Nnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 77. Donnerstag� den 21 April. 1910 rnachdru« verbotest 15] Die Hrcna* Roman vonVicenteBlasco Jbanez. _________ cv r: � oa____ � Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Es war an einem Frohnleichnamstag. Gallardo er- blickte ein hochgewachsenes, schlankes und zugleich dralles Mlädchen von jugendlicher Schönheit und Frische. Das zart- blasse Gesicht wurde beim Anblick des Stierfechters jählings rot, und die großen dunklen Augen blitzten zwischen den langen Wimpern auf. „Donnerwetter, der nette Käfer kennt mich," sagte sich Gallardo in seinem Dünkel.„Muß mich wahrscheinlich in der Arena gesehen haben." Er folgte ihr und ihrer Tante, und als er erfuhr, daß es Carmen, seine Jugendgefährtin war, konnte er sich nicht fassen vor Staunen, daß die frühere schwarze Eidechse sich so wunderbar umgestaltet hatte. Er machte ihr nun fleißig den Hof: die Nachbarn unter- hielten sich über die kommende Hochzeit und sahen in ihr eine neue Ehre für das Viertel. „Ich bin einmal so," sagte gnädig Gallardo zu seinen Verehrern.„Es fällt mir nicht ein, anderen Toreros nach- zuahmen, die sich mit vornehmen Damen verheiraten und dann nicht mehr mit Ihresgleichen verkehren wollen. Ich nehme ein Mädchen meines Standes und halte zu den Meinen." Die Freunde waren begeistert und sangen das Lob der Braut. Ein herrliches Weibl Welch ein Busen, welch...l Der Stierfechter machte eine böse Miene. Darin verstand er keinen Spaß. Abends, wenn er vor ihrem Fenstergitter stand und mit ihr plauderte, indem er zwischen den Blumentöpfen ihr maurisches Gesicht bewunderte, näherte sich ihm der Kellner einer nahen Kneipe mit einem großen Präsentierteller, aus dem eine Anzahl hoher, schmaler, mit Manzanillawein ge- füllter Kelche stand. Es war der Sendbote, der herankam, um„die Platzmicte zu erheben", ein alter Brauch in Sevilla gegenüber Verliebten, die durch das Gitter sprechen. Der Torero nahm ein Glas, bot seiner Braut ein an- deres an und sagte zum Kellner:„Sage den Herren, daß ich mich schön bedanke und daß ich später noch vorspreche. Sage dem Montanes, daß ich alles bezahlen werde." Wenn er lange genug Süßholz geraspelt, betrat er die Weinstube, wo ihn diejenigen, die ihm den Wink gegeben, erwarteten. Es waren meist Freunde und Anhänger, ver- mischt mit Unbekannten, die einmal auf Kosten des Toreros trinken wollten. Als er von der ersten Gastreise, die er als bestallter Matador unternommen, zurückkam, verbrachte er die Winter- abende vor dem Gitter Carmens, gehüllt in seinen maleri- fchen Radmantel von grünlichem, mit schwarzseidenen Sticke- reien bedecktem Tuch. „Man hat mir gesagt, daß Du stark trinkst," seufzte Carmen, indem sie die Stirn gegen das Eisengitter drückte. „Dummer Klatsch! Wenn ein Freund mich zu einem Glas einlädt, kann ichs doch nicht abschlagen und muß mich nachher revanchieren. Bedenke, Schatz, ein Torero ist... ein Torero, und man kann nicht von ihm fordern, daß er lebe wie ein Karmelitermönch." „Man hat mir gesagt, daß Du mit verrufenen Weibern verkehrst." „Alles Lügen.... Das war früher, als ich Dich noch nicht kannte.... Teufel noch mal. ich möchte den Hunds- sott kennen, der Dir solche Dinge hinterbringt." „Und wann ist die Hochzeit?" fuhr sie fort, indem sie mit dieser Frage die Entrüstung des Freiers unterbrach. „Sobald unser Haus fertig ist. Wollte Gott, es könnte schon morgen sein. Der Spitzbube von Schwager wird nie fertig. Offenbar geht es ihm gut dabei, so daß er keine Eile hat." „Ich werde in alles Ordnung bringen, Juanillo, wenn wir einmal verheiratet sind. Du wirst sehen, wie dann alles nach der Schnur geht. Ich bin sicher, daß mich Deine Mutter gern haben wird." Und so ging es weiter, in der Erwartung jener Hochzeit, von der ganz Sevilla sprach. Der Onkel und die Tante Carmens und die Sennora Angustias verabredeten die An» gelegenheit, so oft sie zusammenkamen, aber trotzdem betrat der Torero das Haus seiner Verlobten nur selten, als habe man es ihm verboten. Die Beiden sahen sich lieber, der Ueberlieferung getreu, nachts am Fenstergitter. Der Winter ging vorüber. Gallardo ritt oft hinaus auf die Jagd nach den Gehegen von reichen Herren, die ihn duzten und in gönnerhaftem Ton zu ihm redeten. Es hieß, durch beständige Leibesllbung seine Gelenkigkeit erhalten, für den Augenblick, wo die Corridas wieder einsetzen würden. Er fürchtete immer, seine Kraft und Behendigkeit einrosten zu lassen. Der mündliche Verkünder seines Ruhmes war Don Jose, ein Herr, der als fein Verwalter fungierte und alle Kontrakte mit den Zirkusunternehmern abschloß. Er lebte von seinen Renten und hatte sonst keine Beschäftigung, als von Stieren und Stierfechtern zu reden. Für ihn waren die Stiergefechte das einzig Interessante auf der Welt, und er teilte die Menschheit in zwei Klassen ein: in die der Aus- erwählten, die Stierzirkusse besitzen, und in die jener trau- rigen Nationen, wo es weder Sonne noch Frohsinn noch guten Manzanilla gibt, dessen ungeachtet sie sich mächtig und glück» lich wähnen, wo sie doch nicht einmal eine einfache Novillada geschaut haben! Er legte in seine Liebhaberei die Energie eines Kriegers und den Glauben eines Inquisitors. Dick und fett, noch jung, kahlköpfig und blondbärtig, war dieser Familienvater, der im gewöhnlichen Leben einen lustigen und etwas spötti» schen Charakter hatte, grimmig und unnachgiebig, wenn er im Stierzirkus saß und die neben ihm Sitzenden seine An- sichten nicht teilten. Er war Kavallerieoffizier gewesen, mehr aus Liebhaberei zu den Pferden als aus einem anderen Grunde. Seine Wohlbeleibtheit und seine Begeisterung für die Corridas hatten ihn veranlaßt, aus dem Dienst zu treten, und er verbrachte jahraus jahrein den Sommer, indem er Stiergefechten beiwohnte, und den Winter, indem er von ihnen sprach. Sein innigster Wunsch war, der Führer, der Ratgeber und der Verwalter eines Espadas zu werden. Als er auf diesen Gedanken kam, hatten bereits alle Maestros den ihrigen, und so war für ihn das Auftauchen Gallardos ein wahres Glück. Der geringste Zweifel an seinen Vor- zügen konnte ihn aufbringen und geradezu unangenehm werden lassen. Unter seinen glorreichsten Kriegstaten rechnete er auch die, zwei schlechte Aficionados in einem Cafö mit Stockschlägen traktiert zu haben, weil sie seinen Matador nicht gebührend zu würdigen wußten. Das gedruckte Papier schien ihm ungenügend zur Ver» breitung von Gallardos Ruhm, und im Winter pflegte er vormittags sich an einer sonnigen Ecke der Calle de las Sierpes aufzustellen, wo seine Freunde vorüberkommen mußten. „Ach was, es gibt nur einen Mann!" sagte er mit lauter Stimme vor sich hin, als sähe er die Herankommenden nicht. „Der erste Mann der Welt! Und wer das Gegenteil sagt, hat's mit mir zu tun... Ich sag's noch einmal:'s ist der Einzige." „Wen zum Teufel meinst Du?" fragten die Freunde mit leisem Spott, als verständen sie nicht. „Wen ich meine? Juan, natürlich." „Welchen Juan?" Und er antwortete mit einer Gebärde des Erstaunens und der Entrüstung: „Wie könnt Ihr noch fragen? Als ob es viele Juans gäbe. Ihr wißt es doch: Juan Gallardo!" „Man sollte meinen," sagten einige,„daß Ihr zusammen schlaft. Du und er... Bist Du's vielleicht, den er jetzt hei- roten soll?" Don Jose brummte grimmig in den Bart hinein. Wenn er aber sah, daß noch andere Bekannte herankamen, vergaß er die Spötter und wiederholte unentwegt: «Ich sag Euch, es gibt nur einen Mann. Neben ihm fllBt es keinen auf der Welt. Und wer's nicht glaubt, der sag es grad heraus, ich werd' ihm Antwort stehen." Die Hochzeit Gallardos gestaltete sich zu einem großen Ereignis. An dem Tage wurde auch das neue Haus ein- Seweiht, auf das der Sattler riesig stolz war. Er zeigte en Patio, die Säulen und die Glasurfliesen, als ob alles das Werk seiner Hände sei. Die Trauung fand in der Kirche zu San Gil statt, vorder Mutergottes der Hoffnung, die auch die Macarena genannt wird. Als der Zug die Kirche verlieh, glänzten unter den Sonnenstrahlen die fremdartigen Blumen und bunten Vögel von Hunderten von Manillaschals, in die die Freun- binnen der Braut gehüllt waren. Ein Abgeordneter war Brautführer. Von den weißen und schwarzen Filzhüten der Mehrzahl der Hochzcitsgäste stachen die funkelnden Zylinder- hüte des Verwalters und anderer Herren ab, die für Gallardo schwärmten und es sich nicht nehmen ließen, ihm an diesem wichtigen Tage das Ehrengeleit zu geben. An der Tür der neuen Wohnung wurden den ganzen Tag hindurch Almosen verteilt. Es kamen sogar aus den um- liegenden Dörfern Arme herbei, durch den Ruf dieser prunk- vollen Hochzeit angezogen. Im Patio gab es einen großen Schmaus. Mehrere Vhotographen machten Aufnahmen für die Madrider illu- strierten Blätter: war doch die Hochzeit Gallardos ein natio- nales Ereignis. Bis spät in die Nacht hinein tönten Gi° karren und Kastagnetten unter fortwährendem Händeklat- schen. Die Mädchen tanzten die anmutigen Sevillaner Tänze. mit hocherhobenen Armen, wobei die zierlichen Füßchen aller- lei verwickelte Arabesken auf dem Marmorboden zeichneten. Dutzendweise wurden Flaschen des auserlesensten andalusi- fchen Weines entkorkt, und von Hand zu Hand gingen die Gläser mit feurigem Jerez, herbem Montilla und blassem, zartduftendem Manzanilla von Sanlucar. Alle waren be- rauscht, aber ihre Trunkenheit hatte nichts Stürmisches: sie war sanft, ruhig und schwermütig, und gab sich nur in klagenden Liedern kund, wirr durcheinander gesungen, die von Mord und Totschlag, Zuchthaus und Friedhof handelten und vom armen Mütterlein, den ewigen Leitmotiven des andalnsischen Volksliedes. lFortsetzung folgt.Z (SMchSrM BMtotW.) m Alenn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. LönS. Wenn eS heißt, das ungearbeitete Hunde das Doppelke an Futter brauchen als alte Hunde, so war es nicht zu verwundern, daß die sechs neuen Hunde bei der Hälfte der üblichen Futter- menge bald mit ihrer Kraft zu Ende waren. Der erste, der eines Morgens tot dalag, war der Neufundländer, und bald darauf folgten die drei Pinscher, die beiden anderen waren nur noch Haut und Knochen. Mit den Menschen war auch eine Veränderung vorgegangen. Sie hatten sich eine Nordlandsfahrt doch anders vorgestellt, und die Enttäuschungen hatten ihre Laune vollkommen verdorben. Mercedes hatte aufgehört, über die Hunde zu weinen, denn sie hatte genug zu tun, über sich selbst zu weinen und in den Pausen mit Manu und Bruder zu zanken. Zum Zanken waren die drei über- Haupt nie zu müde. Wenn Mercedes nicht mit den beiden Männern zankte, dann benutzten sie die Zeit, um sich gegenseitig die größten Grobheiten zu sagen. Jeder von den beiden glaubte nämlich, daß er mehr täte, als seine Pflicht war, und er warf das dem anderen bei jeder Gelegenheit vor. Mercedes nahm dann manchmal die Partei des Mannes, manchmal die des Bruders, und das Ende davon war jedesmal eine allgemeine Zankerei. Und wenn eS sich auch nur darum handelte, wer Feuerholz hacken sollte, so ging eS doch gleich vom Hundertsten ins Tausendste. Die ganze Familie wurde hineingezogen, Vater, Mutter, Onkel, Tanten, und selbst die verstorbenen Urgroßväter. Wenn auch Charles' Ansicht über Licbhabertheater durchaus nichts mit Holzhacken zu tun hatte, so war sie doch ein willkommener Anlaß zum Weiterspinnen der sonst vielleicht zu schnell beendigten Schimpferei. Inzwischen wurde natürlich überhaupt kein Feuer angemacht, und die Hunde wurden vergessen. Mercedes fühlte sich fortgesetzt beleidigt und gekränkt. Sie war eine hübsche, etwas rundliche kleine Person, und stets war sie mit größter Zuvorkommenheit von allen Mänern behandelt worden, ober das Benehmen ihres Mannes und ihres Bruders ließen jetzt manchmal viel zu wünschen übrig. Sie hatte bislang immer ge- funden, daß es ihr gutsiand, sich etwas hilflos und unselbständig zu benebmen, aber die beiden Männer hatten jetzt wenig Sinn dafür. Sie hatte schon lange aufgegeben, mit Sft» Hunden Mitleid zu haben, sondern hatte es nun mit sich selbst, und weil sie wunde und müde Füße hatte, bestand sie darauf, auf dem Schlitten zw sitzen. Diese hübsche rundliche kleine Person wog aber 120 Pfund. Wenn das an sich auch nicht viel war. so war es doch viel zu viel für die Hunde. Charles und Hol baten sie vergeblich, abzusitzen und zu gehen. Sie weinte und schrie und rief Himmel und Erde zu Hilfe gegen solche Grausamkeit. Mit Gewalt war bei ihr auch nichts auszurichten. Einmal hatten sie es auch damit versucht und sie einfach heruntergenommen, aber zum zweiten Male taten sie es nicht. Sie hatte damals ein Schüppchen gezogen wie ein un- artiges Kind und hatte sich in den Schnee gesetzt. Die beiden Männer waren ruhig weiter gefahren und glaubten, daß sie wohl zur Vernunft kommen würde. Als sie aber drei Meilen gefahren waren und nichts mehr von ihr zu sehen war, hatten sie den Schlitten abgeladen und waren zurückgefahren, um sie zu holen. Sie hatte noch an derselben Stelle gesessen. Ihr eigenes Leid machte sie ganz empfindungslos gegen das ihrer Hunde. Hals Theorie, die er allerdings nur bei anderen anwedete, hieß: Nur kein unnötiges Mitleid! Und diese Theorie übte er praktisch an den Hunden. Am Fünffingerfelsen wurde das letzte Hundefutter verteilt. Zum Glück begegnete ihnen aber ein altes Jndianerweib, die sich bereit erklärte, gegen den Revolver in Hals Gürtel ihnen eine gefrorene Pferdehaut zu verkaufen. Die alte Haut, die vor einem halben Jahre vielleicht einem ver- hungerten Gaule abgezogen war, gab aber nur schlechten Ersatz für Futter. Wenn die Hunde das harte, in Stücke gehackte Zeug verschlungen hatten, lag es ihnen schwer wie Eisen im Magen, und war es dann aufgetaut, so ballte es sich zu einer ledernen. haarigen Masse zusammen. Buck ging nur noch wie im Traume an der Spitze des elenden Hundegespanues. Er zog so lange, bis er hinfiel, und erst wenn die Peitschenschläge hageldicht fielen, raffte er sich wieder auf. Sein Fell war nur noch eine schmutzige, struppige Masse; da wo der Peitschenstiel gar zu hart getroffen hatte, hing das geronnene Blut. Seine Muskeln waren schlaff und knotig geworden, und jede Rippe war zu sehen. Es war zum Herzbrechen, Bucks Herz aber brach nicht. Das hatte der Mann in der roten Jacke gestählt. Und wie Buck, so ging es auch den anderen Hunden; sie warer» wandelnde Gerippe. Sieben waren es noch im ganzen. Der» Schlag der Peitsche fühlten sie nicht mehr; nur schwach und ver» schwömmen kam ihnen der Schmerz zum Bewußtsein, gerade wie die Außenwelt ihren Augen, und jedes Geräusch ihren Ohren. Sie lebten ja kaum mehr. Und eines Tages fiel Billy, der Gutmütige, und konnke nicht mehr hochkommen. Da nahm Hal, der nun keinen Revolver mehr hatte, das Beil und schlug ihn auf den Kopf. Dann schnitt er die Stränge durch und warf ihn mitsamt seinem Sattelzeug seitwärts in den Schnee. Buck sah es und auch die anderen, und jeder wußte, daß es ihm auch bald so gehen würde. Am nächsten Tage kam die Reihe an Krona. Jetzt waren sie nur noch fünf. Der hinkende Peik, der viel zu elend war, um sein schlechtes Gemüt zu zeigen, Joß, der einäugige Solleks und Teek, der in diesem Jahre noch keine so große Fahrt gemacht hatte und noch am frischesten war, dafür aber die meisten Prügel bekam. Buck war noch immer Leithund; halb blind von Schwäche setzte er langsam einen Fuß vor den anderen. Es war herrliches Frühlingswettcr, aber weder Mensch noch! Tier achtete darauf. Jeden Morgen ging die Sonne früher auf und jeden Abend ging sie später unter. Schon um drei Uhr fing es an zu dämmern und vor elf Uhr abends war es nie dunkel. Die Sonne schien den ganzen Tag. Das Leben rührte sich überall in der Natur; der Saft stieg in die Bäume, die Weidenknospen brachen auf. Die Heuschrecken fingen an zu zirpen, allerhand Gewürm kam aus der Erde, und in den Wäldern fing der Specht an zu hämmern; die Eichhörnchen kletterten in den Bäumen umher, und die wilden Gänse kamen vom Süden. Von jedem Felsen tropfte es, und die Quellen fingen an zu rieseln. Das Eis des Flusses krachte und hatte stellenweise schon große Risse. Und durch all diese Frühlingsherrlichkeit kroch in brennender Sonnenglut langsam der Schlitten mit den beiden Männern, der Frau und den Hunden, bis zu John ThorntenS Lager am Ufer des Milchflusses. Als der Schlitten hielt, fielen die Hunde hin wie tot. Mer« cedes hatte ihre Tränen getrocknet und lächelte John Thornten an. Charles setzte sich auf eine Matte, ganz langsam und borsichtig, denn jedes Glied tat ihm weh. Hol führte die Unterhandlung. John Thornten arbeitete ruhig weiter an einem neuen Stiel zu seiner Axt, nur ab und zu warf er ein Wort ein oder gab einen kurzen Rat, wenn er nach etwas gefragt wurde. Viel sprach er nicht, denn er kannte diese Art Leute und wußte, daß sie doch nicht tun würden, waS er ihnen riet. „Die Leute da unten hatten uns gesagt, daß man zu dieser Jahreszeit nicht mehr die Bahn auf dem Fluß benutzen könnte. das Eis hielte nicht mehr, aber wie Du siehst, sind wir trotzdem hier," prahlte Hal. „Narren haben eben manchmal mehr Glück als vernünftige Leute," meinte John Thornten ruhig.„Ich würde jedenfalls nicht für alles Gold in Alaska wagen, jetzt noch auf dem Eise zu fahren." „Aber wir." Eigensinnig warf Hal den Kopf in den Nacken und schwang die Peitsche.„He. Buck, marsch." Thornken avbeiteie ruhig tveiker. Wem nicht zu raten Kar, Lem war auch nicht zu helfen. Die Hunde rührten sich trotz alles Zurufes nicht. Sie waren schon lange in einem Traumzustande, aus dem nur Prügel sie wecken konnten. Und die Peitsche sauste ohne Unterlatz durch die Luft. John Thornten bitz die Zähne aufeinander. Solleks war der erste, der auf die Fütze kroch; Teck folgte, und dann Jotz, der dabei vor Schmerzen schrie. Zweimal fiel er wieder hin, aber schlietzlich blieb er doch stehen; Buck aber erhob sich nicht; er der- suchte es auch gar nicht. Er lag ruhig da, wo er hingefallen war. Die Peitschenhiebe fielen unaufhörlich, aber er winselte nicht ein- mal. Es war das erstemal, datz Buck den Dienst versagte, und das genügte für Hal, um ihn in helle Wut zu bringen. Jetzt schlug er mit dem Peitschenstiel, aber Buck rührte sich nicht, wie dicht auch immer die Schläge fielen. So viel hatte er schon erduldet, datz er nichts mehr fühlte. Er hörte höchstens ganz dumpf ein Geräusch, wenn der Stock auf seine Knochen fiel. Aber es waren ja nicht die seinen, es war ja nicht sein Körper, der da lag. Plötzlich stürzte John Thornten hinzu. Einen Schrei stietz er aus, der nicht aus einer Menschenkehle, sondern aus der eines Raubtieres zu kommen schien. Im nächsten Augenblick taumelte Hal und fiel um wie ein gefällter Baum. Mercedes schrie, Charles zwinkerte mit den kleinen wässrigen Augen, aber er stand nicht auf, denn dazu war er zu steif. John Thornten hatte sich über Buck gebeugt. Er war kreide- bleich und zitterte vor Aufregung und Zorn. „Schlägst Du den Hund noch einmal, dann schlage ich Dich Aotl" stietz er endlich hervor. .Es ist mein Hund," rief Hal, der aufgestanden war und sich das Blut von der Nase wischte.„Weg da, ich kann machen was ich will.' (Fortsetzung folgt.H (Nachdruck verdoten.) Hus dem dunkelften Suropa. Die Albanesen. von H. Singer. Der kleine, in seinen abgelegenen Sitzen auf ein ehrwürdiges Alter zurückblickende Volksstamm der Albanesen, ein Rest der Jllhrier, bereitet der Türkei wieder einmal schwere Verlegenheiten; sie mutz grotze Truppenmasten aufbieten, um diese unruhigen Geister aufs neue ein wenig zur Ruhe zu bringen. Der Ruf der Albanesen ist im allgemeinen nicht gut, und man pflegt hauptsächlich an ihre ewigen Stammesfehden und die Sitte der Blutrache zu erinnern, wenn man sie kurz charakterisieren und die Berechtigung jenes schlimmen Rufes dartun will. Nun find die Alba« nesen gewitz ein höchst wildes, auf noch sehr primitiver Stufe der Gesittung stehendes Volk mit allerlei barbarischen. eigentümlichen Sitten, ein Anachronismus in Europa; aber es haben sich doch in den letzten Jahren die Stimmen gemehrt, die eine gerechtere Verteilung von Licht und Schalten herbeizuführen bemüht gewesen sind. Hierzu find scharfe und objektive Beobachter wie Paul Träger, Karl Steinmetz, E. Liebert und Franz Baron Nopsca zu rechnen, die auf ihren Reisen durch die unbekannten Gebirgswinkel besonders Nordalbaniens mit deren verrufenen Be- wohnern in enge Berührung gekommen sind und manchmal monate- lang ungefährdet und bestens beschützt unter ihnen geweilt haben. Ihre überaus wichtigen Bemerkungen über Land und Voll sind meist in dem verdienstlichen, von Karl Patsch in Serajewo heraus- gegebenen Sammelwerk.Zur Kunde der Balkanhalbinsel" erschienen. Bon der Blutrache meint Liebert. sie bestehe in Albanien zwar in ihrer grausamsten Folgerichtigkeit zu recht; aber sie sei in diesem Lande, wo eS an einer Leben und Eigentum verbürgenden Obrigkeit fehle, zum Selbstschutz notwendig. Er bemerkt dann: „Auch die Stammesfehden wüten in einzelnen Teilen unbarniherzig wie Menschenjagden. Hat aber damit der Fremde etwas zu tun? Ist schon je ein Fremder auch nur in der leisesten Weise davon be- troffen worden? Trägt nicht gerade die Blutrache zu seiner Sicherheit bei? llnd stehen den europäisch und anachronistisch erscheinenden Gewohnheiten nicht Eigenschaften zur Seite, auf die Europa und unsere Zeit stolz sein könnten? Da ist bor allem die Gastfreundschaft, die weitgehendste und selbstloseste Gastfreundschaft. Jedem, der in den Bergen war. wurde sie ohne Bitte als selbstverständlich gewährt. So oft ich nach einer anstrengenden Wanderung im einsamen Gebirge in ein Haus oder eine Hirtenhlltte eintrat, stets war man darauf bedacht, für mich zu sorgen; man gab mir vom Besten, was an Speise und Trank vor- Händen war; man rämnte mir den besten Lagerplatz ein; nie sah ich ein mürrisches Gesicht, immer umgab mich freundlichste Bereitwillig- keit. Aber nicht blotz Gastfreundschaft wurde mir gewährt. DaS Haus, daS ich betrat, bürgte auch für meine Sicherheit. Gewährt nun der Albanier so Weitgehendes, so hat auch der Fremde ihm daS nicht zu versagen, was überall gefordert wird: Achtung vor den Landessitten. Man hüte sich, in dünkelhaftem Europäertum heimische Eigenheiten geringschätzig zu behandeln. Rücksichtslosigkeiten emp- findet cmch der Albanier unangenehm, denn er besitzt bei aller Stau- heit ein ausgesprochenes, natürliches Taktgefühl." Nur mit dem Mißtrauen dieser Leute hat der Fremde anfänglich zu rechnen. Sie sehen nicht recht ein, was er in ihrem Lande will, und glauben, datz er seine überlegenen Kenntnisse zur Erlangung irgendwelcher ihnen verborgener Vorteile verwenden wolle. Zur Charakteristik des Volkes seien noch einige weitere Einzel« Helten angeführt. Das Wissen über die Autzenwelt ist recht gering. Nach der Ansicht des Stammes Sola sitzen die„sieben Könige Europas" sämtlich in einer festen Burg beisammen und beraten, wie sie am besten den in Konstantinopel residierenden allmächtigen Türkenkaiser bekriegen könnten. Diese Albanesen haben eben noch nichts vom„kranken Manne" gehört, der den„Königen Europas' längst nicht mehr gefährlich ist. Die abergläubischen Vorstellungen der Albanesen erinnern in ihrer Abenteuerlichkeit und Düsterkeit an Anschauungen der Papuas oder mancher Afrikaner. Die Oras sind die Lust be» völkernde Geister, Schutzengel, schwarz und hätzlich die der bösen, schön die der guten Menschen; sie sind indessen sterblich und führen durch ihren Tod auch gleich den Tod ihrer Schützlinge herbei. Ein gewaltiger Elementargott ist Senjt Verbd, der vor den Hagelstürmen einherzieht. Man sucht ihn bei solchen Gelegenheiten durch Gewehr- schüsse zur Umkehr zu bewegen, und dasselbe Mittel wendet man an, um das bei Mondfinsternissen den Mond verschlingende Ungetüm zu verscheuchen. Dann gibt es die des Nachts als Lichter umhcrstreifenden Hexen sStriga), die durch Blutaussagen oder AuLstessen der Leber Menschen töten— also Vampyraberglanben. Wenn man aber von einer Frau weih, datz sie eine Striga ist, so kann man fie auf folgende Weise unschädlich machen: Man legt sie, während sie schläft, so um, datz der Kopf dort zu liegen kommt, Ivo vorher die Fütze liegen. Wenn man sie dann plötzlich weckt, so stirbt sie unfehlbar; denn die zum Körper zurückkehrende Seele, die ihn während des Schlafes verlassen hatte, findet in der Eile nicht den Eingang, den Mund, und kann deshalb nicht schnell genug wieder in den Körper gelangen. Man begegnet auch wohl der Meinung, datz überhaupt zeder Mensch zwei Seelen habe, eine tierische und eine intellektuelle, die den Schlafenden durch den Mund verließen. In Sola und Plani ist der Glaube verbreitet, datz es eine Schlange mit einem Zauberring um den Hals gebe, und daß der, der sich in den Besitz dieses Ringes zu setzen verstände, reich und mächtig werde. Nach der Meinung der Malzoren mutz man, um einen von Schlangen gehüteten Schatz heben zu können, an Ort und Stelle einen schwarzen Hammel oder einen schwarzen Hahn opfern. Die Merturi behaupten, man müsse die Stelle, wo man den Schatz ver» mute, zuerst abends mit Asche bestreuen und am solaenden Morgen nachsehen, welches Tier darauf seine Fährte zurückgelassen habe, denn nur so könne man erfahren, was stir ein Opfertier der Hüterin des Schatzes genehm sei. Ein solches Tier müsse dann getötet werden. Finde man aber eine menschliche Spur, so dürfe man nicht einmal vor einem Mord zurückschrecken, müßte also einen Menschen opfern. Der Albanese des WilajctS Soutari schließt häufig mit Schlangen einen Vertrag ab; er verspricht der ersten Schlange, der er in» Früh« jähr begegnet, während des ganzen Sommers keine Schlange zu töten, und erhält dafür von ihr dle Zusicherung, datz sie und ihre Sippe während dieser Zeit den Herden keinen Schaden zufügen werden. Auf Astgabeln werden manchmal Steine gelegt, was deshalb geschehen soll, damit die Seelen der Verstorbenen bei ihrer Wände- rnng auf ihnen Ruheplätze finden. Die Zukunft erforscht man durch Beobachtung des Schulterblattes eines Tieres. Man hält die Schulterblätter der bei einem Mahle verzehrten Lämmer gegen das euer und studiert im durchfallenden Licht die hellen und dunkeln lecke. Auch das Hühnerbrustbein wird als Orakel benutzt. Eigentümlich ist das in Nordalbanicn gebräuchliche Mittel, im Gebirge durch Schüsse und Rufe miteinander zu verkehren. Es ge- schieht das auf ganz unglaubliche Entfernungen. In Sola und Pulti ist das Rufen zu einem ausgebildeten System entwickelt. Man weiß dort genau, welche Häuser einen Ruf weitergeben und an wen man sich zu wenden hat, um eine Nachricht in eine entfernter liegende Niederlassung zu schicken. Wichtige Nachrichten gelangen oft in sehr kurzer Zeit viele Kilometer weit von Haus zu Haus. Wie genau die Albanesen es mit der Blutrache nehmen, geht daraus hervor, daß sie sich Stammbäume von mehreren hundert Namen merken. Bei dieser Blutrache kommt die männliche Ver- wandtschaft bis zum achten Grade in Betracht. Auch der verfällt der Blutrache, der etwa einen auf frischer Tat ertappten Dieb tötet. Sonderbar ist ferner, datz bei den Dukadzin ein Grundeigentümer bestraft werden kann, auf dessen Hof ein Dieb verunglückt. So wurde, wie Nopcsa erzählt, von der richterlichen Stannncsversamm- lung der Merturi ein Mann zu einer Erheblichen Geldbuße ver- urteilt, weil ein Dieb, der in der Nacht auf seinen Birnbaum ge- stiegen war, in den im Hofe befindlichen Brunnen gefallen und so umgekommen war. Das Urteil wurde damit begründet, datz der Hausbesitzer verpflichtet gewesen sei, das gemeingefährliche Brunnen- loch verdeckt zu halten. Es kommen aber auch gegenteilige rechtliche Auffassungen vor. Seine Unschuld sucht ein Angeklagter gern dnrch EidcShelfer zu erweisen, die allerdings nicht selten daS Unglaublichste beschwören. Heiliger als der Schwur mit Eideshclfern ist aber in Sola der „Schwur auf den Steinen", den freilich die katholische Kirche— nicht wenige Albanesen sind römisch-katholisch— und auch die tür- kischen Behörden nicht anerkennen: mit einem Stein ans der Schulter geht der Mann die Grenze seines Ackerlandes ab, wenn es sich in Streitfällen z. B. darum handelt, Grenzsteine zu setzen, und der Spruch:»Möge dieser Stein mein Gewissen bedrücken", bindet mehr als hundert Eide. Wer einen mit einem Stein belegten Gegenstand entwendet, dem wird der fortgerollte Stein das Gewissen belasten. Kirchlich anerkannt wird dagegen eine andere Art, die Unschuld zu zu bezeugen: der Schwörende verpflichtet sich, eine Nacht allein in der Kirche des OrteS zu verbringen und dabei dreimal die Kirchen- glocke zu läuten. Ganz untergeordnet ist die Stellung der Frau in der Familie. Die Töchter sind erbunfähig und bekommen nur eine dürftige Ausstattung bei der Heirat. Es herrschen Brautkauf und Braulraub. Männliche Nachkommen werden hier mehr ersehnt, als vielleicht in jedem anderen Lande, und eine Frau, die nur Töchter hat, gilt als eine schlechte Gattin und wird nach dem Tode ihres Mannes von dessen männlichen Verwandten einfach aus dem Hause gewiesen; es sei denn, datz der Tote einen Bruder hinterläßt, der die Witwe als Nebenfrau— worauf allerdings im katholischen Albanien der Kirchenbann steht— zu sich nimmt. Bis zum 13. Jahr- hundert war eS Sitte, mit der Frau erst vor den Altar zu treten, nachdem sie einen Knaben geboren hatte. Jetzt geschieht das indessen schon einige Tage nach dein Eingehen der Ehe. Verschwunden ist auch die heute noch in Dalmatien bestehende Sitte, daß man die Toren in einem besonderen Gebäude auf einen eisernen Rost legte, bis sie verwest und die Knochen in eine darunter befindliche Grube gefallen waren. Bezüglich der Stellung der Frau ist aber eine Notiz von Steinmetz von Interesse, wonach von den überaus wilden Nikaj in den unzugänglichsten Teilen des nordalbanischen Hochlandes bei Stammesfehden mit den Nachbarn die Frau als Begleiterin eines Fremden sorgfältigst respektiert wird; denn die Frau wird eben von der Blutrache nicht betroffen. In diesem Zusammenhange mag dann noch die ganz nrerkwürdige Institution der„Mannweiber"(Verdzineial erwähnt iverden. Ein solches war z. B., wie Nopcia erzählt, ein junges Mädchen, das, um sich nicht von seinem Vater trennen zu müssen, seinem Geschlecht entsagt hatte. Nichts verriet an dem hübschen, gnr bekleideten und bewaffneten Jungen, der rauchend unter den Männern saß, daß er zum zarten Geschlecht und nicht in diese Gesellschaft gehörte. Fanatisch Andersgläubigen gegenüber ist in Albanien meist nur die Bevölkerung der Städte; die Bergbewohner find sehr tolerant und die christlichen und mohammedanischen Stämme verhalten sich keineswegs feindlich zueinander, leben vielmehr in ganz guten Beziehungen. kleines femUeton. Haustvirtschaft. Kaninchengerichte. Wie alles weiße Fleisch, so wird auch da? des Kaninchens im Volke wenig geschätzt. Das ist um so mehr zu bedanern, als das Kaninchenfleisch mit Ll'/z Proz. Eiweisgehalt die meisten anderen Fleischarten an Nährwert übertrifft. Dabei ist es sehr leicht verdaulich und— wenn richtig zubereitet— auch sehr wohlschmeckend. Deshalb sollte in der Zeit der Fleischteuerung, wo eine rationelle Beköstigung immer schwieriger wird, der Kaninchen- zucht viel mehr Beachlnng geschenkt werden, als bis jetzt geschieht. Die westlichen Länder: Frankreich, Belgien, Holland und England, in denen der Hase fast ausgerottet ist, gehen uns hinsichtlich der Kaninchen- zuckt mit guiem Beispiel voran. Dort hat man es in der Züchtung großer und schwerer Sorten, der sogenannten Lapins(Lapängs— der Berliner nennt sie Lapphcngste— zu besonderer Vollkommenheit gebracht. Frankreich allein züchtet jährlich mehr als 80 Millionen Lapins. Sie gelten dort durchaus nicht nnr als„armer Lerite Fleisch", sondern sie werden auch in der bürgerlichen Küche viel ver- wendet und auf mancherlei Arten schmackhaft zubereitet. Die wilden Kaninchen, deren Fleisch besser als das der Stallhasen schmeckt, sind in manchen Ländern, so in Australien, zur Landplage geworden und werden in Massen geschossen. Auch auf unseren Märkten erscheinen regelmäßig wilde Kaninchen. Wenn sie auch heute nicht mehr so billig sind wie in früheren Jahren, so liefern sie in diesen knappen Zeiten doch noch immer verhältnismäßig billige Gerichte. Die zweck- mäßigsten Bereitungsarten für wilde und zahme Kaninchen sind folgende: Gebratenes Kaninchen. Da? abgestreifte und aus- geweidete Tier muß mehrere Tage abhängen oder in Milch gelegt werden; auch Milch, die beim Kochen geronnen ist, kann hierzu sehr gut verwendet werden. Einige zerquetschte Wachholderbeeren und eine kleine Zwiebel kann man beifügen. Die sich bildende Milchsäure konserviert das Fleisch, macht es zarter und gibt ihm gleichzeitig einen angenehmen Wildgeschmack. Dann trocknet man das Fleuch ab und brät es gespickt oder ungespickt, nachdem es gesalzen wurde, in gutem Fett gar, was auf der Herdplatte im Schmortopf geschehen kann. Nach Bedarf wird Waffer und saure Sahne zugegossen. Hat man das Fleisch in Milch gelegt, so wird diese statt der Sahne zum Nachgießen benutzt. Die Sauce wird mit in Waffer klargerührtem Kartoffelmehl gebunden und durchgestrichen, wenn sie nicht glatr sein sollte. Will man das Kaninchen füllen, was nur zu empfehlen ist, so darf beim Ausweiden die Bauchhant nicht abgeschnitten werden. Zur Füllung nimmt man 1— 1s' 2 Weißbrötchen, schält die Rinde ab, weicht sie ein und drückt sie aus. Dann läßt man in einem kleinen Kochgefäß ein wallnußgroßes Stück Butter zergehen und rührt die geweichte Semmel mit einem Ei auf gelindem Feuer zu einem steifen Brei ab. Herz, Leber, Lunge und Nieren deS Kaninchens werden fein gehackt und mit dem Brei vermischt, den man mit Salz. Muskatnuß und einem Eßlöffel gehackter Petersilie würzt. Diese Füllung kommt in die Brust- und Bauchhöhle, die dann zugenäht wird. Dann wird das Kaninchen weiter behandelt wie vorher. Gedämpftes Kaninchen mit Makkaroni. Das ge- säuberte Kaninchen wird gespickt, gesalzen und mit gutem Essig ein» gerieben. Man dämpft es in wenigButler mitZwiebel und Wurzelstückchen unter gelegentlichem Zugießen weich, fügt einige Tomaten oder etwas Tomatenpüree hinzu und rührt die Sauce durch ein Sieb. In Salz» wasser abgelockte und mit Butter heiß geschwenkte Makkaroni paffen vortrefflich dazu. Kaninchenfrikassee. Das Kaninchen wird mit Essig ab» gerieben, in Stücke geschlagen und gesalzen und gepfeffert einige Stunden hingestellt. Dann schwitzt man 2—3 Löffel Mehl in gutem Fett gelb, fügt'oviel Wasser hinzu, daß eine dünnseimige Sauce entsteht, tut Wurzeln, Zwiebeln, Gewürz und Salz, auch wohl ein Stengelchen Thymian und Basilikum dazu und kocht das Fleisch hierin weich. Statt der Kräuter kann man auch einige getrocknete oder frische Pilze hinzufügen. Die Sauce wird beim Anrichten nach Gefallen mit einem Eigelb abgezogen. Geröstetes Kaninchen. Ein junges, gut abgezogenes Kaninchen kann man in Stücke zerlegen, salzen und pfeffern, mit Ei und Semmel panieren und schnell gar braten. Dazu gibt man Salat. Kaninchenragout. Hierzu wird da? Blut des Tieres beim Schlachten in Essig aufgefangen. Nimmt man ein wildeS Kaninchen, so läßt man sich beim Schlächter einige Löffel Schweine» blut geben, das fast stets zu haben ist. Das in Stücke geteilte Kaninchen wird mit verdünntem siedendem Essig Übergossen, dem man einige Wachholderbeeren beifügt. So läßt man es einige Tage stehen. Dann wird Mehl mit Fett— sehr gut schmeckt Speckfett— gebräunt und so viel Waffer hinzugefügt, daß eine dünnseimige Sauce entsteht. Man würzt mit dem Essig der Marinade, Salz, Gewürz und Zucker, auch wohl mit einem Stückchen Pfefferkuchen, und läßt das Fleisch in dieser Sauce gar kochen. Zum Schluß fügt man das gequirlte Blut hinzu, mit dem vermischt das Gericht aber nicht mehr kochen darf. hl. Lt. Geologisches. Die Temperaturverhältniss« des Erdkerns. Recht interessant sind die Ergebniffe, die die Untersuchungen in dem Bohrloch bei Czucho in Schlesien, daS vom preußischen BergfiSkuS angelegt worden ist, gezeitigt haben. Dieses Bohrloch hat eine Tiefe von 2240 Meter und ist damit daS tieffte der ganzen Erde. Es sollte lediglich wiffenschaftlichen Zwecken dienen und in erster Linie Aufschluß über die TemperaturverhSIWiffe der tieferen Erd» schichten geben. Die Versuche haben nun gezeigt, daß die Wärme auch in den größten bisher erreichbaren Tiefen ständig zunimmt, und zwar beträgt die Steigerung bei je 31 Meter 1 Grad Celsius. Dieses Resultat ist von hoher Bedeutung. Gerade in letzter Zeit nämlich mehren sich die Stimmen, die sich gegen die Lehre von der teuer» flüssigen oder gasförmigen Beschaffenheit deS Erdinnern aussprechen, während bekanntlich die Mehrzahl der Forscher noch immer auf dem Standpunkt verharrt, daß unsere Erde eigentlich nichts darstellt als einen riefigen Feuerball, der nur an der Oberfläche erkaltet ist. Diese letzlere Anschauung stützt sich aber gerade auf die Tatsache, daß die Wärme in Bohrlöchern und Bergwerken nach dem Erd» Mittelpunkt zu ständig steigt. Bekanntlich ändett sich auf der Erdoberfläche die Temperatur den Tageszeiten und der Stärke der Sonnenbesttahlung entsprechend sortgesetzt. Aber schon in einer Tiefe von 20—30 Metern haben wir jahrein, jahraus dieselbe Temperatur zu verzeichnen. So sind bei» spielsweise in den Kellern der Pariser Sternwarte, die sich 29 Meter unter der Erdoberfläche befinden, Thermometer aufgehängt, die seit dem Jahre 1783 unveränderlich 11,6 Grad Celsius anzeigen. Unter» halb dieser neutralen Zone nimmt jedoch die Wärme stettg zu. Sie erhöht sich betspielSweise in den Schächten des Erzgebirges bei je 42 Meter, in den Bergwerken bei Manchester bei je 38 Meter und in den Gruben bei Newcastle bei je 83 Meter um 1 Grad. Man nennt diese Sttecke, mit der eine Erhöhung der Wärme um je 1 Grad verbunden ist, die geothermische Tiefenstufe (abgeleitet von den griechischen Wörtern gae— Erde und tbermos Wärme). Die geothermische Tiefenstufe ist durchaus nicht überall gleich, wie schon aus den angeführten Beispielen ersichtlich ist. Ja die Schwankungen können recht bedeutend sein. So ist in den preußischen Bergwerken der höchste Bettag der Tiefenstufe zu IIb Meter, der niedrigste zu 16,6 Meter ermittelt worden, welche Bettäge überhaupt ungefähr das Maximum und da? Minimum der Tiefenstufe dar» stellen. Immer bleibt also die Tatsache bestehen, daß die Wärme nach dem Innern zu zunimmt, und aus zahlreichen Beobachtungen hat man als Mittel der geothermischen Tiefenstufe den Betrag von 34 Meter berechnet. Mit diesem Durchschnittswert laffen sich die Resultate der Bohrungen bei Czucho sehr gut in Einklang bringen. Jedenfalls zwingen auch sie uns zu der Annahme, daß sich die Zu« nähme der Temperatur nach der Tiefe zu noch weiter fortsetzt. _ H. Pr. iPxrantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärt» Buch»rucker«l u.Berl«g»animll Paul Singer SeCo..>v«rlln!s>äc.