Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 73. Freitag � den 15 April. 1910 lSiachdrutk tertoten.) 111 Die Hrcna. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Ein Capal Ha. einen Kampfmantcl sein Eigen nennen und ihn nicht mehr von andern entlehnen müssen I Das war sein sehnender Traum... In einer Ecke bei ihm zu Haus lag, unbeachtet und vergessen, eine alte, leere Matratze. Die Wolle der Füllung war von der Seüora Angustias, bei Ge- legenheit einer Geldklemme, veräußert worden. Das„Schuster- lein" blieb eines Tages mehrere Stunden hindurch zu Hause, die Abwesenheit seiner Mutter benützend, die damals gerade in der Wohnung eines Domherrn beschäftigt war. Mit dem er- finderischen Fleiß des Schiffbrüchigen, der, auf eine wüste Insel verschlagen und seiner eigenen Initiative überlassen, alles aus sich selbst verfertigen muß, schnitt er einen Kampf- mantel aus der feuchten und fadenscheinigen Leinwand. Da- rauf ließ er eine Hand voll roten Anilins, die er beim Drogen- Händler erstanden, in einem Topf Wasser aufkochen und tot den alten Lappen in die Farbe hinein. Juanillo bewunderte sein Werk. Er hatte einen Kampfmantel von schönstem Scharlachrot erzieltl Mit dem wollte er in den Dorfcorridas Staat machen! Jetzt hieß es noch, ihn trocknen zu lassen, und er hing ihn an einem Fenster auf nach dem Jnnenhof, wo die Nachbarinnen ihre weiße Wäsche ebenfalls aufgehängt hatten. Der Wind bewegte den triefenden Lappen hin und her. wo- durch von der herabtröpfelnden Farbe das darunter hängende Weißzeug ganz befleckt wurde, und auf einmal hörte er ein wirres Zetergeschrei, Drohungen und Verwünschungen, die es ihm rätlich erscheinen ließen, den glorreichen Mantel eilig zu- rückzuziehen und aus dem Hause zu fliehen, Gesicht und Hände rot gefärbt, als habe er soeben einen Mord begangen. Die Seüora Angustias, eine starkbeleibte und schnurr- bärtige Person, die sich nicht vor Männern fürchtete und den Weibern durch ihre energischen Entschlüsse imponierte, war gegenüber ihrem Sohne mutlos und schwach. Was sollte sie auch mit ihm anfangen? Sie hotte ihn hundertmal Windel- weich gehauen, Dutzende von Besenstiele zerschlagen, ohne irgendwelchen Erfolg. Der verdammte Bube hatte, wie sie sagte, Hundefleisch. Er war daran gewöhnt, draußen von den Stieren, Ochsen und Kühen furchtbare Kopfstöße und Püffe oder von den Viehtreibern und Schlächtern Stockschläge und Ohrfeigen, Fußtritte und Rippenstöße einzuheimsen, sodaß die Hiebe der Mutter ihm als etwas Selbstverständliches vor- kamen, als eine Fortsetzung des Lebens innerhalb des Hauses, und er nahm sie ohne jeden Vorsatz zur Besserung hin. wie einen Zoll, den er entrichten mußte für seinen Unterhalt. Während die mütterlichen Verwünschungen und Faustschläge auf seinen Rücken hagelten, kaute er mit gierigen Kinnbacken an dem harten Brot, das die Grundlage aller Mahlzeiten bildete. Kaum hatte er seinen Hunger gestillt, so war er auch schon wieder fort, indem er die Freiheit benutzte, die die Abwesenheit der außerhalb arbeitenden Mutter ihm bot. Auf der Cam- pana, dem ehrwürdigen Marktplatz des Stierkampfes, wo auf das Schauspiel bezügliche Nachrichten immer zuerst bekannt waren, erfuhr er durch seine Gefährten von den bevorstehenden Corridas. Was waren aber diese Corridas? Die Dörfer der Pro- vinz begingen das Fest ihres heiligen Schutzpatrons, indem sie an dem Tage eine sogenannte Capea veranstalteten, die wesentlich darin besteht, daß Stiere mit bunten Tüchern ge- neckt werden. Dahin zogen die kleinen Toreros, in der Hoff- nung, bei der Rückkehr berichten zu können, daß sie in der Arena von Aznaleollar, Bolullos, Abairena und anderen ebenso weltberühmten Orten aufgetreten waren. Sie machten sich gewöhnlich bei einbrechender Stacht auf den Weg, die Capa über eine Schulter geschlagen, wenn es Sommer, und in sie gehüllt, wenn es Winter tvar, mit leerem Magen und von nichts anderm redend, als von Stieren. Wenn der Marsch mehrere Tagereisen dauerte, so schliefen sie auf freiem Feld oder erhielten aus Mitlseid Obdach in der Scheune eines Bauernhauses. Wehe den Trauben, den Me- Ionen und den Feigen, mit denen sie im Vorüberziehen wäh- rend der guten Jahreszeit zusammenstießen!... Der einzige Gedanke, der sie beunruhigte, war der, daß vielleicht eine andere Gruppe, eine andere Cuadrilla in derselben Absicht nach dem betreffenden Dorf hingezogen sei, und daß es zu einem harten. Wettbewerb kommen werde. Wenn sie staubbedeckt, abgemagert und fußlahm das Ziel ihrer Reise erreichten, stellten sie sich zunächst beim Alkalden vor, und der Mundfertigste von ihnen, der als Leiter der Truppe fungierte, strich die Verdienste seiner Leute heraus und alle schätzten sich glücklich, wenn die Großmut der Ge- meindeverwaltung so»veit ging, sie im Viehstall der Dorf- Herberge einzuquartieren und ihnen obendrein einen großen Topf voll Erbsen mit Speck vorsetzen ließ, welche Leckerbissen selbstredend in einem Nu vertilgt wurden. Auf dem mit Planken und Karren eingezäunten Platz vor dem Gemeinde- Haus wurden alle Stiere losgelassen, wahre Fleischberge voller Schorfe und Narben, mit riesigen, splitterigen Hörnern, Tiere, die schon seit langen Jahren bei allen Festen der Gegend Ver- Wendung fanden,„alte Herren", die sogar Latein verstanden. so groß war ihre Tücke: denn, an ein fortwährendes Hetzspiel gewöhnt, kannten sie alle Schliche des Zirkuskampfes. Die Dorfburschen stachen den Stier mit spitzen Stäben von sicherem Orte aus. und das rohe Bauerupublikum be- lustigte sich besonders beim Anblick der Püffe und Stöße, die die aus Sevilla gekommenen„Toreros" sich holten. Diese hatten infolge des reichlichen Mahles Courage gekriegt und warfen unbedenklich dem Stier den Mantel zu, aber flog einer infolge eines gewaltigen Hornhiebs in die Luft, so lmtte er jedesmal einen ungeheueren Lacherfolg beim Publikum. Wenn ein Kämpfer, von plötzlichem Schrecken erfaßt, sich hinter die Schranken retten wollte, wurde er von den Bauernlümmeln mit Schmähungen empfangen; Stockhiebe hagelten auf die an die Planken geklammerten Hände oder auf den Rücken des Unglücklichen, um ihn wieder hinunter zu nötigen in den Ring. „Mach, daß Du wieder hinabkommst. Du Lausbub! Was sind das für Zicken? Jetzt heißt es, dem Stier entgegentreten. Reißausnehmen gilt nicht!" Also wieder hinab in die Arena. Und wenn der Vieh- treiber keinen weiteren Stier mehr hatte und die Dunkelheit hereinbrach, ergriffen zwei Mitglieder der Cuadrilla den besten Mantel, den man besaß, und ihn an den Zipfeln haltend, machten sie die Runde um die Schranken, um Beiträge zu sammeln. Auf das rote Tuch fielen die Kupfermünzen, je nachdem die Leistungen der fremden„Künstler" gefallen hatten, und nachdem die Corrida zu Ende war, unternahmen sie sofort die Rückkehr nach Sevilla, da sie wohl wußten, wie beschränkt ihr Kredit in der Herberge war. Oft kam es unter- Wegs zu Streitigkeiten wegen der Verteilung des in einem Schnupftuch aufbewahrten Kupfergeldes. Hierauf erzählten sie eine Woche lang von ihren Helden- taten vor den neidisch staunenden Kameraden, die nicht an der Erpedition teilgenommen hatten. Dabei gebrauchten sie die technischen Ausdrücke des Metiers und ahmten das ganze Ge- baren der wirklichen Berufstoreros nach, die einige Schritte weiter sich über ihre Beschäftigungslosigkeit durch allerhand Prahlereien und Lügen zu trösten suchten. Einst war es vorgekommen, daß die Senora Angustias länger als eine Woche nichts von ihrem Sohne hörte. Schließ. lich erfuhr sie, daß er bei einer Capea im Dorfe Colina ver- wundet worden war. Gütiger Gott! Wo lag dieses Dorf? Wie dorthin gelangen?... Sie glaubte schon, er sei ge- starben, sie trauerte um ihn, aber trotzdem wollte sie hinreisen. Als sie jedoch im Begriff war sich aufzumachen, sah sie ihren Juanillo ankommen, bleich, sckfivach, aber mit mannhaftem Stolz von seinem Unfall berichtend. Es war nicht so schlimm: ein Hornhieb in eine Hinterbacke, eine mehrere Zentimeter tiefe Wunde. Und in seinem schäm- losen Hochgefühl wollte er den Nachbarn die wunde Stelle zeigen, mdem er behauptete, daß er einen Finger hineinstecken könnte, ohne das Ende zu erreichen. Er bildete sich etwas ein auf den Jodoformgestank, den er ausströmte, und wußte viel zu erzählen von der liebevollen Behandlung, die ihm zu teil geworden war in jenem Dorfe, dem in Spanien kein anderes gleichkam. Die begütertsten Einwohner des Ortes hatten sich des öfteren nach seinem Befinden erkundigt, selbst der Alkalde hatte ihn im Krankenhaus besucht und ihm die Rückreise be- »ahlt. Es blieben ihm in der Tasche noch drei Duros übrig, die er mit Großmut seiner Mutter einhändigte. Und all dieser Ruhm mit vierzehn Jahren! Seine Freude war noch größer, als in der Campana einige Toreros(und zwar wirkliche To- reros) ihre Aufmerksamkeit auf ihn richteten und ihn fragten, wie es mit seiner Wunde ging. Nach diesem Unfall gab er die Werkstatt endgültig auf. Jetzt wußte er, was die Stiere waren. Seine Verwundung hatte nur dazu gedient, seine Kühnheit zu steigern. Torero, nichts als Torero wollte?r werden. Die Senora Angustias gab jeden weiteren Züchtigungsversuch als aussichtlos auf. Sie betrachtete ihren Sohn als für sie verloren. Abends, wenn er nach Hause kam, zur Stunde, wo die Mutter und die Schwester zusammen aßen, setzten sie ihm stillschweigend einen Teller vor und bestrebten sich, ihn mit Verachtung zu strafen. Das übte aber keinerlei Einfluß auf seine Kautätigkeit aus. Wenn er zu spät kam, hoben sie ihm nicht einmal ein Stück Brot auf, und er mußte so, wie er gekommen war, wieder gehen. Nachts pflegte er sich auf der Alameda de Hercules her- umzutreiben, mit anderen lasterhaften halbwüchsigen Burschen. einer gemischten Schar von Vcrbrecherlehrlingen und angehen- den Toreros. Hie und da verkaufte er Zeitungen, und wäh- rend der großen Feste der Karwoche bot er den auf der Plaza he San Francisco sitzenden Damen auf einem Präsentierteller Bonbons an. Während der Feria(Feiertage) lungerte er um die Gasthöfe herum und spähte nach einem Jngles(denn für ihn waren alle Steifenden Engländer) in der Hoffnung, ihm «ls Führer zu dienen. „MilordI... Ich Torero!..." sagte er, sobald er eines exotisch aussehenden Menschen ansichtig wurde, als ob dieses eine einwandsfreie Empfehlung bei den Ausländern lein müßte. Und um die Richtigkeit seiner Aussage zu bestätigen, nahm et seine Mütze ab und zeigte seinen Zopf, einen handlangen Haarbüschel, den er zusammengerollt auf dem Scheitel trug. Sein Elendsgefährte war Chiripa, mit ihm gleichen Alters, klein und schmächtig, schelmaugig, ohne Vater und Mutter. Von Kindesbeinen an trieb er sich auf den Straßen von Sevilla umher, und er iibte auf das Schusterlein den Ein- sluß der Erfahrung aus. Eine seiner Wangen trug die Narbe eines Hörncrstoßes, und dieses Mal schien Juanillo viel ehren- »Oller als seine eigene unsichtbare Wunde. Wenn vor einem Gasthof eine Touristin, für Charakters- ltisches interessiert, sich mit den kleinen Toreros unterhielt, um sie schließlich mit einigen Geldstücken zu beschenken, sagte Chiripa in sentimentalem Ton: „Geben Sie diesem hier nichts, denn er hat noch seine Mutter, und ich bin ganz allein auf der Welt. Wer eine Mutter hat, weiß nicht, was er besitzt." Und das Schusterlein war ergriffen und beschämt und Ließ den andern alles einstreichen, indem er murmelte: „Du hast recht,'s ist wahr." Diese Rührung verhinderte Juanillo aber keineswegs, sein regelloses Leben weiter fortzusetzen, indem er nur ab und zu bei seiner Mutter erschien und weite Reisen außerhalb Sevillas unternahm. Chiripa war ein hervorragender Lehrmeister des fahren- den Lebens. Wenn es eine Corrida gab, so stand bei ihm der Entschluß fest, sie sich mit seinen Kameraden anzusehen, ohne zu bezahlen. Zu dem Behufs griff er zu verschiedenen Mitteln. Einmal kletterten sie die Mauern hinauf und mischten sich unter die Zuschauer, ein ander Mal wußten sie die Zirkus- bediensteten mit rührenden Bitten zu erweichen. Ein Stier- «efecht, ohne sie, die vom Metier waren!... Wenn es in den Dörfern der Provinz keine Capea gab, so gingen sie hinaus auf die Wiese von Tablada, wo wilde Stiere weideten, und neckten die Tiere mit ihren roten Mänteln. Aber alle diese Zerstreuungen des Sevillaner Lebens geniigten nicht, um ihren Ehrgeiz zu befridigen. Chiripa war schon weit in der Welt herumgekommen und erzählte oft seinen Kameraden von den Wunderdingen, die er in entlegenen Provinzen gesehen hatte. Er war geschickt in der Kunst, unentgeltlich zu reisen, indem er sich als blinder Passagier in die Züge hineinstahl. Das Schusterlein hörte mit Entzücken seinen Beschreibungen von Madrid zu, einer Stadt, wie sie nur der Traum gebiert. mit einem Stierzirkus, der einigermaßen eine Kathedrale der Sticrfechtcrkunst war. lFortsetzung folgt.)! lNachdru-k vvvstm.» 61 Menn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. L ö n S. «Ein Teifel, dieses Spitz", fluchte Perrault.„Er bringt ihn um. den Buck."> „Aber zwei Teifel ist Buck", meinte Franeois ruhig.„Vev> dämmt will ick sein, wenn er das nicht zeigt bei nächste Gelegenheit. Er wird ihn fressen wie ein altes Fisch, und nichts bleibt übrig von ihm. Zwei Teifel ist das Buck, das ist, was ick sagen." Jetzt war der Krieg öffentlich erklärt zwischen den beiden Hunden. Spitz, als Leithund, fühlte sich gedemütigt, und die Ur-> fache dazu war dieser Buck gewesen, dieser elende Südlandshund. Ein Südlandshund war in seinen Augen schon an sich etwas Minderwertiges, denn bis jetzt war keiner von ihnen lange von dem Schlitten gegangen; sie waren alle verweichlicht und schlapp. Buck war bis jetzt die einzige Ausnahme. Er allein hatte aus� gehalten und war den Nordlandshunden gleich an Stärke, Aus-» dauer und Schlauheit. Niemals ließ er sich Ungehorsam oder gav Widersetzlichkeit zuschulden kommen; die hatte der Mann in oeu roten Jacke ihm ausgetrieben. Solche Geduld aber reizte Spitz geradezu. Und noch etwas anderes kam hinzu: er fühlte es, daß es Bucks Ehrgeiz war, Leithund zu werden. Und so war es auch. Ein eigentümliches Gefühl von Stolz, das so manche seinesgleichen bei der schweren Arbeit aufrecht er- hält, hatte auch ihn ergriffen. Es war diese Art Ehrgeiz, die Dasch beherrichte und Solleks antrieb, bis an die äußersten Grenzen seiner Kraft zu gehen, der aus den schläfrigen, gleichgültigen Ge-- schöpfen feurige und lebhafte Tiere gemacht hatte. Dieser Ehrgeiz war es, der Spitz veranlaßt?, jeden Hund, der seiner Pflicht nicht nachkam oder der sich nicht pünktlich zum Anschirren einfand, zu strafen. Jetzt aber fing Buck an, ihm dies Recht streitig zu machen. Eines Nachts hatte es heftig geschneit, und am anderen Morgen fehlte einer der Hunde; es war Peik, der schon öfter versucht hatte, sich zu drücken. Im sicheren Verstecke lag er, tief unter dem Schnee. Franeois rief und suchte ihn vergebens. Spitz war wütend, denn die Abfahrt verzögerte sich. Er rannte hin und her, schnüffelte und grub allerwärts, wo der Missetäter möglicherweise verborgen sein konnte. So drohend klang sein Knurren, daß Peik in seinem Per- steck sich zitternd noch enger zusammenrollte. Als er endlich doch entdeckt wurde, sprang Spitz in hellem Zorn auf ihn zu, aber auch Buck war zur Stelle, um den Faulpelz zu strafen. So plötzlich warf er sich zwischen die beiden, daß Spitz das Gleichgewicht verlor und hintenüber stürzte. Diese Gelegenheit benutzte der boshafte Peik, um über den Leithund herzufallen. Franeois aber, der mit der Peitsche herbeilief, machte dem Streit bald ein Ende. Mit aller Kraft schlug er auf Buck los, so daß dieser schleunigst vom Kampfplatz verschwand, wo Spitz dem Uebel- täter die wohlverdiente Strafe zuteilte. Zum Glück ging die Fahrt ihrem Ende entgegen; Dawson war nicht mehr weit. Es war auch die höchste Zeit, denn das Verhält- nis zwischen Spitz und Buck wurde immer gespannter. Buck machte nämlich Spitz nach wie vor seine Rechte streitig, nur in Gegenwart von Franeois hütete er sich wohl. Die heimliche Aufsässigkeit Bucks ober steckte die anderen Hunde an, und fast kam es zu offener Meuterei. Es gab fortgesetzt Beitzerei und Zänkerei, und die Ur- fache war stets Buck. Franeois hatte alle Hände voll zu tun. um wenigstens äußerlich den Frieden aufrecht zu erhalten, besonders zwischen Spitz und Buck, wenn er auch wußte, daß er früher oder später doch einmal zum Ende führen mußte. Nur vorläufig mußte er noch das verhüten, und mehr als einmal fuhr er aus seinem Schlafsack auf, wenn er ein verdächtiges Geräusch hörte. Endlich, an einem grauen, stürmischen Nachmittage fuhren sie in Dawson ein. Viele Menschen gab es da und unzählige Hunde, und alle waren bei der Arbeit. Es schien hier ganz selbstverständlich zu sein, daß Hunde hier die Arbeit taten, die anderwärts Pferde leisteten. Sie zogen Bauholz, Erz und Steine die Straßen entlang. Den ganzen Tag rollten die Wagen, und selbst nachts schien keine Pause einzutreten. Buck traf hier auch einige Südlandshunde. aber die meisten anderen waren auch hier vom Geschlecht der Eskimohunde. Jede Nacht, regelmäßig um neun, zwölf und um drei Uhr fingen sie ein betäubendes Geheul an, und es war Bucks größtes Vergnügen, darin einzustimmen. Beim maLen Scheine der Mitternachtssonne, wenn die Sterne vor Kälte zitterten, saßen sie da und sangen das alte Lied, das so alt war wie das Geschlecht der Hunde selbst, das Lied von dem Leid der Welt, das Buck so seltsam berührte. Und als er einstimmte in den Nachtgesang, da war er es nicht selbst, sondern der Geist seiner Vorfahren, der aus ihm ertönte, die Furcht vor dem Un- bekannten. Geheimnisvollen der kalten, dunklen Nacht. Sieben Tage nach ihrer Ankunft verließen sie Dawson wieder und waren auf der Fahrt nach dem Meercsstrande, nach Dhea. Perrault hatte wieder Depeschen, womöglich noch wichtigere, als die eben besorgten, bei sich. Er hatte im ganzen eine gute Hinreise gemacht, und der Ehrgeiz ergriff ihn, die Rückreise noch schneller zu bewerkstelligen; er wollte den Rekord des Jahres aufstellen. Die äußeren Umstünde waren günstig. Die Woche Rast hatte die Hunde wieder in vorzügliche Form gebracht. Die Bahn, die sie als erste getreten hatten, war von nachkommenden Schlitten noch fester ge- stampft, und Neuschnee war Wenig gefallen. Außerdem war die Ladung ganz leicht, denn eS waren auf der Strecke Proviantnieder- lagen errichtet, und es brauchte nicht diel Vorrat geschleppt zu werden. So legten sie gleich am ersten Tage sechzig Meilen zurück, und schon am zweiten Tage waren sie auf dem Uukon. Fran<:ois aber hatte seine Last, denn eS war keine Einigkeit imDiespann zu er- reichen. Auch Spitz hatte bei den anderen Hunden keinen Einfluß mehr; offene Aufsässigkeit war überall. Peil stahl ihm sogar ein- mal den halben Fisch fort und verzehrte ihn gemächlich unter Bucks Schutz. Ein andere? Mal lehnten sich Dub und Joe gegen eine wohlverdiente Strafe auf, und sogar der gutmütige Billy wider- setzte sich. Niemals ging Duck ohne Zähnefletschen und Knurren an Spitz vorbei. Auch untereinander hielten die Hunde keinen Frieden, stets war irgendeine Beißerei im Gange. Nur Dasch und Solleks gingen ruhig ihrer Wege. Francis kam aus dem Fluchen gar nicht heraus; seine Peitsche sauste fortwährend durch die Luft, aber ohne Erfolg. Er wußte wohl, daß alles Bucks Schuld war, aber er konnte ihm nichts an- haben, denn auf frischer Tat konnte er ihn nie ertappen. Treulich zog er ja nach wie vor seinen Schlitten, denn die Arbeit machte ihm Freude; aber noch mehr freute es ihn. wenn er hinterrücks einen Streit anzetteln oder die Stränge heimlich in Unordnung bringen konnte. Eines Abends, als sie an der Mündung des Tahkeena dicht neben dem Lager eines Gendarmeriepostens Halt machten, trat Dub einen Schneehasen heraus, der vor ihm das Weite suchte. In demselben Augenblick erhob sich ein Geschrei und Geheul, sämtliche Hunde nahmen die Verfolgung auf. Die Hunde der Polizeibeamten, wohl fünfzig an der Zahl, schlössen sich natürlich an, und dahin ging die wilde Jagd mit Buck an der Spitze. Der Hase hatte den Weg über den Fluß genommen und wandte sich dann rechts in den verschneiten Wald. Leicht, kaum eine Spur in dem weichen Schnee hinterlassend, flog er über die weiße Fläche, während die Hunde bei jedem Sprunge tief einsanken. Der Jagdeifer längst vergangener Tage wurde in Buck lebendig. Er fühlte schon seine Zähne in dem weichen Felle des Tieres und das warme Blut, das um seine Lefzen rinnen würde. Aber Spitz, selbst in heller Auftegung, blieb dennoch kalt und berechnend. Er wußte, daß der enge Patz dort oben einen Bogen machte, und versuchte dem Hasen den Weg abzuschneiden. Buck kannte die Gegend nicht, und gerade als er um eine Ecke kam und mit seinen Augen das weiße Wild verfolgte, sah er etwas anderes Weißes auf dem Wege. Es war Spitz. Zurück konnte der Hase nicht; einen Augenblick später faßten scharfe Zähne sein Nackenfell. und sein Todesschrei erfüllte die Luft. Das war zu viel für Buck. Er konnte sich nicht mehr be- herrschen. Wie ein Wahnsinniger fuhr er auf Spitz los. Mit solcher Gewalt rannte er gegen ihn an, daß sie beide hinten herüber« fielen, so daß der lose Schnee umherstob. Spitz war der erste, der wieder auf die Füße kam, und ein Biß seiner scharfen Zähne riß Bucks Schulter auf. Und zum zweiten Male schlössen sich seine Zähne wie die stählernen Bügel einer Raubtierfalle. Wie ein Mitz kam Buck die Ueberzeugung: Jetzt oder nie. auf Leben und Tod mutzte es gehen. Zähnefletschend und knurrend, mit zurückgelegten Ohren, gesträubtem Rückenhaar und blitzenden Augen gingen sie um einander herum. Wer würde den nächsten Sprung tun? Kein Auge ließen sie voneinander, und doch wußte Buck, wie es um ihn herum aussah. Nicht das geringste Geräusch war jetzt, zu hören, kein Lüftchen wehte, kein Blatt regte sich. Un- hörbar, ganz leise und vorsichtig, kamen die anderen Hunde heran: jetzt hatten sie den Kreis um die beiden Kämpfer geschlossen, diese riesigen struppigen Hunde, die eigentlich nichts weiter waren wie mangelhaft gezähmte Wölfe. Ganz unbeweglich standen sie, nur ihr Atem war in der kalten Lust sichtbar, ebenso das Blitzen ihrer gierigen Augen. Das alles wußte Bück, wenn er auch nicht hinsah. Spitz war ein geübter Fechter. Von Spitzbergen durch das Eis- gebiet und quer durch Kanada war er gekommen, und alle mög- lichen Hunde hatte er kennen gelernt. Grimme Wut kannte er wohl, aber nicht blinde Wut. In Stücke reißen, töten wollte er seinen Gegner; aber keinen Augenblick vergaß er, daß auch der andere dasselbe wollte. Niemals wagte er einen Angriff, ohne zugleich an Verteidigung zu denken. Vergeblich versuchte Buck, einen Angriffspunkt zu finden, immer hatte er den offenen Rachen seines Feindes vor sich. Immer wieder versuchte er, an die Kehle des weißen Hundes zu kommen, aber immer verbiß sich Rachen in Rachen, und hoch aufgerichtet standen sie einander gegenüber. Immer und immer wieder wiederholte sich das. Auf einmal sprang er gegen seinen Feind und versuchte ihm seitwärts an die Kehle zu kommen; aber auch das war vergeblich; Spitz hatte ihm wieder einen Biß versetzt, daß das Blut nur so strömte. Die Schlacht war auf der Höhe. Und währenddessen stand der Kreis der Hunde, unbeweglich, darauf wartend, wer es sein würde, der ihnen ziim Opfer siel. Was eben Buck versucht hatte, gelang nun Spitz. So hart faßte er Buck, daß er taumelte. Schon reckten sich lüstern die sechzig Köpfe hoch, aber noch war es zu früh. Jetzt galt nur List. Mit gewaltigem Anlauf sprang er wieder gegen die Kehle des weißen Hundes, duckte sich aber im letzten Augenblick bis hinunter in den Schnee. Ein Krachen von brechenden Knochen, ein gräßlicher Schrei. Spitz hatte nur noch drei gesunde Pfoten. Aber immer noch stand er sicher genug darauf, kein noch so heftiger Anprall brachte ihn auch nur zum Straucheln. Da aver gelang es Buck noch einmal, an die Pfoten seines Gegners zu kommen. Der dunkle Kreis wurde immer kleiner. Spitz sah eS und wußte, was es zu bedeuten hatte. Jetzt gab es keine Hoffnung mehr für ihn. Schon fühlte er den Atem der Köter, hörte das Hecheln rund um sich herum. Jetzt standen sie still, wie zu Stein erstarrt, denn noch hatte Buck sein Werk nicht ganz getan. Nun aber sprang er von der Seite auf sein Opfer zu, und diesmal konnte Spitz dem Sprunge weder ausweichen, noch ihm Widerstand bieten. Der schwarze Kreis wurde zu einem schwarzen Punkte auf der mondbeschienenen weißen Fläche. Etwas abseits war ein kleiner schwarzer Punkt. Das war Puck. Das wilde Tier in ihm tvgr zufrieden: er hatte die Schlacht gewonnen. (Fortsetzung folgt.JJ Das Lerlmer HrbcitcrbibUotbeks- wclcn. Von Josef Kliche. I. Die Berliner Arbeiterbibliotheken. Alljährlich geben die Leitungen der Bibliotheken jener Orte, in denen sich die organisierte Arbetterschaft bereits ein zentralisiertes Bibliothekswesen geschaffen hat, einen Jahresbericht heraus, aus dem der Bestand der Bücherei, ihre Benutzung im Verhältnis zur Zahl der Organisation am Orte, die Aufwendungen für Neunnschaffungen und manches andere Nützliche und Interessante zu ersehen ist. Durch diese nachahmenswerte Gevflogenheit läßt sich leicht eine Uebersicht über den ästhetischen Geschmack der Arbeiterschaft und auch eine Kontrolle über das Bildungsniveau der Benutzer gewinnen. Und das ist sehr wichtig; denn die bloße Teilnehmerzuhl an den an» regenden Bildungszyklcn, die in letzter Zeit aus breitester Grundlage arrangiert werden, oder an sonstigen belehrenden Vorträgen als Maßstab für den Bildungseifer und das Bedürfnis der Arkeilerschaft im dieser Frage anzusehen, dürfte sehr oft zu Truglchlüssen führen. Erst die Kontrolle der in der Folgezeit benutzten Werke ermöglicht ein Urteil, ob eine Bertiefung in einzelnen Gebieten eintritt und ob überhaupt ein regelmäßiger Fortschritt zu verzeichuen ist. und gibt ein klares Bild von dem geistigen Leben des Proletariat?. Er» fteulicherweise mehren sich die Orte mit einem zentralisierten Bibliothekswesen von Jahr zu Jahr, und so dürste auch die Feit nicht mehr fern sein, wo inan das LesebedürsniS einzelner Städte vergleichen kann. Nun dürfte es auf den ersten Blick wundernehmen, daß Berlin als die größte � der Gewerkschaftszentren in dieser Frage durchaus nicht an der Spitze marschiert, sondern in bezug auf eigene Bücher- schätze und Ausleiheziffern ziemlich weit hinten nachhinkt Besonders der auswärtige Beobachter, dem der Zufall ein paar BenuyungS» zahlen vor Augen führ», wird leicht geneigt sein, sich der Täuschung hinzugeben, daß die Berliner auf diesem Gebiete noch recht rückständig sind. Dem ist jedoch durchaus nicht so. Wohl ist zuzugeben, daß die fteien Gewerkschaften Berlins mit ihren rund 225