Nnterhattungsblatt des Dorwärls AK. K3. Freitag den 1. April. 1910 lNachdru« tntsitttj i] Die Hrena. Roman vonVicenteBlasco I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. 1. We jedesmal, ivenn eine Corrida(Stiergefccht) bevor- stand, hatte Juan Gallardo heute frühzeitig zu Mittag ge- speist. Seine einfache Mahlzeit hatte aus einem Stück Braten bestanden. Keinen Tropfen Wein hatte er dazu genossen, und die vor ihm auf dem Tisch stehende Flasche hatte er nicht einmal angerührt. Es hieß eben in solchen Fällen ruhig Blut und hellen Kopf behalten. Er schlürfte ztoei Tassen starken, schwarzen Kaffee und zündete eine Duke-Zigarre an, stützte sodann die Ellbogen auf den Tisch und besah sich mit verträumten Augen die nach und nach in den Speisesaal ein- tretenden Gäste. Seit einigen Jahren schon, seitdem er auf dem Madrider Ring, der Plaza de Toros, die Alternativa, d. i. den Mata- dorentitel erlangt hatte, pflegte er im selben Gasthof der Calle de Alcala, der größten und breitesten Straße der spani- fchen Hauptstadt, abzusteigen. Hier wurde er vom Wirt wie ein Mitglied der Familie behandelt, und die Kellner, Pfört- ner, Küchenjungen und Stubenmädchen verehrten ihn wie einen Ruhm des Hauses. Hier hatte er auch einmal infolge einer auf der Arena erlittenen Verwundung lange Tage auf feinem Schmerzenlager verbracht, in Lappen gewickelt, in einer von Tabaksrauch und Jodoform geschwängerten Atmo- sphäre: aber die Erinnerung daran focht ihn nicht weiter an. Als abergläubischer Südländer, dem tägliche Gefahren dro- hen, stellte er sich vor, daß dieser Gasthof glückbringend sei, und nichts Böses ihm zustoßen könne, so lange er hier wohne. Allerdings blieb er stets gefaßt auf die kleinen Gefahren, die das Metier mit sich brachte, wie Verrenkungen und Fleisch- wunden, aber nie fiel ihm ein, daß er einmal auf der Arena das Leben lassen könne, wie es manchem BerufSgcnossen er- gangen, an die er oft mit Wehmut zurückdachte. An Corridatagen liebte er es. nach dem Mittagsmahl im Speisesaal fitzen zu bleiben und das Kommen und Gehen der Hotelgäste zu betrachten. Es waren gewöhnlich Aus- länder oder Provinzler, die gleichgültig an ihn: vorüber- gingen, ohne ihn anzublicken, bis zu dem Augenblick, wo sie von der Dienerschaft erfuhren, daß jener stattliche, glatt- rasierte, schwarzäugige Bursche der berühmte Torero(Stier- kämpfer) Juan Gallardo war. Ihre gaffende Neugierde kannte aber dann keine Grenzen niehr. Die ihn umgebende Bewunderung half ihm einigermaßen über die peinliche Frist hinweg, die ihn noch vom Beginn des Schauspiels trennte. Wie träge doch die Zeit dahinrannl Diese Stunden der Un- gewißheit, in denen unbestimmte Angstzustände sich seiner bemächtigten und ihm mitunter- jedes Selbstvertrauen raub- ten. waren gerade die bittersten seines Berufes. Er hatte keine Lust, hinaus auf die Straße zu gehen, denn im Hin- blick auf die Strapazen des Stiergefechts hieß es jede Er- müdung vermeiden, und auch den Freuden des Tisches durfte er sich nicht hingeben, denn wie hätte er die Plaza mit vollem Magen betreten können? So saß er am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt und durch eine Rauchwolke verhüllt. Hie und da schielte er nach den Damen, die den berühmten Stierfcchter mit Spannung betrachteten. Als Abgott der Menge nahm er dieses Interesse als selbstverständliche Verehrung entgegen. Er bezweifelte nicht, daß man ihn hübsch und flott fand. Seine Besorgnisse waren plötzlich wie weggeweht, und in der Gewohnheit, vor dem Publikum eine stolze Pose anzunehmen, reckte und brüstete er sich, stäubte sich mit den Fingernägeln die auf die Acrmel gefallene Zigarrenasche ab und drehte an dem Ring, dessen haselnußgroßer Brillant in wunderbarem Glänze funkelte. Sein Blick schweifte selbstgefällig über seine eigene Er- scheinung: er bewunderte seinen eleganten Anzug, die auf einem nahen Stuhl liegende schmücke Mütze, die feine goldene Uhrkette, die über dem oberen Teil der Weste sich von Tasche zu Tasche spannte, die Perle der Busennadel, die mit milcht- gem Schimmer sein braunes Gesicht zu beleuchten schien, und die juchtenledernen Schuhe, aus denen unter den aufgestülp« ten Beinkleidern seidene, durchbrochene Socken hervorlugten. Ein zarter, feiner Duft von reichlich aufgetragenen eng» tischen Parfüms entströmte seinen Kleidern und seinem schwarzen gewellten Haar, das in zierlichen Locken über die Schläfen herabhing. Selbstvergnügt läck�eltc er vor sich hin und blinzelte hinüber nach der Tischgesellschaft, besonders nach den Damen, als wollte er sagen:„Habt ihr je einen schmuckeren Mann gesehen?" Aber plötzlich stürmten die bangen Gedanken wieder auf ihn ein, der Glanz seiner Augen erlosch, und von neuem der- grub er das Kinn in die geballten Hände, indem er krampf- hast an der Zigarre sog und wie abwesend den Rauchringeln nachblickte. Schmerzlich sehnte er sich nach dem Feierabend, nach dem seligen Augenblick, wo er müde und schweißbedeckt den Zirkus verließ im Frohgefühl der überstandenen Gefahr und in Erwartung der harrenden Geniisse, denen er sich jetzt in aller Sicherheit mehrere Tage hingeben konnte. Wenn ihn Gott wie gewöhnlich beschützte, würde er abends mit dem kräftigen Appetit seiner früheren Hungerjahre über das Essen herfallen, auch ein wenig über den Durst trinken und gleich die Sache mit dem feschen Mädel ins Reine bringen, das in einem Tingel-Tangel fang, denn bei feinem bewegten Leben Mußte immer alles Hals über Kopf gemacht werden.... Jetzt kamen ins Speisezimmer nach und nach verschiedene Freunde und Bewunderer, die noch vor dem Mittagessen dem Stierfechter einen Besuch abstatten wollten. Es waren alte Stammgäste der Plaza, sogenannte Aficionados(begeisterte Anhänger des Stierkampfes), begierig, einer Partei anzu- gehören und einem Götzen zu huldigen, die im jugendlichen Gallardo„ihren" Matador erblickten und ihm weise Rat- schlüge erteilten. Sie duzten den Espada(wörtlich Degen: Hauptstierkämpfcr) mit gönnerhafter Vertraulichkeit: er hin- gegen siezte sie und ließ ihrem Namen stets das ehrerbietige Don vorangehen. Denn noch immer besteht zwischen dem Torero aus den untersten Volksklassen und seinen Bewunde- rern ein gewisser sozialer Abstand. Sodann gefielen diese Leute sich darin, vergleichsweise immer wieder ihre Erinne- rungen aufzutischen lind den jungen Helden die Ueberlegen- heit der Jahre und der Erfahrung fühlen zu lassen. Sie sprachen beständig von der alten Madrider Plaza, wo nur „wirkliche" Stiere und Stierfechter auftraten, und kamen dann immer mit einer vor Erregling zitternden Stimme auf den„Schwarzen" zu reden. Dieser„Schwarze"»vor Fraseuelo. „Wenn Du das gesehen hättest, mein Lieber!... Aber damals warst Du noch an der Mutterbrust oder noch nicht geboren." Den Speisesaal betraten noch andere Verehrer, die ziem- lich fadenscheinig und ausgehungert aussahen. Es waren obskure Berichterstatter von Weltbläftern, von deren Bestellen bloß die Artisten, die gelobt oder heruntergemacht wurden, eine Ahnung hatten: und sodann ein Haufen von Leuten rätselhaften Berufs, die immer auftauchten, sobald die Nach- richt vonr Eintreffen Gallardos sich verbreitete, die ihn mit Lobhudeleien überschütteten und um Freibillets anbettelten. Die gemeinsame Begeisterung verwischte alle Rangunter- schiede, und die echten Aficionados, Großkauflente oder hohe Beamte, stritten über Angelegenheiten der Stierfechterkunst ebenso gut mit jenen nichts weniger als salonfähigen Men� scheu wie mit ihresgleichen. Sobald sie den Espada erreicht hatten, drückten ihm alle die Hand und umarmten ihn, unter vielen Fragen und Ans, rufen. „Juanillo, wie geht es der Carmen?" „Ausgezeichnet, danke." „Und der Mutter, Senora Angustias?" „Sehr gut, ich danke. Sie weilt jetzt auf meinem Land- gut, der Rinconada." „Und Deiner Schwester und ihren Kindern?" „Alles beim alten, ich danke." „Und dem Windbeutel von Schwager?" „Auch gut. Ist noch immer derselbe." „Und wie stcht's mit den Aussichten auf Nachkommen- fchast?" '„Ach. nicht die Spur!" Dabei zuckte Gallardo energisch die Achseln und stellte dieselben Fragen an jeden Neuangekommenen. � „Und Ihrer werten Familie gcht's auch gut?... So, freut mich sehr, bitte, nehmen Sie Platz. Vielleicht ein Glas Wein gefällig?" Sodann erkundigte er sich angelegentlich nach dem Aus- sehen der Kampfstiere, denn alle diese Freunde kamen vom Zirkus, wo sie soeben der Auslosung der Tiere und ihrer Unterbringung in den Viehhöfen beigewohnt hatten. Des- gleichen fragte er, was man sich im Cafe Jngles erzählte, wo viele Aficionados verkehrten. Es war eben die erste Corrida der Madrider Frühlings- saison, und die begeisterten Anhänger Gallardos setzten die größten Hoffnungen auf ihn, indem sie sich auf die Zeitungs- berichte über seine jüngsten Erfolge in anderen Städten Spaniens verließen. Kein anderer Torero hatte so viele Engagements wie er. Von der Sevillaner Ostercorrida an (mit der die Stiergefechtssaison eröffnet wird) wanderte Gallardo, Stiere tötend, von einem Zirkus zum andern. Später, wenn August und September gekommen waren, ver- brachte er seine Nächte im Eiscnbahncoupee und seine Nach- mittags in der Arena, ohne Ruh und Rast. Sein Verwalter in Sevilla hatte alle Hände voll zu tun und verlor beinahe den Verstand vor der ungeheuren Anzahl der brieflichen und telegraphischen Offerten, mit denen er von allen Seiten be- stürmt wurde. Gallardo wußte oft wirklich nicht, wie er es anstellen sollte, um seinen Verbindlichkeiten nachzukommen. (Fortsetzung folgt, jj «Nachdruck verdokcn.� Die pfropfen. Von Pierre L u g u e t. iAutorisierte Uebersetzung aus dem Französischen.) L Nachdem Lardillon sich geräuspert und mit einer genialen Hand- bewegung sein üppiges Haupthaar aus der Dichterstirn gestrichen hatte, begann er: „Plötzlich zeigte sich im Türrabnien der falsche Herzog, unheil- verkündend, furchteinflötzend. Er zückte gegen das, schon vom klotzen Schreck halbtote Opfer den Dolch, der dazu gedient hatte, den alten Scherenschleifer umzubringen, und stietz dreimal zu. Odette de la Roche- Trenwlante starb ohne einen Schrei, ohne ein Zucken, selbst ohne einen Blick des Vorwurfs in ihren sanften Augen. »Endlich I" frohlockte der Mörder mit einem Ausdruck wilder Freude a»f seinem entmenschten Geficht.„Nichts trennt mich mehr von den Millionen der Prinzessin!" Aber er täuschte sich, der Elende. Die Vorsehung hatte nur ge- wollt, datz er das Matz seiner Missetaten vollmachen sollte, um ihn später umso grausamer dafür bützen zu lassen. „Schluß des 125. Kapitels I" verkündete Lardillon, der soeben ein Stück seines laufenden Romans„Die Vcrbrecherspelunke oder das Martyrium einer Jungfrau" vorgelesen hatte.„Na, Kinder, was sagt Ihr dazu?" Madame Lardillon sagte nichts. Sie war vollständig verblüfft. Die Leichtigkeit, mit der ihr Gatte— übrigens der beste Mensch von der Welt— im Lauf seiner Romane ganze Hekatomben von Opfern ins bessere Jenseits spedierte, indem er mit der nämlichen Kaltblütigkeit Feuer, Gift und Dolch handhabte, halte ihr schließlich eine ehrerbietige Scheu eingeflößt. Sie fragte sich im stillen, was Lardillon wohl dabei empfinde» mochte, wenn er so alle Morgen vor dem Frühstück, ohne sich im mindesten dadurch den Appetit zu verderben, zehn oder zwölf Unglückliche, die ihm niemals etwas zu Leide getan hatten, zu ihren Bätern versammelte. Das Dienstmädchen, welches man dieser Vorlesung im engsten Familienlrcise beiwohnen ließ, das man sogar dazu einlud(wollte Moliöre nicht auch die Meinung seiner Magd über seine Werte hören?), das Dienstmädchen machte Augen so grotz wie Suppenteller und öffnete den Mund gleich einem Tunneleingang, aus dem von Zeit zu Zeit kurze Allsrufe der Belvilnderiing, des Entzückens er- klangen. „Oh! Wie schön I Rein wirklich, wie schön!.. Fräulein Sidonie— so hieß die Küwenfee— kannte den Anfang des Romans nicht, da sie erst beim Beginn des 75. Kapitels diesen Dienst angetreten hatte, aber sie war nichtsdestoweniger begeistert, bebte bei jeder neuen Metzelei und weinte bitterlich, wenn die Waise, die tugendhafte Heldin der Geschichte, allzu grausam verfolgt wurde, was der Aermsten fast alle Tage passierte. Lardillon hätte diese außergewöhnliche Dieneri,� die in einer einzigen Person mehr Be- geisterung verkörperte, als ein großes Publikum eS hätte tun lvniien, um nichts in der Well entlassen mögen. Er wollte gerade in der Lektüre fortfahren, als die Korridorgjocke ertönte. „Der Briefträger, Herr!" meldete Sidonie, die geöffnet hatte, und überreichte dem Dichter ein Schreiben. „Ah l Ah I Voin„Beobachter des XXXV. ArrondiffementS" I Wollen doch mal sehen, was der gute Duplaquet von uns will, Hühnchen." Duplaquet war der Verleger des„Beobachters des XXXV. Arron- diffements", in dem augenblicklich„Die Verbrecherspelunke oder das Martyrium einer Jungftau" in täglichen Fortsetzungen erschien. Der gute Duplaquet wollte folgendes: „Hören Sie mal. mein Lieber, es ist ja sehr hübsch, aber man mutz so was doch nicht zu oft machen. Auf meinem Schreiblisch liegen fünfzig Briefe von Abonnenten, die dagegen protestieren, daß Sie vor drei Tagen einen alten Schäfer, der bereits am Anfang Ihres Dingsda mit Tod abgegangen ist, zum zweiten Male haben erdolchen lasten. Zum Teufel, Lardillon I EttvaS mehr Gedächtnis oder wir werden uns genötigt sehen. Ihre Jungftau von der Bildfläch« ver- schwinden zu lassen, bevor sie ihre sämtlichen Feinde der irdischen Gerechtigkeit überantwortet hat. Ihr ergebener Duplaquet." Zum besseren Verständnis dieses Briefes müflen wir bemerken, daß der Verleger des„Beobachters des XXXV. Arrondissements" von seinen Feuilletonautoren nicht die jedesmalige Beibringung des vollständig fertigen Romans verlangte, sondern sich mit einer genauen Inhaltsangabe begnügte, um über Annahme oder Nicht- annähme zu entscheiden, worauf er den Herren Autoren gestattete, Tag für Tag die zur Herstellung der Zeitung notwendige Zeilenzahl zu liefern. Er tat dies um so eher, wenn eS sich um Autoren bandelte, die bereits gezeigt hatten, was sie konnten. Und Lardillon hatte schon lang« gezeigt, was er konnre. „Was ist das für ein Blödsinn I" rief tiefgekräntt der Autor, nachdem er den Brief gelesen hatte..Reich' mir doch mal die Kollektion der„Verbrecherspelunke", Hühnchen I" Madame Lardillon schleppte die Kolleftion der„Verbrecher- spelunke" herbei, die schon etliche Kilogramm Papier repräsentierte. Was der Verleger geschrieben hatle, war bedauernswerte, un- glückselige Wahrheit. Der fragliche Schäfer war im dritten Kapitel durch einen als peruanischer Edelmann verkleideten Banditen gemeuchelt worden. Lardillon halte diesen Mord vollständig vergessen.(Er war zu entschuldigen, da er deren täglich«in Dutzend liefen«.) Cr hatte den gemeuchelten Schäfer wieder in die Handlung eingeführt und ihm vor drei Tagen fünf oder sechs wohlgezielte Dolchstötze appliziert, die der arme Teufel nach seinem im dritten Kapitel erfolgten Tode absolut nicht mehr brauchte. Der Schriftsteller erblaßte. Sollte es mit mir bergab gehen? überlegte er. Er hütete sich, seine Zweifel laut werden zu lassen, aber er blieb den ganzen Tag düster und verstimmt. n. Arn folgenden Morgen erhob er sich früher als sonst und schloß sich in seinem Laboratorium ein, in dem er seine ungezählten Ver- brechen verübte, ausgerüstet mit zwei Pappschachteln von ziemlich beträchtlichen Dimensionen, mit der Kollektion der„Verbrecher- spelunke" und einem Sack neuer Pfropfen. Wozu die Pfropfen? Der neugierige Leser soll eS alsbald erfahren. Lardillon hatte besohlen, ihn unter keinen Unständen zu stören. „Diese Halunken," murmelte er ingrimmig,„dürfen nicht wieder ausleben! Mein ganzer Ruhm sieht aus dem Spiele I' Auf die eine Pappschachtel schrieb er mit großen Buchstaben „Lebende", auf die andere—„Tote". Dann nahm er die Kollettion der„Verbrecherspelunke" zur Hand und begann sein Opus von der ersten Zeile an durchzustudieren mit der festen Absicht, diese Lektüre bis zum letzterschienenen Feuilleton fortzusetzen. Jedesmal wenn eine neue Person austrat, schriebUer ihren Namen auf einen Propsen und warf ihn in die Schachtel der „Lebenden" zu seiner Rechten. Und jedesmal wenn diese Person definitiv tot war, suchte er sie aus dieser Schachtel heraus und über- führte sie in die Schachtel der„Toten" zu seiner Linken. Und da die„Verbrecherspelunke" schon 125 Kapitel zählte, und jedes Kapitel mindestens zehn bis zwölf Personen in die Ewigkeit spedierte, war diese Arbeit keine Kleinigkeit. Lardillon brauchte drei Tage dazu. Sie brachte ihm mancherlei Ueberraschungen. Ganze Regimenter von Leuten marschierten da vor seinem Geiste aus, deren Existenz er gar nicht mehr ahnte, um bald nachher mittels eines Degenstoßes oder durch Gift oder durch eine Revolverkugel zu verschwinden. „Wer mag wohl dieser Kauz sein?" murmelte der Schriftsteller jedesmal, wenn ein seit Monaten vergcsiener Held auftauchte, der einige Stunden am Himmel der„Verbrecherspelunke" geglänzt hatte, und von den, man nie niehr hotte spreche» hören.„Was will diese alle Vogelscheuche hier?" brummte er wieder bei dem Erscheinen einer längst vrrgesienen reichen Witwe.„Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich jetzt noch daran erinnere, wie sie in meinen Roman gekoinmcn ist I" Drei Tage später war alles fertig, und Lardillon, durch seine beiden Schachteln vor unzeitigen Auferstehungen geschützt, bekam seine schöne Seelenruhe wieder. Zwei Wochen vergingen ohne jeden Zwischenfall. m. Und wir wohnen einer zweiten Vorlesung im engsten Familien- kreise bei. .Roger/ liest Lardillon, plauderte leise mit Madeleine, als die Gräfin de la Breche am Arm deS Marquis de OuinfieuS ins Zimmer trat.. «Was ist das?" rief Madame Lardillon.«Was erzählst Du da 1" «Was fällt Dir ein?" fragte der Schriftsteller, den man nicht so ungeniert unterbrechen durfte. «Aber Unglücklicher I Du sprichst von Roger, von Madeleine, von Madame de la Breche und vom Marquis de Ouinfiens l" «Nun und... «Run und— alle vier sind ja längst tot! Du hast sie vor mehr als zwei Monaten ermordet. Du mutzt es doch wissen!" «Was faselst Du da Lardillon stürzte sich auf die Schachtel der„Lebenden". Sidonie zappelte auf ihrem Swhl hin und her und schien sich nicht recht wohl zu fühlen. Der Schriftsteller durchstöberte bastig die Schachtel. «Da ist Quinfiens lebend!" rief er.«Da«st diese alte de la Bräche lebend I Da Madeleine und Roger lebend l Was er- zählst Du mir also Z" «Ja. mein Lieber", verteidigte sich Madame Lardillon schüchtern, «ich weih nicht... Vielleicht ist der Inhalt Deiner beiden Schachteln durcheinandergeworfen worden? Soviel steht jedenfalls fest: diese vier Personen sind lange tot I" Lardillon bekam beinahe einen Schlaganfall. «Hierher, Sidonie!" würgte er.«Sie haben die Schachteln berührt I! I" «Ich habe fie nicht angerührt, Herr!" antwortete, in Tränen zerflietzend, das Mädchen.„Aber vor drei Tagen, als ich den Schreibtisch abstäubte, habe ich fie auf die Erde geworfen und..." «Und Sie haben die Pfropfen wieder zurückgetan, gleichviel wie?... AuS meinen Augen I Hinaus, Unglückliche, oder ich ermorde Dich I" Sidonie verschwand. «Ich bin verloren, Hühnchen!" sagte Lardillon mit erloschener Stimme, indem er sich in einen Senel fallen ließ.«Ich habe Quinfiens de la Bräche und die anderen beiden nicht erst heute wieder auferstehen laflen, sondern schon vorgestern. Seit zwei Tagen druckt man fie wieder!" IV. Und die Katastrophe erfolgte in Gestalt eines neuen Briefes von Duplaquet: «Mein Herr! Sie werden ersucht, der„Berbrecherspelunke" noch heute ein Ende zu machen. Wir können bei unseren Mitarbeitern derartige Gedächtnisdesekte nicht gestatten. Duplaquet." Schon in der nächsten Nummer des„Beobachters deS XXXV. ArrondissementS" wurde das Laster bestraft, die Tugend belohnt und die„Verbrecherspelunke" polizeilich geschlossen. Lardillon hat sich nie darüber trösten können. Der Laubcnkolonlft als Gärtner und KUinricrzücbtcr. Balkon und Blumenfenster. Drautzen am Feldweg sind die Märzveilchen den Schneeglöckchen gefolgt, im Rasen erblühen die ersten Gänseblümchen, in den Park- anlagen der Reichshauptstadt die ersten stattlicheren Sträucher, die gelbglockigen Forsythien, gewifie weitzblühende Pflaumensorten und wohlriechender Jasmin, die nun die Blüten.'ätzchen der Weiden, Haseln und Pappeln ablöien. Wenn wir so sehen, wie sich der Rasen verfärbt und das erste zarte Gelbgrün die zeitig aus der Winterruhe erwachenden Ziergehölze der Gärten einhüllt, so wird auch in uns wieder die Lust rege, Balkon und Fenster mit Blumen zu schmücken. Ein kleiner Balkon oder ein schlichtes Fenstergesims bilden ja oft die einzigen Grundlagen für die bescheidene Blumen- zuch« des Städters. Man wetteifert in den Grotz- und Mittelstädten in der Ausschmückung der Ballone und Fenster, wo- durch so manche trostlose Hofwohnung ein anheimelndes Aussehen, manche elende Strotze, in der sich MielSkaserne schachtelartig an Mietskaserne reiht, ein ganz anderes, durch farbigen Blumenschmuck verschöntes Geficht erhält. Wenn wir im Sommer durch breite, lichtsrcundliche Vorstadt- Pratzen wandern, so bleiben wir manchmal unwillkürlich stehen, um den nicht alltäglichen Reiz der Blumenprachi auf uns ein- wirken zu lasten und dann mit dem Vorsage weiterzu- schreiten, es im nächsten Jahr, wenn auch nicht ebenso, so doch ähnlich zu machen. Das Gelingen solchen Vor- fayeS ist allerdings von mannigfachen Voraussetzungen abhängig. Je breiter die Stratze, je niedriger die fie flankierenden Häuser sind, je geräumiger der Balkon, je höher und breiter die Fenster, je sonniger die Lage, um so grötzer wird die Möglichkeit sein, mit Er- folg schön blühende Pflanzen zur Entfaltung zu bringen. Fast alle Blumen find Kinder der Sonne, die deshalb zu ihrem Gedeihen ein unabweisbares Erfordernis ist. Bolle Morgensonne ist für weitaus die meisten Blütengewächse am vorteilhafteste»! Nachmittagssonne genügt zur Not, und gegen Mittagssonne mutz man vielen Gewächsen im Hochsommer durch' Herablafien einer Jalousie oder sonstige Schalrenvorrichlung entsprechenden Schutz bieten. Bevor man sich zur Blumenzucht am Fenster oder auf dem Balkon entschlietzt. stelle man zunächst fest, wenn und wie lange auf die Einwirkung der Sonnenbestrahlung zu rechnen ist. Fenster und Ballone, die bei Sonnenschein nicht mindestens vier bis fünf Stunden am Tage bestrahlt werden, find zur Zucht blühender Pflanzen ungeeignet. In solch ungünstigen Lagen müsten wir uns aus E f e u k ä st e n und auf den sogenannten wilden Wein, die Jungfernrebe beschränken. Im allgemeinen sind bei grotzstädtischen Mietskasernen die am tiefsten gelegenen Wohnungen für die Blumenzucht am ungeeignetsten, da Quer- und Nachbar- gebände hier die Sonne am vollkommensten abfangen. Wer daS Glück oder Unglück hat, in der allerobersten Etage zu wohnen, der wird oft auch dann, wenn die Zimmer schief und die Fenster nur klein find, in der Blumenzucht mehr Glück haben als die tief unter ihm Wohnenden. Nicht jede Wohnung hat eiiien Balkon, und nicht jeder Balkon hat die für Blumenzucht günstige Beschaffenheit, aber auch nicht jedes Fenster hat nach autzcn ein Gesimse, und nicht jedes Gesimse ist so gerade, daß eS ohne weiteres zur Aufstellung von Blumentöpfen verwendet werden kann. Hat man das Glück, über etwa 20 Zenti» meter breite, wagerechte Fenstergesimse zu verfüge», so laflen die sich ohne weiteres durch Aufstellung von Blumentöpfen vom vor-» geschrittenen Frühling ab in den Dienst der Pflanzenpflege stellen; ist kein, oder nur ein schräg nach abwärts gehendes Ge- simse vorhanden. so ist die Anbrftigung eines Blumen- brettes, das seitlich fest in den Mauern verankert werden mutz, erforderlich. Bei geradem Gesimse genügt«in Eisen- stab zur Sicherung der Töpfe; diese sollen aber nur von mätziger Grötze sein. d. h. mir eine» oberen Durchmesser von 10—12 Zenti- meter hoben und nicht zu grotze Pflanzen bergen. Die Blumen- kultnr auf flachen Fenstergefimsen hat allerdings auch ihre Schatten- feiten, zumal bei sehr sonniger Lage; hier trocknen die Töpfe im Hochsommer so rasch aus, datz täglich zwei- bis dreimaliges Gietzen erforderlich wird. Vernachlässigt man dies, so ist die Erde rasch staubtrocken, dann nimmt fie bei einfachem Gietzen kein Waffer mehr an, da dies gleich an den Topfwandungen binabläuft und durch das Abzugsloch am Boden des Topfes entweicht. Hat man in dieser Beziehung eine Nachlässigkeit begangen, so mutz man die Töpfe 1—2 Stunden in einen mit Waffer gefüllten Bottich stellen; am erhöhten Gewicht des TopfeS kann man nach dieser Zeit ermessen, ob das ganze Erdreich im Innern wieder von Feuchtigkeit durchtränkt ist. Ein zweiter Rachteil der Blumenzucht in frei stehenden Töpfen auf den Fenstergesimien besteht darin, datz der Ton der B l u m e n t ö p f e ein guter Wärmeleiter ist, also die Sonnenstrahlen anzieht und sich in heitzea Mittagsstunden derartig erhitzt, datz die innen an den Topfwandungen liegenden Wurzeln verbrennen. Ein sehr einfaches Mittel, diesem Ucbelstande vor- zubeugen, besteht darin, die auf sonnigen Fenstergesimien frei stehenden Töpfe einzeln in Papier zu hüllen; die weitze Farbe wirft die Sonnenstrahlen zurück, verhindert also das Erhitzen der Gefätze. Noch bessere Erfolge erzielen wir, wenn wir jeden Blumentopf in einen grötzeren stellen, so datz zwischen beiden Töpfen ringsherum ein allseitiger Zwischenraum von mindestens Fingerstärke blerbt. Diesen steten Raum zwischen beiden Töpfen stopft man mit ge- wohnlichem Waldmoos aus. das stets feucht zu halten ist. Da dieses Moos in der Sonne reichlich Waffer verdunstet, bildet sich in der Umgebung der Pflanzen eine feuchte Luft, die das Gedeihen fördert. Wir dürfen nie vergessen, datz die verhältnismätzig kleinen Blnmentöpse nur wenig Spielraum für Erde und Wurzeln lasien; narkwüchsige Pflanzen haben bald die geringen, in der Erde befind- lichen Nährstoffe aufgebraucht und müssen dann verpflanzt werden, sollen fie nicht ein hungriges Aussehen annehmen. Ein- maligeS Verpflanzen ist im Laufe des Sommers absolutes Er- fordernis, daneben mutz dann noch, sobald die frisch verpflanzten Topfblumen gut eingewurzelt find, mit k ü n st l i ch e m Dünger nachgeholfen werden. Wurde gute Blumenerde verwendet, so kann man sich uiiter Umständen mit Rährsalzen behclfen, die in den Samenhandlungen auch in kleinen Portionen abgegeben werden. In Betracht konnncn daS Albertsche Nährsakz und das so- genannte Flora-Nährsalz. Zur Zeit des üppigsten Wachstums der Pflanzen kann man täglich mit Dungwafler gietzen. wenn man stets nur in jedem Liter Waffer ein Gramm des Salzes löst. Schädliche Ueberdüngung ist dabei ausgeschloffen. Pflanze», die nur ihrer Be- laubung halber gepflegt werden, also sogen. Blattpflanzen, bei denen sich alles um üppigen BlattwuchS dreht, düngt man besser mit vorwiegendem Stickstoffdünger; diesen befitzen wir im Chili- salpeter, einem Salz, im Hornmehl und im Taudendung. Von erst- genannten Düngern gibt man auch mir ein Gramm auf ein Liter Wasser, von trockenem Taubendung höchstens 1'/,— 2 Gramm. Wo ein B a l k o li zur Verfügung steht, da greife man zu den Blumenkästen; kleinere Kästen werden für die Schmalseiten, ein oder zwei grotze Kästen für die Vorderfront angefertigt. Die Matze müssen natürlich genau der Balkongrötze entsprechen; je grötzer der Balkon, um so grötzer, breiter und fieser können tue Blumenkästen sein, ohne unschön zu wirken, und je grötzer die Kästen, um so größer die Erdniaste, die sie aufnehmen können, und um so üppiger wird die Emfallniig der Pflanzen lein. Blech- und Thonkästen vermeide man. da sie als gnie Wärmeleiter in sonniger Lage ein Verbrennen der Pflanzenwurzeln verursachen! außerdem wird in Blechkästen, weil sie jede Durchlüftung des Erdreiches ausschließen, die Erde sauer; ein Absterben der Pflanzen ist dann unausbleibliche Folge. Läßt man sich die Kästen vom Tischler anfertigen, so verlange man genutete, die sich unier der Einwirkung der Feuchtigkeit nicht verziehen. Muß man sich selbst primitive Kästen zusammennageln, so bekleide man die Kanten' mit Blcchstrcifcn, die ein Verziehe» des Kastens unmöglich machen. Wer eine Blechschere und das nötige Geschick besitzt, zerschneide alte Koniervenbüchsen in Streifen, um mit diesen die Kastenkanten zu benageln. Es kommt aber nicht nur auf den Kasten an, sondern in weit höherem Maße auf die Beschaffenheit der Erde. Diese läßt in Berlin oft alles zu wünschen übrig; ich habe mich selbst davon überzeugt, welch unglaublicher Dreck in den Außenbezirken von fahrenden Händlern den gläubigen Blumenfreunden als beste Blunrcnerde aufgehängt wird. Aber auch manche Blumengeschäfte suchen die minder- wertige Abfallerde an den Mann zu bringen. In solchem Dreck wächst natürlich keine Pflanze. Man kaufe entweder die Erde in einer Gärtnerei, wo man eine Mi'chung von zwei Teilen wirklicher Mistbeeterde mit einem Teil Rasen- oder Lehmerde und dem entsprechenden Zusatz von grobem Sand verlangt. Sand gehört zu jeder Blumenerde z er hält sie frisch, gesund und warm. Es gibt aber auch eine Möglichkeit, das Geld für die Erde zu sparen. Man rüstet sich dann mit einem Sack aus, geht auf eine Wiese und sammelt dort die von den Maulwürfen aufgeworfene Erde, möglichst von alten, überwinterten Haufen. Diese durch den Frost mürbe gewordene Erde genügt mit Sandzusatz oft schon allein. Will man noch ein Uebriges tun, so mische man sie mit Wald- oder Holzerde; erstere findet man in jeder Waldung, nachdem die oberen. noch nicht verrotteten Laub- bezw. Navelschichlen weggeräumt sind; Holzerde auf jedem alten Zimmerplatz. Der gestrenge Meister wird wohl einwilligen, wenn ein armer Teufel von Blumenfreund um die Erlaubnis bittet, cinen kleineren oder größeren Sack dieser Holzerde mitnehmen zu dürfen. Verführerisch sieht auch die schwarze Moorerde von feuchten Wiesen aus: sie ist aber, da säurehaltig zur Blumen- zucht nur mit Vorsicht zu gebrauche» i brauchbar wird sie erst, wenn man einen tüchtigen Haufen davon 2—3 Jahre an der Luft tagern läßt und jährlich ztveimal mit dem Spaten umarbeitet. Durch diese Bcbandlung geht unter der Einwirkung der Luft und Kälte die Säure verloren. Die Erde in den Blumenkästen muß Jahr für Jahr er- neuert werden, nur langsam lvachiende, ausdauernde Pflanzen lönncn mehrere Jahre in der gleichen Erde stehen, wenn im Sommer durch künstliche Düngung nachgeholfen wird. Eine nicht geringe Sorge macht die B e p f l a n z u n g der Kästen. Will man gleich von Anfang an etwas Schönes und Voll- kommencs haben, so muß man schon die Pflanzen in einer Handels- gärtnerei kaufen, aber diese kosten durchschnittlich, je nachdem, SO biS Sv Pf. pro Stück und mehr. Für sonnige Lagen sind P e l a r- g o n i e ii sehr schön, namentlich die in Berlin vorherrschenden feuer- roten Sorten Meteor und in zweiter Linie Berolina. Da aber alle Welt diese knallroten Blüten pflanzt, wirkt der Blütenschmuck ganzer Straßenzüge eintönig. Wer Abwechselung liebt und seinen Blumen- schmuck anders als die lieben Nachbarn haben möchte, der pflanze in sonniger Lage Petunien, die hängenden Efeugeranien und aus ganz kleinen Ballonen hängende Glockenblumen und die neuen hängenden Sorten der blaublütigen Lobelien. Die Blüten dieser letztgenannten zierlichen Hängepflanzen haben so treue, tief- blaue Augen, daß man daS Pflänzchen im Volksmund„Männer- treu" genannt hat. Frau Prietzke will das nicht einleuchten, sie meint, daß es so etwas überhaupt nicht gibt, weil ihr Mann in den ersten Ehejahren einmal einen kleinen Seitensprung gemacht hatte, der aber inzwischen verjährt und verziehen ist. Ich habe Frau Prietzke aber eines Besseren belehrt und ihr gesagt, daß cS trotz alledem Männertreu gibt, ja, auch eine andere Pflanze, die man „Mannstreu", nicht„mannstoll", nennt. Das ist eine sogenannte Edeldistel, fein belaubt und tausendfach bedornt, die sich nicht un- gestraft fest anfassen läßt. Der Männertreu und der Mannstreu stehen im Blumenreiche auch zahlreiche Jungfern gegenüber, bei deren Benennung man aber nicht die herrschaftlichen Jungfern von heute im Auge hane, so die schon genannte Jungfernrebe, auch Wilder W e i u ge- nannt, von der der Volksglaube annimmt, daß sie im Gegensatz zur edlen Rebe keine Früchte zeitige. Das ist aber ein Irrtum, denn sie bringt tiefblaue Beeren, die freilich ungenießbar sind. Eine andere hübsche Jungfrau des Blumenreiches ist die„Jungfer in G r ü n", eine reizende lilafarbige Blüte von dem denkbar feinst- aerreilten Blattwerk umgeben. Das ist auch eine prächtige Pflanze für die Balkonkästen und zwar für die Liebhaber, die nicht viel Geld ausgeben können. Für 10 Pf. Samen weitläufig in die richtig hergerichtetcn Kästen gesät und dünn mit Erde bedeckt, ge- nügt, um einen prachtvollen, den ganzen Sommer über andauernden Blütenflor zu erzielen. Viele Blumenfreunde sind der irrigen Ansicht, daß alles das, wovon sie gehört und was sie gesehen haben, so ohne weitere? aus Samen erwächst, den man nur in die Kästen zu streuen braucht. Das ist ein arger Irrtum I Eine große Zahl unserer Sommerblumen verlangen Aussaat unter Glas, dann ein- bis zweimaliges Verpflanzen unter Glas, um die nötige Stärke zu erlangen, die sie zum Weiter« wachsen in den Balkoukästen befähigt: manche lasten sich auch nur auf künstlichem Wege durch Stecklinge vermehren. Das sind natürlich alles Pflanzen, die man kaufen muß. Aber auch von denen, die nian direkt da binsäen kann, wo sie ihre vollständige Emwickelung erlangen sollen, sind viele für die Kairenkultur auf dem Balkon ungeeignet. Mir tut es immer leid, wenn ich hier und da die stolze Sonnenblume in einem Kasten auf dem Balkon erblicke: sie bringt hier höchstens eine kleine und unschein« bare Blüte und schaut wahrhaft erbarmungswürdig auf die Straße hinunter. Die beste Pflanze, die wir direkt in die Kästen säen können, ist die sogenannte rankende Kapuzinerkresse in Sorten mit tiekroleu, orangefarbigen und gelben Blumen. In geräumige Balkonkönen lege man jetzt zwei Reihen Samen von Korn zu Korn in minsestenS 15 Zentimeter Abstand. Wer besonders vorsichtig sein will, lege in diesem Abstand jedesmal zwei Korn nebeneinander. falls eines versagt: wo beide Samen aufgeben, entfernt man später immer die schwächste von beiden Pflanzen. Man kann diese Kapuziner« kr>.sse sowohl über den Kasten herabhängen lassen, als auch an Stäben und Schnüren laubenartig emporzrehen; sie winden mit den Blattstielen. Im allgemeinen erlangen die Schlingpflanzen in den Balkoukästen eine weil geringere Entwickelung als im Freien: aber bei guter Erde und richtiger Pflege machen sie trotz alledem Freude. von Schlingpflanzen kür Balkonkästen, die wir direkt in die Kästen säen können, nenne ich noch die Trichterwinden, die sich als Mondblüten am Tage nur bei trübem Wetter, sonst erst abends öffnen, die Feuerbohnen, die wir aber nicht vor Anfaiig Mai säen dürfen, und die wohlriechenden Wicken, die jetzt geiat werden müssen. Ausdauernde Schlingpflanzen wachsen in Nemen Kästen nur sehr kümmerlich und find eigentlich nur da angebracht, wo das Haus im Garten steht: hier pflanze man an die Vorder- Koni in den fteien Boden die herrlichen Schlingrosen und die großbltnnigcn Waldreben, die nach zwei bis drei Jahren ganze Wandflächeu bekleiden und in üppigen Blütenichmuck hüllen. Ich habe mein kleines Garienbäuschen. dessen Vorderfront nach Osten gerichtet ist, vor drei Jahren mit Waldreben bepflanzt. Sic bedecken die ganze Front und brachten im vorigen Jahre Tausende von Blüten, die bei einigen Sorten bis 13 Zenrimeler Durchmesser haben. Inmitten dieser Blütenprachi, dicht über einem Fenster, nistete ein Bachstelzcnpaar. Unbekümmert um mich bauten sie das Nest, brüteten die Eier aus und fütterten später, dicht über meinem Kopf, die stets heißhungrigen Gelbschnäbel groß. In diesem Frühjahr haben sich die beiden Alten wieder eingenmden, die Gegend sondiert und meine Gastfreundschaft erneut in Anspruch genommen, woraus ich im beider» ieitigen Jnteresie bereitivillig eingegangen bin. Ich erhebe keine Miere und setze die fidele, flatterhafte Gesellschaft auch nicht auf die Straße. Ilck. kleines Feuilleton. Technische». Ein neuer Eindecker ist von dem Dänen Ellerhammer erfunden worden, der den Anspruch erbebt, daß diese Flugmaschine auch bei starkem Wind eine volle Gcbranchsfäbigkeit ver'prichl. Er unternahm seinen ersten Flug von ungefähr drei Kilomeiern Länge Mille März bei stürmischem Weiter und soll auch angeblich einen bedeutenden Erfolg erstritten haben. Seine Maschine wiegt nur 330 Pfund und führt iechö Zylinder. Ihre besondere Eigenart be- ruht in der GewichlSverieilung, die so sein ausgeglichen sein soll, daß der Körper des Fahrers genügt, um ohne einen anderen Apparat das Gleichgewicht des Ganzen jederzeit zu regeln. Diese Angaben nehmen sich so ideal aus. daß man erwarten darf, noch viel von der Ellcrhammerschen Flugmaschine zu hören, falls sie auf Wahrheit beruht. Der Kinematograph als Lehrmeister. WaS der Kinematograph zur Unterhalinng und Belustigung leistet, ist nur ein kleiner Teil der Verdienste, die dieser Apparat in Anspruch nehmen darf. Ramemlich kür wissenschaftliche UmerrichlSzwecke hat er offen- bar eine nützliche und ehrenvolle Laufbahn vor sich. Es ist schier unglaublich, was jetzt schon alles im Kinemaiographen gezeigt wird. Vielleicht das Neueste auf diesem Gebiet ist die Vorführung chemischer Vorgänge. Man bat beispielsweise Films hergestellt, die eine elektro- lytifche Zerlegung des Waffers sichtbar vorführen, ebenso die bekannte Wirkung von Salpetcnäure auf Silber oder die des KönigswafferS aus meiallifches Gold. Die Darstellung solider Vorgänge in starker Ver» größernng auf dem bclichreten Schirm muß sogar für den Fachmann eiwaS Verblüffendes haben. Ebemo bemächtigt sich die Zoologie imnnr mehr des Kinemaiographen. Erslauniich ist eS, was man z. B. vom Leben einer Fliege auf diesem Wege zur Anschauung bringt. Man sieht die Fliege ihre Eier legen, die sich zu Haufen wimmelnder Maden eniwickeln. Durch eine geeignete Anordnung der nach der Naiur aufgenommenen Bilder kann die Schaustellung so eingerichtet werden, daß auch die GciuildbeitSIchre Vorteil daraus zieht, indem die Menschheit über die großen Gefahren auf« geklärt wird, die ihrer Gesundheit durch die Fliegen drohen._ töklantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwarlt Buchdruckerei u VeriaasaunaU«am Sinaei srto Berlin SW,