Nnterhattungsblatt des Vorwärts Nr. 65. Dienstag den 5 April.* 1910 lLachdruck vertoien.) 8] Die Evern. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Allein in seinem Zimmer, fühlte er, wie plötzlich die durch den Zudrang der Bewunderer verursachte Erregung einer seltsamen Ernüchterung Platz machte. Es nahten die schlimm- sten Augenblicke der Corridatage, Bangigkeit und Beklem- mung der letzten Stunden unmittelbar vor Aufbruch nach der Plaza. Stiere von Miura und das Madrider Publikum!.. Die Vorstellung der Gefahr, die, in der Nähe besehen, ihn be- rauschte und zu tollkühnen Leistungen anstachelte, stieg jetzt, wo er allein war, ins Riesenhafte und bedrückte ihm das Ge- ntüt mit entsetzlicher Wucht, wie ein Alb, wie ein übernatür- liches Schrecknis. Er fühlte sich gebrochen, als ob sich auf einmal die ganze Müdigkeit der letzwergangenen Nacht auf ihn legte. Es wandelte ihn die Lust an, sich auf einem der Betten im Hintergrund des Zimmers auszustrecken. Aber gleich darauf benahm ihm die Aufregung den Schlaf. Unruhig ging er im Zimmer auf und ab und entzündete eine weitere Havanna an dem Stumpf der soeben gerauchten. Wie wird sich für ihn die beginnende Madrider Saison .gestalten? Was werden seine Feinde sagen? Wie werden seine Rivalen abschneiden? Er hatte schon viele Miura- Stiere getötet, schließlich waren es Stiere wie alle anderen. Aber unwillkürlich mußte er der in der Arena gefallenen Be- rufsgenossen gedenken, die fast alle das Opfer der Tiere aus dieser Züchterei geworden. Verdammte MiurasI Nicht ohne Grund verlangten er und die übrigen Espadas beim Ab- schließen ihrer Verträge eine Zulage von tausend Pesetas, wenn Kampfstiere dieser Art zur Verwendung kamen. Er maß das Zimmer mit nervösen Schritten. Ab und zu blieb er stehen, um wie stumpfsinnig zu seinem Gepäck ge- hörende Gegenstände anzuglotzen: darauf sank er schwerfällig auf einen Lehnstuhl, als überkäme ihn eine plötzliche Ohn- macht. Zu verschiedenen Malen schaute er auf seine Uhr. Noch tvar es nicht zwei Uhr. Die Zeit rückte wirklich nicht vom Fleck. Um seine Nerven zu beruhigen, hätte er sich am liebsten sofort angezogen und wäre zur Plaza gefahren. Die wogende Menge, der Lärm, die Neugierde der Leute, das Bestreben, angesichts der öffentlichen Bewunderung ruhig und fröhlich zu erscheinen, und besonders die Nähe der Gefahr, einer wirk- lichen greifbaren Gefahr, verwischten mit einem Schlag die Anfechtungen der Einsamkeit, in das der Espada, fern von allen äußeren Anregungen, etwas verspürte, das eine ver- dämmte Aehnlichkeit mit der Furcht hafte. In dem Bestreben sich zu zerstreuen, fing er an, die Brust- tasche seiner Jacke zu durchsuchen, und zog gleichzeitig mit einem Portefeuille ein parfümiertes geschlossenes Briefkuvert hervor. Er näherte sich einem Fenster, durch das aus einem engen Jnnenhof ein dämmeriges Licht hereinschimmerte, be- sah sich das Kuvert, das man ihm überreicht lMtte, als er das Hotel betrat, und bewunderte die feine Handschrift der Adresse. Dann erbrach er das Kuvert und zog mit Wonne den seinem Innern entströmenden unbestimmbaren Wohlgeruch ein. Ha, wie doch Personen von Rang und die viel gereist sind, sogar in den kleinsten Einzelheiten ihre unnachahmliche Vornehmheit verraten!... Immer wieder las er den Brief mit einem seligen Lächeln, voll Stolz und Wohlgefallen. Es war weiter nichts daran, nur ein halbes Dutzend Zeilen: ein Gruß aus Sevilla; man wünschte ihm viel Glück in Madrid und gratulierte ihm im voraus zu feinen Erfolgen. Der bewußte Brief konnte verloren gehen, ohne irgendwie den Ruf der Frau, die ihn unterzeichnete, zu gefährden. Er begann mit den Worten: „Freund Gallardo", in einer eleganten Handschrift, die die Augen des Toreros gleichsam liebkoste, und schioß mit„Ihre Freundin Sol", alles in einem kühl freundlichen Stile, wobei er gesiezt wurde, in einem liebenswürdig überlegenen Tone, als ob die Worte nicht einem Gleichgestellten, sondern einem Untergebenen gälten. Indem der Stiertöter den Brief mit der scheuen Ver« ehrung des im Lesen nicht sehr bewanderten Mannes aus dem Volke betrachtete, mußte er sich unwillkürlich ärgern, weil er herauszufühlen glaubte, daß mm ihn geringschätze.„Ach, aus der wird man nie klug!" murmelte er,„die kriegt man nicht so leicht unter. Teufelskerl!„Sie" zu mir zu sagen! Zu mir! Fürwahr, nicht übel!" Aber angenehme Erinnerungen zwangen ihm wieder ein wohlgefälliges Lächeln ab. Der kühle Ton paßte zum Schrei- ben: das waren Gewohnheiten einer großen Dame, so die Art einer Frau von Welt. Sein Aerger machte nun der Be- wunderung Platz. Was die nicht alles wußte! Mit der mußte man aufpassen, wollte man nicht über den Haufen geworfen werden. Und in seinem Lächeln machte sich ein leiser Anflug von Selbstzufriedenheit bemerkbar, etwas wie der Stolz des Tier- bändigers, der den eigenen Ruhm verkündet, indem er die wilde Kraft der gebändigten Bestie hervorhebt. Während der Torero in die Lektüre des Briefes versunken war, ging sein Diener Garabato ein und aus und brachte Kleidungsstücke und Schachteln, die er auf das Bett und aus einen daneben stehenden Lehnstuhl legte. Es war ein in seinen Bewegungen geräuschloser Bursche mit flinken, geschickten Händen, der fcheinbar keine Notiz von der Anwesenheit des Matadors nahm. Seit mehreren Jahren schon begleitete er ihn als Kammerdiener überall hin. Er hatte in Sevilla gleichzeitig mit Gallardo als Sticrfechter- lehrling die ersten Schritte in der Karriere gemacht; aber alle Püffe und Stöße waren für ihn bestimmt, so wie die Fort- schritte und Erfolge seinen Kameraden vorbehalten waren. Eine gewundene, schlechtvernähte, weißliche Narbe, die Spur eines fürchterlichen Hornstoßes, durchfurchte das schwarz- braune, greisenhafte Gesicht des schmächtigen Quirutes wie ein kritzliger Fcderzug; daher fein Spitzname Garabato (Schnörkel). Er war überhaupt mit Narben am ganzen Körper bedeckt. Durch ein wahres Wunder kam er lebendig aus der erfolglosen Lehre davon, und das Grausamste war, daß die Leute oben- drein über sein Unglück lachten und ein Vergnügen darin fanden, ihn von den Stieren gestampft und zerrissen zu sehen. Schließlich wurde es ihm doch zu bunt, er entsagte seinen Illusionen und begnügte sich damit, der Begleiter und zuver- lässige Diener seines glücklicheren Kameraden zu werden. Er war der begeistertste Bewunderer Gallardos, obschon er die Vertraulichkeit feinem Herrn gegenüber gewöhnlich zu weit trieb, indem er es sich herausnahm, ihn zu kritisieren und ihm Ratschläge zu geben. Mehr als einmal hörte man ihn sagen, wenn er in der Haut des Meisters steckte, würde er noch viel besser mit den Stieren umzugehen wissen. Die Freunde Gallardos machten sich oft einen Spaß daraus, das unverstandene Genie der Stierfechtekunst auf alle mögliche Weise zu hänseln, aber er reagierte gar nicht darauf. Das hielt er unter seiner Würde. Jedenfalls wollte er nicht voll« ständig auf den geträumtcn Ruhm verzichten. Nie und nimmer!... Um die Erinnerung an seine glorreiche Vergangenheit vor der gänzlichen Vernichtung zu bewahren, sorgte er dafür, daß sein borstiges Haar in gekräuselten Büscheln seine Schläfen bedeckte und daß den Hinterkopf der geheiligte Zopf schmückte, das Abzeichen der Stierfechter, wie er es in den Jugendjahren getragen, um sich von den übrigen Sterblichen zu unterscheiden. Wenn Gallardo aus irgend einem Grunde über ihn un« tvillig wurde, schwebte dieses liaarige Anhängsel manchmal in großer Gefahr.„Was, Du Hundcseele, unterstehst Dich, den Zopf zu tragen! Den werde ich Dir jetzt gleich abschneiden. Aber sofort, Dl Schweinekerl!" Garabato nahm immer diese Drohungen mit Geduld hin, umsomehr, als er wußte, daß sie nie zur Ausführung kommen würden, und er rächte sich dadurch, daß er ein über- legenes Schlveigen beobachtete, kombiniert mit einem verächtlichen Achselzucken. Wenn dann am selben Tag der Meister nach glücklich überstandener Corrida als Triumphator zurück- kehrte, pflegte Garabato in seiner Gegenwart zwischen den Zähnen zu murmeln: „Es gibt Leute, die Glück haben. Aber nicht, Werl sie« verdienen." Nus den Jugendjahren hatte er das Vorrecht herübergerettet. den Herrn duzen zu dürfen. Uebrigens wäre es ihm unmöglich getvefen. den Meister auf andere Weise anzureden, aber das„Du" war immer von eüwr ehrfurchtsvollen Betonung begleitet.• Er war von Kopf bis zu Füßen ein Torero und wußte überhaupt von nichts andereur in der Welt, als lvas mit Stier- fcchterei zusammeuhiiig. aber feine eigentliche Verrichtung war die eines Kleidermachers und Kammerdieners. An den Um- schlagen seines Nockes trug er stets eine ganze Anzahl von Stecknadeln und Klammern, und der linke Aermel war mit verschiedenen Nähnadeln gespickt,«eine dürren, langfingeri- gen Hände besaßen eine weibliche Zartheit, um die Sachen zu ordnen und in stand zu setzen. Nachdem er alles zum Ankleiden des Meisters Nötige hcrbcigebracht hatte, warf er einen prüfenden Blick auf die zahlreichen Gegenstände', es fehlte nichts. Sodann stellte er sich in der Mitte des Zimmers aus und sagte, wie im Selbst- gcspräche, mit heiserer Stimme:„Zwei Uhr!" Gallardo schaute jetzt mit nervöser Kopfbewegung auf, als ob er bisher die Anwesenheit des Dieners nicht bemerkt hätte, steckte den Brief in die Tasche und ging zögernd gegen den Hintergrund des Zimmers, als wollte er den AngeriMick des Anziehens so weit wie möglich hinausschieben. „Ist alles bereit?" Aber Plötzlich rötete sich sein bleiches Gesicht tief. Seine Augen öffneten sich übermäßig wie unter dem Druck einer schreckhaften Ueberraschung. „Was ist das für ein Kostüm?" Garabato wollte Rede stehen, aber che er noch ein Wort hervorbringen konnte, fiel auf ihn der Zorn des Meisters dröhnend und furchtbar hernieder. „Kreuzhimmeldonnerwettcr l Verdammtes Ferkel, sau- dummes Luder, was zum Teufel ist Dir denn in den Kopf gc- fahren? Bist Tu verrückt oder was wandelt Dich an, Du Mensch? Eine Corrida in Madrid. Stiere von Miura, und Tu gibst mir das rote Kostüm, desselbe, das der arme Manuel, der Espartero, getragen I Es sieht geradezu aus, als ob Tu es absichtlich tätest, als ob Tu meinen Tod herbei- wünschtest. Tu Hundeseele!" Immer höher schwoll sein Zorn. In Madrid mit dem roien Kostüm auftreten, nachdem der Espartero in diesem auf- gespießt worden, das hieß ja geradezu das Unglück heraus- fordern... Seine Augen warfen feindselige Blitze, als sähe er sich einem verräterischen Angriff gegenüber, ihre Hornhaut rötete sich, und es schien, als ob er im nächsten Augenblick über den armen Garabato herfallen und ihn mit seinen rauhen Sticrfechtcrhänden mißhandeln müsse. Ein leises Klopfen an der Tür machte diesem Auftritt ein Ende. Herein trat ein junger Mann in einem hellen Anzug, mit roter Halsbinde, der in seinen ringgeschmücktcu Händen den breitkrämpigeu corduanischcn Filzhut hielt. Der Stierfechter erkauute ihn sofort, vermöge seines Physiognoiniegedächtnisses, das gewöhnlich Leute besitzen, die viel mit Volksmengen zu tun haben. Auf einmal ging er vom Zorn zu einer lächelnden Liebenswürdigkeit über, als fühlte er sich durch den Besuch angenehm überrascht. Es war ein Freund aus Bilbao, ein begeisterter Aficionado und Anhänger der Gallardoschen Kampfesart. Tas war alles, worauf der Torero sich besinnen konnte. Aber der Name fiel ihm nicht ein. Er kannte so viele Leute. Wie hieß er doch?... Das Einzige, worüber er keinen Zweifel hegte, war, daß er ihn duzen mußte, denn zwischen beiden bestand eine alte Freundschaft. „Nimm doch Platz!... Welche Ueberraschung! Wann bist Tu gekommen? Alles wohl zu Haus?" >Forts«tzung folgt.), Iraner unct cler Impressionismus. tAuSstellnng der Sammlung Pellcrin-Paris im Kunstsalon Casstrer.) Maiiets Leben ist begrenzt durch die Jahre t8M— 188.?. In diese Jahre fällt die Befreiung der Malerei von allen romantischen und klassischen Rnckcrinnerungen, von allen historischen und sentimentalen Darstellungen, die das Interesse von dem Cigcnt- lichen, von der Malerei, ab auf das Inhaltliche, das Dargestellte ab- lenken. Das Jllustrationsniäßige wurde abgetan, die Farbe kam zu ihrem Recht. Man hatte überall versucht, mit dem Inhalt zu der« bluffen. Man ging nach Griechenland, nach Italien, nach Holland, man malte bedeutsame Begebenheiten der Geschichte— nichts half. Man kehrte bei der eigenen Natur, bei der unmittelbaren Um» gebung ein und stehe da, als man ganz absah vom äuherlichen Effekt, da entdenkte man den Zauber des atmosphärischen Lichts und den Reiz der Farben. Die Franzosen haben diesen Kampf als erste durchgekämpft. Sie inalten erst wie die Meister der Renaissance, fie malten>oie Rubens, sie malten dann wie die Holländer, die Maler deS Rokoko malten sie nach— nichts half. Da erkannte man, daß nur die Natur Vorbild- lich sein könne und Zola gab die Parole aus, die von der da- maligen aufstrebenden Jugend geprägt war:„Laßt die Sonne herein!" Das war der Impressionismus(Eindrucksmalerei), der nun auf die Fahne geschrieben lourde. Sein Sinn: Die Dinge nicht so wiederzugeben, wie fie find, sondern wie fie scheinen: nicht wie der rechnende Verstand fie weiß, sondern wie das Auge, das ein- gestellt ist auf den einen entscheidenden Sehpunkt, der daS Wichtige» das Wesentliche gibt, fie sieht. Damit ist von selbst gesagt, daß Ab- stufungen erscheinen. Das Auge sieht nicht alles gleich deutlich; dieses Wesentliche gilt eS hervorzuheben, so daß danach die Teile sich sinngemäß unterordnen, im Erscheinungswert, in der Leuchtkraft, was man in der Malersprachc Valeurs nennt. Im Zusammenhang damit steht unsere feinere Empfindlichkeit in der Aufnahme von Beweg ungSmotiven. Die Japaner haben uns das gelehrt. Ebenso aber trägt auch die sorgfältigere Ausbildung nnserer optischen Apparate mit dazu bei, die unS Bewegungen sehen ließen, an die wir sonst nicht glaubten, an die sich nun das Auge gewöhnte. Das alles war nicht eine ganz neue, umstarzlsrische Entdeckung. Immer waren die Maler darauf darauf auS gewesen, das Licht im Farbenspiel«inzufangen. Aber dem Grade nach war eS eine erheb- licde Verfeinerung. Schon in Italien war man in der Rc- naifiance den Problemen der H e l l m a l e r e i nachgegangen; VelaSquez ordnete die Farben dem Licht unter, unter dessen Wechsel sie sich nuancieren; und Goya hatte es gewagt, grelle Lichteffekte zu geben; an Rembrandt braucht man nur zu erinnern; und Turner in England gab sprühende Bilder, in denen sich alles in Licht auf- löste. Aber die Intensität, mit der man sich nun diesem neuen Ideal hingab, war nie so durchgängig rege gewesen. Alle Regeln der Komposition wurden über den Haufen geworfen; das lln- symmetrische gab den zufällige» Reiz der Erscheinung suggestiver wieder. Nicht lcbcnSgetreu alles Detail nachzumalen galt es. Den Haupleindnick wollte man geben, mit all' dem Zwingenden des Monients. So befreite man sich immer mehr von der sklavischen Abhängigkeit von der Natur und kam immer mehr einer Schönheit nahe, die nur aus den eigentliche» Mitteln der Malerei geboren war. Die Natur war das Vorbild. Aber ebenso maßgebend war das Auge des Malers, in dem sich daS Eigentliche, das Wichtige des Motivs, um dessent- willen er dieses wählte. herauSdestillierte. Und die Farbe, dieses Medium deS Künstler?, trat nun wieder in ihre Rechte. Was diese Maler gaben, war nicht in dem Sinne ein fertiges Bild, in allen Teilen ausgeführt, wie man es früher gekannt hatte. DaS Unfertige, das Skizzenhafte war notwendig, um dem Werk den Zauber des Moment?, deS Lichts zu erhalten. Für die Mängel des im Detail Unfertigen entschädigte das Ganze, auf das der Betrachter hingelenkt wurde, entschädigte die Schönheit der Farben, das Leichtflüssige des Vortrags, das Spiel des Lichts; man hatte entdeckt, daß auch iin Schatten die Farben noch leuchten und daß es keine Lokalfarben, bestimmt und unabänderlich gibt, sondern daß eins das andere beeinflußt. So war die Natur eme Vorratskammer reizvollster, neuer Motive und der Künstler, der trunken diese Welt, die sich vor ihm wie neu auftat, durchwanderte, war der Entdecker. « Manet war der Bahnbrecher dieser neuen Malerei. Mer auch bei ihm zeigte es sich, daß die Franzosen neben dem Revolutionären daS Gesühl für Tradition besitzen. Alle diese Maler hatten braunsaucig zu malen begonnen, wie eS früher üblich war, und erst nach und nach befreiten fie sich aus diesen Fesseln. Da dämpfen sie nicht mehr die Farben ab, volles Licht strömt ein und ihre Palette zeigt helle Nuancen. Auch lassen sich bei Manet sehr wohl die Meister nachweisen, an denen er sich erzieht. VelasquezI Diesem folgt er. Dieser spanische Maler des 17. Jahrhunderts hatte zuerst versucht, hellere Töne zu geben; er stellt die Menschen, die er malt, in ein fluktuierendes Licht, das alle Farbe» eint. Seine Farbenharmonien find kühl und gewählt; Schwarz, Gelb, Grau, Blau. AuS dieser Periode ManetS ist auf der Ausstellung bei Casstrer vornehmlich das.Frühstück im Atelier"(drei Personen an einem gedeckten Tisch) zu nennen. Atelierlicht, abgedämpftes, dominiert noch. Die Figuren sind gestellt. Alles ist auf Grau gestellt. Manier noch und Einfluß der alten Meister. Franz HalS! Von ihn, lernt er den breiten, flüssige» Strich, das Satte, Volle aller Töne, das Unmittelbare, Flotte. Neberzeugcnde deS Eindrucks. Man kann als Beispiel hierfür das Selbstbildnis anführen, das in dieser breiten, flüssigen Manier gemalt ist, auf dem übrigens Manet mit seinem braunblonden, langen Vollbart mehr wie ein Deutscher denn ein Franzose aussieht. Schließlich S o y a. Dieser zweite Spanier, dem Manet folgt, hat es ihm ganz besonders angetan. Soya steht an der Schwelle der modernen gelt. Sein Temperament ist nervö», leidenschaftlich, satirisch! er liebt das Groteske und seine Farben find prickelnd. Und diese Liebe geht so weit, dafi Manct selbst die Motive übernimmt. Er malt spanische Damen in Spitzenschleiern und das Spiel der flüchtigen Nuancen, die breite Malweise, die feine Abgestimmtheit der Karben feiert schon hier Triumphe. Ein solches spanisches Bildchen ist auch hier zu sehen. Dann aber kam die Wandlung. Sie setzte ungefähr in den fiebziger Jahren ein und nahm schließlich das ganze Interesse des Malers in Anspruch, dessen Werke unter dem Einfluß dieser Idee eine total andere Erscheinung annahmen. Alles atelierhafte Dämmerlicht schwindet. Zwanglofigkeit im Arrangement statt schematischer Koniposition. Manets ganze Palette hellte fich auf. Fast geht es von nun an wie ein Staunen durch ManetS Schaffen und er geht durch die Welt mit der Freude des Künstlers, der die Nawr sich neu erobert. Licht und Luft strömen ein. Er abkonterfeit nicht die Natur, er wählt auS. Dieser Prozeß ist notwendig! daher kommt es, daß doch nicht der Zufall herrscht. Ein Umstand kam Manet scheinbar zu statten. Seine Art, zu zeichnen, dem Bilde das Gerüst gewissermaßen zu geben, hatte imnier einen Rest von Unficherbeit. Unbeholfenheit. War daS ein Fehler? Ahnte er schon ein anderes Ziel? Genug, aus den, Fehler wurde ein Vorzug. Nun hatte er den Mut, zu bekennen: nicht auf die Zeichnung kommt eS in der Malerei an, sondern auf die Farbe. Wie sie fich über die Fläche verteilt, wie sie fich stufen- weise abtönt unter dem wechselnden Licht, im Wehen der Luft, so daß alle Teilchen zu leben, zu vibrieren scheinen, daS ist das neue Programm, dem er dient. Die Nawr wird ein Vorrat solcher Motive, die von Minute zu Minute vergehen; fie ist ein unerschöpf-- liches Schatzkästlein an schimmernden Schönheiten. Bon Anfang an in der Linie, in der Zeichnung unsicher sseine Gestalten find oft eckig, die Augen starr), verliert er sich nicht darin, hier sich mit künstlichen Abhilfeversuchen abzuquälen', er sucht die Sonne, die der Farbe erst das Leben gibt, die früher tot und starr war, die Sonne, die allen Erscheinungen erst Wert gibt. Er kam zu so feinen Vcr- teilungen der Nuancierungen, daß er auf anderem Wege als auf dem genauer Zeichnung die Naturwahrheit erreichte. Er modellierte mit der Farbe, mit ihrem Wechsel von Licht und Schatten und ihrem Leben selbst im Dunklen. Breit und doch leicht. sicher und doch vibrierend setzen sich die Farbflecken ab, und so wird daS Bild zu dem, was es seinem Wesen nach sein soll: keine Jdeenallcgorie, keine Geschichtsdarstellung, keine Anekdote, sondern eine Offenbarung der Schönheit abgetönter Farben, eine koloristische Schöpfung. Man kann auf dieser Ausstellung verfolgen, wie den Maler geradezu fanatisch diese Bestimmung seiner Sendung ergriff. Die meisten Bilder dieser Sammlung stammen aus den entscheidenden Jahren 70— 80, wo erst tastend diese neue Erkenntnis einsetzt, um immer unumschränkter zur Herrschaft zu kommen. Manet inakt nun das Frühstück im Freien mit dem satten Hintergrund des Grün, von dem die Kleider sich schimmernd abheben; er malt seinen Freund im Boot auf der blauen Seine, und es ist wie ein Juwel, von blitzendem Licht überflutet. So geht eS fort, immer bleibt daS Ziel gegen- tvärtig, den Schönheiten der Farben nachzugeben, wie sie sich wandeln unter dem Zauber des Lichts und der Sonne mid der Lust. Und schließlich geht er nicht mehr allein. Gefährten begleiten ihn. AuS den Versuchen wird daS Programm, das für uns nun schon fast historisch geworden ist. Das Aufkominen dcS JinpressionisntuS hat die ganze Malerei revolutioniert. Kein Volk hat sich in seinen Künstlern dem entziehen können. Man kann loohl sagen, daß diese konsequente Durchführung des Freilicht-ProgrammS eine Entdeckung war, wie sie sich in der Kunst nur iit Jahrhunderten ereignet. Zuerst von einem kleinen KreiS propagiert(die alle an dieser Idee, die nicht ManetS Allein- gut war, teilhatte» und sie auf ihre Spezialgebiete anivandten, wie Renoir, Degas, Pissarro, Sisley, Monct), eroberte dies Programm alle Welt. Die jungen Generalionen, die nach Befreiung aus Fesseln lechzten, strömten ihm zu. Wer näher zusieht, wird wahr- nehmen, weshalb gerade Frankreich dazu auserschen war. Es lebt ein gut Teil Rokoko in diesem Spiel der Lichter und Farben. DaS ist das Erbteil der Franzosen, daß die malerische Begabung in ihre Wiege gelegt ist. Watteau, Fragonard, fie haben schon jene Träume des Lichts geahnt. als die Entwickelung an anderen Orten noch in den Banden deS Ueberkommenen lag. Späterhin hat der Impressionismus sich immer weiter entwickelt lind es sind wieder Probleme aufgekommen, von denen man am Anfang nichts wußte. Er trug viele, neue Keime in sich, daber ist er so lebensfähig gewesen. Denn er hat, so sehr er von Schönheit und Licht durchtränkt ist, schwere Kämpfe zu bestehen gehabt, zumal in Deutschland, wo nian von dem Inhalt, dem sentimentalen oder historischen, eines Bildes nicht lassen wollte und eine genaue Durch- tnalung aller Teile nach der Art dcS Illustrators verlangte und wo nach offizieller Ansicht die Kunst nur zur Repräsentation und zur Glorifizicrung militärischer Siege da ist. Vom allgemeinen Pnbli- kum zuerst mit Hohnlachen begrüßt, hat er sich die ganze Welt er- obert. Man braucht nur durch eine der zahllosen Ausstellungen zu gehen, die alljährlich stattfinden, man wird überall seine Erkennungs» zeiche» finden: Licht und Luft statt gedämpften Dunkels; hellste Farben statt trübster Saucen. Bewegung statt Modellsteisheit: Leben statt Allegorien. Denn auch daS ist ein Verdienst de» JmpressioniSmu», daß tt die Künstler zum Leben geführt hat. Sie haben die Reize der viel« geschmähten Großstadt entdeckt. Auch hier ging Manet bahn« brechend vor. Wie Millet de« Bauern, Mcunier den Arbeiter. so entdeckte Manet den Großstädter. Er selbst liebte die Stadt und ihr nervöses Leben, er ging in die Cafös, in die Theater, in die Bars, in die Restaurants, auf die Rennplätze, und überall entdeckte er neue Reize. Ueberall suchte er das Licht. Die Schönheit der Beleuchtungen fand er im Freien ebenso wie im Jnnenraum, immer umspielte er die Menschen und die Dinge und gab den Farben ihren wechselnden Reichtum. Da ist nichts statutarisch langweilig, nichts gestellt. Die Konturen lösen sich auf: über die Flächen vibriert das Licht und die strenge Form folgt flutender Bewegung. AuS der Unruhe des modernen Lebens ist eine neue Schönheit bleibend gewonnen._ E. E. W. Die färben des Gimmels und des JNlecres. Die alltäglichsten Erscheinungen bieten zum Teil dem Streben nach Erklärung die größten Schwierigkeiten dar. Das eindrück» lichste Beispiel ist wohl der vom Baum fallende Apfel, der nur ein» der größten Genies aus der gesamten Gciftesgeschichte der Men» schen, Isaak Newton, dazu veranlassen konnte, das Gesetz der Schwerkraft zu ahnen und später zu ergründen. Andere Natur- wunder der alltäglichen Beobachtung widerstehen dem Scharssinn des Menschen, obgleich sie von vielen immer auss neue als Wun- der empfunden werden, während der Fall eines Apfels eben bis auf die Zeit Newtons von allen Menschen als etwas Selbstverständ» liches hingenommen worden war. Die Erscheinungen, die fast bei jedem Menschen..mit schwingendem Gehirn", wie Friedrich Theo- dor Bischer sagen würde, wißbegierige Fragen veranlassen, bringen diese Folge gewöhnlich durch eine starte Wirkung ans die Sinne zu Wege. So irnilgt namentlich alles, was eine kräftige und vielleicht gleichzeitig noch schöne Farbe offenbart, durch das Auge auf den Geist des Menschen in Erregung. Die Frage,..warum ist der Himmel blau"? hat unzählige Gehirne beschäftigt, darunter sicher auch viele, die nicht durch Beruf und Gewohnheit zur Verfolgung naturnsiffenschaftlicher Probleme neigen. Noch häufiger wird die Frage nach den Ursachen der verschiedenen Farben des Wassers ge» stellt. Wer längere Zeit an einem Alpcnsee sich aufgehalten oder wer die bald himmelblauen, bald lichtgrünen Gewässer der tosen- den Gebirgsbäche Norwegens gesehem oder wer die wundersamen Farbenverändcrungcn des Mecrwassers beobachtet hat, muß da- durch eine ganze Fülle von Gelegenheiten zum Kopfzerbrechen ent» nommen haben. Und in der Tat entspringen aus diesen Erschei- nungen viele Fragen von tiefgründigem Wesen, an deren Lösung schon viele Forscher gearbeitet haben, ohne darum zu einem voll- ständigen Erfolg durchgedrungen zu sein. Eine Uebersicht über dcir Stand der Kenntnis von den Ursachen der Farben des MecreS einerseits und des Himmels andererseits hat der Physiker Ray- l e i g h in einem Anfang März vor der Royal Jnstttution in Low- don gehaltenen Vortrag in musterhafter Weise gegeben. Er ging von der Tatsache aus, daß die Farbe einer Flüssigkeit nur dann richtig wahrgenommen werden kann, ivenir das Licht hindurch geht. Die Wahrheit dieses Satzes zeigt sich zum Beispiel darin, daß eine sehr dunkelfarbige Flüssigkeit gewöhnlich ganz schwarz erscheint. auch wenn fie noch weit davon entfernt ist. Auf Grund dieser Er- kenntnis wird man in das Rätsel der Farben des McerwasscrS etwas ttefer eindringen können. Früher wurde meist angeuom» men, daß die eigentliche Farbe der See ein schönes Blau sei. Ohira Zweifel sieht man diese Farbe am Mecrwasser oft genug; aber man mußte sich doch bald sagen, daß ihr Ursprung wahrscheinlich nicht in einem Bestandteil des Wassers selbst, sondern in der Widerspiegelung der Himmelsfarbe zu suchen sei. Daß dem so ist, geht auch auS dem Umstand hervor, daß die blaue Farbe des Meer- wassers besonders schön hervorzutreten pflegt, wenn die Oberfläche leicht bewegt ist, weil dann die reine Farbe vorn Zenith des Himmelsgewölbes in das Auge des Beobachters gelvorfen wird, während sie sonst senkrecht nach oben zurückgespiegelt, also seiner Wayrnch- mung entzogen wird. Bei höheren Wellen wiederum zeigt bis Vorderseite das schönste Blau. Das ist also Himmels-, unt nicht Wasserfarbe. Wenn man nun diese kennen lernen will, so liegt es nahe zu schließen, daß man sie am besten werde beobachten tön- ncn, wen die See stark bewegt ist und man durch eine Welle hindurch nach der hinter ihr stehenden Sonne blicken könnte. Hat man das Glück, eine solche Gelegenheit Zu erwischen, so erblickt man keine blaue, sondern eine vollgrüne Farbe. An seichten Stellen wäre es auch bei völliger Glätte des Meeresspiegels leichter möglich, die reine Farbe des Wassers festzustellen, aber es gelingt nur selten, weil in den meisten Fällen die Farbe des Meeresbodens die des Wassers beeinträchtigt und gewissermaßen verunreinigt. Dies find nun ungefähr die Beobachtungen, die auf gewöhnlichem Wege von. jedermann gemacht werden können. Die Naturforscher sind der Frage noch anders zu Leibe gegangen und sind auch zu andern Er- gebniffen gelangt. Der berühmte Humphrey D a v y war vermut- lieh der erste, der mit größter Bestimmtheit den allgemeinen Satz aussprach, die Farbe des Wassers sei bl«u, und der nicht weniger geniale B u n s e n kam etwas später zu demselben Schluß. In »eurer Zeit hat fich hauptsächlich der belgische Physiker Spring mit Experimenten abgegeben, tim die natürliche Farbe des Wassers au ermitteln. Er benutzte dazu gewaltige Glasröhren von 26 Meter Länge. Das Ergebnis dieser Untersuchungen lautet gleichfalls da- hin, die Farbe von vollkommen reinem Wasser sei blau und nur dem reinsten Blau deS Himmels vergleichbar. Schon bei geringen Verunreinigungen verwandle sich diese Farbe in grün oder sogar in Gelb. Ein anderer Forscher, Dr. A u f s e tz. hat die Wasser- färbe mit dem Spektroskop geprüft und festgestellt, daß reines Wasser nur für blaue und violette Strahlen fast vollkommen durch- lässig ist. Diese Tatsache genügt zur physikalischen Erklärung der blauen Grundfarbe des Wassers. Lord Rahleigh hat sich nun der gleichen Aufgabe gewidmet. Er arbeitete mit Röhren von Si/0 Meter Länge und untersuchte darin Wasser aus den verschiedensten Gegenden des Weltmeers. Er verschaffte sich beispielsweise Proben von Capri und aus dem Meerbusen von Suez, und beide Proben zeigten eine blaue, aber doch etwas ins Grünliche spielende Farbe. Eine andere Wasserprobe, die von der südenglischen Küste stammte, erwies sich dagegen als durchaus grün. Gerade dies Wasser aber bot Lord Rayleigh die Gelegenheit, über jeden Zweifel hinaus fest- zustellen, datz diese Abänderung der Grundfarbe auf einer Verunreinigung beruhte, denn nach einer sorgfältigen Destillation wurde dies Wasser ebenso blau wie das von Capri und Suez. Zum Schlug wandte sich Lord Rayleigh auch der schwierigen Frage nach dem Ursprung der Himmelsfarbe zu. Er teilt die Ansicht, daß sie eine Folge der Zerstreuung des Lichts durch kleine Teilchen sei, während Spring gemeint hat, sie würde durch die Wirkung eines chemischen Stoffs in der Luft hervorgerufen. Diese Ver- mutung hält Rayleigh deshalb für falsch, weil sonst die unter- gehende Sonne blau und nicht rot erscheinen müßte. Worin die angenommenen Teilchen bestehen, die in der Luft schwebend, die blaue Himmelsfarbe verursachen sollen, kann nur in unbestimmter Weise gesagt werden. Man könnte sie als winzigen Staub, als Wasserbläschen oder ähnliches annehmen, Lord Rahleigh aber meint, daß es die eigentliche Moleküle der Luft seien, die am meisten zur Zerstreuung des Lichts und damit zur Entstehung der blauen Himmelsfarbe beitragen. kleines feiriUeton. Völkerkunde. Vom Bismarck-Archipel, der bor der Invasion preußi- scher Assessoren recht und schlecht auf den Kamen Rcubritannien hörte, bringt jetzt Dr. Rich. Thurnwald nach mehrjähriger Forschungs- reise neue'Kunde. Aus dem soziologischen Teil seines vorzüglichen Berichts s.Zlsch. f. Ethn.") wird folgendes interessieren: Die Güter- Zirkulation ist sehr gering und findet nur für besondere und Luxus- bedürfnisse statt, da im übrigen jeder einzelne Haushalt seinen Bedarf selber aufbringt. Feste, Zeremonien und Fehden führen in der Regel zu einem Austausch von Gütern, insofern Hochzeiten, Friedensschlüsse. Aufnahme in den Blutracheverband nicht ohne die Hergabe von Geschenken möglich sind. Diesen Geschenken hat unweigerlich ein angemessenes Gegengeschenk zu folgen, wodurch sich also ein besonderer Geschenktausch herausgebildet hat. Alle Werte gruppieren sich in dieser Reihenfolge: 1. das Weib, 2. das Geld(Macht), 3. das Schwein(Essen). Um Weiber entstehen ganze Kriege. Geld wird auS dem Boden einer Seeschneikenart roh ge- fertigt, auf Fäden gereiht und nach Klaftern gemessen. Schweine bilden, wie überall in der Südsee, den Fcstbrateu; sie laufen verwildert im Busch umher und werden in Schlingen oder Löchern gefangen. Die Stellung der Frau war früher besser, als der Mann noch mit den Waffen in der Hand beständig auf die persönliche Sicherheit bedacht sein mußte. Jetzt, wo der Europäer da? Land regiert, hat der Mann, als der Stärkere, schleunigst auS der Situation den Nutzen gezogen; er faulenzt und schmaucht Tobak, während die Frau der Packesel für alles ist. Die E h e ist iin allgemeineu die Einehe, wahrscheinlich wegen deS Kosten- Punktes; denn die Reichen, die Häuptlinge, leisten sich, wie allent« halben in der Welt, mehrfache Bctrgenossinnen. Die Ehe wird durch zwei Heiratsvermittler zustande gebracht, die vor allem vereinbaren. toie viel der Vater des Ehegatten für den llebergang der Braut an feine Sippe zu zahlen hat; die wirtschaftlichen Eigenschaften des Mädchens werden ersten zweiter Linie taxiert. Der Vater des Bräutigams führt die Schwiegertochter zunächst in sein Haus. Sie bleibt dort, bis das neue HauS für die Ehegatten unter Dach und Fach ist, was manchmal bis zwei Monate dauert. Bis dahin darf zwischen den Gatten kein ehelicher Verkehr statt- finden: eS scheint aber nach Thurnwalds Bericht nicht ausgeschlossen, daß sich der Schwiegervater bei der jungen Frau die Sporen ver- dient.(Wir hätten dann ein Verhältnis, das aus einigen slawischen Bauerngegenden als Snochatschestwo belarnit ist. Dort braucht man Menschen und wieder Menschen zur Arbeit; daher vermählt der Bauer seinen kleinen Knaben schleunigst mit einem mannbaren Mädchen mid lebt mit ihr als Ehemann, bis der Sohn groß genug geworden ist, um sie zu ehelichen.) Grundlage der politischen Ver- fassnr.g sind die HäuptliiigSbünde. Tie Bündnisse sind rein persönlich und nicht vererbbar. Sie werden durch die besondere Zeremonie der Unu-Feier abgeschlossen und besteht in der gegen- feitigen Verpflichtung zur Blutrache. Die Unu-Feier wird mit den mündig gewordenen Knaben vorgenonmren. Der Vater besteigt mit seinem Sohn ein Gerüst und hält eine Rede, in der er die An« wesenden auffordert zu essen, den Häuptling, das Schwein entgegen» zunehmen und ihn und seinen Sohn zu beschützen; er selbst wolle auch im Rorfalle für ihn kämpfen. Dann läßt er dem Häuptling seinen Speer überreichen, wodurch der Verlrag vollzogen rst. Die Geschichle ist natürlich wegen der Geschenke teuer, und nur reiche Leute können ihren Sohn in mehrfache Bündnisbeziehungen bringen. Auch die angesehensten Häuptlinge gelten nur als die Ersten unter ihres gleichen. Zwang und Befehlsgewalt ist unbekannt, und nur der Einfluß einer kraftvollen Persönlichkeit richtet etwa? Besonderes auS. Auch bei Zweikämpfen und Streitigkeiten wegen Ehebruchs oder Diebstahls wird der Häuptling nur gewissermaßen als Duellzeuge hinzugezogen, nm bei genügender Verwundung Ein« halt zu gebieten. Bei Verbrechen wird wohl eine bestimmte Person als Täter, z. B. durch Orakel, bezeichnet; die Rache aber trifft die ganze Sippe. Bei vorgekommeneu Totschlag mutz erst auf der Gegenseite Blut fließen, evenmell bis in weiterer Verkettung von Torschlng und Mord auf beiden Seiten gleich viel Opfer gefallen sind: erst dann wird Sühnegeld bezahlt, gewöhnlich 106 Faden Muschelgeld pro Kopf; dies iit aber nur eine Formalität, da jede Partei an die andere ebensoviel wieder zurückzahlt. A.K. Geologisches. Der Aetna. Der Professor für GesteinZlehre an der Wiener Univerfilät C. Doelter schreibt über die durch die jüngsten AuS» brüche wieder in den Vordergrund des Interesses gerückten Probleme des Vulkanismus in der.Wiener N. Fr. Presse":„Alle unsere Theorien über die Entstehung der Vulkane find auf überaus un» sicherer Bast-? aufgebaut es sind mehr oder weniger Mulmaßungen, und eigentlich haben wir hier seit einem Jahrhundert nur wenig Fortschritte gemacht; es tauchen immer wieder Ideen auf, die vor hundert Jahren als abgetan betrachtet wurden. Bald wird das Meer als Ursache deS Vulkanismus ge« nairnt, bald wird wieder das Gegenteil behauplet, das Wasser habe mit den Eruptionen nichts zu tun. ES wird noch manche Eruption erfolgen, bis wir darüber im klaren sein werden; zur Entscheidung dieser Frage wäre es wichtig, die nach einer Eruption auftauchenden, dem Krater eiisströmenden Gase zu untersuchen, um zu konstatieren, ob sie hauptsächlich aus Wasserdampf sind und nicht etwa aus anderen Gasen bestehen, deren Natur festzustellen ist; denn die letzte Phase der VuUanfragen ist die Ansicht des Genfer Gelehrten Brun, die wieder dahin geht, das Wasser sei nicht die Ursache der Eruptionen. Jetzt wäre gerade der Zeitpunkt günstig, nm diese Frage zu entscheiden, allerdings müßte man noch etwas warten. bis man sich der AuSbruchSstelle mehr nähern kann, denn nach der Abkühlung der Lava werden die Untersuchungen günstige Resultate bringen können. Eine weitere wichlige Frage ist die der Temperatur der Lava; auch hier wissen wir noch nicht? Positives. Ich führte inr Jahre 18Ä8 eine Temperaturmessnng am Vesuv aus, aber es war nur an einer kleiner AuSbruchSstelle möglick, die jedoch den Vorteil halte, daß man sich der Lava nähern konnte, und eS gelang mir, zu konstatieren, daß die Temperatur unter dem Kupferfchmelzpunkt lag. also unter 1100 Grad. Die Temperatur der Aemu-Lava ist jedoch noch tiefer, vielleicht könnte eine Messung gelingen, dort, wo kleinere Ströme sich von dem Hanpfftrome abzweigen, denn für die Untersuchung ist eZ immerhin nötig, sich auf zirka zehn Meter nähern zu können. Notwendig wäre auch die Untersuchung der Radioaktivität der frischen Lava, da nach neueren Focschungen die vulkanische Tätigkeit vielleicht milder durch radioaktive Vorgänge entwickelten Wärme im Zusammenhang stehen kann. Eine ändere Frage, welche früher aufgetaucht ist, ist die der Schnelligkeit, mit der die Lava sich bewegt; eS ist klar, daß dies auch eine Frage von eminent praktischer Wichtigkeit ist. Von welchen Faktoren hängt nun diese Schnelligkeit ab? Vor ollem von der Steilheit des Gehänges, von der Masse der ausgeworfenen Lava, dann aber von den physikalischen und chemischen Eigen« schasten der Lava selbst, nämlich von Oer chemischen Zusammen» setzung, die den geringeren oder größeren Flüssigkeitsgrad bedingt, dann aber auch von dem Wassergeholte, da stark imprägnierte Lava flüssiger ist als solche, welcher Wasser fehlt; so ist die Lava deS Vesuvs, trotz einer chemischen Zusammensetzung, die geringeren Flüssigkeitsgrad erzeugt, sehr dünnflüssig ivegen ihres hohen Wasser» gehalts, und die jetzt ausgeworfene Lava fchernt, da fie sehr langsam sich bewegt, nur wenig Wasser zu enthalten. Den Aetna sollte eigentlich jeder Naturforscher besichtigen, denn er bietet nicht mir den Mineralogen und Geologen viel Interessantes, auch der Chemiker, der Meteorologe und Physiker,_ wie auch der Geograph schöpfen dort viel Belehrung. Der Vesuv ist ja gegen der Aetna ein Zwerg; der letztere bedeckt ein sehr großes Areal und ist mehr als doppelt so hoch ivie der Besuv; um leinen großen Krater liegen wie Kinder nicht weniger als 120 nennenswerte Krater, von denen manche ganz respektable Dimensionen haben, und diese sekun» dären Krater senden mitunter riefige verheerende Lavaströme auS. Denn zwischen Aetna und Vesuv besteht auch der Unterschied, daß die Lavaströme des ersteren weit vom Hauptkrater auS den so» genannten Sekundärkratern stammen." Prof. Doelter bringt, um ergiebigere Untersuchungen zu ermög« licken, die Errichtung eines mit allen modernen wissenschaftlichen HilfS» mittein ausgesiotteten Observatoriums am Aetna in Porichlag. Vsrantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Perlag: Porwarr» Buchiruüerei u.Vert»g»animlr xaiu«rnger ä-Eo..Berlin � Vit.