Unterhaltungsblatt des HorwSrls Nr. 75. Dienstag> den 19 April. 1910 18] Die Hrena, lS-Adru« d«rv»t«o.» I Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Der Eigentümer des reichen Landgutes Rinconada, das einen kleinen ZirkuS besaß, schwärmte für die Stiergefechte und hatte offenen Tisch für alle diejenigen, die sich irgendwie damit abgaben. In den Tagen der Not ging Juanillo mit andern Gefährten dahin, um auf die Gesundheit des Land- junkers sich satt zu essen, selbst auf Kosten einiger unsanfter Begegnungen mit den Hörnern der Stiere. Sie erreichten das Gut nach zwei Tagemärschen: der Besitzer freute sich un- gemein beim Anblick der staubbedeckten Schar und sagte in feierlichem Tan: „Wer feine Sache jetzt am besten macht, bekommt von mir das Billett nach Sevilla bezahlt." Zwei Tage verbrachte der Junker in einer Loge seines Zirkus, immer nur darauf los rauchend, während die Se- villaner Jungen mit den Stierkälbern sich herumschlugen und oft von diesen gepackt wurden. „Das ist ja geradezu eklig I" schrie er ärgerlich, wenn einer verkehrt den Mantel warf. „Willst Du gleich aufstehen. Du Duckmäuser... Na. man gebe ihm einen Schluck Wein, damit ihm die Angst der- geht" sagte er, wenn einer der Jungen, nachdem der Stier ihn niedergetrampelt, bewegungslos auf dem Boden liegen blieb. Das„Schusterlein" tötete einen Stier so sehr nach dem Geschmack des Herrn, daß dieser ihn zu sich an seinen Tisch nahm, während die übrigen Kämpfer in der Küche aßen, mit den Hirten und Knechten, wobei sie den Hornlöffel in die gemeinsame Schüssel tauchten. „Du hast Dir das Billett verdient, mein Junge. Du wirst es noch weit bringen, wenn Dir der Mut nicht gebricht. Du hast wirklich Anlagen." Als das„Schusterlein" die Rückreise nach Sevilla zweiter Klasse antrat, während die Cuadrilla zu Fuß abmarschierte, schien es ihm, als begänne für ihn ein neues Leben, und er warf einen lüsternen Blick auf das ungeheure Landgut mit seinen Oelbaumwäldern, seinen Getreidefeldern, seinen end» losen Wiesen, wo Tausende von Ziegen und Schafen weideten und Stiere und Kühe unbeweglich mit den unter den Bauch eingezogenen Beinen wiederkäuten. Welch ein Reichtum!.. Wenn er eines Tages so ein Gut besitzen könnte!... Der Ruf seines wackeren Benehmens auf den Novilladas gelangte nach Sevilla und lenkte auf ihn die Aufmerksamkeit der unruhigen und unersättlichen Aficionados, die stets einen neuen Stern suchen, dessen Licht das der bestehenden Sterne überstrahle.„Wie's scheint, ist's ein Junge, der viel ver- spricht," sagten sie.„Man wird ihn auf dem eigentlichen Terrain sehen müsien." Dieses eigentliche Terrain war für sie und für das „Schusterlein" der Stierzirkus von Sevilla. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis der junge Mann dort seine Antritts- rolle geben konnte. Sein Gönner hatte ihm ein etwas abge- tragenes Torerokostüm gekauft, und er war begierig, sich darin vor der Menge sehen zu lassen. Es wurde zu einem wohltätigen Zweck eine Novillade veranstaltet, und einfluß» reichen Aficionados, die nach Novitäten lechzten, gelang es, seinen Namen auf das Plakat unter die der Matadoren zu bringen, natürlich ohne daß er dafür honoriert wurde. Der Sohn der Seüora Angustias wollte nicht mit dem Beinamen„Schusterlein" auf dem Anschlag bezeichnet wer- den. Er wollte überhaupt keinen Beinamen mehr, geschweige denn einen solchen, der ein niedriges Handwerk bezeichnete. Er wünschte, unter dem Namen seines Vaters bekannt zu werden. Juan Gallardo wollte er heißen, und unter keinen Umständen„das Schusterlein", damit er sich nicht vor den vornehmen Leuten, die einst mit ihm befreundet sein würden, zu schämen brauchte. Das gesamte Feria-Stadtviertel strömte zum Stier- zirkus in hellen Haufen. Auch die Macarena und die übrigen populären Viertel lieferten ein ansehnliches Kontingent. Es gab einen neuen Matador in Sevilla! Das mußte man sehen! Es waren nicht genug Billetts für alle da, und ! Tausende von Personen blieben draußen stehen und wartete« $ die Nachrichten von der Corrida ab. Gallardo machte seine Sache ausgezeichnet. Er wurde! vom Stier erfaßt, ohne verletzt zu werden, und erhielt da» Publikum in ständiger Spannung durch seine Verwegenheit Viele Aficionados, deren Urteil maßgebend war, lächelten zu« frieden. Noch mußte er viel lernen, aber er besaß ein wackere» Herz und guten Willen, und damuf kommt es an.— Beson« ders beim Versetzen des Todesstoßes zögert er keinen Augen« blick und stößt lebhaft zu. Die lustigen Dirnen, die Freundinnen des Stierfechters, waren außer sich vor hysterischer Begeisterung und riefen ihm die zärtlichsten Liebesworte zu. Die eine warf ihren Schal hinab in den Ring, die andere, um ein weiteres zu tun, warf noch dazu ihre Bluse und ihr Korsett hinab: eine andere ent« bläßte sich sogar ihres Rockes, und die Zuschauer hielten si» lachend fest, damit sie sich nicht selbst in die Arena stürzte. Auf einem Sitz hinter der Barriere spreizte sich stolz dev Gatte Encarnacions, der Schwester des Stierfechters, ei« Sattlermeister, der einen Kaufladen besaß, ein solider Mann, dem jedes unregelmäßige Dasein ein Greuel war. Er hatte sich mit der hübschen jungeil Zigarrenarbeiterin verheiratet, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß keinerlei Um- gang mit dem verluderten Bruder gepflegt wurde. Gallardo. durch die saure Miene des Schwagers abgeschreckt, hatte dessen Laden nie betreten, der am äußersten Ende des Macarena» Viertels gelegen war, und er wagte es auch nie, ihn zu duzen, wenn er ihm ab und zu bei seiner Mutter begegnete.„Ich will hingehen und sehen, wie sie den unverschämten Kerl mit Orangenschalen bombardieren." hatte er zu seiner Frau gesagt, als er zur Plaza ging. Und jetzt grüßte er den Stierfechter von seinem Sitz aus, nannte ihn kosend Juanillo, indem er ihn duzte, und lachte ihm mit breitem Gesicht entgegen, als jener auf ihn schaute und ihn mit seinem Degen grüßte. „Er ist mein Schwager," sagte der Sattler, um sich wich- ttg zu machen.„Ich habe es immer gesagt, daß der Junge im Stierfechten Tüchtiges leisten werde. Meine Frau und ich haben ihm auf die Beine geholfen." Der Abgang gestaltete sich zu einem Siegeszug. Die Menge stürzte sich auf Gallardo, als wollte sie ihn unter be- geisterten Kundgebungen erdrücken. Glücklicherweise war der Schwager da, um Ordnung zu schaffen, ihn mit seinem Körper zu decken und in eine Droschke zu bringen, in der er sich zur Seite des Novilleros setzte. Als sie das elende Häuschen im Feria-Viertel erreichten, wo die Seüora Angustias wohnte, ging hinter dem Wagen ein endloser Zug von Leuten, die den hoffnungsvollen Stier- kämpfer hochleben ließen. Aus allen Türen gafften Neu- gierige nach den Vorübergehenden. Die Nachricht vom Triumph war dort eher angelangt als der Triumphator, und die Nachbarn eilten herbei, um ihn zu beglückwünschen und ihm die Hand zu drücken! Die Seüora Angustias und ihre Tochter standen an der Tür des Hauses. Der Sattler half seinem Schwager ab- steigen, indem er ihn förmlich auf seinen Armen trug, ihn für sich allein beanspruchte, schrie und gestikulierte im Namen der Familie, damit niemand an ihn rühre, als handelte es sich um einen Kranken.„Sieh nur unfern Juan an, Encar- nacion!" rief er, indem er ihn seiner Frau zuschob.„Er hat den Vogel abgeschossen. Ein ganzer Kerl, sag ich Dir!" Einige begeisterte Nachbarn, die von der Corrida kamen, gratulierten der Seüora Angustias auf ihre Art. „Glücklich die Mutter, die einen so tapferen Sohn zur Welt gebracht hat!" Die Freundinnen betäubten sie mit ihrem Geschnatter. „Welch ein Glück! Ihr Sohn werde jetzt das Geld schaufel- weise verdienen!..." Die arme Frau trug in ihren Augen einen Ausdruck von Staunen und Zweifel. War es denn wirklich ihr Jua- nillo, wegen dessen die Leute so begeistert zusammenliefen?— Waren sie nicht alle verrückt geworden?... Aber plötzlich fiel sie über ihn her, als ob die ganze Ver- gangenheit sich auf einmal in nichts auflöse, als ob ihre Kümmernisse und Zornanfälle nur ein Traum gewesen sejen: alz ob sie jetzt einen schmachvollen Irrtum eingestehe. Ihre enormen schlammigen Arme schlangen sich dem Torero um den Hals und Tränen netzten eine seiner Wangen. „Juanillo, Herzenssohn... Wenn Dich Vater sehen könnte!...". ..Weine nicht. Mutter... Heut rst ern Freudentag. Bedenke, wenn Gott mir beisteht, werde ich Dir ein Haus kaufen, und Deine Freundinnen werden Dich� in einem schönen Wagen fahren sehen, und Du wirst die schönsten Manillatücher tragen, die in Sevilla zu haben sind..." Der Sattler nahm diese hochfliegenden Zukunfspläne mit beistimmendem Kopfnicken auf, zum Erstaunen seiner Frau, die diese plötzliche Wandlung nicht fassen konnte. �„Ja gewiß, Encarnacion, dieser Bursche wird Wunder wirken, wenn er es sich in den Kopf gesetzt hat. Der ist zum großen Mann geboren. Ich habe den richtigen Blick für solche Dinge." Am Abend wurde in den Kneipen der populären Viertel von nichts anderem geredet als vom Erfolge Gallardos. „Der kommende Stern der Tauromachie. Man muß ihn gesehen haben, wie er seinen Stier abfertigte! Der Junge wird alle Größen von Cordova in den Schatten stellen." In diesen Behauptungen kam der Sevillaner Stolz, in fortwährender Rivalität mit den Einwohnern von Cordova, der Pfanzstätte ebenso guter Toreros, zum Ausdruck. Das Dasein Gallardos erfuhr von dem Tage an eine vollständige Umänderung. Die vornehmen jungen Herren grüßten ihn und luden ihn im Cafä ein, sich zu ihnen zu setzen. Die Dirnen, die ihn sonst gefüttert und ausgestattet. wurden nicht beachtet. Der Unternehmer des Stierzirkus bewarb sich um die Mitwirkung Gallardos, als ob dieser schon eine Berühmtheit sei, denn er wußte wohl, daß sein Name eine ungeheure An- ziehungskraft auf das Publikum ausüben mußte. Jedesmal, wenn Gallardo auftrat, war der Zirkus ausverkauft. Der Pöbel jauchzte begeistert dem„Jungen der Sennora Angustias" zu und wußte nicht genug von seiner Tapferkeit zu erzählen. Ter Ruf Gallardo breitete sich über Andalusien aus, und der Sattler mischte sich, ohne daß jemand seine Hilfe beansprucht hätte, in alles und maßte sich die Rolle eines Vertreters der Interessen seines Schwagers an! Da er, wie er selbst behauptete, ein kluger und geschäftserfahre- uer Mann war, so war in seiner Vorstellung sein Weg deut- lich vorgezeichnet.„Dein Bruder", sagte er abends, wenn er mit seiner Frau zu Bett ging,„braucht einen kundigen und praktischen Mann, der seine Interessen wahrnimmt. Glaubst Du, daß ich ihm nicht von Nutzen sein würde?" lFortsetzung folgt.), (Nachdruck v«rdot«n.1 8] Glenn die JVatur ruft» Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. LönS. Manchmal, wenn er so dalag und in die Flammen starrte. dann war es ihm. als ob es die eines anderen Feuers waren, und der Mann, der neben ihm war, ein anderer. Er hatte kürzere Beine und längere Arme, stärkere Sehnen und dickere Muskeln. Das Haar hing lang und wirr um den Kopf, kleine geschlitzte Augen blickten darunter hervor. Es waren unverständliche, nie ver» nommene Laute, die Buck hörte. Und der Mann hatte Angst vor der Dunkelheit, in die er sah; seine Hand umspannte einen Stock, an dessen Spitze ein Stein befestigt war. Er war ganz nackt; nur ein zerrissenes Fell hing über seinen Schultern, und sein Leib war behaart. Er stand nicht aufrecht, sondern sein Körper bewegte sich nach vorn, und seine Haltung war die eines Wesens, das immer in Angst lebt, und der auf der Flucht vor etwas ist, das er nicht hören und nicht sehen kann. Katzenartig waren seine Bewegungen. Ein anderes Mal war es ihm, als ob der haarige Mann neben ihm am Feuer säße mit hochgezogenen Knieen, die seine Hände umspannt hielten. Und hinter dem Feuer sah er glühende Kohlen, immer zwei und zwei zusammen. Aber Kohlen waren es nicht, das wußte er wohl, sondern die glänzenden Augen von Raubtieren. So träumte er an den Ufern des Dukon von einer anderen Welt. Seine Rückcnhaare sträubten sich, er fletschte die Zähne, knurrte und bellte, bis der Mulatte ihn anrief:„He. auf- gewacht, Buck, alter Kerl. Wach auf!" Tann war seine Welt verschwunden, und die wirkliche lag wieder vor ihm, und er stand auf, streckte sich, gähnte, als ob er geschlafen hätte. Es war eine lange Reise mit schwerer Ladung, und in jämmer- lichem Zustande kamen sie in Dawson an. Sie hätten mindesten? einer zehntägigen Ruhe bedurft, um wieder frisch und munter zu werden, aber schon nach zwei Tagen mußte die Mckfahrt angetreten werden, um die Menge der Briefe und Pakete der Leute aus Alaska hinauszuschaffen in die zivilisierte Welt. Die Hunde waren noch immer erschöpft, die Führer nicht minder; dazu schneite es Tag und Nacht. Die Bahn war weich, und die Kufen sanken tief ein. Die Arbeit war schwerer als je zuvor, aber die Leute taten für die Hunde, was sie nur konnten. Jeden Abend rieben sie die Tier ab, ehe sie an Ruhe für sich dachten. Erst bekamen die Hunde ihre Mahlzeit, dann aßen die Männer. Und doch nahm die Kraft der Tiere immer mehr ab. Einige von ihnen hatten schon achtzehnhundert Meilen in diesem Winter vor dem Schlitten gemacht, eine Arbeit, die auch den Stärksten zerbricht. Buck aber ertrug sie, und er hielt auch die anderen in guter Ordnung. Mit Billy ging es schlecht; er winselte selbst im Schlafe. Joe war schlechter gelaunt als je zuvor, und Solleks war gänzlich unzugänglich; auf der blinden Seite wie auch auf der anderen durste sich keiner in seine Nähe wagen. Dasch aber war es, der am meisten zu leiden hatte. Er hatte sich wohl innerlich durch die Ueberanstrengung verletzt und wurde jeden Tag elender. Manchmal, wenn der Schlitten auf einen Stein oder sonst ein Hindernis stieß, und mit einem plötzlichen Ruck zum Stillstand kam, schrie er laut auf vor Schmerzen, unp abends, wenn das Geschirr ihm abgenommen wurde, fiel er hin, wo er stand. Dann kamen die Leute, fütterten ihn und deckten ihn zu. Keiner wußte, was ihm fehlte, und die Leute berieten bei jeder Mahlzeit, was wohl zu tun wäre, und auch abends bei der letzten Pfeife sprachen sie davon. Manchmal holten sie ihn dann her, legten ihn ans Feuer, rieben und strichen an ihm herum, aber keiner fand, wo es ihm fehlte. Als sie Eafsiar Bar erreicht hatten, war es so schlimm ge« worden, daß Dasch nicht mehr eingeschirrt werden sollte. Er lollte ausruhen und nur frei hinter dem Schlitten herlaufen. Er der heulte und winselte, als Solleks seinen Platz einnahm, um lief anstatt hinter dem Schlitten auf fester Bahn nebenher im lockerer Schnee. Alle Augenblicke war er neben Solleks, versuchte ihn zur Seite zu drängen und biß ihn in die Beine. Und immer"ünHte er und schrie zum Erbarmen. Der Mulatte trieb ihn mit>er Peitsche fort, aber es half nichts; fest schlagen mochte er nicht, denn der Hund tat ihm zu leid. Es war aber zu anstrengend, auf die Dauer im Schnee zu laufen, und immer weiter blieb er zurück. Als dann die ganze Reihe der Schlitten ihn überholt hatte, heulte er so jämmerlich, daß der Führer seines Gespanns hielt, um auf ihn zu warten. Ein Weilchen dauerte es bis zur Weiterfahrt, da der Mulatte seine Pfeife stopfte und die eines anderen Mannes anzündete. Dann sollte es weiter gehen. Die Hunde zogen an, aber im nächsten Augenblick schon standen sie und wandten die Köpfe. Der Führer wunderte sich, denn der Schlitten hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Dann rief er die anderen, damit sie sehen sollten, was geschehen war. Dasch hatte Solleks beide Stränge durchgebissen und stand nun auf seinem alten Platze vor dem Steuer. Mit den Augen redete er eine so deutliche Sprache, daß der Führer wußte, was er wollte. Sie waren erst alle sprachlos, dann aber wußte jeder etwas von einem ähnlichen Fall zu erzählen von Hunden, denen das Herz gebrochen war, weil sie ihre Arbeit nicht mehr tun konnten und andere an ihrer Stelle sahen. Sie meinten. es wäre am besten, dem Hunde den Willen zu tun; es sei barm» herziger, ihn in den Sielen sterben zu lassen, als ihm die letzte Freude zu versagen. So schirrten sie ihn wieder an, und mit stolz erhobenem Kopse und glänzenden Augen schritt er in der Reihe der anderen und zog mit allen seinen Kräften. Nur dann und wann, wenn er gar zu große Scbmcrzen fühlte, heulte er auf. Einmal stolperte er auch, und die Schlittenkufen gingen ihm über die Hinterbeine, so daß er fortan hinkte. Bis zum Abend hielt er aus, und die Leute machten ihm ein warmes Lager am Feuer. Am anderen Morgen aber war er zu schwach, sich aufzurichten. Als die anderen eingeschirrt wurden, kroch er näher heran, bald aber verließ ihn die Kraft ganz. Als ihn die Kameraden zum letzten Male sahen, lag er lang aus» gestreckt im Schnee, und jämmerlich hörten sie ihn noch winseln. als der Schlitten um eine Felsenecke bog. Da ließ der Mulatte halten und ging zurück. Auch die anderen Schlitten standen still, und die Leute hörten auf zu sprechen. Ein Revolverschuß tönte durch die Stille. Dann kam der Mann zurück; die Peitsche knallte und die Schlittenglocken klangen hell. Buck aber und die anderen Hunde wußten, was geschehen war, da hinten auf dem Schneefeld hinter dem grauen Felsen. Dreißig Tage, nachdem sie Dawson Verlaffen hatten, kamen sie mit ihrem Postschlitten wieder in Skaguay an. Die Hunde waren in einem jämmerlichen Zustand. Bucks Gewicht war von 140 auf IIS Pfund zurückgegangen. Die anderen Hunde hatten verhältnismäßig noch mehr zugesetzt. Peik. der Heuchler, der so manches Mal in seinem Leben schon ein lahmes Bein vorgeschützt hatte, um sich von der Arbeit zu drücken, hinkte jetzt wirklich. Solleks lahmte auch, und Dub hatte sich das Schulterblatt ausgesetzt. Wunde Füße hatten sie alle; Lebensmut war in keinem von ihnen mehr. Kaum konnten ihre Füße den Körper noch tragen; sie ivaren todmüde. Monatelang hatten sie nun bis an die Grenzen ihrer Kraft gearbeitet; jeder Muskel, zede Sehne, jeder Tropfen Blut in ihnen verlangte nach Ruhe. In fünf Monaten hatten sie nicht weniger als Lö0v Meilen zurückgelegt, und nur fünf Tage Rast hatten sie machen können während der kehlen 2000 Meilen. Als sie im Orte einfuhren, waren sie gerade zu Ende mit ihrer Kraft. Sie konnten kaum mehr die Stränge stramm halten, und sie hatten schon Mühe genug, nicht unter die Kufen zu kommen, wenn es bergab ging. „Hüh, ihr armen Schelme, Hühl" rief der Mulatte alle Augen. blicke ihnen ermunternd zu.„Gleich find wir da, und dann könnt ihr schlafen. Nichts wie schlafen und fressen sollt ihr. ihr armen Kerle. Gleich find wir da!" Die Leute glaubten auch, daß nun eine lange Rast gemacht Werden könnte. Sie kelbst waren ja auch die letzten 1200 Meilen im Schnee neben dem Schlitten hergelaufen und hätten Ruhe bitter nötig gehabt. Es gab aber zu viele Menschen da oben in Klondike und in Dawson, die Freunde, Weib und Kinder daheim zurückgelassen hatten, und der Berg der Briefe und Pakete wuchs und wuchs, auch amtliche Nachrichten waren zu befördern. Die alten Hunde aber waren ausgepumpt, waren unbrauchbar für die nächste Reise, und andere mußten deshalb an ihre Stelle treten. Und weil doch Hunde nicht so viel wert sind wie Geld, so sollten sie verkauft werden. Drei Tage waren vergangen, und den Hunden kam überhaupt jetzt erst zum Bewußtsein, wie schwach und elend sie waren. Am Morgen des vierten Tages kamen zwei Männer und kauften sie mit Geschirr und allem anderen für ein Spotgeld. Sie nannten einander Charles und Hal und kamen aus den Vereinigten Staaten. Charles war etwa 40 Jahre alt, von heller Gesichlsfarbe, hatte kalte, wasserblaue Augen und einen Schnurrbart, dessen Enden küh.l nach oben standen. Hal war jünger, etwa 20 Jahre alt. Er hatte einen großen Revolver und ein Jagdmesser im Gürtel. Drser Gürtel war eigentlich das einzig bemerkenswerte an ihm. Beide Männer waren hier fremd und hätten besser getan, dem Norden überhaupt kern zu bleiben. Buck hörte daS Handeln, er sah, daß Geld bezahlt wurde und er wußte, daß nun der Mulatte und die anderen Postschlittenlcute aus seinem Leben verschwinden würden, wie damals Perrault und Francois und die anderen. Als er mit den übrigen Hunden in daS Zelt seiner neuen Herren kam, fand er dort mehr Unordnung, als er je gesehen hatte. Auch eine Frau sah er dort; Mercedes wurde sie genannt und war Charles Frau und HalS Schwester. (Fortsetzung folgt.) Oer(lntergang cler antiken Melt. Man mag die antike Kultur in ihrer Bedeutung für die moderne Menschheit auch noch so verschieden bewerben, darüber kann kein Zweifel bestehen, daß grundlegende Faktoren der West- europäischen Kultur, und darunter solche, über deren Wert keiner- lei Meiiningsverschiedenheit besteht, aus der antiken Kultur stammen. Unwidersprochen wie diese Tatsache ist aber auch die andere, daß die Geschichte der Antike wie keine zweite der Wissen- schaft als unerschöpflich Fundgrube an Einsichten gedient hat. Die mit der proletarischen Bewegung in mehr oder minder festem Zusammenhang stehende Wissenschaftsarbeit hat sich naturgemäß zuerst der Durcharbeitung der modernen Geschichte gewidmet. Es ist ein höchst erfreuliches und von der inneren Solidität unserer ganzen Bewegung zeugendes Zeichen, daß in den letzten Jahren man Zeit und Interesse gefunden hat, auch die Probleme der antiken Geschichte und ihrer Kultur zu studieren. Unter den hier- her gehörigen Werken nahm das Büchlein von Ludo Moritz Hartmann:.Der Untergang der antiken Welt" (Verlag von H. Heller u. Co., Wien. Preis ILS M.) immer einen hervorragenden Platz ein. Nunmehr ist dasselbe in zweiter Auflage erschienen und rechtfertigt dadurch und durch seine kurze und knappe Form, die es zugleich nützlich und wohlfeil macht, einen empfehlenswerten Hinweis. Woran ist die antike Kultur zugrunde gegangen? Welche Grundkräfte sind wirksam gewesen, um aus dem blühenden Athen des Periklcs und Platon und aus dem Rom des Augustus und Titus die Stätten der Halbkultur zu machen, die wir im Mittel- aller dort antreffen? Die Frage ist oft aufgeworfen und ebenso oft verschieden beantwortet worden. Am ersten drängte sie sich natur- gemäß den christlichen Schriftstellern auf, die offiziell verpflichtet waren, den neuen Zustand gegenüber dem alten zu loben und bei dieser Gelegenheit regelmäßig dieselbe Theorie entwickelten: Die «Gottlosigkeit" und„Sündhaftigkeit" Roms sei so groß gewesen, daß der„Herr" es nicht mehr hätte mitansehen können. Der Unter- gang der Antike sei daher nichts weiter als die gerechte Strafe für eine Kultur der„Sittcnlosigkeit". Diese Theorie, daß die antike Kultur an ihrer Sittcnlosigkeit zugrunde gegangen ist, hat das ganze Mittelalter beherrscht. Erst in der Zeit der sogenannten Renaissance, als die kulturfeindliche Moral des Christentums durch die Männer der blühenden Stadtkultur Italiens praktisch od absurdum geführt und in ihrem wahren Wesen erkannt wurde, machte sich eine andere Auffassung über die Moral der Antike selber und damit auch über die Gründe ihres Unterganges breit. Alle Geschichtsthcorien haben sick an der Lösung dieser Frage versucht. Der eine sagte, daß die Monarchie die eigentliche Schuld trage; Rom wäre nicht untergegangen, wenn eö seinen alten republikanischen Grundsätzen treu geblieben wäre. Der andere machte das Schwinden de» religiösen Geistes für alle» verantwortlich. Die dritten zogen die antike Rassenmischung herbei: Alle Schüler des französischen Grafen Gobineau sehen in der Vermischung der alten eingeborenen Römer mit Griechen und Orientalen einen Haupt-, grund des römischen Niederganges ebenso wie sie in der Ver« Mischung des germanischen Blutes mit romanischem den Anfang des Unterganges der germanischen Kultur sehen. Einige ganz Schlaue machen übrigens auch hier wie anderswo als die einzig Schuldigen die— Juden namhaft. Israel sei um Christi Geburt- in Scharen in Rom eingedrungen, sei aber nicht in dem nötigen Maße zurückgedrängt worden, und besonders die den Juden günstige Politik des Julius Cäsar habe somit an dem endgültigen Untergange des römischen Staates ihre große Schuld. Neben solchen mehr oder minder unwissenschaftlichen Erklärungen finden wir ober schon sehr früh Versuche, die Tatsache des Unterganges der antiken Welt aus anderen als willkürlichen und von außen herangebrachten Gründen zu erklären. Der französische Historiker Montesquieu(gestorben um 1750} hat in einem noch heute lesens« werten Büchlein„Ueber die Ursachen der Größe und des Nieder« ganges des römischen Reiches" die Geschichte Roms an die Eigen« art seiner geographischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ge« knüpft, Theodor Mommsen hat in seiner römischen Geschichte wie überall ein scharfes Auge für die materiellen Grundlagen alles geistigen Seins bewiesen, und es war ganz selbstverständlich, daß der gewaltige Fortschritt, den die historische Methode von Karl Marx auf dem Gebiete der gesamten Geschichte zu Tage förderte, auch der alten Frage nach den Gründen des Unterganges der An» tike zugute kam. L. M. Hartmann macht kein Hehl daraus, daß er von der Marxschcn Methode entscheiden!« Anregungen erhalten hat. Die gesamte geschichtliche Tatsachenmasse, wie sie die Archäo« logie, Philologie und alle anderen Hilfswissenschaften der Ge« schicbie rekonstruiert haben, betrachtet er zunächst von drei Gesichts, punkten aus. Vielmehr innerhalb der gesamten Faktoren, die die römische Geschichte des von ihm betrachteten Zeitabschnittes aus» machen, sieht er drei Faktorenreihen als wichtig und ausschlag- gebend an. Er redet zuerst von der wirtschaftlichen, dann von der politischen, endlich von der religiösen Ent- Wickelung Roms. Die Geschichte des Unterganges der Antike wird hier also nicht mit den gewöhnlichen Mitteln der anschaulich und womöglich anekdotenhaft erzählenden und beschreibenden Schul- buchhistorie vorgeftihrt. Sondern die Hervorhebung und die ge« sonderte Betrachtung der oben genannten drei Faktoren zeigt an, daß hier versucht werden soll, nach einem bestimmten Prinzip die Geschichte zu erklären, d. h. nun nicht etwa Welt- und Lebens« rätsel zu lösen, sondern genau so wie in jeder anderen modernen, Wissenschaft so auch in der Geschichte die Erforschung der Wirk« lichkeit durch Erforschung ihrer Gesetze zu vereinheitlichen. Welches diese Arbeitshypothese und dieses Gesetz ist, darüber ist bei Hart- mann kein Zweifel. Schon indem er die EntWickelung der Wirt« schaft an den Anfang seines ganzen Buches stellt, drückt er aus, wovon das Buch selber nachher klar Zeugnis ablegt, daß nämlich nach ihm die Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse eines Landes vorzüglich und am allerersten geeignet ist, die spezifischen Schicksale dieses Landes zu erklären. Nachher erst kommen die politischen und danach erst die religiösen Verhältnisse. Dabei hängt es gewiß mit dem kurzen Raum zusammen, der dem Verfasser für dieses sein„Volksvorlesungsbuch" zu Gebote stand, wenn er es sich versagen mußte, auf die näheren Beziehungen dieser drei Verhältnisreihen, der wirtschaftlichen, politischen und religi» ösen, weiter einzugchen. Ehe dies nicht von fachmännischer Seite aus geschieht, bleiben Kautskhs Andeutungen in seinem Ursprung des Christentums das beste, was wir darüber befitzen. Der Untergang der Antike als der Untergang de? antike» Wirtschaftslebens— so lautet kurz die Formel für unseren Ver« such. Dabei kann und soll natürlich nicht jede Marmorstatue und jede literarische Aeutzerung als ein Ausfluß der gerade bestehenden ökonomischen Zustände hingestellt und im einzelnen bewiese» werden. Jeder große Gedanke der Wissenschaft kann durch Kleinig- keitskrämer lächerlich gemacht werden. Die Formel bedeutet nichts weiter, als daß der Geschichtsforscher versuchen will, bei allen ge« schichtlichen Erklärungen zuerst immer die Erklärung aus dem ökonomischen Hintergrunde anzuwenden. Er sost also nicht etwa die Entstehung von Werthers Leiden in Goethes Gehirn aus den wirtschaftlichen Verhältnissen zu erklären suchen. Aber er soll sich die Frage vorlegen, ob nicht das Schwinden des sogenannten klassischen und das Aufkommen des sogenannten romantischen Geistes innerhalb der gesamten Literatur im Anfang des 18. Jahr« Hunderts mit den damaligen ökonomischen Zuständen zusammen« hängt. Und ebenso soll er bei der Frage nach den Gründen für den Untergang der Antike zuerst das Problem stellen: In welcher Weise hängt denn jene großarttge Veränderung des gesamten Weltgeschehens, die wir mit dem Namen des Unterganges der Antike bezeichnen, mit der Veränderung der wirtschaftlichen Be- zchungen dieser Epoche zusammen? Könnte man sich etwa vor- stellen, daß das römische Kaiserreich und die römische Republik zugrunde gegangen wären, ohne daß die Haussklavenwirtschaft alten Stiles und die bäuerliche Wirtschaft zu gleicher Zeit hätten dran glauben müssen? Ist die starke Ausbreitung der christlichen Geistesstimmung denkbar ohne die schweren Erschütterungen wirt- schastlicher Art, die die römische Welt damals durchgemacht hat? Indem ttnt zur ausführlichen Beantwortung all dieser Fragen «Ulf das vorliegende Buch verweisen, begnügen wir unS hier damit, die hauptsächlichsten Unterschiede zwischen antiker und Mittelalter- licher resp. frühmittelalterlicher Wirtschaftsordnung kurz zu charakterisieren. Wenn wir uns die alte Welt in ihrer sozialen Struktur der- gegenwärtigen wollen, so fällt unS bei dieser Betrachtung vor ollem ein gewaltiger Unterschied auf, eine Institution, die heute im Bereich der zivilisierten Welt wenigstens unbekannt ist. Jeder weist, dast da! die Sklaverei ist. Die Sklaverei ist eine im antiken Wirtschaftsleben notwendige Institution. Wer sollte die wirtschaftliche Tätigkeit üben, wenn Soldat und Bürger eine Person war, wenn bei den ewigen Kriegen der Bürger ewig im Felde stand? Der beständige Krieg, der die Notwendigkeit der Sklaverei begründet hat, hat auch ihre Möglichkeit geschaffen. Denn der Rechtlose, der im Kriege gefangen wiod, ist Sklave. Aus der Kriegsgefangenschaft ist die Sklaverei entstanden. Kricgsrecht und wirtschaftliches Bedürfnis ergänzten sich gegenseitig. Noch von einer anderen Seit« betrachtet wird die Institution der Sklaverei verständlich. In der antiken Wirtschast deckten sich Produktions- und Konsumtionskreis. Das heiht jeder geregelte Handel, Grohindustrie, regelmätziger Austausch von Waren war dem Altertum ursprünglich unbekannt. Die einzelne Familie war wirtschaftlich auf sich gestellt, wirtschaftete für sich. Natürlich nicht bis ins kleinste Detail. Aber der wesentlichste Teil der Bedürfnisse ward im Hause erzeugt. Die Hauswirtschaft war aufgebaut auf der Eigenproduktion und nicht etwa wie heute auf Tausch, Kauf und Verkauf. Damit hängt zusammen, dast der antike Mensch ein ganz anderes Verhältnis zu seiner Scholle besäst wie der moderne. Nämlich ein viel engeres. Und wenn im Laufe der Zeit die Bedürfnisse wuchsen, so bedeutete das, dast innerhalb dieser Hauswirtschaft, dieser Familie, immer mehr Arbeitskräfte notwendig wurden. Das heigt natürlich mehr Sklaven. Der tzrtschritt der antiken Wirtschaft beruhte auf einer Mehrung der klaven. Sklaverei und fteier Bauernstand sind die Grundlagen der antiken Wirtschaft. Indem diese Grundlagen verschoben wurden, verschob sich die gesamte soziale Struktur der Antike. Rom breitete sich aus, um für seine jüngeren Söhne und die Besitzlosen Neuland zu erobern. Wenn aber der römische Bauer 20 Jahre im Felde stand, raubten die Grostgrundbesitzer, von denen gleich die Rede sein wird, ihm HauS und Hof, und es entstanden die Verhältnisse, von denen der Agrarpoliti'er und-Revolutionär Gracchus sagen konnte:„Daö Vieh, das Italien abweidet, hat seinen Unterschlupf; die Menschen aber, die für Italien sterben, haben Luft und Licht, sonst aber nichts— gar nichts." Wie entstanden die grasten Grundbesitzer und die grossen Ver. mögen? Ein Kapital im heutigen Sinne bestand bei den da- nialigen Zuständen natürlich nicht. Wohl aber gab die politische Uebermacht deS Römers ihm die Möglichkeit, sich zu bereichern. Als der bekannte Verres nach Sizilien als Statthalter ging, betrug die Zahl der freien Grundbesitzer daselbst noch 713. Als er diese seine Provinz, die er gepachtet hatte(natürlich nicht ohne dafür ein Erkleckliches an Bestechungsgeldern bezahlt zu haben), verliest, war sie auf 318 zurückgegangen. Wie hier so überall: Der Besitz der freien Bauern ging zurück. Die grasten Besitze schwollen an.„Mit Geld oder auf unrechtmässigem Wege"— so heistt es bei einem Schriftsteller �„wurde der Bauer hinauskomplimentiert, während er im Felde stand." Und ein anderer:„Das Volk wurde durch Armut und Dienstpflicht bedrängt, während Eltern und unmündige Kinder der Soldaten aus ihrem Besitze vertrieben wurden." Das ist die EntWickelung, die schon für das Ende der Republik charak- tcristisch ist. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist sie nicht stehen geblieben. An Stelle des Bauernstandes hat sich der Grostgrundbesitz ausgebildet.„Die Latifundienwirtschaften haben Jralien ruiniert, schon ruinieren sie auch die Provinzen"— so lautet ein berühmtes Wort eines Schriftstellers aus dem ersten Jahrhundert nach Christi Geburt. Wie wurden die Latifundien bewirtschaftet? In erster Reihe durch Sklaven. Aber die Sklaverei wurde infolge der Abnahme der Kriege zurückgedrängt. Und bald bot sich das Heer der Besitzlos- gemachten als Arbeiter an. Freilich nicht als Arbeiter in unserem modernen Sinne. Man ging vielmehr dazu über, die großen Güter in kleinen Landparzellen zu vermieten resp. zu verpachten. Die Freien bewirtschafteten ihre Scholle jetzt also gegen eine jährliche Abgabe. Bei der großen Zahl des Angebotes war die Lage dieser Kleinpächter eine über alle Masten drückende. Die Pachtrückstände der„Koloncn", wie man sie nannte, waren sprichwörtlich. Martial, der große Satiriker, spottet am Ende des ersten Jahrhunderts bitter über ihre Lage. Es kann nicht wundernehmen, daß bei dieser Sachlage das Land sich immer mehr entvölkerte, das Land- Volk immer mehr in die Stadt strömte. Im Zeitalter der Industrie bewirkt nun Landflucht ein An- wachsen der industriellen Produktion. Da die gewerbliche Pro- duktion des Altertums noch auf höchst niedriger Stufe stand, so bewirkte die Landflucht ein Zurückgehen der Gesamt- vroouktion. Damit wirkte sie auch auf die Bevölkerungszahl im ganzen zurück. Die Volkszahl nabm in erschreckender Weise ab. Rom hatte nicht mehr die Kraft, Katastrophen, wie Pest und Krieg durch größere Vermehrung wettzumachen._ Die Kleinpächter oder Kolonen, auf denen krotz ihrer elenden Lage doch immer der Staat noch beruhte, waren bisher wenigsten? frei gewesen, wenngleich sie zu bestimmten Frondiensten ver- pflichtet waren. Je drückender ihre Lage wurde, desto öfter mehrten sich die Fälle, wo die Kolonen ihrer Pacht zu entfliehen suchten. Diese Verhältnisse führten um 300 unter dem Kaiser Diokletian dazu, daß auch der letzte Stolz der antiken Wirtschaft, die Freiheit der Kolonen, schwand. An Stelle der Freizügigkeit trat die Ab« hängigkeit, die Hörigkeit. Innerlich zu schwach, um sich zu halten, mußte der Bau des römischen Staates mit gewaltigen Eisen- klammern von außen zusammengehalten werden. Aber nicht genug damit: bald rüstete man sich, die anderen Stände in dieselbe Zwangsjacke zu schnüren. Daß Soldatenkind muß Soldat, der Sohn des Handwerkers Handwerker, und zwar in derselben Zunft, der der Vater angehört«, werden. Die Frei- zügigkeit existierte bald nur noch für den Kaiser, seine Beamten und für die großen Grundbesitzer. Die EntWickelung der Gewerbe ging mit der in der Landwirt- schaft parallel. Die freien Arbeiter fanden sich zu staatlich ge- züchteten Korporationen zusammen. So war der Staat darauf aus. die in seinem Schöße wühlenden Kräfte zu zügeln und zu be- sänktigen. Endlich griff er auch hier zu dem letzten Mittel. Die Söhne mußten in die Werkstatt des Vaters. Und als Krönung des ganzen Gebäudes: unter Diokletian wurde ein großer Tarif aufgestellt, der die Preise aller Waren und die Höhe der Löhne ein für allemal und für das ganze Reich feststellen sollte. Die staat- liche Zwangsanstalt war fertig. Vergleicht man diesen wirtschaftlichen und sozialen Aufbau mit dem früheren der Antike, der im wesentlichen sich auf Haus- Wirtschaft gründete, so springt der Wesensunterfchied sofort in die Augen. Hier die Hauswirtschaft innerhalb des Stadtstaates und Städtebundes. Dort ein großer, zugleich politischer und Wirt- schaftlicher Zwangsorganismus. Das genaue Studium dieser eben umrissenen Verhältnisse ist die Vorbedingung zu einer richtigen Erkenntnis der für den so- genannten Untergang der Antike maßgebenden Gründe. Wie sich mit diesen wirtschaftlichen Veränderuiigen die politischen kreuzten, wie die religiösen und überhaupt rein ideellen in diese große Krisis der Geschichte mitverflochten waren, das harrt auch nach dem Hart- mannfchen Buche noch immer einer genauen und überzeugenden Darstellung. kleines Feuilleton. Kulturgeschichtliches. Die Siedelungen im Havelwink ei, dem zwischen Elbe, Havel und Fläming liegenden Gebiet der Mark Brandenburg, untersucht Max Bolle in den„Mitteilungen de? sächsisch-thüringischen Verein« für Erdkunde" und kommt dabei zu dem Ergebnis, daß sich die Besiedelung nicht sukzessive, sondern in vier verschiedenen Etappen vollzogen hat. Die erste Periode, ungefähr NX)— 900 n. Chr., ist die slawische Zeit, 900—98? folgt die Eroberung de« Gebietes durch die Deulfchen; weitere Perioden des Aufschwunges sind die Jahre 1140—1250, das Zeitalter der mittelalterlichen Kolonisatton des Osten« und 1550—1350, die Kolonisatton der Reuzeit. Die SiedelungSgründer der ersten Periode waren die stawischen Milzen. Wie die Namen, Urkunden und die Grundrißform der Orte bewesien, gehen zwei Drittel der beule noch dort bestehenden Wohnplätze bis m die Slawenzeit zurück. Sieben„Kietze", zahlreiche Fischnamen und-Geräte erinnern noch an das Leben der altwendischen Fischer. Die germanische Kolonisation brachte dem Havelwinkel vor allem den Deichbau gegen die alljährlich wiederkehrenden Ueber- schwemmungen der Elbe. Dadurch wurden große Sumpfsttccken entwässert, der Urwald gerodet und in Kulturland umgewandelt. Die Ortsanfiedelungen beschränkten sich nun nicht mehr auf die hochgelegenen, vor der Ueberschwemmung geschützten Gebiete; die Dörfer aus der germanischen KolonisattonSzeit befinden sich im Elbtal. Gerade diese Dörfer waren eS, die in den Perioden deS Niederganges 980 bis 1140 und 1250 bis 1550, am meisten bettoffen wurden; fast zwei Drittel dieser Gründungen find wieder vom Erd- boden verschwunden. Schuld daran waren die polittfch- Wirtschast- lichen Zustände in der Zeit der Junkerherrschaft, die Unterdrückung und Aussaugung der Bauern, die zur Folge hatte, daß die Bauern- bevölferung des Gebietes jegliches Interesse für den Bodesi verlor und daher auch die Deichanlagen nicht im Stande erhielt; diese Vernachlässigung rächte sich dadurch, daß die wiederkehrenden Ueberflutungcn der Elbe zum Aufgeben der Ortschaften zwangen. Wenn dann in den Jahren nach 1550 der Adel und die Fürsten, be- sonders Friedrich II., die erneute Urbarmachung und Besiedelung des fruchtbaren Gebiets in die Hand nahmen, so geschah das teils aus nacktem SelbsterhaltungSttieb, teils weil das Land eine überaus reiche Einnahmequelle verhieß. Seit der Mitte des vorigen Jahr- Hunderts befindet sich der Havelwinkel wieder in einer Periode wirk- schastlichcn Niedergangs, veranlaßt durch die Abwanderung der Be- wohner vom Land in die Städte; allein in den Jahren 1871 bis 1905 hat die Einwohnerzahl in mehr als der Hälfte der Ortschaften (53,4 Proz) ständig abgenommen; die Gründe hierfür sind hin- reichend bekannt. Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck a. Verlag: Vorwärts Bucvdruckcrcl u.BerlagSanstall Paul Singe: SlCo..Btrltn LAf.