Ilnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 66. Mittwoch� den 6 April. l91l) lZZachdru« derbsten.) Oie Evern. Roman vonVicenteBlasco Jbanez. Antorisierte Uebersctzung von I u l i o B r o u t a. Der Bewunderer setzte sich, im Hochgefühl des Anbeters. der das Heiligtum des Götzen betritt, und er war entschlossen, sich bis zum letzten Augenblick nicht vom Fleck zu rühren, wobei es ihm schmeichelte, vom Meister geduzt zu werden. Er seinerseits redete ihn nach jedem dritten Wort mit Juan an, damit die Möbel, die Wände und alle die, die den Gang Kassierten, Llenntnis nehmen möchten von seiner Intimität mit dem großen Mann. Er war am Morgen aus Bilbao ein- getroffen und gedachte am folgenden Tag zurückzureisen. Die Reise hatte er einzig zu dem Zweck getan, um Gollardo in der Areim zu sehen. Er hatte von seinen großen Erfolgen gelesen: die Saison ließ sich gut an, der Nachmittag versprach, interessant zu werden. Vormittags war er bei der Auslese der Stiere gegenwärtig gewesen, wobei ihm ganz besonders ein dunkelbraunes Biest aufgefallen war, das zweifellos in den Händen Gallardos etwas leisten werde... Der Meister aber unterbrach etwas plötzlich den Redefluß des Aficionadios. „Entschuldige einen Augenblick, ich komnie sofort zurück." Und er eilte hinaus nach einer schmalen Tür ohne Nummer am Ende des Ganges. „Welches Kostüm soll ich nehmen?" fragte Garabato mit einer Stimme, die noch heiserer als gewöhnlich klang, in dem Bestreben, sich untertänig zu zeigen. „Das grüne, das braune, das blaue, wie Du's für gut findest." Und Gallardo verschwand hinter der Tür, während der Diener, sobald er von feiner Gegenwart befreit lvar, spöttisch und boshaft lächelte. Ueber diesen plötzlichen verstohlenen Rückzug, im Augenblick, wo es galt, sich für die Vorstellung zu kleiden, wußte er nur zu gut Bescheid. Den Koryphäen der Kunst, den Tapfe- ren. Berückenden ging es nicht anders als ihm selbst, da er in den Stierzirkussen der Dörfer aufgetreten war. Eine geraume Zeit später, als Gallardo wieder ins Jim- mer trat, stieß er auf einen neuen Besucher. Es war Doktor Ruiz, der populäre Arzt, der seit dreißig Jahren die Berichte über alle Unfälle der Plaza unterzeichnete und alle verwunde- �ten Toreros ärztlich behandelte. Gallardo bewunderte ihn und hielt ihn für den hervor- ragendsten Vertreter der Wissenschaft, wobei er sich gleichzeitig harmlose Scherze über dessen Gutmütigkeit und Vernachlässi- gung seines Aeußeren gestattete. Seine Bewunderung lvar die der ungebildeten Menge, die sich keinen Gelehrten ohne verwahrloste Kleidung und Charakterschrullen vorstellen kann. Es war ein untersetzter, dickbäuchiger Mann mit einem breiten Gesicht, einer etwas platt gedrückten Nase und einem schmutzig yelben Bart um das Kinn, was alles ihm entfernte Aehnlichkeit mit der Gestalt des Sokrates gab. „Es ist ein braver Kerl," sagte von ihm Gallardo. „Ein Gelehrter... ein verrücktes Huhn, ein Goldherz, er wird nie auf einen grünen Zweig kommen... Er gibt den andern, was er besitzt, und begnügt sich mit einem Hungerlohn." Zwei große Leidenschaften verklärten sein obskures Da- sein: die Revolution und die Toros: eine unbestimmte, furcht- bare Revolution, die einst kommen sollte und in Europa nichts vom heute Bestehenden übrig lassen werde. Tie Toreros redeten zu ihm wie zu einem Vater; er duzte sie alle und ein von irgendwo eintreffendes Telegranim genügte, um dm guten Doktor herbeizurufen, ohne Aussicht auf ein höheres Honorar, als der Betreffende zu geben für gut befand. Aber es waren seine„Jungen," und er liebte sie. Als er Gallardos nach einer langen Abwesenheit ansichtig wurde, umarmte er ihn, indem er seinen schlaffen Bauch gegen den stählernen Körper des Stierfechters drückte. „Ol«, mein strammer Junge l Tu siehst ja jeden Tag besser aus." „Und wie steht es mit den republikanischen Aussichten, Doktor?" fragte Gallardo mit andalusischer Schalkhaftigkeit. „Der Nacional behauptet, daß schon in den nächsten Tagen losgeschlagen werden soll." „Was kann Dir daran liegen. Du Spottvogel. Laß den armen Nacional in Ruh. Er sollte machen, daß er etwas besser mit den Banderillas(Wurfspießen) umginge. Und Du, niach, daß Du im Stiertöten immer so tüchtig wie bisher bleibst. Ein schöner Nachmittag steht bevor. Man hat mir gesagt, daß die Kampfstiers... Hier unterbrach ihn der Aficionado, der die Auslese ge- sehen und vor Begierde brannte, seinen Senf auch dazu zu geben, indem er von einem dunkelbraunen Biest zu reden be- gann, das ungewöhnliche Leistungen erwarten ließ. Die beiden Besucher, die vorher sich kaum begrüßt und lange Zeit im Zimmer schweigsam neben einander gesessen hatten, sahen sich gegenseitig an, und Gallardo hielt eine Vorstellung für geboten. Aber wie zum Teufel hieß doch jener Freund, den er duzte?... Er kratzte sich hinterm Ohr und zog nachdenk- lich die Augenbrauen zusammen, aber seine Unentschlossenheit war von kurzer Dauer. „Sag' mal, wie heißest Du schon? Nimm's mir nicht übel, ich Hab' so'n schlechtes Gedächtnis für Namen.. Der junge Mann verbarg unter einem Lächeln seine Ent- täuschung und nannte seinen Namen. Als Gallardo ihn hörte, fuhr ein Lichtstrahl durch sein Gedächtnis und er machte seine Vergeßlichkeit wieder gut, indem er hinzufügte:„reicher Minenbesitzer aus Bilbao." Hierauf stellte er den„berühmten Doktor Ruiz" vor, und beide Männer, als seien sie alte Be- kannte, durch die gemeinschaftliche Vorliebe für die Stier- gefechte, begannen ihre Ansichten über die Kampfstiere aus- zutauschen. „Setzen Sie sich," sagte Gallardo zu seinen Besuchern, in- dem er auf ein Sofa hinwies.„Sie stören mich durefaus nicht. Setzen Sie Ihr Gespräch fort und bekümmern Sie sich nicht weiter um mich. Ich will mich jetzt anziehen. Unter Männern darf das nicht genieren." Und er entledigte sich seines Anzuges und stand da im Unterzeug. Er ließ sich auf einen Stuhl nieder, mitten unter dem Bogen, der das Zimmer vom Alkoven trennte, und überließ sich den Händen Garabatos, der einen Handkoffer von Juchtenleder geöffnet hatte und ein niedliches Toilettenkäst- chen hervorzog, um sich an die Gesichtsvcrschönerung des Meisters zu begeben. Obschon letzterer bereits glattrasiert war, seifte ihm Garabato nochmals Kinn und Wange ein und fuhr mit dem Messer darüber, sicher und hurtig, wie jemand, der sich durch tägliche Uebung mit dieser Verrichtung vertraut gemacht hat. Nachdem sich Gallardo schnell gewaschen, nahm er seinen Sitz wieder ein, und der Diener bearbeitete ihm das Haupthaar mit allerlei Salben, Oelen und wohlriechenden Flüssigkeiten» worauf er es sorgsam scheitelte und die Locken auf Stirn und Schläfen herabkämmte. Schließlich ging er an die Instand» setzung des beruflichen Abzeichens, des geheiligten Zopfes. Nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht kämmte er den langen Haar- büschel, der den Hinterkopf des Meisters zierte; er flocht ihn und rollte ihn zu einer Art Chignon zusammen, das er vor- mittels zweier Nadeln am oberen Teil des Hauptes befestigte. Jetzt galt es, sich um die Füße zu bekümmern, und er streifte dem Stierfechter die Halbstrümpfe an, der jetzt nichts mehr anhatte, als Kamisol und Unterhosen. Die stark ent- wickelte Muskulatur Gallardos trat unter diesen leichten Ge- wändern plastisch hervor. Eine Vertiefung in einem Ober- schenke! zeigte deutlich die Stelle an, wo das gewaltige Horn einst die Weichteile verwüstet hatte. Die braune Haut der Arme war mit weißlichen Flecken gesprenkelt, den Spuren zahlreick)er Stöße und Verwundungen. Garabato brachte eine Handvoll Wattestreifen und Leinwandbindcn herbei, kniete zu Füßen des Meisters nieder, steckte ihm kleine Büschel Watte zwischen die Zehen, legte Wattestreifen unter die Sohlen und umwickelte die beiden unteren Gliedmaßen mit Binden, deren Enden er vernähte. Gallardo stampfte den Boden mit den festgeschnürten Füßen, die in ihrer weichen Umhüllung größere Sicherheit erlangt zu haben schienen. Er fühlte sich stärker und flinker in dieser Ausrüstung. Der Diener zog ihm nun � Hobe Strümpfe von starkem und geschmeidigem Gewebe an, die den Zweck hatten, die Beine gegen das spitze Horn der Stiere zu schützen. „Tnß Du mir ja die Falten weg machst, Mensch," sagte er etwas ungeduldig,„Du weiht, Garabato. daß nichts höh- licher ist, als wenn so'n Ding sackt." Und er drehte sich vor dem Spiegel um, um sich von vorn und hinten zu besehen, wobei er sich mehrmals reckte und duckte und sich mit beiden Händen über die Beine fuhr, um alle Falten zu beseitigen. Mit dem Resultat endlich zufrieden, setzte er sich wieder; nun wurden die Schnallenschuhe ange- zogen, von denen Garabato ein lialbes Dutzend funkelnagel- neuer Paare zur Auswahl ausgebreitet hatte. Nun kam das eigentliche Torerokostüm an die Reihe. Der Diener reichte ihm die tabakfarbenen, seidenen Kniehosen, deren Nähte nnt schweren Goldstickereien bedeckt waren. Gallardo schlüpfte hinein, und die dicken, in goldenen Quasten auslaufenden Schnüre an den unteren Rändern hingen ihm auf die Füße herab. Diese Schnüre, die unterm Knie festge- Kunden werden und den Beinmuskeln größeren Halt ver- leihen sollen, heißen im Stierfechterjorgon machos, das ist Schrauben. Gallardo forderte den Diener auf, so fest wie niöglich zu- zuschnüren, wobei er die Beinmuskeln anzog. Diese Operation war sehr wichtig. Ein Matador darf unter keinen Uniständen mit losen„Schrauben" auftreten. Garabato wußte das sehr wohl und zog nach Leibeskräften an, indem er die Schnüre oberhalb der Wade in mehreren Windungen um die Beine legte und schließlich knüpfte, sodaß die Quasten links und rechts zierliche Gehänge bildeten. Der Meister zog hierauf ein feines battistenes Hemd an, weich und durchsichtig wie ein Frauenhemd und mit einer kom- plizierten Busenkrause ausgestattet. Nachdem Garabato es zugeknöpft, legte er ihn? die Halsbinde an, deren Enden wie blutrote Streifen über die Brust fielen. Nun blieb noch das schwierigste Stück der Ausrüstung übrig, die Anlegung der Leibbinde, eines breiten Seidenstreifens, der über vier Meter lang war und das ganze Zimmer auszufüllen schien. Während Garabato das eine Ende hielt, begab sich der Torero mit dem andern Ende in der Hand bis zur Tür des Zimmers, wickelte sich in das bunte Tuch ein und rief, gegen den Diener gewendet, in befehlendem Ton:„Ausgepaßt, Kerli" (gorifttzung folgt.}) 6m r>cißrponi. Aus dem Russischen von Dr. I o s e p h s o h n. Ms Fedor Fedorowitsch Sigajew seine Frau mit ihrem Ge- liebten überrascht hatte, stürmte er ins Waffenmagazin Schmuks u. Co., um einen Revolver zu kaufen. Sein Gesicht drückte Zonr, Kummer und unbeugsame, eiserne Entschlossenheit auö. Ich weiß, was ich zu tun habe, dockte er. Meine Ehre ist in den Schmutz getreten. Daö ist eine Schmach, die sich nur durch Blut tilgen läßt. Zuerst töte ich fie und ihren Geliebten, dann mich selbst... Er hatte zwar noch keinen Revolver gekauft, noch niemand ge- tötet, aber seine überreizte Phantasie spiegelte ihm bereit? drei blut- überströmte Leichen vor, zerschmetterte Schädel, umhergespritzte Gchirumasse, einen Volköauflauf, Obduktion.... Mit der Schaden- freude deö Beleidigten stellte er sich die TodeSzuckung der Ehebrecher, das Entsetzen der Verwandten und deS Publikums sowie die Leit- artikel vor, welche von den„so jäh zerriffeuen Familicnbandcn" handelten. Der Berkäufer, ein lebhaftes, quecksilbernes Persönchei« mit einem kleinen Bauch und Iveißer Weste, legte ihm Revolver vor und sagte, ehrerbietig lächelnd und sich leicht verbeugend: „Ich würde Ihnen hier zu diesem wunderschönen Revolver raten, mein Herr, System Smith und Wessou. Das Neueste auf dem Gebiet. Kolossale Wirkung. Mit tadelloser Sicherung. Trifft aus KOO Schritt. Perkussionsschlagwerk... Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit besonders auf die saubere Arbeit lenken. Allcrmodernstcs System, mein Herr. Wir verkaufen täglich etwa zehn Stück davon gegen Räuber, Wölfe und Nebenbuhler. Sehr zuverlässig. Trifft auf große Distanzen und tötet auf der Stelle beide Schuldige, die Frau sowohl wie den Geliebten. Und gar zum SelbsUnor'o wüßte ich wahrhaftig kein besseres System, mein Herr 1" Ter Kommis spannte den Hahn, hauchte auf den Lauf, zielte und tat, als sei er vor Entzücken außer sich. Beim Anblick seines strahlenden Gesichts hätte man leicht auf die Vermutung kommen können, er möchte sich selbst gern eine Kugel in den Kopf jagen, wenn er nur einen Revolver dieses wunderbaren Systems Smith und Wesson besäße. .Und der Preis?" fragte Sigajew. 9. .Fünfundvierzig Rubel, mein Herr/ »Hm... da« ist mir zu teuer." „Zu teuer? Sehr wohl! Dann werde ich Ihnen andere, billigere Sachen vorlegen... Bitte, wollen Sie einmal sehen? Wir haben eine ungeheuere Auswahl in den verschiedensten Preis- lagen. Z. B. dieser Revolver System Lefaucheux kostet nur 28 Rubel, aber...(der Kommis rümpfte verächtlich die Rase)... aber dieses System ist schon veraltet, mein Herr. DaS kaufen heutzutage nur noch gewöhnliche Leute. Sich oder seine Frau mit einem Lefaucheux zu tören, gilt für ein Zeichen schlechte» Geschmacks. Der gute Ton kennt nur das System Smith und Wesson." „Fch beabsichtige weder mich noch sonst jemand totzuschießen/ log Sigajew mürrisch.„Ich kaufe die Waffe nur für meine Villa... um Diebe zu erichrecke»..." „Wozu Sie die Waffe kaufen, das ist ja nicht unsere Sache". lächelte der Kommis und senkte bescheiden die Augen.„Wenn wir jedesmal fragen wollten, wozu die Waffe dienen soll, dann, mein Herr, könnten wir unser Geschäft getrost zumachen.... Zum Bangemachen für Diebe taug» ein Lefaucheux nickt, mein Herr, weil er einen verhältnismäßig leisen, dumpfen Knall hat. Ich würde Ihnen zu einer gewöhnlichen Zündhütchenpistole, System Mortimer, raten... eine sogenannte Duellpistole..." Ob ich ihn vielleicht zum Duell fordere? fuhr eS Sigajew durch den Kopf. Ach Unsinn I Das wäre zuviel Ehre I Solch' einen Lump schlägt man einfach tot wie einen tollen Hund!... Sich graziös drehend und hin und her trippelnd, legte der Kommis, beständig lächelnd und schwatzend, einen ganzen Haufen Revolver vor. Am verlockendsten und einladendsten von allen sah freilich Smith und Wesson aus. Sigajew nahm«inen Revolver dieses Systems in die Hand, blickte ihn starr, unverwandt an und versank in Nachdenken. Seine Phantasie malte ihm aus, wie er den beiden die Schädel zerschmettert, wie das Blut stromweise über den Teppich und über das Parkett fließt, wie die sterbende Ehebrecherin mit den Armen zuckt.... Aber für seine entrüstete Seele war das noch zu wenig. Die blutigen Bilder, das Wehgeschrei und daS Entsetzen befriedigten ihn nicht. Er mußte sich noch etwas Eni- setzlickereS ausdenken... Ich mache eS so: ich töte ihn und mich... überlegte er. Sie laffe ich leben. Mag sie sich in Gewissensbissen verzehren. Für eine nervöse Natur wie sie ist das ein tausendmal qualvollerer Tod... Und er stellte sich sein Begräbnis vor: er, der Beleidigte liegt im Sarg, ein sanftes Lächeln um den Mund, während fie, blaß, von Selbstvorwürfen gepeinigt, hinter dem Sarge herwankt und nicht weiß, wohin vor de» strafenden, verächtlichen Blicken, welche die empörte Menge ihr zuschleudert.... „Ich sehe, Smith und Wesson gefällt Ihnen, mein Herr," unter- brach der Kommis seinen Gedankengang.„Wenn er Ihnen zu teuer ist, so will ich meinetwegen fünf Rubel ablassen.... Uebrigens haben wir noch andere, billigere Systeme...." Der Verkäufer drehte sich graziös um und laugte noch ein Dutzend Futterale mit Revolvern herab. „Hier, mein Herr— Preis 30 Rubel. Das ist nicht teuer, um so weniger, als einerseits der Kurs schrecklich niedrig ist, und andererseits der Zoll, mein Herr, fast von Stunde zu Stunde steigt. Ich schwöre Ihnen, mein Herr, ich biir natürlich konservativ, aber über die gegenwärtige politische Lage fange auch ich bereit? an zu murren! Bedenken Sie, der Kurs und der Zoll sind daran schuld, daß heutzutage nur noch ganz reiche Leute sich beflere Waffen anschaffen können l Die Armen müsset» sich mit Waffen Tulaer Fabrikat und Pbosphorstreichhölzchen behelfcir, und Tulaer Fabrikat, wissen Sie— das ist ein nationales Unglück! Man schießt mit solch einem Revolver auf die Gattin und trifft sich selbst ins Schulterblatt." Sigajew fühlte sich plötzlich beleidigt und gekränkt bei dem Ge- danken, daß er sterben und die Qualen der Treulosen nicht sehen sollte. Wo bleibt da seine Rache? Was hat er davon, wenn er im Grabe liegt und nicht weiß, ob die Frau überhaupt Gewissens« bisse empfindet? Ob icks nicht lieber so machen soll? überlegte er. Ich töte ihn, nehme an seinem Begräbnis teil und nach dem Begräbnis töte ich mich.... Ach, das ist ja auch Unsinn I Man verhaftet micht natürlich sofort nach der Tat und nimmt mir den Revolver weg.... Also: ich töte ihn, sie bleibt am Leben, ich... ich werde verhaftet und nebn,e mir im Gefängnis das Leben. Dazu wird sich trotz der Haft schon Gelegenheit bieten. Vorher aber habe ich noch die Möglichkeit, vor der Obrigkeit und vor der Gesellschaft die ganze Schlechtigkeit der beiden Verräter zu enthüllen. Wenn ich mich un- mittelbar nach ihm töte, wälzt sie vielleicht noch mit der ihr an- geborenen Verlogenheit alle Schuld auf mich, und die Gesellschaft glaubt es ihr natürlich und lacht mich obendrein aus. Wenn ich aber leben bleibe, so... Eine Minute später backte er: Ja, wenn ich mich töte, gibt man mir vielleicht die ganze Schuld.... Und außerdem— warum mich töten I Das ist erstens. Zweitens: sich eine Kugel vor den Kopf schießen— daS ist Feigheit. Also: ich töte ihn, sie lasse ich leben, und ich stelle mich dem Ge- rickt. Man wird mir den Prozeß machen und sie wird als Zeugin auftreten müssen.... Ich kann mir ihre Aufregung, ihre Ver- wirrung vorstellen, wenn mein Verteidiger sie ausfragen wird! Die Sympathie des GerichtSofes, des Publikums und der Presse wird natürlich auf meiner Seite sein.., Er dachte nach, während der KommiS immer mehr Waffen vor- legte und sich dabei verpflichtet fü<e, den Käufer zu unlerhalten. .Hier ein neues englisches System, das wir erst vor wenigen Tagen bekommen habeu". plauderte er.„Aber ich muh Ihnen gleich bemerken, mein Herr, alle diese Systeme erblassen vor Smilh und Wesson. Kürzlich— Sie haben es wahrscheinlich auch gelesen?— kaufte ein Offizier bei uns einen Revolver System Schmith und Wefion. Er erschotz damit den Geliebten seiner Frau, und— denken Sie bloh l— die Kugel ging durch und durch, schlug durch eine Bronze- kampe, dann durch das Klavier, tötete schließlich noch das Bologneser- Hündchen und verwnndete die Frau. Ein glänzender Effekt, der unserer Firma alle Ehre macht I Der Offizier ist jetzt in Haft. Er wird natürlich zu Zwangsarbeit verurteilt. Wir haben wirklich noch ganz veraltete Gesetze, und außerdem mein Herr, steht da« Gericht in solchen Fällen immer auf feiten des Ehe- brechers. Warum? Sehr einfach, mein Herr l Die Richter und die Ge- fchworenen, der Staatsanwalt und die Berteidiger— alle leben mit fremden Frauen. Es ist für sie natürlich so beruhigend, wenn es in Ruhland wieder einen Ehemann weniger gibt. Der Gesell- schaft würde es überhaupt sehr angenehm sein, wenn die Regierung alle Ehemänner nach Sibirien schicken wollte. Sie ahnen nicht, mein Herr, welch eine Entrüstung die gegenwärtige Sittenverderbnis in mir erweckt I Fremde Frauen zu lieben ist heutzutage so gang und gäbe, wie fremde Zigaretten zu rauchen oder fremde Bücher zu lesen. Mit jedem Jahr wird das Geschäft bei uns schlechter. Und warum? Nicht weil die Zahl der betrogenen Ehe- männer geringer wird, sondern weil die betrogenen Ehemänner sich mit ihrer Lage abfinden und aus Furcht vor dem Gericht und der Zwangsarbeit nicht mehr so häufig zum Revolver greifen wie Der KommiS blickte sich um und flüsterte: „Und wer ist schuld daran, mein Herr? Die Regierung 1* Solch eines Lumpen wegen nach Sibirien verschickt zu werden, ist auch nicht schön... überlegte Sigajew. Wenn man mich zu Zwangsarbeit verurteilt, kann meine Frau zum zweiten Male heiraten. Sie findet schon einen zweiten Mann! Rein, das darf auch nicht sein... Also: fie lasse ich leben, mich töte ich nicht, ihn... töte ich auch nicht... Ich muh etwa« Vernünftigeres, etwas Empfindlicheres erdenken... Halt I Ich hab'S I Ich strafe beide mit Verachtung und strenge einen EheschcidungSprozeh an... „Hier, mein Herr, noch ein ganz neue? System I* sagte der Verkäufer und langte ein weiteres Dutzend herab.„Ich möchte Sie besonders auf den originellen Mechanismus der Trommel aufmerksam machen"... Nach seinem letzten Entschlutz brauchte Sigajew keinen Revolver mehr. Aber der KommiS hörte nicht auf, sich zu begeistern und immer neue Waren vorzulegen. Der beleidigte Gatte schämte fich, daß der junge Mann sich so ganz umsonst bemüht, sich so ganz umsonst begeistert, gelächelt, Zeit vertrödelt haben sollte.... „Gut l" murmelte er.„Ich werde wiederkommen oder... oder ich schicke jemand..." Trotzdem fühlte er sich verpflichtet, gleich jetzt noch irgend etwfflS zu kaufen. Aber waS? Er schaute sich an den Wänden des Ladens nach etwas Billigem um, und sein Blick fiel auf ein grüneS Netz, das neben der Tür hing. „Was... was ist das V fragte er. „Das ist ein Netz zum Wachtelfang.' „Und wieviel kostet es?" „Acht Rubel, mein Herr." Schön... Packen Sie es mir em l' Der beleidigte Ehemann bezahlte acht Rubel, nahm das Netz und verlieh, fich immer noch beleidigt fühlend, den Laden. (Nachdruck«erdeten� vie pyramiäen. Von Friedrich v. Oppeln-vronikowSki. ES ist noch nicht lange her. da schienen die Pyramiden nicht nur der reinen Poesie, sondern auch der wissenschaftlichen Phantastik und Mystik allein anzugehören. Man meinte z. B., sie seien erbaut, um die Sandwogcn der Libyschen Wüste vom Fruchtlande des Nil- tales abzuhalten; und in der Tat, wenn der Wüstenwind, der Chamstn oder Sainüm s«dcr Mörder") die ganze Welt in undurch- dringliche gelbe Schleier hüllt, wenn die Maultiere ihre Ohren anlegen und die Araber ihr Gesicht in dem schwarzweltzcn Burnus verbergen, dann fallen die luftigen Sandwogen um die Pyramiden her nieder, wie eine fich stauende Brandung. Doch überall, wo die Bahn ftei ist. braust der dörrende Sandsturm weiter. Man mühte also annehmen, daß die alten Acgypter vor- gehabt hätten, eine ganze chinesische Mauer solcher Pyramiden längs des Niltales zu errichten, sollte diese Abwehrtheorie einen Sinn haben. Ueberdies stehen Pyramiden— es sind noch nicht 200— ja nur am Westufer des Nils, keine am Ostufer, durch das die Arabische Wüste bedroht wird. Diese Theorie ist also absurd. Ebenso fleht eS mit einer zweiten, die Percy Smith<1860) aufgebracht hat, wonach die Ausinatze. Neigungswinkel und Orientierung der Pyramiden in Verbindung mit der Astronomie oder mit heiligen Zahlen gebracht werden.... Max Eyth in seinem Rontan „Der Kampf um die Ebeopspyramide", hat diese Mystagogen mit Recht verböhnt. Richtig an alledem fft nur, daß die Pyramiden nach den vier Himmelsrichtungen orientiert sind, was aber ganz andere Gründe halte. Die Scheintür jeder Pyramide, durch die man sich den Geist des in ihr begrabenen Herrschers hinaus- schauend dachte, lag nämlich nach Osten, dem Sonnenaufgang zu, der ja bei allen Religionen eine große Rolle spielt, während der wirtliche, aber vermauerte Eingang in die Grabkammer im Norden lag. Das einzige Sichere bei den Pyramiden bleibt also, daß sie Königsgräber sind, oder vielmehr ungeheure Steinmassen— die Cheopspyramide ist so hoch wie der Kölner Dom—, die über einem ursprünglich in den Fels getriebenen Grabe errichtet sind. Später legte man die Grabkammern in das Innere dieser Sleinmaffen selbst; der Gang oder Stollen, der zu ihnen führte, wurde durch Fallsteine verschlossen. Indem die Pharaonen sich so begraben liehen, hofften sie ihre einbalsamierte Leiche, die Mumie, für alle Ewigkeit un- berührt zu erhalten und dadurch ihrem Geiste ein ewige« Leben zu sichern; denn nach ihrem robusten Kinderglaubeu blieb der Geist stets an den Körper gebunden, und der Körper bedurfte auch im Grabe der Opseripeisen, um sein Scheinleben zu fristen. Zur Erfüllung dieser Wahnhoffinmg liehen die allmächtigen Pharaonen ihr ganzes Volk während ihrer ganzen Regierungszeit an ihre» Grabdenk- mälern fronden, vernutzten Huntertlausende von Menschenkräften; ja der Pyramidenbau blieb ihre vornehmste Regierungssorge, bis er im„Neuen Reich" plötzlich aufhörte und der Bestattung m Felsen- gräbern Platz machte. Der erste, der die Grundlagen einer rationellen Pyramiden- forschung legte, war ein Deulscher, Lepsius, der Leiter der preußischen Expedition von 1843, die Friedrich Wilhelm IV. aus- sandte. Er beschränkte sich auf die Erklärung rationeller Fragen, deren wichtigste die Bauweife der Pyramiden betraf. Hiernach stand die Größe des Grobmonumentes im Verhältnis zur Lebensdauer des Herrschers; es wurde also jedes Jahr höher getürmt, wie ei» Baum seine Jahresringe ansetzt. Die Cheopspyramide hat drei Stollen und drei Sargkammern; die erste wurde schräg in den gewachsenen Felsen eingetieft; aber ehe fie vollendet war, brach man durch die Steinmassen des Baues selbst einen zweiten wagerechten Gang und eine zweite Kammer; und als die Pyramide immer höher wuchs, wurde noch höher eine dritte definitive Grabanlage geschaffen, die fich in der Mitte des jetzigen Baues befindet. Eine zweite Frage betrifft die Bauform, die wir mit den Griechen als Pyramide be- zeichnen. Die ältesten prähistorischen Gräber, die kürzlich entdeckt wurden, waren mit Topfscherben in den Wüstenboden gehöhlt. Später errichtete man über ihnen Grabhügel mit abgeschrägten Wänden, ähnlich den unseren, aus Ziegeln von getrocknetem Nilschlamm. Erst später traten an deren Stellen Ouadersteine. so bei allen Gräbern des Hofstaates und des Harems, die hinter den großen Pyramiden von Gizeh eine ganze Totenstadt mit langen Straßenzeilen bilden. Die Araber nennen diese Steinhngel anschaulich MastabaS (Bänke). Eine solche Bank, ins Riesige vergrößert, war auch das Lehm- ziegelgrab des ersten historischen Pharaos Menes<8400 v. Ehr.), das Morgan vor kurzem bei Nagada freilegte. Es ist ein riesiges Trapez mit schrägen Wänden und Zwischenmauern, die das flache Dach trugen, umgeben von einer niedrigeren ebenfalls be- dachten Mauer, so daß eine zweistufige Mastaba ent- stand. Durch Uebereinanderschichten mehrerer solcher MastabaS errichtete dann der Pharao Zoser(um 8000) die seit- same Stufenpyramide von Sakkara, die bereits ein Steinbau war. AuS ihr entwickelte sich in der vierten Dynastie die glatte Dreiecks- form durch Ausfüllen der Stufen. Als Konstruktionsprinzip blieb der Stufenbau aber bestehen, wie es eine Pyramide der Gruppe von Abusir zeigt, deren Mantel(Füllung) größtenteils zerstört ist. Wo er fehlt, kommt die alte Stufenform wieder zum Vorschein. Den Uebergang zur DreieckSfonn können wir an den beiden Pyramiden des Snofru. des Begründers der vierten Dynastie(um 2900), deutlich verfolgen. Er erbaute sich zwei Pyramiden, die eine bei Medüm in Stufenform und die andere bei Sakkara in Dreiecksform. Vielleicht hat er feine Residenz ge» wechselt und die Pyramide von Mcdüm nicht vollendet. Eduard Meyer versucht in seiner Geschichte Aegyptens eine andere Erklärung: er meint, die ältesten Herrscher hätten stets zwei Pyra- miden erbaut, wie sie zwei Residenzstädte erbauten, und zwar als Beherrscher der beiden Königreiche Over- und Unterägypten, die das ganze ägyptische Altertum hindurch unterschieden wurden. Vor den MastabaS legre man in alter Zeit die Totenopfer nieder, dainit der Geist im Grabe nicht Hunger und Durst litte. Er trat durch die vermauerte Tür hinaus und holte sie sich; Geister können dergleichen ja. Später legte man in der Mastaba selbst eine Nische für den Totenkult an, zu der dann noch andere Nebenräume traten, und schließlich erbaute man einen getrennten Totcntempel vor der zur Pyramide gewordenen Mastaba, und zwar östlich davor; die Pyramide selbst war mit diesem Totentempel mir durch eine Schcinlür verbunden, ein bloßes Architekturstück ohne Eingang» während der wirklich vermauerte Grabeingang im Norden blieb. Die Pyramiden ragen am Rand dcS westliche� Wüstcnplateaus. am Saume des„Westreiches", d. h. des Totenreiches, zu dem der Sonnengott allabendlich auf seiner Himmelsbarke hinabfuhr und zu dem nach späterer Auffassung auch der Tote hinabstieg. Run hatte man aber vom Fruchtlande aus einen etwa halbstündigen steilen Anstieg durch die Abhänge des WüstenpIateauS, und gu diesem Zweck baute man einen Dammweg zu dem Totentempel empor, der zum Schutz gegen Sandverwehungen gedeckt und wahr- scheinlich dunkel war; dieser Dammweg begann mit einem Portal- bau am Rande des Fruchtlandes, der aus der profanen Welt der Lebenden in das Heiligtum des Todes überleitete. Eine Quai- anlage davor ermöglichte zur lleberschwemmungszeit, dast Barken dort anlegen konnten. Endlich umschloß eine große Lehmziegel- lnauer die Pyramide selbst und den oberen Totentempel mit seinen Speichern und Wächterhäusern und die kleinen Pyramiden, die für Frau und Kinder des Herrschers neben der seinen errichtet wurden, die der Königin stets rechts neben der seinen. Wir dürfen heute also nicht mehr von Pyramiden wie von einzelnen Bauten reden, sondern nur von ungeheuren Grabanlagen, die in Taltempel, Auf- weg, Totcntempel und Pyramiden zerfielen. Ueber diese Tatsachen haben erst die neuesten Grabungen der Deutschen Orientgesellschaft bei Abusir(unter Leitung von Professor Ludwig Borchardt. dem Direktor des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo), ferner die der Württembergischen Ernst Siglin-Expedition bei der ziveiten Pyramide von Gizeh(unter Leitung von Professor Steindorff in Leipzig) und die des Amerikaners Reißner bei der kleinsten Pyramide von Gizeh volles Licht gebreitet. Bei den Pyramiden von Gizeh, die der vierten Dynastie '(2800—2700 v. Chr.) angehören, sind Taltempel wie Totentempel gleich schmucklos. Sie wirkten nur durch die Pracht des Materials, ungeheure Granitouadcrn und sauber gefügte Kalksteinblöcke, und die schlichte Schönheit der Formen. Schwere glatte Pfeiler, an Stelle der späteren kapitelltragenden Säulen, erfüllen die breite und die tiefe Halle, die Hauptbestandteile des ägyptischen Tempels, und tragen den Umgang des Hofes, der bei dem Totentempel der Chefrenpyramide seltsamerweise den Hallen folgt, statt ihnen vor- gelagert zu sein. Die Prozession also, die sich dem Tageslicht ab- gewandt hatte und— wahrscheinlich bei Fackelschein— durch die dunklen Pfeilerhallen und den langen, düstern Gang emporgewallt war, um dem gottgewordenen Künig die Totenopfer zu bringen und die Totengebete zu sprechen, trat aus der mystischen Dämme- rung plötzlich in den lichtüberfluteten Tempelhof, über dem die glatte, schräge Wand der Pyramide aufragte. Hier endete der Zug ür die Laien! in den kleinen Kapellen der Rückwand standen wahr- cheinlich Kultbilder des Königs, der Totengebete harrend. Nur den Priestern war der Zutritt zum Allerheiligsten verstattet; der Zugang zu ihm lag aber nicht etwa in der Achse des Temvels, sondern er führte links um den Hof herum und dann in doppeltem Zickzack durch dunkle enge Gänge zu der Nische mit der Scheintür, vor der sie die Totenovfcr niederlegten. Das Geheimnisvolle war also auch hier ein Stachel der Andacht. Auftveg und Taltempel lagen indessen, sotveit es die Boden- gestaltung zuließ, in der Ostachse der Pyramide; bei der Chefren-. Pyramide waren sie nach links verschoben durch den großen Sphinx, der aus einem natürlichen, gewachsenen Felsen herausgearbeitet ist. Der Sphinx war bei den Aegyptern bekanntlich ein Mann, eine Löwengestalt, mit dem Haupte des Königs, ähnlich wie der babylo- nische Mannlöwe ein Symbol der Königsmacht, und der Sphinx. der vor der Chefrenpyramide wie auf der Wacht liegt, ist nach neuester Annahme nichts anderes als das gigantische Bildnis dieses Pharao selbst, das über die gelblichen Sanddünen mit ewigen Augen hintvegschaut, hinab in das Tal der Lebenden, das er einst beherrschte, und hinauf gen Osten zu dem emporsteigenden Sonnen- gott, seinem„Vater Re". Der daneben liegende, halb im Sande verschüttete sogenannte Sphinxtempel, über den man sich seit uralten Zeiten den Kopf zer- brochen hat, ist also weiter nichts als der Taltempel der Chefren- Pyramide, der wegen des Sphinx etwas aus der Ostachse verschoben ,st.— Etwa» Auffälliges ist auch von den beiden Tempeln der Menkaurapyramide zu berichten, in deren einem Professor Reißner kürzlich die wundervollen Alabasterstatuen dieses Königs fand, das Mcifstc, tvas die altägyptische Plastik hervorgebracht hat, und wohl auch das Schönste, tvas vor der Blütezeit griechischer Kunst ent- stand. Ter Tempel aber, der diese Herrlichkeiten enthielt, tvar fium großen Teil aus Nilziegeln erbaut; er war also bei dem frühen, wohl g ewaltsamen Tode dieses Königs, mit dem die Dynastie erlosch, unfertig und wurde nachher billig und schlecht bollendet. Das gleiche LoS keilte der Tempel des Nefer-er-ke-re aus der Pyramidcngruppe von Abusir, die der sünsten Thnastie angehört i(2700— 2550 v. Chr.). Bei diesen Bauten wird die schlichte, schmuck- 'lose Größe der vierten Dtinastie durch Pracht und gefällige Sckiön- cheit abgelöst. Statt der kantigen Pfeiler treten zierliche Säulen mit Palmen- oder Papyroskapitälcn; es sind dies die ältesten, die wir in Aegypten kennen, und die Kalksteinwände sind mit feinen Flachrelief» geschmückt, deren Bcmalung zum Teil noch vorzüglich erhallen ist. �m übrigen sind auch diese Tempel für die Ewigkeit gebaut; sie hatten allem getrotzt, nur nicht der Zerstörungswut ber Menschen. Das Pflaster bilden große Basaltplatten, die Säulen sind aus Granit, ebenso die Sockel der Wände, darüber sauber gefügte Kalksteinblöckc. Treppen, bei denen je fünf Stufen aus einem Block gehauen sind, führen auf die Dächer; seitliche Kammern dienten als Speichern und Schatzhäuser für die Kult- gegenstände; da» merkwürdigste aber ist eine umfangreiche Wasser- leitung au? Kupferrohr(2600 v. Chr.) die sich unter dem Tempel Sahurös in einer Gesamtlänge von 400 Meter hinzog und unter Berantw. Kedakteur: Richard Barth, Berlin. � Druck y. Perlag: dem Dammweg ins Tal geleitet War. Die Rohre waren mit den Enden ineinander gesteckt, in Kalksteinrinnen gebettet und in Gips eingegossen: ein Stück davon befindet sich jetzt im Berliner Museum. Schließlich sei noch mit ein paar Worten eines eigenartigen Tempels gedacht, der zwanzig Minuten oberhalb dieser Pyramide» liegt, und der im Auftrag der Berliner Museen auf Kosten deS Freiherrn von Bissing aufgedeckt wurde. Es ist ein Sonnenheilig» tum, daS Nuserre, der Begründer der fünften Dynastie, erbaut� besonders merkwürdig dadurch, daß es kein eigentlicher Tempel ist und auch kein Kultbild besitzt. Es ist nichts als eine mit einem Umgang umgebene gewaltige Terasse über der Residenzstadt deS Königs am Wüstenrand; in der Mitte erhebt sich ein großer Alabasteraltar mit vier geschweiften Spitzen oder„Hörnern", und dahinter an Stelle des Kultbildes ein hoher Obelisk, der Fetisch des Sonnengottes. Im„Neuen Reich", das so viele Neuerungen erlebte, brach man auch mit der uralten Sitte des Pyramidenbaues und bestattete die Pharaonen fortan in dem öden„Tale des Königs" am Westufer von Theben in riesigen unterirdischen Felsgräbern, wie es schon die Magnaten des alten Reiches getan hatten. Die Ironie der Weltgeschichte aber wollte, daß die Pyramiden, die stolzen„Häuser der Ewigkeit", ihre Toten nicht vor Grabschändern schützten, wäh- rend diese versteckten Felsengräber sie besser bewahrien; nur die Mumien der zwei letzten Pyramidenerbauer, die in die Felsgräber gerettet wurden, sehen wir jetzt in den gläsernen Schneewittchen» sargen des Museums von Kairo. Die Pyramiden selbst aber werden ihre ewigen Wahrzeichen bleiben. kleines Feuilleton. Aus dem Tierlebe». DaS Kastenwesen der Termiten. Die Termiten tragen bekanntlich auch den irreführenden Namen„weiße Ameisen". wobl weil die Aehnlichkeit ihrer Kastenorganiiation und ihrer Lebens» weise mit der der Ameisen jedem Beobachter sofort in die Augen fallen mußte. Trotzdem haben beide verwandtschaftlich nichts miteinander zu tun. Während die Ameisen zu den hölbstentwickellen Insekten gehören, befinden sich die Termiten körperlich verhältnismäßig auf einer niedrigen Enimickellingsstufe; sie sind sehr nahe mit unseren Schaben verwandt. Ueber die Termiten hat kürzlich K. E s ch e r i ch eine sehr lesenswerte zusammenfassende Monographie veröffentlicht,(Die Termiten oder weißen Aineisen, Leipzig. Dr. Werner Klinlhardt. geh. 7 M.) in der er besonders auf die durchaus verschiedenartige Staaten- und Kastenorganiiation der Termiten und Ameisen eingeht, die auf dem Unterschied in der Herkunft der Arbeiter und Soldaten beruht. Bei den Ameisen entsteben diese beiden Stände aus weiblichen Individuen, bei den Termiten find sie beiderlei Geschlechts, Jugend- formen, deren Weiterentwickclung aufgehalten wurde. Im Gegensatz zu den Ameisen machen die Termiten leine Verwandlung durch vom Ei zur Made, Puppe und schließlich zum fertigen Tier; die Termitcnjungen unterscheiden sich nrnnittelbar nach dem Auskriechen aus dem Ei nur durch ihre Größe von den erwachsenen Individuen. Die weitere Entlvickelung wird dann wahrscheinlich durch besondere Ernährungsmethoden bedingt. die noch der Aufklärung harren. Jedenfalls haben sich bereits nach der ersten Häutung die Termitenjungen in groß- und kleinköpfige geschieden. Diese entwickeln sich nach der zweiten Häutung teils zu geflügelten Geschlechtsiieren, teils zu Ersatzgeschlechtstieren, die nur Flügelscheide» ausweisen; jene werden zu Arbeitern und Soldaten. Die geflügelten GeschlcchtStiere sind die völlig ausgebildeten In« fetten, sie iorgen für die Erhaltin, g der Art. In einer winzigen Höhlung tn der Erde paaren sich die beiden Geschlechter. DaS Weibchen verwandelt sich nun in ein»msönnlicheS Monstrum mit einem riesigen weißen Hinterleib, gegen den der vordere Teil des Körpers fast verschwindet, und lebt, in eine besondere Zelle ein» geschlossen und von fütternden und putzenden Arbeitern umgeben und von Soldaten bewacht, nur noch der Erzeugung von Eiern, die sie in regelmäßigen Abständen von etwa zwei Sekunden in ungeheurer Anzahl legt. Falls diese Geschlechtstiere— König und Königin— sterben, treten die Ersatzgeschlechlstiere an ihre Stelle, die in über« raschend kurzer Zeit zu vollkommen ausgebildeten Tieren heran» gepäppelt werden. Der weitaus zahlreichste Teil der Bevölkerung in einem Termitenstaat besteht aus Arbeitern und Soldaten. Diese haben eine Iveiche Haut von weißer Farbe. Flügelanlagen und Augen fehlen ihnen vollständig, ebenso find die Geschlechischaraktere nur im volllon, inen ausgebildet. In den Funktionen stimmen sie mit den Ameisen in jeder Beziehung Lbcrein. Eigenartig sind besonders die Termitensoldntcn durch ihre merkwürdige Kopfbildung. Es gibt normale Soldaten mit großen Köpfen und langen Oberkiefern und sogenannte Nasensoldaten, deren Kopf nasenförmig zu einem Rohre auS» gezogen ist. Diese beiden Kategorien können wieder in verschiedene Unter» äbteilungen zerfallen. So g-bt es Nasensoldaten. deren lange Nase vorn gegabelt ist, breft- und sckinalköpfige, solche mir verkümmerten und mit langen Oberkiefern, größere, mittlere und kleinere, eine Fülle von Formen, die die der Ameisen weit übertrifft._ BorweriS Buchtruckerer u-Berligiannaft Uaui Suiga&to.,)8eclmSW.