Mnlerhalwngsblatt des vorwärts Nr. 67._ Donnerstag den 7. Aprll. 1910 (Nachdruck verdotea.) b] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Nun begann er sich langsam auf den Fersen herumzu- drehen, so daß die straffgespannte Binde sich enganliegend um seinen Leib wand. Mehrmals unterbrach der Torero seine Kreisbewegung, um nach der Tür zurückzupirouettieren und unerwünschte Lagerungen der Binde zu berichtigen, wobei er es an Schimpfworten und Verwünschungen gegen Garabato nicht fehlen ließ. Schließlich saß das Hüftentuch wie ange- gössen, der Diener vernähte und befestigte es mit zahlreichen Stecknadeln. Wiederum sehte sich Gallardo, und Garabato machte sich wieder mit dem Zopf zu schaffen, aus dem er die Haarnadeln entfernte, und befestigte daran die sogenannte Mona, eine Art Kokarde mit falschem Zopf. Der Meister griff wieder zu seiner Zigarre, die er auf dem Nachttisch hatte liegen lassen. und zog das Ankleiden so sehr wie möglich in die Länge. Alle Uhren schienen ihm vorzulaufen. Aber ein Kellner klopfte an und teilte ihm mit, daß die Mannschaft, die Cuadrilla, unten auf ihn wartete. Eine lveitere Verzögerung war nicht statt- hast. Ueber das Hüftentuch zog er die mit goldenen Borten besetzte Weste, und über diese die Chaquetilla, das Jäckchen. ein kostbares Kleidungsstück, schwer wie eine Rüstung, fun- kelnd wie ein Goldhelm. Das braune Seidenzeug war nur noch an der Innenfläche der Aermel und an den Schulter- blättern sichtbar, den ganzen Rest überwucherten vielverfchlun- gene, mit Perlen und farbigen Steinen besäte Goldstickereien. Die Achselstücke bestanden aus wuchtigen goldenen Raupen mit herabhängenden goldenen Lappen. Aus den goldgestick- ten Brusttaschen hervor lugten die Zipfel zweier feuerroter seidener Schnupftücher. „Wo bleibt die Montera." Garabato entnahm einer oOalförmigen Schachtel die charakteristische Kopfbedeckung der Toreros, eine Art zottiger Mütze von schwarzem Tuch, mit bauschigen Rundungen über den Ohren. Gallardo setzte sich die Montera auf, indem er Acht darauf gab, daß die Mona unverdeckt blieb. „Schnell, den Capote Herl" Garabato ergriff den auf einem Stuhl liegenden Mantel, in den sich die Stierfechter drapieren. Es war ein schwarz- seidenes, mit Goldstickereien überdecktes Gewand. Gallardo warf sich diesen prachtvollen Mantel um und beschaute sich im Spiegel. Nun konnte es losgehen. Auf zum Stierzirkus! Seine beiden Freunde empfahlen sich schleunig, um eine Droschke zu nehmen und ihm zu folgen. Garabato nahm unter den Arm ein großes Bündel roten Tuches, aus welchem die Griffe und Ohrbänder verschiedener Degen hervorlugten. Als Gallardo hinunter in den Hausflur kam, sah er die Straße mit einer lärmenden und wimmelnden Menge ange- füllt. Lautes Stimmengewirr drang durch die Haustier herein. Der Wirt und seine ganze Familie kamen herbei und reichten ihm die Hände, als nähmen sie Abschied von einem, der eine weite Reise unternimmt. „Viel Glück. Don Juan, daß es Ihnen wohlergehe." Auch die Dienerschaft nahm sich unter dem Einfluß der Begeisterung und der Rührung heraus, ihm die Hand zu drücken. „Hoffentlich läuft alles gut aus, Don Juan." Er grüßte lächelnd nach allen Seiten hin, ohne sich an die erschreckten Mienen der Damen des Hauses zu kehren. „Besten Dank. Auf Wiedersehen." Er war wie umgewandelt. Seitdem er sich seinen gleißen- den Mantel über die Schulter geworfen, erleuchtete ein sorg- loses Lächeln sein Gesicht. Stolz Wiegte er sich im Gehen und zog in großen Zügen an der Zigarre, die er in der linken Hand hielt. „Bitte, Eabbaleros(meine Herren). Platz machen. So, besten Dank." Dabei bestrebte er sich, sein Kostüm vor schmutzigen Be- rührungen zu bewahren, indem er sich vorsichtig Bahn brach zwischen den armseligsten seiner Bewunderer. Diese hatten kein Geld, um die Corrida zu besuchen, aber sie wollten die Gelegenheit benützen, um wenigstens dem berühmten Gal» lardo die Hand zu drücken oder auch nur das Kleid zu be- rühren. Hart am Bürgersteig hielt ein von vier Mauleseln ge- zogencr Wagen, deren prächtiges Geschirr mit Troddeln und Glöckchen behangen war. Garabato hatte sich bereits mit seinem Bündel auf den Bock geschwungen: hinten saßen drei Toreros mit der Capa(Mantel) über die Knie. Ihre bunten Anzüge waren ebenso reich gestickt, wie der des Meisters, aber mit Silber- anstatt mit Goldfäden. Gallardo wand sich mühsam durch die gaffenden Gruppen hindurch und erreichte den Wagentritt, wo Dutzende von mehr oder weniger unsauberen Händen ihm beim Einsteigen be- hilflich sein wollten und ihn, nicht immer sanft, in den Wagen hineinschoben. „Guten Tag. Caballeros", sagte er einfach zu den Leuten der Cuadrilla. Er nahm den hintersten Sitz ein, nahe dem Wagentritt, damit man ihn gut sehen könnte, und lächelte nickend in Er- widerung auf die Vivatrufe einiger lumpiger Weiber und Zeitungsverkäufer. Der Wagen setzte sich in Beivegung und erfüllte die Straße mit lustigem Schellengeläute. Die Volksmenge wich links und rechts aus, um dem Gespann Platz zu machen, aber viele Leute stürzten sich auf den Wagen, als ob sie absichtlich sich überfahren lassen wollten. Hüte slogen in die Luft, Stöcke wurden geschwungen, und es lief durch die tausendköpfi�e Menschenschar ein Beben der Begeisterung, eine jener psychi- schen Schwingungen, die sich von einem zun« andern fort- pflanzen und in gewissen Augenblicken die Massen unzurech, nungsfähig machen. „Die Tapferkeit lebe hoch! Vivat Spanien!" Gallardo, bleich und lächelnd, grüßte, indem er wieder „danke, danke" stammelte. Die Volksbegeisterung erschütterte ihn und er fühlte sich stolz darauf, daß sein Name mit dem des Vaterlandes verbunden wurde. Eine Schar von Straßenbuben und Mädchen mit zer« zausten Haaren wogte, so schnell ihre Beine sie tragen konnte. hinter dem Wagen her, als ob am Ende des tollen Rennens irgend ein außerordentlicher Lohn winkte. Schon seit einer Stunde durchzog die Calla de Alcala, die Hauptverkehrsader Madrids, ein Riesenstrom von Fuhrwer- ken, der zwischen zwei Ufern von dicht zusammengedrängten Fußgängern lief, hinaus nach der Plaza. Alle möglichen Fuhrwerke, alte und neue, Waren in dieser vorübergehenden Völkerwanderung zu sehen, von der ehrwürdigen, wie ein rollender Anacknonismus ans Licht gezogenen Postkutsche bis zum modernen Automobil. Die Tramwagen waren vollge- pfropft, und ganze Menschenknäuel besetzten die Trittbretter. Die Omnibusse an der Ecke der Calle de Sevilla füllten sich in einem Nu nrit Fahrgästen, während die Führer mit betäuben- den Rufen:„A la Plaza! A la Plaza!" zum Einsteigen einluden. Offene Wagen, in denen geschmückte Frauen mit der Mantille und grellfarbigen Blumen saßen, würden von buntbetroddelten, schellenrasselnden Maultieren gezogen. Jeden Augenblick ertönte ein Schreckensruf, wenn irgend ein Bube, der von einem Trottoir zum andern lief, durch ein Wahres Wunder mit heiler Haut davonkam. Die Hörncr der Kraftwagen erdröhnten, die Kutscher johlten und brüllten, die Zeitungsjungen riefen mit durchdringender Stimme die Extrablätter aus, die das Bild und die Biographie der be- rühmten Stierfechter sowie die genaue Beschreibung der zu opfernden Stiere brachten. Zwischen den schvarzgelleideten Stadtpolizistcn ritten auf dürren, armseligen.Kleppern breit- schultrige Männer, die goldgestickte Jäckchen und breitkrem- pige, mit einer dicken Quaste geschmückte Filzhüte trugen, und deren' Beine zwischen Eiscnschienen in gelben Lederhosen staken. Es waren Picadores, die das Stiergefeckst eröffnen. Die Cuadrillas fuhren im offenen Wagen vorbei, und die Goldstickereien ihrer Kostüme, die in der Sonne funkelten. schienen eine-faszinierende Kraft auf die Volksmasse auszu- üben, die Begeisterung ins Ungeheure zu steigern. ..Hin kommt Fuentes,"..der da ist Bomba"... Und die Leute verfolgten mit gierigen Blicken die schnell sich entfernen« den Wagen, als ob estvas Unerhörtes im Anzüge wäre, und sie fürchteten alle, zn spät zu kommen. Vom Höhepunkt der Calle de Alcala aus konnte man die breite, gerade Straße in ihrer ganzen Länge übersehen, in grelles Sonnenlicht gebadet, eingefaK in Baumreihen, die im Jrühlingshauch zu grünen begannen, mit neugierigen Leuten an allen Fenstern und auf allen Ballonen und einer unge- Heuren endlosen Menschen- und Wagenmenge, die zum Cibelesplatz herunter- und von diesem heraufgewogt kam. Weiter ab, dem Zirkus zu versperrte die Puerta de Alcali, wie ein großartiger Triumphbogen, die Aussicht, und ihre gewaltige Masse hob sich schneeweiß vom dunkelblauen Him- niel ab. in dem wie einsame Schwäne einige Wolkenfetzen schwammen. Gallardo saß schweigsam im Wagen, ab und zu nickend und lächelnd. Außer dem an die Banderilleros gerichteten Gruß hatte er kein Wort gesprochen. Auch sie waren still und blaß, mit der Angst vor dem Unbekannten im Herzen. Unter sich legten sie die vor den Augen des Publikums zur Schau getragene Pose der Unerschrockeuheit ab. Ein geheimnisvoller Einfluß schien die Menge vom Nahen der. letzten zum Zirkus fahrenden Cuadrilla in Kennt- nis zusetzen. Die hinter deni Wagen laufenden, Gallardo zujauchzenden Rangen hatten sich schon längst verloren, aber trotzdem schauten die Leute noch zurück, als fühlten sie im Rücken die Nähe des berühmten Toreros, blieben stehen und bildeten Spalier auf dem Rande des Trottoirs, um ihn besser zu sehen. In den vorausfahrenden Wagen wandten die Frauen die Köpfe, durch das Schellengeläute der trabenden Maultiere aufmerksam gemacht. Brausendes Stimmengewirr begeister- ter Beifallsrufe erhob sich aus einigen-wartenden Gruppen. Die einen schwenkten die Hüte, die andren schwangen ihre Stöcke wie zuin Gruße. Gallardo erwiderte allen mit seinem erstarrten Lächeln und schien sich der ihm dargebrachten Huldigungen noch kaum bewußt zu sein. Neben ihm saß der Nacional, wie er mit seinem Spitznamen hieß, sein Vertrauensmann, ein um zehn Jahre älterer Banderillero, ein vierschrötiger Gesell mit buschigen zusammengezogenen Augenbrauen und ernstem Gesichtsausdruck. Er war berühmt unter den Berufsgenossen wegen seiner Gutmütigkeit, seiner Rechtschaffenheit und seiner politischen Gesinnung. „Juan, Du hast Dich nicht über Madrid zu beklagen," sagte der Nacional,„das Publikum ist förmlich in Dich der- narrt." Aber Gallardo, als hörte er ihn nicht, antwortete dumpf: „Ich Hab' so'ne Ahnung, daß heute was passiert." Gerade als der Wagen den Cibelesplatz erreichte, mußte er einen Augenblick halten.'Ein großer Leichenzug kam vom Prado her und nahm die Richtung nach der Castellana, wo- durch der Wagen- und Menschenstrom in der Calle de Alcala zum Stillstehen gebracht wurde. Gallardo wurde noch bleicher und blickte nnt stieren, der- ängstigten Augen auf das vorüberziehende Kreuz und den Zug der Geistlichen, die ernste Gesänge anstimmten und teils mit Widerwillen teils mit Neid alle diese gottlosen Leute de- trachteten, die nur ans Vergnügen dachten. Ter Espada beeilte sich, seine Kopfbedeckung abzunehmen, und die Bandcrilleros taten ein Gleiches, ausgenommen der Nacional. „Donnerwetter nochmal," schrie Gallardo,„nimm doch 2cn Hut ab. Zum Teufel, bist Du verrückt?" Er warf ihm wütende Blicke zu, als beabsichtigte er, über ihn herzufallen: denn ihm war es. als ob dieser Ehrfurchts- mangel geeignet sei, das größte Unglück über ihn heraufzu- deschwören. „Na, gut, ich will den Hut abnehmen," sagte der Na- cional mit kindischem Schmollen, sobald das Kreuz vorüber- gegangen war.„Ich nehme ihn ab. aber nur vor dem Toten." Sie mußten eine gute Weile halten, um den langen Zug vorübergehen zu lassen. „Ist das ein Pech!" brummte Gallardo mit zornerstickter Stimme.„Wem konnte es nur einfallen, ein Begräbnis den Weg zur Plaza kreuzen zu lassen?... Der Teufel soll ihn holen! Ich wiederbol's, heute passiert was." Der Nacional lächelte mitleidig und zuckte verächtlich die Achseln.„Aberglauben und Fanatismus, alberne Vorurteile .-i Gott oder die Natur kümmert sich nicht um diese Tinge." tgortsetzung folgt. X (Rachdruck derdolen� „Gegen den inneren feind!" Von HanS Hyan. Als der Polizeiwachtmeister Göricke Punkt dreidiertelzwei seine Wohnung betrat, stand die Suppe nicht wie sonst auf dem Tisch. Der Tisch war allerdings gedeckt, aber der Wachtmeister war der Ansicht, daß dies tcinesweg genüge. Wenn er eintrat, hatte das Essen da zu sein! Von den zwei Mittagsstunden beanspruchte der Hinundherweg zum Präsidium eine halbe; die übrige Zeit benötigte er, um sich auszuruhen und zur.Jiidienstsetzung" seiner Uniform- gegenstände und Waffen.... Mariin Göricke ging mit seinen festen, dröhnenden Amtsschritten in die Küche, stieß die Tür aus und sagte: „Essen I" Man antwortete ihm aber nicht. Die beiden Frauen saßen an, Küchentisch und weinten. Bor ihnen lag ein offener Brief. Auf dem Herde verdampfte die Suppe und das Fleisch prazzelte im Topf. In diesem Moment schlug die Küchenuhr. die stets borging. zweimal.... Das erinnerte den Wachtmeister daran, daß er keine Zeit zu irgendwelcher Rücksichtnahme auf den Schmerz der Frauen habe, an dessen Ernst er übrigens vorläufig noch nicht glaubte. „Was soll'» das heißen I" polterte er los,„glaubt Ihr vielleicht, ich habe Zeit, auf Euer Genatsche zu warten, bis Ihr damit fertig seid?... nu macht mal'n bißchen fix. daß ich was zu essen kriege, versteht Ihr I... Oder denkt Ihr am Ende, meine Behörde wartet, bis es Euch gefällig ist?!" „Deine Behörde II" sagte Frau Göricke, eine lange, magere Person von einigen vierzig Jahren, und es war der Ton ab- gründigster Verachtung, in dem sie sprach. DaS Mädchen aber an ihrer Seite weinte nur noch heftiger. Sie legte jetzt den Kopf mit dem vollen, blonden Flechteukranz auf ihre runden Arme, die das leichte, helle Perkalkleid zur Hälfte frei- ließ, und schluchzte, daß der weiße Nacken auf und abflog. Martin Göricke empfand eine gewisse Beklemmung. Etwa so, wie wenn auf dem Bureau etwas UngebörigeS passiert war, von dem sich voraussehen ließ, daß die Vorgesetzten ihn dafür verantwort- lich machen würden. Das kam selbstvcrsiändlich nur alle heiligen Zeilen einmal vor, denn der Wachtmeister war die Ordnung und Pünktlichkeit in- Person... Und eben deshalb ging eS nicht an. daß aus sogenannten häuslichen Ursachen seine Zeiteinteilung der- artig gestört wurde... „Na, also, was ist denn los, zum Donnerwetter?" Er war wirklich gereizt und wiederholte noch lauter:„Ich will endlich wissen, was loS is I" Die Frau sah ihn böse an und zeigte auf den Brief, den der Wachtmeister an sich nahm und zunächst überflog. Da er aber auf diese Weise den Inhalt nicht begriff, war er, sebr gegen seinen Willen, genötigt, diesem„Wisch" eine Aufmerksamkeit zu schenken. wie sie seiner Meinung nach �höchstens meine amtlichen Schriftstült gebührte.... Er las: „Mein liebeS, liebes Bertelchen l... Ich schreibe Dich diesen Brief nicht gern. Aber es muß sein. Ich kann eS nicht anders machen. D» weißt ja. wie lieb ich Dich habe: aber nmi find andere am Werk. Sie können uns nicht auseinander bringen, das können Sie nicht. Aber meine Besuche bei Euch, die müssen aufhören l Dein Vater hat, wie Du wohl weißt, zu die Berittenen gehört, die am Wahlrechtssonntag in uns reingeritten sind. Zufällig gerade in Leute, die auf unsere Bude arbeilen. Und haben ihn auch erkannt, wenigstens einer. Vom Vergnügen damals, in der Hasenheide, wiv ich Dir noch den Claron vorstellte, wo Du so lachtest und sagtest: er ist zu drollig I... Natürlich hat es gar nichts zu sagen, denn ich liebe Dich doch und Du wirst doch meine Frau, aber kommen kann ich nicht mehr zu Erich, das gehl nicht. Dein Vater wird eS ja angenehm sein, aber er soll man nicht zu früh lachen! Wir Arbeiter haben auch'n Wort mitzureden und allzulange lassen wir'S uns nu nich mehr gefallen I Aber ängstige Dich nich. Bertcl, das ist alles bloß man so, und schließlich muß daS Proletariat doch siegen I— Jedenfalls spare man tüchtig weiter, ich auch! Wo wir unS sehen, weißt Du ja l... Grüße Deine liebe Mutter, Dein Vater kann— na meintwegen kann er Obcrwachtmeister wer'n oder ooch geheimer Oberwachtmeister, wie er will I Dir schenk' ich tausend Küsse, mein Herzblatt I Auf Wiedersehen I Dein Maxe." Ein böseS Lächeln hob den grauen Schnauzbart des Wacht- mcisters... Also endlich hörte diese Liebelei auf, mit dem ver- haßten Sozialdemokraten I Er warf den Brief auf den Tisch. „Ich will jetzt essen I" wollte er sagen. Aber ehe er noch das erste Wort hervorbrachte, fuhren beide Frauen kampfbereit in die Höhe und starrten den Gatten, den Vater haßerfüllt an. Die Tochter strich zärtlich über das Papier ihres Brieses und sagte mit zuckenden Lippen: „Laß dis man. Du!... Vcrstehste I... Jetzt, wo De mir alles genommen hast, da I..." Sie brach in lautes Schluchzen aus und sank wieder haltlos zusammen, warf den Kopf auf die Arme und heulte. „So." sagte Frau Göricke,„sol.. das haste jetzt davon I... Du weißt doch, daß der Arzt gesagt hat, sie soll sich nicht aufregen l Sie hat'n Herzfehler l. � Wenn fie jetzt was Passiert, denn bist Du schuld dran!.. Der Wachtmeister wand sich wie ein Aal...„DaS war ja gar nicht so schlimm mit dem Herzfehler I... aber ja,.. gesagt hatte ein Arzt mal sowas ähnliches...." Er wuhte gar nicht, was er tun sollte. Zuletzt sagte er in einer Art dumpfen ZorneS: .Was kann ich denn da machen? Wir werden einfach ab- kommandiert I Und wenn der Hauptmann sagt:.Schuppen runter!" oder.Attacke marsch 1* dann müssen wir eben reiten l Dann müßt ich reiten..." Er schlug sich in der Erregung mit der großen Hand bor die Brust, daß eS dröhnte..Denn müßt ich reiten, und wenn Du selber mit drin in der Masse ständest I..." Das hätt' er nicht sagen sollen, der Herr Wachtmeister Göricke— die Frau wurde förmlich rasend! Ihre Augen erweiterten sich funkelnd, ihre Naslöcher spannten sich und fie schüttelte die Fäuste bor seinem Gesicht, al-Z wollte sie sich auf ihren Mann stürzen! Dabei sprudelten die Worte nur so aus ihrem schmalen, blassen Munde hervor: .Also so bist Du... so I ,.. Das ist Deine Liebe zu Deiner Familie I Uns würd'ste auch totschießen I Wie's die Soldaten machen sollen I Du I Du I Du erbärmlicher Hallunke I... Das ist Deine Pflichttreue l Deine Anständigkeit I... Die jämmerlichen Fetzen da I" sie schlug mit der verkehrten Hand gegen seinen Uniform- rock,„in die Ihr Euch für ein paar elende Mark einwickeln laßt, die sind Dir lieber wie Deine Fran, wie Deine ganze Familie i.., Du I Du I... Du Scheißkerl!... Der Du bist!.. D c Wachtmeister wollte opponieren. Aber er kam nicht dazu, die Frau hatte ihm noch so viel zu sagen, daß das Mittagbrot jeden« falls ganz ins Ungewisse hinausgeschobe» wurde. „Was wärst Du denn beute, wenn ich damals beim Militär nicht meine paar Spargroschen sür Dich hergegeben hätte? I Weißt wohl nicht mehr, wie Du vor mir aus den sbien gelegen hast und ge« beten, vom Himmel zur Erde gebeten 1 1 Da hält' ich Dich man drin lassen sollen, daß Du den Betrug nicht hättest decken können, in der Regimentskalle I—' Denn wärste heute nich Wachtmeister bei de Pollezei und würdst.nich in de Leute reinreiten mir den ollen däm- lichen Gaul!... Un aus Deine Frau schießen, wenn sie in de Menge steht I... Verstehste Du!... Du Hanswurst! Du Schafs- kopp I Du!..." Werkmeister Göricke sah ein, daß der Feind heute zu stark sei, er beschloß, den Rückzug anzutreten, auch ohne Mittagbrot.... Schließlich konnte er ja auch mal in der Kneipe essen.... Natürlich zog er daS, was er verbrauchte, der Frau vom Wirtschaftsgelde ab I... Jetzt war er im Rückwärtsschreiten an die Küchentür gekommen, die er, der Held von Treptow, hinter seinem Rücken, immer sein Weib, wie der Tierbändiger den Löwen, im Auge behaltend, vor- sichtig öffnete, um sich dann vor der egal schimpfenden und schreienden Frau rasch zu drücken. Aber noch auf der Treppe hörte er sie. Und schlich förmlich die Stufen hinunter, froß, daß er keinen der übrigen Hausbetoohner traf, die ihn seit einiger Zeit übrigens so wie so nicht mehr grüßten...._ Der punktierte Goethe. Vom Privateigentum an Kulturwerten. In den Seminaren deutscher Universitäten, deren Professoren Beziehungen zum Weimarer Goethe-Archiv haben, pflegt man den aushorchenden Studenten mitunter Proben von Goetheschen Bersen zu geben, die nur den Intimen des verschlossenen Schatzes zugänglich sind. Selbst die unendliche Bändezahl der nur sür Millionäre be- rechneten Weimarer Goethe-AuSgabe birgt diese Aeußerungen Goetheschen Urwesens nicht; nur in dem gelehrten Beiwerk dieser Ausgabe sind Proben und Andeutungen— lediglich für die Kenner der germanistischen Tabulaturen aufftndbar— verstreut, aber keines- weg? vollständig. Diese willkürliche Konfiskation Goethescher Schöpfungen ist nicht der Sorge entsprossen, daß nur Wertvolles unters Volk kommen solle. Ganz im Gegenteil. Man hat jeden Papierketzen veröffent- licht, auch wenn auf ihm der gleichgültigste, leerste Tand verzeichnet war. Jene unterdrückten Werke aber gehören zu dem Gewaltigsten, was Goethe hervorgebracht, und gerade ihre die Grenzen allen ein- gepferchten Menschenmins sprengende Freiheit hat jene Bormünder des Genius und seiner Gemeinde gereizt, diese Eingebungen der kühnsten Schrankenlosigkcit zu versperren. Die innersten Ausfafiungen des Dichters vom christlichen Kirchentum und vom menschlichen Geschlechtswesen offenbaren sich in diese» der Oeffentlichkeit ent- zoaenen Zeugnissen, und die feige und niedrige Angst vor der un- befangenen Regung des Großen hat diese Verstümmelung des Goethe- Werks unternommen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Goethe gerecht zu werden. Entweder begnügt man sich, Goethes Werke immer wieder so zu veröffentlichen, wie er fie selbst in seiner Ausgabe letzter Hand unter die Leute gehen lassen wollte; oder— hält man sich einmal für befugt, den ganzen Goethe, wie ihn sein Nachlaß gestaltet, zum Gemeingut zu machen, dann haben wir ein Recht, wirklich den ganzen Goethe zu verlangen, in seiner ganzen Unbefangcuheit, und nicht einen von Zivergenhand ausgewählten, zensurierten Goethe. Nur der künstlerische Wert darf für die Veröffentlichung entscheidend sein, niemals die fittliche Gesinnung, die Prüderie und Frömmelei nach ihren Maßen zurechtzuschnitzen sich vermißt. Diese freche Willkürherrschaft einzelner zufälliger Personen über die höchsten geistigen Güter ist ein deutscher Skandal, der endlich einmal die Gesetzgeber bewegen sollte. Die Entziehung kulturelleir Gemeinbesitzes durch angemaßtes Privateigentum ist die unerträg- lichste Erscheinung der bcsitzmonopolistischen Wirtschast überhaupt. Es find besonders drei Werke, an denen die Konfiskatoren und ensoren sich vergangen haben, die Werke, in denen Goethe sein etzieS auszusprechen begehrte und in denen er zugleich beweist, wie die künstlerische Form jeden Inhalt adelt, wie nichts Menschliches der Kunst an sich fremd zu sein braucht. Die römischen Elegie» heidnischer Sinnlichkeit sind immer noch nicht vollständig veröffent« licht, und wer da etwa daS Gebet an die Götter, den Dichter vor der Syphilis zu schützen, kennt, der ahnt, welche Herrlichkeiten reinster Kunst hier die unkeusche Einfältigkeit geraubt hat. Man hat weiter von den Faustftagmenten vieles unterschlagen, Verse und Szenen, in denen Goethe den mephistophelischen Unflat zu unerhört kühnen Weltphantasien in dämonischer Bildkrast gestaltet. Und end- lich hat man in den Venetianischen Epigrammen, den holdesten Ver- wegenheiten eines freien Geistes, barbarisch gehaust. Das Verfahren der Goethe-Hüter läßt sich jetzt anschaulich er« kennen, seitdem kürzlich der Leipziger Verlag von Zeitler die Vene» tianischen Epigramme in einer besonderen Ausgabe herausgegeben hat. Diese Ausgabe will alles zusammenstellen, was von den Vene- tianischen Epigrammen zu ermitteln ist. Es sind 64 Stücke mehr veröffentlicht, als Goethe selbst in Druck gegeben hat. AuS den ge» lehrten Noten der Weimarer Ausgabe, aus Inhaltsverzeichnissen und Registern, selbst auS einem Belegbeispiel des Grimmschen Wörterbuchs der deutschen Spracbe sind Bruchstücke mühsam zusammengetragen worden. Und doch sind alle Epigramme vollständig im Goethe-Archiv vorbanden. Aber, so klagt der Herausgeber dieser Sammlung,„daS deutsche Volk ist nicht reis, den Dichter der Venetianischen Epigramme ganz zu besitzen. Das ist wenigstens die Meinung der leider maß» gebenden Stelle in der Verwaltung des Goethe-ArchivS zu Weimar, die einen beträchtlichen Teil der handschriftlich vorhandenen Vene« tianischen Epigramme von dem Abdruck in der Weimarer Goethe» Ausgabe ausschloß. Man erzählt, daß diese„nicht mitteilbaren" Epigramme von der verstorbenen Großherzogin von Sachsen, der ersten Eigentümerin des Archivs, eigcnbändig unter Verschluß und Siegel genommen und seitdem von keines anderen Menschen Auge wieder erblickt seien". Ein paar Stücke hat ein Zufall durchschlüpfen lassen, eines der „unanständigsten" siin Sinne der erlauchten Dame) offenbar, weil sie nicht lateinisch verstand. Sonst deuten nur ein paar Anfangsworte auf den versiegelten Reichtum hin und dann folgen— Punkte. Die geistige Leitung der Weimarer Gocthediener besteht offenbar darin, daS Leben durch Zeuiurpunkte zu ersetzen, Goethe bat die Venetianischen Epugramme so geliebt, daß er das Büchlein sich ins Heidengrab gewünscht hat: „So umgebe denn spät den Sarkophagen des Dichter? Diese Rolle, vom ihm reichlich mit Leben geschmückt." Aber die fromme Zucht hat dann die Grabschändung verübt und die Rolle zertrümmert. Und so finden wir in der Sammlung unter Nr. 6 ein Epigramm, das dieses Aussehen hat: In dem engsten der Gäßchen..... In dem engsten der Gäßchen schlüpften augenscheinlich die hurtigen Lazerten, die Goethe mehr achtete als alle Herzoginnen der Erde. Das von Goethe selbst veröffentlichte 11. Epigramm— Frau Sophie hätte es sicher sonst auch versiegelt!— gewinnt erst Farbe, wenn man die folgenden des Nachlasses kennt. Aus den gewöhn- lichen Ausgaben kennen wir die Verse: Wie sie klingeln die Pfaffen! Wie angelegen sie'S machen, Daß man komme, ja nur plappre, wie gestern so heut! Scheltet mir nicht die Pfaffen; fie kennen der Menschen Bedürfnis! Denn wie ist er beglückt, plappert er morgen wie heut! Darauf folgen eine ganze Anzahl„schlimmerer" Epigramme: Höllengespenster seid ihr und keine Christen, ihr Schreier, Die ihr den lieblichen Schlaf mir von den Augen verscheucht! » Heraus mit dem Teile des Herrn, heraus mit dem Teile des GottcS Als die heiligen Reste Gründonnerstag Abends zu zeigen, In Sankt Markus ein Schelm über der Bühne sich wies. „Offen steht das Grab! Welch herrlich Wunder! Der Herr ist Auferstanden I" Wer glaubt's? Schelme»», ihr trugt ihn ja wen. Töricht war es, ein Brot zu vergotten, wir beten ja alle Vm das tägliche Brot:»geb es der Himmel uns heut'. » Warum macht der Pfaffe so viele tausend Gebärden, Und verscheucht euch nicht wieder zur Hölle zurück? Furchtbares läßt der Anfang ahnen: Soeben hast du dein Volk erlöst...... ES folgen sieben punktierte Reihen. In den Lesarten der Weimarer Ausgabe war man so vorsichtig, nur die ersten fünf Worte abzudrucken, die gar keinen Fingerzeig auf den Inhalt geben. Das aufklärende sechste Wort„erlöst' wurde aus einem Register ermittelt. Und was mögen die Punkte im folgenden Epigranim verbergen: Krebse mit nackten Hintern....... Ehrist und Mensch ist einS, sagt Lavater richtig l Die Christen Decken die nackende Scham weislich mit Menschenvernunft. Freien Menschen gezieme eS nicht, Christ zu sein, heißt es in einem anderen Epigramm. Bon Pfaffen und Dirnen berichten die Venetianischen Verse, von Goetbeschem Haß und Goethescher Liebe. Er höhnt die Pfaffen und streichelt die Dirnen. Nicht nur die Gottlosigkeit, auch die Liebes- freudigkeit ward versiegelt: Auszuspannen befiehlt der Vater die Schenkel...... Punkte entziehen uns die weitere Ausführung des väterlichen Rates. Die köstliche Anmut des Zöschens ist bor dem Sophienwahn wie durch ein Wunder gerettet worden: Köstliche Ringe besitz ich l Gegrabne fürtrcffliche Steine Hoher Gedanken und Stil? fastet ein lauteres Gold. Teuer bezahlt man die Ringe, geschmückt mit feurigen Steinen Blinken hast du sie oft über dem Spieltisch geseh'n. Aber ein Ringclchen kenn ich. das hat sich anders gewaschen, Das Hans Carvel einmal traurig im Alier besaß. Unklug schob er den kleinsten der zehn Finger ins Ringchcn; Nur der größte gehört würdig, der eilfte, hinein. Und auch da? folgende Heidenbekenninis, das aus der griechischen Anthologie stammen könnte, hat ein gütige? Schicksal bewahrt: Knaben liebt' ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen: Hab' ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch. Aber Iva? das Dirnchen zum Dichter spricht, darf lvieder nur eine Großherzogin wisten: Seid ihr ein Fremder, mein Hero...... Dann folgen 13 punktierte Zeilen. Die gute Gesellschaft hat sich an dem Dichter für das Epigramm gründlich gerächt: „Hast du nicht gute Gesellschaft geseh'n? ES zeigt uns dein Büchlein Fast nur Gaukler und Volk, ja was noch niedriger ist.' Gute Gesellschaft Hab' ich peseh'n; man nennt sie die gute. Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt. Selbst aus politischen Gründen hat man Goethe gemaßrcgelt, der doch wahrlich nicht zu den Revolutionären gehörte: Dich betriegt der Regente, der Pfnffe, der Lehrer der Sitten Leider läßt sich kaum das rechte Denken mit sagen, Und verletzet den Staat. Götter und Sitten zugleich. Im zwanzigsten Jahrhundert noch empkängt die Menschheit ihren Goethe aus den Händen irgend einer Fürstin— nach derem Gut- dünken. Die gesetzlich aufgehobene Zensur wird durch das Privat- eigentlim praktisch verewigt. Dieser heillose Zustand verdient endlich einmal ernste Aufmerksamkeit. ES handelt sich nicht um Goethe ollein. Es sind noch andere Geister für die Oeffentlichkeit verriegelt. LastalleS Nachlaß ist z. B.„erbrechtlich' von einer Junkerfamilie gesperrt, vielleicht vernichtet, vielleicht an das preußische Staat»- archiv ausgeliefert worden. Au? FichleS Nachlaß, der sehr bedeutsam zu sein scheint, hat vor vielen Jahrzehnten sein Sohn Proben ge- geben: alles andere ruht unbenutzt in der Königlichen Bibliothek zu Berlin— zur Verfügung höchstens für ganz„zuverlässige' Staatsbeamte. Das Recht des Volkes auf seinen geistigen Kulturbcsitz muß endlich gesetzlich gesichert werden. Die Srböpfuiigen der Phantasie und die Gedankcugebilde find Gemeingut. Wir bedürfen keiner Hüter de» Horts!_ Kleines■peuiUeton. Berühmte Aetna-AuSbrüche früherer Zeit. Für den kundigen Geologen sind Aetna und Vesuv zlvei verschiedene Welten, so nahe sie auch benachbart sind. Die beiden Berge weichen in der Gestalt Verautw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: weit voneinander ab. Der Vesuv hat nur einen Krater, während der Aetna bei dem jetzigen Ausbruch aus ungefähr zweihundert Oeffnungen gleichzeitig Lava und Schlacken entsendet. Jener he- findet sich fast immer«n einem gewissen Grad der Tätigkeit, während dieser oft viele Jahre lang fast ganz zu ruhen scheint, und was de« Unterschiede mehr find. Ueberhaupt ist der Aetna vergleichsweise ein langweiliger Vulkan. Sein Hauptkrater ist in der Regel bis in unabsehbare Tiefen vollkommen leer und füllt sich nur in ver« bältnismäßig langen Zwischenräumen bis an den Rand mit Lava. Dagegen beweist die außerordentliche Ausdehnung der Fläche, die von den Laven des Aetna bedeckt sind, daß er sich zum Vesuv bei- nahe verhält wie ein Riese zu einem Zwerg. Und wenn der Vesuv durch die Folgen seiner Ausbrüche in der Geschichte der Menschheit »och berühmter geworden ist, so ist der Umstand hauptsächlich der Tatsache zuzuschreiben, daß man weniger Respekt vor»hm gehabt und sich immer wieder in seiner unmittelbaren Nähe angesiedelt hat, während der gewaltige Dom des Aetna mit seinem öden und ungangbaren Lavagcstein die Menschen aus der Nähe seine? Schlotes fern hielt. Einer der berühmtesten Ausbrüche des Aetna war der von 1669, der eine ausgezeichnete Beschreibung durch den Earl of Winchilsea, einem zufälligen Augenzeugen jenes Natur- schauspicls, erfahren hat. Er schildert die Eruption als„eine Uebersckavemmung von Feuer, eine Flut von feurigen Aschen und brennenden Steinen, die mit solcher Gewalt brannten, daß ihr Strom in einer Breite von einer Meile bis zum Gestade deS Meeres und noch GOO Ellen darüber hinaus sich fortwälzte, und was meine Bewunderung noch steigerte, war der Anblick, wie diese Masten gleich rauhen Felsblöcken im Meere selbst bei vier Faden Wasserticfe noch weitcrbrannten'. 49 Tage dauerte der Ausbruch, der nach dem Zeugnis des englischen LordS die Wohnstätten von 27 ovo Menschen zerstörte und zlvei Berge aufhäufte, hundert Schritt hoch und vier Meilen im Umfang. Von den 20 000 Einwohnern der alten Stadt Catania blieben überhaupt nur 3000 zurück. Die beste wissenschaftliche Beschreibung hat der Aetna durch den beut- sehen Geologen, Sartorius v. Waltershausen erfahren, der ihm ein berühmtes Werk gewidmet hat. Nach der Angabe dieses Gelehrten, dessen Forschungen jetzt 50 Jahre zurückliegen, lebten damals auf den Gehängen des Aetna immerbin 300 000 Menschen, allerdings in sehr verschiedener Verteilung. An dem Berge lassen sich drei verschiedene Zonen unterscheiden. In den untersten 600 Metern der Erhebung gedeihen alle Gewächse Siziliens, Orangen und Feigen, Pistazien und Oliven, der Weinstock und der Maulbeer- bauin. Die zweite Zone reicht ungefähr bis 1800 Meter hinauf und gehört den Waldbäumen an, namentlich Eiche, Birke, Pappel. Kastanie und Pinie. Innerhalb dieses Gürtels bestehen vierzehn gesonderte Waldgebiete. Die ganze Bergniaste bis zum Gipfel aber ist eine Wüste ans schwarzen Sandschlacken. Asche und Lava- mästen. Ihre Fläche bedeckt wenigstens 25 Quadratkilometer, und vom Herbst bis ins Frühjahr hinein ist sie in Schnee gehüllt, der in den höchsten Teilen sogar noch zur Sommerszeit gelegentlich in Spalten angetroffen wird. Astronomisches. Der Hallehsch-e Komet in Japan. Ein Beamter der Sternwarte in Tokio. Dr. Hirahama, macht in der Monatsschrift „Observatory' die überraschende Mitteilung, daß der Hauehsche Komet in seinem Vaterlande schon länger als ein Jahrtausend beob- achtet worden sei. Es bestehen angeblich Ueberliefcrungcn und Auf- zeichnungen über die Erscheinutzigen dieses Kometen bis zum Jahre 684 unserer Zeitrechnung zurück, und zwar außer diesem Jahr von den Jahren 837, 912, 989, 1966, 1145 und 1222. Da die Japaner b'.s auf die letzten 50 Jahre, wo sie im Anschluß an die europäische Kultur einen so beispiellosen Aufschwung genommen haben, einer wissenschaftlichen Betätigung kaum zugänglich ge- Wesen sind, wie man wenigstens bisher immer angenommen hat. ist es auffällig, daß sie in der Astronomie zum mindesten bei solchen Gelegenheiten schon Interesse und Beobachtungssinn gezeigt haben sollten. Namentlich die Beschreibung deS Hallehschen Kometen vom Jahre 1145 ist recht eingehend und merkt schon die eigentümlich« Tatsache an, daß der Komet auch nach dem Verschwinden seines Schweifes noch sichtbar blieb. Der alte japanische Chronist erklärt diesen Umstand daraus, daß das Licht des Schweifes durch die Gegenwart des Mondes überstrahlt wurde. Die Jahre der Beob- acktung des Kometen durch die Japaner stimmen mit den Bercch- nungen der Umlaufszeit deS Gestirns sehr wohl überein. Es wäre besonders interessant, diese japanischen Aufzeichnungen mit denen zu vergleichen, die in Europa aus dem Mittelalter erhalten ge- blieben sind. UebrigenS hat sich jetzt in England jemand gefunden. der sich noch genau auf die Erscheinung des Hallehschen Kometen im Jahr 1835 zu besinnen weiß. Dieser Mann, namens Brothers, der wohl jetzt ein hoher Achtziger sein muß, hat darüber noch vor der Literarischen und Philosophischen Gesellschaft in Manchester einen Vortrag gehalten. In seiner Erinnerung steht der Komet als ein nicht besonders glänzendes Schauspiel, das namentlich hinter dem späteren, nach Donati benannten Kometen erheblich zurück- stand. Danach würde noch weniger Hoffnung darauf bestehen, vaß der Komet diesmal sich zu besonderer Pracht entwickeln könnte. vor»«rr« Bucvdruckerci u.BertegSanslalr Paul Sniger Sc�o..Oerlrn S W.