Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 73. Freitag, den 22 April. 1910 (NaAdrait»udoten.1 1KZ Die)Zrena. Roman von Vicente Blasco I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Um Miternacht empfahlen sich die letzten Gäste, und die Neuvermählten blieben allein im Hause mit der Sennora Angustias. Als der Sattler sich mit seiner Frau zurückzog, sah er ganz verzweiflungsvoll aus. Abgesehen von dem Affen, den er sitzen hatte, war er fuchsteufelswild darüber, daß während des ganzen Tages niemand von ihm Notiz genommen hatte. Als ob er nichts zu bedeuten Habel Als ob die Familie ein leerer Wahn seil „Man schneidet uns, Encarnacion, ich sag's Dir, man setzt uns den Stuhl vor die Tür. Dies Frauenzimmer mit dem Madonnengesicht wird die Zügel in die Hand nehmen und unsere Rolle ist ausgespielt. Sie werden jetzt Kinder kriegen, was das Zeug hält. In solchen Dingen Hab' ich den richtigen Blick." Und der mit Kindern gesegnete Biedermann entrüstete sich bei dem Gedanken an die künftigen Sprossen des Es- padas, die da kommen sollten zu dem einzigen Zweck, die seinigen zu beeinträchtigen. Die Zeit verstrich; ein Jahr war vorbei, und die Vor- hersagungen des Sennor Antonio waren noch nicht in Er- füllung gegangen. Gallardo und seine Frau zeigten sich auf allen Festen mit dem Luxus von Parvenüs: sie, in Schals, die den armen Frauen Rufe der Bewunderung entlockten; er, riesige Diamanten zur Schau tragend und jederzeit mit dem Portemonnaie in der Hand, um im Cafe die Bekannten freizuhalten, oder Almosen unter die rudelweise ihn an- gehenden Bettler zu verteilen. Die Zigeunerinnen, braune geschwätzige Hexen, umdrängten Carmen mit ihren Glücks- Verheißungen. Gott möge sie segnen. Sie werde einen Sohn gebären, schöner als die Sonne. Das sehe man ihr an dem Weiß im Auge ab. Er sei schon so gut wie da. Aber vergebens wurde Carmen bei diesen Worten rot vor Freude und Scham, vergebens blies sich der Espada stolz auf bei dem Gedanken an die baldigen Vaterfreuden. Der ersehnte Sohn blieb aus. Und so verstrich ein weiteres Jahr, ohne daß die Hoff- nungen des Ehepaares sich verwirklichten. Die Sennora Angustias wurde traurig, wenn man zu ihr von diesen Ent» täuschungen sprach. Sie besaß allerdings schon Enkelkinder, die Kinder der Encarnation, die auf Geheiß des Satlers den ganzen Tag in der Wohnung der Großmutter verbrach- ten und sich beflissen, in allen Stücken dem Herrn Onkel gegenüber liebenswürdig zu sein, aber sie hegte den geheimen Wunsch, die harte Behandlung, die sie früher ihrem Juan hatte zuteil werden lassen, einigermaßen wieder gutzumachen; sie hätte gerade diesem ein Kind gewünscht, um es zu der- hätscheln und ihm alle Liebe zuzuwenden, die sie dem Vater in seiner elenden Kinheit vorenthalten hatte. „Ich weiß schon, woran das liegt," sagte betrübt die Alte.„Die arme Carmen hat keine Ruhe. Man muß sehen, wie sie sich aufregt und abhärmt, wenn Juan da draußen in der Welt herumirrt." Im Winter, während der Ferienzeit, wenn der Torero daheim war oder bloß Ausflüge aufs Feld machte, um an Viehauslesen oder Jagden teilzunehmen, ging alles gut. Carmen war froh und ruhig, da sie wußte, daß ihr Mann keine Gefahr lief. Sie lachte beim geringsten Anlaß; ihre Eßlust kehrte wieder, und ihre Gesichtsfarbe war die eines gesunden Menschen. Aber sobald der Frühling kam und Juan hinauszog, um in den Arenen Spaniens seine Haut zu Markte zu tragen, ward ihr schlimm zumute; sie verlor ihren frischen Teint, sah blaß und eingefallen aus, und ihre Tränen flössen unablässig. „Zweiundsiebzig Corridas hat er dieses Jahr," sagten die Hansfreunde beim Besprechen seiner Engagements.„Nie- mand ist so gesucht wie er." Und Carmen hörte es mit schwerzlichem Lächeln. Zwei- undsiebzig Tage, wo sie in tausend Aengsten schweben werde, wie ein zum Tode Verurteilter in seiner Zelle, in tödlicher Erwartung der Drahtmeldung, die ihr Kunde vom Ablauf der Corrida brachte. Zweiundsiebzig Tage des Schreckens, voll banger Ahnungen und unheimlicher Vorstellungen, wo sie oft glaubte, daß ein in einem Gebet unterlassenes Wort einen Einfluß auf das Geschick des Abwesenden auszuüben vermochte. Zweiundsiebzig Tage eines unsagbar qualvollen Gefühls inmitten ihres stillen Daseins, wo alles seinen ge» wohnten Gang ging, als ob in der Welt nichts Außergewöhn» liches vorkomme, ohne andere Abwechselung als das Lärmen ihrer Neffen und Nichten unten im Hof, und den Singsang des Blumenhändlers auf der Straße; während weit, weit fern in unbekannten Städten ihr Juan vor den Augen von Tausenden von Menschen mit wilden Tieren kämpfte und den Tod an seine Brust drückte. Ha, diese Corridatage, Tage der festlichen Stimmung, an denen der Himmel glanzvoller als sonst schien und die sonst menschenleeren Straßen unter den Schritten der Sonn- tagsspaziergänger widerhallten, an denen die Gitarren er- tönten, begleitet von Gesang und Händeklatschen, da unten im Wirtshaus an der Eckel Aermlich gekleidet, den Schleier über die Augen gezogen, verließ Carmen ihre Wohnung, als wollte sie häßlichen Träumen entfliehen und flüchtete sich in die Kirchen. Ihr schlichter Glaube, mit abergläubischen Vorstellungen verquickt, trieb sie von Altar zu Altar, indem sie die Wunderkraft der verschiedenen Heiligenbilder abwog. Sie betrat San Gil, die populäre Kirche, die Zeuge des schönsten Tages ihres Lebens gewesen, kniete vor der Jung- frau de la Macarena nieder, ließ ihre Kerzen, eine Unmenge Kerzen, anzünden und betrachtete bei ihrem rötlichen Schein das dunkte Antlitz des Bildes, seine schwarzen, langwimperi- gen Augen, die, wie es hieß, den ihrigen glichen. Zu dieser Muttergottes hatte sie Vertrauen. Nicht umsonst war sie die Jungfrau der Hoffnung. Sicherlich beschützte sie Juan in diesem Augenblick mit ihrer göttlichen Macht. Aber plötzlich brachen Ungewißheit und Angst hervor und schlugen ihren Glauben in Trümmer. Die Mutter- gottes war ein Weib, und Weiber zählen so wenig mit!... Ihre Bestimmung ist, zu leiden und zu weinen, wie sie ihres Mannes wegen weinte, wie die andere wegen ihres Sohnes geweint hatte. Sie mußte sich einer höheren Macht ander- trauen, sie mußte einen mächtigeren Beschützer um Hilfe an- flehen. Und indem sie ohne Skrupel, mit der Rücksichts- losigkeit des Schmerzes der Macarena den Rücken kehrte, wie man eine nutzlose Freundschaft aufgibt, eilte sie zur Kirche von San Lorenzo. zum Gnadenbild unseres Vaters Jesus zur großen Macht, des dornengekrönten, kreuz- beladenen, schweißbedeckten und tränenden Gottmenschen, einem Werk des Bildhauers Montanes, das Entsetzen aus- haucht. Das Trübsal des unter der Kreuzeslast keuchenden Nazareners schien die arme Frau zu trösten. Herr der großen Macht.... Diese unbestimmte und großartige Be- nennung. wirkte beruhigend auf ihr Gemüt. Wenn der in Gold und violetten Samt gekleidete Gott ihre Seufzer er- hören wollte, ihre hastig gesprochenen Gebete, so war es sicher, daß Juan unversehrt aus dem Zirkus hervorgehen werde. Bisweilen gab sie auch einem Küster Geld, damit er Kerzen anzünde, und sie verbrachte ganze Stunden damit, die über dem Bilde tanzenden wirren Reflexe der Lichter zu betrachten, indem sie auf dem gefirnißten Antlitz im Wechsel- spiel von Licht und Schatten ein Trosteslächcln, eine gütige Gebärde, die Glück verhieß, zu erspähen wähnte. Der Herr der großen Macht täuschte sie nicht. Wenn sie nach Hause kam, fand sie den blauen Zettel vor, den sie mit zitternder Hand öffnete:„Wohl und gesund!" Sie konnte aufatmen, sie konnte schlafen wie der Verurteilte, dessen Hin- richtung aufgeschoben war, aber zwei oder drei Tage später setzte die Qual der Ungewißheit, die furchtbare Marter der Angst und des Zweifels wieder ein. Trotz ihrer Liebe zu Juan konnte Carmen manchmal heftig aufbegehren. Wenn sie gewußt hätte, ehe sie heiratete, was ein solches Dasein war!... Bisweilen auch, wie an- gezogen durch die Aehnlichkeit der Lagen, suchte sie die Frauen der Toreros auf, die mit zur Cuadrilla Juans gehörten, als ob sie dort Trost finde» könnte. iSis, maäk Die Frau des Nacional, der in demselben Stadtviertel eine Schankwirtschaft hatte, empfing die Gattin des Maestros in aller Gemütsruhe und konnte ihre Angst nicht begreifen. Sie war an dieses Dasein gewöhnt. Ihr Mann mußte bei guter Gesundheit sein, da er keine Nachrichten schickte. Tele- gramme sind teuer, und ein Äanderillero verdient wenig. Die Zeitungsjungen hatten nichts von einem Unglück ausge- schrien, da war ganz sicher nichts passiert. Und sie ging wieder an ihre Verrichtungen, als ob ihre Stumpfheit unzu- gänglich sei für Sorgen und Unruhen. Ein andermal überschritt Carmen die Brücke und ging ins Trianestadtviertel zur Frau des Potage, des Picadores, einer Art Zigeunerin, die in einem Hause wohnte, das einem Hühnerstall glich, umgeben von schmutzigen, kupferfarbenen Rangen, unter denen sie durch gräßliches Geschrei Zucht und Ordnung zu erhalten suchte. Der Besuch der Gemahlin des Maestros erfüllte sie mit Stolz, aber ihre Besorgnisse brach- ten sie beinahe zum Lachen. Sie brauchte nicht bange zu sein. Die Leute zu Fuß retten sich immer aus der Gefahr, und Sennor Juan Gallardo hatte eine große Geschicklichkeit. nsit den Stieren fertig zu werden. Die Stiere töteten wenige Leute. Das Schrecklichste war der Sturz vom Pferde. So werde auch der arme Potage enden, und all die Mühe für eine Handvoll Duros, während andere... Sie beendigte den Satz nicht, aber ihre Blicke verrieten deutlich genug den Protest gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals, gegen die unfaßbare Tatsache, daß ein hübscher Junge bloß ein Schwert in die Hand zu nehmen und zuzu- stoßen brauchte, um den ganzen Beifall des Publikums, die Popularität und den Löwenanteil an sich zu reißen. lBortsetzung folgt. tz (Nachdruck cctBoUn.J 111 Wenn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. L ö n s. Aber Thornten stellte sich zwischen ihn und den Hund und machte durchaus keine Miene zur Seite zu treten. Mercedes schrie, weinte und lachte in einem Anfall von Hysterie. Hol zog das Messer, aber der neue Stiel von John Thorntens Axt fiel auf seine Hand, daß es klirrend zu Boden flog. Er wollte sich danach bücken, aber wieder traf ihn ein Schlag, nach dem ihm die Lust verging, das Messer aufzuheben. Nun griff John Thornten selbst danach, und mit einem kräftigen Schnitt hatte er Bucks Stränge ab- getrennt. Hal gab es auf, sich zu widersetzen. Er hatte genug mit seiner Schwester zu tun, die ohnmächtig in seinen Armen lag. Außer- dem ging es ja doch mit dem Hunde zu Ende, und zu gebrauchen war er nicht mehr. Gleich darauf fuhr der Schlitten ab und wieder dem Flusse zu. Buck hörte es und hob den Kopf. Peik hatte die Leitung, Sollekes ging vor dem Steuer, die Mittelplätze nahmen Joß und Teek jetzt ein. Mercedes saß oben auf dem Schlitten. Hal ging neben dem Steuer und Charles stolperte auf der anderen Seite daher. Während Buck dem Zuge nach'ah. untersuchte John Thornten ihn mit sanfter Hand. Die Knochen waren nicht gebrochen, aber keine handbreit des Körpers war ohne Beulen und Wunden. In- zwischen war der Schlitten über das Ufer gefahren und wieder mitten auf dem Flusse. Plötzlich schwebte das Steuer hoch in der Luft und daran geklammert hing Hal; das Ende des Schlittens war durch das Eis gebrochen. Ein Schrei der Frau klang schrill herüber. Charles wandte sich um und lief zurück. Da brach mehr Eis nach und Menschen und Hunde verschwanden. Ein schwarzes Loch in der weißen Fläche war alles,' was noch zu sehen ivar. John Thornten und Buck sahen Einander in die Augen. „Armer Kerl!" sagte der Mann leise. Langsam und müde leckte ihm der Hund die Hand. VI. U m d e r L i e b e w i l l e n. Als John Thornten sich im Dezember die Füße verfroren hatte, mußten seine Kameraden ihn hier zurücklassen. Sie schlugen ihm ein Zelt auf und machten es ihm so gemütlich wie möglich. Dann fuhren sie weiter, um Holz für eine Sägemühle in Dawson zu beschaffen. Zur Zeit als John dem Hunde da? Leben rettete, hinkte er noch immer ein wenig, aber als die warmen Tage kamen, wurden seine Füße ganz besser. Am Ufer im Sonnenschein lag nun Buck und horchte auf das Geriesel des Wassers und den Gesang der Vögel vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Die Ruhe bekam ihm gut nach einer Reise von fast 3000 Meilen. Langsam kam er wieder zu Kräften; seine Wunden waren geheilt, seine Muskeln wurden wieder strgmm, und auch«in wenig Fleisch bedeckte seine Knochen. So Karteten sie alle, Buck. John Thornten. Skeet und Nigg, auf das Floß, daS den Strom herauf kommen sollte, um sie nach Dawson zu bringen. Skeet war eine kleine irische Setterhündin, die gleich am ersten Tage Buck freundlich entgegengekommen war und seine Pflege übernommen hatte. Wie eine Katzenmutter ihre Jungen leckt, so wusch und striegelte sie sein Fell und reinigte seine Wunden. Jeden Morgen gleich nach dem Frühstück begann sie ihr Liebeswerk, und Buck, der es anfangs nur aus Schwäche geduldet hatte, freute sich nun daran und ließ es sich gern gefallen. Moor war ihm auch fteundlich gesinnt, wenn er es auch nicht so auffällig zeigte. Er war ein großer, schwarzer Hund von unbestimmter Art, dem die Gut- mütigkeit aus den großen braunen Augen sah. Buck war erstaunt, daß die Hunde gar nicht eifersüchtig waren. Sie schienen geradeso großherzig und edel zu sein wie ihr Herr. Als Buck stärker wurde, balgten sie sich mit ihm herum und trieben mit ihm allerhand närrische Spiele, an denen auch John Thornten teilnahm. So verging die Zeit schnell, und unversehens war Buck mitton in einem neuen Leben. Er konnte es kaum begreifen, daß alles jetzt wieder so anders war als vordem. Liebe, wahre leiden- schaftliche Liebe war zum ersten Male in sein Herz eingezogen. Die hatte er früher auch im Tale von Santo Clara nicht kennen gelernt. Mit den Söhnen des Pflanzers hatte ihn damals so eine Art Kameradschaft verbunden, den Enkeln war er Beschützer und Wächter gewesen, und für seinen Herrn hatte er eine stille, treue Freundschaft empfunden. Aber das Gefühl für John Thornten war etwas ganz anderes, das war Liebe, bewundernde, begeisterte, heiße Liebe. Dieser Mann hatte ihm das Leben gerettet, und das schätzte er gewiß nicht gering ein, was ihn aber mehr wie alles andere im Leben beglückte, das war die Art und Weise, wie John Thornten mit ihm umzugehen pflegte. ES gab ja wohl noch mehr Leute, die ihre Hunde gut behandelten, aber so wie John Thornten war doch niemand. Wie ein Vater für seine Kinder, so sorgte er für seine Hunde. Nie vergaß er, ihnen ein freundliches Wort zuzu- rufen, wenn er an ihnen vorbeiging, und wenn er sich gar zu ihnen setzte und mit ihnen sprach, dann leuchtete das Glück hell auS ihren Augen. Keine größere Freude gab eS für Buch, als wenn John ThorntenS Hände sein Fell zausten, wenn er ihn an den Ohren nahm und hin- und herschüttelte, oder wenn er seinen großen zottigen Kopf zwischen seine beiden Hände nahm und auf den Kopf des Hundes dann den seinen legte. Merkwürdige Schimpf- Worte waren es, die dann die Lippen des Mannes murmelten: „Alter Esel, Lump, Dummkopf, verfluchter Kerll" Dem Hunde aber klangen lie wie lauter Kosenamen. Auch Buck hatte seine eigene Art für Zärtlichkeiten. Er nahm die Hand seines Herrn in sein großes Maul und preßte die Zähne so fest aufeinander, daß die Male noch lange danach tief im Fleische blieben. Aber wie Buck die Schimpfworte hinnahm, als was sie gelten sollten, so verstand auch John Thornten den Liebesbeweis seines Hundes. Aber wenn Bucks Herz auch fast brach vor übergroßem Glück bei jeder Berührung durch seinen Herrn, so suchte er doch keine Zärtlichkeit, wie zum Beispiel Skeet, der seine feuchte schwarze Nase so lange unter Thorntens Hand schob, bis er gestreichelt und geklopft wurde. Und auch wie Moor machte er es nicht, der keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, um seinen großen Kopf zärtlich an Thornten zu reiben. Ihm war es genug, wenn er seinen Herrn nur sehen konnte. Stundenlang konnte er still zu seinen Füßen liegen, ihm ins Gesicht sehen und jede seiner Mienen beobachten. Stand er auf, so folgten ihm die Augen seines Hundes, wohin er ging. So stark empfand er manchmal diesen Blick, daß er von der Arbeit aufsah und ihm zunickte. In der ersten Zeit konnte Buck eS kaum ertragen, allein zu sein. Wenn Thornten das Zelt verließ, so folgte er ihm auf Schritt und Tritt, denn stets hatte er Angst, daß dieser Herr aus seinem Leben auch verschwinden konnte wie Franxois, Perrault und die anderen. Selbst im Traum kam ihm die Furcht; dann stand er auf, schlich an das Lager des Mannes, und erst wenn er die regelmäßigen, tiefen Atemzüge hörte, war er beruhigt und zufrieden. Aber trotz seiner Liebe zu John Thornten. der alle guten Eigenschaften früherer Tage in ihm wieder erweckt hatte, war er nicht derselbe Hund wie ehedem. Treue und Anhänglichkeit, Eigen- schaften des Haustieres, waren wieder in ihm aufgelebt, aber da- neben lebte auch das Raubtier, das der Norden in ihm großgezogen hatte. Wenn er auch um seiner Liebe willen nicht John Thornten bestahl, so tat er es doch obne Besinnen, wo immer sich sonst bei Fremden Gelegenheit dazu bot, und so schlau fing er es an, daß er nie dabei ertappt wurde. Sein Körper war bedeckt von Narben, die ihm Beißereien mit anderen Hunden zugetragen hatten, denn er war rauflustiger wie je zuvor, und hinterlistig dazu. Skeet und Moor waren zu gut- mütig, als daß er mit ihnen Händel angefangen hätte, und außerdem gehörten sie John Thornten. Aber andere Hunde, die nicht sofort seine Oberherrschaft anerkannten, hatten es mit dem Leben zu büßen. Erbarmen kannte er nicht mehr. Er hatte von Spitz und den Hunden der Gendarmerielager und der Schlittenposten gelernt und wußte, daß es hier kein Mittelding gab. Töten oder- GetotettverSen hieß eS, alles andere galt als Feigheit. Und diesem Naturgesetze lange vergangener Tage gehorchte er. Er war ja auch älter als die Tage, die er selbst gesehen hatte. Er war ja nur ein Glied, das die Gegenwart mit der Vergangen- heit verband, und die Ewigkeit ging durch ihn hindurch in die Zu- kunft. Wohl satz er als braunhaariger, zottiger Hund an John Thorntens Feuer, aber hinter ihm standen die Schatten aller möglichen Hunde, ja sogar die von Halbwölfen und Wölfen; sie lebten mit ihm und beeinflußten ihn, lehrten ihn Dinge und Laute verstehen, die er nie gekannt hatte; sie legten sich mit ihm zur Ruhe und lebten weiter in seinen Träumen. So gebieterisch rief die Stimme seiner wilden Vorfahren, daß er manchmal die Menschen ganz vergaß. Ties aus dem Walde klangen ihre Rufe, und wenn er sie horte, so überlief ihn ein ge- heimnisvoller Schauder, und die Versuchung kam über ihn, alles im Stiche zu lassen und ihnen zu folgen, einerlei wohin. Aber sobald die Stille des Waldes ihn umfing, erwachte seine Liebe zu John Thornten wieder und führte ihn zurück. Thornten allein hielt ihn; alle anderen Menschen galten ihm nichts. Ob Reisende, die vorbeikamen, ihn lobten und streichelten, es war ihm gleich. Wurde einer einmal gar zu lebhaft dabei, dann stand er ruhig auf und ging davon. Als Thorntens Freunde Hans und Peter ankamen.wollte Buck erst nichts mit ihnen zu tun haben, bis er merkte, daß sie seinem Herrn nahestanden; dann duldete er es, daß fie ihn klopften, aber er tat immer, als ob er ihnen eine Gnade erwies. Sie waren von derselben Art wie Thornten, ein- fach und gut, und ehe noch ihr Floß in Dawson angekommen war, wußten Menschen und Hund, was sie voneinander zu halten hatten, und die Männer versuchten nicht mehr, Buck zu behandeln wie ihre anderen Hunde. (Fortsetzung folgt.)] HUerband feigenblatter. Botanische Seltsamkeiten in Galerien und Museen. Im Gegensatz zu Linns, Humboldt, Darwin und anderen tüchtigen Botanikern ist dem Künstler wie dem Kunstfreund leider eine eigene Spezies„Feigenblatt" bekannt, die er in zwei Familien einteilt. Die eine allgemein bekannte findet sicki in Taufenden von Exemplaren an jedem Feigenbaum, Ficus carica L., ist dunkel- schmutzgrau, hat eine dem Weinblatt ähnliche fiinflappige Form und kontrastiert in, sonnigen Süden auf wundervolle Art mit dem samtschimmernden Geblätter der Olivenhaine und dem giftgrünen Fleischblatt der Opuntien. Die zweite Familie wächst seltsamerweise weder auf Bäumen noch aus Sträuchern; man entdeckt stets nur ein einzelnes Exemplar und ist überrascht, es gerade an einem Ort zu finden, wo es kein vernünftiger Mensch gesucht haben würde: es ist eine Schmarotzerpflanze, die sich in allen möglichen Formen an Kunstwerken aller Art ansetzt. an Drucke, Statuen, Bilder, Mosaiken usw. in Gestalt von Lcndengurt mit Pompons, Hemdenzipfel, Gürtelende, Schild oder Stola, Gewandfalten, am häufigsten wohl in Form eines Feigen-(Familie I) oder Weinblattes. ES spielt gewöhnlich dem Kiinstler den Schabernack, einen Teil seiner Arbeit, auf den er doch ebenso viel Fleiß und Beobachtung verwendete, Wienaus die anderen, einfach zu verdecken, ist infolge» dessen nicht sehr beliebt, läßt fich aber doch trotz aller Anstrengung nicht völlig ausrotten. Nach dem alten Schneiderspruch: Das erste Gewand Schuf GotteS Hand reicht sein Stammbaum eigentlich direkt bis in? Paradies, für die Kunst wurde es aber doch erst später geschaffen, so etwa im 16. Jahr- hundert; die ersten Formen des Feigenblattes waren komplette Hosen und Röcke. Nach dem glorreichen Pontifikat Julius II., dem die Kunstwelt aller Zeiten danken wird, tauchten die Nuditätenschnüffler auf und fanden an den Krinstwerken der zu neuem Leben erwachten griechisch-römischen Antike und an vielen Werken der neucrstandenen Renaissance so manches, was nicht vor aller Welt zu tage treten dürfe, und es begann das Zeitalter deS Feigenblattes, das man biö- her selbst in den Gemächern der Päpste nicht kannte. Der famose Gras Pomfili ließ all seinen Statuen, die sich heidnischer Nacktheit erfreuten, richtige Beinkleider anfertigen. Die griechischen Göltinen bekamen ganze Gclvänder an, und heute noch trägt die Venus des Praxiteles im vatikanischen Muses Pio Clementino(Nr. 574), die sogenannte kindische Aphrodite, ein Gewand von Blech, da? alle?, alles zudeckt. Die Wandgemälde bekamen Ueberinalungen, und seit jener Zeit grassiert diele Schmarotzer- pflanze, vor der kein Kunstwerk sicher ist; selbst heute nicht. Lederers„Fechter" vor der Universität in Breslau, eine der trcff- lichsten Gestalten, wüßte davon ein Liedchen zu singen, wenn ihm Stimme gegeben Iväre, wie Mozarts steinernem Gaste; so bleibt er eben ruhig auf seinem Postainent stehen und staunt mir, warum man sich einmal über ihn entrüsten konnte. Da das seltsame Gewächs an kein Mma gebunden ist, gedeiht eS überall. Selbst bei uns, im Lande der Denker und Dichter, kommt eS vor, daß böse Winde Samensporen auf dieses oder jenes Kunstwerk wehen. Im allgemeinen kann sich aber die Intelligenz hierzulande nicht zu dem Gedanken bekennen, daß der menschliche Körper Blätter treibt, und verlangt, trotz mancher dunkler Wider- sprücke, energisch die Behandlung der Kunstwerke von diesem Gesichts- punkte aus. Daß unsere Nachbarn jenseits der Vogesen ebenso denken und sich ihre Freude an keinem Punkte eines Kunstwerkes verkümmern lassen, das braucht man wohl nur nebenbei zu erwähnen. Interessant wird das Studium der Familie„Feigenblatt" in ihrem eigenen Gebnrtslande. An jenen klassischen Stätten der Kunst, wo die klimatischen Verhältnisse den Menschen in der Absolvierung seiner Alltäglichkeit etwas natürlicher erscheinen lassen, macht man sich merkwürdigerweise keine Gedanken über Widernatürlichkeit in der Kunst und es herrscht in der Feigenblattindustrie ein wilder Eklekti- zismus, der dem Gegner von'Pflanzenkulturen am menschlichen Körper, bisweilen ein herzhaftes Gelächter abnöttgt— wenn er sonst Sinn für Humor hat. Fern im Süden das sonnengesegnete Sizilien mit seinen prächtigen Bewohnern ist von des Gedankens Blässe noch nicht unnütz angekränkelt. Bis aus den Adam in den Mosaiken der Kathedrale von Monreale, der in seiner völligen Geschlechtslosigkeit unmöglich als Menschenvater gedacht werden kann, erfreut sich die Kunst einer erquickenden Kostümbediirfnislosigkeit, die auch insofern auf das Kunstgewerbe hinübergreift, als es üblich ist. für das Konterfei einer repräsentablen Vertreterin des schönen Geschlechts eine Toilette zu wählen, die nichts Ungesehenes übrig läßt. In den Photographenkästen von Catania, Siracusa und selbst von Palermo kann man ergötzliche Beweise dafür sehen. Wie könnte auch ein Völkchen, das selbst soviel Freude an unverhüllter Natür- lichkeit empfindet, sich seine Kunst durch Unsinnigkeiten verleiden lassen? Auch Neapel ist skrupellos. Rom aber hat einen schwierigen Stand. Wie soll sich die Metropole der katholischen Christenheit, die ehemalige Haupt« stätte der heidnischen, lebensfreudigen, griechisch- römischen Kullur, die heute noch den größten' Teil der kostbaren alten Kunstwerke birgt, zu dieser Frage stellen? Waren doch so- gar die christlichen Renaissancekünstler so eigenwillige Köpfe und erfreuten fich unter kunstverständigen Päpsten so freier Bahn, daß die spätere Zeit in puritanischen Anfällen nach Korrekturen schrie. Michelangelos Christus, den sich der Künstler als den aus dem Grabe Auferstehenden dachte und konsequenterweise ohne Bekleidung schuf, konnte erst nach Anlegung eines Bronze- schurzes in der Kirche Santa Maria Sopra Minerva aufgestellt werden: für den rechten Fuß erhielt er übrigens nach- träglich noch einen Bronzeschuh zum Schutz gegen fromme, ver- nichtende Küsse. Eine höchst merkwürdige kostümliche Ergänzung dieser Marmorfigur: Schurz und einen Stiefel. Auch der Gipsabguß in der durch Sienkiewicz bekannter gewordenen kleinen„Qiuo vaclio-Kapelle" in der Via Appia draußen, trögt die» selbe Dekoration.% In der Sixtinischen Kapelle, in der der icweilig neuerwählte Papst die erste Messe lieft, ist das große Altarfresko, das jüngste Gericht, das Schmerzenskind MchelangcloS, weil er mit Unlust an die Arbeit ging, auch das Schmerzenskind der späteren Zeit ge- blieben, weil der Künstler auf dem etwa 260 Quadratmeter großen Bilde die Kostümfrage kurzerband dabin erledigt glaubte, daß er annahm, zur Zeit des jüngsten Gerichtes würden Herren- und Damenschneider ihre Tätigkeit bereits eingestellt haben. Später gelangten an alle Beteiliqten deS jüngsten Gerichts je nach dem mutmaßlichen Bedarf Kostüme zur Verteilung, die, leider nicht immer geschickt aufgetragen. daS, was sie vertuichen sollten, nur noch erhöhter Aufmerksamkeit überlieferten— außer Betracht bleibt ber dieser Korrektur die Barbarei am Kunstwerk, gegen die sich der Künstler selbst in einer Weise gewehrt haben würde, daß den Puri- tanern der Antrag im Munde stecken geblieben wäre. Die unschätzbaren Skulpturensammlungen des Vatikans find, wie das eigentlich kaum anders zu erwarten ist, unter gütiger Bei- Hilfe der ivunderlichsten Blattformationen jeglicher Männlichkeit be- raubt und keusch und züchtig geworden. Einige Blätter sind stets zur Seite geschoben, wahrscheinlich nur, um keinen Streit aufkommen zu lassen ähnlich dem:„Knabe oder Mädchen von Anzio". DaS umPlacierte Fcigcnbatt erinnerte mich stets an eine Knabenstatue im Jardin du Luxemburg. Der Künstler hatte dem Kleinen dezenter- weise einen Schurz mit auf den Weg gegeben, der aber indessen unter's Kinn gerutscht war. Diese Naivität wirft allerdings anders als die Feigenblätter im Vatikan. Die Frauengestalten sind aber von einer unverrückbaren Znchtigkeit; fie sind völlig vcrsittlicht, wie bereits erwähnt, unter reichlicher Verwendung von Blech. Im Lateran, der zlvar ebenfalls eine päpstliche Sammlung ist, aber in einem ganz anderen Stadtteil liegt, schien man etwas welt- licher sein zu wollen; die Verhüllung ist nicht so gründlich erfolgt. wie im Vatikan. Daß»tan aber der ruhenden Attis eine Kleinigkeit in den Schoß legte, war wirklich überflüssig, und Neider sie nicht so gut. wie die Badekappe, die eine sonst unbekleidete Daphne in Binz erhielt. Das vorgehängte Feigenblatt genügt der Galerie Colonna nicht; eS muß sogar alles fest geNebt sein, damit Verschiebungen nicht mehr stattfinden können. Und radikal mit tollster Konsequenz sind in der Galerie Daria Männlein nnd Weiblein bis zu den kleinsten Putten dem puritanischeu Element zum Opfer gefallen. Eine Gruppe(im zweiten Flügel) stellt eine Neckerei zwischen einem ganz kleinen Jungen und einem so etwa fünfjährigen Mädchen dar, ein allev» liebstes Marmorwer!; aber eS wird dem unbefangenen BesSauer verleidet durch die geradezu täppische, widerliche Verdeckungsmanie, der man in diesem Falle pathologischen Charakter zuschreiben muß. Der tanzende Satyr