Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 71. Mittwoch, den 13 April. 1910 lvaSyma tttfpten.) »] Die Hrena. � Roman von Vicente Blasco Zbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. AlS der fünfte Stier, der für ihn bestimmt war, an die Reihe kam, stürzte Gallardo sich in die Arena, begierig, das Publikum wieder durch Heldentaten zu verblüffen. Kaum stürzte ein Picador, so war auch er schon da, um den Stier bis ans andere Ende des Ringes abzulenken, indem er ihn durch fortwährendes Mantelschwenken verwirrte, bis daS Tier unbeweglich stehen blieb. Dann setzte Gallardo ihm einen Fuß aufS Maul oder nahm die Montera ab und setzte sie auf die Stirne des Ungetüms. Ein anderes Mal benutzte er die Verwirrung des Stiers und hielt ihm in heraus- fordernder Keckheit den Bauch vor, oder kniete nahe vor ihm nieder, wobei wenig dazu fehlte, daß er sich vor dem Maul der Bestie auf den Boden ausgestreckt hätte. Die alten Aficionados protestierten unwillig. Alles Posienreißereien das! Hanswurstereien, die in früheren Zeiten nicht gelitten worden wären I Aber ihr Einspruch wurde von dem donnernden Beifall des Publikums über- dröhnt. Als die Trompete das Zeichen zum Banderillasheften schmetterte, stieg die Erwartung deS Publikums ins Unge- heure: denn Gallardo hatte dem Nacional die Stäbe aus der Hand genommen und ging dann auf den Stier los. ES entstand ein allgemeiner Protest. Er und Banderillas- heften!... Es wußte doch jedermann, daß er gerade hierin schwach war. Dieser Gang war nur für diejenigen, die schrittweise ihre Karriere gemacht, die lange Jahre hindurch Banderillas unter ihren Meistern gewesen, bevor sie zu Matadoren vorgerückt waren, und Gallardo war nicht in diesem Fall: er hafte am Ende angefangen und Stiere ge- tötet von dem Augenblick an, wo er in der Arena auf- getreten war. „Laß das sein! Laß das sein!" schrie die Menge. Doktor Ruiz fuchtelte hinter der Barriere in der Luft yerum und rief: „Das ist nicht? für Dich, mein Sohn, Du verstehst nur die großen Coups, den Todesstich." Aber Gallardo verschmähte diese Winke und hörte nicht auf Proteste, wenn ihn der Wagemut packte. Inmitten deS wüsten Lärms ying er schnurstracks auf den Stier zu und paff! bohrte er rhm die Banderillas in den Hals. Beide Stäube staken am unrechten Platz und hafteten lose, so daß einer auf den Boden fiel, als das Tier eine Bewegung mit dem Kopfe machte. Aber das war einerlei. Die Volksmenge ist ihren Abgöttern gegenüber nachsichtig und rechtfertigt sogar deren Mängel. So klatschte denn das Publikum zu Gallardos verwegener Leistung. Das machte ihn immer kecker. Er erfaßte ein weiteres Paar Banderillas und brachte sie an, ohne auf die Proteste der Leute zu achten, die für sein Leben fürchteten. Hierauf wiederholte er den Gang zum dritten Male, stets ungeschickt, aber mit solchem Wage- mut, daß, was bei andern ausgezischt worden wäre, ihm tosende Ausbrüche der Bewunderung einbrachte. Welch ein Mann! Me half das Glück diesem Mutigen! Der Stier behielt nur vier Banderillas von sechs, die Gallardo gehestet, und die vier saßen so lose, daß die Bestie sie kaum als lästig zu empfinden schien. „Er ist noch gar nicht ermattet." schrien die Aficionados mit Bezug auf den Stier, während Gallardo den Degen und die Mulcta ergriff, sich die Montera aufsetzte und ihn los- ging, stolz und gefaßt, vertrauend auf seinen guten Stern. „Hinweg mit allen!" rief er wieder. Als er merkte, daß jemand in seiner Nähe stehen geblieben und seinem Befehl nicht nachgekommen war, wandte er den Kopf und blickte zurück. Fuentes stand da in kurzer Ent- fernung. Er war ihm mit dem Mantel auf dem Arm gefolgt und heuchelte Zerstreutheit, aber im Grunde paßte er auf, um ihm im geeigneten Augenblick beizuspringen, da er ein Unglück ahnte. „Laß mich allein, Antonio," sagte Gallardo mit einem zugleich unwilligen aber respektvollen Ausdruck, als spräche er zu einem älteren Bruder. Und seine Geberde war so energisch, daß Fuentes die Achseln zuckte, als lehnte er jede Verantwortlichkeit ab; er kehrte ihm den Rücken und entfernte sich langsam in der Ueberzeugung, daß im nächsten Augenblick seine Hilfe not« wendig sein würde. Gallardo hielt das scharlachrote Tuch dem Stier vor die Augen, und dieser stach mit Wut danach, wobei der Stier, fechter leicht auswich. Ol6l— riefen die Aficionados. Abev fofort machte der Stier Kehrt und rannte auf den Matador los, indem er die furchtbaren Hörner in die Höhe warf und ihm den Degen und die Muleta aus den Händen riß. AI» der Matador sich entwaffnet und angegriffen sah, lief er auf die Barriere zu, aber schon hatte der Mantel FuentaS' das Tier abgelenkt. Gallardo erriet auf seiner Flucht den plötzlichen Stillstand des Stiers und sprang nicht über die Barriere, er setzte sich auf den Tritt unten und schaute ruhig nach dem nur wenige Schrftte von ihm entfernten Stier hin. Die Niederlage endigte mit einem Applaus wegen dieser zur Schau getragenen Kaltblütigkeit. Der Matador hob Degen und Muleta vom Boden auf, entfaltete sorgfältig den bunten Lappen und stellte sich wieder vor die Hörner des Stiers, aber weniger gefaßt, mit verbissener Wut und heißer Begierde, jenes Vieh zu töten, das ihn zur Flucht gezwungen vor den Augen von Tausenden seiner Bewunderer. Nachdem er den Stier ein wenig geneckt hatte, hielt er den entscheidenden Augenblick für gekommen. Er holte zum Stoß aus, indem er zuerst unbeweglich blieb, die Muleta gegen den Boden gesenkt und den Griff des nach vorn go» richteten Degens dicht vor den Augen. Das Publikum protestierte wiederum, indem es für sein Leben bangte. „Stoße nicht zu!... Ach Gott!.. Ein Schreckensruf erscholl durch den ganzen ZirkuS, alles stand entsetzt auf und starrte sprachlos hinab, während die Frauen das Geficht mit den Händen bedeckten oder sich krampf- Haft an den Arm des nächsten Nachbarn klammerten. Als der Matador zugestoßen hatte, war der Degen gegen einen Knochen abgeprallt, und da er nicht schnell genug zurück- zog, war er von einem der Hörner erfaßt worden. Gallardo blieb hängen, in der Mitte des Körpers erfaßt, und jener starke, hochgewachsene, fchivere Mann wurde geschüttelt wie eine ausgeftopste Puppe, bis das gewaltige Tler durch eine Bewegung des Kopfes ihn einige Meter weit von sich fchleu- derte. Wuchtig fiel der Torero auf den Sand nieder und blieb mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Bauch liegen, wie ein in Seide und Gold gekleideter Frosch. „Er ist tot. mausetot! Mftten durch den Bauch auf- gespießt!" schrien sie im Zuschauerraum. Aber Gallardo erhob sich zwischen den tuchschwenkenden Männern, die zu seiner Rettung herbeigesprungen. Er lächelle, befühlte sich den Körper und hob dann die Schultern in die Höhe, um dem Publikum anzuzeigen, daß ihm nicht» geschehen war. Ein Puff! Weiter nichts! Nur sein Hüften- tuch war kaput. Das Horn war durch diese starke Seiden- hülle gedrungen, ohne den Leib zu beschädigen. Er ergriff von neuem den Degen, aber niemand hatte mehr Sitzleder, denn man ahnte, daß die nächste Szene kurz und schrecklich sein werde. Gallardo ging mit blinder Wut auf das Tier zu. als ob er nicht mehr an die Gewalt seiner Hörner glaubte, seitdem er unversehrt davongekommen war. Er war entschlossen, zu töten oder zu sterben, aber sofort, ohne weiteren Aufschub. Entweder er oder der Stier! Er sah alles in roter Farbe, als ob seine Augen blutunterlaufen feien. Er hörte, wie einen fernen, aus einer anderen Welt kommenden Ton das Geschrei der Menge, die ihn zur Vorsicht mahnte. Bloß zweimal ließ er den Stier gegen die Muleta an- rennen, wobei ihm ein an seiner Seite stehender Mantel- Werfer behilflich war, und dann auf einmal, urplötzlich, blitz- artig, wie eine losgelassene Sprungfeder stürzte er auf den Stier los und senkte ihm den Degen bis an den Griff in den Nacken. Dabei beugte er sich so sehr über das Tier, daß eines der Hörner ihn streifte und unsanft zur Seite stieß. Aber er blieb auf den Beinen, und der Stier, nachdem er an ihm vorübergesaust, rannte in wildem Lauf bis ans andere Ende der Arena, brach dann zusammen und senkte den Kopf in den Sand, worauf ihm der Puntillero, von hinten heranschleichend, mit einem Dolch den Gnadenstoß gab. Das Publikum war ganz außer sich vor Begeisterung. Welch herrliche Corrida! Wie reich an Aufregungen! Dieser Gallardo stahl das Geld wirklich nicht! Seine Leistungen entsprachen durchaus dem teueren Preis. Jetzt waren die Aficionados mit Unterhaltungsstoff auf drei Tage hinaus versorgt. Welche Tapferkeit? Welch ein Kerl!... Und die Begeisterten schüttelte ein Art Kampffieber, und sie schauten um sich mit grimmen Blicken, als spähten sie nach feinden. „Der erste Matador der Welt!... Und wer das Gegen- teil behauptet, hat es mit mir zu tun." Der Rest der Corrida blieb unbeachtet. Nach den Glanz- lcistungen Gallardos schien alles schal und grau. � Als der letzte Stier gefallen war, stürzte ein wimmelnder Schwärm von Straßenjungen, Aficionados aus den unteren Klassen und Stierfechterlehrlingen hinab in die Arena. Sie umringten Gallardo und folgten ihm aus seinem Gang vom Präsidium zum Ausgangstor. Sie drängten und schoben ihn, alle wollten ihm die Hand drücken, sein Kleid berühren, und schließlich erfaßten die dreistesten unter ihnen, ohne sich an die Faustschläge des National und anderer Banderillos zu kehren, den Maestro bei den Oberschenkeln, hoben ihn auf ihre Schultern, und trugen ihn aus diese Weise durch den Ring und die Galerien bis hinauf auf die Straße. Gallardo nahni die Montera ab und grüßte die Gruppen, die ihm beim Vorübergehen entgegen jauchzten. In seinen Galamantel drapiert, ließ er sich wie ein Götzenbild herum- tragen, hochthronend über dem Strom der Madrider Mützen und Cordoveser Hüte, aus deren Mitte begeisterte Hochrufe erschallten. Als er im Wagen saß und die Calle de Alcala wieder hinabsuhr, begrüßt von der Volksmenge, die dem Stiergefecht nicht beigewohnt, aber bereits Kenntnis hatte von seinen Triumphen, verklärte ein Lächeln des Stolzes, der Zufrieden- heit sein schweißtriefendes Gesicht, aus dem noch die Blässe der überstandenen Aufregung lagerte. Der Nacional befand sich noch unter dem Eindruck des Unfalls seines Maestros und wollte wissen, ob er keine Schmerzen verspürte. Es sei vielleicht rätlich, Doktor Ruiz rufen zu lassen.„Ach was, mir ist gar nichts passiert! Eine Liebkosung... Mir kann kein Stier'was antun." lstortsetzung folgt.1 (Naibdruck verboten.) 4} Menn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. LönS. Noch drei neue Hunde kamen im Laufe der nächsten Stunde dazu, so daß nun neun Stück zu dem Schlittengespann gehörten, dem Buck zugeteilt war. Ehe eine Stunde vergangen war, standen sie angeschirrt, und fort ging die Fahrt gegen Dyea Canon zu. Buck war froh, aus dem Hafenlager fortzukommen, und wenn auch die Arbeit schwer war. so tat«r sie doch willig, ja sogar gern. Der Eifer, der über sie alle gekommen war und der auch ihn angesteckt �atte, überraschte ihn nicht wenig, mehr aber auch die große Ver- anderung, die mit Dasch und Solleks vorgegangen war. Es waren andere Hunde, sobald sie in den Sielen standen, alle Schläfrigkeit und alle Gleichgültigkeit war verschwunden; frisch und munter waren sie bei der Arbeit, und ihr höchstes Bestreben war, alles zu vermeiden, was die Fahrt hindern konnte; gegen nichts waren sie so empfindlich, wie gegen irgend einen Aufenthalt ihres Schlittens. Die Arbeit in den Sielen war ihre höchste Lust, für die sie lebten, und außer ihr schien ihnen nichts erstrebenswert. Dasch ging gleich vor dem langen Steuer, vor ihm Buck, und dann kam Solleks und die übrigen, alle voreinander ange�ilt; Leithund war Spitz. Buck war zwischen Dasch und Solleks eingespannt, um von ihnen zu lernen, und wie er ein guter, gelehriger Schüler war, so erwiesen sich die beiden als vorzügliche Lehrmeister. Manch kleiner Biß belehrte ihn über das, was er zu tun oder zu lasten hatte, nnd seitdem die Peitsche von Fran?ois ihm einmal recht fühlbar zu verstehen gegeben hatte, daß es in diesem Falle bester war, nicht an Vergeltung zu denken, ging er rnlug seines Weges weiter. Als er einmal während eines kurzen Aufenthaltes sich in die Stränge ver- wickelt hatte und dadurch die Abfahrt verzögerte, bekam er einen gehörigen Denkzettel von seinen beiden Lehrern. Die Verwickelung wurde dadurch natürlich noch viel schlimmer, aber Buck bemühte sich fortan, die Leinen straff zu halten, und als der Tag zur Neige ging, kam es nicht mehr vor, daß Dasch und Solleks Veranlastung hatten, an ihrem Schüler etwas zu rügen. Franeois hatte seine Peitsche nicht wieder gebraucht und Perrault klopfte ihm freundlich den Rücken, als er am Abend die Füße der Hunde untersuchte. Es war ein langer Weg gewesen. Heber vereiste Steine und über lockeren Schnee hatte er geführt bis hierher zum Lager am Bennetsee. wo Hunderte von Goldsuchern mit ihren Booten warteten, bis die Frühlingssonne die dicke Eisdecke geschmolzen haben würde. Zum zweiten Male wühlte Buck sein Loch in den Schnee und schlief den Schlaf des Gerechten. Am nächsten Tage ging es flott über vierzig englische Meilen, aber am folgenden und an manchem anderen Tage kamen sie nur langsam von der Stelle. Meist ging Perrault dann voran, mit großen, sehr breiten Schneeschuhen den lockeren Schnee ein wenig feststampfend, um ihnen die Arbeit nach Möglichkeit zu erleichtern» während Francis danebenhergehend den Schlitten steuerte. Tag für Tag war Buck in den Strängen. Und immer dasselbe Tagewerk in endloser Rechenfolge. Noch ehe der Morgen graute, wurde das Zelt abgebrochen und so und so viele Meilen weiter nordwärts bei anbrechender Nacht wieder aufgeschlagen, Feuer an- gezündet, die Mahlzeit bereitet und Rast gemacht. Buck war stets halb ausgehungert. Die anderthalb Pfund Fisch, seine Tagesmahl- zeit, verzehrte er wie nichts; er merkte kaum, daß er gefressen hatte, und steter Hunger quälte ihn. Die anderen Hunde bekamen sogar noch weniger als er, nur ein Pfund von dem getrockneten Eisch, aber sie waren auch nicht so groß wie er. waren auch dieses eben gewöhnt, und so fühlten sie sich wohl dab.i. Es dauerte nur kurze Zeit, und Buck hatte seinen ganzen Stolz verloren. Er. der sich sonst so gut zu benehmen wußte, tat es den anderen gleich. Er merkte bald, daß die Kameraden stets schneller mit der Mahjzeit fertig waren, als er, und daß sie ihn dann, be- stahlen. Und es half nichts, sich dagegen zu wehren. Wenn er ein kleines Stück verteidigte, konnte er sicher sein, daß ihm in- zwischen ein großes genommen wurde. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ebenso gierig zu schlingen wie die übrigen. Und so groß war sein Hunger, daß er sogar eines Tages sich an dem Eigentum der anderen vergriff. Er lernte, was er andere mn sah. Einmal sah er, daß Peit, einer von den zuletzt gekommenen Hunden, ein Stück Speck aus dem Zelte stahl, und er versuchte am nächsten Abend denselben Streich. Eine ganze Speckseite siel ihm anheim, und trotz des großen Aufruhrs, der deshalb im Lager entstand, ge- lang es ihm, unbemerkt damit zu entkommen. Nicht der Schatten eines Verdachtes siel aus ihn, und Dub, ein rechter Dummkopf, der gerade in der Nähe war, bekam die Prügel für die Mistetat. Soweit war es also mit ihm gekommen. Er bewies, daß er sich den Berhältniffen anzupassen verstand, aber auch zugleich den Niedergang seines moralischen Empfindens, einer Sache, die ihm jetzt auch entbehrlich, ja sogar hinderlich war Moral taugte wohl im Süden; wo Sitte und Anstand herrschte, da war es angebracht, das Eigentum und die Gefühle anderer zu achten; hier aber im Norden, wo der.Knüppel und das Recht des Reitzzahnes herrschten, da fuhr man schlecht dabei. Nicht als ob Buck diese philosophischen Betrachtungen angestellt hätte; aber er fühlte es unbewußt und instinktiv. Im Lande der Zivilisation hätte er sein Leben gelassen für irgendeine gute Sache, zum Beispiel bei der Verteidigung der Reitpeitsche seines Herrn» hier aber waren dergleichen Gefühle nicht am Platze. Er stahl ja nicht aus Freude am Diebstahl, sondern weil sein Magen es ge- bieterisch forderte, und er stahl auch nicht offen und frech, sondern heimlich und schlau; alles aus Achtung vor dem Knüppel und dem Zahn, die hier die Herrschast führten. Kurz und gut, er tat nicht, was er wollte, sondern er handelte nur wie er mußte. Seine Entwickelung oder bester gesagt seine Rückentwickelung ging sckmell. Seine MuSkeln wurden hart wie Eisen und un- empfindlich gegen Schmerzen. Er konnte alles fressen, wie ekelhaft und unverdaulich es ihm auch früher vorgekommen wäre; sein Magensaft zersetzte alles und zog das geringste bißchen Nährwert aus allem, und sein Blut trug es in die entferntesten Teile seines Körpers und machten ihn knorrig und widerstandsfähig. Gehör und Gesicht bildeten sich immer mehr aus, sogar im Schlafe konnte er beim geringsten Geräusch unterscheiden, ob es etwas Gutes oder Böses beoeute. Er lernte geschickt den Schnee zu entfernen, der sich zwischen seinen Zehen zusammengeballt hatte, lernte mit den Vorderpfoten die Eisschicht zerstampfen, die fich über dem Trink- Wasser gebildet hatte, aber sein höchster Ehrgeiz war, mit Hilfe seiner Nase die Windrichtung im voraus zu bestimmen. Wie still auch immer die Luft sein mochte, wenn er abends sein Schlafloch grub, der Wind, der sich nach Stunden erst erhob, streifte ihn ge- wiß nicht, denn sicher und geschützt lag er stets dort, wo ihn kein Sturmwind stören konnte. Und nicht nur aus Erfahrung lernte er; alte Instinkte, die lange versteckt in ihm geschlummert hatten, wurden wieder wach. Ueber viele Geschlechter griff es zurück. Es war ihm nicht schwer geworden, nach Art der Wölfe kämpfen zu lernen; auch gelang es ihm, wie die wilden Hunde lange vergangener Tage, sein Stück Wild zu Tode zu hetzen. Alle diese Kenntniffe kamen über ihn ohne all sein Zutun, als ob er sie stets gehabt hätte. Und wenn er in stillen, dunklen Nächten, den.Kopf gen Himmel gerichtet, in dumpfen Tönen heulte, so war es nicht seine Stimme, sondern die Stimme seiner Vorfahren, die die Angst ausdrückte vor der Stille der Nacht, der Kälte und der Dunkelheit. Und dies alles war geschehen, weil die Menschen da oben im hohen Norden ein gelbes Metall gefunden hatten, und weil Manuel, der Gärtnergehilfe, eine böse Leidenschast an sich hatte, zu der Geld gehörte, so viel Geld sogar, daß der Lohn eines Gärtner- gehilfen dafür nicht ausreichte. III. Das wilde Tier. Bei diesem Leben wurde das Raubtier in Bück immer stärker. Llber nur ganz im geheimen wuchs es. Die Schlauheit und Ver- scblagenheit, die er sich hier im Norden erworben hatte, halfen ihm, es im Zaume zu halten. Er hatte überhaupt noch keine Zeit ge- habt, sich darüber klar zu werden, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Er hatte auch zu viel damit zu tun, um sich in die neuen Verhältnisse einzuleben. Deshalb bemühte er sich auch vorläufig nicht nur, keinerlei Streitigkeiten heraufzubeschwören. sondern er ging ihnen sogar nach Möglichkeit aus dem Wege; er war vorsichtig und bedachtsam geworden in all seinem Tun. Keine unbesonnene oder übereilte Handlung ließ er sich zuschulden kommen, und selbst der bittere Haß, den er auf Spitz geworfen hatte, verleitete ihn nickt zu einem Angriff irgendwelcher Art. Spitz dagegen, der in Buck einen gefährlichen Nebenbuhler erkannt hatte. versäumte keine Geleegnheit, ihm seine Zähne zu zeigen. Er reizte ihn, wo er nur konnte, und forderte ihn zu dem Kampfe heraus, der nur mit dem Tode des einen von ihnen sein Ende finden konnte. DaS wußten sie beide. Einmal wäre es beinah so weit gekommen, wenn nicht etwas ganz Unvorhergesehenes dazwischen gekommen wäre. Es war am Abend eines Tages, an dem sie nur einen ganz elenden Platz zum Nachtlager hatten finden können, unmittelbar am See Le Barge. Treibschnee und Wind, der wie ein glühendes Messer schnitt, hatte sie gezwungen, die Reise früher als gewöhnlich einzustellen. Einen schlechteren Lagerplatz hätten sie wohl schwer- tich finden können: Vor ihnen die Eisfläche des Sees und hinter ihnen nur schroffe Felscnwände. Die beiden Männer hatten keinen anderen Ruheplatz als das blanke Eis, auf dem sie ihre Schlafsäcke ausbreiteten und ein kleines Feuer von mitgebrachtem Holz an- zündeten. Das Zelt hatten sie schon lange zurückgelassen, um die Ladung leickter zu machen. Die glimmenden Holzscheite aber tauten das Eis auf, und das feuchte Holz verlöschte bald. Im Dunkeln mußte das kärgliche Mahl verzehrt werden. Ganz nahe an dem schützenden Felsen, hinter einem großen Block, hatte Buck sein Nest gemacht. So gemütlich und geschützt war es dort, daß es ihm schwer wurde auszustehen, um sein von Franeois am Feuer etwas aufgetautes Fischstück zu holen. Als er zurückkam, war seine Schlafstelle besetzt, und das ihm entgegenschallende Knurren sagte ihm, daß Spitz es war, der sich den Platz angeeignet hatte. Bis jetzt hatte Buck wirklich mit bestem Willen den Frieden aufrecht zu erhalten gesucht, aber dies war doch mehr, als er sich gefallen lassen durfte. Mit einem Wutgeheul stürzte er sich auf Evitz. Mit solcher Wiucht sprang er auf den Missetäter, daß er selbst erstaunt darüber war, mehr aber noch Spitz, der Buck stets für einen etwas feigen Kerl gehalten hatte, den die anderen Hunde nur seiner Größe wegen in Ruhe ließen. Auch Franeois war erstaunt, als sich die beiden als dunkle Masse daherwälzten. Er übersah die Sachlage sofort und ermutigte Buck durch Zuruf.„Faß ihn, Buck, faß den elenden Kerl, den schleckten Dieb, faß ihn fest!" schrie er. Spitz hatte keinen leichten Standpunkt. Von allen Seiten ve&- suchte er vergeblich, an Buck heranzukommen. Knurrend und zähne- fletschend standen sie einander gegenüber, und gerade waren sie im Begriff, aufeinander nochmals loszustürzen, als das Unvorher- gesehene geschah und den Austrag des Streites auf die Zukunft verschob. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Sine neue Sutengesdricbte. ii. Wenden wir uns nun dem speziellen Teile des Fuchsschen Werkes zu, der Renaissance-Epoche und ihrer Sittlichkeit. Die Renaissance(Wiedergeburt) hat ihren Namen hauptsächlich von der Wiedereinführung antiker Kunstformen in die Architektur"Italiens. Für uns allerdings bedeutet jene Zeit die Entstehung eines ganz neuen Wirtschaftsprinzips, nämlich den Uebergang von der Naturalwirtschaft zur Warenproduktion und der hieraus rcsultie- renden Geldwirtschaft. Es ist von hohem Interesse, zu sehen, wie Fuchs diese geschichtliche Erkenntnis zum erstenmal an dem ge- fellschaftlichen Jndividuallebcn und besonders am geschlechtlichen Dasein der einzelnen nachprüft. Hunger und Liebe sind die beiden Pole, die wie zwei fürchterliche Medusenhäupter über die Grenzen der Menschheit hereinschauen. Von dem einen Triebe wurde viel und ernsthaft von de» Forschern geredet; Fuchs stellt nun die Be- Ziehungen zu dem anderen her und weist damit auch der ökono- mischen Untersuchung neue Wege. Im Mittelalter hatte der Mensch einen kleinen Horizont; er saß auf seiner Scholle, produ- zierte den eigenen Bedarf und frondete dem feudalen Gebieter. Der Hader zwischen Nachbarn war ihm gleichsam schon ein Welt- krieg. Denn alles kommt auk die Verhältnisse an, mit denen man sich zu vergleichen hat. Run aber beginnt von Südeuropa her i der neue Handelsbetrisb die alte Welt zu revolutionieren. Man tauscht nicht mehr Ware um Ware; alles geht nur noch um Geld.' Der Erwerb von Geld, um da» man jede» veliebige Ding und jeden Dienst erkaufen kann, wird plötzlich zum Ziel der Tätigkeit. Für uns ist das jetzt selbstverständlich; aber den damaligen Um- schwung alles Bestehenten kann min sich nicht lebhast genug aus» malen. Der Handelsherr sieht mit einem Male, daß es für feine Gewinnmöglichkeiten keine Grenzen mehr gibt; es entsteht daS Kapital und seine nie geahnte Macht. Das Kapital sucht sofort einen Rückhalt in der tatsächlichen Gewalt der Souveräne, beide stützen sich gegenseitig, verdrängen die kleinen Feudalen, und so entstehen schließlich allenthalben Nationalstaaten mit Rational- sprachen. Dies sind die Grundzüge der Renaissancerevolution. Und nun die Einzelheiten. Das Schönheitsideal. Revolutionäre Zeiten sind aus- gesprochen schöpferisch. Schöpferisch aber und erotisch-sinnlich ist ein und dasselbe. Daher ist auch die Renckissance.durchtränkt von einer ungeheuren und überwältigenden geschlechelichen Sinnen» frcudigkeit. Nicht, als ob es sich um bewußte Handlungen drehte, die programmatisch zu verfechten wären; aber die Zeit mag an. fassen und gestalten, was sie will, immer ist die Sinnlichkeit der stark mitklingende Unterton. Das voraufgegangene Mittelalter und gar die Byzantiner, liebten in der künstlerischen Darstellung die ausgemergelten Heiligen, behangen mit faltenreicher und gold- strotzender Gewandung. Ter Leib galt, nach der Lehre der Welt- gebietenden Kirche, als kündiger Madensack und Fraß für Wür» mer. Jetzt wird de nackte Körperlichkeit neu entdeckt; alle Heid- nischen und christlichen Halbgötter und Göttinnen entblößen üppigste Fleischcspracht, und man vermag sechsunddreißig ver- schiedene Schönheiten des Weibes zu besingen. Natürlich geht in der Menschheit kein physischer Wechsel vor: aus verhutzelten Büß- tonten werden nicht über Nacht Rubenssche Dianen, wie es irgend- eine illustrierte Mär vom Jungbrunnen ausmalt. Der Vorgang ist vielmehr rein geistig. Man sieht die Leiblichkeit anders. Wenn einem Weibe die Fülle der Gesundheit aus allen Poren strotzt, so kommt sie in den Augen der Zeit dem Ideal am nächsten. Der Inbegriff des Bewundernswerten ist also, wie Fuchs es nennt, die Zweckschönheit. Man könnte dies anders auch so ausdrücken: das in der Zeiten Lauf hin und her pendelnde ästhetische Schönheitsideal fällt damals mit dem konstant bleibenden rein geschlechtlichen Schönheitsideal nahezu zusammen. Und ebenso wie das sexuell reizvolle Ideal nur unbewußt die Tendenz zu kräftiger Nachkommenschaft in sich schließt, so lag auch der Sinnlichkeit der Renaissance das instinktive Ziel(Fortpflanzung einer tüchtigen Nasse) nicht in erster Linie im Bewußtsein. Gleich. wohl ging die ästhetische Uebereinstimmung mit dem Instinkt so weit, daß man das schwangere Weib schön fand; ein in der Ge- schichte des kultivierten Kunstempfindens merkwürdigerweise selte- n«r Fall. Fuchs erkennt den Zusammenhang ohne weiteres, wäh» rend andere Kunsthistoriker mit der angeblichen Gcschmacksver- irrung in arge Verlegenheit geraten sind. Vom männlichen Schön- heitsideal der Renaissance läßt sich weniger sagen, als vom Weib- lichen. Es scheint, daß unermüdliche Gatteneigenschaft den Frauen als das höchste galt. Es ist aber zu berücksichtigen, daß die Doku- mente aller Kunstgattungen über den Mann stets spärlicher fließen, weil die Kunst in der Hauptsache immer von Männern über das Thema„Weib" gemacht wird. Liebe und Ehe. Es ist nicht leicht, ja unmöglich, diesen Abschnitt des Werkes in einigen Zeilen zu skizzieren, denn hier werden die Details verwirrend vielseitig. Nicht nur dies; auch widerspruchsvoll, weil die Sittlichkeit der verschiedenen Klassen durcheinander Beiträge zum Niveau ein und derselben Zeit liefern muß. In der Rittcrzeit schon setzte die höhere Form der Liebe mit den« Ehebruch ein, so daß letzten Endes die Ritterkaste nach Fuchs nichts war, als eine Gesellschaft für Ehebruch auf Gegen- seitigkeit. Dieser Protest gegen die Unnatürlichkeit der Konve- nicnzehe wird in der Renaissance allgemeiner und nimmt zu» weilen Formen der Ausgelassenheit und Brutalität an. Hand- greiflichkciten werden von der Frau nicht nur geduldet, sondern erwartet als Huldigung vor den Schönheiten, die sie in der Kleidung oder Nichtbckleidung gegen jedermann offen zur Schau trägt. Witwen müssen von Amts wegen gewarnt werden, nicht gleich schon im ersten Trauermonat wieder zu heiraten. Die sechzehn- zährigc Tochter schmollt mit der Mutter um die weggekaperten Liebhaber. Die kirchliche Trauung vermag sich nur äußerst lang- sam durchzusetzen; die aus der Eheschließung sich ergebenden Rechte werden vielmehr aus dem öffentlichen und erfolgreichen Beilager der Neuvermählten abgeleitet. Neben all diesen robusten Trieb- äußerungen sehen wir. daß auf die unverletzte Tugend der Jung» frau ein großer Wert gelegt wird, der sich in drastischen Volks» brauchen äußert. Vieles erklärt sich aus der allgemeinen Leichtig- keit der Eheschließung. Das einfache„Handgeben und Zusagen" zweier Personen verschiedenen Geschlechts genügte, um im Nahmen der Gesellschaft den Instinkten freien Lauf geben zu können. Da- zu paßt es, daß die Klagen der Frauen gegen ihre Männer wegen böswilligen Verlassens geradezu eine Kalamität darstellten. Fuchs unternimmt in diesen Zusammenhängen auch� eine Ehrenrettung der nmnsterischen Wiedertäufer, die interessieren dürfte. Von einer regellosen Vermischung der Geschlechter könne keine Rede gewesen sein, da auf Ehebruch und Verführung die Todes- strafe gesetzt war. Es habe sich einzig um eine Anpassung der Haushaltorganisaiion an die abnormen Verhältnisse in der be- lagerten Stadt gehandelt. Acht- bis neuntausend Frauen waren Vorfanden und nur zweitausend Männer. Die Vereinigung meh- rerer Frauen zu einem Haushalt unter dem Schutz eines Mannes sei hier also nur eine ökonomische, aber keine geschlechtliche Viel» weiberei gewesen. Sittlichkeit der Kirche. Die Klöster sind anfangs die ersten und einzigen Kulturstätten. In ihnen kommt das prosessio- »relle Handwerk auf; Weberei, Brauerei. Bodenbearbeitung wird rationell betrieben und unter Ausschluß von Privateigentum ein kommunistisches Leben geführt. Alles unter dem Zwang rein ökono- mischer Verhältnisse. Daher ist den Mönchen wohl der Geschlechts» verkehr gestattet, nicht aber die Ehe; weil die Bande des Blutes sich sonst doch als die stärkeren erwiesen und das künstliche kommu- nistische Gebilde mitten in dem anderen Privateigentum gesprengt haben würden. Als nun aber die Klöster an Macht und Reichtum erstarkten, fremde Hände für sich arbeiten ließen und zu bloßen Ausbeutergesellschaften wurden, wandelte sich mit eintretendem Müßiggang auch die strengere Sittlichkeit der Insassen. Dieser Umschwung ist in der Renaissance vollzogen. Die Institution war historisch überwunden, lebt aber aus oben angeführten Gründen weiter und wird aus einem Hebel der EntWickelung zu einem Hemmnis, aus einem Ernährer zum Parasiten. Dementsprechend ist die Unsittlickkeit der Klerikalen in der Renaissance sprickwört- lich, d. h. unbestreitbare Massenerscheinung. Wenn die Selbsthilfe- versuche der Völker hiergegen in den meisten Fällen versagt haben, so kam dies, wie Fuchs meint, sicher nicht daher, daß die Volks« empörung nicht groß genug gewesen wäre. Vielmehr war die Kirche allmählich zum unentbehrlichen Bundesgenossen der herrschenden Klassen geworden, oder es beruhte fast die ganze wirtschaftliche Basis des Lebens auf der ungeschmälerten Herrschaft der Kirche, wie beispielshalber in Italien. Im Frauengätzchen. Die Prostihition, das Institut der in Detail und Stücklohn käuflichen Liebe, ist, wie schon gesagt. die unzertrennliche Begleiterin der monogamischen Ebe. Die Renaissance erblickt im Frauenhaus ganz offen eine bessere Be» Wahrung der Ehe und der jungfräulicken Ehre. Mit dieser Be- gründung wurden die Bordelle behördlich genehmigt, mit dieser Be- gründung die Opposition zum Schweigen gebracht. Für den un- bewußten Hauptgrund hält Fuchs indessen die Sicherung des Herrenrechts: der Mann sollte— im Gegensatz zur Ehefrau— icin geschlechtliches Bedürfnis ungehemmt befriedigen können. Auf- ällig ist in der Renaissance erstens der ungeheure Umfang des Dirnenwesens. Das kleinste Städtchen hatte mindestens ein offi- zielles Haus, größere Städte ganze Straßen und Quartiere mit „gelüstigen Fräuleins". Während des Konzils zu Konstanz ging der Ouartiermeister Rudolfs von Sachsen in den Häusern und Badstuben umher und zählte die zusammengeströmten galanten Mädchen. Als er bei siebenhundert angelangt war. verlor er die Lust zu weiterer Statistik. Dem Umfang entspricht die Ergiebigkeit des ÄrnenwesenS als Steuerquelle. Von den Einkünften eine? geistlichen Würdenträgers heißt es:„Er hat zwei Benefizien. ein Kurat von 20 Dukaten, ein Priorat von 40 Dukaten und 3 Huren im Bordell". Der zweite auffallende Umstand ist, daß in der Renaissance die„große Kokotte" in die Erscheinung tritt. Diese Hetäre oder selbständige Liebeskünstlerin allergrößten Stils ist auch aus anderen Zeiten bekannt; sie erfüllt eine ftulturmission, sie ist das freie, emanzipierte Weib in der höchsten körperlichen, geistigen und sinnlichen Blüte, und nimmt ohne jeden ökonomischen oder sonstigen Machtfaktor ihren Siegeslauf rein durch ihre indivi- duellen Eigenschaften. Ihre Spezialgeschichte hat leider noch nie- mand zu schreiben gewagt. Bei Fuchs rangiert sie mit Unrecht in der Rubrik vom„Frauengäßchen". Gesellig es Leben. Speziell für die geschlechtliche Moral kommen hier in Betracht Spinnstuben, Bäder und Feste. Derartige Gelegenheiten werden von den SittlichkeitSbonzen stets gelästert. Zum Schaden der Rassentüchtigkeit. Denn wenn die geschlechtliche Auslese nur dem blinden Zufall zwischen Nachbars Hans und Lieschen üherlassen bleibt, muß auf die Dauer mangels genügender Mischung eine Verschlechterung der Konstitution, um nickt zu Sagen eine Degeneration, eintreten. Das Badeleben der Renaissance, urckaus keine moderne hastige Wannenbaderei, sondern eine Massenvergnügung, spielt sich nun nicht bloß in der Badstube ab. Die zahlreichen Heilbäder, die seit dem 13. Jahrhundert überall aufkamen, hatten sich zu richtigen LuxuS- und Modebädern ge- wandelt; hier fanden sich schon damals die besitzenden Klassen zu» tammen, zur Erholung oder zum prinzipiellen Nichtstun, wie FuchS agt. Gewiß; aber auch dies umschließt unbewußt den Drang nach reicheren Möglichkeiten der sexuellen Auslese. Es ist eine traurige Wahrheit, daß auch hierin der Proletarier stets benach- teiligt ist. Sieht man die Dinge so an, so ist absolut klar, daß die „Sittlichkeit, die dem Volk erhalten bleiben soll" und auf die die Oberen regelmäßig verzichten, nur ein ruchloses Unterdrückungs- mittel in der Hand der herrschenden Klassen ist. Kranke Sinnlichkeit. Hierunter versteht Fuchs den Hexenwahn und seine entsetzliche Folgeerscheinung, die sadistische Mordlust der Jakob Sprenger u. Co In der Beurteilung der Hexen schließt sich.Fuchs der modernen medizinischen Auffassung an, d. h. er erklärt die Phänomene für ausgesprock'ene Hpsterie. Zum Schluß noch ein Wort über die Illustrationen. Es gab schon vordem Reproduktionssammlungen kulturgeschichtlichen In» Halts; dock meist ohne Text oder in zu kleinem Format und jeden» falls erheblich teurer. Die Fuchssche Auswahl an Bildern über» trifft, wie jeder Kenner zugeben muß, alles bisher Gebotene fei weitem. Es gehört jahrelanger intensiver Fleiß und angeborene« Spürsinn dazu, ein solches Material zusammenzubringen. Dem Verfasser gebührt für diese Seite seiner Arbeit uneingeschränkte Anerkennung. Für Bibliotheken ist die Anschaffung deS Werks uiw erläßlich. Alfred Kind. kleines Feuilleton. Aus der Borzeit. PrShi st arische Leichenfunde au» den Mooren Nordwestdeutschlands. Das Torfmoor übt feine konser» vierende Wirkung nicht allein auf die Pflanzenreste auS; durch die darin enihaltene Humussäure werden auch Tier- und Menschenrest« mumifizier!. So sind bei den Meliorationsarbeiten in den Mooren Nordwestdeutschlands, besonders in der Gegend von Emden und Staden, bereits über ein Dutzend Leichen in teilweise vorzüglich erhaltenem Zustande zusammen mit einer ganzen Menge Kulturmüll aus vorgeschichtlicher Zeit zutage ge» fördert worden. Die Reste gehörten westgermanischen Stämmen an und datieren fast ausschließlich aus der Zeit vor der Völkerwanderung. Die Leichen werden größtenteils nackt gesunden, die Kleider finden sich dann meist zu einem Bündel geschnürt in der Nähe, nur einzelne Leichen waren bekleidet; die meisten sind überdies an große Pfähle gebunden oder durch große Steine beschwert. All das macht wahrscheinlich, daß wir hier die Leichen von Verbrechern vor uns haben, die, z.B. wegen Ehebruchs, zuerst nackt durch daS Dorf geführt und dann in dem Moor ver» senkt wurden. Diese barbarische Strafe erhieU sich teilweise noch bis in das späte Mittelalter hinein und ist auch aus altgermanischer Zeit. z. B. durch das„Heliandlied" bezeugt. Die gestlndenen Kleiderreste sind alle lehr defekt, durch langen Gebrauch zerschlissen und häufig stark geflickt. Ein Leibrock weist zum Beispiel 37 verschiedene Flicken auf. Die Tracht der damaligen Zeit hat sich ,n der Gegenwart, vielfach sogar, was Farbe und Webart anlangt, im schottischen Hochland und bei den Hirten der römischen Kampagna erhalten. Hosen wurden, wie bei den Schotten, anscheinend selten getragen; bis jetzt hat sich nur ein Exemplar ge» funden, bei dem das Vorderteil doppelt, der Boden vierfach ist. An den Füßen trug man Sandalen auS Rindleder, die Haarseite des Felle» dem Fuße zugekehrt; sie waren hübsch gemustert, durchbrochen und durch Kerbschnitt verziert. Darunter befanden sich Fußlappen in schmal rechteckiger Form, die man häufig irrtümlicherweise noch für Gamaschen hält; diese Fußlappen gingen von der Ferse an der Fußsohle entlang zu den Zehen und von da herauf nach dem Spann; an einige schloß sich dann nach oben eine Verlängerung, die in der Art moderner Touristengamoschen um die Waden gewickelt und unterhalb de» Knies befestigt wurden. Auf dem Körper trug man eine Art Leibrock, in der älteren Zeit ohne Kragen und Bermel, auf der einen Achsel geschlossen, über der anderen durch einen Dorn oder eine Fibel znsamniengehalten. AuS der VölkerwanderungSzeit stammt ein ähnliches Gewand, daS bereits mit einer An Stehkragen, kurzen Aermeln und niehreren großen Taschen versehen ist. DaS rechte Aernielloch ist daran leicht erkennbar, daß e» etwas weiter aufgeschlitzt ist als daS linke, damit der rechte Arm sich besser bewegen kann. Ueber diesen Leibrock wurde ein Plaid, da« in dem karierten Muster, den Fransen und der Form genau in dem schottischen Plaid erhalten ist, zun, Schutz gegen die Kälte mantelartig umgeworfen; den Kopf bedeckte eine Kapuze ähnlich der unserer Pelerinen. Alle Gewänder bestehen durchweg au» Wolle, nicht auS Leinen. Die gefundenen Reste lassen erkennen, daß damals eine ungeheure Mannigfaltigkeit in ver» schiedenen Stoff» und Webniustern geherrscht haben muß. B>S- weilen ist der Faden rechiS, der Einschlag linkS gedreht, um eine bessere Haltbarkeit zu erzielen. Am häufigsten begegnet man dem Drellmuster, das überhaupt zur Zeit der Römer als typisch germanisch gegolten haben muß; denn römrsche Germanenstamen. wre die der trauernden Germania, lassen deutlich dieses Muster erkennen, eg. Astronomisches. MarSbedeckung. Daß der Mond Sterne bedeckt, deren Stellung zur Erde so ist. daß sie hinter den Mond bei dessen Laufe am Himmel treten, ist nicht allzu selten, wenn auch große oder helle Sterne verhältnismäßig selten durch die Mondscheibe unserem Auge entzogen werden. Aeußerst selten dagegen tritt einer der großen Planeten hinter die Mondscheibe. Wenn die Planeten des Sonnen- systems alle in derselben Ebene laufen würden, so könnten wir bei jedem Umlaute solche Bedeckungen erleben. Das ist aber nicht der Fall; alle Planeren laufen in Bahnen, deren Ebenen ein wenig gegeneinander geneigt sind, so daß drei Körper immer nur in veiondere» Fällen in einer geraden Linie stehen. Solch seltener Fall tritt nun am 13. April ein. Da geht der Mond vor dem Planeten Mars vorüber. Für Berlin ist die Zeit der Bedeckung von 11 Uhr 35 Min. bis 11 Uhr 4ö Min. Bei der Beobachtung leistet ein Opernglas gute Dienste. Die Bedeutung solcher Bedeckungen ist für die Astronomie nickt unerheblich, weil sich daraus vorzügliche Kon- trolle» für die Himmelsörtcr beider Körper zu bestimmten Zeiten ergeben._ Verantw. Redakteur: Richard Barth. Verlin.— Druck n. Verlag: BorwariSBuchdruckerei u.BerlagSanuati Paul Singer LiEo..BerlinLAl„