Mnterhalttmgsblatt des vorwärts Nr. 76. Mittwoch, den 20 April. 1910 lNaihdruck ecceeten.) 141 Die Hrena. L, Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von I u l i o B r o u t a. ' � In seinem Geiste sah der Sattler die großen Reichtümer, die Gallardo erwerben sollte, und dachte zugleich auch an die fünf Kinder, die er hatte, und an die, die gewiß noch kommen sollten: denn er war«in Mann von unermüdlicher ehelicher Treue. Wer weiß, ob das Vermögen Gallardos nicht schließlich seinen Neffen in den Schoß fallen würde?... Anderthalb Jahre lang tötete Juan Novillos in den besten Arenen Spaniens. Sem Ruf war bereits nach Madrid «gedrungen. Die Aficwnados der Hauptstadt waren begierig. den„Sevillaner Jungen" kennen zu lernen, von dem die Zeitungen so viel Aufhebens machten und den die andalusi- schen Kenner bis in den Himmel erhoben. Gallardo stolzierte, von einer Schar Landsleute beglei- itet, die in Madrid wohnten, auf dem Trottoir der Calle de Sievilla gegenüber dem Cafs Jnglds umher. Die vorübergehenden Weiber lächelten, wenn er ihnen galante Redens- arten zuflüsterte, und ihre Augen hefteten sich lüstern auf seine schwere, goldene Uhrkette und seine haselnußdicken Diamenten, Schmucksachen, die er sich mit dem Erlös seiner ersten Honorare und teilweise auch auf Borg angeschafft hatte. Ein Matador muß zeigen, daß er Geld im Ueberfluß hat. Deshalb muß er feingekleidet sein, teuere Juwelen tragen und allen gegenüber freigebig sein. Wie fern zurück lagen die Zeiten, wo er mit dem armen Chiripa auf dem Trottoir umhergeirrt, sich scheu den Blicken der Polizei ent- ziehend, die Toreros mit Bewunderung betrachtend und ihre Zigarrenstummel auflesend!... In Madrid hatte er Glück mit seinen Leistungen. Er knüpfte Freundschaften an, und um ihn bildete sich eine Gruppe von Anhängern, die nach Neuem verlangten und ihn ebenfalls zum«Torero der Zukunft" ausriefen. Heftig protestierten sie dagegen, daß er noch nicht die Alternative, das ist den Matadortitel, erhalten hatte. „Schaufelweise wird er das Geld verdienen. Encor- nacion," sagte der Schwager.„Zum Millionär wird er's bringen, wenn ihm kein Unglück zustößt..." Das Leben der Familie erfuhr einen durchgreifenden Wechsel. Gallardo, der mit den vornehmen Leuten von Sevilla verkehrte, wollte nicht, daß seine Mutter weiter in dem elenden Haus wohnte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, so hätten sie eine Wohnung in der vornehmsten Straße der Stadt bezogen, aber die Sennora Angustias wollte dem Feriaviertel treu bleiben, mit jener Anhänglichkeit, die ein- fache Leute, wenn sie alt werden, zu den Orten fühlen, wo sich «ihre Jugend abgespielt hat. Sie lebten nun in einem schönen Hause. Die Mutter arbeitete nicht mehr, und die Nachbarinnen machten ihr den Hof, da sie sich in ihr eine großmütige Helferin für die Tage der Not warmhalten wollten. Juan besaß außer den auf- fallenden Juwelen, mit denen er sich schmückte, auch den höchsten Luxus eines Toreros, ein fuchsrotes Reitpferd, groß und stark, von edlem Blut, mit einem hohen Veguerosattel mit buntbcfranster Decke über dem Sattelbogen. Er ritt oft die Straßen ab, ohne anderen Zweck als den, die Huldi- gungen seiner Freunde entgegenzunehmen, die seine stattliche Erscheinung mit lauten Olerufen begrüßten. Das be- friedigte vorläufig seine Popularitätssucht. Bisweilen ritt er auch in Begleitung eleganter Kavaliere hinaus nach der Wiese von Tablada, an Vorabenden großer Corridas, um die Tiere zu besichtigen, die andere töten sollten. „Wenn ich einmal die Alternative in der Tasche habe," sagte er bei dem Anlaß, indem er hiervon alle seine Zukunfts- Pläne abhängig machte. Für den Äugenblick sparte er sich de Ausführung einer ganzen Reihe von Vorsätzen auf, mit denen er seine Mutter überraschen wollte, die arme Frau, die über den plötzlich her- eingeschneiten Wohlstand bestürzt war und eine Steigerung für unmöglich hielt. Der Tag der Alternative, der Verleihung des Titels eines Stiertöters an Gallardo, kam heran. Ein berühmter Maestro trat ihm den Degen und dia Muleta inmitten des Zirkus von Sevilla ab, und die Zu, schauermenge geriet in helle Begeisterung, als sie sah, daß ev den ersten erwachsenen Stier, der ihm vorgeführt wurde, mit einem einzigen Degenstoß niederstreckte. Einen Monat später wurde ihm dieser tauromachische Doktortitel in der Madrider Arena bestätigt, wo ein nicht minder berühmter Maestro ihm die Alternative in einer Corrida mit den gefürchteten Miura« stieren feierlich verlieh. Nun war er nicht mehr Novillero, und sein Name stand neben denen altbewährter Espadas, die er wie unnahbars Götter angestaunt hatte, als er noch von Dorf zu Dorf zog, um an den Capeas teilzunehmen. Er erinnerte sich sogar. einen dieser berühmten Männer in einem Bahnhof nahe bei Cordova, als er in einem Zug mit seiner Cuadrilla vorüber, fuhr, angebettelt zu haben. An jenem Tage konnte er seinen Hunger stillen, dank der freigebigen Brüderschaft, die zwischen den Zopfleuten herrscht, und den reichgewordenen Espada dazu bewegt, einen Duro und eine Zigarre dem zerlumpten Jungen zu reichen, der seine ersten Schritte auf dem Pfad der Stierfechterkunst macht. Jetzt hagelten die Engagements nur so auf den neuen Espada. In allen Arenen der Halbinsel wollte man ihn sehen. Die Fachblätter verbreiteten sein Porträt und seine Lebensbeschreibung, in die sie phantastische Episoden ein» flochten. Kein anderer Matador war für so viele Corridas engagiert wie er. Er verdiente ein Heidengeld. Antonio, sein Schwager, war über das Benehmen des Espadas nicht sonderlich erbaut und knurrte unwillig in Gegenwart seiner Frau: Undank ist der Welt Lohn. So geht es immer mit solchen, die plötzlich emporkommen. Er hatte immer so hartnäckig gefeilscht zum Besten seines Schwagers, wenn die Höhe des Honorars für die Novilladas diskutiert wurde. Was hatte er nicht alles für Juan getan! Und jetzt, wo dieser Maestro geworden war, hatte er zum Verwalter einen Herrn ernannt, mit dem er erst vor kurzem Bekannt- schaft gemacht hatte, einen gewissen Don Jos6, der nicht zur Familie gehörte, und vor dem Gallardo eine große Achtung hatte wegen seines Ansehens als alter Aficionado. „Es wird ihn schon gereuen," sagte der Sattler,„es gibt nur eine Familie. Wo wird er Zuneigung und Liebe finden wie bei uns. die wir ihn von Kind auf gekannt haben? Na. um so schlimmer für ihn." Gallardo, den der Erfolg großmütig gestimmt hatte, enffchädigte seinen Schwager, indem er ihn mit der Ueber- wachung der Arbeiten an seinem neuen Hause betraute und ihm unbedingte Vollmacht hinsichtlich der Auslagen gab. Er verdiente ja soviel Geld, daß es ihm nichts ausmachte, wenn der Schwager ihn etwas brandschatzte. Der Torero wollte seiner Mutter das Versprechen, das er ihr gegeben, halten. Sie, die Arme, die ihr Leben lan� die Wohnungen der Reichen gescheuert, sollte nun einen herrlichen Patio besitzen, mit Marmorplatten und mit einer Wand» bekleidung aus bunten Glasurfliesen, geräumige, helle Zimmer mit eleganten Möbeln, und viele, viele Mägde, um sie zu be» dienen. Auch er fühlte sich durch eine alte Anhänglichkeit an das Stadtviertel gefesselt, wo sich seine elende Kindheit ab» gespielt hatte. Es schmeichelte ihm, dieselben Leute durch seinen Reichtum zu blenden, für die seine Mutter gearbeitet und mit einer Handvoll Pesetas denen beizuspringen, die seinem Vater Schuhe zum Flicken gebracht hatten. Die Freude seines Schwagers Antonio darüber, daß er zum Bauverwalter ernannt wurde, erfuhr eine beträchtliche Trübung infolge einer furchtbaren Wahrnehmung. Juan ging auf Freiersfüßen! In diesem Augenblick, wo es Hochsommer war, zog er durch Spanien von Arena zu Arena, Degenstöße führend und Beifall erntend, aber fast täglich schickte er einen Brief an ein Mädchen des Stadt- Viertels, und während der kurzen Ruhepausen, wo er nach Sevilla kam, verließ er seine Kameraden und verbrachte die Nacht vor ihrem Fenstergitter in süßem Liebesgeflüster. „Habt Ihr gesehen?" rief der Sattler vor seiner Frau und seiner Schwiegermutter entrüstet aus.„Er hat eine Liebschaft, ohne seiner Familie ein Wort davon zu sagen! Er hat faktisch keinen Familiensinn, und das ist bedauernch. Der — 802— ftm�c �err will heiraten. Wahrscheinlich ist er Unser Wer- drüssig. Unverschämt!.. Encarnacion stimmte diesen Worten eifrig zu, wober etwas Neid gegen den reichen Bruder mitspielte. Ja, ja, der war immer ein Lump gewesen. Wer die Mutter legte Protest ein. „Schwatzt doch kein dummes Zeug. Ich kenne das Mädchen. Die Mutter war eine Freundin von mir in der Tabakfabrik. Sie ist äußerst anständig, sauber, bescheiden, gutherzig und hübsch dazu. Ich habe Juan gesagt, ich gebe ihm dazu meinen Segen, und meinetwegen soll er sie sobald als möglich heimführen." Sie war eine Waise und lebte bei ihrem Onkel und ihrer Tante, die einen kleinen Spezereiladen im Viertel besaßen. Ihr Vater, der Branntweinhändler gewesen, hatte ihr zwei Wohnhäuser im Macarena-Viertel als Erbe hinterlassen. „Eine Kleinigkeit," sagte der Sennore Angustias,„aber das Mädchen kommt nicht mit leeren Händen; es besitzt einiges Vermögen. Und die Ausstattung! Gütiger Gott, was die für geschickte Hände hat, wie sie stickt!" Gallardo erinnerte sich undeutlich, als Kind mit ihr ge spielt zu haben, in der Nähe des Portals, unter dem der Schuhflicker arbeitete, während die beiden Mütter miteinander plauderten. Es war eine dürre und dunkelliäutige Eidechse, mit den Augen einer Zigeunerin. Die Augensterne sahen aus wie Tintenflecken, das Weiße darin hatte einen bläulichen Schimmer. Wie sie lief, flink wie ein Junge, sah man ihre langen, dünnen Beine, und das schwarze Haar flog mm ihren Kopf wie ein Schwärm Fledermäuse. Hierauf war sie seinem Gesichtskreis entschwunden. Erst viel später fand er sie wieder, als er bereits Novillero war und sich einen Namen zu machen begann. lFortsetznng folgt.x (Nachdruck vervotin.) 9] Älenn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. L ö n s. Buck sah aufmerksam zu, wie sie das Zelt abbrachen und den Schlitten beluden. Sie gaben sich viel Mühe, aber nichts machten sie ordentlich. Das Zelt war ganz ungeschickt aufgerollt und nahm doppelt so viel Platz ein wie nötig war. Dtis Geschirr wurde schmutzig mitgenommen. Mercedes war den Männern überall im Wege, rannte hin und her und tat doch nichts. Wenn die Männer ein Bündel vorn aufgeschnürt hatten, dann fand sie sicher, daß es besser hinten aufgehoben wäre, und wenn sie es dann hinten auf- gepackt hatten und noch so und so viel oben darauf, dann fiel es ihr gewiß ein, daß sie grade aus diesem Sack noch etwas heraus- zunehmen vergehen hatte, was sie notwendig brauche. Die Leute aus den Nachbarzclten iahen zu und lachten. „Da habt Ihr ja'ne feine Ladung," meinte der eine,„daS muß ich sagen. Mich geht' es ja nichts an, aber ich würde vor allen Dingen das Zelt hier lassen." „Unmöglich," schrie Mercedes auf und rang die Hände.„Wie kann ich ohne Zelt fertig werden?" „Wird schon gehen," antwortete der Mann,„es ist doch Früh- jähr und nicht mehr kalt." '.Glaubt Ihr denn wirklich, daß Ihr damit vorwärts kommt?" fragte ein anderer. „Warum denn nicht?" war die kurze Gegenfrage. „Schon gut, schon gut," beschwichtigte der andere,„ich darf doch wohl fragen. Mir schien die Ladung nur mindestens zehnmal zu schwer." Charles zog nun die Riemen fest, so gut er konnte, und schlecht genug war das auch noch. „Und das sollen die Hunde ziehen?" fragte ein Mann, der eben hinzutrat. „Natürlich, wer denn sonst," antwortete Hal von oben herab, nahm das Steuer in die eine Hand und die Peitsche in die andere. „Hüh!" rief er,„Hühl" Die Hunde legten sich in die Riemen, zogen, so fest sie konnten, hielten aber gleich wieder ermattet inne. Der Schlitten hatte sich nicht gerührte „Ihr faulen Luder!" schimpfte Hal und schwang die Peitsche. Aber Mercedes fiel ihm in den Arm.„Nicht schlagen, Hal, nicht schlangen," rief sie.„Die armen, lieben Tiere. Du mußt mir versprechen, daß Du sie nie schlagen willst, sonst gehe ich nicht mit; ganz gewiß nicht." „Was verstehst Du denn von Hundebehandlung," brummte ihr Bruder,„laß mich zufrieden. Faule Kröten sind es, die ohne Prügel überhaupt nichts tun. Da kannst Du fragen, wen Du willst!" „Ja, weil sie so schwach find wie eine Fliege," rief einer der Umstehenden..Ruhe brauchen die armen Viecher, nichts als Ruhe." .Geh' zum Teufel mit Deiner Ruhe,' rief Hal erbost, und Mercedes seufzte schmerzlich. Ob fie es aus Mitleid mit den Hunden tat oder aus Kummer über des Bruders Fluchen, blieb unerklärt. Jedenfalls aber wollte fie nicht, daß andere Leute etwas an ihrem Bruder zu tadeln fanden. „Höre nur nicht darauf, was die Leute sagen," meinte sie spitz. „Du wirst wohl selbst wissen, was Du zu tun und zu lassen hast. Jedenfalls sind es unsere Hunde, und es geht niemanden etwas an, was wir damit machen!" Hals Peitsche fuhr sausend durch die Luft und über die Rücken der Hunde. Sie machten verzweifelte Anstrengungen, den Schlitten vorwärts zu bringen, aber ihre Füße glitten immer wieder auf dem glatten, festgetretenen Schnee aus. Der Schlitten saß wie verankert. Alle Mühe war vergebens; keuchend und zitternd standen sie da. Wieder sauste die Peitsche durch die Luft. Nun konnte es Mercedes nicht mehr ansehen. Sie warf sich auf die Knie vor Buck, legte ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich. Tränen standen in ihren Augen. „Ihr armen, armen Geschöpfe," rief sie weinend.„Warum wollt ihr auch nicht ziehen? So gebt euch doch Mühe, denn wir müssen doch fort." Buck wußte nicht, was das nur wieder bedeuten sollte. An- genehm war ihm diese stürmische Zärtlichkeit durchaus nicht, aber er fühlte sich zu elend, um sie abzuschütteln. Einer der Zuschauer, der schon eine Weile zähneknirschend dabei gestanden hatte, trat jetzt an den Schlitten heran. „Euretwegen ist es wahrlich nicht, Ihr Schafsköpfe, wenn ich mich noch einmal in die Sache mische, aber die Hunde dauern mich. Siehst Du denn nicht, daß die Kufen eingefroren sind. Du Esel?" Zum dritten Male mußten die Hunde anziehen, und nun be- wegte sich der Schlitten wenigstens, denn die Männer hatten ihn kräftig loSgerüttelt. Aber nur ganz langsam ging es voran; die hohe schwere Ladung schwankte, und die Hunde mutzten ziehen, daß ihre Körper fast den Boden berührten, während die Peitschenhiebe hageldicht fielen. Hundert Schritt weiter fiel die Straße ab. Ein erfahrener Mann hätte schon eine Last gehabt, einen Schlitten, so hoch beladen wie dieser, so du steuern, daß er das Gleichgewicht be- hielt, und Hal hatte nichts weniger als Erfahrung imSchlittenführen. Schon als sie scharf um die Ecke bogen, kam das Gepäck ins Schwanken, und an allen Enden rollten Sachen in den Schnee- Die Hunde merkten es Wohl, aber sie hielten nicht an, denn fie waren zu wütend über die ungerechte Behandlung. Buck war es. der das Lauftempo einschlug, und die anderen folgten. Alles„Halt!" und„Brr!" half nichts; Hal wurde einfach mitgeschleift. Dazu stürzte nach kurzer Fahrt der Schlitten vollends um und schleifte nun, leicht wie er war, zur Freude der Zuschauer hinter den Hunden her, die abschüssige Straße von Skaguay hinunter. Ein paar gutmütige Leute fingen endlich die Hunde ein unS sammelten die verstreuten Sachen auf. Dann redeten sie ein ernstes Wort mit den drei Fremden. Also doppelt so viele Hunde und halb so viel Ladung, wenn sie überhaupt jemals nach Dawson kommen wollten. Nun ging es ans Auspacken, und die Nordländer wollten sich fast ausschütten vor Lachen über daS unnütze Zeug, das die drei bei sich hatten. „Bettücher, ein Dutzend weiße Bettücher!" schrie einer der Männer lachend.„Wollt Ihr ein Hotel unterwegs aufmachen? Wozu die vielen Teller und Töpfe? Weg damit. Himmel, die Leute denken wohl, sie fahren im Salonwagen des Eilzuges!" Und so mußte ein Stück nach dem anderen beiseite gelegk werden. Mercedes weinte und zeterte, und rang bei jedem Stück die Hände. Immer wieder erklärte sie. sie ginge nicht mit, dem» ohne Komfort könne sie nicht leben. Als sie aber bei niemanden Mitleid erregen konnte, wurde sie eigensinnig und warf alles fort, was ihr gehörte, und sogar notwendige Sachen der beiden Männer- Jetzt war die Ladung halb so groß, aber immerhin noch schwer genug. Dann gingen Charles und Hal fort, um Hunde zu kaufen. Sechs Stück brachten sie mit, so daß es nun 14 Hunde im ganzen waren. Aber alle waren ganz unerfahren und in der Arbeit unbrauchbar. ES waren drei kurzhaarige Pinscher, ein Neufund- länder und zwei Fixköter von unbestimmter Abstammung. Buck hatte seine Last damit, fie zu lehren, was sie nicht tun durften; was sie aber tun mußten, das war ihnen nicht beizubringen. Sie hatten alle den Kopf verloren und waren voller Angst, denn sie waren fremd im Lande und alles war ihnen neu. DaS waren trostlose Aussichten für die Reise. Die beiden Männer aber waren anderer Ansicht; sie waren stolz auf ihr Gespann. Sie hatten schon manchen Schlitten aus dem Ort fahren sehen, aber 14 Hunde hatte keiner vorgespannt. Daß aber alle dio Männer, die hier im Eisgebiet fuhren, wohl einen Grund haben könnten, nicht 14 Hunde vor einen Schlitten zu spannen, daran dachten die drei Leute nicht, und daß fie auf einem Schlitten nichb einmal genügend Futter für sich selbst hätten mitnehmen können, davon hatte das kluge Kleeblatt keine Ahnung. Sie wußten eben alles besser als andere Leute, denn sie hatten sich ja alles schwarz auf weiß ausgerechnet. So viele Hunde, so viele Tagereisen und je mehr Hunde, desto schneller die Fahrt. DaS war doch klar! Die beiden Männer hatten das genau berechnet, und Mercedes, dio ihnen über die Schulter sah, nickte verständnisvoll. Am nächsten Morgen endlich waren sie so weit fertig, daß Buck den Zug aus dem Orte führen konnte. Es war kein Leben und kein Muk in?er ganzen Gesellschaft, und in ihm auch nicht, vier- mal hatte er nun schon diesen Weg gemacht und er wußte, was ihm bevorstand. Und diesesmal war er noch dazu todmüde schon von Anfang an. Dabei konnte er sich in diesem Falle nicht einmal auf die Menschen verlassen, die ihn führten. Daß sie nichts konnten, das hatte er gleich bemerkt, daß sie aber auch nichts lernen würden, begriff er auch zu bald. Es wurde immer späte Nacht, bis sie es fertiggebracht hatten, das Zelt aufzuschlagen, und bis Mittag dauerte es stets, bis sie wieder aufgepackt hatten, und zwar so nach- läsfig, daß es wohl ein dutzendmal am Tage vom Schlitten fiel; und immer gab es dann unnützen Auffenthalt. Manchmal wurde es morgens sogar so spät, daß es sich überhaupt nicht mehr ver- lohnte aufzubrechen, und dann war der ganze Tag verloren. Nicht die Hälfte des Weges wurde in der üblichen Zeit zurückgelegt. So war es unausbleiblich, daß der Mangel an Eßvorräten sich schon bald fühlbar machte. Die neuen Hunde, deren Magen noch nicht an die mageren Bissen gewöhnt waren, hatten fortwährend Hunger. Dabei war es schon gleich in den ersten Tagen, als die müden Hunde nicht nach Wunich ziehen wollten, die vorher bc- rechnete Portion verdoppelt worden, weil Hol glaubte, das würde die Tiere kräftigen. Nach Mercedes' Ansicht aber bekamen sie trotz- dem noch zu wenig, und da sie den Bruder nicht, überreden konnte, ihnen mehr zu geben, so stahl sie einfach Futter aus den Säcken und fütterte heimlich. Aber es fehlte ihnen ja nicht Futter, sondern nur Ruhe, nichts als Ruhe. Auf die Tage der Ueberfütterung folgten dann die des Hungers. Eines Tages machte Hai die Entdeckung, daß der größte Teil des Hundefutters fehlte, und erst ein Viertel des Weges war zurück- gelegt. Unterwegs war weder für Geld, noch für gute Worte etwas zu kaufen, und so wurden die Rationen bedeutend verkleinert und die Ansprüche an die Schnelligkeit der Hunde verdoppelt. Das erster« war leicht gemacht, aber das andere gelang nicht. Ebenso wenig wie es möglich war. die Hunde zu schnellerer Gangart zu bringen, ebenso wenig war es diesen drei Leuten möglich, morgens zu rechter Zeit aufzubrechen. Sie verstanden nichts von der Arbeit der Hunde, noch weniger aber von ihrer eigenen. Das erste Opfer war Dub. Der arme Kerl, der immer daS Pech hatte, für andere büßen zu müssen, hatte bis zuletzt noch so wacker und treu gearbeitet, aber die ausgerenkte Schulter, auf die niemand geachtet hatte, wurde bei dem schweren Tagewerk immer schlimmer, und eines Morgens wurde er von Hal erschossen. .(Fortsetzung folgt.), Einiges über Impfung. Von Dr. R. S t e l n i n g e r. Zu den Vorgängen der Weltgeschichte, die die Menschen am tiefsten erregt, die Völker am empfindlichsten betroffen und die ge- meinsame Abwehr der menschlichen Gesellschaft gebieterisch heraus- gefordert haben, haben von jeher die Verheerungen der Seuchen gehört. Wenn aber eine Seuche geeignet war, die Menschheit auf- zurütteln und zu energischen Abwehrbestrebungen anzuspornen, so lvar es die Blattern- oder Pockenkrankheit. Denn unter allen Seuchen muß fie als die am meisten verbreitete und mörderischste bezeichnet werden. Die Blattern rotteten Völkerschaften aus und veränderten die Physiognomie ganzer Länder. Die Vermehrung des menschlichen Geschlechts ist bis in das vorige Jahrhundert vor- nehmlich durch sie aufgehalten worden. Die große Verbreitung der Pocken, deren jährliche Opfer man für das Ende des 18. Jahr« Hunderts in Europa auf 400 000 schätzt, bestand schon in viel weiter zurückliegenden Zeiten. Der Araber Rhazes war der Meinung, daß der Seuche niemand entging. Im 18. Jahrhundert wurde die Zahl der Menschen, die an Blattern erkrankten, auf fünf Sechstel aller Lebenden geschätzt. In Berlin waren in der Zeit von 1758—1772 und in den Jahren von 1785—1799 von insgesamt 30 811 Todesfällen 2548, also fast der 12. Teil, durch Pocken verursacht. Eine Seuche, welche solch ungeheuere Opfer forderte, mußte die Menschheit frühzeitig anspornen, ein Mittel zu suchen, das vor ihr schützt oder ihre Gefahren vermindert. Run blieb es nicht un- bewerft, daß ein einmaliges Ueberstehen der Pocken fast ausnahmS- loS vor einer abermaligen Erkrankung bewahrt; sodann beobachtete man einen Unterschied in der Schwere der Krankheit. Diese Be- obachtung legte den Wunsch nahe, die für unvermeidlich gehaltene Krankheit dann durchzumachen, wenn fie einen leichten und milden Charakter zeigte, und führte zu dem Verfahren, gutartige Blattern zwecks Herbeiführung einer leichten Erftankung zu überpflanzen. Dieses Verfahren nannte man Blatterneinpftopfung, Blatternbelzen, Jnoculation oder Variolation. Bei den Chinesen soll die Variolation schon vor 3000 Jahren in Gebrauch gewesen sein. Sie verfuhren in der Weise, daß fie ihren Kindern Hemden leicht Pocken- kranker anzogen. In Europa wurde daS Verfahren durch eine Engländerin, Lady Montague, 1721 eingeftihrt, die es in Konstantinopel kennen gelernt und an ihrem Sohne erprobt hatte. Man schenfte sechs zum Tode venirteilten Verbrechern das Leben unter der Bedingung, daß fie sich der Jnoculation unterwerfen mußten, bei allen nahm die Krankheit einen milden Verlauf und e» wurde ihnen die Todesstrafe erlassen. Freilich stellte sich bald heraus, daß die künstlichen Blattern nicht immer günstig Verliesen, und es kamen Todesfälle nicht selten vor. Nur eine Blatternfurcht, die uns unverständlich ist, weil wir nicht mit ihr geboren und auf« gewachsen find, konnte fteilich ein solches Uebel auf sich nehmen Und Kant schreibt in seiner Tugendlehre 1797:.Wer sich die Pocken einimpfen zu lassen beschließt, wagt sein Leben aufs Ungewisse, ob er es zwar tut, um es zu erhalten, und ist sofern in einem weit bedenklicheren Falle des Pflichtgesetzes, als der Seefahrer, welcher doch wenigstens den Sturm nicht macht, dem er sich anvertraut; statt dessen jener die Krankheit, die ihn in Todesgefahr bringt, sich selbst zuzieht. Wenn später die Jnoculation verlassen wurde und in England 1340, in Preußen bereits im Jahre 1835 gesetzlich verboten wurde, so geschah dies aus dem Grunde, weil die inzwischen entdeckte Kuh- Pockenimpfung das immerhin nicht gefahrlose Verfahren entbehrlich machte. In der Zeit des pandemischen sallgemeinen) Auftretens der Blattern zeigten die Milchkühe mancher Gegenden eine eigentümliche Krankheit. Am Euter bildeten sich Blasen von bläulicher Farbe auf gerötetem Grunde. Diese Blasen trockneten nach einigen Tagen ein. Wurden sie jedoch beim Melken gerieben und verunreinigt, so platzten sie, und es bildeten sich Geschwüre. Diese Krankheit ging sehr oft auf die Hände der Melker und Melkerinnen über. Die Achnlichkeit dieser Eutererkrankung mit den Pusteln der Menschen« Pocken war so auffallend, daß der Volksmund der Krankheit den Namen Kuhpocken beilegte. Nun wurde in verschiedenen Ländern von der Landbevölkerung die Wahrnehmung gemacht, daß Personen, die an Kuhpocken gelitten hatten, von den Pocken und Menschen» blättern verschont blieben. Diesen Gedanken des Landvolkes unter« zog Jenner, ein englischer Arzt, der Prüfung. Er inoculierte 16, früher an den Kuhpocken erkranften Personen das Gift der cchien Menschenblattern. Bei keiner jener 16 Personen wurde ein Ausbruch der Blattern beobachtet. Hierdurch wurde die Schutz« kraft der Kuhpocken wissenschaftlich dargetan. Nachdem er diesen Beweis erbracht hatte, schritt er am 14. Mai 1796 zur ersten Impfung, indem er den Inhalt der Kuhpocken von einer Melkerin, die von dieser Krankheit befallen war, auf den Arm eines acht« jährigen Knaben überimpfte. Am 1. Juli desselben JahreS nun impfte er dem nämlichen Knaben das Gift der echten Menschen- blättern ein. Der Knabe erkrankte nicht. Er war durch die Impfung gegen die Krankheit unempfänglich geworden. Unter dem Druck der Pockenepidemien führten verschiedene Länder die zwangsweise Impfung gesetzlich ein, allen voran Bayern 1807. 1874 führte das deutsche Reichsgesetz die Impfung ein und ordnete auch die Wiederimpfung an, da die Erfahrung ergeben hatte, daß die Schutzftast zeitlich begrenzt ist. Außerhalb Deutschlands ist die Impfung zur gesetzmäßigen Einführung gelangt in Schweden, Norwegen, Dänemark, in einigen Kantonen der Schweiz, Schottland, Irland, Serbien, Ungarn. Portugal, Italien. Seit diesem Gesetz find 35 Jahre vergangen. Die Pocken find au? dem Deutschen Reiche fast völlig verschwunden, während fie in den anderen Ländern, die sich dieses Schutzes nicht erfreuen, noch zahlreiche Opfer fordern. Zugleich jedoch muß es auffallen, daß der leit langer Zeit von der Krankheit verschonten Bevölkerung die Einsicht in die Gefahr etwas verloren geht und daß sie das Gesetz als einen lästigen Zwang empfindet. Wir wollen indes hoffen, daß der Zweifel an dem Nutzen und der Notwendigkeit dieses Gesetzes nicht Raum gewinnt. Zunächst noch einiges über die Impfung selbst. Obwohl die normale Impfung in, ganzen typisch und ohne wesentliche Störungen des Allgemeinbefindens zu verlaufen pflegt, so ist doch im Gefolge der künstlichen Infektion das Befinden des Kindes aus dem Gleichgewicht gebracht. Kleinere Kinder sind un- rilhig, erregt, ihr Schlaf ist gestört, ihre Verdauung leidet etwas, manche wieder zeigen Mattigkeit und Unlust, größere Kinder klagen über Kopfweb. Vom dritten Tag an besteht geringes Fieber, erst am zehnten Tage kehrt die Temperatur wieder zur Norm zurück. Diesen allgemeinen Ericheinungen, die wohl kaum je bedeutend sind» stehen örtliche an der Impfstelle gegenüber. In dem Augenblick der Impfung selbst haben die Kinder den Eindruck einer Schnittwunde. In den ersten 24 Stunden zeigt sich eine geringe Röte, die am zweiten Tage wieder zurückzugehen pflegt. Erst am dritten Tage zeigt sich ein Knötchen, aus diesem entwickelt sich ein Bläschen, dessen Inhalt sich allmählich trübt, um vom elften Tage an zu vertrocknen. Diese Pustel ist von einem mehr oder weniger geröteten Hose umgeben, der sich warm anfühlt. Diese normalen örtlichen Erschei- nungen können einen abnormen Verlauf nehmen, besonders wenn es nicht gelingt, aus der Höhe der Pockenspannung das Platzen der Pocken zu vermeiden. Die aus den Fächern der Pocke austretenden Säfte reizen die Umgebung der Impfstelle sehr und können das Auftreten von Nebenpocken verursachen. Kommt dazu noch Verunreini« gung der Wunde durch Zerkratzen mit schmutzigen Fingernägeln. unsaubere Wäsche, Scheuern an der Kleidung, so ist der normale Wundverlauf gestört und die Abheilung d;s JmpfbodeuS erfolgt langsamer und mit Komplikationen. Für die Praxis ergibt sich daraus die Lehre, die Jmpfpocke vor jeder Verletzung zu schützen. Es kommt alles darauf an, einen möglichst normalen Verlauf der Jmpfpustel zu erzielen. Die Pustel soll ohne zu platzen, ohne der obersten Hautschichlen beraubt zu werden, eintrocknen, um das Eindringen ar derer schädlichen Keime «n Me Wunde zu verhüten. Kleinere Kinder find daher sorgsam zu tiberwachen und daran zu hindern, daß sie sich im Schlafe oder im Wachen die Impfstelle verletzen. Auch kommt es vor, daß Mütter nach der Impfung, sofort wenn der Arzt den Rücken kehrt, den Impfstoff von der Impfstelle abwischen, weil sie glauben, die Impfung verlaufe dann mild oder gelinge nicht. Sie reiben aber nur dadurch Schmutzteile in die Wunde, die ihre Kinder schädigen, ohne daß sie die Entwickelung der Pusteln verhindern können. Um welchen Vorgang handelt es sich nun bei der Impfung und tvie wird der Schutz erreicht? Der Erreger der Pocken ist un- bekannt, doch können wir durch Vergleiche mit anderen JnfektionS- krankheiten Schlüsse ziehen. Durch das Ueberstehen der Krankheit in ihrer leichtesten Form, die durch die Impfung hervorgerufen wird, werden im Blute Schutzstoffe gebildet, die imstande sind, da» Ein» dringen und Umsichgreifen der Krankheitserreger, also im gegebenen Falle der Pocken, zu verhindern. Beim Ueberstehen der wirklichen Pocken werden diese Schutzstoffe in so reichem Maße gebildet, daß sie zeitlebens ausreichen, bei der künstlichen Infektion durch die Impfung natürlich im geringeren Maße, so daß der Schutz zeitlich begrenzt ist, weshalb man auch die Wiederimpfung und für das Heer eine dritte Impfung eingeführt hat. Es wäre fehlerhaft, Kinder zur Impfung heranzuziehen, bei denen es zweifelhaft ist, ob sie nicht durch sie Schaden nehmen könnten. Das Gesetz hat diesen Punkt vorgesehen und ermächtigt den Arzt, die Jmpfuitg so lange zu unterlassen, bis sie unbedenklich erfolgen kann. Kinder mit chronischen Ernährungsstörungen, Kinder. die schwer rhachitisch, skrophulös oder tuberkulös sind, soll man zu- nächst zurückstellen, bis ihr allgemeiner Körperzustand gehoben ist. Leidet daher das Kind an Knochenschwäche, chronische» Katarrhen. fkrophulöscn Ausschlägen, Drüsenanschwellungen, ist cS sehr zurück- geblieben, so wird die Impfung besser verschoben. Ueber die Frage, ob die Impfung imstande ist, eine Anlage zur Erkrankung an Tuberkulose oder Skrophulose beim Impfling zu schaffen, spricht sich ein Gutachten der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen vom 1l). März 1897 durchaus verneinend aus. Als Schluß bringen wir noch einige Verhaltungsvorschriften aus dem Reichsimpfgesetz. Aus einem Hause, in welchem ansteckende Krankheiten, wie Scharlach. Masern, Diphtheritis, Croup, Keuchhusten, Flecktyphus, rosenartige Entzündungen oder die natürlichen Pocken herrschen, dürfen die Impflinge zum allgemeinen Termine nicht gebracht »verden. Die Kinder müssen zum Jmpftermine mit reingewaschenem Körper und mit reinen Kleidern gebracht werden. Die Nahrung der Kinder bleibe unverändert(gilt besonder? für Erstimpflinge). Bei günstigem Wetter darf das Kind ins Freie gebracht werden. Man vermeide im Hochsommer nur die heißesten Tagesstunden und die direkte Sonnenhitze.(Ebenfalls für Erstimpflinge.) Die Impfstellen sind mit großer Sorgfalt vor dem Aufreiben, Zerkratzen und vor Beschmutzung zu bewahren. Sie dürfen nur mit frisch gereinigten Händen berührt werden.... Vor Berührung mit Personen, welche an eiternden Geschwüren, Hautausschlägen oder Wundrose(Rotlauf) erkrankt sind, ist der Impfling zu bewahren, um die Uebertragung von KcankheitSkeimen in die Impfstellen zu verhüten.... Bei jeder erheblichen nach der Impfung entstehenden Erkrankung ist ein Arzt zuzuziehen, der Jmpfarzt ist von jeder solchen Erkrankung. »velche vor der Nachschau oder innerhalb 14 Tagen nach derselben eintritt, in Kenntnis zu setzen. Der Impfschein ist sorgfältig aufzubewahren. kleines Feuilleton. Völkerkunde. Exotische Musik. Durch die Vervollkommnung deS Phono- graphen ist es möglich geworden, auch auf Forschungsreisen »nusikalische Untersuchungen vorzunehmen, und schon eine ganze Reihe von Expeditionen in die Gebiete ferner, auf niedrigen Stufen der Kultur stehender Völker hat sich dieser Instrumente bedient, um deren musikalische Produktion in objektiver Weise festzuhalten. Solche Arbeiten haben die große Cambridge-Expedition im austra- lislben Gebiet, die deutsche von Professor Weule in Ostafrika und mehrere Forschungsreisende bei den amerikanischen Indianern mit bestem Erfolge ausgeführt. Unter ihnen beruhen auch zum Teil die Untersuchungen von Professor Stumpf über den Ursprung der Musik. Eine zusammenfassende Abhandlung über die„Wissenschaft der exotischen Musik" veröffentlicht jetzt Professor Gilman in Boston in der Wochenschrift„Science". Er stellt darin eine Anzahl von Gruppen auf, die durch Beispiele an verschiedenen Naturvölkern illustriert werden. An erster Stelle nennt er eine unharmonische Struktur. Diese umfaßt im allgemeine» die gesamte Musik außerhalb der europäischen Völker, weil eine wirkliche Harmonie nur bei diesen zu finden ist. Zwar hat man ein Gefühl für Harmonie auch den«ord» amerikanischen Indianern zugeschrieben, aber wahrscheinlich ohne Berechtigung. Es kann jetzt als ziemlich sicher angenommen werden, daß trotz der großen Entwickelung, die auch andere Völker der Musik zu geben gewußt haben, doch nur die Europäer eine eigentliche Ton» kunst geschaffen haben, die auf einer Störung und Wiederherstellung von harmonischen Tonkombinationen beruht. Die grundlegenden Forschungen von Ellis und Land über die astatischen Musikinstrumente haben zur Feststellung eines neuen Prinzips geführt, das eine tiefe Kluft zwischen der Musik de? Orients und des Okzidents zeigt. In Ländern wie Siam und Java gibt es weder ganze noch halbe Töne, sondern die Oktave ist in gleiche Teile geteilt, und zwar entweder in fünf 6/b Töne oder in sieben T* Töne. Die phonographischen Studien von Professor Stumpf haben diese merkwürdige Tatsache bestätigt. Ein siamesisches Orchester unterscheidet sich auch sonst voll- kommen von einem europäischen; denn jedes der verschiedenen Instrumente spielt selbständig, obgleich eine bestimmte Melodie von allen in ähnlicher Weise verfolgt wird. Dies Verfahren, das unseren Begriffen und unserem Geschmack geradezu ins Gesicht schlägt, ist als Heterophonie bezeichnet worden und Stumpf hat die Vermutung geäußert, daß die Musik im klassischen Griechenlande ähnlich gewesen sein dürfte wie diese siamesische der Gegenwart. Ein Wohlklang kann dabei nur vorübergehend und fast zufällig eintreten, und ebenso zufällig ist die Auflösung der Dissonanzen. WaS wir als Tonart kennen oder als das Vorherrschen einer Note innerhalb eines Musikstückes, fehlt der exotischen Musik häufig gleichfalls vollkommen, zum Beispiel in der Musik der Javanesen. Infolgedessen ist eS für das europäische Ohr auch unmöglich, die Schlußnote eines Musikstücks als solche zu erkennen. Nach der Anficht von Gilman deuten diese grundsätzlichen Verschiedenheiten auf neue musikalische Faktoren, die tief in das Herz der Kunst hineinreichen. Die Musik der Inder (Hindus) und der Afrikaner weicht von unserer hauptsächlich durch die größere Verwickelung der Rhythmen ab, die oft so groß ist, daß unsere Notenschrift zu der Aufzeichnung gar nicht ausrercht. Afrika- nische Trommler führen zuweilen verschiedene Rhythmen gleichzeitig aus. Dieser rhythmische Reichtum tritt gewissermaßen als Ersatz ein für die Armut der Tongebung. ES wäre nach Gilman nicht un- möglich, daß sich die europäische Musik in Zukunft nach dieser Rich- tung von der afrikanischen beeinflussen ließe, indem sie die Aufgabe ibrer weiteren Entwickelung in der Steigerung deS rhythmischen Reichtums sähe. Hat doch der Orient andere Kunstgebiete, nament» lich die Malerei, in Europa wesentlich zu beeinflussen vermocht. UebrigenS fehlt es der außereuropäischen Musik nicht gänzlich an Melodie, und Gilman stellt geradezu einen melodischen TypuS darin auf. Aber auch dieser ist für daS europäische Ohr schwer auf- zufassen. Bisher haben die Europäer die exotische Musik in Bausch und Bogen als primitiv und roh betrachtet. Nach den neuen Forschungen aber wird man ihr wohl eine größere Achtung oder wenigstens Beachtung widmen, weil die Aufklärung ihres Wesens viel zum Verständnis deS Ursprunges und der Entwickelung der Musik überhaupt beitragen kann. A»«s dem Pflanzenlebe». Warum wachsen die Wurzeln senkrecht? Schon mancher wird sich gewundert haben, daß die Wurzeln in die Erde streben, daß die Pfahlwurzeln genau lotrecht sitzen, und selbst die Lustwurzeln mancher tropischen Gewächse, die in den botanischen Gärten zu sehen sind, erdwärts streben. Warum aber wächst die Wurzel senkrecht? Die Behauptung der„Zweckmäßigkeit" allein ist nur ein Schluß, aber keine Antwort auf die Frage. Und das Wort „Schwerkraft" ist nur ein Begriff, aber keine Erflärung. Bei ge« wissen kleinen Krebsen hat man ein Organ festgestellt, das einer in- wendig von zahlreichen Haarbüscheln besetzten Blase gleicht. In dieser Blase befindet sich ein Sandkörnchen, da» die Tierchen nicht entbehren können, wenn sie nicht den bekannten sechsten Sinn, den statischen Sinn, verlieren wollen. Mit Hilfe dieses Sinnes orientieren sie sich ungewollt über ihre normale Lage. Fallen sie z. B. auf die Seite oder den Rücken, so trifft das Körnchen Haarbüschel, die einen dem Tier unangenehmen Reiz ausüben, und sie drehen und wenden sich so lange, bis dieser Reiz verschwunden ist, d. h. das Körnchen wieder in eine Lage gekommen ist, die keine un- angenehme Empfindung mehr auslöst. Das aber ist nur der Fall, wenn sie wieder auf den Beinen sind. Bei den Wurzeln vertritt die Stelle jener Blase jede einzelne Zelle der Wurzelhaube, die sich viel« zellig wie ein Fingerhut über die Wurzelspitze stülpt. Die Körnchen sind Stärkekörner, die in den Zellen ftei beweglich sind. Indem sie nun bald auf die eine, bald auf die andere Wanv der Zellen einen Druck ausüben, der als Reiz weiter geleitet wird, bewirken sie Krümmungen und Richtungsveränderungen der Wurzelspitze. Die Stärke- körner sind nur dann in Ruhe, reizen also nicht, wenn die Wurzel genau senkrecht in die Tiefe wächst. Selbst wenn also die Wurzel- spitze einmal vor einem großen Gesteinspartikelchen in der Erde halt machen und seitwärts ausbiegen muß, wird sie doch sofort wieder senkrecht weiterwachsen, sobald sie über daS Hindernis hinaus ist, weil sie der Druck der Stärkekörner auf die Zellwände dazu zwingt. Aehnliche auf die Schwerkraft reagierende Organe hat man in den sogenannten Statolithen auch für die Stengel festgestellt. Auf ihre Wirkung ist z. B. das Auftichten kriechender Stengel und geknickter Halme zurückzuführen._ Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: üioiaaxii Buchtruckerei u.XiecUgiauitaU Paul Singer örCo..Bertm S W.