringe paßten so wenig zu der ganzen Un, gebung, daß ich nicht begriff, wer das sein könne und wie fie auf WassilS Ofen geraten fei. Ich fragte das neben mir fitzende Weib. „Wasfils Schwiegertochter, dient bei einer Herrschast," war die Antwort. Der Wirt goß zum dritten Male nach, aber die Burschen nahmen nicht, standen auf, sprachen ein kurzes Gebet, dankten den Wirts- leuten und traten auf die Straße. Dort begann sofort wieder das Geschrei. Zuerst begann ein sehr alte«, krummes Weib, daS hinter den Burschen herging. Sie schrie so kläglich und jammerte fich die Seele aus dem Leibe, daß die anderen Frauen ununterbrochen ans fie einredeten und sie unterhakten. „Wer ist das?" fragte ich. „Seine Großmutter, Waisils Mutter." Gerade, als die Alte in hysterisches Lachen ausbrach und sich aus die Arme der anderen Frauen stützte, zog der Zug weiter, und wieder erklangen die Harmonika und die lustigen Stimmen. Am Dorfende hielten Wagen, die die Rekruten zum Bezirksamt bringen sollten. Alles machte Halt. Das Geheul und Weinen hörte auf. Der Harmonikaspieler aber wurde iminer lebhafter. Er legte den Kops auf die Seite, stand aus einem Bein, drehte den andern Fuß nach auswärts und wat damit Takt. Die Finger führten hübsche Kalo- raturen aus, und genau an der richtigen Stelle setzten seine helle, hohe, lusttge Stimme und die angenehme Begleitstimme des jungen Wasfil ein. Und alt wie jung, besonders die den Zug umdrängenden Kinder— darunter auch ich,— wir alle blickten unverwandt aus den Sänger und hatten unser« helle Freude an ihm. „Ein geschicktes Aas!" sagte einer der Bauern. „Kummer weint da und singt Lieder." In diesem Augenblick wat der hochgewachsene Bursche mit energischen. großen Schritten zu dein Liedersäuger. beugte fich zn dom Harmonikaspieler und sagte ihm etwas. „Ein fwammer Kerl," dachte ich.„Kommt flcher irgendwo zur Garde." Ich wußte nicht, wessen Sohn und von welchem Hos er fei. „Wer ist denn der wackere Bursche da?" fragte ich einen Greis» der aus mich zukam. Er nahm die Mütze ab, verbeugte sich, hatte aber meine Frage nicht genau verstanden. „Was sagen Sie...1* Im ersten Augenblick erkannte ich ihn nicht. Sobald er aber zu reden begann, kam mir der arbeitsame, brave Bauer wieder ins Gedächtnis. Er hatte, wie es so oft Vorkon, ml. ausgesucht viel Pech gehabt. Einmal waren ihm zwei Pferde gestohlen dann war er abgebrannt: dann war seine Frau gestorben. Ich kannte ihn im ersten Augenblick deswegen nicht, weil ich ihn lange nicht gesehen und mir den Prokop fuchsrot und mittelgroß vorstellte, während er jetzt nicht fuchsig, sondern grau und ganz klein war. „Ach Du bist es, Prokop?" sagte ich.„Ich frage, wessen Junge ist denn das, der da zu Alexander geht?" „Der?" wiederholte Prokop, mit einer Kopfbetvegung auf den hohen Burschen deuiend; wiegte dann das Haupt hin und her und mummelte etwas— ich verstand nicht, was. „Ich sage, wessen Junge das ist?" fragte ich nochmals und sah Prokop dabei an. Sein Gesicht legte sich in Falten, die Backenknochen zitterten. «Das ist meiner", sagte er, wandte sich ab, bedeckte sein Gesicht mit der Hand und greinte wie ein kleines Kind. Erst nach diesen drei Worten Prokops:„DaS ist meiner" fühlte ich nicht nur mit dem Verstände, sondern mit meinem ganzen Wesen das Schreckliche, was sich an diesen, denkwürdigen, nebligen Morgen vor mir abspielte. Dieles ganze Hin- und Herziehen, all das Un- verständliche. Sonderbare, was ich sah, erhielt plötzlich eine einfache, klare, schreckliche Bedeutung. Qualvolle Schani überkam mich, daß ich es wie ein interessantes Schauspiel milangesehen hatte. Ick blieb stehen, und kehrte im Bewußtsein, eine schlechte Tat begangen zu haben, nach Hause zurück. Und„un der Gedanke, daß all diese Vorgänge mit tausenden, zehntausenden Menschen in ganz Rußland geschehen und geschahen, und sich noch lange bei diesem sanften, weisen, frommen und so grausam und hinterlistig betrogenen russischen Volk wiederholen werden... k)anclel imcl Claudel in H(t- babylomcn. Vergleicht man unsere moderne Altertumswissenschaft mit der bor etwa fünfzig Jahren, so fällt als charakteristischer Unterschied neben der ungeheuren Ausdehnung ins Breite vor allem eine Tat- fache aus: Das Interesse und damit die Bedeutung, die man dem griechischen Kulturkreise zuschrieb, ist auf das Maß herabgedrückt, das ihm von Rechts wegen gebührt; die jahrhundertelang währende einseitige Verhimmelung der griechischen Kultur hat neuer Wissen- schaftsarbcit Platz machen müssen. Besonders die Arbeiten über die enge Verknüpfung der hellenischen mit der viel älteren asiatischen Kultur, deren Resultate freilich manchem Forscher der alten Schule noch ein Dorn im Auge sind, nehmen von Jahr zu Jahr an Breite und UeberzeugungSkrast zu, und hier sind es wieder vor allen anderen die Altbabylonier, deren Kultur sich für die gesamte europäische Geschichte als vpn früher nicht geahnter Wichtigkeit herausstellt. Man braucht gar nicht mit Professor Jensen, der so ziemlich den gesamten europäischen Sagenkreis auf eine altbabvlo- Nische Heldenlegende zurückführen will, durch das Tick und Dünn aller seiner Hhpothescn zu gehen. Schon die teilweise Zustimmung, die er erhalten hat, zeigt, wohin die Richtung aller dieser Forschun- gen geht. Unter denen, die es verstanden haben, das Interesse für die Eigenart, man kann ruhig sagen die eigenartige Schönheit der altbabhlonischen Gedanken- und Bildcrwclt aus den Gelehrten- stuben in die Masse des wissenschaftlich interessierten Publikums zu tragen, steht Prosessor Friedrich Delitzsch an erster Stelle. Seinen bekannten Broschüren religionsgeschichtlichen Inhalts hat er soeben eine Schilderung, des altbabhlonischen Kulturlebens über- Haupt folgen lassen.(Handel und Wandel in Altbabhlon. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.) Was er dort unter gründlicher Aus- beute der neuen und neuesten Funde über das Wirtschaftsleben der Altbabylonier und seine relativ hohe Stufe zu sagen weiß, ist näherer Mitteilung wert, wenngleich seine Ausführungen vielfach erst durch die reichlich beigegebencn Abbildungen Farbe bekommen. Babylonien ist noch jetzt, wenn auch nur in den Teilen, die vom Euphrat und Tigris bewässert sind, eines der fruchtbarsten Länder der ganzen Welt. Es bringt eine verschwenderische Fülle von geloncn, Gurken, Kürbissen. Zwiebeln. Granatäpfeln, Feigen und eintrauben hervor; dazu Korn, Wieizcn, Mais, Hirse und Reis, obenan aber Palmen, die sich nach den Strommündungen hin ur- waldähnlich verdichten. Im Altertum war mit dem Reichtum dieses Landes nichts zu vergleichen. Die Blätter des Weizens und der Gerste erreichten, so erzählt ein alter Schriftsteller, dort leicht eine Breite von vier Fingern, und eS gab Palmcnwäldcr, die von Wein-- reben umschlungen und deren Kronen von hängenden Trauben umkänzt waren. Noch im zehnten Jahrhundert, als Perser, Maze- donier, Parther und Araber sich nacheinander im Besitz des Landes abgelöst halten, berechnet ein arabischer Nationalökonom den Brutto- ertrag des„Sawad", d. h. des schwarzen Landes, das in der größten Tiefe lag, auf 566 Millionen Mark, obwohl schon damals große Strecken des Landes verdorrt und versumpft waren-.(Bergleiche Alohs Sprenger, Babylonien daS reichste Land in der Vorzeit und daS lohneirdste Kolonisationsfeld für die Gegenwart.) Erst um da» Jahr 1000, also lange vor der vielgescholtenen ottomanischcn Herr» schaft, begann das Land zum großen Teile zu jener Steppe und Wüste zu werden, als welche es heutzutage sich uns darstellt. Jnr Altertum war das Land bekanntlich von zahllosen künstlichen Wasserrinnen durchzogen, die den aus Sand und Lehm zusammen- gesetzten Erdboden zu beispielloser Fruchtbarkeit brachten. Diese Kanäle waren bevötkcrt von den köstlichsten Fischen, besonders mächtigen Karpfen. Sie dienten zugleich in bequemster Weise den» Verkehr. Herodot erzählt von einer Art runder, aus Weiden ge» flochtener Fahrzeuge, die man noch heute in dortiger Gegend als Fährboot benutzt. Auf dem Lande diente hauptsächlich der Esel als Reit-- und Lasttier, während das Pferd erst vom Beginn des zweiten Jahrtausends(also von zirka 1900 vor Christi Geburt) ab nach- weisbar ist. Das berühmte Gesetzbuch des Hammurabi, das als ein Vorläufer des mosaischen Gesetzes anzusehen ist, weiß vom Ge» brauch des Pferdes noch nichts. Große Städte gab es wenig. Man wohnte meist in Dörfern oder auch in einzelnen Gehöften, die zwischen den Kanaldeichen lagen. Bausteine gab es gar nicht. Die Häuser wurden aus Lehm gebaut. Aus dem Handelsleben der Altbabylonier stammen die be- kannten Sicgelabdrücke, die uns von der Höhe altbabylonischer Porträrkunst erzählen. An die Warenballen nämlich, die vom semitischen Norden nach dem Süden des Landes befördert wurden» legte man nach Art unserer Plomben mittels eines durchgezogenen Fadens kleine Tonklötzchen an. Tiefe trugen meistens einen Siegel- abdruck, der zuweilen ganze Szenen, meistens aber Porträts ent» hielt. Natürlich können sich diese mit den spätgriechischen Porträts oder gar de» römischen, wie wir sie in Pompeji sehen, nicht messen. Aber einmal sind wir mit ihnen 1000 und mehr Jahre den Griechen voraus, und dann wird uns das Gefühl für den wahren Wert dieser Kunst darum nie ganz aufgehen, weil unsere ganzen ästthe- tischen Werturteile sich unter dem einseitigen Einfluß des gricchi» scheu Schönheitsideals gebildet haben. Besonders die eben erwähnte Gesetzessammlung des Hammu- rabi, die von zwei französischen Archäologen auf den Ruinen vom Susa gefunden ist. läßt uns einen tiefen Blick in das Äülturnivcarn der Altbabylonier tun. Was immer wieder und besonders gegen» über den Griechen ausfällt, ist die große Fülle kodifizierten Rechtes, Jede nur halbwegs wichtige Abmachung wurde nach strcngstev Forderung des Gesetzes schriftlich fixiert und durch Zeugen be» glaubigt. Unzählige solcher rechtlicher Abmachungen aus allen Ge» bieten sind uns erhalten. Auch die Ehe war nur gültig, wenn alles schriftlich niedergelegt war. Dazu gehörte auch der Kaufpreis des Mädchens. Er war verschieden wie die Mädchen selber; heute kostet in der dortigen Gegend ein Mädchen zirka 140 M. oder eine. Büffelkuh. In Altbabvlonien wurde, wie uns ein Ehekontrakt be» richtet, eine junge Schöne namens Latubaschinni für einen Silavern im Werte von einer halben Silbermine und anderthalb Silbcrminem in bar verkauft. Das macht ungefähr ebensoviel. Bei dieser Ge» legenheit erwähnt Delitzsch einige hübsche Mädchennamen. Außer dem angeführten dürften auch folgende unser europäisches Ohr nicht gerade verletzen: Lamazani, d. h.:„mein kleiner Schutzengel", Jna-libbi-erschit. d. h.:„in das Herz gepflanzt". Der peinliche Ordnungssinn für die Fixierung aller sozialen Beziehungen zeigt fich auch gegenüber den Sklaven. Von jedem Sklaven des ganzen Landes war eine Stammrolle vorhanden, die enthielt, wie lange er schon Sklave sei, zur Mitgift welcher Babylonierin er gehört habe und so weiter. Das Einwohnermeldeamt auf dem Alcxandcrplatz ist also durchaus nicht so modern, wie wir wohl annehmen möchten, und die feudale Kultur des Mittelalters mußte sich in dieser Be- ziehung vor dem alten Babel verstecken. Die Hauptbeschäftigung der alten Babylonier bestand in der Bewirtschaftung des Ackerbodens. Und die Wirtschaftsgeschichte dieses Landes zeigt dieselbe Entwickclung wie die anderer Länder. Zuerst herrschte ein wohlhabender bäuerlicher Mittelstand. Nach und nach aber wuchsen die Großgrundbesitzer. Schließlich war fast das ganze Land Pachtland. In den ersten Jahrhunderten nach Christus war nach dein Zeugnis des babylonischen Talmuds die Stellung der Bauern in Babylonien eine sehr kümmerliche. Und noch eins fällt auf: Hier wie zu allen Zeiten hat der Klerus seil» gerüttelt und geschüttelt Maß an der Verarmung des Landes schuld. Denn zu den großen Feldeigentüniern, die die kleinen Bauern „legten", gehörten in erster Linie die Haupttcmpel des Landes. Diese Haupttcmpel beteiligten sich auch in großem Maßstäbe am dem anderen Zweige altbabylonisther Wirtschaftskultur: der Vieh, zucht. Der Reichtum des Südens an Vieh, Haar und Wolle gegen» über der Oletreidefülle des Nordens führte bereits in sehr alter Zeit zu lebhaftem Handel innerhalb des babylonischen Landes. Nicht nur wurden die Naturalien getauscht. Zu der große» Kultur» crrungcnschaft der babylonischen Schrift hatte sich schon im drittem Jahrtausend vor Christus ein anderer speziell dem Handel dienender Fortschritt gesellt, nämlich die Verwendung der beiden Edelmetalle» vornehmlich des Silbers, als Wertmesser, d. h.: die Geldwirt schaft. Aber auch hier fällt wieder der fast an moderne Uebcrburcaukrati» erinnernde Zug zum Aktcnmäßigcn auf. Alles mußte, auch in» Handelsverkehr, schriftlich gemacht werden. In Hammurabis Ge- setz lautete der Sj 7 solgendcrmaßcn:„Wenn jemand Silber oder Gold oder Sklavin oder Ochs oder Schaf oder Esel oder sonst etwa» ohne Zeugen oder Bertrag kaust oder zur Bewahrung annimmt« Jo ist jeher Mensch ein Dieb und soll getötet tverden." So kommt eS, daß uns gerade hon kaus»nännischen Kontrakten eine große Menge überliefert worden sind. Sie betreffen Kauf und Verkauf von Grundstücken, Produkten, Sklaven; Darlehen von Korn, Datteln, Zwiebeln, Wolle; Vermietung von Häusern, Schiffen und Lohnsklavcn; Pachtverträge, Gründung und Auflosu-g von Kompagniegeschäften; dazu eine Menge von richterlichen Erkenntnissen »n all diesen Sachen. Ganze Archive von Handelspapieren wurden, in große Tonkrüge verpackt und mit Asphalt verschlossen, in Babylon und Nippur gefunden: in Babylon 1876 von den Eingeborenen die Geschäftspapiere der Firma Egibi und Söhne, in Nippur von den Amerikanern die besonders sorgfältig geschriebenen Geschäfts- Urkunden der Firma Muraschi und Söhne aus der Zeit Arta- xerxcs I. und Darius IL, d. h. aus dem fiinften Jahrhundert vor" Christi Geburt. Reizvoll und zum Teil höchst modern klingt der Inhalt mancher dieser Kontrakte, von denen Delitzsch einige mitteilt. Hier garantieren drei Goldschmiede dem Jühaber der Firma Muraschu für zlvanzig Jahre, daß ein Smaragd nicht aus xincm Goldringe fallen werde, andernfalls sie 16 Minen Silber Kahlen würden. Dort haftet jemand für einen ins Gefängnis ge- worfenen Schuldner der Firma und bewirkt seine Freilastung gegen die Versicherung, im Falle der Flucht des Schuldners so und soviel Minen Silbers zu zahlen. Der Großhandel konzentrierte sich wie bei uns in den großen Städten und vollzog sich in ähnlichen For- men: wir lesen z. B. von Kommis und von Beamten der Firmen, die im Namen und Auftrag ihrer Prinzipale Geschäfte abschließen, also Prokuristen. Wie bei den Juden diente auch in Altbabylon das Tor der Ortschaft als Börse. Eine Fülle von Gesckäftsreisendcn und Hausierern ging, die Ledertasche mit den Gcwichtssteinen um- geschnallt, wohl auch mit Schreibtafel und Griffel im Gürtel, mit den Waren hinaus auf die Dürfer und besorgte daneben allerlei iGeldgcschäfte, was bei dem üblichen Zinsfuß von 26 Proz. ein ein- trägliches Geschäft war. Auch im Handel spielte die Klerisei eine große Rolle. Riesigen Geschäftshäusern glichen die großen Tempel des Landes: der Marduktempel in Babel und der Sonnentempel in Nippur. Denn die als Zehnten zuströmenden Massen von Naturalien mußten uutzbringend angelegt werden, mittels Ankaufs von Häusern und Grundstücken, die dann vermietet und verpachtet wurden, mittels Werkaufs von Getreide oder Datteln, vor allem aber mittels Geld- darlehen: die großen Tempel waren zu gleicher Zeit die großen Wankhäuser des Landes. Natürlich sind nicht alle aufgefundenen Briefschaften geschäft- kicher Natur. Delitzsch teilt ein kleines Billet mit, das uns in die iHerzensgeheimnisse eines altbabylonischen Ehemannes einen tiefen Wlick tun läßt. Danach ist dieser mit seiner ehelichen Latubaschinni nicht zufrieden und sucht Zerstreuung bei einer anderen Schönen namens Bibi. Diese wohnt in der Hauptstadt, und er geht, sie zu besuchen. Aber er trifft sie nicht. Aus dieser Lage heraus schreibt er folgenden Brief:„An meine Bibi Gimil-Marduk. Samas und IMarduk mögen Dich um meinetwillen ewig leben lasten. Wie geht es Dir? Schreibe mir doch! Ich bin nach Babylon gegangen, habe Dich aber nicht gefunden. Ich war sehr enttäuscht. Benachrichtige inich, daß Du kommst und daß ich mich freue. Im November sollst Du kommen. Mögest Du um meinetwillen ewig lcbenl" Neben Ackerbau, Viehzucht und Handel blühte auch das Hand- tverk. Besonders die Steinschneidekunst gelangte frühzeitig zu hoher EntWickelung. Siegel waren, wie wir sahen, im ganzen Wirtschafts- leben der Babylonier höchst wichtig. Auch die Textilmanufaktur leistete Hervorragendes. Der Nachtmantel des Achan, der bei der Einnahme Jerichos eine große Rolle spielte, war von babylonischen Webern gewebt. Noch heutzutage trägt dies Land, das im Altertum zu den kulturell höchststehenden gehörte, zahlreiche Spuren seiner einstigen Schönheit und Fruchtbarkeit an sich. Wir möchten nicht anders schließen als mit dem Hinweis auf den großzügigen Plan des englischen Wasterbautechnikers William Willcocks, der durch Wieder- Herstellung des alten Bewässerungssystems„Mesopotamien so reich wie Aegypten und zu einem der größten Baumwollproduzenten der Welt machen will". Durch eine einmalige Ausgabe von 166 Mil- iionen Biark würde nach Willcocks dem der Bewässerung zugäng- ilichen Gebiet von rund 5266 Quadratkilometer erstklassiger Boden im Werte von 726 Millionen Mark abgewonnen und an Zinsen eine jährliche Summe von 76 866 666 M. erzielt werden können. Kleines feuilleton. Astronomisches. Verbesserung in der Sternphotographie. Im Mai dieses Jahres wird der berühmte Halleysche Komet in die größte Erdnähe gerückt sein. Die Astronomen sind überall be» schäftigt, Beobachtungen de- Kometen möglichst häufig anzustellen, damit sich aus den Notizen über die Stelle, an der sich der Komet an jedem Tage befindet, eine genaue Darstellimg seiner Bahn geben läßt. Noch besser als Beobachtungen durch Menschenaugen, lasten sich aber photographische Aufnahmen für spätere Wissenschaft- Verantw. pieoakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Ucrlag: liche Zwecke benutzen. Deshalb werden möglichst viele davon ge» macht. Aber sie sind mit einer großen Schwierigkeiten behaftet. Der Komet ist ein vorläufig noch ziemlich lichtschwaches Objekt und da» mit ein deutliches photographisches Bild entsteht, mutz der Schweif» stern eine nicht unbeträchtliche Zeit auf die Platte einwirken. Wäh« rend dieser Zeit bewegt sich sowohl die Erde als auch der Komet, und zwar so schnell, daß dadurch nicht nur Verzerrungen des photographischen Bilde? entstehen müsten, sondern daß innerhalb der zur Aufnahme notwendigen Zeit der Komet sogar aus dem Gesichtsfelde des Fernrohres, an besten Okularende die photographische Kamera angebracht ist, herausgeht, sodaß also die Abbildung überhaupt nicht erfolgen kann. Bei der photographischen Aufnahme von Himmelskörpern, die selbst un» beweglich sind, umgeht man diese Schwierigkeit dadurch, daß ver» mittelst eines Uhrwerks das Fernrohr sich mit der Geschwindigkeit der Erddrehung in der zu dieser entgegengesetzten Richttmg dreht, also stets auf denselben Punkt im Himmelsraum gerichtet bleibt und ein dort befindlicher still stehender Körper genügend lange auf die photographische Platte einwirkt. Wo aber nicht nur die Erde sich drebt, sondern, wie es z. B. bei den Kometen der Fall ist, auch das aufzunehmende Objekt seine Stellung ändert, reicht diese Aus» Hilfe nicht aus, man müßte vielmehr dauernd das Fernrohr mit der Hand so einstellen, daß es stets auf das gewählte Objekt gerichtet bleibt. Aber mit dem bloßen Auge kann der Astronom dieses Objekt nicht erkennen, er ist auf das Fernrohr angewiesen, und dies kann er, während es zur photographiichen Aufnahme dient, nicht zum Sehen benutzen. Diese Schwierigkeit ließ sich bisher nicht anders beseitigen als dadurch, daß auf den Sternwarten, auf denen photographiiche Aufnahmen von Himmelskörpern vorgenommen werden sollen, neben dem Hauptfernrohr und mit ihm fest ver- bunden ein Hilfs- lind Begleitfernrohr angebracht ist, durch das der Astronom das betreffende Objekt stets betrachtet. Durch die Ein» richtung eines solchen Begleitfernrohres werden aber die ohnehin schon großen Kosten einer Sternwarte noch erhöht, und eine Stern» warte, die kein Bcgleitfernrohr besitzt, mußte darauf verzichten, Gestirne, die sich während der zum Pholographieren nötigen Zeit aus dem Gesichtsfelde entfernen, photographisch aufzunehmen. Jetzt hat der verdienswolle Begründer und Leiter der Treptoio» Sternwatte bei Berlin, Dr. Archenhold, ein Mittel aus- gedacht, das diese Schwierigkeit mit einem Schlage beseitigt und das sogar noch große Verbesserungen bei Sternphotographien herbeifühtt. Er durchbohrte die Rückwand der photographischen Kamera und brachte an ihr ein senkrechtes Rohrstück an, so daß et durch die Kamera selbst blicken konnte. War nun die photographische Platte in die Kamera gebracht, so wurde durch die auf der Platte enthaltene lichtempfindliche, aber undurchsichtige Schicht der Durchblick durch das Rohrstück aufgehoben. Dies Hemmnis wurde dadurch be» seitigt, daß an der in Betracht kommenden Stelle die licht» empfindliche Schicht mit einem spitzen Eisen weggekratzt wurde. Selbstverständlich mußte die Platte, um sie nicht für die Aufnahme unbrauchbar zu machen, dauernd im Dunkel gehalten und auch das Abkratzen der Schicht im Dunkeln vorgenommen werden. Die? wurde dadurch erreicht, daß eine passende Schablone vorsichtig auf die Platte gelegt und diese da weggekratzt wurde, wo ein auf der Schablone angebrachtes und auch im Dunkeln leicht zu fühlendes Loch es gestattet. Die so präpattette Platte wurde dann in die mit dem Durchblickrohr versehene Kamera eingefiihrt, und der Astronom, der zur Fernhaltung jedes schädlichen Lichts seinen Kopf und die Kamera mit einem dunkeln Tuch verhüllt hatte, wie die Photographen es ja auch sonst tun, konnte während der Aufnahme das aufzunehmende Objekt genau bettachten und das Fernrohr durch die an ihm angebrachten Bewegungsmechanismen stets so ttchten, daß das Objekt leine Sttahlen genügend lange auf die Platte warf. Dabei feblt allerdings ein Punkt im Bild, nämlich der, wo die photographische Schicht weggekratzt ist, aber das ist kaum ein Nach- teil, da ja im übttgen die Lage des Himmelskörpers, seine Richtung, sein Helligkeitsgrod auf der Platte deutlich zu erkennen sind. Das Fehlen dieses Punktes ergab sich sogar als ein Vorteil. Wenn nämlich ein lichtfchwacheS Objekt photographiert werden sollte, daS sich in der Nähe eines lichtstarken befindet, so wirkte das kräftige Licht des letzteren auch auf diejenigen Stellen der Photographischcrc Platte, die sich neben dem eigentlichen Bildpuntt des lichtstarken HimmelSpunkteS befinden, so kräftig ein, daß daneben daS Bild des lichtschwachen Objekts, daS doch eigentlich hineinkommen sollte, überdeckt und undeutlich gemacht wurde; jetzt kratzt man die pholographische Schicht von dem Punkte ab, auf dem daS Bild des lichtstarken Objekts, das man ja gar nicht haben will und das nur die Nachbarpunkte störend beleuchttn würde. Da dort kein Bild entsteht, kann sich auch in der Nachbarschaft eine Licht- Wirkung nicht störend bemerklich machen; der zu photographierende lichtschwache Punkt erscheint als ungestört und mit einer vorher nicht zu erreichenden Deutlichkeit. Wenn man die dunklen Teile eines Nebelfleckes photographieren will, kann man sie jetzt genauer er» hallen, als früher, wo die kräftiger leuchtenden Teile dieses Nebel» fleckes daS Bild der dunkleren verwischten, so daß man keine ge» naueren Einzelheiten von ihnen im Gesamtbilde sah. Man kann die lichtschwacben Monde Heller leuchtender Planeten jetzt viel schöner er» ballen und wird zum Beispiel die bisher durch den strahlenderc Planeten Jupiter selbst überstrahlten Jupitermonde viel deutlicher abbilden als bisher. iamaci* Wucqsnictcrei u-JöcrUgiaustuU Paul«uiger&«a..fter.hn S VL'