Anterhalwngsblatt des Horwiirts Nr. 64. Sonnabend den 2 April. 1910 (Nachdruck vervskeir.) 2] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Heute z. B. war er im Stierzirkus zu Ciudad Real auf- getreten und noch am selben Nachmittag mußte er. ohne sich umzukleiden, in den Zug springen, um am folgenden Morgen in Madrid einzutreffen. Beinahe schlaflos verbrachte er die Nacht, in halbliegender Stellung auf dem breiten Sitz, den ihm die übrigen Mitreisenden einräumten, indem sie sich eng aneinander drängten, aus Rücksicht gegen den Mann, der am andern Tag sein Leben aufs Spiel setzen werde. Seine Verehrer staunten über seine Widerstandskraft wie über die Tollkühnheit, mit der er auf den Stier losstürzte, wenn der entscheidende Augenblick, den Todesstoß zu führen, gekommen war. „Wir wollen'mal sehen, was Du heute nachmittag leistest," sagten sie in ihrem unerschiitterlichen Glaubenseifer. „Alle echten Aficionados haben ihr Augenmerk auf Dich ge- richtet: Du wirst wohl alle Rivalen übertrumpfen.. Hof- fentlicht arbeitest Du so flott wie in Sevilla." Die Bewunderer zogen sich allmählich zurück, um aufs Mittagsmahl loszusteuern und rechtzeitig zum Schauspiel zu gelangen. Gallardo wollte, als er sich allein sah, hinauf in sein Zimmer gehen, denn seine Nervosität ließ ihn nicht ruhig sitzen, aber in demselben Augenblick kam ein Mann herein, der zwei Buben an der Hand führte. Beim Anblick des Toreros lächelte er gutmütig und näherte sich, ohne die Augen von ihm abzuwenden, wie ein schlvanzwedelnder Hund. „Wie geht's Euch, Gevatter?" Hierauf kam die Litanei der üblichen Fragen nach dem Befinden der Familie. Dann wandte sich der Mann zu den Kindern und sagte in feierlick)em Tone: „Da habt Ihr ihn vor Euch stehen. Ihr fragt ja immer nach ihm. Seht Ihr, genau wie auf dem Bilde sieht er aus." Und die beiden Knirpse betrachteten ehrfürchtig den Hel- den der Bilder, die die Wände ihrer ärmlichen Wohnung schmückten: dieses übernatürliche Wesen, dessen Großtaten der Gegenstand ihrer Bewunderung seit dem ersten Aufdämmern ihres Bewußtsein gewesen waren. .�uanillo, küß' dem Paten die Hand." Der Kleinste von den Zweien drückte sein gerötetes, von der Mutter im Hinblick auf den Besuch gewaschenes Mäul- chen auf die dargebotene Hand des Stierfechters, der ihm zerstreut das Haar streichelte. Es war eines von den zahlreichen Patenkindern, die er in Spanien hatte. Die Bewunderer nötigten ihn, ihre Kinder aus der Taufe zu heben, in dem Glauben, auf diese Weise ihre Zukunft zu sichern. Von Taufe zu Taufe geschleppt zu werden, das war auch wieder eine Folge seines Ruhmes. Dieses Patenkind war ein Andenken an seine mageren Jahre, an die Sturm- und Drangperiode, da er ein Anfänger in seiner Karriere war. Damals wurden seine Fähigkeiten noch vielfach bestritten, während der Vater des Kindes am eifrigsten für ihn eintrat und seine einstige Größe prophezeite. Aus Dankbarkeit dafür war Gallardo der Pate des Buben geworden. „Und wie geht sonst das Geschäft, Gevatter?" frug Gallardo.„Etwas besser?" „Ach waSI" Der Aficionado verzog seine Miene. Er schlage sich küm- merlich durch als Zwischenhändler auf dem Gemüsemarkt. Er lebe ans der Hand in den Mund. Mitleidig blickte der Matador herab auf die dürftige Festkleidung des Mannes. „Ihr werdet Euch Wohl die Corrida ansehen wollen, Ge- vatter, was? Geht hinauf auf mein Zimmer und sagt dem Garabato, er soll Euch ein Freibillett geben. Ihr, Rotznasen, nehmt das, und kauft Euch Zuckerstangen." Während beide Buben ihm von neuem die Hand küßten, steckte der Stierfcchter jedem ein Paar Duros zu, der Vater zerrte die Rangen hinaus, unter konfusen Danksagungen, un- gewiß, was ihn am meisten freute, das Geldgeschenk an seine Sprößlinge, oder das in Aussicht stehende Freibillett. Gallardo wartete noch ein wenig, um nicht in seinem Zimmer dem Beschenkten wieder zu begegnen� Darauf zog er die Taschenuhr hervor. Erst eins! Wie langsam verstrich die Zeit! Als er das Speisezimmer verließ und die Treppe hinauf« gehen wollte, stürzte aus der Portierloge ein in einen alten Schal gehülltes Weib hervor, das ihm, ohne sich an die Ein» Wendungen der Dienerschaft zu kehren, in vertraulicher Weise den Weg verlegte. „Juanigo!... Juan! Kennst Du mich nicht? Ich bin die Caraiola, die Gevatterin Dolores, die Mutter des armen Lechuguero." Gallardo lächelte der Alten zu. Es war eine lebhast gestikulierende, dunkelbraune, runzelige, kleine Frau. Der Stierfcchter erriet sofort, worauf sie es abgesehen hatte, und fuhr mit der Hand in die Westentasche. „Ach, Junge, unsereins kommt nicht aus dem Elend her« ausl... Sobald ich erfuhr, daß Du heute hier auftrittst, sagte ich mir gleich:„Geh' und sprich den Juanigo, der hat gewiß die Mutter seines unglücklichen Kameraden nicht ver- gessen." Aber wie Du Dich herausgemacht hast, mein Junge! Da müssen sich ja alle Weiber in Dich vernarren... Mir geht's schofel, Herzensjunge. Nicht'mal ein Hemd Hab' ich an. Ich Hab' heut' noch nichts anderes genossen, als so'n armseliges Schnäpschen. Die Pepona— weißt Du— ist auch aus Seviya, hält mich aus Mitleiden in ihrem Hause. Ein ganz anständiges Haus— weißt Du. Sprich'mal. bei uns vor. Ich kämme die Mädchen und besorge Gänge für die Herren... Ach, wenn mein armer Bub' noch am Leben wäre! Erinnerst Du Dich noch meines Pepiyo? Weißt Du noch, wie sie ihn ganz blntbedeckt ins Spital brachten?.. Nachdem Gallardo ihr einen Duro(Piaster zu etwa vier Mark) in die welke Hand gedrückt, suchte er sich aus dem Staube zu machen. Verdammte Vettel! War das ein Ein» fall, ihm gerade heute, am Tage der Corrida, den armen Lechuguero ins Gedächtnis zurückzurufen, den Jugendge» nossen, den er auf der Plaza von Lebrija, als beide mit Novollos, mit jungen Stieren, kämpften, hatte sterben sehen. Das spitze Horn eines der Tiere war ihm ins Herz ge» drungen... Alte Hexe!... Er schob sie etwas unsanft hinweg. Sie ging sofort, in der Sorglosigkeit ihres Vogel» Hirns, von der Rührung zur Fröhlichkeit über und schwelgte in begeisterten Lobreden auf die tapferen Kerle, die schmucken Toreros, die das Geld des Publikums und die Herzen der Weiber zu Haus gewinnen. „Die Königin von Spanien solltest Du kriegen, Zucker- kind. Frau Carmen mag gut aufpassen! Eines Tags stiehlt Dich noch eine Prinzessin und gibt Dich nicht mehr zurück... Aber sag' mal, Juanigo, willst Du mir nicht ein Billett für die heutige Corrida geben? Ich habe eine so unbändige Lust, Dich in der Arena zu sehen." Das Geschrei der Alten und ihre überschwänglichen Kom» plimente erregten die Heiterkeit der Hotelbediensteten, und dank diesem Umstand gelang es einer Schar von Neugierigen und Bettlern, die draußen vor der Haustiir standen, den Eingang zu erzwingen. Mit sanftem Schub die Bediensteten zurückdrängend, drangen sie in den Hausflur ein. All dies Gesindel warf die Mützen in die Luft und jauchzte dem Stierfechter entgegen. „Ole, Gallardo! Hoch soll er leben. Vivat der Tapfere!" Die dreistesten waren die Zeitungsjungen: sie ergriffen seine Hand, drückten sie ihm kräftig und schüttelten sie unab- lässig, um so lange wie möglich die Berührung mit dem Nationallieldcn zu genießen, dessen Bild sie so oft in den Blättern gesehen. Nicht zufrieden damit, wollten sie auch die Gefährten dieser Ehre teilhaftig werden lassen und schrien ihnen zu: „Gebt ihm die Hand. Er wird daruni nicht böse. Wie leutselig er ist!" Und es fehlte nicht viel, daß sie in ihrer Begeisterung vor ihm niedergekniet wären. Von anderen schäbig gekleideten älteren Leuten wurde der Torero ehrerbietig begrüßt und direkt um ein Almosen angegangen, wobei sie ihn Don Juan betitelten und mit flüsternder Stiinme von herzzerrcißendein Elend erzählten. Andere wieder baten um ein Freibillett. nicht weil sie gerade für das aufregende Schauspiel schwärm« ten, sondern mit dem Hintergedanken, es sofort wieder zu verkaufen. Gallardo verteidigte sich lachend gegen diese menschliche Lawine, die ihn drängte und schob, ohne dah die Dienerschaft. der die Popularität imponier�, es gewagt hätte� ihn her- auszuhaucn. Er leerte alle seine Tasche», bis nichts mehr drtn blieb, wobei Dutzende von hocherhobenen gierigen Hän- den die zugeworfenen Silbermünzen aussingen. „Nun ist's genug. Weiter gibt's nichts!' Macht, daß ihr fortkommt, ihr Lumpenkerle I" Obschon diese Zudringlichkeit ihm im Grunde schmeichelte, stellte er sich böse, brach sich durch eine Bewegung seiner Athletenarme Bahn durch die Menge und hüpfte federleicht die Treppen hinaus, während die Bediensteten nun die Ein- dringlinge hinausschoben. Gallardo ging an der halbgeöffneten Tür des von Gara- dato, seinem Tiener, bewohnten Zimmers vorUber und sah, wie dieser, zwischen Kosfern und Schachteln hantierend, das Kostüm für die Vorstellung in Stand setzte. lFortsetzung folgt.! Ampfer. Von D. P i n S l i. Deutsch von F. I ch a k. Ich kenne einen Mann, in dem früher ein Dichter stellte, da-Z Leben hat aber ans ihm einen einfachen Arbeiter gemacht. Von dem verlorenen Dichter ist in ihm als Erbe eine grotze Liebe zu seiner eigene» Freiheit geblieben. Wie eine schwere Last lagen auf seinen Händen die sanfte» Kelten seines frommen Elternhauses. Er verlieh seine Eltern— obwohl er sie sehr liebte— und ging in die Fremde, arbeitete in fremden Werkstätten, speiste an fremden Tische�— trotz seiner feinen Erziehung. Aber noch weniger wollte er den fremden Göttern dienen; er wechselte seine Arbeilsslätlen wie Handschuhe, ja mehr noch: er hielt es nickt lange an einem Orte, in einer Stadt aus. Mehr Luft verlangte er. mehr Be- wegung, mehr Freiheit. Man gab ihm den Spitznamen„der freie Vogel", und das war auch sein richtiger Name. Und doch hinderte ihn diese reine, große Liebe zur Freiheit nickt daran, das Joch der Organisation auf sich zu nehmen, ein einfacher Soldat zu werden, der Dtsziplin zu folgen,— alles im Namen des Kampfes: ein Arbeiter allen Arbeitern gleich. Mau sperrte ihn für lange Monate in eine kleine Zelle ein, zwischen vier dunkle Mauern. Man glaubte, der„freie Vogel" würde in der Zelle wahnsinnig werden. Aber er verlieh seinen Kerker frisch und munter, init»och größerer Liebe zu seiner Freiheit und gesteigertem Hah gegen die Unterdrückung. Aber was erzähle ich da für Kleinigkeiten l Höret nur. ich kenne eine bessere Geschichte. #•# Kennt Ihr die Liebe, die Berge zu versetzen und Welten zu schaffen vermag? Höret nur, wie sie liebten, die zwei Kämpfer. Als sie einander zum ersten Male ihre Liebe entdeckten, knieten sie vor einander nieder, wie im Gebet, nnt gefalteten Händen, und ihre Augen erhellten sich, als ob vor ihnen sich der Himmel aufgctan hätte, und in ihren Seelen klang die herrlichste Musik. Und dann reichte» sie sich die Hände, blickten einander in die Augen, lächelten glückselig und schwiegen. Kennt Ihr die tiefe Liebe, die die lebendigen Herzen mit stillem Schweigen anfüllt?... Die tiefste Tiefe birgt diese Liebe. Ich will sie mit dem größten Meere nicht vergleichen, weil sie unendlich ist. weil ihre Tiefe bodenlos ist. Und sie liebten im Schweigen und schwiegen in der Liebe. Lange konnten sie dastehen und einander in die Augen blicken, mit glückseligem Lächeln aus den geschlossenen Lippen blickten sie ein- ander in die glücklich leuchtenden Angen. Und dann zog eS sie zu einander, und sie ginge» in einem heiligen, göttlichen Kuß auf..., Ist denn„heilig" und„göttlich" das richtige Wort? Hört, ich finde keine Worte I Höret nun weiter. Wenn sie sich trennten, waren sie im Geiste bei einander, und eine Stunde geschieden zu sein erschien ihnen wie eine Aehnlichleit. Die schwerste Zeit war für sie die Brautzeit. Kennt Ihr das Lied von der Seele, die sich vom Leibe lostrennt? Darin liegt die tieffte Verzweiflung, die stillste Trauer. TaS empfanden damals ihre Seelen. Könnt Ihr begreifen, wie glücklich sie waren, als sie vereint wurden? Und hört nun. Diese unendliche Liebe brachte ein Kind zur Welt.... Habt Ihr denn einen Begriff, wie dieses Kind ausgesehen hat? Nur ein Christuskind. ein Kind von Gottes Liebe, wird so gemalt. ES wird mir schwer, davon zu erzählen, wie ihre Liebe wuchs. Ich kann nur sagen: die Unendlichkeit wurde noch unendlicher, be- greift Ihr daS? Und nun stellt Euch vor, diese beiden sind nicht vor der Möglich- Kit zurückgeschreckt, von einander und von ihren« Kinde für lange Jahre getrennt zu werden, und sie kämpften--- att Arbeiter für die Arbeitersache. Und sie wurden auch getrennt. Er wurde noch einem End« Sibiriens verbannt, s i e nach dem anderen. Das Kind wurde bei der Großmutter zurückgelassen, bei der halbverbungetten Groß- mutier— damit es unter dem harten Klima des Exils nicht Schaden nehme. Und nun höret daS Merkwürdigste: sie blieben dabei ruhig! Wenn die Zeit der Verbannung vorüber sein wird, werden sie wieder zusammenkommen und werden sich noch glücklicher fühlen— als damals in der Hochzeilsnacht— und sie werden wieder kämpfen als Arbeiter stir die Arbcitersache. Die Hygiene der Straße* Unser modernes Verkehrsleben hat durch die Ausbildung und Vervollkommnung des Automobils die mächtigste Anregung erfahren. Da dieses nicht nur noch Luxusgefährt einiger Bevorzugter auö der Hochfinanz ist, hat der AutomobilisinuS für Gewerbe und Industrie eine immer größere Bedeutung gewonnen. Heule werden von allen Aiilomobilsabtiken Lastautomobile gebaut und dem öffentlichen Ver- kehr übergeben; dadurch hat sich das Straßcnbild der Großstädte ziemlich wesentlich verändert, indem ein beträchtlicher Teil des Ber- kehrs, der früher ausschließlich vom Pferdefnhrwesen bewältigt wurde, dem Automobilismus zugefallen ist. Dieser neueste Zweig des Verkebrswesens hat gewiß seine großen Bor- züge, er hat aber auch Nachteile, die namentlich die Hygiene unseres Verkehrslebens betreffen. Unvergleichlich mehr als von anderen Gefährten wird auf Sandwegen und Chaussee» von Kraftwagen Staub aufgewirbelt, der das dahin- sauicnde Auto in dichten Wolken umgibt. Die Staubplage spielt eine große Rolle im Kapitel der Automobilbelästigungen und wird rück- haltlos auch von allen Automobilisten anerkannt und zu bekämpfen gesucht. Gerade an den schönen beißen Sommertagen, an denen oftmals Taufende von großstädtischen AuSflüglern die freie Natur zur Erholung nach angestrengter Arbeit aufsuchen, machen sich die ans allen öffentlichen Wegen aufgewirbelten Siaubmasien besonders lästig bemerkbar und tragen in hohem Maße dazu bei. dem während des größten Teiles seines Lebens in schlechter Lust eingesperrten Großstädter auch den Genuß der wenigen Stunden, die er im Freien verweilen kann, zu schmälern. Denn Staub ioll den Lungen nicht gerade gesund fem, zumal solchen nickt, denen die Gefahr tuberkulöser Ansteckung bei den Arbeits- und Wohnmigsverhältnissen der Groß- stadt ständig droht. Mir welchen Mitteln hat man nun versucht, der Slaubplage Herr zu werden? Als erster ist ein Arzt, Dr. Guglielminetti in Monte Carlo, der die Wichtigkeit der Stanbbeseitigung für den Freniden- verkehr an der Riviera erkannte, an die Lösung des Problems ge- gangen. Er begann seine Versuche damit, daß er mit Unterstützung der französischen Regierung Straßen mit Teer bestreuen ließ, und erzielte i» der Tat auf diese Weise gute Erfolge. Die mineralöl- ariigen Bestandteile der Teerprodukte saugen einmal den Staub gut aus. sodann dringen sie in den Straßenkörper ein und binden daS Schottermaterial, so daß dieses fest in der Decke liegt und nicht so leicht die Möglichkeit zur Staubentwickeluiig hat. Durch die Bemühungen Guglielmiuettis und die Einsicht der stanzöfiicken Regierung ist eS dahin gekommen, daß Frankreich die übrigen Länder in der Hygiene seiner Straßenbauten weit überholt hat, wovon sich die aus aller Welt versammelten Straßenbaunigcnieure gelegentlich des internationalen Straßenkongrefies zu Paris im Jahre Iv()8 zu überzeugen Gelegenheit nabmen. Der Anregung Frankreichs folgten bald auch die anderen Länder und begonnen nach verschiedenen Systemen die Straßen zu teeren. In Deutschland wurden die ersten TeerungSversuche im Jahre 1903 gemacht und seitdem in vermehrtem Maße fortgeietzt, da die gerade rn den letzten Jahren erfolgte AuS- breitung des AutomobiliSmus energische Maßnahmen zur Bekämpfung der immer unangenehmer empfundenen Staubplage erfordert. Man unterscheidet hauptsächlich zwei Arten von Teerungen. die O b e r s l ä ch e n t e e r u n g, die für schon im Gebrauch befindliche Siraßen verwendet wird, und die Jnnenteerung, die während de« Baues der Straße die Imprägnierung des Baumaterials mit Teer bezweckt. Um die Oberflächenicerung. die bei der großen An» zabl vorhandener Cbaussccn usw. zunächst am meisten ig Frage kam, recht wirksam zu gestalten, wurden besondere Maschinen konstruiert. die den Teer möglichst heiß und dünnflüssig auf die Straßendecke streuen und sein Eindringen in den Straßenkörper erleichtern. Rur bei der Anlage neuer Straßen bediente man sich der Jnnenteerung, die namentlich in England und Amerika ausprobiert wurde, zurzeit bei uns auf einigen Querstraßen der Döberitzer Heerstraße unter englischer Leitung Verwendung findet. ES liegt auf der Hand, daß diese Methode eine gründlichere Teerung darstellt, da hierbei das Schottermaterial selbst mit Teer umkleidet wird und das entstehende Gemisch entweder in kaltein oder noch in warmem Zustande ausgeschüttet wird. Auf dies« Weise entsteht der sogenannte Teermakadam. von dem in letzter Zeit bei den Straßenbauarbeiicn viel die Rede war. Diese Arten, die Staubplage zu bekämpfen, können naturgemäß nur auf Chausseen und ähnlichen Wegen Anwendung finden. Auf den asphaltierten und gepflasterten Straßen der Großstadt, auf Itntn fiS im Sommer auch ganz ansehnliche Staubschichten nieder« lassen, namentlich»venn sie in der Röhe von Parkanlagen, wie etwa in Berlin in der Nähe des Tiergartens, Friedrichs Hains usw. liegen, sind neuerdings auch besondere Sprengmittel verwendet worden. Statt die Staubbeseitigung wie bisher mit einsacher Wasser« besprengung vorzunebinen. ist man dazu übergegangen, dem Sprengwasicr gewisse Mincralölbestandteile beizumischen, das Duralit und Wesirumit, deren genaue Zusammensetzung Fabrikgeheimniö ist, die aber ihre Herkunft aus Mineralölen oder Teerprodukten deutlich verraten. Mit diesen staubsaugenden Materialien, namentlich dem Westrumit. wurden auch in Berlin grötzere Versuche gemacht, die teilweise recht gute Erfolge hatten. Man sieht also, datz man der Staubplage, die namentlich durch die»ingeheure Ausbreitung deö Auion,obiliSmuS in den letzten Jabren drobend gewachien ist und die Volksgesundbeit nicht in ge- ringen, Mas;« schädigen kann, mit allen Mitteln Herr zu werden sucht. In den Sirafcen der Grotzstädie macht sich indessen diese Begleiterscheinung des Automobilismus lange nicht so sehr geltend, wie«m anderer Mißstand des AuiomobiliubrwesenS, wie die Ver- pestung der Lnft durch BenzinauSpufsgase. Die technische Entwickcliing des Automobils hat dazu geführt, daß man von dem elektrisch betriebenen Kraftwagen immer mehr abgegangen ist, weil der Akkumulatorenbetrieb zu teuer ist und eine einmalige Ladung der Akkumulatoren mir verhältnismäßig geringe Zeit vorhält, also die Anwendungsmöglichkeit des in hygienischer Beziehung geradezu idealen Elektromobils eine zu geringe ist. Deshalb verwendet man heute im Kraftsabrbetrieb fast ausschließlich den Explosionsmotor, vorwiegend den mit Benzin be- triebenen. Durch die Explosion emes Gasgemische» auS Luft und verdampften, Benzin w,rd meckamiche Kraft erzeugt und nändig erneuert, die in ähnlicher Weise wie die Dampskraft der Dampf- maichine mittels Kolben und Zylinder auf ein Räderwerk über- tragen und zur Bewegung des Wagens benutzt wird. Wie der Dampfmaschine ständig etwas Dainps entströmt oder durch Ventile abgelassen werden kann, so entströmen dem Benzinmotor ständig Benzingasc, die bei ungeschickter oder mutwilliger Hand- hadnng ein sehr beträchtliches Maß erreichen können. Der Wasser- dampf der Dampfmaschine ist nun geruchlos, die Benzingase hin- gegen verbreiten den widrigen Geruch u», sich, mit dem jetzt alle Verkehrsstraßen angefüllt, Kreuzungspunkte des Straßenverkehrs wie etwa der Alexanderplatz, der Spittelmarlt, Potsdamer Platz uiw. in Berlin bis zum Ekel geschwängert find. Ist schon die mit Dampf betriebene Stadtbahn wegen des Auspuffes von Wasierdampf und Rauch in hygienischer Hinsicht kein ideales Verkehrs- mittel für die dicktbewohnte Großstadt, so sind es die Benzinauroniobile mit ihren schrecklichen Auspüffen, die den Straßenpassantcn noch unmittelbarer treffen, erst reckt nicht. Man braucht nicht im geringsten ein Feind technischer Neuerungen zu sein und wird doch bei unbeeinflußter Stellungnahme diesen Stand- Punkt vertreten. Ein Verkehrsmittel, das den, Grotzftadttransport dienen will, darf nickt in verlehrstecknischer Hinsicht einen Vorteil, in hygienischer einen große» Nachteil gegenüber anderen bieten. Denn das kostbarste Gut, die Volksgesundheit, wird in empfindlicher Weise dadurch geschädigt, das ist von hervorragenden Hygienikern des öftere» betont worden, zumal die paar Kubikmeter Luit, die in dem dichten Gedränge der Großstadt auf den einzelnen Bewohner kommen, schon durch andere Gerüche hinreichend parfümiert sind. Ist es nun möglich, das Benzinantomobil mit den Anforderungen der Hygiene in Einklang zu bringen? Diese Frage ist naturgemäß von größler Wichtigkeit. Darauf ist zu antworicn. daß jedenfalls in ziemlich weitgehender Weise diesen Ansprüchen auchniit den, Benzinauto nachgekommen werden kann, wenn freilich auch nie- malS in der vollkommenen Weise, wie das ideale Elektro- ni o b i l diesen Anforderungen gerecht wird. Zunächst ist eine gute, nndurchläsfige Motorkonstruktion, d. h. die Verwendung nickt zu alter Wage» notwendig zur Erfüllung dieser Bedingung. Viel wichtiger aber ist die Benutzung von bester Leichtbenzin möglichst gleichmäßige», Zu- sammensetzung; das wissen die Automobilfahrer sehr gut, dennoch wird mit Vorliebe das billige, zum Kcaflwagenbetrieb durchaus un- geeignete Schwerbcnzin verwendet. Dies wird wegen seiner un- gleichmäßigen Zusammensetzung im Vergasen des Motors nur unvollkommen verbrannt und erzeugt dabei die widrig riechenden Brennprodukte genau nach dem Borgang einer zu hoch geschraubten, schwelenden Petroleumlampe. Auch bei dieser findet eine unvoll- kommene Verbrennung statt, da der Sauelftoff der Luft nicht auS- reicht, die in vennehrten, Maße entstehenden Gase vollkonimen zu verbrennen; es kommt zur Ruß-(Kohleteilcheii)- Ab- scheidung und zur Bildung der unangenehm riechenden Zwischen- Produkte, die anstatt der Endprodutte jeder vollkommenen Verbrennung, statt Kohlensäure und Wasserdampf, aus dem Brenn- ftoff, in dem einen Fall Benzin, in dem anderen Pctroleuiii, ent- stehen. Schließlich kann der Benzinauspuff durch geeignete Hand- habung durch die Chauffeure auf ein Geringes herabgedrückt werden. Daß die Zustände, wie fie gegenwärtig bei uns bestehen, keine guten find, daß fie die Gesundheit breitester Kreise becin- trächtigen und also dringend der Abhilfe bedürfen, ist ohne weiteres klar. Die Hygiene, die in unseren, Bestreben, Krankheiten lieber zu verhüten als zu heile», d. h. prophylaktisch über der Gesundheit deS Volke« zu wachen, die größte Rolle spielt, sollte aber auch im Ver- kehrslebcn- nicht übersehen werden.' W. .vtaSdruck vervoten.? Der Kiebitz* Von C. Sckenkling. Wenn Strom und Bäche vom Eise befreit sind und Lerche und Star in ihrer Heiniat fich wieder eingefunden haben, dann erscheint auch der Kiebitz, der Charaktervogel des Heide- und mmpsceichen Nordwest-Deutschlands, auf seinen Lehden wieder. Haben fich erst einige Vorläufer hören und sehen lassen, dann trifft das Gros in kleinen Gesellschaften ein und belebt mit seinem eigenartigen Wesen die Landschaft. Er ist ein Sonderling, unser Kiebitz, und hat wohl nicht zuletzt au« diesem Grunde in einzelnen Gegenden beim Volke die Rolle des Storches in manchen Beziehungen übernommen. Die Landleute sehen in ihm nickt nur einen Wetterpropheten, sondern schreiben ihm auch eine geheimnisvolle Kraft zu, die zwar nicht, wie jene seines klappernden Nachbarn und weitläufigen Vetters dem Feuer, wohl aber dem Hagelschlag dort wehren soll, wo er seine Eier dem Boden anvertraut. Wegen seines metallisch glänzenden Gefieders und seiner Federholle wird der Vogel hie und da Feldpfan genannt. Seinen gebräuchlichen Namen verdankt er seinem Ruf; sei» Lockton klingt hell und vernehmlich: kibit oder biwir. Bei dem scheuen Wesen des Vogels ist eS nur natürlich, daß er die Gesellschaft des Menschen ängstlich meidet. Nur in den Marsch- ländern läßt er sich in der Nähe menschlicher Ansiedelungen nieder. Bald nach dem Eintreffen löst sich der kleine Schwärm ui Pärchen auf, die dann zu fröhlichem Brutgeschäft schreiten. Mit dem Nest- bau werden nicht viel Umstände gemacht. Eine flache Mulde an einer trockenen Stelle des Bodens erscheint dem Weibchen als Kinderwiege wohl geeignet. Will man erfahren, wo ein Pärchen nistet, so braucht man nur das Männchen aus einiger Entserniing zu beobachten: nur in der Nähe des Nestes führt eS den ihm eigenen wuchtelnden Gaukelflug aus. Am leichtesten findet das Rest der achtsame Schäfer. Sobald die weidenden Schafe in ihre Näbe kommen, springt das Weibchen mir wütender Gebärde. gesträubtem Gefieder und ausgebreiteten Fittichen den Schafen ent- gegen und sucht sie auf diese Weise vom Reste fernzuhalten. Zwischen Ende März und Ausgang April— je nach Witterung und Wasser- stand— ist das Gelege vollzählig. Es besteht aus vier Verhältnis- mäßig großen, dünn- und glaitschaligen, glanzlosen Eiern, die sich der Birneniorin nähern und auf gelblich olivengrünen oder oliven- braunem Grunde mit dunkelbraimen Flecken, Tüpfeln und Punkten recht verschiedenartig gezeichnet find. Interessant ist. daß die Eier mit der Spitze nach innen gekehrt und in Kreuzform beieinander liegen, weshalb der Vogel zu den Mathematikern uMer den Vögeln gehört, wie der Engländer Morris GibtS alle die Vögel neunt, die ihre Eier nach geometrischen Gesetzen anordnen. Nach sechzehn- tägiger Brütezeit kommen die Jungen aus und verlassen daS Res., sobald sie abgetrocknet find. Hühnerartig werden sie von der Mutter an Orte geführt, wo sie sich leicht verbergen können, und das wird ihnen bei ihrem bodensarbigen Jugendtleide nicht schwer. Droht ihnen trotzdem Gefahr, dann gebrauchen die Eltern allerlei Listen, um den Feind zu täuschen und setzen dabei oft die eigene Sicherheit aufs Spiel, indem sie sogar aus Menschen mit wahrem Heldenmut stoßen. Aber nicht immer gelingt es dem Weibchen, seine Mutterpflichlen zu ersüllen. Bekanntlich gelten die Eier als Lecker« bissen und lverden fleißig abgesucht und teuer verkauft. Auf den Speisenkarten der besseren und feinen Restaurant» spielen fie dann für kurze Zeit und schweres Geld eine Hauptrolle. Uebrigens sollen statt der lelteneren Kiebitzeier auch Kräheneicr nicht selten verspeist werden. DaS beraubte Weibchen schreitet mit gleichem Eifer zur zweiten Brut, die leider in den meisten Fällen abermals geplündert wird, und daher koinmt eS, daß der Bestand an Kiebitzen bei uns so stark abgenommen hat. Neuerdings ist der Vogel ja unter daS Jagdschutzgesetz gestellt, und eS ist zu hoffen, daß dicie prächtige Staffage unserer Wiesen und Heideländer bald wieder häufiger erscheint. Es ist aber zu verwundern, daß der Landwirt den Eiersuchern nicht schon längst entgegengetreten ist. So wie er das Hamster- und Kaninchengraben auf seinen Feldern verbietet, konnte er auch da» Betreten seiner Wiesen unier- sagen, und eS wäre wahrhaftig nicht zu seinen, Schaden gewesen, denn der Kiebitz gehört zu umeren nützlichsten Vögeln. Seine Haupt« Nahrung bilden Regenwürmer. Nächst diesen sind Insektenlarven, die fich aus Triften, feuchte» Wiesen und Acckern aufhalten, seilte liebste Kost. Man könnte leicht annehmen, daß die Entsumpfnng und Drai» nierung des Bodens den Bestand des Kiebitzes ebenfalls mindere. Diese Bodenveränderungen wirkten aber nickt so nachteilig, als man zu glauben geneigt ist, da sich der Kiebitz bei Tage meist auf trockenem Boden aushält, sich auch da ganz wohl fühlt, wenn er nur in der Nähe Waffergräbcn hat. wo er trinken und baden kann, was er täglich wiederholt tut. Aber nicht nur tagsüber, sondern auch in hellen Nächten ist der Vogel in beständiger Bewegung. Bald läuft er behende, den Körper wagerccht haltend. am Boden hin, bald gleitet er mit langsamcrem Flügelschlage über das Wasser, bald erhebt er sich in KirchtümiShöhe und zeigt dann seinen eigenartigen, leichten, gewandten, doch nicht sehr schnellen Flug. Fliegend kennzeichnet er sich vor allen einheimischen Vögeln fund ist schon aus weitere Entfernungen an seinen großen, breiten, vorn abgerundeten Flügeln, die er nicht gerad« von sich streckt, sondern mit der Spitze etwas nach«inwärts biegt, leicht zu ernennen. Bei seinem Fluge ist ein eigenartige? Sausen und Wuchteln vernehmbar, da? durch die kräftigen Flügelschläge und die rasche» Wendungen des Körpers hervorgebracht wird. Töne, die dem Kiebitzflug als etwas so eigentümliches beigegeben sind, daß man ihn daran selbst in finsterer Nacht von jedem anderen Vogel unterscheiden könnte. Den Kops trägt er dabei so, daß der Schnabel senkrecht abwärts und die stets bewegliche Tolle in entgegengesetzter Richtung nach oben steht. Roch eine weitere Gewohnheit ist dem Vogel eigen. Aufrecht Und ruhig auf beiden Ständern oder in der bekannten Kiebitzstellung stehend, schnellt er von Zeit zu Zeit den Kopf nochmals hintereinander aus einen Moment in die Höhe, ohne dafi dieser dabei seine sonstige Lage ändert. Diese auffällige Bewegung bat. ausser bei den nächsten Werwandtcn des Kiebitzes, in der Vogelwelt nicht viel Analogien. Halten sich die Vögel auf Acckern oder den kurzrasigen trockenen Lehden auf und werfen den Kopf in die Höhe, so genügt das, um über die benachbarten Erdschollen und kurzen Binsen- und Gras- büschel hinwegzusehen und rasche Umschau zu hallen. Es ist das also eine sichernde Bewegung, die aber durch viele Wiederholung zur Gewohnheit geworden und schließlich vererbt ist, denn auch die jung dem Reste enlnommcnen und in der Gefangenschaft groß- gezogenen Kiebitze schnellen gewohirheitsmäßig den Kopf so eigen- artig in die Höhe. Von einer anderen,„spielenden", Bewegung berichtet Liebe. Stehe» mehrere Kiebitze sorglos beisammen, so pflegen fie durch leicht krächzendes Gemurmel eine Art Unierhaltung. Dabei neigen sie oft den Kopf seitwärts nieder, als wollten sie etwas vom Boden aus- nehmen. Bei starker Erregung folgt diese Bewegung öfter und schneller. Namentlich ist das zur Paarungszeit der Fall. Das Männchen führt dann dem ruhig auf dem Boden stehenden Weibchen die tvundersamsten Flugkünste vor, stürzt sich, sobald sich die Donna in eine kleine Bodenmulde geduckt hat, in seine Nähe auf die Erde, geht aber keineswegs zu ihm hin. sonder» liebäugelt zuvor auf wunderliche Weise, rrippelt bald rechts bald links um das Weibchen herum, immer in kurzen Pausen, ehe es ganz still steht, und macht dabei jene Bewegung, die einer tiefen Verbeugung aufs Haar gleicht. Jetzt erst wird das Weibchen rege, hebt sich ein wenig in den Fersen, schaukelt sich unter leichtem Schwanzwippen hin und wieder und läßt dabei ein halblautes, aber höchst unangenehm klingendes, krächzendes Geschwätz hören, durch das es das Männchen zu ermuntern scheint. Dieses kommt nun. näher heran und gibt seinen warmen Gefühlen dadurch Ausdruck, daß es noch einige Schritte dem Weibchen emgegen läuft, stehen bleibt. Binsenhalme, Stengelchen oder dergleichen mit dem Schnabel erfaßt und über den Rücken hinter sich wirst? das Spiel wird öfter wiederholt. Sollte das Männchen damit auf den Nestbau hindeuten wollen? Fast scheint es so. Anschließend an diese Mitteilung möchte ich noch der„Tänze" gedenken, die eine tropische Kiebitzart Amerikas,„tb« spur— winged lopwing", die unserem Kiebitz ähnlich, aber um ein Drittel größer, heller gefärbt und mit Sporen an den Flügeln versehen ist, ausführt. Zu dem Tanze, der wahrscheinlich einzig in seiner Art in der Vogellvelt dasteht, gehören drei Individuen. Die Vögel lieben das Spiel so sehr, daß sie es das ganze Jahr hindurch aufführen. sowohl bei Tage als auch in Mondnächten. Wenn man ein Pärchen — fie leben paarweise— beobachtet, so sieht man bald, wie sich von einem benachbarten Paar ein Vogel erhebt und zu jenem hin- fliegt, da? ihn sofort mit allen Zeichen der Freude empfängt. DaS Pärchen geht dem Besucher entgegen und stellt sich hinter ihm auf. Hierauf beginnen alle drei in schnellem Schritte dahinzueilen, indem sie dabei in durchaus strengem Takle trommelnde Töne ausstoßen. Dann ist der Marsch beendet. Der Führer hebt die Schwingen und steht laut singend aufrecht und unbeweglich da; die anderen beiden aber bleiben mit gesträubtem Gefieder genau in einer Front hinler ihm stehen, bücken sich soweit vor- und abwärts, daß ihre Schnabel- spitze den Boden berührt und verharren eine Weile, nur noch leise »nurmelnd, in dieser Stellung. Damit ist die Ausführung beendet und der Gast kehrt zu seinen, Ehcgenossen zurück, um später selbst einen solchen Besuch zu empfangen. Dem Jäger weicht der ängstliche Vogel so ängstlich ans, daß ,nan meinen müßte, er kenne die Flinte. Dagegen fürchtet er Hirten. Landleute und Knaben so wenig, daß er sie ganz nahe herankonlmen läßt, ehe er abstreicht. Benachbart wohnende Kiebitze stehen sich in der Rot bei. geben einander WarnungSrufe. folgen den, Geschrei Verunglückter und Notleidender und helfen den gemeinsamen ind, wenn oft auch nur durch Schreien verlreiben. So lverde» öwen, auch wohl Reiher und Störche von ihnen verfolgt und allen Krähen und Raben, die als ihre gefährlichsten Nestplunderer gelten, sowie kleineren Raubvögeln wird so lange zugesetzt, bis sie sich weit entfernt haben. Dem übrigen Strandgeflügel wird der Kiebitz dadurch zum Wächter und die Griechen nennen ihn deshalb bezeichnend„gute Mutter". kleines feuilleton. Aus dem Gebiete der Chemie. -"i DaS Natrium im Hause. Wenn auch das Metall Natrium im Haufe keine Verwendung findet und überhaupt in Kkrantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: reinem Zustande nicht viele Nnwendungszwecke hat, so gehören die Natriumverbindungen doch zu den am meisten von unö gebrauchten Stoffen. Ties mag vielleicht den einen oder anderen zunächst stutzig machen; die meisten Natriumverbindungen trage« nämlich anders klingende, populäre Bezeichnungen und laffen des- halb aus ihrem Namen nicht aus ihre Zusammensetzung schließen. Niemand kann ohne weiteres wiffen, daß unser Kochsalz, die Soda, die Seifen Natrium enthalten. Gerade weil diese Stoffe alltäglich im Gebrauch stehen, seit Jahrhunderten und Jahrtausen- den ähnlichen Zwecken dienen, haben sie im Volke die populären Namen erhalten, unter denen sie jedermann kennt, während ihre wisienschastliche Bezeichnung ziemlich unbekannt zu sein pflegt. Gewiß ist es aber auch von Interesse, über ihre Zusammensetzung einigermaßen orientiert zu sein. Die zweifellos wichtigste aller Natriumverbindungen ist das Kochsalz, mit chemischem Namen Ehlornatrium geheißen. Es besteht zur Hälfte aus Chlor und zur Hälfte aus Natrium dem Volumen(Umfang) nach, an Gewicht sind aber die beiden Hälften voneinander verschieden, da die Chloratome schtverer sind als die Natriumatome. Kochsalz wird als Steinsalz in mächtigen Lagern angetroffen, z. B. in Staßfurt, bei Wieliczka in Galizien, bei Reichenhall und dort bergmännisch abgebaut. Be» trächtliche Mengen werden aus dem Meerwaffer und aus den Sol» quellen gewonnen. Bekannt ist, daß Kochsalz in schönen durch- sichtigen Würfeln kristallisiert. Von größter Wichtigkeit ist das Kochsalz für die Hausfrau, die beim Kochen fast aller Speisen (daher der Name Kochsalz!) sich dessen bedienen muß. Ungesalzene Speisen sind für uns ungenießbar; eindringlich kommt das jedem zu Bewußtsein, der einmal ungesalzene Kartoffeln gegessen hat. Die Wichtigkeit dieser Natriumverbindung kaiin daran bemessen werden, daß in allen Organen unseres Körpers Kochsalz enthalten ist, namentlich in den Körpersäften, dem Blut, der Lymphe, be» sonders reichlich in der Tränenflüssigkeit, deren Salz wohl jeder» mann einmal gekostet hat, und im Harn, mit dem das über- schüssige Kochsalz aus unserem Körper wieder entfernt wird. So wichtig das Kochsalz auch ist, so darf eS doch auch nicht im lleber» maß genossen werden, da es die sehr empfindlichen Nieren leicht reizt. Wie es Alkoholisten, Opiumraucher usw. gibt, so haben auch manche Menschen eine zu weit gehende Vorliebe für Solz und ge- salzene Speisen. Wenn dies auch lange nicht in dem Maße schäd- lich ist, wie der Mißbrauch anderer Genußstoffe, so hönnen zedoch auch dadurch krankhaste Zustände durch Nierenreizutlg entstehen. Aus diesem Grunde sollen bekanntlich Nierenkranke die Speisen möglichst wenig gesalzen essen, was ihnen freilich meistens wenig behagt und sogar zu ernstlichen Konflikten führen kann. Ein anderes wichtiges Natriumsalz, das ebenfalls im Haushalt und im alltäglichen Leben eine große Rolle spielt, ist die Soda. Wäh» rend Kochsalz eine Natriumverbindung der Salzsäure darstellt, ist Soda die Natriumverbindung her Kohlensäure. Neben dem Koch- salz ist die Soda zweifellos die wichtigste Natriumverbindung. Sie wirb fabrikmäßig nach verschiedenen Verfahren gewonnen und kommt im Gegensatz zum Chlornatrium in der Natur nur in der- hältnismäßig geringer Menge vor. Soda wird in großen Mengen in der Seifen- und Glasfabrikation gebraucht und dient im Hause als Reinigungsmittel den verschiedensten Zwecken. Ein der Soda sehr nahestehender Stoff ist da? doppeltkohlensaure Natron, bekannt unter dem Namen„Bullrisch Salz". Es ist ein beliebtes Hausmittel gegen Magenschmerzen und wird auch gern zur Herstellung von Brauselimonaden benutzt. Ebenfalls Natriumverbindungen sind sodann die Seifen. Während aber die vorher genannten Stoffe sämtlich dem Mineral- reich und damit dem GebTet der anorganischen Chemie angehören. sind die Seifen den organischen Stoffen zuzurechnen. Sie sind Verbindungen von Fettsäuren, vor allem Palmitin-, Stearin- und Oleinsäure, die sämtlich in den tierischen und pflanzlichen Fetten enthalten sind, mit Natrium, also Natriumsalze der ge- nannten Fettkäuren. Bot einzelnen Seifensorten, vor allem den sogenannten Schmierseifen, ist das Natrium durch da? verwandte Metall Kalium ersetzt; die harten Seifen, die Toiletleseifen, die wir zur Körperpflege benutzen, sind jedoch sämtlich Natronseisen. Die Seifen werden dadurch hergestellt, daß Fette tierischen oder pflanzlichen Ursprunges durch besondere Fabrikationsmcthoden in ihre Bestandteile Fettsäuren und Glyzerin zerlegt und darauf die frei geivordenen Fettsauren mit Natrium in Verbindung gebracht werden. Die Seifen sind sehr alten Ursprungs; schon die alten Germanen sollen sich, wenn auch in primitiver Weise, Seifen her» gestellt haben; von ihnen haben erst die Römer die Seifenfabri- kation gelernt. In unserer Zeit ist sie zu einem der mächtigsten Zweige am Baume der chemischen Industrie ausgewachsen. Der Vater der modernen Chemie, der berühmte deutsche Chemiker Justus v. L i e b i g, hat das Wort geprägt, das wohl auch heute noch Geltung hat. daß sich die Kultur eines Volkes an seinem Scifenkonsum bemessen lasse. Die genannten Stoffe sind bei weitein nicht alle Natriumverbindungen; denn das Natrium geht fast mit allen Säuren Verbindungen ein, mit der Salpetersäure bildet e» das Natriumniirat(Chilesalpeter), mit der Schwefelsäure das Natriumsulfat(Glaubersalz) usw. Die genannten sind aber die wichtigsten der zahlreichen Nainumsalze. SV. Vorwärts Buchtruckerci u. Verlag»anstatt Paul Singer SrCo.. Berlin LAt.