Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 69. Sonnabend den 9. April. 1910 (Ra4$rs(t Mcfieten.) 73 Die Hrcna. Roman von Vicente Blaseo Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Die Stierfechter rückten aus dem Schatten in den Bereich des grellen Lichts vor. aus dem Schweigen des Ganges auf die mit brausenden Tönen angefüllte Wahlstatt. Auf dem weiten Rund erschienen die Stierfechter infolge des Licht- essekts und der Perspektive zwerghaft verkleinert. Sie glichen glänzenden Püppchen. deren Goldstickereien die Sonnen- strahlen in irisierenden Tönungen spiegeltem Ihre graziösen Bewegungen entzückten die Zuschauer, so wie der Anblick eines wundervollen Spielzeugs Kinder bezaubert. Gleich dem Glutwind, der über ein Aehrenfeld streicht, zog ein gewaltiger Hauch der Begeisterung durch die tausendköpfige Menge. Die Leute klatschten Beifall, stampften, brüllten durcheinander, und inmitten dieses von beiden Seiten, vom Ausgangstor bis zur Loge des Präsidenten sich erhebenden Getöses marschierten die Cuadrillas auf, in feierlichem Tritt. Hoch oben in der tiefblauen Luft kreisten weiße Tauben, wie erschreckt über das donnernde Gepolter da unten in dem Backsteinkrater. In dem Maße, wie die Stierfechter auf der Arena weiter- schritten, fühlten sie sich wie umgewandelt. Nicht für Geld allein setzten sie ihr Leben ein. Hinter sich, hinter den Schran- ken ließen sie mit einem Mal ihre Angst zurück, die ihnen die unbekannte Zukunft einflößte. Jetzt standen fie auf dem Kampfplatz, im Angesicht des Publikums, der greifbaren Wirklichkeit gegenüber, und die Ruhmsucht ihrer einfachen und barbarischen Gemüter, die Begierde, sich vor den übrigen Genossen hervorzutun, der Stolz auf ihre Kraft und Ge- wandtbeit blendete sie, ließ sie jede Furcht vergessen und er- füllte sie mft brutalem Wagemut. Gallardo sah aus wie verklärt; beim Gehen richtete er sich in die Höhe, um größer zu erscheinen, alle seine Bewegungen hatten etwas Gespreiztes und Aufgeblasenes, und er blickte übermütig und siegesbewußt nach allen Seiten hin, als hätten seine beiden Kollegen nicht bestanden. Alles gehörte ihm nur allein, die Arena und das Publikum. Er fühlte sich sicher, es mit allen Stieren, die auf den Triften Andalusiens und Kastiliens grasten, aufzunehmen. Alle Beifallsbezeugungen galten nur ihm, daran zweifelte er nicht. Auf ihn allein. dessen war er gewiß, waren die Tausenden von Frauenaugen gerichtet, die in den Logen und hinter den Barrieren unter den weißen Mantillen hervorblitzten. Das Publikum vergötterte ihn, und er schritt mit selbstgefälligem Lächeln einher, als ob die ganze Ovation einzig ihm gälte, wobei er seinen Blick über die Sitzstufen gleiten und an jenen Stellen verweilen ließ, wo seine Anhänger sich in größerer Anzahl anhäuften. Alle Stierfechter grüßten den Vorsitzenden, indem sie ihr Haupt entblößten, und der glänzende Aufzug löste sich auf. Retter und Fußgänger zerstreuten sich über den Platz. Wäh- rend ein Alguacil in seinem hingehaltenen Hut den vom Vor» sitzenden hinabgeworfenen Schlüssel des Zwingers auffing, wandte sich Gallardo nach den Schranken hin, hinter denen das Gros seiner Bewunderer saß, und übergab diesen seinen Galamantel zum Aufbewahren. Die herrliche Capa, von zahlreichen Händen ergriffen, wurde über den Rand der Barriere ausgebreitet, wie ein Paniy�zu dem sich alle, die es mit ihm hielten, bekannten. Die begeisterten Verehrer grüßten den Matador, indem sie mit Händen und Stöcken herumfuchtelten und lärmend rhren Erwartungen Ausdruck gaben. Hoffentlich werde er wieder zeigen, was er zu leisten fähig war! Er lächelte geschmeichelt allen zu, mit den Ellenbogen auf die Barriere gestützt, und sagte in einem fort:„Besten Dank, meine Herren! Ich werde mir schon Mühe geben." Aber nicht nur seine besonderen Anhänger fühllen sich durch seinen Anblick erregt, die ganze Plaza blickte mit ge- spanntem Interesse auf ihn und versprach sich ein aufregendes Schauspiel. Er gehörte eben zu den Stiersechtern, die eine Anwartschaft aus das„Wachstuch" hatten, worunter im Jargon der Aficionados das Wachstuch der Lazarettbetten gemeint war. T Alle lebten der Ueberzeugung, daß er dazu ausersehei» war, in der Arena an einem Hornstoß zu sterben, und gerade deswegen jaudjzten sie ihm mit mordlustiger Begeisterung zu, mit barbarischem Interesse, ähnlich dem jenes Menschen« hasiers, der überall hin einen Tierbändiger begleitete, in de« zähen Hoffnung, ihn einmal von seinen wilden Bestien zew rissen zu sehen. Gallardo lachte die bejahrten Aficionados, die gewichtigen Doktoren der Tauromachie, aus, die den Satz aufgestellt hatten, daß ein Stierfechter unmöglich verunglücken kaum so lange er sich an die Regeln der Kunst hält. Was scherten ihn die Regeln? Er kannte sie nicht und wollte sie nicht kennen. Mut und Kühnheit genügten, um zu siegen. Und so hatte er, so zu sagen blindlings, ohne anderen Leitfaden als seine Toll« kllhnhett und ohne andere Hilfe als seine Muskelkraft und Gewandtheit in einem Nu die höchsten Stufen seiner Lauf« bahn erstürmt. Er war nicht bedächtig, schrittweise vorwärts gekommen, wie andere Matadore, die unter berufenen Vorgängern lange Jahre hindurch als Knappen und Banderilleros dienen. Die Kampfstiere machten ihn nicht bange.„Schlimmere Horn« stöße versetzt der Hunger." Worauf es ihm ankam, war, schnell aufzusteigen, und so hatte er von vornherein als Espada debütiert und es in wenigen Jahren zu einer ungeheuren Popularität gebracht. Das Publikum bewunderte ihn, eben weil es sein un- glückliches Ende für unvermeidlich hielt. Der tolle Wagemut, mit dem er dem Verderben Trotz bot, verschaffte den Zu« schauern einen seltsamen Nervenkitzel, und sie überhäuften ihn mit denselben Aufmerksamkeiten und Rücksichten, die man am Tag der Hinrichtung einem zum Tode Verurteilten entgegen- bringt. Dieser Stierfechter gehörte nicht zu denen, die sich schonen; er warf sich weg und gab sich ganz hin, mft Leib und Leben. Er war das Geld wert, das er kostete. Und die Menge, im bestialischen Hochgefühl derer, die eine Gefahr von sicherem Ort aus mit ansehen, zollte dem Helden Beifall und hetzte ihn weiter. Die vernünftigen Leute schütteln bedenklich den Kopf über seine Bravourleistungen, sie hielten ihn für einen Selbstmörder, der Glück hatte, und murmelten:„Der Krug geht so lange zu Wasser..." Ein langgezogener Trompetenstoß ertönte, und der erste Stier kam hereingestürzt. Gallardo, den schmucklosen Kampf« mantel über den Arm geworfen, blieb dicht an der Barriere stehen, in einer hochmütigen Unbeweglichkeit, indem er sich einbildete, die Augen des gesamten Zuschauerkreises seien auf ihn geheftet. Der Stier war für einen andern. Er würde schon anfassen, wenn die seinigen an die Reihe kämen. Aber der den Kollegen wegen ihrer Geschicklichkeit im Necken des Stiers gespendete Applaus ließ ihm keine Ruhe; so ging er auf den Stier los und führte mit dem bunten Tuch einige Kunststücke aus, bei denen die Kühnheit größer als die schul« gerechte Mcwstria war. Trotzdem erntete er stürmischen Bei» fall, so sehr war das Publikum von seiner Waghalsigkeit ein- genommen. Als Fuentes den ersten Stier niederstreckte und die bei« fallklatschende Menge mit leichtem 5kopfnicken griißte, wurde Gallardo noch bleicher, als ob jede Aeußerung des Gefallens, die nicht ihm galt, einer Verletzung gleichkäme. Jetzt war die Reihe an ihn gekommen, da sollte man'mal sehen! Was er vorhatte, wußte er selbst bestimmt, aber das Publikum sollte einen ordentlichen Schreck bekommen. Kaum war der zweite Stier in die Schranken getreten, so schien Gallardo, angestachelt durch seinen Ehrgeiz, das ganze Rund auszufüllen. Er ruhte keinen Augenblick. Sein Mantel wehte fortwährend dem brüllenden Stier um die Ohren. Ein Picador seiner Cuadrilla, der, dessen Spitzname Potage war, wurde vom Pferde geworfen und kam völlig hilflos vor die furchtbaren Hörner zu liegen, aber in dem» selben Augenblick, wo diese ihn aufspießen wollten, faßte der Espada den Schwanz des Tieres und zog mit herkulischer Kraft an, so daß es gezwungen wurde, kehrt zu machen und von dem Gefallenen abzulassen. Ein langanhaltendes Bei« fallstosen belohnte diese Tat. Als es ans Heften der Banderillas ging, zog sich Gallardo in den von der Doppelbarricre gebildeten Gang zurück. Der Nacional stand im Mittelpunkt des Platzes und hielt eine Banberilla, einen kurzen, mit bunten Papierschnitzeln ge- schmückten, mit eiserner Spitze und einem Widerhaken der- sehenen Stock in jeder Hand und lockte den Stier durch Sen- ken und Aufheben der weitausgebreiteten Arme an sich lzeran. Er wußte nichts von graziösen Bewegungen und Bravour- stücken. Ihm kanl es nur darauf an, schlechthin sein Brot zu verdienen. Da unten in Sevilla gab es vier Rangen, die keinen zweiten Vater finden würden, wenn er starb. Er wollte einfach seine Pflicht tun. aber weiter nichts, also seine Banderillas anbringen, wie ein Tagelöhner der Tauromachie, ohne den Beifall zu suchen; ihm genügte schon, nicht ausge- pfiffen zu werden. Als er seine zwei spitzen Stäbe in den Nacken des Stieres geheftet hatte, gab es einerseits Beifall, andrerseits höhnische Bemerkungen, die sich auf feine Ideen bezogen. „Heda, weniger Politik und etwas mehr Courage l" Der Nacional hörte infolge der Entfernung nicht genau und antwortete lächelnd, wie sein Maestro: „Besten Dank, besten Dank." Als Gallardo von neuem beim Klang der Trompeten und Zimbeln, der den letzten Akt des Dranias ankündigte, in die Arena sprang, ging ein Schauer der Erregung durch die Menge. Das war der Matador, der ihr gefiel. Jetzt hieß es aufpassen. Er nahm die Muleta aus den Händen Garabatos, der ihm das bunte Fähnlein zusammengerollt übergab, schwang den ihm ebenfalls vom Diener dargereichten Degen und ging Mit kurzen Schritten in der Richtung der Präsidiumsloge. Er stellte sich, die Montera in der Hand, unter dieser auf und sprach dort die gewohnte Zueignung. Alle reckten die Hälse und verschlangen den Abgott mit den Blicken, aber niemand hörte auch nur ein Wort von dem, was er sprach. Die schlanke. stattliche Gestalt mit hocherhobenem Kopf und schwellender Brust wirkte auf die Menge ebenso mächtig wie die beredteste Ansprache. Als er zu sprechen aufhörte und eine Seiten- schwenkung machte, indem er seine Kopfbedeckung auf den Boden warf, brach ein donnernder Beifallssturm aus. Es lebe der Sevillaner Held I Jetzt soll man was Ordent- liches sehen I Und die Zuschauer warfen sich gegenseitig ver- ständnisinnige Blicke zu, indem sie sich erstaunliche Ereignisse versprachen. Ein erhabenes Schauspiel stand bevor. - Das tiefe Schweigen, das den heftigen Gemütsbewegun- �en voranzugehen pflegt, senkte sich aus die Menge, als sei der ungeheure Zuschauerraum plötzlich leer geworden. Das Leben dieser T«usende von Menschen war in den Augen erstarrt. Niemand schien zu atmen. Gallardo ging langsam auf den Stier zu. die Muleta wie eine Fahne vor die Brust haltend und in der Rechten den Degen pendelartig nach dem Rhythmus seiner Schritte schwingend. Als er einen Augenblick hinter sich schaute, gewahrte er, daß ihm der Nacional und ein weiterer Mann seiner Cua- drilla auf dem Fuße folgten, mit dem Mantel über dem Arm. in der Absicht, ihm beizustehen. „Weg mit Allen!" Seine Stimme dröhnte durch die Stille der Arena bis hinauf zu den fernsten Sitzreihen, und ein neuer Beifallssturm begrüßte ihn.„Weg mit Allen, hat er gesagt! Welch ein Mann I" Nun befand er sich ganz allein der Bestie gegenüber, und es wurde wieder ganz still. Ruhig entfaltete er die Muleta, hielt sie vor und ging so einige Schritte vorwärts, bis er dicht vor dem Maul des durch die Kühnheit des Mannes verdutzten und verwirrten Stieres stand. lgortsctzung folgt.x t.Pert«g»anit«tUPaulSmgcr(tzEo..>0erlrnLAi.